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Full text of "Sitzungsberichte"

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Sitziingsbericlite 



der 



köiiigl bayer. Almdemie der Wissensclmften 

zu München. 



Jahrgang 1870. Band I. 



München. 

Akademische Buchdruckerei von F. Straub. 

1870. 

In Conimission bei G. Fr.-inz. 




ftS 

!?70 



üebersicht des Inhaltes. 



Die mit * bezeichneten Vorträge sind ohne Auszug. 

Mathematisch-physikal. Classe. Sitzung vom 8. Januar 1870. 

Seite 

V, Steinheil: v. Steinheil's vollständiger Comparator zur Ver- 
gleichung der Toise mit dem Meter und zur 
Bestimmung der absoluten Längeuausdehnung 

der Stäbe (mit einer Tafel) 1 

Vogel: lieber die Veränderung einiger Blumen- und Blütben- 

farben durch Ammoniakgas 14 

Pfa ff: lieber den Betrag der Verdunstung einer Eiche während 

der ganzen Vegetationsperiode 27 

V. Kobell: Ueber den Rabdionit, eine neue Mineralspecies 

und über einen lithionhaltigen sog. Asbolan . . 46 



PhilosopliiscJi-philol. Classe. Sitzung vom 8. Januar 1870. 

Plath: Ueber die Quellen der alten chinesischen Geschichte, 

mit Analyse des Sse-ki und I-sse 53 



IV 



Seite 

*Mauror: lieber die Heensa-Poris saga 112 

*IIofmauu: Ueber Fei'ofus, des normannischen Dichters, Guil- 

laum le Clerc 112 



Historische Classe. Sitzung vom 8. Januar 1S70. 
*v. DöUinger: Ueber Dante als Propheten 112 



Mathematisch-physikal. Classe. Sitzung vom 5. Februar 1870. 

V. Bezold: Untersuchungen über die elektrische Entladung. 113 
Goppelsröder: Ueber eine schnell ausführbare und genaue 
Methode der Bestimmung der Salpetersäure 
sowie über deren Menge in den Trinkwassern 

Basel's 129 

Gümbel: Ueber den Kiesvulkau und über vulkanische Er- 
scheinungen im ßieskessel 153 



FhilosopMsch-philol. Classe. Sitzung vom 5. Fehruar 1870. 

Plath: Ueber die Quellen der alten chinesischen Geschichte, 

mit Analyse des Sse-ki und I-sse (Schluss) .... 201 

Lauth: Ueber Chufu's Bau und Buch. (Papyrus Prisse. II. Theil) 245 
*Christ: Ueber die rhythmischen Formen der griechischen 

Hymnen des Mittelalters 274 



Seite 

Historische Classe. Sitzung vom 5. Februar 1870. 

*Bai'on V. Lilie nkruu: UcbiT das Werk des Kaisers Maxi- 
milian I. der „Weiss-Kunig" . . . 274 
*KIuckhohii: lieber zwei Gesandtschaften Kurfürst Friod- 

rich's von der Pfalz nach Paris (1567 u. 1574) 274 



Einsendungen von Druckschriften 275 



MatJiematlsch-pJujsilial. Classe. Sitzung vom 5. März 1870. 

Thudiehum: Ueber die Kryptophansäure, die normale freie 

Säure des Harns 285 

Nöllner: Ueber den Lüneburgit in Harburg 291 

V. Kohell: Ueber den Gümbelit, ein neues Mineral von Nord- 
halben bei Stehen in Oberfranken 294 

Seidel: Einige Bemerkungen in Bezug auf die Beobachtung 
der im Jahr 1874 bevorstehenden Durchgänge der 

Venus durch die Sonne 297 

Bischoff: Ueber die kurzen Muskeln des Daumens und der 

grossen Zehe (mit einer Tafel) 303 



Fhilosophiscji-philol. Classe. Sitzung vom 5. März 1870. 

Halm: Ueber aufgefundene Fragmente aus der Freisinger 

Handschrift der fabulae des Hyginus 317 



VI 



Seite 

Haug: Ueber das Arddi Viruf nämeli (die Visionen des alten 
Pärsenpriesters Ardäi Wiräf) und seinen augebliclien 
Zusammenhang mit dem christlichen Apocryphon 'die 

Himmelfahrt des Jesaja' betitelt 327 

*Hofmann: Ueber a) ein von ihm aus einer Handschrift des 
hiesigen Reichsarchivs abgeschriebenes 
althochdeutsches Bruchstück des Xotker 
Teutonicus de octo tonis, aus dem sich 
wesentliche Verbesserungen des Ab- 
drucks bei Hattemer ergeben . . . 865 
b) eine Abschrift des Spruchgedichts von 
Hans Schneider über den im Jahre 1478 
hingerichteten Bürgermeister Ulrich 
Schwarz von Augsburg aus dem Cod. 
germanicus 379 der hiesigen Staats- 
bibliothek 365 



Historische Classe. Sitzung vom 5. Mars 1870. 

*Coruelius: Ueber den Plan Heinrichs IV. gegen das Haus 
Habsburg, insbesondere über die Ergebnisse der 
diplomatischen Verhandlungen, welche Heinrich 
zum Zweck seines Augriffs auf Spanien geführt 
hat 1609—1610 365 



Oeffentliche Sitzung zur Feier des 111. Stiftimgstages am 
28. März 1870. 

Nekrologe 306 

*Preger: Ueber die Entfaltung der Idee des Menschen durch 

die Weltofeschichte 434 



vn 



Seite 
Einsendungen von Druckschriften 435 



PhilosopJiisch-phüol. Classe. Sitzung vom 7. Mai 1870. 

Thomas: Bruun, geographische Bemerkungen zu Schiltberger's 

Reisen (Fortsetzung) 441 

Urlichs: Studien zur römischen Topographie. T. Die Brücken 

des alten Roms (mit einer Tafel) 459 

Hof mann: a) Hans Schneiders historisches Gedicht auf die 
Hinrichtung des Augsburger Bürgermeisters 
Schwarz 500 

b) Ueber das Züricher Arzneibuch des XH. Jahr- 
hunderts 511 

c) Beiträge zur Texteskritik der Nibelungen . . 527 

d) Ueber ein Notkerfragment 529 

*v. Haneberg: Das muslimische Recht des G'ihäd, d. i. des 

Krieges und der Eroberung etc 531 



Matliematisch-pliysikal. Classe. Sitzung vom 7. Mai 1810. 

Lommel: Das Leuchten der Wasserhämmer 532 

Bollinger: Ueber das Wurmaneurysma (Aneurysma verminosum) 
der Eingeweidearterien und die Kolik der Pferde 539 
Rief 1er: Ueber das Passage-Prisma (mit einer Tafel) . . . 545 
*Bischoff: Zur vergleichenden Anatomie des Hylobates leu- 

ciscus 548 



VIII 



Seite 

Historische Classc. Sitzung vom 7. Mai 1870. 

V. Giesebrecht: Beitrage zur Genealogie des bayrischen 

Adels im 11., 12. und 13. Jahrhunderte . 549 



Einsendungen von Druckschriften 



Sitzungsbericlite 



der 



königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Mathematisch-physikalische Classe. 

Sitzung vom 8. Januar 1870. 



Herr v. Steinheil legt vor eine Abhandlung: 

„V. Steinheil's vollständiger Comparator 
zurVergleichung der Toise mit dem 
Meter und zur Bestimmung der abso- 
luten Längenausdehnung der Stäbe." 
(Mit einer Tafel.J 

General v. Baeyer hat die sehr folgereiche Thatsache fest- 
gestellt, dass sich der Ausdehnuugs-Coeffizient für Zink in längern 
Zeitperioden ändert. Es ist kaum zu bezweifeln, dass auch 
andere Metalle, namentUch solche, deren absolute Elastizität 
enge Grenzen hat, ähnliche, wenn auch kleinere Veränder- 
hchkeit bei genauer Prüfung zeigen werden. Dadurch tritt 
aber für alle genauen Massbestimmungen eine neue noch 
nicht gekannte und gar nicht unerhebliche Unsicherheit ein 
und es wird die nächste Aufgabe bilden diesem üebelstande 
zu begegnen. 
[1870. I. 1.] l 



2 Sitzung der math.-phys. Classe vom S. Januar 1870. 

Während man bisher den Stoff zu Längenmassen fast 
willkührhch wählte, nur etwa geleitet durch chemische oder 
physikalische Eigenschaften, welche eine längere Invariabilität 
erwarten Hessen (Piatina, — Silber, — Eisen, — Messing etc.) 
wird man jetzt erst den Stoff zu finden haben, der keine 
oder die kleinste Aendeiung in der Ausdehnung nachweiset. 

Es steht zu erwarten, dass nur vollständig elastische 
Körper Masse liefern werden deren Ausdehnungs-Coeffizient 
invariabel ist. Denn werden Stäbe durch ^angehängte Gewichte 
über ihre Elastizität ausgedehnt, so kehren sie, nach Ent- 
fernung der Last nicht nur nicht zur ursprünglichen Länge 
zurück, sondern sie fordern nun auch eine kleine Belastung, 
um abermals über ihre Elastizitätsgrenze ausgedehnt zu 
werden, d. h. ihre Elastizitäts-Grenze hat geändert. Ist 
es nun gleichgiltig ob die Verlängerung des Stabes durch 
angehängte Gewichte oder aber durch höhere Temperatur 
bewirkt wurde, was anzunehmen ist, da ein durch Wärme 
ausgedehnter Stab zwischen Widerlagen von constantem Ab- 
stände dieselbe Kraft übt, welche uöthig gewesen wäre als 
Last ihn eben so viel zu verlähgern, als er ohne Widerlagen 
länger geworden wäre, so erklärt sich die Veränderlichkeit 
der weichen Metalle und folglich ihre Unbrauchbarkeit zu 
genaueren Massstäben. Es wird durch diese Betrachtungen 
in hohen Grade wahrscheinlich, dass alle Stoffe, welche sehr 
enge Grenzen der absoluten Elastizität besitzen als Blei, 
Gold, Platin, Zink, Zinn etc. mit der Zeit bloss durch den 
jährlichen Gang der Temperatur dem sie ausgesetzt sind, 
veränderliche Ausdehnung bekommen, dagegen sehr voll- 
kommen elastische Körper d. h. solche deren Elastizitäts- 
grenzen sehr weit sind, als Glas und Glasflüsse, Porzellan, 
federharter Stahl, gehämmertes Kupfer, Krystalle etc. bei den 
vorkommenden Temperatur differenzen ihre Grenze nicht über- 
schreiten und folglich constant bleiben. Doch ist die Fr ge 
von viel zu grossem Belang, um auf diese Betrachtungen hin 



V. SteinheiVs Comparator. 3 

den Stoff für Xormalmassstäbe jetzt schon festzustellen. 
Vielmehr ist es unerlässlich diesem Gegenstande eine eigene 
gründliche Untersuchung zuzuwenden. Dass man aber zu 
dieser Untersuchung vor Allem ein Mittel haben muss die 
Ausdehnung für kleine Temperaturunterschiede scharf und 
sicher zu bestimmen, ist klar. Es wird daher auch gerecht- 
fertigt erscheinen darauf hinzuarbeiten, dass die Anwendung 
des Fühlspiegels, der bei meinem Meter-Comparator so merk- 
würdig grosse Genauigkeit ergeben hat. auch hiezu einge- 
führt werde. Es ist diess um so mehr indizirt, als sich 
dieser Zweck mit kleineu Aenderungen in der Coastruction 
des Meter-Comparators erreichen lässt. 

MündHch aufgefordert von General von Baeijer einen 
solchen Comparator für ihn zu construiren. der für absolute 
Längenausdehnungen und zugleich zur Bestimmung des Ver- 
hältnisses von Meter und Toise anwendbar wäre und endlich 
auch die Vergleichung der Masse a trait mit denen a bout 
erlaubte, habe ich im Zusammenwirken mit dem Herrn 
General im verflossenen Herbste ein solches Instrument con- 
strüirt und für Herrn von Baeyer in Arbeit gegeben. Auch 
für die matb.-phys. Sammlung des Staates war schon früher 
ein ähnh'cher Comparator in Ausführung begriffen. Es dürfte 
daher zeitgemäss sein dessen Be-chreibung zu veröffentlichen, 
damit die Aufgabe von verschiedenen Beobachtern mit gleich 
empfindHchen Hülfsmitteln verfolgt werden kann. 

Ehe wir zur Beschreibung übergehen, erlauben wir uns 
noch einige einleitende Betrachtungen. 

Die sicherste Masseinheit wäre wohl diejenige, welche 
allen Teraperaturänderungen entzogen wäre. Das kann man 
bewirken, wenn man die Benutzung der genauen Masseinheit 
auf eine bestimmte Localität beschränken will, nämlich da- 
durch, dass man sie in einem hinreichend tiefen und trockenen 
Keller, der stets dieselbe Temperatur behält, aufbewahrt. Da 
diess jedoch mit grossen Unbequemlichkeiten verknüpft ist, 

1* 



4 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 8. Januar 1870. 

kann man auch bloss die Fundameutpunkte der Masseinheit — 
also ihre beiden Endpunkte — in einem Räume fixiren, der zu 
allen Jahreszeiten gleiche Temperatur behält. Dann bleibt auch 
der Abstand dieser Punkte immer gleich. Man muss also 
die Punkte nur hinreichend tief legen. Wenn die senkrechten 
Axen in diesen Punkten bis über die Oberfläche der Erde 
verlängert wären, würde man durch sie einen bei allen Tem- 
peraturen constauten Abstand gewinnen und das ist die Be- 
dingung, um die absolute Läugenausdehnungen überhaupt zu 
bestimmen, indem man den Masstab bei verschiedenen Tem- 
peraturen vergleicht mit dem constauten Axen-Abstande. Die 
2 fundamentirten Punkte müssen also getrennt von dem um- 
gebenden Erdreich ganz symmetrisch gegen die Verticalaxe 
und beide genau gleich heraufgeführt werden aus der con- 
stauten Temperatur bis über die Oberfläche des Erdbodens 
wo die Vergleichungen vorgenommen werden sollen. Es ist 
nöthig diese beiden Pfeiler möglichst stark im Verhältniss 
zu ihrer Höhe zu bauen um Durchbiegungen zu vermindern. 
Da man um so unabhängiger wird von kleinen Aenderungeu, 
die sie denn doch noch zeigen können, wird man ihren Ab- 
stand möglichst gross machen. Gesetzt man wählte einen 
Abstand von 10 Toisen zwischen den Axen der Pfeiler; so wäre 
man bei der Bestimmung der Ausdehnung des Massstabes, mit 
welchem der Abstand bei verschiedenen Temperaturen gemessen 
würde, 10 mal sicherer bei gleicher Aenderung in den End- 
punkten als wenn man sich auf eine Toise beschränkte. Bei so 
grossem Abstände könnte auch die Entfernung der Endpunkte 
sehr leicht und sicher gemessen werden, wenn man sich 
meines cylinderschen Messrades bediente. Ein Schienenweg 
von 10 Toisen könnte bei geringen Kosten mit aller Genauig- 
keit hergestellt werden. Die Vergleichung zwischen dem 
Rade und der benannten Masseinheit (etwa Toise oder Meter) 
würde sich sehr leichtergeben, wenn der Abstand (10 Toisen) 
auch nach der bisherigen Methode wie eine kleine Basis 



von StdriheiVs Coviparator. 5 

gemessen würde. Ein solcher constanter Abstand von 2 
sorgfältig fundamentirten Punkten bildet offenbar eine sicherere 
Masseinheit als jeder Massstab. Er könnte überhaupt nur 
alterirt werden durch Erdbeben. Man hätte also in der 
Wahl des Ortes darauf Rücksicht zu nehmen und in ver- 
schiedenen von Erdbeben freien Gegenden solche Massein- 
heiten zu fundamentiren. Alle zu jeder Zeit leicht mit dem 
Messrad nachmessbar, liesen jede Veränderlichkeit in ein- 
zelnen Basen und jede Aenderung im Messrade erkennen und 
gäben somit für alle Zeiten der Masseinheit grössere Sicher- 
heit, als wir jetzt zu erlangen vermögen. 

Dieser Gedankengang Hegt dem neuen Comparator zu 
Grunde nur mit dem Unterschiede, dass der Abstand der 2 
fundamentirten Punkte nur ca. 2 Meter beträgt, also eine 
direkte Vergleichung des Messrades oder Cylindermassstabes 
mit Toise und Meter ausgeschlossen ist. 

Beschreibung des Comparators. 

Die heraufgebauten fundamentirten Punkte gehen nach 
oben in eingekittete Glascylinder über, welche in das für 
Masse bestimmte Gefäss von Spiegelgläsern durch die weiter 
ausgeschnittene Bodenplatte eingeführt sind. Damit die Masse 
unter Flüssigkeit verglichen werden können, ist eine Liederung 
von Kautschuck um die Cylinder gesteckt und auf dem vor- 
springenden Kranze derselben steht das Gefäss auf und be- 
wirkt durch seine Schwere den Abschluss der Flüssigkeit, 
ohne dass die Ausdehnung des Glasgefässes einen Zwang 
auf die Glascylinder der Pfeiler ausübt.^) 



1) Es ist klar, dass man einen noch sicherern wasserdichten 
Schluss zwischen Pfeilerzapfen und Bodenplatte erzielen würde, wenn 
2 Parallelgläser auf den Pfeilerzapfen conisch aufgeschlifi"en würden. 
Diese Parallelgläser lägen auf der Tischplatte von Gusseisen und es 
wäre eine Schichte von Oel zwischen der Eisenplatte und den Parallel- 
gläsern. Es könnte daher die Tischplatte verschoben werden, ohne 
einen namentlichen Druck auf die Cylinder zu üben. Auf die 2 



6 Sitmng der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

Noch sind die Glascylinder senkrecht herab und von 
derselben Seite hei' zur Hälfte abgeschnitten und diese senk- 
rechten parallelen Flächen an den Glas-Cylindern bilden den 
Constanten Abstand mit dem die Masse vergUchen werden, 
deren Ausdehnung bestimmt werden soll. Die Berührungs- 
flächen sind nach derselben Seite gerichtet damit der Druck 
des angefederten Spiegels beide Pfeiler nahe um gleich- 
viel biege. ^) üeberhaupt werden sich die Pfeiler durch- 
diesen Druck nur sehr wenig biegen und darum wird die 
Durchbiegung auch so hinreichend eliminirt. 

Da nun Masstäbe zu vergleichen sind, deren Endflächen 
sphärisch sind, die Spiegel des Cowparatoi-s aber nur an 
sphärischen Flächen richtig tangiren und den Tangirungs- 
punkt durch die Newtonschen Farbenringe zeigen, so sind 
kleine Ab s ch ieb e -Cy linder mit je 2 sphärischen End- 
flächen aus Glas angefertigt die an beiden Endflächen iu 
der Axe des Masstabes liegen und also mit in die Ver- 
gleichung gezogen werden. Es sind 6 solcher sehr nahe 
gleicher Abschiebe-Cylinder erforderlich. Ihre Länge beträgt je 

22.735 Pariser Linien 
so dass 38 solcher Cylinderlängen gleich einer Toise und 39 
gleich 2 Meter sind. Das was noch fehlt, soll ohne An- 



Parallelgläser kömmt dann ebenso mit Oelschichte der Glastrog zu 
stehen, der ebenfalls obne Zwang auf die Cylinder kleine Verschieb- 
ungen erleiden könnte. Dass das Oel stets flüssig erhalten werde 
oder erneuert werden müsste, versteht sich von selbst. 

2) Der Druck ist für beide Pfeiler wohl ganz gleich, allein die vor- 
springende Widerlage des Cylinders ist niedriger auf der Seite des 
beweglichen Spiegels als auf der des feststehenden. Der Druck wirkt 
folglich für den feststehenden Spiegel an längerem Hebel und es 
wird dieser Pfeiler mehr gebogen als der andere. Wollte man die 
Durchbiegung der Pfeiler ganz aufheben, so wären Gegengewichte 
erforderlich, welche auf der entgegengesetzten Seite des Pfeiler wirkten 
und die Kraft , aufheben mit der die Masse angedrückt werden. 



von Steinheils Comparator. 7 

Wendung des i?e;j5oZfZ'schen Scliraubenmikrometeis blos aus der 
Neigung der tangiienden Parallelgläser gefunden werden. 

Brächte man die Pitralklgläser in Verbindung mit eineui 
Schraubenschuber der den Spieg« 1 bis zur Taugirung an den 
übereinander stthen den Massenden füJirt, so würde man den 
Vortheil, welcher in dem Prinzip hegt aufgeben und eine grosse 
Unsicheiheitindie Messungen bringen, weil die Drehungspunkte 
der Spiegel dann genau genommen (in Spitzen gehend) variabel 
sind und auch die Kraft unbekannt bliebe mit der die Schraube 
den Spiegel andrückt. Man ist also genöthigt, aus der Neigung 
der Spiegel und dem Abstände der Bt rührungspunkte die 
Längendiflferenz abzuleiten. Da nun aber grössere Längen- 
differenzen vorkonmien als der Apparat zu messen g^^stattet, wenn 
die Massstäbe direkt aufeinander liegen, so sind Rollcylinder von 
verschiedenen Durclimessern angefertigt , die zwischen die 
Masse zu liegen kommen und also den Abstand der Berühr- 
ungspunkte je nach Bedarf grösser oder kleiner machen. 
Man hat zwar bei grösserem Abstände eine kleinere Empfind- 
lichkeit des Okularmikrometers ; allein der aliquote Theil 
des Mikrometerganges, der als Fehler der Einstellung bleibt, 
ist so klein, dass die Empfindlichkeit oder die Genauigkeit 
der Messung in allen Fällen genügt.^) 

Die Abschiebecyliuder dienen zugl-jich um eine Toise 
mit 2 Metern vergleichen zu können. Bei solchen Vergleich- 
ungen von Massen untereinander ist der variable Abstand 
der Pfeiler-Glascylinder unnöthig. Man hat also in solchen 
Fällen nur die Cylinder der Fixpunkte herauszunehmen. 

Je 2 Abschiebe-Cylinder sind senkrecht übereinander 
getragen von einem horizontal ausgebohrten Ständer. Ihre 
Höhe kann verstellt werden, so dass sie genau in die Ver- 
längerung der Axen der Masse zu stehen koajmen. 



3) Man wird übrigens selten gezwungen sein von diesem Prinzip 
Gebrauch zu machen, da der Apparat ohne dickere Rollcylinder doch 
Längendifferenzen von '/s Linie und selbst mehr zu messen gestattet, 



8 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

Im Uebrigen ist der Comparator gleich mit dem in den 
Wiener Denkschriften Bd. XXVII ,,Ueber genaue und in- 
variable Copien etc." beschriebenen nur mit dem Unterschiede, 
dass das Glasgefäss wegen Messens der ganzen Toise mehr 
als doppelt so lang ist und weit grössere Tiefe hat, weil 
für beträchtlichere Längendifferenzen dickt-re Rollcylinder in 
Anwendung kommen und doch die Massstäbe ganz unter 
Flüssigkeit bleiben müssen. Aus diesem Grunde sind auch 
die Parallelgläser weit höher und dicker als bei dem Meter- 
Comparator, wie aus der Zeichnung zu sehen. Endlich ist 
noch eine Aenderung an dem Mikrometer-Fernrohr zu be- 
rüliren. Zur Vermeidung aller falschen Reflexbilder von 
welchen der erste Comparator nicht frei ist, wurde das 
Beleuchtungsglas hier vor die Fäden des Okularmikrometers 
gestellt und dann erst das Okular angebracht, während beim 
ersten Apparat das Beleuchtung^glas vor dem Okular sitzt. 
Man erhält jetzt das ganze Gesichtsfeld gleichmässig erleuchtet 
und kann verschiedene Vergrösserungen in Anwendung bringen, 
ohne an der Berichtigung des Apparates zu ändern. 

Um den Werth der Abschiebe-Cylinder mit dem Com- 
parator ermitteln zu können ist ein Doppel-Meter von Glas 
beigegeben, welcher seiner Länge nach auf der Mitte der 
breiten Seite eine Rinne oder Leitbahu eingeschliffen hat. 
Der Cyhnder liegt wie bei dem BesseVschen Comparator 
durch Friktion in den Kanten der Rinne. Die Rinne geht 
natürlich nicht bis zur Mitte der Stabesdicke, sondern es 
sind die Endflächen aus dem Centrum des Stabes mit 1 Meter 
Radius sphärisch bearbeitet. Man beginnt die Abschiebung 
an dem feststehenden senkrechten Parallelglase. Nach 39 
Cylinderlängen wird der bewegliche Spiegel zum Anliegen an 
Stab und Cylinder gebracht. Es ist ein Gewicht vorhanden, 
welches auf den Cylinder in der letzten Lage aufgelegt wird, 
damit er bei'm Anlegen des Spiegels nicht zurückgleitet. 
Die Abschiebung erfolgt unter Flüssigkeit und es ist der in 



von SteinheiVs Comparator. 9 

Abschiebung begriffene Cylinder mit einer angekitteten leicht 
ablösbaren Handhabe versehen, um nicht durcli die Berührung 
erwärmt zu werden. 

Die Vergleichung eines Masses a bout mit demselben 
Masse a trait fordert nur ein möglichst gutes Mikroskop mit 
Ukularfilarmikrometer, der Massstab a trait und das Mikroskop 
sind durch die Längenwand des Troges der aus Spiegel- 
platten zusammengesetzt ist, orientirt. Die Methode der 
Vergleichung ist übrigens zu bekannt um hier wiederholt 
zu werden. 

Zum Schluss wollen wir jetzt noch den ganzen Apparat 
mit Zuziehung der Zeichnung zusammenstellen um die Ueber- 
fcicLt zu erleichtern. 

Aus den fundamentirten Pfeilern ragen die fagetirten 
Tragsäulen A, A' etwa 3 Fuss über den Fussboden hervor. 
In den Axen der Säulen sind die Glascylinder 5, H' ein- 
gekittet. Die Tragsäulen müssen eine symmetrische Gestalt 
gegen ihre Längenaxe haben, damit eine Temperatur-Aenderung 
des obern Theiles der Säule keine Verstellung ihrer Axe bewirkt. 
Der Abstand der Längenaxeu beträgt 2 Meter -1- 1 Ab- 
schiebecylinder oder 909.335 Pariser Linien. Da dieses 
Mass bei der Ausführung nicht genau getroffen werden kann 
und doch nur wenig fehlen darf um mit der Neigung des 
Spiegels noch messbar zu sein, so ist die Einrichtung getroffen, 
dass der Abstand der Berührungsplatten der Glascylinder an 
dem einen Cylinder mit Schrauben verstellbar ist. 

Ueber die beiden Pfeiler kömmt ein aus 4 Holzwänden ge- 
bildeter Rahmen a, h, c, d. der durch eine aufgelegte Platte von 
Gusseisen e, e, e, e zum Tisch umgestaltet wird. Natürlicli 
sind in der Platte 2 Löcher für die Glascylinder etwas 
weiter als die Cylinder ausgearbeitet, so dass letztere frei 
durchgehn. Der innere Raum dieses Tisches oder Kastens 
ist mit schlechten Wärmeleitern (Sägespähne oder Baum- 
wolle etc.) ausgefüllt. 



10 Sitzung der math.-phys. Gasse vom 8. Januar 1870. 

Auf die gusseisene nivellirte Platte kommt, nachdem 
die Kautsehukplatten über die Glascylinder gesteckt und ihre 
Scheiben g g' auf dem Tische ausgebreitet sind, der Glas- 
kasten f, f, f, f, zu stehen. Auch dessen Boden hat 2 Löcher, 
durch welche die Glascylinder frei hindurch gehu. Der 
Glaskasten sitzt also nur auf den 2 Kautschuk-Scheiben gg' auf 
und bewirkt so den wasserdichten Schluss durch seine Schwere. 

An dem einen Ende des Tisches vor dem Glaskasten 
steht der Fernrohrträger g„ der so hoch ist, dass das 
Objektiv über den Glastrog hinwegsehen kann. In den Glas- 
trog kommt am Ende des Troges das feststehende Parallel- 
glas h festgekittet^) auf den Glascylinder JB'. Gegenüber am 
Fernrohr-Ende des Troges steht der Schuberschlitten ?', 
welcher den verstellbaren Spiegel Ic trägt. Endlich ist auf 
den Boden des Glasgefässes eine ebenfalls aus Glasplatten 
gebildete Brücke oder ein Schemel l gesetzt, der den Mass- 
stäben als Unterlage dient. Damit der Massstab sich frei 
und unabhängig vom Schemel ausdehnen kann, sind 4 Roll- 
cylinder von Glas quer über die Brücke gelegt. Die Cylinder 
m, m, m, m, liegen also senkrecht zur Längenaxe des Mass- 
stabes. Es sei der Massstab eine Toise n. Nun kommen 
die Träger oder Ständer mit den Abschiebecyhndern zwischen 
die Spiegel und die Enden der Toise. Sie sind durch ihren 
Fuss am Glaskasten orientirt und werden nur in der Höhe 
so gestellt, dass sie auf die Mitte der Stabdicke treffen. Die 
Toise wird dann seitlich nach den Cylindern gerichtet so, 
dass dieselbe Vertikalebeue durch die Axe der Toise führt. 



4) Wenn die Planfläche am Glascylinder JB' nicht ganz genau 
und im hohen Grade plan geschliffen ist, so sitzt der nur am Rande 
umgekittete Spiegel nicht fest. In diesem Falle, der wohl immer 
eintreten wird, ist es nöthig das Planglas erwärmt auf Pechtropfen 
aufzusetzen, so wie Fraunhofer seine Objektivlinsen zum Poliren auf- 
setzte. Das Glas ist dann in so vielen Punkten unterstützt, dass keine 
Durchbiegung stattfindet und die Pechtropfen gleichen die Gestalt- 
fehler der Unterlage aus. 



von Steinheü's Comparator. 11 

Wie wir den Apparat bis jetzt zusammengestellt haben, 
dient er, nachdem der Stab unter Flüssigkeit gesetzt ist etc., 
um die absolute Ausdehnung der aufgelegten Toise zu be- 
stimmen. Soll aber die Toise mit 2 Metern verglichen 
werden, so kommen auf die Toise wieder Rollcyliuder o, o, o, o, 
und auf diese die 2 Meter ^j uud^j'. Man hat jetzt nur den 
untersten Abschiebecylinder, der bei B gegen den Berührungs- 
punkt des Pfeilers drückt herauszunehmen und den Spiegel Je 
in der Höhe so zu verstellen, dass seine Drehungsaxe in der 
Mitte zwischen der Axe der Toise und der Meter liegt. 

Es ist von selbst einleuchtend wie Toisen unter ein- 
ander verglichen werden. Sollen einzelne Meter verglichen 
werden, so ist eine kürzere Brücke erforderlich und es 
wird der Spiegelschuber um 1 Meter näher gegen den 
feststehenden Spiegel gerückt und in dieser Lage fest- 
gekittet, wenn man nicht vorzieht blos die 2 zu vergleichenden 
Meter zu wechseln, die andern 2 Meter aber im Apparate 
zu belassen. 

Wir wollen noch darauf aufmerksam machen, dass es 
nöthig ist den beweglichen Spiegel dem Objectiv des Fern- 
rohrs möglichst nahe zu bringen, weil bei grossöm Abstände 
zwischen Spiegel und Objectiv die Neigung des Spiegels nur 
klein sein darf, wenn das gespiegelte Licht in das Objectiv 
treffen soll. Nimmt man an, der bewegliche Spiegel sei am 
untern Ende des Apparates aufgestellt, so ist sein Abstand 
vom Objectiv nahe 1043 Linien. Der Durchmesser des 
Objectives beträgt 12'". Es erscheint daher das Objectiv, vom 
Spiegel aus betrachtet, unter einem \Yinkel von 34' 26". 
Dreht nun der Spiegel uin V^^ dieses Winkels d., i. um 
8' 36" so erhält das Objectiv nur noch die Hälfte des 
reflectirten Lichtes. Noch lichtschwächer darf das reflectirte 
Bild nicht werden, wenn die Schärfe der Einstellung nicht 
darunter leiden soll. Man könnte also keine grössern Längen- 
differenzen bestimm-n, als die einem Neigungswinkel von SVs 



12 Sitzung der math.-phys. Qasse vom 8. Januar 1870. 

Minuten entsprechende. Nimmt man jetzt an, der Abstand 
der Längenaxen der zu vergleichenden Masse wäre möglichst 
gross also etwa 24 Linien, so betrüge die grösste messbare 
Längendiffereuz nur 

0'".06 
also viel zu wenig um die Längenausdehnungen von 6 Fuss 
langen Stäben messen zu können. Es wird hiedurch klar, 
dass der bewegliche Spiegel dem Objectiv nahe stehen muss. 
Bei seiner jetzigen Stellung können Längendifferenzen bis zu 

0'".7 
ohne Lichtverlust gemessen werden, was bei allen Vergleich- 
ungen ausreicht. 

Obschon demnach der hier beschriebene Apparat in 
praxi für alle Fälle genügen wird, habe ich doch nach- 
gedacht ob sich nicht andere Construktionen finden lassen, 
welche nach demselben Prinzip viel grössere Längendifferenzen 
messbar machten und will dieselben, da ich sie bis zu allen 
Detailzeichnungen ausgearbeitet habe, hier kurz andeuten 
um Anderen, die neue Apparate wollen, eine Wahl zu lassen. 

Es wird dem aufmerksamen Leser dieser Blätter nicht 
entgehn, dass die Längenausdehnungsmessungen gegen die 
Massvergleichungen in einem Punkte zurückstehn nämlich 
darin, dass die Ausdehnungsniessungen nicht auch auf beiden 
Seiten des Nullpunktes angestellt werden können. Diess 
kömmt daher, dass die Massstäbe nicht auch unter den 
Fixpunkten der Pfeiler aufgelegt werden können. Man kann 
jedoch den Ausdehnungsmessungen die Vergleichung auf 
beiden Seiten des Nullpunktes verschaffen, wenn man die 
Ebene, in welcher gemessen wird um 90*^ verlegt und 
also in der Hoiizontalebene statt in einer Vertikalebene misst. 
Diess setzt voraus, dass der bewegliche Spiegel statt um eine 
Horizontalaxe zu drehen, um seine Vertikal axe dreht. 
Die mit den Pfeilerlagern zu vergleichenden Massstäbe können 
nun auf ihren Höhenkanten aufgestellt, auf beiden Seiten der 



wn SteinheiVs Comparator. 13 

Lagerpfeiler verglichen, somit der Nullpunkt eliminirt und 
und der doppelte Werth in der Bestimmung erhalten werden. 

Verlangt man zugleich auch noch viel grössere Längen- 
differenzen zu messen als der Okularmikrometer gestattet, 
so kann eine genau getheilte Scala vor dem Objectiv in 
horizontaler Lage angebracht werden, wie bei dein GaMSs''sch£n 
Magnetometer. Das Okularmikrometer dient dann die Ab- 
stände der nächsten Scalastriche vom Mittelfaden genau zu 
messen und so der Scala-Ablesung die Mikrometergenauig- 
keit zu geben. 

Hierdurch wäre jedoch das Prinzip aufgegeben auf 
das Spiegeigebild des Mittelfadens einzustellen und mit un- 
endlich entfernten Objecten ohne Okularverstellung zu messen. 
Man gewänne dagegen ein sehr helles Scalabild und • sehr 
grosse Neigungswinkel. Indessen lässt sich auch das Princip 
der Einstellung auf das Spiegelbild des Mittelfadens für 
beliebig grosse Neigungswinkel des Planspiegels erhalten. 

Dazu müsste die Vertikalaxe des Tangirungs-Spiegels zur 
Axe eines getheilten Horizoutalkreises gemacht werden. Auf 
die Alhidade dieses Kreises käme ein dritter belegter Parallel- 
spiegel, welcher das vom Tangirungsspiegel erhaltene Licht 
diesem wieder zurückspiegelt. Man hätte also nur die Alhidade 
mit dem festsitzenden Spiegel zu drehen, bis das Spiegel- 
bild des Mittelfadens mit diesem im Gesichtsfelde coiucidirte. 
Hiebei entfiele der Okularmikrometer und man würde diiekt 
den doppelten Drehungswinkel des Tangirungsspiegels ablesen, 
unabhängig vom Nullpunkte, wenn zwischen 2 Einstellungen 
die Massstäbe umgelegt würden. 

Man wird vielleicht finden, diese Vorschläge complizirten 
den Apparat. Das gebe ich zu; allein es ist hier, wie bei 
allen numerischen Bestimmungen, je grösser die Anzahl der 
Anforderungen an das Instrument ist, desto complizirter wird 
sein Bau. Der Umstand ist folglich in der Natur der An- 
forderung begründet. 



14 Sitzung der math.-phys. Classe vom -8. Januar 1870. 



Herr Vogel trägt vor : 

,,Ueber die Veränderung einiger Blunien- 
9 undBlüthenfarben durch Animoniakgas." 

Die überaus grosse Mannigfaltigkeit der Farben, wie 
wir sie an den frischen Blütlien und Blumenblättern in der 
Natur antreffen, i^t offenbar in der Verschiedenheit ihrer 
chenjischen Constitution begründet. Die Vorgänge im Inneren 
der Pflanze, aus welchen diese zahllosen Faibennuancen ent- 
springen, sind wahrscheinlich äusserst complizirter Art 
und da wir im Stande sind, aus den Ueberresten einer längst 
entschwundenen Flora die prachtvollsten und mannigfaltigsten 
Farbentöne, wie solche uns die Modifikationen des Änilin's 
in so glänzender Weise darbieten, künstlich allerdings auf 
langen Umwegen herzustellen, so darf der Gedanke an ähn- 
liche aber vitale Vorgänge in der vegetabilen Natur nahe- 
liegen. Die geringe Stabilität der Farben, in welchen die 
Blumen und Blüthen unserer Fluren auftreten, ist der Haupt- 
giund, wesshalb ihre Natur im Allgomeinen noch so wenig 
erforscht worden. Die seltene Mannigfaltigkeit der Farben, 
wie sie der Schleisheimer Hofgarten in seinen Tausenden 
von Blumen und Blüthen während dieses Sommers darbot, 
gab mir Gelegenheit, eine Versuchsreihe über das Verhalten 
der Pflanzenfarben im frischen Zustande zu Ammoniakgas zu 
veranlassen. Es ist bekannt, dass einzelne Blumen, wie 
z. B. Rosen, Phlox u. a. schon durch Tabakrauch ihre ur- 
sprüngliche Farbe verändern ; offenbar rührt in diesem Falle 
die Veränderung der Farbe ausschliesslich von dem Gehalte 
des Tabakrauches an Ammoniak her. Andere Pflanzen- 
farben erfahren dagegen von der Einwirkung des Tabak- 
rauches durchaus keine Aenderung. Hiernach schien es von 



Vogel: Farbenveränderung von Blumen etc. 15 

Interesse, die EinwJrkung des Ammoniakgases auf eine grössere 
Menge von Pflanzen auszudehnen und dessen Einfluss auf 
ihre Farben kennen zu lernen. 

Die Ausführung des Versuches geschah in der Art, dass 
unter einer geräumigen Glasglocke eine gleichförmige Ent- 
wicklung von Ammoniakgas aus einem Gemenge von Salmiak 
und Kalkhydrat hergestellt wurde. Die Blumen, sämmtlich 
im frischen Zustande, befanden sich in gleicher Höhe über 
der Ammoniakgasentwicklung. Die Beobachtung erstreckte 
sich über drei Zeitabschnitte, nach welchen die eingetretenen 
Farbenveränderungen jedesmal notirt wurden, nämlich nach 
Einwirkung einer Viertelstunde, von 2 Stunden und von 
12 Stunden. Eine länger als 12 Stunden andauernde Ein- 
wirkung stattfinden zu lassen , schien desshalb ungeeignet, 
als nach Verlauf dieser Zeit viele der zum Versuche dienen- 
den Pflanzen sich keineswegs mehr im frischen Zustande 
befanden. Es sind in solcher Weise l)is jetct 86 Species 
und Varietäten untersucht worden. 

In der beigegebenen Tabelle finden sich die beobachteten 
Veränderungen nach den angegebenen drei Zeiträumen zur 
leichteren Uebersicht nebeneinander zusammengestellt. 

Als allgemeines Resultat ergibt sich zunächst ein Unter- 
schied der Amiiioniakgas Wirkung zwischen den an Körnchen 
gebundenen und den in Lösung befindlichen Farbstofi'en der 
Blumen. Die Veränderung der ersteren ist durchschnittlich 
weit geringer, als die der letzteren. So bleiben z. B. die 
gelben Farbstoffe der ersteren Klasse fast ohne Ausnahme 
ganz unverändert oder zeigen höchstens einen etwas dunkleren 
Ton der Färbung, ebenso der rothe Farbstoff, welcher nur 
mit einer einzigen Ausnahme (Zinnia) in's Braunrothe über- 
ging. Die Gattung Zinnia, welche hier in 8 Varietäteo 
Gegenstand der Untersuchung geworden, bietet überhaupt 
wegen der complizirten Natur ihrer Farbstoffe eigenthümliche 
Verhältnisse in ihrer Beziehung zu Ammoniakgas. Die 



16 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Jmiuar 1870. 

oberste Zellenlage enthält nämlich einen blaurothen Saft 
und orangefarbene Körnchen, die unteren Zellenlagen einen 
farblosen Saft und wenige hellgelbe Körnchen. Diese Unter- 
schiede machen sich auch an den angegebenen Farben- 
veränderungen bemerkbar. Die Oberseite färbt sich nämlich 
bei allen sehr schnell, die Unterseite langsam und nur gelb 
oder gelblich grün. 

Wollen wir noch einige Specialitäten, wie sie sich aus 
der Zusammenstellung der Farbenveränderungen ergeben, 
etwas näher ins Auge fassen, so stellen sich noch folgende 
Resultate heraus. 

Unter den 86 verschiedenen in angegebener Weise unter- 
suchten Pflanzensorten befinden sich 12, welche gar keine 
Veränderung durch Ammouiakgas zeigen. Daboi sind 7 gelbe 
und 5 dunkelviolette und rothe Farbstoffe. 7 Farbstoffe 
zeigten sich nach zwölfstündiger Einwirkung des Ammoniak- 
gases zersetzt, so dass nicht nur der Farbstoff' zersetzt, sondern 
auch die Struktur der Pflanze selbst verändert und erweicht 
erschien. 

Ganz dunkles Violett zeigte in allen Fällen durchaus 
keine Veränderung. 

Der blaue Farbstoff der ersten Klasse wird theils nicht 
verändert, theils schmutzig grün und dann gebleicht. 

Zum Unterschiede von den an Körnchen gebundenen 
Farbstoffen ergibt sich die Wirkung des Ammoniakgases 
auf die gelösten Farbstoffen weit energischer; hier wird 
Blau immer Grün, das schönste Grün zeigt Lilla und 
hellviolett. 

Die Veränderungen, welche das Ammoniakgas an den 
Farbstoffen der Blumen hervorbringt, ist in den meisten 
Fällen sehr nahe übereinstimmend mit den Veränderungen, 
welche dieselben allmälig beim Vorgange des Welkens durch- 
laufen. Eigenthümlich ist die Stabilität des gelben Farb- 
stoffes bei Lotus corniculatus ; dieser gelbe Farbstoff' wird 



Namen der Pflanzen. 


\ 

Natürliclie 
Pflanzenfamilie. 


Ursprüngliche 
Farbe. 


44. 


Iberis violacea. 


Cruciferae. 


Violett. 


45. 


Lavatera trimestris. 


Malvaceae. 


Rosa. 


46. 


Linum perenne. 




Lineae. 


Hellblau. 


47. 


Lotus comiculattcs. 


Leguminosae. 


Gelb. 


48. 


Malva sylvestris. 


Malvaceae. 


Rosa. 


49. 


Maricaria. 


Compositae. 


K einweiss. 


50. 


Melampyrumsylo. 


Scrophularineae. 


Gelb. 


51. 


Nicotiana virginiana. 


Solaneae. 


Hellroth. 


52. 


Nigella datnascena. 




Hellblau. 


53. 


Oenothera. 


Onagraviae. 


Schwefelgelb. 


54. 


Ocalis ietraphylla. 


Oxalideae. 


Rosa. 


55. 


Papaver BJioeas. 


Papaveraeeae. 


(Jinnoberroth. 


56. 


Petunia hybrida. 


Solanae. 


Violett. 


57. 


Phlox. 




Hell-Lilla. 


58. 


Phlomis. 


Lahiatae. 


Lilla. 


59. 


Physalis ÄlkeJce7iJci. 


Solanae. 


Mennigroth. 


60. 


Pisum sativum. 


Leguminosae. 


Violett. 


61. 


Prunella. 


Lahiatae. 


Dunkelviolett. 


62. 


Eaphanus. 


Cruciferae. 


Weiss. 


63. 


var. a. 


M 


Helllilla Spitzen. 



Veränderung 


der Farbstoffe frischer Blumen und Blütheu durch Ammoniak?as 




Tab 


-1. Tische Z, 


, , „, m e n s t e 1 1 


g. 


Saun d<T Pauu. 


Pfluseii- Familie, 


l r'prÖBgliclie 
Fute. 


VcrtadeniDp der 
Färb« uch 
16 SliDoten. 


Verändenn^ der 

Farbe Dach 3 

Standen. 


Verinderung d(r 

Farbe nicii 11 

Stunden. 


I. Äjuga TtpUaa 


Laibiatae. 


Bbia. 


BUo. 


Grün, Missfarbigi 


i. Allhea roua. 


Malvactae. 


Rosa. 


Scimutiig grüne Spillen. ScbmuU, grüue Spillen 


3. „ tar. a. 




DimkelrioleB. 




Ganz unTerändcrt. 


i. „ rar. b. 




Hellriolctt. 


Grüne Flecken. 


Grüne Flecken. 


Grüne Flecken, 


5, AUium Schoenopros. 


Liliaaae. 


Ilellroüi. 


Sdimutzig hellrotb. 


Grüne Spuren. 


Grüne Sporen. 


6. Antirrhinum. 


ScTophulahnrar. 


Ooiildrotii. 


Schwane Flecken. 


Schwarze Flecken. 


Schönes Blau mit 


7, Anthanis tinct. 


CompositM. 


Scbwefelgelb. 




Ganz nnreränderLI 


eigenthüml, Anllug. 


8. „ rar. 




Weiss. 


Weiis. 


Gelblich. Schwefelgelb. 


9. ämUt chinmit. 




RothiioleJt, 


RothTiolett 


Rothriolctt. Grüne Spitzen. 


10. ,. rar. a. 


: 


lUllblaa, 


HeUbUn. 


IKllblan. Abgestandene Spitzen. 


11. „ ror. l. 




DoDkelblao. 


Gninc Spitzen. 


Gelblich. Blaugrünu Spitzen. 


12. „ Mr. e. 


.. 


DanlielnoleU. 




Gituz unrerändert. 


13. „ navM Angliat. 




Lebbaftrath. 




Ganz uDTcräodcrt 


H. „ «ne/ta. 




BlaUTJolott. 


Ilellgruue 


Flecken. 


HellgrUno Flecken. 


15. Borago offieinat. 


Borayineae. 


Ilcllblao. 


HellbLu, 


Hollblau, 


Schmutzig gebleicht. 


IC. „ rar. 




„ 






Abgestanden. 


17. Coffndufa, 


Cmpoiilae. 


Reingclb. 




Guus onreründorl. 


18 Calcmlaria nju. 


Smptiularinmr. 


Hellgelb. 


Hellgelb. 


Hellgelb. | Dunkolgclb, 


19, C'am;j<inii/a gro«. 


CampanuUtftae. 


filauTioUtt. 


Qrün. 


Oebloicht. 


20. „ bilidiclig. 




Vi„loll, 






QebleichL 






Ilellrialcu. 


üriino !• 


ecken. 


32. Carduut. 


Compohttu. 


Violeltrotb. 


Mtl Aoitnabiii 


* griiiiur Spitzen gunz unrorandert. 


23. CcM/raiiMu. 


Valerianear. 


Danki'lrath. 


Donkilrolli. 


Sriimutzig grün. | Schmalzig grUn. 


'.'4, Cm/aurra jaz-rti. 


Compcsitae. 


Roth. 


Mit ,\ii>naliui 


grUdor Spitzen ganz unvoräojeru 


2'». ,. fyanta. 




Violott. 




Ganz onrcründort. 


■!(,. C,r)iorimn htgimi. 




Reinblau. 


OrUn. 


UrUn. 


Gclblicht; AuUieroa 


27. ContvIiWiu. 


Ccnnlnitaene. 


Violelt. 


Violelt, 


UullgrUn. 


grUn, 
Hellgrün. 


2f*. CVrfopiu bintor. 


Compotitae 


(iobUclb. 


Goldgelli. 


Goldgelb. 


Uunkelgelb. 


1*9, (*onaii(/niM »ofir. 


rmUUiTTar. 


Weio. 


OiilblicbKrOn« SpiU.n. 


Golblichgrüno 


Scbnutziggolb. 


mi C«.™,.«,, ran.1. 


l^!n.mi.a^ 


llluniolelL 


tllauTiolelL 


S|iitzeo. 
lllauTiulcIt. 1 Schwofelgelb. 


31, Cflm naom. 


CompMilar 


Ilolbrioirtt. 


tllaue Fi 


•dien, 1 Hellblau. 


SJ, /ImalAu C-arttMwt 


i^ahcpifllae 


Roth. • 




Ganz unrerändert. 


33, /M^i.i» ^orwM 


RammKulcnar. 


ReiDdunkelblalt. 


»diiiic 


Izig dunkelgrüne Hecken. 




.. 


RUatioletl 


ürüne Fl 


Kkeri. 1 Miaaaifcig. 


3i, J)tYUW>|JUIlB.. 


Lötiota, 


IMIlUla. 


HillCrtB^ 1 


Hellgrün. | Gelb, abgaalandai. 


36, »Tfu» P<n<<i 


CrW^ 


Sdiöar-Ib. 




Ganz nnveraaden. 


s; Fmtkna ronn» 




Itollie KaliUiBuer. 


Uorerin 


Jen 1 BUo. Fleckan. 


^^, rnüh«. 


//«mnUi/nu' 


Ilellnob«. 


(Ha 


Qrün. Orüa. 


S9, O^Ham i»vl 




OA, 


OJb. 


Gelb. 1 Sehmiilzif brano. 


10 IMfPmn-m 




Rma 


Kiaa. 


Ron. j OTüa. 


II I/r«ru f<V.. 




Wn«. 


«■>■ 


W«*-. 1 ZarMlzL 


I» «, 




Itotb. 


iJilmtStia^ 




»r». 


1 


baakcUita«. 


QrtMSftoaa. 1 


Gr«M Sfalus. 


ttahigrun. 





Naiürhclie 


Ursprüngliche 


Veränderung der 
Farbe nach 15 


Veränderung der 
Farbe nach 2 


Veranderang der 
Farbe nach 12 


men der PSsDien. 


Pflanz enfaiDilie. 


Farbe. 


Minuten. 


Stunden. 


Stunden. 


heris violacea. 


Crudferae. 


Violett. 


Qriin. 


Unverändert. 


Mvatera trimestris. 


Malvaceae. 


Rosa. 


Einzelstehende hellblaue Flecken. 


Anum perenne. 


Litieae. 


Hellblau. 




Gebleicht. 


otus comiculatm. 


Leguminosae. 


Gelb. 




Ganz unverändert. 


\talva sylvestris. 


Malvaceae. 


Rosa. 


Schmutzig grüne Spitzen. 


laricaria. 


Compositae. 


H einweiss. 




GelblichgrüD schmutzig. 


felampyrumsylo. 


Scrophularineae. 


Gelb. 




Ganz unverändert. 


Ticotiana virginiana. 


Solaneae. 


Hellroth. 


Schmutzig grün. 


Trichter gelb. Trichter gelb. 


Hgdla damascetia. 




Hellblau. 


Grüne Flecken. 


Grün. Gebleichte Spitzen, 


enotkera. 


Onagraviae. 


Schwefelgelb. 




Ganz unverändert. 


caUs tetraphylla. 


Oxalideae. 


Ropa. 


Blaue Flecken. 1 Grünlich blau. 


^apaver Ehoeas. 


Papaveraeea,. 


Cinnoberroth. 


Cinnoberroth. 


1 Cinnoberroth. \ .Missfarbig gebleicht. 


"^etunia hybrida. 


Solanae. 


Violett. 


Smaragd grün. 


1 Smaragdgrün, 


^Uox. 




Hell-Lilla. 




Hellgrün. 


^hlomis. 


Labia tae. 


Lflla. 


Lilla. 


Ulla. 1 Gebleicht. 


Viysalis Alkekenki. 


Solanae. 


Mennigroth. 


Mennigroth. 


Mennigroth. \ Braun zerzetzt. 


^is^itm sativum. 


Leguminosae. 


Violett. 




Grüner Rand. 


°rmdla. 


Labiatae. 


Dmikelviole«. 


Grün. 1 Dunkelbraun. 


'.aphanus. 


Criiciferae. 


Weiss. 


Adern 


giün, Petalae gelblich grün. 


— ,H— «HÜ-fl— 




Helllilla Spitzen. 
Ulla. 




Spitzen grün. 






„ var. h. 


Grün. 


alvia Cardinalis. 


Lahiatac. 


Blutroth behaart. 




BKiue Flecken. 


alvia ofßcinal. 


Labiatae. 


Dunkelviolettblau. 


Dunkelviolettblau. | Grüner Anflug. 


""cabiosa. 


Dipsacear 


Dunkel violettbraun. 


Antheren grau, Pelalae unverändert. 


""ilena Armeria. 


CariophyUae. 


Rosa. 


Blaue Flecken. 


Schmutzig giün. 


Symphitum offtcin. 




Schmutzig violett. 


Scbmutzigviolett. 


Grün 


Grün. 


Tctragonobultts. 


Leguminosae. 


lüutroth. 


Blutroth. 


[llutroth. 


Braun. 


Tldaspi arverinus. 


Cniciferae. 


Weiss. 




GelbUch grün. 


"rifoliwn pratetis. 


Leguminosae. 


Hoth. 


Roth. 


Rf'lll. 1 Braun. 


rropacolum maj. 




Oiangeubraun. 


Orangenbrauii- 


Braune H,ck,n. 


Viola maxima. 


Violaccae. 


Gelb. 




Ganz unverändert. 


var. a. 




HeUblau. 


llellblau. 


Grün. 1 Urün. 


var. h. 




(Ob. Petal. duokeltiol. 






lUnt. „ hellvioletl. 




Ganz unverändert. 






/üb. Petalae hellblau. 




Grün. 






lünt. „ gelb. 




QrUn. 
Ganz unverändert. 


var. d. 




Dunkelblauriolett. 




Ganz unverändert. 


Zinnia elegatis. 


Compositae. 


Ziegelroth. 


Ziegolroth. 


Ziegelroth. 


Grünbch brmn, 1 


var. a. 




Menuigroth. 


Mennigroth. 


Mennigroth. 


Scbonbniuu. 1 


var. b. 




Scharlach. 


Dunkelblau. 


Dunkelblau. 


Cafebraun. 1 


» var e. 




Cinnoberrotli. 


Schwarae Spitzn 


Schwarze Spitzen, 


S,.mn.l«cbwar2. 1 


., rar. d. 




Lillahellroth. 


Grün. 


Grün. 


Antheren gelb, H 


vor. e. 




Ulla. 




Grünspahu, ^| 


var. f. 




Carminlill«. 


Blaugrüno 


Spitzen. Unteiaeito gelbgrün, ^ 


" "'* '■ 


" 


Fleischfarben. 


Schümtzig, j 


Grünlich. 


Grünlich, ^M 



Vogel: Farhenveränderung von Blumen efc. 25 

beim Trocknen hellgrün , während er einer zwölfstündigen 
Einwirkung von Ammoniakgas zu widerstehen vermag. Auch 
bei dem Vorgange des Welken s zeigt sich ein wesentlicher 
Unterschied zwischen den gelösten und den an Körnchen 
gebundenen Farbstoffen. 



Derselbe fügt hieran Folgendes ; 

Nach dieser kurzen Mittheilung erlaube ich mir im 
Einvernehmen mit dem Herrn Classensekretär noch einen 
Gegenstand zur Sprache zu bringen, der nach unserem 
Dafürhalten ganz besonders auf die Tagesordnung unserer 
heutigen Sitzuug — der eisten in diesem Jahre — gehört. 

Mit dem Beginne des Jahres 1870 sind nämlich 30 
Jahre verflossen, seitdem unser geehrter Herr Vorstand seine 
berühmten Forschungen veröffentlichte, welche der heutigen 
Agrikulturchemie das Dasein gegeben. Von verschiedenen 
Seiten und Organen ist schon zu Ende des vorigen Jahres 
der 30. Geburtstag der Agrikulturchemie glückwünschend 
erwähnt worden. Wir sind gewiss, dass eine huldigende 
Anregung auch von dieser Stelle ganz im Sinne der geehrten 
Klasse sein werde. 

In dem verhältnissmässig kurzen Zeitraum von 30 lahren 
haben jene genialen Forschungen überall auf der ganzen 
Erde einen bedeutungsvollen Umschwung auf die Anschau- 
ungen der Landwirthschaft und ihre Vorgänge ausgeübt. 
Durch sie hat eine Reihe landwirthschaftlicher Operationen 
— bis dahin nirgends mit Bewusstsein ausgeführt — eine 
wissenschafthche und damit zum erstenmale eine sichere 
Basis gwonnen. So sind denn jene Forschungen, ganz ab- 
gesehen von ihrer praktischen Tragweite, im reinsten, wahrsten 
Sinne des Wortes acht akademische Forschungen. Ist doch 
der Wahrspruch unserer Akademie : ,,Rerum cognoscere 
causas." Die innige Verbindung aber zwischen Chemie und 
Landwirthschaft, wie sie nun vor 30 Jahren zuerst mit 

2a 



26 Sitzung der mafJi.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

durchgreifendem Erfolge angebahnt worden, hat uns die 
geheimen Vorgänge der Natur in den Gesetzen des Feld- 
baues, des Wachsthums und der Fruchtbarkeit erschlossen. 

Ein jeder Rückblick am Jahresschlüsse ergibt immer 
neue, entscheidende Bestätigungen der Mineraltheorie in 
ihren Grundsätzen; so sind wir denn der festen Zuversicht, 
es entschwindet nicht noch einmal ein Zeitraum von 30 
Jahren — und die jugendliche Pflanze, dem Vereine von 
Chemie und Landwirthschaft entsprossen, wie sie schon 
heute vollkommen lebenskräftig ausgebildet vor unseren 
Augen dasteht, — sie wird zu einem tiefwurzelnden Baum 
erstarkt sein, welcher seine weitverzweigten Aeste segensreich 
ausbreitet über alle Fluren des Erdkreises. 

Ich schliesse mit dem Wunsche, möge es dem Schöpfer 
der neuen Lehre ein gütiges Geschick vergönnen, dass er 
sich der Früchte seiner Arbeit noch lange Jahre in voller 
Geistes- und Körperfrische erfreue. — 

Die Classe beschiiesst aus diesem Anlasse einstimmig, 
den Herrn Präsidenten Baron v. Liebig durch eine Depu- 
tation beglückwünschen zu lassen und werden dafür ernannt 
der Classensekretär und die Herrn v. Siebold und Vogel. 



I^aff: Verdunstungsbetrag einer Eiche etc. 27 



Herr v. Pettenkofer referirt über eine Abhandlung 
des Herrn Fr. Pf äff in Erlangen: 

„UeberdenBe-trag der Verdunstung einer 
Eiche während der ganzen Veg e tatio ns- 
periode." 

So wunderbar einfach sich auch im Grossen der Kreis- 
lauf des ^Yassers vom Meere durch die Atmosphäre auf das 
Land und vom Lande durch die Flüsse zurück ins Meer ge- 
staltet, ebenso merkwürdig mannigfach zeigt er sich, wenn 
wir namentlich den letzteren Theil desselben etwas näher 
ins Auge fassen, nur etwas von der Oberfläche in die Tiefe 
gehen. Die Frage wie verhält sich das atmosphärische 
Wassur und der Boden zu einander schliesst eine so grosse 
Menge anderer Fragen in sich, die erst zum kleinsten Theile 
genau beantwortet werden können, dass jeder Beitrag zur 
Lösung einer derselben wohl als keine vergebliche oder über- 
flüssige Arbeit sich herausstellen dürfte. 

In einer früheren Mittheilung habe ich Versuche mit- 
getheilt, welche die Absicht hatten einigen Aufschluss über 
die Frage zu geben, in welcher Weise und Menge dringen 
die atmosphärischen Niederschläge in den Boden ein. und 
zwar waren die Versuche in der Art angestellt, dass sie eine 
bestimmte Bodenart (Sandboden) ohne alle Vegetation in's 
Auge fassten. In der Xatur. wenigstens in den gemässigten 
Zonen, dürfte es aber kaum irgendwo eine grössere Strecke 
geben, die nicht mit Pflanzen, niedrigen C'ulturpflanzen oder 
Bäumen besetzt wäre, welche beide mit ihren Wurzeln bald 
mehr, bald weniger tief in den Boden eindringen und dem- 
selben Wasser entziehen, das sie theils zum Aufbaue ihres 
Körpers verwenden, theils in Dampfform an die Atmosphäre 
abgeben. Der Ernährungs- und Respirationsprocess der im 

2a* 



28 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

Boden wurzelnden und in der Atmosphäre vegetirenden 
Pflanzen muss offenbar von dem grössten Einflüsse auf das 
Verhalten des Feuchtigkeitsgehaltes des Bodens sein, wie ja 
allbekannte Erfahrungen (ich erinnere nur an die Abholzung 
der Berge) die Wirkung der Vegetation auf die atmosphä- 
rischen Niederschläge und Quellenbildung zur Genüge dar- 
thun. Das eben angeführte Beispiel wird Jedem, der mit 
dem Gegenstande etwas vertraut ist, sofort auch wieder in's 
Gedächtniss zurückrufen, wie grosse Unsicherheit und Un- 
einigkeit unter den Fachmännern über diesen Punkt herrscht 
und wie wenig sichere Anhaltspunkte wir haben, um nur zunächst 
die mancherlei meteorologischen, physikalischen und botanischen 
Zwischenfragen, die hier in Betracht kommen, zu beantworten. 
Ohne sich irgendwie vermessen zu wollen, auch nur eine 
derselben entscheiden zu wollen, glaubt der Verfasser doch 
auf dem Wege des Versuclies einiges zur Lösung derselben 
beitragen zu können. Die Aufgabe, die er sich stellte und 
in der weiter unten näher beschriebenen Weise experimentell 
zu lösen suchte, war die: Wie gross ist die Menge 
des Wassers, die von ei nem uns er er Laubbäume 
imLaufe einer ganzen Vegetationsperiode durch 
Verdunstung in die Atmosphäre gelangt? 

Es ist eine grosse Reihe älterer und neuerer Versuche 
über die Verdunstung durch die Blätter in der Literatur 
verzeichnet, die ja in pflanzenphysiologischer Beziehung auch 
ein so hohes Interesse darbietet, namentlich hatUnger*) da- 
rüber eine Reihe sehr genauer Versuche an verschiedenen 
Pflanzen angestellt. Doch haben dieselben alle andere Zwecke 
verfolgt, sind meist mit kleineren Gewächsen vorgenommen 
worden und immer nur eine kurze Zeit hindurch. Annäherungs- 
weise hat der letztgenannte Botaniker die Verdunstungs- 
menge eines Buchenwaldes zu bestimmen gesucht. Ich komme 



1) Sitzungsber. der kais. Akad. d. Wissensch. z. Wien, Bd. 44,2. 



Pfaffx Verdunstungsbetrag einer Eiche etc. 29 

später darauf noch einmal zurück. So weit mir mit der 
freundlichen Unterstützung meines Kollegen Kraus die Lite- 
ratur bekannt geworden ist, habe ich in derselben keine 
Versuche gefunden , die eine längere Zeit hindurch fort- 
gesetzt wurden und insoferne glaube ich, dass auch für den 
Botaniker die von mir angestellten, eine ganze Vegetations- 
periode eines Baumes umfassenden Untersuchungen nicht 
ohne Wichtigkeit sein dürften, wie die daraus sich ergeben- 
Schlüsse wohl allgemeines Interesse in Anspruch nehmen 
können. 

Zu denselben diente eine in meinem Garten 20 Fuss 
von meinem Hause auf der Südseite desselben stehende 
kräftige junge Eiche. Die Versuche selbst wurden in fol- 
gender Weise angestellt: Es wurde von einem Zweige die 
Spitze oder ein kleines Seitenästchen desselben mit sämmt- 
lichen Blättern abgeschnitten, sofort unter dem Baume in 
ein kleines, cylindrisches Glasgefäss gebracht, das mit einem 
Korke verschlossen und sogleich gewogen wurde. Dann 
wurden die Blätter frei an einem Drahte an der Nordseite 
des Hauses aufgehängt, genau nach 3 Minuten wieder in 
das Glasgefäss gebracht und wieder gewogen. Die Gewichts- 
differenz wurde als Betrag der Verdunstung in 3 Minuten 
angenommen. Der Flächeninhalt der Blätter wurde dann 
auf folgende Weise bestimmt, die wenn auch etwas mühsam, 
jedenfalls sehr genaue Resultate ergibt.') Es wurde jedes 
Blatt auf gutes Postpapier gelegt und sein Umriss genau 
auf demselben nachgezeichnet. Jeder halbe Bogen des 
Papieres wurde dann für sich gewogen, nachdem sein Flächen- 



2) Bei der starken Lappung der Eichenblätter dürfte diese Art 
auch jedenfalls viel sicherer sein als die von Unger angewandte mittelst 
einer in Quadrate eingetheilten auf das Blatt gelegten Glastafel 
durch Zählung der auf das Blatt fallenden Quadrate den Flächeninhalt 
zu bestimmen. Im Texte von Unger a. a. 0. steht 195 Quadrat- 
decimeter, was jedenfalls Centimeter heissen soll. 



30 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

Inhalt durch Messung vorher bestimmt war. Sämmtliche 
auf einem Halbbogen gezeichneten Blätter wurden dann aus- 
geschnitten, gewogen und so aus ihrem Gewichte ihr Flächen- 
inhalt berechnet. Nachdem dieser gefunden war, wurde 
berechnet, wie viel die Verdunstung auf einen Quadratmilli- 
meter des Blattes in 15 Stunden betragen würde, wenn die 
Verdunstung die 15 Stunden hindurch sich gleich stark er- 
halten würde, wie zur Zeit des Versuches. Um aber diese 
V^oraussetzung zulässig zu machen, mussten natürlich täglich 
zu verschiedenen Tagesstunden in gleicher Weise die Beob- 
achtungen gemacht und aus diesen dann das Mittel für jeden 
einzelnen Tag gezogen werden, selbstverständlich konnte eben, 
um dieses zu erhalten nur die angegebene Weise der Berech- 
nung, resp. die Reduzirung der Verdunstung auf Quadrat- 
millimeter angewendet werden. Ich habe nur 15 Stunden 
in Rechnung gezogen, weil sich meine Versuche regelmässig 
nur auf die 15 Stunden von 6 Uhr Morgens bis 9 Uhr 
Abends erstreckten und zwar wurden sie mit wenigen Aus- 
nahmen, wenn es mir anderweitige Geschäfte nicht unmög- 
lich machten, um 6 Uhr und 11 Uhr Vormittags, um 4 und 
9 Uhr Nachmittags angestellt. Von Anfang September an wurde 
die erste und letzte Beobachtung auf 7 Uhr Voruiittagsund 7 Uhr 
Abends verlegt, vom 1. Oktober au die letztereauf 6 Uhr Abends. 
Unregelmässig und viel seltener habe ich übrigens auch 
zu den verschiedensten Nachtstunden in den verschiedenen 
Monaten einzelne Beobachtungen angestellt, aus denen ohne 
Ausnahme hervorging, dass auch des Nachts die Blätter 
fortwährend ausdünsten, was schon aus physikalischen Grün- 
den zu erwarten war und dass die Differenz zwischen der 
Verdunstungsmenge des Tages und der Nacht eine geringere 
sei, als dieselbe aus einem freistehenden (iefäss mit Wasser, 
was wohl ebenfalls im Voraus sich vermutLen Hess. Sie 
betrug nach einigen Versuchsreihen, die ich in anderer 
Weise anstellte Vs — Va der Verdunstung bei Tage in gleichen 



Pfaff: Verdunstung sbetrag einer Eiche etc. 31 

Zeiten. Da ich jedoch keine ausgedehnten Versuchsreihen 
über die Verdunstung bei Nacht in der Weise, wie ich sie 
bei Tage anstellte, vornehmen konnte, und da es mir ohne- 
dies darauf aukam, mehr Minimalw erthe derGesammt- 
Verdunstung zu erhalten, habe ich die bei Nacht eintretende 
im Folgenden ganz auser Berechnung gelassen. Aus dem 
letzteren Grunde habe ich auch die Blätter stets an der 
Nordseite meines Hauses und im Schatten aufgehängt (nur 
in den längsten Tagen wurden dieselben Morgens um 6 Uhr 
etwas von der Sonne getroffen), obwohl wie mich vergleichende 
Versuche lehrten, und auch ünger gefunden hat, der Unter- 
schied ein sehr beträchtlicher ist, wenn man gleichzeitig 
Blätter in die Sonne und in den Schatten hängt. Im Juli 
z. B. verhielt sich die Verdunstung einer Blätterparthie die 
im Schatten hing, zur gleichzeitigen einer anderen von dem- 
selben Zweige in der Sonne wie 3 : 10. Noch auf einen 
anderen Umstand will ich aufmerksam macheu, welcher zeigt 
dass in der angegebenen Art die Versuche anzustellen, Werthe 
erhalten werden, welche eher unter dem Mittel Ideiben, als 
dasselbe übersteigen. Untersucht man nämlich die Art der 
Verdunstung eines vom Baume getrennten Zweiges ihrem 
Betrage nach genauer, so überzeugt man sich sehr leicht, dass 
dieselbe für gleiche Zeiträume stets geringer wird, d. h. in 
den ersten 2 Minuten verliert ein Blatt mehr, als in der 
3. und 4., in dieser mehr, als in der 5. und 6. u. s. f. Aus 
diesem Grunde habe ich auch nur 3 Minuten die Ver- 
dunstung in meinen Versuchen währen lassen. Man kann 
sich davon auf der Waage und noch einfacher auf folgende 
Weise überzeugen, die ich auch anwandte, um die stetige 
Verdunstung bei Nacht zu erkennen. Füllt man eine enge 
Glasröhre, an deren einem Ende ein Gummiröhrchen be- 
festigt ist, mit Wasser und steckt rasch einen mit Blättern 
versehenen Zweig in das Gummiröhrchen, so rückt das Ende 
der Wassersäule in dem Glasröhrchen immer weiter dem 



32 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

Zweigende zu, offenbar in Folge der Verdunstung durch die 
Blätter (wenn auch die Endosmose mitwirkt, so ist doch 
der Betrag der Wasseraufnahme viel mehr vou der Ver- 
dunstung abhängig, der einfache Versuch, die Blätter vor- 
und nachher zu wiegen, zeigt dieses sofort). Obwohl hier 
die Verhältnisse für eine gleichmässige Verdunstung viel 
günstiger sind, als wenn die Blätter in der Luft aufgehängt 
werden, so geht sie doch auch hier in einem immer lang- 
samer werdenden Tempo vor sich. Es geht daraus also 
entschieden hervor, dass ein Blatt am Baume in 3 Minuten 
etwas mehr Wasser abgeben muss, als wenn es vom Baume 
genommen ist. Anderseits dürfte aber auch von Niemanden 
bestritten werden — wenigstens kann ich mich hier auf 
den Ausspruch competenter Beurtheiler physiologischer Vor- 
gänge in der Pflanze berufen — dass wenn auch der Quan- 
tität nach eine kleine Aenderung der Verdunstungsverhältnisse 
in den ersten 3 Minuten eines Zweiges eintritt, wenn er 
vom Baume srenommen ist, doch eine wesentliche Aenderung 
der Funktion der Blätter in so kurzer Zeit nicht angenommen 
Werden könne, mit anderen Worten, dass man berechtigt 
sei, aus der Abnahme des Gewichtes eines Blattes, das vom 
Baume genommen ist, die dasselbe unmittelbar nach der 
Trennung vom Baume erleidet, zu schliesseu, dass es eine 
Abnahme wenigstens in gleichem Betrage auf dem 
Baum erlitten haben würde. Dass diese Abnahme des 
Gewichtes durch die Verdunstung bedingt sei, das bedarf 
wohl keiner weitereu Begründung. 

Ein Einwand könnte gegen das obige Verfahren erhoben 
werden, den ich mir auch selbst gemacht habe, vou dessen 
Unbegründetheit oder richtiger nicht in Betracht zu ziehen- 
dem Einflüsse ich mich aber bald überzeugte. Man könnte 
nämlich einwenden, dass der Gewichtsverlust, den das Blatt, 
nachdem es 3 Minuten in der Luft gehangen, nach der 
zweiten Wiegung zeige, nicht der sei, den es in diesen 



Ff äff: Veräunstungsbetrag einer Eiche etc. 33 

3 -Minuten erlitten, sondern der, den es in diesen und während 
der Zeit der ersten Wiegung erfahren habe, wenn letzterer 
Betrag auch ein sehr geringer sein möge. In der Thatmuss' 
auch während des ersten Wiegens ein wenig Wasserdampf 
in dem Glase sich ansammeln, dessen Menge nothwendig voll- 
ständig mit zu dem Gewichtsverluste des Blattes in den 3 
folgenden Minuten gezogen würde, wenn nach dem ersten 
Wiegen derselbe aus dem Glase sich gänzlich entfernen 
würde. Beide störenden Momente müssen sich, wenn auch 
nur in geringem Grade zeigen. Direkte Versuche, ihren Ein- 
rluss zu bestimmen, zeigen übrigens, dass sie ganz ausser 
Acht zu lassen sind, namentlich weil noch ein Umstand 
hinzukommt, der ihre Störung so gut wie völlig aufhebt. 

Nennen wir nämlich das Gewicht des Glases g, das 
der Blätter wenn sie vom Baum genommen sind h, den 
Betrag des Wasserdampfes, der sich während der ersten 
Wiegung im Glase entwickelt (?, so gibt uns diese das 
Gesammtgewicht P = g -[- h -\- d. Nun wird erstens ein 
Rest von d in dem nach dem Herausnehmen der Blätter 

wieder geschlossenen Glase bleiben, wir wollen ihn — nennen, 

X 

zweitens aber auch während der zweiten Wiegung ebenfalls 
wieder etwas Wasserdampf im Glase sich entwickeln, nennen 
wir diese d' und den Verlust der Verdunstung während der 
3 Minuten an der Luft l, so gibt uns die 2. Wiegung das 

Gesammtgewicht P' = g -\- h -\ \- d' — l und daraus 

00 

finden wir P — P' = Z + f? — (^' + -) also um die 

Differenz d — {d' + -) erhalten wir den Gewichtsverlust zu 

gross, den wir aus der Subtraction der beiden Wiegungen 
P — P' finden. Ich habe directe Bestimmungen der frag- 
lichen Grösse vorgenommen und zu diesem Behufe die Blätter 
[1870. 1. 1.] 3 



34 Sitzung der maihrphys. (lasse vom 8. Januar 1870. 

selbst 6 Minuten in dem Glase gelassen. Das Glas war 
vorher gewogen, es wurde, nachdem die Blätter rasch heraus- 
^ genommen waren und das Glas wieder geschlossen war, 
wieder gewogen. Es zeigt sich, dass die Differenz noch nicht 
einmal V« Milligramme betrug.^) Selbst ein höherer Betrag 
würde an der Annahme, dass die Gewichtsdifferenz zwischen 
erster und zweiter Wiegung in der That dem Verluste,, den 
die Blätter in 3 Minuten durch Verdunstung an der Luft 
erleiden, nichts ändern, um so weniger, wenn man bedenkt, 
dass aus den oben angegebenen Gründen die Verdunstung 
der Blätter am Baume einen etwas höheren Betrag ergeben 
muss, als wenn sie vom Baume losgelöst verdunsten. Ich 
habe bereits erwähnt, dass die von mir erhaltener. Werthe 
wohl als Minimalwerthe bezeichnet werden dürfen ; aus dem 
Grunde, solche zu ei-halten, habe ich alle Blätter von der 
Nordseite des Baumes genommen und bei den Berechnungen 
der Gesammtzahl aller Blätter am Baume und ihres Gesammt- 
flächeninhaltes ebenfalls nur die Nordseite des Baumes zu 
Grunde gelegt 

Diese beiden Zahlen zu tinden, verfuhr ich auf folgende 
Weise: Zunächst bestimmte ich das Volumen der Blätter- 
krone des Baumes, was insoforne leichter war, als der Baum 
freistehend eine sehr regelmässige Krone entwickelt hatte. 
Durch senkrecht gestellte Stäbe wurde zuerst der Umfang 
derselben auf dem Boden bestimmt und aus 13 Radien der 
Flächeninhalt dieser ziemlich regelmässigen fast JJreisförmigen 
Ellipse. Au« dieser die 298,3 Q.-F. betrug und der Höhe 
der Krone = 20 Fuss, wurde nach der Formel für ein 
Ellipsoid das Volumen berechnet und zu 3953 Kubikfuss 
gefunden. Um nun auch die Zahl der Blätter zu bestimmen, 
wurden alle Blätter einer grösseren Anzahl von Kubikfussen 



3) Sie kann selbst negativ werden, da ja das spez. Gewicht des 
Wasserdampfes geringer ist, als das der atmosphärischen Luft. 



Pf äff: Verdunstungsbetrag einer Eiche etc. 35 

von sehr schwach bis zu sehr stark belaubten Stellen gezählt. 
Zu diesem Behufe Hess ich 2 würfelähuliche Hohlräume 
herstellen , aber nur von Stäbchen, welche gleichsam die 
Kanten eines Würfels darstellten. Der kleinere hatte ^/4 Fuss 
im Lichten, der grössere 3 Fuss. Nun wurde zunächst das 
kleinere Hohlmaas an 4 der blattärmsten Stellen des Baumes 
nahe am Stamme aufgehängt, dann an 4 von mittlerer Be- 
laubung und an eben so vielen von reicher, an der äussern 
Seite des Baumes, und sämmtliche in dem Hohlräume sich 
befindenden Blätter gezählt und aus diesen das Mittel für 
die 3 Arten gewonnen. Für die Berechnung wurde nun in 
folgender Weise verfahren. Das Ellipsoid der Blätterkroue 
hatte 9^2 und 10 Fuss Durchmesser und 20 Fuss Höhe. 
Ich nahm nun an, dass der innerste Tiieil dieses Ellipsoides 
von 4 und 5 Fuss Durchmesser und 9 Fuss Höhe ganz 
blattleer sei, was übrigens nicht der Fall war, dass dann 
über diesem sich ein Ellipsoid von 7 — 8 Fuss Durchmesser 
und 17 Fuss Hohe (vom Mittelpunkt aus gerechnet, also 
mit Abzug des ebengenannten blattleeren eine Schale von 
3 Fuss Dicke in horizontaler und 8 Fuss Dicke in senk- 
rechter Richtung) von mittlerer Belaubung, und dass die 
dann noch übrig bleibende Hülle von 2, 2^2 und 3 Fuss in 
den 3 Dimensionen von reicher Belaubung sei. Unter dieser 
Voraussetzung ergab sich als die Gesammtzahl aller Blätter 
721,592. Zur Kontrole dieser Berechnung wurde nun das 
grössere Hohlmass von 27 Kubikfuss Inhalt ebenfalls an der 
Nordseite des Baumes mit seiner innern Seite 3 Fuss vom 
Stamm entfernt aufgehängt und zwar so, dass alle Zweige 
in unveränderter Lage blieben, was dadurch leicht zu er- 
reichen war, dass die oberen horizontalen Leisten abnehm- 
bar gemacht waren und erst, als die Zweige in dem Hohl- 
räume sich befanden, aufgesetzt wurden. Es wurden nun 
alle in dem Hohlraum sich befindenden Zweige und Blätter 
abgeschnitten und letztere gezählt. Diese Zählung, die 

8* 



36 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

etwas unter dem Mittel bleiben musste, weil der Hohlraum 
kaum in die blätterreiche Zone hineinreichte, zu Grunde gelegt, 
ergab 620464 Blätter, so dass man in runder Zahl 700,000 
Blätter als die richtige wird annehmen dürfen, und das um 
so mehr, als ich die Zählung nach den heftigen Stürmen 
vom September vornahm, welche dem auf dem Berge frei- 
stehenden Baume manches Blatt entführt hatten. 

Die Beobachtungen, die ich nun tabellarisch mittheile,' 
umfassen den Zeitraum vom 18. Mai, an welchem Tage die 
Blätter vollkommen entwickelt waren, bis zum 24. Oktober 
also 160 Tage. Nach diesem Tage war zwar noch ein 
grosser Theil der Blätter grün, doch sehr viele schon gelb. 
Die Verdunstung dauerte jedenfalls noch fort bis in die 
Mitte November^), ebenso hat sie auch wenigstens 14 Tage 
vor dem 18. Mai schon begonnen. Auch aus diesem Grunde 
sind die von mir berechneten Werthe für die gesammte 
Vegetationsperiode Minimalwerthe. 

Ich habe in der Tabelle nicht alle Einzelbeobachtungen 
angegeben, sondern nur die aus denselben berechneten Mittel- 
werthe für jeden einzelneu Tag. Die Columne Ä enthält 
den Gesammtflächeninhalt der sämmtlichen an diesem Tage 
untersuchten Blätter, B den Mittelwerth der Verduubtung 
für diesen Tag resp. 15 Stunden auf einen Quadratmillimeter 
in Millimetern oder was dasselbe ist, in Milligrammen. Die 
absolute Menge kann daraus leicht berechnen, wen es inter- 
essirt, die leergelassenen Tage war es mir nicht mögUch 
zu beobachten. 



4) Am 4. November Nachmittags 4 Uhr betrug sie an einer 
Parthie Blätter von 10106 Q.-m. Flächeninhalt noch 0,296 mm. 



P/h/f: Veräimstungsbetrag einer Eiche etc. 



37 



'S 


A. 


B. 


5 


A. 


B. 


"3 


A. 


B. 


^ 






1-5 






i-s 












1 


30408 


0.395 


1 


29214 


0,632 








2 


34442 


0,245 


2 


31178 


1,097 








3 


34698 


0,625 


3 


26440 


0,755 








4 


40480 


0,281 


4 


19955 


0,669 








5 


28789 


0,428 


5 


40000 


0,637 








6 


21452 


0,305 


6 


24810 


0,620 








7 


23457 


0,889 


7 


27500 


0,824 








8 


26340 


0,062 


8 


38045 


0,357 








9 


39475 


0,353 


9 


26910 


0,593 








10 


30052 


0,517 


10 


33850 


0,657 








11 


38816 


0.377 


11 


51281 


0.419 








12 


30760 


0,673 


12 


33690 


0,347 








13 






13 


27750 


0,541 








14 


26260 


0,576 


14 


30450 


0,411 








15 


25190 


0,091 


15 


30887 


0,470 








16 


38691 


0.350 


16 


26720 


0.468 








17 


34477 


0,304 


17 


23015 


0,197 


18 


69404 


0,285 


18 


26110 


0,854 


18 


31550 


0,356 


19 


58039 


0,256 


19 


37683 


0.414 


19 


28220 


0.512 


20 


54209 


0,451. 


20 


25325 


0,765 


20 


42775 


0,450 


21 


49553 


0,331 


21 


27113 


0,625 


21 


18610 


0.853 


22 


39513 


0,362 


22 


33012 


0.270 


22 


31740 


0,716 


23 


45320 


0,375 


23 


16524 


0.492 


23 


41410 


0,740 


24 


46204 


0,285 


24 


32270 


0,705 


24 


7515 


0,598 


25 


40570 


0,616 


25 


28610 


0.952 


25 






26 


38658 


0,428 


26 


30955 


0.464 


26 


23700 


0,537 


27 


50514 


0.P.33 


27 


25980 


0,984 


27 


24460 


0.656 


28 


42536 


0^374 


28 


27110 


0,546 


28 


33295 


-0,452 


29 


38741 


0.675 


29 


31720 


0,663 


29 


27595 


0,523 


30 


34320 


0,401 


30 


25417 


0,254 


30 


24650 


0,542 


31 


30329 
Monats- 


0,253 




Monats- 




31 


28640 

Monats- 


0,477 




mittel 


0,387 




mittel 


0,533 




mittel 


0,570 



38 Sitzung der mafh.-phys. Glosse vom 8. Januar 1870. 



-4-9 
CO 






ü 

^ 














A. 


B. 


CD 


A. 


B. 


O 
J4 


A. 


B. 


< 






m 






O 






1 


12605 


0,492 


1 


35104 


0,286 


1 


35670 


0,495 


2 


19693 


0,668 


2 


29890 


0,372 


2 


50637 


0,401 


3 


33230 


0,311 


3 


29200 


0,337 


3 


16855 


0,880 


4 


23620 


0,546 


4 


34438 


0,474 


4 


33845 


0,353 


5 


30145 


0,701 


5 


29660 


0,464 


5 


30675 


0,450 


6 


31545 


0,542 


6 


20170 


0,360 


6 


29962 


0,445 


7 


14062 


0,640 


7 


37760 


0,306 


7 


37943 


0,339 


8 






8 


30835 


0,439 


8 


47590 


0,403 


9 






9 


31740 


0,201 


9 


45210 


0,623 


10 






10 


28400 


0,510 


10 


42360 


0,318 


11 






11 


35634 


0,379 


11 


24000 


0,343 


12 






12 


28173 


0,295 


12 


41560 


0,511 


13 






13 


25761 


0,248 


13 


34150 


0,586 


14 






14 


25916 


0,323 


14 


26810 


0,606 


15 






15 


26767 


0,329 


15 


21120 


0,439 


16 






16 


36992 


0,279 


16 


48020 


0,630 


17 






17 


34253 


0,263 


17 


25350 


0,633 


18 






18 


28854 


0,519 


18 


44630 


0,368 


19 






19 


26934 


0,321 


19 


45010 


0,2 1 1 


20 






20 


40282 


0,267 


20 


39370 


0,377 


21 






21 


33326 


0,332 


21 


23510 


0,367 


22 






22 


34643 


0,339 


22 


24950 


0,290 


23 






23 


35325 


0,551 


23 


23740 


0,163 


24 






24 


43254 


0,295 


24 


27230 


0,232 


25 






25 


49863 


0,227 








26 






26 


41630 


0,456 








27 






27 


38832 


0,299 








28 


33539 


0.322 


28 


36972 


0,284 








29 


21850 


0,340 


29 


38394 


0,651 








30 


37035 


0,341 


30 


30510 


0,476 








31 


24810 
Monats- 


0,444 




Monats- 






Monats- 






mittel 


0,431 




mittel 


0,362 




mittel 


0,436 



Pfaff: Verdunstungsbetrag einer Eiche etc. 39 

Ich knüpfe an diese Zahlen einige Bemerkungen. Zu- 
nächst die, dass dieselben ziemlich genau übereinstimmen mit 
den von Unger^) und Anderen erhaltenen Werthen, so weit eine 
Veigleichung möglich ist. Ich habe zugleich mit den Ver- 
suchen über die Verdunstung der Blätter solche über die 
einer freien Wasserfläche angestellt und jedesmal mit der 
aus den Blättern die letztere bestimmt. Das Gefäss stand 
ebenfalls auf der Nordseite meines Hauses genau an der- 
selben Stelle, an welcher die Blätter aufgehängt wurden. 
Im Durchschnitt fand ich jedoch das Verhältniss der Ver- 
dunstung aus dem freien üefässe zu der von den Blättern 
als ein höheres; nach ünger gibt die freie Wasserfläche un- 
gefähr eine 3 mal so hohe W^asserschichte ab, zuweilen eine 
5 — 6 fache. Nach meinen Versuchen wechselt das Verhält- 
niss sehr nach den Monaten und dem Vi^etter, im Mai 
zwischen 4 und 13, im Juni zwischen 1,5 bis 8,5, im Oktober 
zwischen 1,0 bis 5. Die Schwankungen in der Verdunstung 
des Wassers aus dem Gefässe sind beträchtlich grösser als 
die der Transpirationsgrösse der Blätter, was wohl ebenfalls 
im Voraus zu erwarten war. 

Auch in Beziehung auf die Menge des verdunsteten 
Wassers findet sich insoferne eine üebereinstimmung, als 
die Werthe, welche ich für die Eiche erhalten habe, mit 
solclien übereinstimmen, welche Unger für andere Gewächse 
gefunden hat. Aus seinen an einer grossen Anzahl von 
Blattpflanzen gemachten Versuchen ergibt sich, dass die 
verschiedtrnen Pflanzen sehr verschiedene Werthe ergeben. 
Nach seinen Angaben habe ich berechnet, wie sich die Ver- 
dunstung auf 1 Q.-Millimeter der Blattfläche verhalte und 
daraus gefunden, dass er erhielt 



5) Unger. Sitzungsber. der Akademie der Wissensch. zu Wien. 
Bd. 44 p. 181 und 327, 



40 Sitzung der math.-phys. Classe i'om 8. Januar 1870. 

am 27. Nov. 1850 bei Saxifraga ligulata 0,148 mm. 
„ 29. Nov. Hydrangea hortensis 0,439 „ 

„ 8 — 9. Juni Digitalis purpurea 0,677 ,, 

„2—3. Juli „ „ 0,167 ,. 

„ 25. Aug. Heliauth. annuus 1,712 „ 

Ein Zweig von Fag. silvatica mit 47 Blättern ergab 
nach einer 3tägigen Untersuchung im Mittel 0,158 mm. Die 
letztere Beobachtung gibt jedenfalls einen zu niedrigen Betrag. 
Sie wurde nämlich in der Art gemacht, dass der abgeschnittene 
Zweig in ein Gefäss mit Wasser gesteckt wurde. Er ergab 
in 3 Tagen 37,5 Grm. Wasserverlust. Ich habe schon weiter 
oben erwähnt, dass dieses Verfahren nur für kurze Zeit ein 
richtiges Resultat geben kann, indem sehr bald die Ver- 
dunstung immer geringer wird, ein aus dem dreitägigen 
Verluste bestimmtes Mittel bleibt nach meinen ähnlichen 
Versuchen weit unter dem wahren; schon nach 2 Stunden 
zeigt sich bei dieser Art die Verdunstung zu bestimmen 
eine Differenz in deren Betrag und zwar eine Abnahme der- 
selben. 

Ich komme nun zu dem wichtigsten Punkte meiner 
Untersuchungen um dessentwillen ich sie hauptsächlich an- 
stellte, nämlich zur Beantwortung der Frage, wie gross ist nun 
die Menge des durch einen solchen Baum verdunsteten 
Wassers und wie verhält sie sich zu der Menge der atuio- 
phärischen Niederschläge ? 

Legen wir die von mir gefundenen Zahlenwerthe für 
die Blattzahl des Baumes, die Verdunstungsgrösse und den 
Flächeninhalt der Blätter^) zu Grunde, so erhalten wir 
folgende Zahlenwerthe für die Gesammtverdunstung der ein- 
zelnen Monate: 



6) Der mittlere Flächeninhalt eines Blattes bestimmt aus den 
500 ersten und 500 letzten Blättern ergab sich zu 2325 Q. -Millimeter, 



Pf äff : Verdunstungsbetrag einer Eiche etc. 41 

Mai 14 Tage 883,812 Kilogramme 

Juni 26023,7 

Juli 28757,9 „ 

August 21745,1 „ 

September 17674,6 „ 

Oktober 17023,1 „ 

Wie verhält sich nun diese Menge zu der Menge der 
atiuosphärischen Niederschläge? Hier wäre zu einer sicheren 
Vergleichung nothwendig zu wissen, wie weit sich in horizon- 
taler Richtung die Wurzeln des Baumes erstrecken. Ich 
habe angenommen, dass die Wurzeln über denselben Flächen- 
raum sich verbreiten, den die Zweige einnelimen. Bei einem 
Walde versteht sich diese Annahme wohl von selbst, bei 
einem einzeln stehenden Baume ist ein Weitergreifen wohl 
denkbar. Für den vorliegenden Fall glaube ich jedoch auch 
ditise Annahme machen zu dürfen, einmal habe ich wenigstens 
bei einem ziemlich tiefen Graben, der zur Grundlegung 
eines Gebäudes 10 Fuss von den Zweigspitzen des Baumes 
angelegt wurde, nichts von solchen Wurzeln bemerkt. Dazu 
kommt noch, dass der Baum in der Entfaltung seiner Krone 
zwar nicht durch andere gehemmt ist, dass aber unter dem 
Dache derselben eine dichte Hecke, allerlei Büsche und so, 
dass sie sich mit den Zweigen sehr nahe kamen auch andere 
Bäume, Acacien und dergl. stehen, die jedenfalls zum Theil 
im Boden mit ihm in der Wasseraufnahme concurriren. Es 
wird also auch die Annahme sein Wurzelgebiet nicht zu 
sehr beschränken, dass es denselben Flächeuraum wie die 
Basis seiner Blätterkrone oder genauer die Projection der- 
selben auf den Erdboden einnehme, dieses aber unbeem-- 
trächtigt von anderen Gewächsen. Nehmen wir dieses an 
und berechnen wir die obige Wassermenge in der Art, dass 
wir sie auf den Fhtcheuraum des Wurzelgebietes gleich dem 
der ßlätterkrone, die wir zu 298,3 Q.-Fuss gefunden hatten, 
vertheilen, so kommen wir zu einem sehr überraschendeu 



42 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

Resultate. Die obigen Zahlen entsprechen nämlich einer 
Wassersäule auf der Fläche von 298,3 Q.-F. = 22,277 
Q.-Meter 



Mai 


von 


39,58 centim 


Juni 




116,81 „ 


Juli 




129,39 „ 


August 




97,61 „ 


September 




79,34 „ 


Oktober . 




76,46 „ 



oder in 

Summa 539,16 cm. = 16,1 Fuss 

Höhe, während die jährliche Regenmenge bei uns nur 
65 cm. beträgt. Die Verdunstung eines Baumes gibt daher 
8^3 mal mehr Wasser au die Atmosphäre ab als auf einen 
Flächenraum von der Grösse seiner Blätterkrone auffällt. 
Man mag nun an dieser oder jener Annahme meiner Berech- 
nungen etwas aussetzen, — obwohl wie ich glaube, die von 
mir gefundenen Zahlen unter dem Mittelwerthe bleiben, das 
wird jedenfalls mit Sicherheit behauptet werden können, 
dass die Wassermenge, welche ein grösserer Baum während 
seiner Vegetationsperiode liefert, bei Weitem grösser ist, 
als die der atmosphärischen Niederschläge auf demselben 
Areal. Auch in dieser Beziehung stehen die Resultate, 
welche Unger erhalten hat, nicht mit den meinigen in Wider- 
spruch, wenn wir sie näher betrachten. Er nahm. , wie diess 
schon oben angegeben wurde, einen Buchenzweig und steckte 
ihn mit der Schnittfläche in ein Gefäss mit Wasser. Der 
Zweig hatte 47 Blätter mit 787 Q.-Centimeter Flächeninhalt, 
also ein Blatt 1653 Q.-Millimeter. In 3 Tagen 18—21 Juli 
transpirirten diese Blätter 37,5 Grm. Wasser; das gibt 
0,158 Millim. Wasserhöhe auf je 1 Q.-Millim. Fläche. Die 
Schätzung der Blätterzahl nahm Unger in folgender Weise 
vor, die wir mit seinen eigenen Worten geben.'') 



7) Unger. Am a. 0. p. 350. 



Tfaff: Verdunsfungsbetrag einer Eiche etc. 43 

,,Da die Buche jährlich ihre Blätter abwirft, so durften 
nur in einem von Stürmen geschützten Theile des Waldes 
die am Boden befindlichen Blätter, welche sich über Winter 
gesammelt hatten, von einem kleinen Flächeninhalte gezählt 
werden, um auf die sicherste Weise zur Kenntniss der ge- 
sammten Blättermasse des Waldbodens zu gelangen. Ich 
habe mich dieser Untersuchung am 28. September 1853 
unterzogen und zwar in einem nicht sehr dichten und eben 
so wenig alieu Buchenwalde, deren Stämnie höchstens 6 — 8 
Zoll im Durchmesser haben." 

Als Mittelzahl aus Zählungen von 5 verschiedenen Stellen 
findet Unger GOT also in runder Zahl 600 Blätter auf 1 Q.-F. 
Würden wir auch nur diese Zahl bei der Eiche annehmen, 
so würden wir immerhin noch die Verdutistungsgrösse um 
2,6 mal höher finden, als die der Regenmenge, Doch zeigt 
auch diese VergleicLuug. dass meine Berechnung der Zahl 
der Blätter der Eiche von der Wahrheit wenig abweichen 
wird, denn ein ireisteheuder Baum von 13 Zoll Durchmesser 
des Stammes kann wohl leicht in der Zahl seiner Blätter 
Buchenbäume von 6 — 8 Zoll Durchmesser um das 3 fache 
übertreffen. 

Hier drängt sich nun wohl Jedem die Frage auf: 
woher nehmen die Bäume das Wasser, oder, da darüber 
Wühl kaum ein Zweifel mehr aufkommen kann, dass sie es 
aus dem Boden nehmen, wie erhalten sie es aus demselben? 
Die Beantwortung dieser Frage ist wohl auch nicht sehr 
schwierig und zeigt uns zugleich den ausserordentlichen Ein- 
fluss, den die Vegetation und namentlich die Bäume auf 
den Kreislauf des Wassers und die Menge des Wassers auf 
der Oberfläche der Erde ausüben, \eigleichen wir nämlich 
die Menge des in das Meer zurückfliessenden Wassers mit 
der Menge der atmosphärischen Niederschläge, so finden 
wir, wo man eine genaue Berechnung angestellt hat, dass 
durchschnittlich nur die Hälfte des Wassers dem Meere 



44 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

zufliesst*), welches auf das Flussgebiet niedergefallen ist, 
das man in dieser Beziehung untersuchte. 

Für das Flussgebiet des Rheines z. B. beträgt die von 
diesem zurückgeführte Wassermasse nur 49,8 pC. der Nieder- 
schläge. Wohin kommen nun die übrigen 50/2 pCte? Wenn 
auch ein Theil derselben durch Verdunstung wieder in die 
Atmosphäre zurückgeht, so dringt doch unzweifelhaft ein 
grosser Theil davon in die Tiefe und zwar in Tiefen, aus 
welchen es als Quelle, also als fiiessendes Wasser nicht 
mehr an die Oberfläche gelangt. Denn es gibt ganze Fluss- 
gebiete, wenigstens kleinere, die keine einzige warme Quelle 
enthalten, zum sicheren Zeichen, dass alles fliessende Wasser 
dieses Gebietes aus sehr geringer Tiefe hervorbricht, denn 
schon wenn es aus einer Tiefe von 200 — 300 Fuss käme, 
müsste es eine merklich höhere Temperatur als die mittlere 
des Ursprungsortes erkennen lassen. Der Bergbau, wie die 
Bohrlöcher der artesischen Brunnen zeigen uns aber, dass 
in allen Tiefen, in welche Menschen oder ihre Werkzeuge 
gelangen können, Wasser sich befindet und Wasser von oben 
eindringt. Die Vegetation, vor Allem die Bäume sind es 
nun, welche diesem Wasserverluste durch Versinken in un- 
ergründliche Tiefen einigermassen entgegenarbeiten und zwar 
in zweierlei Weise, einmal, indem sie das zur Tiefe von 
oben eilende Wasser aufhalten, anderntheils, indem sie Ver- 
anlassung geben, dass aus der Tiefe in Dampfform wieder 
ein Theil des bereits dem oberflächlichen Kreislaufe ent- 
zogenen Wassers zurückkehrt. Auch die Kapillarität des 
Bodens mag einiges dazu beitragen, dass die Wurzeln der 
Pflanzen mehr Wasser erhalten, als auf den Raum nieder- 



8) Flüsse in Flachländern geben noch weniger, die Seine z. B. 
nach Arago nur SSVs pCt, sämmtliche Flüsse Englands nach Dalton 
37,8 pC. 



Pfaff: Verdunstung sletracj einer Eiche etc. 45 

fällt, den sie einnohmen. Doch wird diese kaum einiger- 
massen in die Tiefe greifen, während die Wasseranziehung 
der Wurzeln durch die dadurch verminderte Feuchtigkeit 
des Bodens um dieselben ein energisches Aufsteigen von 
Wasserdampf selbst aus grösseren Tiefen vermittelt und so 
einigermassen Ersatz liefert für das Wasser, das ohne die 
Vegetation in unerreichbare Tiefen hinabsinken und nimmer 
zur Oberfläche wiederkehren würde. Auch in diesem Sinne 
kann man von den Bäumen sagen, dass sie das Dürrewerden 
'eines Landes, die Verarmung des Bodens an Wasser ver- 
hindern, indem sie es durch die Thätigkeit ihrer Wurzeln 
anziehen, durch die Gefässe in die Höhe führen und durch 
die Blätter dem grossen Kreislaufe zurückgeben. 



46 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 8. Januar 1870. 

Der Classensekretär Herr Fr. v. Kobell spricht: 
jjUeber den Rabdionit, eine neue Mineral- 
species und über einen lithionbaltigen sog. 
Asbolan." 

Das Mineral, welches ich Rabdionit nenne, findet sich 
in getrauften Stäbchen von schwarzer Farbe, Es ist matt, 
nimmt aber beim Reiben mit dem Finger einen metnllähn- 
lichen Fettglanz an, ist sehr weich und abfärbend. Das 
feine Pulver ist dunkelbraun. Das spec, G. des groben 
Pulvers ist nach gehöriger Entfernung der adhärireuden Luft 
= 2.80. Die Stäbchen schliessen so viel Luft ein, dass 
manche eine Zeitlang auf Wasser schwimmen. 

Von dem Löthrohr schmilzt das Mineral ruhig = 3 
zu einer stahlgrauen auf die Magnetnadel wirkenden Kugel. 
Voi- dem Schmelzen wirkt es nicht auf die Magnetnadel. 
Beim Schmelzen färbt es die Flaiiime grün und mit Salz- 
säure befeuchtet blau von gebildetem Chlorkupfer. 

Mit Borax gibt es ein kobaltblaues GLis. 

Im Kolben gibt es Wasser, welches weder sauer noch 
alkalisch reagirt. 

In Salzsäure ist es leicht und vollkommen unter 
Chlorentwicklung zu einer beim Concentrireu smaragdgrünen 
Flüssigkeit auflösHch, welche mit Wasser verdünnt eine 
grünlichgelbe Farbe annimmt. Aetzammoniak in üeberschuss 
gibt ein bräunliches Präcipitat und eine lasurblaue Flüssigkeit. 
In Salpetersäure ist es wenig löslich. Wird das Pulver mit 
Ammoniak digerirt, so färbt sich dieses allmählig blau, doch 
bei weitem nicht so wie die damit gefällte salzsaure Lösung. 
— Von Schwefelsäure wird diese Lösung kaum merklich 
getrübt. 

Mit concentrirter Phosphorsäure erhält man eine violette 
Lösung, welche durch Eisenvitriol entfärbt wird. 

Bei der Analyse wurde der Wassergehalt direct bestimmt, 
indem die Probe in einer Retortenartigen Glasröhre mit 



V. KobeJl: Der Eabdionit etc. 47 

Vorlage erhitzt wurde. Die Vorlage war gewogen, der Wasser 
enthalt-i-nde Theii des Rohres der Retorte wurde abgefeilt 
Uüd gewogen und durch Trocknen und Wiederwägen die 
Menge des Wassers bestimmt. 

Zur Ausmittlung des Gehaltes an Manganoxyd wurde eine 
Probe in concentrirter Phosphorsäure gelöst und die ver- 
dünnte Lösung mit Eisencklorür von bestimmtem Gehalte 
titrirt. 

Um zu bestimmen ob nicht Manganhyperoxyd enthalten 
sei, wurde eine Probe mit Phosphursäure in einem geeigneten 
Kolben erhitzt und das sich entwickelnde Gas untersucht, 
es war kein Sauerstoff zu erkennen. Man kann schon mit 
2 Grammen Pyrolusit die Sauerstoffentwicklung beim Lösen 
in Phosphorsäure deutlich nachweisen ; das in Vorlagen 
aufgefangene Gas entzündet einen glimmen ien Holzspahn. 
Vom Mineral waren 3 Gramme zum Versuche angewendet 
worden. 

Zur Analyse wurden 2 Grm. in Salzsäure gelöst, das 
Kupfer mit Schwefelwasserstoffgas gefüllt und weiter wie 
gewöhnlich bestimmt. Das Filtrat vom Schwefelkupf-'r wurde 
mit Zusatz von Schwefelsäure abgedampft, wieder in Salz- 
säure gelöst und die verdünnte Lösung mit doppelt kohlen- 
saurem Natron neutralisirt. Das Präcipitat wurde mit 
Kalilauge behandelt um vorhandene Thon-^rde auszuziehen 
und diese, sowie das Eisenoxyd weiter bestimmt. Das 
Filtrat von der Fällung mit doppelt kohlensaurem Natron 
wurde mit Schwefelammonium versetzt das Präcipitat mit 
verdünnter Salzsäure behandelt, das" rück^tän lige Schwefel- 
kobalt in Salzsäure gelöst, mit Kali gefällt und das Kobalt 
mit Wasserstoff in Glühen reducirt. Es löste sich in Salpeter- 
säure zu einer schönen rothen Flüssigkeit auf. 

Das Mangan wurde mit Chlor oxydiit und mit Ammoni.tk 
gefällt. 



Eisenoxyd 


45,00 




13,50 


-Maiiganoxyd 


13,00») 




4,00 


Thonerde 


1,40 




0,65 


Kupferoxyd 


14,00 




2,82 


Manganoxydul 


7,61 




1,71 


Kobaltoxyd 


5,10 




1,09 


Wasser 


13,50 




12,00 



48 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870. 

Der Mehrgehalt an Manganoxyd, wie ihn die Analyse 
gegen die oben erwähnte Titrirprobe zeigte, wurde als Man- 
ganoxydul berechnet. 

Die Analyse gab : 

Sauerstoff: 



18,15 



5,62 



99,61 

Die Mischung weist hin auf die Formel 

Cu ' 

Mn 

Co 

Da das Mineral für sich nicht auf die Magnetnadel 
wirkt, so ist ein Gehalt an Eisenoxydul nicht wahrscheinlich; 
der Gehalt an Kobaltoxyd dürfte vielleicht etwas höher sein ; 

etwas Fe könnte als Limonit eingemengt sein. 

Das Mineral hat nach seinen physischen Eigenschaften 
und theilweise nach seinen chemischen Reactionen grosse 
Aehnlichkeit mit dem Asbolan, es unterscheidet sich aber 
vorzüglich durch den bedeutenden Gehalt an Eisenoxyd und 
durch die Schmelzbarkeit (nur der unreine mit Arseniaten etc. 
gemengte Asbolan ist schmelzbar). 

Rammeisberg hat einen als normal anerkannten As- 
bolan von Camsdorf bei Saalfeld analysirt: und gibt an: 



Fe 

- -f 2H 

Mn 



1) Bei einem Versuch erhielt ich 14 Manganoxyd. 



V. Kobell: Der Babdionit etc. 



49 



Sauerstoff 


9,47 


Manganoxydul 


40,05 


Kobaltoxyd 


19,45 


Kupferoxyd 


4,35 


Baryterde 


0,50 


Kali 


0,37 


Eisen oxyd 


4,56 


Wasser 


21,24 



Er berechnet dafür die Formel 



99,94 



Mn2 4- 4 H. 



Dass der Begriff von Sjiecies auch auf Zersetzungs- 
produkte anwendbar, ist für sich klar, das Zersetzungs- 
produkt ist nur nicht immer eine Species sondern kann 
aus mehreren bestehen. Es ist kein Grund vorhanden, das 
besprochene Mineral als ein Gemenge mehrerer Species an- 
zusehen, wenn es auch vielleicht ein Zersetzungsprodukt ist, 
was olme Kenntniss des Vorkommens und der begleitenden 
Gesteine, die hier fehlt, nicht bestimmt werden kann. Ich 
nehme daher das Mineral als eine eigenthümliche Species 
und benenne sie mit Beziehung auf die Gestalt IIa b dionit, 
von qußdiov. Stäbchen. 

Das untersuchte Exemplar stammt aus der Herzog 1. 
Leuchtenberg's chen Sammlung und ist als Fundort an- 
gegeben: Die Nischne-Tagilskischen Gruben am Ural. 



Im Zusammenhang mit dem vorigen untersuchte ich 
auch ein als Asbolan angesprochenes Mineral von Saalfeld, 
welches sich aber ganz anders verhält als der von R a m m e 1 s- 
burg analysirte Asbolan dieses Fundortes. Dieses Mineral 
ist unschmelzbar und färbt die blaue Löthrohrflamme aus- 
gezeichnet carminroth von Lithion, wie dieses durch das 
[1870. 1. 1.] 4 



50 Sitzung der math.-phys. Ctasse vom 8. Januar 1870. 

Spectroskop deutlich erkannt wird. Es kommt in blau- 
schwarzen, zum Theil kleinschuppigen und metallisch glän- 
zenden Massen vor, zum Theil dicht und matt, beim Feilen 
etwas Glanz annehmend, das Pulver ist schwärzlich grau. 
Das spec. G. = 3,65. 

Ich koimte die Analyse nur unvollkommen durchführen, 
da mir reine homogene Stücke nicht in hinreichender Menge 
zu Gebot standen, es ergab sich aber neben Manganoxyd 
54 pr.Ct., 4 Kobaltoxyd, 0,61 Kupferoxyd und 13,4 Wasser 
der bedeutende Gehalt von 23 pr.Ct. Thonerde, obwohl sich 
die Probe vollkommen ohne Ausscheidung von Kieselerde 
in Salzsäure auflöste, 

Der Lithiongehalt zeigt sich äusserst gering ; die Färbung 
der Löthrolirflammo schien einen merklichen Gehalt zu ver- 
rathen. Dieses Mineral erinnert an ein von Bert hier 
analysirtes aus Siegen, welches 17 prCt. Thonerde enthält 
und von ihm als eine Verbindung von Thonerde und Man- 
ganhyperoxyd mit Wasser angesehen wurde. Ich habe von 
Dr. Krantz mehrere Äsbolanvarietäten von Saalfeld erhalten, 
es fand sich aber keine darunter, welche die Lithionreaction 
zeigte. Ein kleiner SpHtter genügt zur Erkennung und 
findet sich das Mineral wohl als ein älteres Voikommniss 
in den Sammlungen. Ich will vorläufig nur darauf auf- 
merksam gemacht haben. 



Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Jamuir 1870. 51 



Herr Professor Zittel macht die Mittheilung dass die 
Erben unseres im vorigen Frühjahr verstorbenen auswärtigen 
Mitghedes Dr. Hermann v. Meyer in Frankfurt a/M. dessen 
gesammteu literarischen Nachlass der hiesigen Akademie, 
und zwar speciell dem palaeontologischen Museum zum Ge- 
schenk gemacht haben. 

H. V, Meyer war bekanntlich einer der ersten Kenner 
fossiler Wirbelthiere und erfreute sich einer so aner- 
kannten Autorität, dass ein grosser Theil der in Deutsch- 
land. Oesterreich und der Schweiz aufgefundenen Wirbel- 
thierreste ihm zur Bestimmung und Bearbeitung zugeschickt 
wurden. 

In Ermangelung einer eigenen Sammlung, verschaffte 
er sich das nothwendige Vergleichs-Material zu seinen Arbeiten 
dadurch, dass er alle Stücke, welche ihm zugesendet wurden 
oder welche ihm in anderer Weise zur Untersuchung zu- 
gänglich waren, mit seltener Meisterschaft und Genauigkeit 
abbildete und austuhiliche Beschreibungen in seinen Manu- 
scripten hinterlegte. Auf diese Weise entstand im Laufe der 
Jährt eine trefflich geoilinete Sammlung von Zeichnungen. 
deren Zahl sich auf mehrere Tausend beläuft. Da alle 
Gegenstände genau in natürlicher Grösse und stets von ver- 
schiedenen Seiten dartrestellt sind, so konnten sie für die 
\yissenschaftliche Benützung die Originalien so gut wie er- 
setzen und je nach Bedarf jederzeit publicirt werden. 

Obwohl nun H. v, Meyer eine höchst fruchtbare liter- 
arische Thätigkeit entfaltete und in den von ihm und Duuker 
herausgegebenen Palaeontographicis eine bedeutende Anzahl 
von Abhandlungen veröffentlichte, so enthält sein literarischer 
Nachlass dennoch eine sehr grosse Menge von Zeichnungen 

4* 



52 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1879. 

unbeschriebener oder nur flüchtig in Zeitschriften erwähnter 
üeberreste, welche für unsere Sammlung fossiler Wirbelthiere 
eine um so werthvollere Bereicherung bilden, als in den 
schriftlichen Aufzeichnungen die Literaturreferenzen, Notizen 
über Vorkommen uud Beschreibungen mit grösster Genauig- 
keit zusammengestellt sind. 

Die Hinterlassenschaft besteht, ungerechnet einer An- 
zahl von Heften über wirbellose Thiere und der gesammten 
wissenschaftlichen Correspondenz des Verstorbenen, aus 32 
Bänden Manuscript, sowie aus Handzeichnungen, ^Yelche in 
16 Folio und 22 Octav Fascikeln geordnet wird. 



Herr Prof. M. Wagner legt sein Buch vor 

,, Naturwissenschaftliche Reisen im tropischen 
Amerika" 

und bespricht dessen Anordnung und allgemeinen Inhalt. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 53 



Philosophisch-philologische Classe. 

Sitzung vom 8. Januar 1670. 



Herr Plath spricht 

„üeber die Quellen der alten chinesischen 
Geschichte, mit detaillirter Analyse des 
Sse-ki und J-sse." 

Mit einer Arbeit über die alte Geschichte China's be- 
schäftiget, musste sich zunächst die Frage aufdrängen : Welche 
Quellen haben wir darüber? und da mau über diesen Ge- 
genstand nirgends bestimmte oder nur sehr verk'-hrte Vor- 
stelkingen antrifft, wird die vorläufige Mittheiluug der Er- 
gebnisse unserer Forschung nicht unangemessen sein. 

unter alter Geschichte China's begreifen wir immer 
die Zeit von Anbeginn bis zu Ende der dritten Dynastie 
(221 V. Chr.). Wir verstehen unter Geschichte nicht blos 
die äussere, politische und Kriegsgeschichte, sondern auch 
die ganze innere Culturgeschichte, was man auch wohl 
Alterthumskunde nennt. Wir haben bloss Nachrichten der 
Chinesen. 

Die Quellen fliessen in den verschiedenen Zeiten sehr 
verschieden. Fehlen authentische Nachrichten für die Ur- 
geschichte ganz, 'fliessen sie in der ältesten Zeit und bis zum 
Anfange der dritten Dynastie (1122 v. Chr.) nur sehr dürftig, 
indem nur auf die ersten Regierungen Yao's, Schün's und 
Yü's (2357—2197 v.Chr.) einiges Licht fällt, und dann fast 
nur der Sturz der ersten und zweiten Dynastie flia und 
Schang oder Yn (1783 und 1122 v. Chr.) und das Auf- 
kommen der neuen Dynastie etwas erhellet wird, so wird es 
mit dem Anfange der dritten D. heller, ausser der politischen 



54 Sitzung der philos.-phüol. Classe vom 8. Januar 1870. 

Geschichte erhalten wir da auch ausführliche Nachrichten über 
die inneren VerhäUnisse und seit dem Verfalle der Kaiser- 
macht der dritten D. der Tscheu und dem Emporkommen 
der Einzelreiche wird auch die äussere Geschichte immer 
reicher, besonders seit der Zeit, wo Confucius seine Chronik 
Tschhüu-thsieu beginnt (722 v. Chr.) und noch mehr in der 
Zeit der streitenden Reiche (Tschen-kue) bis zum Ende der 
alten Zeit. Hier erhalten wir genaue Nachrichten über die 
einzelnen auftretenden Persönlichkeiten , die bedeutendsten 
Fürsten der einzelnen Reiche, ilire Minister, Feldherren, 
Staatsmänner und Politiker , auch von den literarischen 
Grössen, dem Leben, den Meinungen und Aussprüchen, nicht 
nur von Confucius und seinen Schülern, sondern auch der 
von ihnen abweichenden Sekten und Schulen, wie der des 
Lao-tseu u. A., deren Schriften wir noch haben, wie auch 
Abhandlungen über das Kriegswesen, die Moral u. s. w. 
Selbst über die Schrift- und Tonsprache und die Dialekte 
haben wir Schriften, wenn auch nicht aus der Zeit der dritten 
D. Tscheu's selbst, doch aus der einer der nächsten, der Dy- 
nastie Han, deren Angaben über diese Zeit, die ihnen nicht 
allzu ferne lag, nicht zu verwerfen sein möchten. Neben der 
authentischen Geschichte gehen überall spätere , unsichere 
Sagen, Legenden, zum Theil auch Erdichtungen her, die wir, 
so weit sie uns zugänglich geworden sind, doch auch er- 
wähnen müssen. Wir unterscheiden daher 1) die Ur- oder 
Vorgeschichte China's vor Yao und Schüu, 2) die Yao's 
Schün's und Yü's, 3) die Zeit der ersten und zweiten 
Dynastie, 4) die Zeit der Blüthe der dritten D. Tscheu 
seit 1122 V. Chr. und zwar a) die politische und b) die 
innere Geschichte, 5) die Zeit des Verfalles der Kaiser- 
macht und das Aufkommen der einzelnen Vasallen- 
fürsteu, 6) die Zeit des Tschhün-thsieu, Kampf der ein- 
zelnen Vasallenfürsten unter einander mit nur zeitweiligem 
Uebergewichte Einzelner unter ihnen , der 5 s. g. Gewalt- 



Plath: Quellen der alten chhies. Geschichte. 55 

herrscher (Pa), 7) die Zeit der streitenden Reiche, na- 
mentlich der 6 noch übrigen grösseren, bis zur Unterwerfung 
aller dieser durch dioThsin und der Gründung der vierten D. 
und zwar die politische Geschichte und 8) Literatur und 
inneren Verhältnisse zur Zeit von 6 und 7. Wir verbinden 
damit eine Analyse desSse-ki undJ-sse. Sse ma tshien 
in seinem Sse-ki hat zuerst die alte Geschichte China's sy- 
stematisch bearbeitet und ist Muster geworden für die Ge- 
schichtschreiber der spätem Dynastien. Es verdient daher 
eine besondere Beachtung. Wir brauchen über seine Person 
nicht ausführlich zu sprechen, da A. Remusat (Mel. As. II 
p. 133 — 147^} darüber das Nöthige bereits mitgetheilt hat. 
Sein Vater Sse-ma thau hatte 140 — 135 v. Chr. schon 
Materialien zu der Geschichte gesammelt, starb aber darüber 
weg und hinterliess seinem Sohne Sse-ma thsien (geb. um 
145 V. Chr.) die Fortsetzung. Dieser sammelte und ordnete 
alles, was sicli erhalten hatte. Remusat p. 139 nennt einige 
seiner Quellen und giebt die Hauptabthtilungen seiner histo- 
rischeu Denkschriften (Sse-ki in 130 Kiuen) an. Es sind 
1) die Kaiser-Chronik (Ti-ki) von Hoang-ti (2697 v. CLr.) 
bis Han Hiao Wu-ti (122 v. Chr.) B. 1—12. 2) Chrono- 
logische Tafeln (Nien-piao), wie unsere historisclien Atlasse 
10 B. (13—22). 3) Pa-schu, die 8 Bücher (über Zweige 
der Wissenschaften) (B. 23 — 30). 4) Schi-kia, genealogische 
Geschichte der grossen Vasallen der D. Tscheu, der Minister 
und Generäle bis zu der D. Han, 30 B. (31 — 60) und 5) Lie- 
tschuen, Denkschriften über die fremden Länder, Biogra- 
phien von Staatsmännern und Gelehrton 70 B. (61—130). 



1) S. über ihn: Pan-ku's Geschichte der ersten Han B. 62, Sse- 
ma-tshien's Epilog selbst undMa-tuan-lin B. 191 f.8 — 15. P.Amiot's 
Nachricht über ihn Mem. T. III p. 77 ist unvollständig und fehler- 
haft. Es gieht kleinere und grössere Ausgaben des Sse-ki, eine c. 
notis variorum in 32 B, 



56 Sitzung der phäos.-philol. Classe vom 8. Januar 1870. 

Verloren sind von Abth. 1: B. 11 und 12; von 2: B. 10 
(22); von 3: B. 1—4 (23—26); von 4: das letzte (B. 60); 
von 5 : B. 68 (128) ; aber diese sind von TschLu schao sün 
ergänzt. 

Hat Sse ina tsliien die authentischen Nachrichten, 
die er zu seiner Zeit vorfand , gesammelt und systematisch 
verarbeitet, so gibt der I-sse (oder schi) von Ma-so, der 
nach der Vorrede unter Khang-hi Äo. 9 (1670) erschien, eine 
reiche Compilation der alten chinesischen Geschichte vom 
Anfange bis zum Ende der 4. D. Thsin 206 v. Chr. in 
160 Büchern, indem er die Originalstellen und auch die 
späteren wenig zuverlässigen Nachrichten chronologisch zu- 
sammenreihet, (s. Katalog K. 5 f. 20 undWylie p. 23,) was für 
uns von Werth ist, da wir manche der ausgezogenen Werke 
nicht besitzen; sonst vergleicht man diese besser selber, da 
der I-sse alle Stellen ohne die so nöthigen Schollen und 
Erklärungen gibt. Unsere Analyse wird beide Werke genauer 
kennen lehren, so weit sie die 3 ersten Dynastien betreffen. 

Der I-sse zerfallt in 5 Hauptabtheilungen (u pu) 
1) vom höchsten Alterthume (thai ku pu) 10 Kiuen; 2) von 
den 3 Dynastien (san tai pu) 20 K. ; 3) aus der Zeit des 
Tschhiin-thsieu (tschhüu thsieu pu) 70 K, ; 4) aus der der 
streitenden Reiche (tschen kue pu) 50 K. und 5) äussere 
Nachrichten (wai lo pu) 10 K. Die genealogischen Tafeln 
(schi hi pu 23 Blätter) und die chronologischen Tafeln (nien 
piao 74 BJ.) zu Anfange sind dabei nicht inbegriffen. 

Viele seiner Auszüge sind aus Werken in der Sammlung 
Han wei tshung schu; auf diese verweisen wir. Unsere 
Abh. über diese aus d. S.-B. d. Ak. 1868 I, 2. München 1868 
gibt über diese nähere Nachrichten. Andere sind aus den 
s. g. Philosophen (tseu); über diese am Ende; über einige, die 
wir sonst noch kennen , da , wo sie zuerst vorkommen. Aber 
der I-sse führt noch eine Unzahl Werke an , von welchen 
wir weiter nichts wissen; über diese ist nichts zu sagen. 



Plath: Quellen der alten cliines. Geschickte. 57 

1) Die ür- oder Vorgeschichte China's. 

Ueber diese fehlen alle alten, authentischen Nachrichten. 
Ei hat vor Yao sicher schon Fürsten gegeben und es hat 
an Begebenheiten nicht gefehlt. Zu Confucius Zeit und vor- 
her mag man die Namen der hervorragendsten Cultivatoren 
und auch einzelne Begebenheiten gekannt haben; aber er 
und seine Schüler beziehen sich nicht darauf und gehen 
nicht über Yao hinaus; die Nachrichten mochten zu dürftig 
sein , um ihren moralisirenden und politisirenden Lehren 
dienen zu können. 

Die alte Zeit wird von ihm, seinen Schülern und 
Nachfolgern vielfach gepriesen; so im Tschuug-yuug 28, 1, 
Lüü-iü 3, 16 und 7, 19 sagt Confucius, er liebe das Alter- 
thum — er verstand aber darunter nur die Zeit der drei ersten 
Dynastien — und im Tschung-jung 28. ü(obwohl damals noch 
das Reich Ki unter Nachkomn;en der 1. D. und das Reich 
Suug unter NLicLkommen der 2. D. fortbestand), dass die 
Kunde ihrer Einrichtungen nicl.t hinreichend erhalten sei; 
er halte sich daher an die der 3. D. , unter der er lebte. 
Vgl. auch Lün-iü 3, 9. Bei Meng-tseu I, 1, 2, 3 heissen 
Ku, die Alten, die Stifter der 3. D. Tscheu und so meistens 
bei ihm s. den Index. Im Schu-king zu Anfange I, 1 u. 2 
heissen Yao und Schün aber bereits die Alten (ku). Meng- 
tseu III 1, 5, 4 nennt das höchste Alterthum (schang-schi), 
die Generation , wo die Todten noch nicht beerdigt wurden, 
sondern man sie in Gräben warf Der Y-king im Anhange, 
Hi-tse 13, 1 (T. II p. 528), den einige dem Confucius beilegen, 
was aber sehr bezweifelt wird, sijricht von Pao-hi (d. i. Fu-hi), 
Schin-nung, Hoang-ti, Yao und Schün und deren angeblicher 
Erfindungen und Einrichtungen in alter Zeit. Das höchste 
Alterthum heiöst hier Schang-ku, mau wohnte da angeblich 
nur in Grotten und ;<uf dem Felde, bis in späteren Zeiten 
heilige Männer Häuser bauten. Eine andere Stelle über den 
rohen Zustand in dieser ältesten Zeit, angeblich von Confu- 
cius, ist im Li-ki C. Li-yün 9 f. 50 v., auch im Kia-iü 6 f. 12 
und Li-ki 9 f. 46 v., auch im Kia-iü 32 f. 17. Ich habe diese 
Stellen in der histor. Einleitung zum Leben des Confucius, 



58 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 8. Januar 1870. 

Münclien 1867 S. 445 fg. (97 fg.) bereits in extenso mit- 
getheilt , aber auch bemerkt , dass es sehr zweifelhaft ist, 
ob dem eine historische Tradition zu Grunde liege, oder 
es nicht ein blosses historisches Philosophem sei. 

Mehrere Andeutungen im Schu-king und in späteren 
Schritten zeigen, dass man Kunde von der ältesten Zeit 
hatte. Im Cap. Y-tsi II § 4 sagt der Kaiser Schün : ,,ich 
wünsche die Embleme der Alten (ku jin tschi siang), Sonne, 
Mond und Sterne, (auf den Kaisergewändern) zu sehen." 
Solche nahm man also schon vor Schün (2254 — 2204 v.Chr.) 
zu seiner Zeit au. Nach dem C. Tscheu -kuan V, 20, 3 
studiit-n Thaug und Yü (d. i. Yao und Schün) das Alter- 
thum (khi ku) und errichteten darnach die 100 Beamten- 
stellen. Im C. Liü-hing V, 27, 2 sagt Kaiser Mu-wang 
(1000 — 945 v.Chr.): ,,nach alter Belehrung (yo ku yeu hiün) 
erregte Tschi-yeu zuerst Unruhen." Die Note zum Bambu- 
buche bei Legge Prol. T. III p. 108 erwähnt des Kampfes 
gegen ihn unter Hoang-ti vor Yao (2637 v. Chr.). Nach 
Meng-tseu III, 1, 4, 1 kommt zu seiner Zeit ein gewisser Heu- 
liing und will nach (des alten Kaisers) Schin-nung's Worten 
(yeu wei Schin-nung tschi yen tsche) die Einfachheit der alten 
Zeit wieder einführen; au eine solche glaubte man also da- 
mals. Bei Tso-schi Tschao-kung A. 12 f. 61 v., S. B. 21 S. 203 
rühmt der Fürst von Tsu Ling-wang , dass sein Geschicht- 
schreiber der Linken die alten Bücher San-fen, U-tien, 
Pa-so und Khieu-khieu lesen köane. Wir haben die Stelle 
in uns. Abh. Chrono). Grundlage der alten chinesischen Ge- 
schichte. München 1867 S. 26 lg. bereits mitgetheilt. Die 
San-fen sollen von den dreiHoang: Fu-lii, Schin-nung und 
Hoang-ti, die ü(fünf)-tien von den fünf Kaisern (U-ti) 
Schao-hao, Tschuen-hiü, Ti-ko, Yao und Schün gehandelt 
haben. Nach dem Tscheu-H B. 26 F. 31 hatte unter der 
3. D. der Annalist des Aeussern unter sich die Geschichte 
der vier Theile des Reiches, die Bücher der San (<lrei)- 
Hoang und U-ti (fünf Kaiser); diess sollen nach den 
Schol. der San-fen und U-tien gewesen sein. 

Man hat noch ein kleines Werk unter dem Titel San- 
fen, welches im ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt 
entdeckt wurde. Es findet sich in der Sammlung Han Wei 
thsung schu I, 5 ; s. uns. Abh. über diese S. 5, das aber nicht 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 59 

für echt gilt. Die fünf Kaiser (u-ti) werden später öfter 
genannt, aber welche Kaiser unter diesem Namen verstanden 
werden, darüber sind die Chinesen nicht einig. Wir haben 
die Stellen aus dem Kia-iü B. 23 S. 36 — 38 v. über die U-ti, 
auch im Ta-thai Li-ki C. 7 , im I-sse 95, 2 f. 7 v. bis 9 v. 
und zum Tlieil im Sse-ki B. 1 f. l v. in d. Hist, Einl. z. Con- 
fucius Lehen S. 447 — 449 bereits mitgetheilt. Bei Tso-schi 
Tschao-kuug A. 17 f . 9 f g , S.-B. 25, 76—79 und im Kia-iü 
16 f. 19 spricht der Fürst von Than, ein vorgeblicher Nach- 
komme des alten Kaiser Schao-hao, von der angeblichen 
Benennung der Beamten unter Hoang-ti, Schin-iiung, Kung- 
kung, Fo-hi und Schao-hao. Wir haben diese Stelle in uns. 
Abh. über d. Verfassung und Verwaltung China's unter den 3 
ersten Dynastien S. 481 in der Anmerkung bereits angezogen, 
zugleich aber bemerkt , dass darauf wohl wenig Verlass ist. 
Der Kue-iü desselben Verfassers erwähnt auch mehrere 
dieser alten Persönlichkeiten. Kung-kung verliess einst 
nach C Tscheu-iü 1 f. 25 den rechten Weg und veranlasste 
die grosse Ueberschwemraung, das Volk verliess ihn und 
der Himmel rottete ihn aus. Im C. Lu-iü 2 f. 3 heisst es, 
dass einst Lie-schan das Reich inne hatte. Sein Sohn war 
Tschu ; dann erwähnt er auch Kung-kung, Hoang-ti, Tschuen- 
hiü, Ti'ko und darauf Yao, Schün und Yü, im C. Tsching-iü 
3 f. 1 V. fg. auch Kao-sin. Aber alle diese kommen nur 
gelegentlich da vor. 

Eine geschichtliche Reihenfolge der Kaiser, die bis 
in die älteste Zeit reicht, finden wir jetzt zuerst in der 
Chronik des Bambubuches (Tschu-schu Ki-nien), das mit 
dem zwanzigsten Jahre von Yn-wang der 3. D, (293 v. Chr.) 
endet, und wie man daher glaubt, derzeit verfasst worden, 
aber erst 284 n. Chr. im Grabe des Königs Slang von Wei 
(f 295 V. Chr.) aufgefunden wurde, s. Legge T. HI Prol. 
p. 106. Es beginnt diese Chronik p. 108 mit Hoang-ti, 
der 100 Jahre regiert haben soll. Schao-hao wird dann 
blos erwähnt, ohne Angabe der Jahre seiner Regierung, 
Tschuen-hiü (Kao-yang) regiert 78 Jahre, dann Ti-ko oder 
Kao-sin 63; sein Sohn Tschi wird nach 9 Jahren abgesetzt 
und es folgt dann Yao. Die Anmerkungen zum Buche ent- 
halten noch mancherlei Legenden z. B. über die wunderbare 
Geburt und Gestalt Hoang-ti's u. s. w. Das Werk rindet sich 



60 Sitzung der philos.-phildl. Classe vom 8. Januar 1870. 

in obiger Sammlung II, 1 und ist von Biet J. As. Ser. III 
T. 12 und 13 übersetzt und von Legge Prol. T. III der 
Text mit englischer Uebers. herausgegeben worden. 

Sse-ma thsien in seinem Sse-ki B. 1, U-ti Pen-ki, 
das ist die Chronik der füuf Kaiser, beginnt mit Hoang-ti 
(2697 V. Chr.) spricht dann sehr kurz von seinem Enkel 
Tschuen-hiu (Kao-yang); darauf folgen gleich Yao. Schün 
und Yü. 

Vor diesem findet man in der Ausgabe des Sse-ki noch 
den kurzen Sau-hoang Pen-ki. Dieser ist aber erst von 
Sse-ma-tsching*) zu Ende des sechsten Jahrhunderts und 
am Anfange des siebenten n. Chr. verfasst. Die drei Hoang 
heissen bei ihm Fu-hi, Niu-wa und Schin-nung^) (bei 
Andern aber, wie gesagt, anders); s. Remusat 1. c. p. 147. 



2) Man hat von ihm noch ein Supplement zum Sse-ki unter 
dem Titel Su-yn, d i. Untersuchung des Verborgenen in 30 B. ohne 
Kritik aus wenig geachteten Quellen gesammelt s. Mem. T. I p. 85, 
aus welchem die Anmerkungen zum Sse-ki lange Auszüge geben. 

3) Pan-ku, der Geschichtschreiber der späteren Han unter 
Ming-ti (58 — 70 v. Chr.) in seiner chronologischen üebersicht der 
chinesischen Kaiser B. 20 (Ku kin jin piao), beginnt mit Thi-hao 
oder Pao-hi (d.i. Fu-hi), dann folgen Schin-nung, Hoang-ti, Schao- 
hao, Tschuen-hiü, Ti-ko, Tschi (ausser der Reihe) und dann Kao- 
thang, d. i. Yao. Unter Fu-hi werden dann noch Niu-wa, Kung-kung 
und Andei'e genannt, unter Schin-nung Lie-schan Schi. 

Die Anhänger der Tao-sse haben seit der Dynastie Han und 
vielleicht noch früher dann fabelhafte Dynastien in ungeheuren 
Perioden von mehreren lOOü Jahren zwischen Fu-hi und Yao und 
noch vor des Letzteren Zeit aufgeführt. Wir wollen uns aber dabei 
nicht aufhalten, sondern verweisen desshalb auf P. Gaubil : Traite de 
Chronol. chin. in den Mem. c. les Chin. T. IG p. 137 und besonders 
auf P. Premare Discours preliminaire zum Chou-king. 

Es ist auch nicht nöthig, die späteren Geschichtschreiber nach 
Pan-ku hier alle aufzuführen, man findet Einiges über sie bei P. Gaubil. 
Der Art ist Hoang-fu(oder pu)-mi, der Verfasser der Chronik der) 
Kaiser und Könige (Ti-wang schi-ki), der auch mit Fu-hi beginnt, 
den er 110 Jahre regieren lässt, dann folgt Niü-wa nach vierzehn bis 
fünfzehn Regierungen , ohne Angabe der Jalire ihrer Regierung, 
darauf Seh in -nu ng 120 Jahre, dann 8 Fürsten seiner Familie öSOJahre, 
darauf Hoang-ti undSchao-hao je 100 Jahre, Tschuen-hiü 
78 Jahre, Ti-ko 70 Jahre, Tschi 9 Jahre und dann Yao. Alles 
dieses, sieht man leicht, sind willkürliche chronologische Sy- 
steme ohne sichere traditionelle Grundlage. Die wenigen historischen 
Anhaltspunkte hat jeder sich nach seiner Art zurechtgelegt und ein 
chronologisches System sich gebildet. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 61 

Eine Sammlung der verschiedensten Nachrichten der 
spätem Zeit gibt nun derl-sse; nachdem im ersten Buche 
die Voi'stellungen und Ansichten über die Ursprünge (Khai- 
phi schu-yuen schi) aus den Philosophen Lie-tseu, Hoai-nan- 
tseu, Wen-tseu, Schi-tseu (s. unten), aus dem untergeschobenen, 
schon erwähnten Buche San-fen f. 3 v. , dann aus dem Pe- 
hu tung, Po-ya, Ho-i-ki, Scho-i-ki in der erwähnten Samm- 
lung I, 13 und 19, IV, 7 und 8 und andern Werken mit- 
getheilt worden, im B. 2 lioang-wang I-schue erst die Aus- 
drücke Hoang, VVang und Ti erklärt worden und dann nach 
den verschiedenen alten Wörterbüchern (Eul-ya, Schue-wen), 
den Chroniken u. s. w. erörtert, welche Kaiser und Könige 
unter den San (3) -Hoang und ü-ti (5 Kaisern) verstanden 
werden, gibt B, 3 die verschiedenen Nachrichten über Fu-hi; 
B. 4 die über Yen-ti (Schin-nung) ; B. 5 über Hoang-ti; 
B. 6 über Schao-hao; B. 7 über Kao-yang (Tschuen-hiü); 
B. 8 über Kao-sin (Ti-ko) und B. 9 kommt dann zu Kao- 
thang oder Kaiser YuO. 

Die Nachrichten sind aus dem Sse-ki , dem Ti - wang 
schi-ki. dem Schi-pen,"*) dem San-fen, dem Pe Im tung, dem 
Po-ya, dem Sin-schu (in der Sammlung III, 3) aus Li-schi's 
Tschün-tsieu, dann aus den Philosophen Lie-t-eu, Wen-tseu, 
Schi-tseu. Yo-tseu, Hoai-nan tseu. Pao po tseu (über diese 
s. unten). Mythisch und fabelhaft sind die Angaben aus dem 
Ho-i-ki und Scho-i-ki. Keines dieser Werke reicht über die Zeit 
der 5. D. Han (202 v. Chr. bis 220 n. Chr.) und manches nicht 
einmal so weit hinauf; aber auch die ältesten Nachrichten 
schildern uns diese alte Zeit nur den Grundzügen nach, 
wie diese alten Kaiser und ihre .Minister das Volk aus dem 
rohen Zustande emporgehoben haben, w^as, wie gesagt, wohl 
mehr ein historisches Philosophen! ist, als dass es auf einer 



4) Gaubil Traite p. 120 hatte dsÄi Werk nicht erhalten, sondern nur 
Citate daraus. Es soll aus dem Ende der D. Tscheu sein und von 
Hoang-ti bis Nan-wang gehen. P Premare Disc. prel. p. LXXXII 
sagt: che pen est un livre de genealogies incertaines et qui se 
contradissent Sse - ma - tsien le suit, s'il n'en n'est pas l'Auteur. 
Nach der Vorrede zum Sse-ki benützte Sse ma-tsien den Schi-pen, 
wie den Tscheu kue tse. Der Tsien Han-schu C. 30 f. 7 hat Schi-pen 
ISPien. 



62 Sitzung der phüos.-philol. Ctasse vom 8. Janu-ar 1870. 

historischen Tradition beruhte. Wenn bestimuitu einzelne 
Erfinder der verschiedenen Werkzeuge , Künste , Geräthe, 
namentlich im Schi-pen aufgeführt werden, so ist bei den 
Widersprüchen der verschieden Autoren dabei darauf nicht 
mehr zu geben , als wenn Tubalkaiu in der Bibel der Er- 
finder der Erzarbeiten heisst. Wenn Andere die Einfachheit 
und Sittenreinheit der alten Zeit rühmen, so ist das auch 
Einbildung. Wieder Andere umgaben ihre Geburt und ihr 
Leben mit Wundergeschichten und ganze Bücher wurden 
ihnen später untergeschoben. 

2) Vau. Schün, Yü. 

Hier haben wir schon mehr historische Nachrichten im 
Schu-king. Die ersten Kapitel , Yao-tien (I, 1) , Schün-tien 
{II, 1), Ta-yü-mo (II, 2), Kao-yao-mo (II, 3), d. i. die Satz- 
ungen Yao's, die Satzungen Schün's. die Rathschläge des 
grossen Y'^ü und I-tsi (II, 4), welches nur eine Fortsetzung 
des vorigen Kapitels ist, sind allerdings keine gleichzeit- 
igen Urkunden. Die Anfangsworte bei allen: .,die den 
alten Kaiser "i'ao , Schün , Yü u. s. w. untersucht haben 
sagen'" : (jo ki ku ti Yao yuei) zeigen, dass sie aus späterer 
Zeit sind ; sie sind auch nicht einmal rein geschichtlich. Die 
alten Kaiser und ihre Minister werden darin schon verherr- 
licht; indess enthalten sie auch nach Legge's Annahme doch 
historische Thatsachen. Die Gesprächsform zwischen den 
Kaisern und ihren Käthen , in welche sie eingekleidet sind, 
mag dem späteren Verfasser angehören. Die moralischen 
und politischen Regierungsgrundsätze, die den Kaisern und 
ihren Ministem in den Mund gelegt werden, sind aber doch 
wohl die alten chinesischen Grundsätze und ihnen nicht blos 
untergeschoben, wie wir das bei den Aeusserungen ä]»äterer 
Schriftsteller über sie allerdings annehmen müssen. 

Einen anderen Charakter trägt das folgende Kapitt;! 
Y'^ü-kung, d. i. die Tribute Yü's, welches eine Beschreibung 
der 9 Provinzen Ühina's und Yü's Arbeiten zur Entwässerung 



Plath: QueÜeyx der alten chines. Geschichte. 6$ 

des Landes enthält. Dieses Kapitel hat nicht die oben an- 
gezogenen Worte zur Einleitung und wir halten es daher, 
entgegen Biet und Legge, für ein altes gleichzeitiges Docu- 
ment, während die Steininschrift, welche Yü auf dem Berge 
Heng in Hu-nan errichtet haben soll , die er>t Tschao-i zu 
Ende des L Jahrhunderts n.Chr. in seiner Chronik der Reiche 
ü und Yuei (ü Yuei Tschün-thsitu. in der Sammlung II. 4) 
erwähnt und auf welche Klaproth und Buusen. als die älteste 
der Welt nach den ägyptischen des alten Reiches . noch so 
grosse Stücke geben, aus späterer Zeit sein mag. Wir be- 
ziehen uns der Kürze wegen aut unsere Abb. : Die Glaub- 
würdigkeit der ältesten chinesischen ü-eschichte, a. 
d. S. B. d. Akad. 1866 I p. 524 fg., mit den Zusätzen 1867 
I, 2 S. 247 fg. und jetzt auf unsere Abb. : China vor 
4000 Jahrou. München 1869 8", a. d. S. B. I, 2 fg. 

Diese Stücko enthalten die ältesten Nachrichten über 
diese alten Kaiser. Der alte Schu-king enthielt noch einige, 
die verloren gegangen sind. Wir kennen die Titel und 
den Gegenstand derselben aus der Vorrede zum Schu-kinij 
(Schu-siü) bei L^ gge T. 111 p. 1 fg.. welche Einig ; dem Con- 
fucius ohne genügenden Grund zuschreiben . § 3 lautet da : 
..der Kaiser (Schün) regelte die Gebiete, bestimmte die. 
welche im Gebiete residiren sollten . gab ihnen die ver- 
schiedenen Namen , vertheilte die Glassen. Dies? war be- 
schrieben in den (verlorenen 3 Kapiteln) Kuo-tso. die Aus- 
führung der Verwaltung, Kieu-kung. vielleicht die 9 Ab- 
gaben (der Sinn des letzten Wortes ist nicht deutlich) in 
9 Abschnitten (Pien) und dem Kao-yü, wovon die 
Bedeutung ebenfalls ungewisi ist. 

Im Lieder buche (Schi-king) werden Yao und Schün 
nicht erwähnt, unter Yao eigentlich nur der \orstAnd der 
JustizKao-yaoLu-sungimlV, 2, 3, häufiger sein Ackerminister 
Heu-tsi, als der Ahn der dritten D. Tscheu, z. 1'. IV, 2, 4, 
dann Yü; wir haben die Stellen im Zusätze zu u, obigen 



64 Sitzung der philos.-pMlol Classe ro??i 8. Januar 1870. 

Abb. S.-B. 1867 I. S. 250 schon angeführt und wie sie 
einigermassen zur Bestätigung des Schu-king dienen könnten, 
wenn sie diesem nicht entnommen wären. 

Nach dieser Zeit werden diese 3 alten Musterkaiser und 
ihre weisen Minister von Coufucius, seinen Schülern und 
besonders Meng-tseu vielfach gefeiert. Wir verweisen der Kürze 
wegen auf unsere Hist. Einl. zu Confucius u. s. Schüler 
Leben, a. d. Abb. d. Akad. 1867 I. Cl. XL Bd. IL Abth. S. 353 
bis 366 (5 — 18), wo wir die sie betreffenden Stellen zu- 
sammrngestellt hüben. Ihre Aeusserungen können wohl nicht 
als Quellen der Geschichte betrachtet werden ; wir bemerken 
daher nur, dass sie sich im Ganzen auf den Schu-king 
stützen , doch kommen bei Confucius und namentlich bei 
Meng-tseu mehrere Mittheilungen vor, die nur aus der Tra- 
dition geschöpft sein können. Dahin rechnen wie die Nach- 
richt bei Meng-tseu von 9 Söhnen Yao's, die detaillirten 
Nachrichten , über die Nachstellungen , welche Schün von 
seinen Eltern und seinem Halbbruder erfuhr und von der 
grossen Pietät, die er dabei zeigte, Yü's einfaches Leben 
die Angaben über die Art ihrer Nachfolge u. s. w. Con- 
fucius Zeitgenosse, Tsokieuming erwähnt Yao, Schün und 
Yü, auch dessen Vater Kuen, s. Gaubil p. 99, 102, die Urnen 
Yü's und deren Schicksal; s. Gaubil p. 100. Der Tscheu-pei 
suan-king, dessen erster Theil nach Gaubil p. 121 fg. (?) aus 
dem Anfange der D. Tsclieu ist, schreibt Yü die Kenntniss des 
rechtwinkeligen Dreiecks zu (s. P. Premare p. CY u. die üebers. 
der Schrift von Biot im Journ. As. 1841 Ser. III T. 11 p. 601, 
den chines. Text im I-sse B. 151 f. 1 v.), aber auch schon 
Pao-hi, Fu-hi besondere Kenntnisse ; das verdächtigt es ! 

Die Chronik des Bambubuches in ihren Angaben 
über diese 3 alten Kaiser gibt für die einzelnen Data, welche 
der Schu-king anführt, immer bestimmte Jahre an, z.B. 
setzt sie den Erlass an die Astronomen Hi und Ho in Yao's 
erstes Jahr, seine erste Inspectionsreise iu dessen fünftes 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 65 

Jahr u. s. w., Bestimmungen , die wohl kaum historisch 
sind. Einige neue Angaben, wie die Huldigung des Häupt- 
lings der Zwerge in Yao's 29. Jahre, einige physische Phäno- 
mene fügt sie auch noch hinzu. Die Noten zu dieser 
Chronik geben noch allerlei Wundergeschichten über ihre 
Geburt und Gestalt, welche Confucius und seiner Schule 
noch fremd gewesen oder von ihr vernachlässiget zu sein 
scheinen. 

Der Sse-ki begreift Yao und Schün noch unter den 
fünf Kaisern im U-ti Pen-ki B. 1 , Yü aber in B. 2 Hia 
Pen-ki. Was Yao betritft, so sind die Angaben desselben 
über ihn nach dem Anfange zu seinem Preise aus den 
beiden ersten C. des Schu-kiug, dem Yao- und Schün-tien 
entlehnt. Der Schluss 1 f. 13 möchte aus Meng-tseu V, 1, 
5, 1 sein. 

Schün betreffend B. 1 f. 13—21 beginnt mit einer 
Genealogie desselben, wie man sie von Yao bei ihm nicht 
iitidet. Was dann nicht aus dem Schu-king C. Schün-tien (II § 14 
bis 27) ist, entnimmt er wohl Meng-tseu, so ist die Anekdoten 
über die Verfolgung Schün's durch seinen Vater Ku-seu und 
und seinen Halbbruder Siang aus Meng-tseu V 1, 2, 3, wie 
er am Li-schan (Berge) ackerte, fischte und töpferte aus 
Meng-tseu II, 1, 8, 3; die 9 Söhne Yao's, die dieser ihm 
sandte, sind aus Meng-tseu V, 2, 6, 6 u. s. w. W^oher er die 
Nachricht über die Grenzen des Reiches f. 19 und über den 
Tod und das Begräbniss Schün's hat. weiss ich nicht ; man zeigt 
noch die Gräber dieser alten Kaiser in China, ob nach einer 
alten echten Tradition oder einer späteren Erfindung, wer 
mag darüber entscheiden. Die Belehnung seines Halbbruders 
f. 20 ist schon bei Meng-tseu V, 1, 3, 1. 

Yü's Geschichte beginnt wieder mit seiner Genealogie. 
Die folgenden Angaben über ihn sind aus dem Schu-king 
C. Yao-tien § 11, Schün-tien § 17 und den C. Yü-kung 
(f. 3—11), Kao-yao Mo und I-tsi. Die Anekdote, dass er 
bei der grossen Ueberscliwemmung mehrere Jahre sein Haus 
nicht betrat, ist wohl aus Meng-tseu III, 1, 4, 7; seine 
Erhebung wird ebenso wie bei diesem erzählt. Zuletzt er- 

[1870. 1. 1.] 5 



66 Sitzung der philos.-philot Clause vom 8. Januar 1870. 

zählt er noch seinen Tod auf einer Rundreise /u Hoei-lfi. 
Man zeigt da noch Kaiser Yü's Grab. 

Eine sehr reiche Sammlung späterer Nachrichten, Le- 
genden, Fabeln und Erdichtungen über diese alten Kaisei' 
hat der I-sse B. 9 — 12 zusammengestelh. D. 9 Thao 
Thangki, handelt von Yao; B. 10 Yeu Yüki vuu Schün; 
B. 11 Y^ii ping schui-tu vonYü's Wasserarbeiteu u. B. 12 
Hia Yü scheu-schen nch noch von ihm. aber auch >chon 
von seinem Nachfolger. 

Es wäre nicht ohne Interesse, die verschiedei^en Nach- 
richten, Legenden und Fabeln mit welchen später diesc alten 
Kaiser und ihre Minister umgeben wurden, die Dialogen, 
welche ihnen, namentlich bei den s. g. Philosophen (Tseu). 
in den Mund gelegt werden, mitzulheilen ; wir raüssi.n aber 
hier darauf verzichion und können nur au.'' einige der Schriften 
— alle erst aus der Zeil der 5. D. Hau und später, denrn 
sie entnommen sind, hinweisen, und etwa die Nachrichten 
über Yao beispielshalber kurz andeuten. Ausser dem Schu- 
king — Meng-t?eu und die Schüler des Con^'ucius werd-n eigen- 
thümlicher Weise nicht angefüjirt — wohl aber der Ta-thai 
Li-ki und der grosse Commentar zum Schu-king; (Schang- 
schu Ta-tschu^^n) und Ti Yao Pei , ein angebliches Stein- 
denkmal des Kaisers Yao, — von späteren Geschichtswerken, 
ausser dem Sse-ki die s. g. Chronik Liü-schi's (Tschün-thsieu^^, 
die schon erwähnte Chronik der Kaiser und Könige von 
Hoang fu-mi,^) der unechte Y^o-tseu, die späteren Philosophon 
Kuang-tseu, Tschuaüg-tseu, Schi-tseu, Hoai-nan-tseu u. A., dann 
von Miscellaneen der Pe-hu-thung, der Sin-schu, Schue-yuen. 



5) 26 verschiedene Abhandlungen , die ^^ele sonst nicht 
bewährte historische Angaben über die alte Geschichte Chinas ent- 
halten. Der Verfasser soll Liü-pu-wei aus der Zeit Thsin SchiHoang- 
ti's (240 V. Chr.) sein: s. Han-schu K. 30 f. 20 n. Kat. 13 f- 2 v. (unter 
Tsa Kia), vgl. Wjlie p. 126. 

6) Dieses Werk aus d. D. Tsin, dessen Vf. 282 n. Chr. starb und 
den Tao-sse sich zuneigte, existirt nach Gaubil Tr. p. 142 nicht mehr 
ganz, sondern nur Fragmente davon bei andern Historikern, aber 
desselben Verfassers Kao-sse tschuen haben wir in der oft er- 
wähnten Sammlung II, 14. Es enthält kurze Biographien berühmter 
Chinesen von Yao bis auf seine Zeit, 8 aus Yao's Zeit; siehe meine 
Abh. über die Sammlung S. 291 fg. und Wylie p. 28. 



Plath: QueUen der alten chines. Geschichte. 67 

Po-voe-tschi. Tsieu-fu-lün, Ho-i-ki u- Scho-i-ki^), Lo-thao^), 
Schan-bai-king^) , Ku-kin-tschu und Lün-heng. Der Tha- 
thai Li-ki im I-sse 9 f. 1 spricht von Yao's Geburt nach 
14 monatlicher Schwangerschaft seiner Mutter , von seiner 
Gestalt u. s. w. und später f. 9. von seiner Frau. 

Die Chronik der Kaiser und Könige erwähnt seiner 
Söhn^' un 1 gibt für seine Geburt, Thronbesteigung, die Ueber- 
tragung der R'-gentschaft an Schün und seinen Tod in sein^'^m 
118. Jahre, im 98, seiner Regierung das bestimmte Jahr, 
jedesmal mit dem Cycluszeichen an. Sie nennt auch den 
Ort seines Begräbnisses Ko-lin. Eben diesen nennen auch 
Me-tseu (Jieser mit näheren Angaben über seine Beerdigung) 
Liu-schi's Tschhün-thsieu und der Schan-iai-king). In diesen 
könnte man einige l)istori>che Data erhalten glauben, obwohl 
kaum in den so bestimmten Zeitangaben. 

Der Schue-yuen im I-sse f. 6 u. Hoai-nan-tseu nennen 
die Hauptämter unter Yao und die Männer, welche sie 
bekleideten. Die meisten sind aus dem Schu-king. Es 
kommen aber auch einige vor, die sich dort nicht finden, und 
die detaillirte Angaben über ihre Thätigkeit bei dem letztern, 
sowie die über die Erfindungen zu seiner Zeit und die 
Thätigkeit namentlich Heu-tsi's im Sin-iü ib. f. 6 v. sind 
wolil mehr ein Produkt der Phantasie, als geschichtliche 
Tradition; s. m. Abb. China vor 4000 Jahren S. 107. 

Der Ajt ist auch wohl die Schilderung der Einfachheit 
der Wohnung, Kleidung, Nahrung und Hauseinrichtung Yao's, 
im Gegensatze zum Luxus späterer Zeiten, bei Hoai-nan-tseu 
ib. f. 1. V. und bei Schi-tseu f. 2 und aus dem Lo-thao f. 2. 

Ebenso wenig wird auf die Schilderung von Yao's 
Regierung und sein Vordringen bis Kiao-tschi und zur 



7) Diese 9 in der Sammlung I, 13; III, 3 u. 5: IV, 2: IV, 1 ; (s. S.80) 
III, lOu. II u. IV, 7u. 8; s. m. Abb da u. Wylie p. 127. 67. 153. 128 
u. 154. 

8) D. i. die 6 Köcher, ein untergeschobenes Werk aus der Zeit 
nach D. Han, angeblich von Liu-wang, Minister Tscheu Wen-wang'a 
S. Kat. 9 f. 22 v. u. Wylie f. 72. 

9) D. i. das classische Buch über Berge und Flüsse in ISK., eine 
alte phantastische Geographie Chinas, angeblich aus Yü's Zeit, man 
meint aus der D. Tscheu j siehe Katalog K. 14 f. 29, Wylie p. 35 und 
Bazin im Journ. As. 1839 B. 8. Es ist in Berlin d. Ausgabe von 1667 
in 23 Büchern in 4 Heften nach Schott's Entwurf S. 77. 



68 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 8. Januar 1870. 

Sandwüste (Lieu-sclia) im Sin-schu ib. f. 3 v. etwas zu geben 
sein u. s. w. Für ganz erdichtet wird man die Reden und 
Dialoge halten müssen, die ihm verschiedenthch beigelegt 
werden. Die Geschichte der Hau (Han-schu) ib. f. sagt 
schon : ,,In der Klasse der kleinen Literatur (Siao schue- 
kia) ist ein Werk von Tsching-tsu in 11 Abschnitten (Pien) ; 
dieses enthält Fragen von Yao, aber dipses ist keine alte Rede." 

Sehr weitläufige Angaben aus der Chronik der Kaiser 
und Könige, aus Tschuang-tseu und ähnliche aus Liü-schi's 
Tschhün-thsieu, dann aus I'u-tseu, Han-fei-tseu, und dem Kao- 
sse-tschuen hat der I-sse f, 7 bis 9 über einen Hiü-yeu, dem 
Yao in seinem Alter die Herrschaft übertragen wollte, der 
sich aber weigerte und in die Eins;imkeit entfloh, ebenso als 
er ihn zum Vorstand der 9 Provinzen machen wollte. Es 
soll sein Grab noch gezeigt werden und ein Werk : Copien 
alter und jetziger Musik (Ku kin yo-lo) soll ein Gedicht ent- 
halten, das Yao auf ihn machte. Weder der Schu-king noch 
Confucius, seine Schüler und Nachfolger erwähnen aber seiner. 

Endlich finden sich hier noch mancherlei Wunder- 
geschichten und gute Wahrzeichen (Omina), welche 
Yao's Regierung verherrlicht haben sollen, seltene Pflanzen, 
die an ungewohnten Orten aufschössen, seltene Vögel, wie 
der chinesische Phönix ( Fung-hoang), grosse geisterhafte 
Schildkröten, glänzende Sterne, die am Himmel leuchteten u. 
ein süsser Thau, der auf die Eide herabfiel. Der Scho-i-ki 
ib. f. 5 führt zehn solcher glücklichen Wahrzeichen (Sui) 
auf. Auch der Ho-i-ki ist weitläufig darüber. Wir finden 
dergleichen auch aus dem Schang-schu tschung-lieu ib. f. 5 
und einem besonderen Werke, welches die Chinesen über solche 
Wahrzeichen haben, (dem Sung fu sui tschi), dann aus dem 
Tien-kieu-tseu und dem Po-voe-tschi. Das alte etymologische 
Wörterbuch der Schriftsprache, der Schue-wen, aus der Zeit 
der D. Han, erklärt schon den Namen einer solchen Pflanze 
von guter Vorbedeutung, welche zu Yao's Zeiten angeblich 
wuchs. 

Dieses mag als Andeutung dessen, was man in diesen 
späteren Schriften über diese alten Kaiser findet, dienen. 
Wir müssten zu weitläufig werden, wollten wir ähnliche auch 
über seinen Nachfolger geben , oder sie ausführhcher mit- 
theilen : doch ist es vielleicht von Interesse für die Geschichte 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 69 

der Legenden- und Mytheubildung später einmal in ein 
grösseres Detail darüber einzugehen. Confucius und seine 
Schule haben, Rationalisten wie sie sind, dergleichen wenn 
es auch vielleicht zu seiner Zeit sich schon vorfand, unbeachtet 
gelassen ; es ist aber China ebenso wenig fremd, als dem 
westlichen Asien, dem Europa seine Legenden verdankt. 

3) Dürftige Nachrichten über die erste und zweite 
Dynastie (2205 — 1122 v. Chr.). 

Wir haben schon gesagt, dass wir über die folgenden 
Kaiser, mit Ausnahme der Geschichte des Sturzes der 
Dynastien fast gar keine Nachrichten haben. Es begreift 
sich das, da der Schu-king, jetzt die Hauptquelle, kein 
Gesichtswerk nach unserer Art, sondern mehr ein Spiegel der 
Regierung zur Nachahmung oder Warnung sein sollte, deren 
Confucius aus so alter Zeit nur wenige noch vorfinden mochte. 

a) Aus der ersten Dynastie Hia (2205 — 1766 v. Chr.) 
hat der Schu-king nur drei Stücke: 111,2 Kan-tschi. die 
Rede (bei der Schlacht) von Kau, nach der Vorrede zum 
Schu-king § 6 und Sse-ma-tshien von Yü's Sohn und Nach- 
folger Khi, während Tschuang-tseu und Lieu-hiang in seinem 
Schue-yuen B. 7 von Yü sprechen und auch Me-tseu sie 
noch Yü zuschreibt. Andere wie Liu-schi's Tschün-thsieu im 
I-sse B. 12 f. 9 setzten sie schwerlich richtig sogar erst unter 
den späteren Kaiser Hia Siang; s. Legge T. 3 p. 153. Der 
Text spricht nur vom Kaiser, ohne ihn zu nennen. HI, 3 
U-tseu tschi-kho, d.i. der Gesang der 5 Söhne, eigentlich 
Brüder (Thai-khang's), enthält ihre Klagen, als dieser Kaiser 
ausartete, dem sie ihres Ahnherrn Yü weise Gründsätze vor- 
halten. Der Kue-iü und Tso-tschuen citiren Stellen daraus, 
man setzt das Cap. 21G9 v. Chr. Wir haben es mitge- 
theilt in unserer Abhandlung China vor 4000 Jahren S. 130. 
in, -i endlich Yn-tsching, geht auf den sonderbaren 
Strafzug gegen die Astronomen Hi und Ho, die ihr Amt 
vernachlässigt hatten, unter Kaiser Tschung-khang, (2159-2146 



70 Sitzung der pTiilos.-philol. Classe vom 8. Januar 1870. 

V. Chr.^, dem vierten Hia. Die folgenden 12 Kaiser der 
1. D. werden im Schu-king gar nicht erwähnt, mit Aus- 
nahme des letzten Kie beim Sturze der D. Die Vorrede 
zum Schu-king § 6 — 8 kennt auch keine andern etwa ver- 
loren gegangenen Stücke. Bei Confucius. seinen Schülern 
und Nachfolgern wird ausser dem letzteren, dem Tyrannen 
Kie, auch keiner weiter erwähnt. 

Das Bambubuch bei Legge Prol. T. III p. 118— 127 ist 
über diese Dynastie auch sehr kurz, doch erwähnt es manche 
Einzelheiten über ihre Residenzen. Visitationsreisen, Anstell- 
ungen u. s. w. wieder mit bestimmten Jahresangaben. 
Unter Tschung-khang's Nachfolger Kaiser Siang brachen 
Unruhen aus, er musste fliehen vor seinem Minister, den 
tödtete sein Beamter Han-tso, der dann auch den Kaiser 
Siang umbrachte und sich zum Kaiser aufwarf. Indess war 
die Frau des ermordeten Kaisers schwanger und gebar 
den Schhao-khang, d. i. den kleinen Khang, der nach 40 
Jahren wieder auf den Thron gelangte. Wir kennen diese 
Geschichte nur aus Tso-tschuen Siang-kung Ao. 4 ; s. Gaubil 
Tr. f. 99. Meng-tseu IV, 4, 2, 24 und Lün-iü 14, 1. 6 er- 
wähnen den J. aber nur als ausgezeichneten Schützen. Diese 
Geschichte kommt nun auch im Banibubuche vor. Aus der 
Zeit der folgenden Kaiser werden nur einzelne Kämpfe mit 
Vasallenfürsten und barbarischen Stämmen oder deren Hul- 
digung erwähnt. Tso-tschuen erwähnt noch des Grabes von 
Ti-Kao und spricht von Khung-kia, auch derKue-iüTscheu- 
iü 1 f. 30 V. 

Der Sse-ki B. II Hia Pen-ki enthält über Yü's 
sämmtliche Nachfolger nur zwei Blätter f. 14 — 16 v. ausser 
dem, was dem Schu-king entnommen ist , fast nur die Namen 
der Kaiser, nicht einmal mit Angabe ihrer Regierungsjahre, 
selbst die Geschichte von Siang und seinem Nachfolger 
Schhao-khang wird nicht einmal erzählt, nur von Khung-kia 
wird sein Aberglaube und der Verfall der D. erwähnt. Den 
Untergang der D. hat er schon in der Geschichte der 2. D. Schang. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 7 1 

Aus dem I-sse gehören zwei Bücher hieher. B. 12 Hia 
Yü scheu -sehen und B. ]3 Schhao-khang tschung 
hing; ß. 14 Schang-Thang mie Hia enthält dann schon 
die Vernichtung der D. Hia durch den Gründer der zweiten 
D. Tsching-thang. B. 12 handelt fast ganz f. 1—8 v. von 
Yü; von seinem Sohne und Nachfolger Khi nur f. 8 v. — 9 v. 
Ausser dem Schu-king, dem Sse-ki und dem Bambubuche 
sind hier noch Stellen aus den Schol. zum Tsu tse***) (tschü). 
Aus Meng-tseu V 1. 6. 1 wi?=sen wir, dass Yü das Reich 
seinem Minister Y hinterlassen wollte, aber das Volk folgte 
nach seinem Tode nicht diesem, sondern seinem Sohne Khi. 
Dieses wird auch hier berichtet, und ebenso im Yuei tsüe- 
schu. Aus dem Banjbubuche wird angeführt, dass Khi ihn 
tödtete, was in unserm nicht steht. 

Aus dem Tao kien-lo^^) wird noch von einem kupfernen 
Schwerte aus seiner Zeit berichtet. Auch von einer Musik 
und Liedern aus seiner Zeit ist noch die Rede im Tsu-tse- 
tschü. B. 13 gibt über T^chung-khang nur die Stelleu des 
Schu-king, Sse-ki und des Bambubuches; der Tsu tse tschü 
spricht wieder von der Musik des ersten. 

Aus der Geschichte der späteren Han (Heu Han-schu) 
wird des Abfalles der Barbaren f. 2 erwähnt. Die Geschichte 
der Kaiser und Könige erzählt dann f. 2. v. die Geschichte 
von J, seinen Vorfahren, seiner Ermordung durch Han-tso 
und wie dieser den Kaiser Siang tödtete und den Thron 
usurpirte, bis er wieder getödtet wurde und Schao-khang auf den 
Thron gelangte. Auch aus dem Bambubuche und dem 
Tsu-tse-tschü wird dieses berichtet. Aus der Chronik von 
U und Yuei wird erwähnt, wie Kaiser Schhao-khang den \Vu-yü 
niit Hoei-ki belehnte, um die Opfer Yü's fortzuöetzen. Von 
den folgenden Kaisern gibt auch der I-sse nichts als die 
Namen aus dem Sse-ki und dem Bambubuche. 

B. 14 handelt mehr vom Stifter der zweiten D. Thang, 
der die erste D. vernichtete, doch gibt er f. 2 noch Stellen 
über den 14. Hia-Kaiser Khung-kia aus dem Sse-ki und 



10) Es sind dies wohl die Gedichte aus dem Reiche Tsu ; siehe 
Wylie p. 181. 

11) Das Werk ist in der oft erwähnten Sammlung IV 26; s. m. 
Abh. S. 324. 



72 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 8. Januar 1870. 

Liü-schi's Chronik; aus dem Tao kien lo eine Notiz über 
ein eisernes Schwert aus seiner Zeit ; noch hat er eine Ge- 
schichte von ihm aus dem Lie-sien tschuen^-). 

Ueber den letzten Kaiser der ersten D. Kie folgt dann 
nach der Stelle des Sse-ki eine aus der Chronik der Kaiser 
und Könige, dann aus dem Lie-niü-tschuen namentlich über 
seine Frau, die auch im Kue-iü sich findet, und noch einige 
kurze Stellen über Kie aus Schi-tseu und Me-tseu f. 3. 

b) D. Schang. lieber den Sturz des letzten Hia- 
Kaisers und die Gründung der zweiten Dynastie 
durch Tsching-thang hat der Schu-king B. IV im Schang- 
schu schon mehr Dokumente. Es sind folgende: IV, 1 
Thang-tschi, Anrede Thang's an sein Heer vor dem Kriege; 
IV, 2 Tschung-hoei tschi-kao. Sein Minister Tschung- 
hoei beschwichtigt da seine Bedenken wegen seiner Usur- 
pation; IV, 3 Thang-kao endlich ist eine Proklamation des 
neuen Kaisers Thaug nach seinem Siege. 

Nach der Vorrede zum Schu-king § 9 — 14 sind mehrere 
Capitel, die Thang betrafen, verloren gegangen. Es heisst 
da § 9 von Sie (dem Ahn der 2. D. zu Yao's Zeit) an 
wurde ihre Residenz achtmal gewechselt. Thang wohnte 
erst in Po, wie sein Ahn und verfasste da (die beiden ver- 
lornen C.) Ti-ko und Li-yo; § 10 als Thang die Vasallen- 
fürsten züchtigte, begann er mit dem Häuptlinge von Ko 
der nicht opferte und verfasste das (verlorene) C. Thang- 
tsching (auf diese Begebenheit spielt Meng-tseu III, 2. 5 an); 
§11 Y-yn kam von Po nach Hia, unwillig über dessen 
Fürsten, kehrte er aber nach Po zurück. Als er in das 
Nordthor eintrat, begegnete er Ju-kieu und Ju-fang. Dies 



12) Es ist dies eine Biographie von 70 ihrer Unsterblichen, von 
einem Tao-sse in 2 K., die Lieu-hiang unter der D Han zugeschrieben 
wird , aber wohl erst aus dem 3. oder 4. Jahrhunderte nach Chr. ; s. 
Katalog K. 14 f. 42 und Wylie p. 175. Das Werk ist in Berlin; s. 
Schott's Verzeichniss S. 8. 



Platli : Quellen der alten chines. Geschichte. 73 

war Anlass zur Abfassung der beiden gleichnamigen (ver- 
lorenen) Cap. ; § 13: Als er Hia besiegt hatte, wünschte er 
dessen Opfer au den Geist des Feldes zu ändern, konnte es 
aber nicht. Darauf bezogen sich die drei verlorenen C. 
Hia-bche. I-tschi und Tschiu-hu; § 14: Nachdem Hia's 
Heer völlig geschlagen war, verfolgte Thang es, griff es an 
zu San-tsung und eroberte seine kostbaren Steine und 
Gemmen. I-pe und Tschung-pe verfassten in Bezug darauf 
(das verlorene) (J. Tien-pao; endlich verfasete nach § 17 
Kao-schen (das verlorene) C. Ming-kiu. 

Aus der Regierung von Thang's Nachfolger Thai-kia 
sind auch mehrere C. nach der Vorrede zum Schu-king 
verloren gegangen. Vorhanden ist noch IV. 4: Y-yn, 
die Ermahnung des Ministers Y-yn, dann I\' 5 das C. 
Thai-kia in 3 Abthlg., Ermahnungen des Ministers Y-yn 
an den Kaiser Thai-kia, da der nicht gut that und er ihn 
3 Jahre einsperrte und IV, 6.: Hien-yeu-y-te, eine Er- 
mahnung des Ministers als der Kaiser die Selbstregierung 
antrat. Verloren sind nach der Vorrede § 18 aus dieser 
Regierungszeit die 2 (J. Sse-ming und Tsu-heu. 

Im jetzigen Schu-king sind nun keine weiteren Documente 
erhalten über die späteren Kaiser der 2. D. bis zum 17. Die 
Vorrede des Schu-king § 21 — 26 erwähnt indessen mehrere 
verlorene Gap. § 21: Als Yo-ting den Y-yn in Po beerdigt 
hatte, wurde das C. Yo-ting verfasst, das die Lehren und 
Thaten des verstorbenen Ministers enthielt; § 22: Als I-tsche 
Premierminister von Kaiser Thai-meu war, wuchs sonder- 
barer Weise im Hofe der Residenz Po ein Maulbeerbaum 
und eine Kornähre. Der Minister erzählte Wu-hien davon 
und der verfasste das verlorene C. Hien-i in 4 Abschn.; 
§ 23: Der Kaiser sprach mit seinem Minister I-tsche darüber, 
und so entstanden die verlorenen C. I-tsche und Y^uen- 
Ming; § 24: Kaiser Tschung-ting verlegte seine Resi- 
denz nach Hiao und auf diesen Anfess wurde das verlorene 



74 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 8. Jatniar 1870. 

C. Tschung-ting verfasst; §25: Kaiser ilo-tan-kia lebte 
in Siaag und da wurde das uach ihm genannte verlorene 
C. verfasst; § 26: üer Kaiser Tsu-y hatte Ungemach in 
Keng und da wurde das nach ihm genannte verlorene C. 
verfasst. 

Die folgenden Cap. sind nun in unserem Schu-king er- 
halten: IV 7, das G. Puan-keng, enthält 3 Proclamationeu 
dieses 17. Kaisers der 2. D., als er seine Residenz verlegte 
und das Volk murrte. Von seinen beiden Brüdern und 
Nachfolgern gibt es kein Document. IV 8, Yue-ming in 

3 Abschn., geht auf einen Traum des Kaisers Kao-tsung, 
in welchem er den Minister Fu-yeu sah, den er dann auf- 
suchen Hess. Aus der Zeit dieses Kaisers ist auch das C. 
IV, 9 Kao-tsung yung ji, eine Vorstellung von Tsu-ki, 
bei der Gelegenheit eines Opfers. Verloren ist nach der 
Vorrede § 29 das C. Kao-Tsung tschi hiün, Ermahnung 
an den Kaiser von demselben Tsu-ki. 

Die folgenden Cap. sind schon aus der Zeit des Sturzes 
der D. ; so IV, 10 Si-pe kan Li, als der Fürst des Westens 
(der Stifter der 3. D.) Li erobert hatte, eilte Tsu-i zum 
letzten Kaiser der zweiten D. , es ihm zu melden ; und 
IV. 11 Wei-tseu enthält die Klagen dieses Prinzen der 
zweiten D. über den Verfall derselben. Von 40 Gap., welche 
diese D. betrafen, sind also nur 11 erhalten. 

In der 5. Abtheilung des Schu-kings, dem Buche der 
Tscheu, kommen noch einige Stellen vor, welche auf die 
Kaiser der 2. D. sich beziehen; so im C. Li-tsching V, 19, 

4 fgg. über den Gründer Thang; im G. Wu-i V, 15, 4 fgg. 
werden die Kaiser Tschung-tsung, Kao-tsung und 
Tsu-kia von Tscheu-kung gerühmt, — sie hätten daher 75, 
59 und 33 Jahre regiert, während ihre vergnügungs- 
süchtigen Nachfolger nur 10,7—8, 5 — 6 oder 3— 4 Jahre — 
ebenso im C. Kiün-schi V, 16, 7 die würdigen Minister 
der Kaiser Y-jn der Thang's, Pao-heng der Thaikia's, 



Plath: Quellen d^r alten chines. Geschichte. 75 

I-tsche, Tschin-hu und Wu-liien. die Thai-meu's; 
dieser auch der Tsu-y's uud Kan-puau der W u-tiug's, was 
eine genaue historische Kenütiiiss dieser Zeit, die uns ab- 
geht, voraussetzt. V, 14, 7 wird gesagt, dass von Tsching- 
Thangbis Ti-y die Fürsten ausgezeichnet waren, ebenso V, 18. 
10 und V, 10, 9. 

Das Liederbuch (Schi-king) ist erst aus der 3. D. ; in- 
dessen dauerte uuter dieser die Kaiserfamilie der 2. noch 
im Reiche Sung fort und in den Liedern aus diesem 
Reiche Schang-suug werden die Ahnen derselben gefeiert 
IV, 3. 3 uud 4 enthahen die älteste Nachricht über die 
angebh'ch wunderbare Geburt des Stifters dt-rselben Sie, 
der Minister unter Yao gewesen sein soll; dann erwähnt 
das Lied einen Nachkommen desselben Siang-tu und be- 
sonders den Stifter der D. Thang und dessen Thaten. Diesen 
feiern auch IV 3. 2 und neben dem Kaiser Kao-tsung IV 
3, 5, aber in späteren Liedern des Ahuentempels. Der Fürst 
Thai-kung von Sung seit 799 v. Chr. soll deren 12 gesammelt, 
Confucius abernur noch 5 vorgefunden haben, s. laGharmep.319. 

Gonfucius und seine Schüler und Nachfolger beson- 
ders Meng-tseu preisen namentlich den Stifter Tschiug- 
thang und seinen ^linister Y-yn. Wir bezieheu uns der Kürze 
wegen auf unsere historische Einleitung zu Confucius 
Leben S. 19 — 23, wo wir alle sie betreffenden Stellen ge- 
sammelt haben. Meng-tseu erwähnt speciell sein Verfahren 
gegen den Fürsten von Ko, widerspricht der Legende, dass 
Y-yn den Kaiser durch seine Kochkunst gewonnen habe, und 
lässt dann Wai-ping, Tschuug-jin und Thai-kia auf ihn folgen, 
den Y-yn dann 3 Jahre einsperrte, bis er sich besserte. Von 
den folgenden Kaisern wird namentlich Wu-ting noch erwähnt. 

Das Baiiibubuch spricht p. 128 — 141 von den Kaisern 
der 2. D. Die Note zu Anfang gibt die Legende von der 
wun'lerl aren Geburt des Ahnherrn der D. Sie; sonst gibt 
es nur kurze Notizen, einige von Naturvorkommnissen, auch 



76 Sitzung der philos.-phüol. Classe vom 8. Januar 1870. 

einzelne Wunder oder gute Wahrzeichen werden berichtet. 
Auf den Stifter lässt es, wie Meng-tseu Wai-ping und Tschung- 
jin und dann erst Thai-kia folgen. Hier hat es die ab- 
weichende Notiz, dass der Minister Y-yn ihn einsperrte und 
sich des Thrones bemächtigte, bis jener im 7. Jahre entfloh 
und darauf den Minister tödtete ; dreitägig anhaltende Nebel 
veranlassten ihn aber Y-yn's Söhne wiedi^r zu Aenitern zu er- 
heben. Die Notizen über die folgenden Kaiser sind sehr kurz 
und heben vorzugsweise nur ihre Residenz in Po unter dem 
ersten bis neunten, in Hiao unter dem zehnten bis zwölften, 
in Keng unter dem dreizehnten, in Pe unter dem vier- 
zehnten bis siebenzehnten, in Yen unter dem aclitzehnten 
und in Yn unter dem 19. bis 30. Kaiser hervor. Aus der 
Vorrede des Schu-king wissen wir, dass die verlorenen C. 
desselben den W'echsel der Residenzen betrafen. Etwas 
ausführlicher ist das Bambubuch über den 22, Kaiser Wu- 
ting und den 24. Tsu-kia, unter jenem gibt die Notiz f. 13 
die Gränzeu des Reiches an. Vom 27. Wu-y an bilden die 
Thaten der Vorgänger des Stifters der 3. D. Tscheu schon 
die Hauptbegebeuheiten. 

Der Sse-ki ß. 3 Y'n Pen-ki beginnt mit der Legende 
von der wunderbaren Geburt des Ahnherrn der D. Sie nach 
dem Schi-king, und der Dienste, welche er unter Yao 
nach dem Schu-king leistete, nennt dann seine Nachkommen 
bis auf Tschiug-thang. Bis dahin wurde die Residenz acht- 
mal gewechselt. Bei den Nachrichten über Thang und Y-yn 
liegen die des Schu-king und Meng-tseu's zu Grunde. Vor 
Thai-kia hat er dann f. 5, wie ^leng-tseu, die erwähnten 
beiden kurzen Regierungen. Von Thai-kia wird seine Ein- 
speirung und Besserung erwähnt; von seinen Nachfolgern 
nennt er nur die Namen, ohne auch nur die Dauer ihrer 
Regierung anzugeben. Fast nur, wo der Schu-king oder die 
Vonede zum Schu-king einiges Detail hat, findet es sich 
auch hier, so unter Kaiser Puan-keng, Wu-ting's Traum 
f. 7 fgg., dann wieder die blossen Namen der Kaiser, nur 



Flath: Quellen der alten chines. Geschichte. 77 

von Wu-i wird f. 9 die Gottlosigkeit berichtet, wie er Pfeile 
gegen den Himmel abschoss und dafür vom Blitze erschlagen 
wurde. Wir haben die Stelle in u. Abh. üeber die Rehgion der 
alten Chinesen I S. 20 bereits angezogen. Etwas ausführlicher 
spricht er von dem letzten Kaiser dieser D. Ty-sin oder 
Scheu f. 9 fgg. 

Im I-sse handelt das ganze 14. Buch Schang Thang 
mie Hia von dem Stifter der 2. D. Thang und dem Unter- 
gänge des letzten Kaisers der ersten D. Kie. Er beginnt 
auch mit der Legende von der wunderbaren Gebuit des Ahn- 
herrn der D. Sie, nachdem Sse-ki, Lie-niü-tschuen^^), dem 
Ku-sse-kao, Liü-schi's Chronik und dem Ho-i-ki, dem Suug 
schu-fu-sui-tschi und dem Schi-king u. nennt dann seine Nach- 
folger nach dem Ss(:-ki. f. 1 v. erzählt Tsching-thang's 
Geburt nach der Chronik der Ktiiser und Könige und seine 
angebliche Gestalt nach dem Lo-schu, Pe-hu-thung u. A. 
Aus dem Sse-ki und Liü-schi's Chronik wird der Verlall der 
ersten D. seit Khuug-kia und den iolgenden Kaisern erwähnt, 
namentlich die Tyrannei des letzten Kaisers Kie und seiner 
Frau nach dem Lie-niü-tschuen u. A. Eine Geschichte von 
Thaug's Verfahren gegen den Pursten von King f. 3 v. aus 
dem Yue tsue schu klingt ziemlich wie die gegen den Fürsten 
von Ko bei Meng-tseu s. oben S. 75. 

Die von Meng-tseu schon verworfene Anekdote, dass 
Thang's Minister Y-yn ihn durch seine Kochkunbt gewonnen 
habe, wird hier aus dem Sse-ki mitgetheilt, seine wunder- 
bare Geburt aus Liü-schi ; wie Thang zu ihm kam aus dem 
Tsu-tse tschü, Me-tseu u. A., dann aus der Chronik der 
Kaiser und Könige, dem Shi-iü^*) und Han-fei-tseu, f. 4 
wie er als Koch auftrat. Ausführlich ist Liü-schi neben 
andern Erzählungen über ihr Zusammentreffen, auch Me-tseu 
u. A. ; f. 6 schildert dann Kie's Tyrannei und Ausschweif- 
ungen nach dem Siu-siü^*) und Schang-schu ta-tschuen^^) 

F. 6. V. folgen Stellen aus Hoai-nan-tseu, Me-tseu und 



13) Biographien berühmter Frauen von Lieu-hiang aus der D. 
Han im I.Jahrhunderte, in7K.; s. Katalog K. ü f. 12 v. u. Wylie p. 28. 

1-4) Beide Werke, der Sin-iü u. Sin-siü, sind in der Sammlung 
III, 2 u. 4; s. m. Abh. S. 294 u. 296 u. Wylie p. 67. 

15) 4 K.; s. Katalog K. 2 f. 11. 



78 Sitzung der phiTcs-phtlöl. Classe vom 8. Januar 1870. 

dem Sin-siü über Thang's erstes Auftreten, f. 7 wie dem 
Tyrannen Kie von Thaug Vorstellungen gemacht werden, 
der diesen aber gefangen setzen, ihn dann aber wieder los- 
lässt nach der Chronik der Kaiser und Könige, dem Sse-ki, 
dem Tsu-tse-tschü, dem Schang-schu ta-tschuen, dem Thai- 
kung Kin hoei u. A. ; wie der Geschichtschreiber der Hia 
zu Thang übergeht f. 7. v. nach Liü-schi's Chronik; wie 
Lung-fung dem Tyrannen Vorstellungen macht, der ihn aber 
tödtet nach dem Hau schi wai tschuen^^) und Fu-tseu f. 7 v. 
dem Po-voe-tschi u. A. : f. 8 spricht von dem daraufifolgendpn 
bösen Vorbedeutungen, dem Einstürze eines Berges u. s. w. 
nach Thai-kung's Kin hoei und Hoai-nan-tseu u. A. ; f. 9 
gibt angebliche Gespräche von Thang mit Y-yu aus Liü- 
schi's Chronik. Schi-tseu und Stelh n aus Kuan-tseu, dem 
Schue-yueu f. 9 fgg. u. A. ; Kie's Gefamren^chaft und Tod 
erzählt er nach dem Sse-ki, Hoai-nan-tseu und der Chronik der 
Kaiser und Könige; i. 11 v. gibt noch ein angebliches Ge- 
spräch mit Thang aus dem Tscheu-schu^'). Es folgen 
dann Stellen aus dem Schi-king und Schu-king und dem 
Sse-ki f. 14 V., und ein ano;ebliches Gespräch Thang's mit 
Po-sui aus Tschuang-tseu, f. 15 noch Stellen aus Han-fei- 
tseu iiber die Farben und Abzeichen der D., aus dem Sse-ki, 
Liü-schi's Chrunik, der Chronik der Kaiser und Könige und 
Kuau-iseu. Unter Thang soll bekanntiich eine grosse sieben- 
jährige Dürre gewesen sein. Die Stelle über diese aus 
dem Schue-yuen, Siün-tseii. Liü-schi's Chronik, der Chronik 
der Kaiser und Könige, Hoai-nan-tseu und Schi-tseu gibt 
f. 15 V. F. 16 spricht von der Musik Thang's Ta-hu nach 
Liü-schi , Han-schi wai-tschuen u. A. F. 16 v. gibt aus 
Yo-tseu die augeblichen Namen von Thang's Ministern. Wi)- 
haben die Stelle in u. Abb. l -eher die chronologischen Grund- 
lagen der alten chines. Geschichte S. 39 bereits mitg th.nlt. 
Dann folgen noch angebliche Gespräche des Kaisers mit 
Y-yn aus dem Tscheu-schu und Schue-yuen f. 16 v. bis 19 v. 
Aus dem Han-schu (30 f. 14v. u. 2 Iv.) werden 2 Werke, die solche 



16) Es findet sich dieses Werk von Han-yng a. d. D. Han in der 
oft erwähnten Sammlung I, 9; s. m. Abh. S. 7. 

17) Eben da I, 6; s. m. Abh. S. 6, 



Plath : Quellen der alten chines. Geschichte. 79 

Gespräche mit Y-yn enthielten f. 18 v. nur angeführt; eines aus 
der Classe der Tao---se Schriften (tao-kia) in 52 Abschnitten. 
(Y-yn u-achi-eul) , das zweite aus der Classe der Siao-schue 
(Y-yn schue) in 27 Aitschnitteu. Beidp sind natürlich erdichtet 
und dann auch noch ein Werk Thien-y in 8 Abschnitten ; 
f. 18 V. enthält noch angebliche Aussprüche von Thang aus dem 
Sin-schu. Eine Wundergeschichte Liü-schi's, wie ui^.ter ihm 
Korn in der Hallo weichst f. 19 erinnert an eine ähnliche 
Geschichte unter Thai-wu. 

Zuletzt folgen f. 19 v. Sprüche Thang's aus dem Kuei- 
tsang und eine Notiz über sein Grab aus dem Houng-Jan, 
E'icher, die ich weiter nicht kenne. 

B. 15. Y-yn fu Thai-kia, d. i. (der Minister) Y-yn 
unterstützt (den Kiii^fr) Thai-kia. Dieses kui'ze Buch ent- 
hält nur Auszüge aus dem Schu-king. aus dem Sse-ki. dem 
ßambubuche und einen aus der Chronik der Kaiser un 1 
Könige über Y-yn's Tod unter Kais« r Yo-ting. 

B. 16. Thai-wu Puan-keng tschi hien, d. i. die 
Weisen (der Kais-^-r) Thai-wu und Puan-keng. Hier findet 
man wied'>r nur Auszüge aus dem S'e-ki, dem Bambubuche, 
u. der Vorrede zum Schu-king. Aus der Chronik der Kaiser 
und Könige ist f. 1. v. die Wuuderc;eschichte entuomu;en, 
wie Uüter Thai-wu ein Maulbeerbaum im Hofe wächst und 
des Ministers Yn-tschi Erklärung de«>halb. 

Ueber die folgenden Kaiser hat der I-sse nur Auszüge 
au=; dem Sse-ki unl Bambubuche. Ueber Puan-k( ng foliren 
dann f. 2 — 4 v. die Kapitel des Schu-kiug und zuuj Schlüsse 
noch eine Stelle aus der Chronik der Kaiser und Könige 
über seine VerL gung der Piesidenz nach Yn. 

B. 17. W^u-ting tschung hi ig, d.i. (Kaiser) Wu-ting 
wandelt in der rechten Mitte. Ueber die erstfU Kaiser vor ihm 
gibt er wieder nur Auszüge üus dem Sse-ki und Bambubuche. 
Dann folgt eine Stelle über Kao-tsun;?'? (d. i. Wu-ting's) 
Traum, worin ihm sein Minister ang-^deutet wird, nach der 
Chronik der Kaiser und Könige, dem Me-tseu und Ho-i-ki 
und dann das bekannte Capitel des Schu-king. f. 3 wird 
aus dem Schue-yuen erzählt . wie unter Wu-ting ein Maul- 
beerbaum im Hofe wächst, ohne dass dieses Omen Schaden 
brachte. Dieselbe Geschichte wird wiederholt aus dem 
Schang-schu Ta-tschuen und aus demselben und dem Ku-kin- 



8Ö Sitzung der philos.-philol. Classe vom 8. Januar 1870. 

tschu^^) ein anderes Omen, wie ein Fasan sich beim Opfer 
auf den Dreifuss setzt; f. 4 wird aus dem Li-ki C. 49 
Sang fu sse tschi das Gescliiclitchen erwähnt, wie Kaiser Kao- 
tsung angeblich 3 Jahre nicht gesprochen habe und dieses 
erklärt. 

lieber die folgenden Kaiser dann nur kurze Notizen aus 
dem Sse-ki und dem Bambubuche. B. 18 handelt schon 
von dem Emporkommen des Hauses der 3. D. Tscheu. 

4a) Sturz der 2. Dynastie unter Scheu-sin und die 
Gründung der 3. Dj-nastie unter Wen- und Wu-wang 
und seinem Nachfolger Tsching-wang, und Regent- 
schaft Tscheu-kung's während dessen 
Minderjährigkeit. 

Hier fliessen die Quellen des Schu-king im fünften 
Theile, Tscheu-schu , d. i. dem Buche der Tscheu, schon 
reichlicher. Wir müssen die einzelnen Stücke , die uns er- 
halten sind, dem Inhalte nach andeuten. 

Ueber die Ahnen der D. Tscheu enthält der Schu-king 
kein näheres Detail, indess werden im C. Wu-tsching V, 3, 5 
Kuiig-lieu , Thai-wang , Wang-ki und sein Vater Wen-wang 
von Wu-wang gerühmt und im C. Wu-i (V, 15 § 8) die 3 
letzten erwähnt. Als Minister Wen-wang's rüiimt Tscheu- 
kung im C. Kiün-schi V, 16, 12: Ke-scho, Huug-yao, San- 
i-seng, Thai-tien und Nan-kung-kuo. Nach dem Tso-tschuen 
Hi-kuiig Ao. 5 war der erstere ein jüngerer Bruder Wen- 
wang's. Die eigentlichen Dokumente beziehen sich aber 
vorzugsweise nur auf den Eroberer Wu-wang und Tscheu- 
kung unter Tsching-wang. 

Die einzelnen Stücke sind nun diese: V, 1. Thai- 
tschi in 3 Abtheilungen , d. i. die grosse Deklaration (Wu- 



18) In der Sammlung IV, 1 ; s. m. Abh. S. 312, vgl. Wylie p. 128, 
angeblich aus Saec. 4; das alte Werk soll al)er verloren und dies 
eine Compilation eines ähnlichen Werkes aus der Zeit der späteren 
D. Thang sein. 






Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 81 

wang's an der Fürth von Meng); V, 2. Mu-tschi, seine 
Anrede au die Armee zu Mu , ehe er Schang bekämi^fte; 
V, 3. Wu-tsching, d. i. die Vollendung oder Beendigung 
des Krieges (eine andere Anordnung von Tschai-tschin 
findet man bei Legge T. III p. 318); V, 4. Hung-fan, 
der grosse Plan , enthält die Anleitung Ki-tseu's über die 
Principien der Regierung; V, 5 Liü-ngao, d. i. die Hunde 
von Liü , die Ermahnung des Grossbeamten Thai-pao , als 
die Westbarbaren von Liü dem Kaiser grosse Hunde 
schenkten; V, 6. Kin-teng, d. i. der metallumwundene 
Koffer, bezieht sich auf Tscheu-kung, als dieser Bruder Wu- 
wang's während dessen Krankheit für den Kaiser sich dem 
Tode weihte; V, 7. Ta-kao, die grosse Verkündigung 
(Tscheu-kung' s an Tsching- wang bei Wu- wang's Tode); 
V, 8. Wei-tseu tschi ming, d.i. der Befehl an Wei-tseu, 
(dem Sohne des letzten Kaisers der 2. Dynastie, dem eine 
Herrschaft gegeben worden war); V, 9. Kaug-kao, d. i. 
die Erklärung (an den Prinzen von) Kang (Wu-wang's 
9. Sohne, bei der Gründung der Stadt Lo) ; V, 10. Tsieu- 
kao, eine Ermahnung (an die Beamten der 2. Dynastie) 
gegen Trunkenheit; V, 11. Tse-tsai, nach einem Zimmer- 
holze genannt, enthält Ermahnungen, die Regierung betreffend, 
an Tsching-wang ; V, 12. Schao-kao, ist eine Verkündung 
des Fürsten von Schao (bei der Gründung der Stadt Lo) ; 
V, 13. Lo-kao, die Ermahnung (betreffend) Lo (von 
Tscheu-kung, geht auf dieselbe Begebenheit); V, 14. To- 
sse, d. i. die vielen Beamten (der 2. D. Schang), enthält 
Ermahnungen an diese; V, 15. Wu-i, d. i. kein Luxus, 
ist eine Expektoration Tscheu-kung's gegen diesen; V, 16. 
Kiün-schi, d, i. der Fürst Schi, enthält eine Ermahnung 
desselben an ihn ; V, 17. Tshai tschung tschi ming, Erlass 
(von Tscheu-kung) an (seinen jüngeren Bruder), den Fürsten 
von Tshai (nach Niederwerfung des Aufstandes seines Vaters 
mit den Fürsten von Kuan und Ho); V, 18. To-fang, wörtlich 
[1870, LI.] 6 



82 Sitzung der phüos.-phihl. Classe vom 8. 3'anu<xr 1870. 

die vielen Gegenden, ist eine Anrede Tsclieu-kung's an Kaiser 
Tsching-wang nach Unterwerfung der Stämme von Yn ; V, 19. 
Li-tsching, heisst die Anordnung der Regierung, Tscheu- 
kung erwähnt hier, wie sie unter der l.D.Hia, unter der 2. D. 
Schang und unter Wen- und Wu-wang von der 3. D. Tscheu 
war; V, 20. Tscheu-kuan, d. i. die Beamten der D. Tscheu, 
(wie Kaiser Tsching-wang sie regelte). Thsai bemerkt p. 523, 
wie sie mit den im Tscheu-li nicht übereinstimmten; V, 21. 
Kiün-tschhin, bezieht sich auf diesen Grossen, der nach 
Tscheu-kung's Tode Gouverneur des Osten wurde; V, 22. 
Ku-ming erzählt Kaisers Tsching- wang's Ende und Testament 
(1079 V. Chr.) 

Dies sind die Cap. des Schu-king, welche die Stifter 
der 3. Dynastie betreffen und die sich erhalten haben. Nach 
der Vorrede zum Schu-king sind 8 Capitel aus dem Buche 
der Tscheu verloren gegangen. Wir wollen die Notizen über 
diese hier wieder hinzufügen. § 36 heisst es: Als Wu-wang 
Yn erobert hatte, setzte er die Fürsten der verschiedenen 
Staaten ein und vertheilte unter sie die Gefässe des Ahnen- 
tempels. In Bezug darauf verfasste er das Cap. Fen-ki, 
d. i. die Vertheilung der Gefässe. § 38 als der Fürst von 
Tschao an den Hof kam (zur Aufwartung) , machte der 
Chef (Pe) von Jui das Cap. Tschao-ming', der Hof-Befehl. 
§ 42. Der Oheim des Kaisers, der Fürst von Thang, fand 
zwei Aehren auf einem Stengel wachsen und brachte ihm 
diesen dar; der Kaiser befahl, ihn an Tscheu-kung nach 
den Osten zu senden und es wurde auf diesen Anlass 
das Cap. Kuei-ho, d.i. das Korngeschenk verfasst. §. 43. 
Nachdem Tscheu-kung es erhalten hatte, setzte er des 
Kaisers Obliegenheiten auseinander und machte das Cap. 
Kia-ho, d. i. das vortreffliche Korn. § 51. Nachdem 
Kaiser Tsching-wang die Barbaren am Hoai-Flusse im Osten 
besiegt und den Staat Yen vernichtet hatte, wurde das 
C. Tsching-wang, d. i. die Vollendung der königl. Re- 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 8B 

gierung, verfasst. § 52. Nachdem Tsching- wang Yen ver- 
nichtet hatte und seinen Fürsten nach Phu-ku versetzen 
wollte, meldete Tscheu-kung es dem Fürsten Schao-kung und 
verfasste das C. Tsiang Phu-ku. § 56. Nachdem Kaiser 
Tsching-wang die östlichen Barbaren geschlagen hatte, kam 
Su-schin, ihm Glück zu wünschen. Der Kaiser machte ihn 
zum Chef von Yung und verfasste das C. Su-schin tschi- 
ming, d. i. der Erlass an oder die Bestallung von Su-schin. 
§ 57 endhch besagt, als Tscheu-kung in Fung war und im 
Sterben lag , wünschte er in Tschiug-tscheu begraben zu 
werden , aber als er gestorben war , begrub ihn Kaiser 
Tsching-wang in Fi und verfasste bei der Leichenrede das 
C. Po-ku. Man sieht, es sind dies lauter abgerissene Stücke 
aus dieser Zeit. 

Ein merkwürdiges Stück zur Geschichte des Vorgängers 
von Wu-wang und seines Bruders Tscheu-kung besitzen wir 
noch im Y-king. Von jenem ist der älteste Text T. I 
p. 163 bis T. II p. 371 (auch im I-sse B. 19 f. 13—15); 
von diesem T. I p. 170 bis T. II p. 376 (auch im I-sse B. 23 
f. 7-15). Es sind allerdings nur dunkle kurze Aussprüche, von 
welchen aber namentlich die ersteren sich auf die Zeitbegeben- 
heiten zu beziehen scheinen, s. P. Regis T. I p. 21 £f. und 
35. P. Gaubil Tr. de la Chron. Chin. in den Mem T. XVI, 
p. 77 sagt darüber : Wen-wang und Tscheu-kung haben in 
ihren Texten schöne moralische Lehren , aber in ziemlich 
dunklen und metaphorischen Ausdrücken gegeben. Sie wollten 
vornehmHch die Unordnung zeigen, die zu ihrer Zeit herrschte. 
Um diese Texte gut zu verstehen, muss man aber die Zeit- 
geschichte kennen , auf welche sie offenbar anspielen. Die 
s. g. Kua schreibt man gewöhnhch dem Fu-hi zu. Wen-wang 
schrieb zu jeder der 64. Kua einen kurzen Text, sein Sohn 
Tscheu-kung dann zu jeder Linie derselben zur Erklärung 
einen etwas ausführlicheren Text. Man nennt diese Texte Y'ao. 

Das Liederbuch (Schi-king), aus der Zeit der 



84 Sitzung der philos.-phüöl. Classe vom 8. Januar 1870. 

3. D. Tscheu, enthält nun auch mancherlei zur Geschichte 
derselben bis Ping-wang. Einige Lieder sind zum Lobe 
Wen-wang's, Wu-wang's, Tscheu-kung's und Anderer, andere 
aber auch Satiren auf die späteren entarteten Kaiser, s. unten. 
Man sang die ersteren bei grossen Ceremonien und Festen. 
Aber alle diese Stücke setzen eigentlich die Kenntniss der 
Geschichte schon voraus, da in vielen, namenthch der letz- 
teren die Kaiser oder Grossen, welche sie betreffen, nur an- 
gedeutet sind. Der I-sse B. 18 ff. hat sie indess als geschicht- 
liche Belege ausgezogen und folgt dabei namentlich der 
Vorrede zum Schi-king (Schi-siü).^^) Wir heben hier 
zunächst nur die hervor , welche auf die Ahnherren und 
Stifter der 3. Dynastie deutlich Bezug nehmen. So wird im 
Ta-ya III, 2, 1 der Ahnherr der D. Heu-tsi als Gründer 
des Ackerbaues (2286 v. Chr.) gepriesen und seine wunder- 
bare Geburt von der Kiang-yuen schon erzählt. (III, 3, 4 
p. 178) und IV, 1, 1, 10 erwähnt seiner, aber als Schutzgeist 
der Familie. IV, 2, 4 wird er und seine Mutter ebenso 
verherrlicht. Dies ist in den Lu-sung, Gesängen aus Lu, 
dem Reiche der Familie Tscheu-kung's, 

Der nächste Ahn, der III, 2, 6 gefeiert wird, ist Kung- 
lieu (1797 v. Chr.) Das Lied soll nach p. 304 von Tschao- 
kung aus der Zeit von Kaiser Tsching-wang sein; dann 
feiern III, 1, 3, III, 1, 7, IV, 1, 1, 5 und IV, 2, 4 den 
Tan-fu, mit dem Beinamen Ku-kung, d. i. der alte Graf, 
der später den Titel Thai-wang, d. i. der grosse König, 
erhielt (1327 v. Chr.), und seine Gattin Kiang-niü (oder 
Tscheu-kiang III, 1, 6) feiert III, 1, 3, aber auch die 



19) In der Sammlung Han Wei thsung schu geben 1,7 der 
Schi-tschuen und I, 8 Schi-schue, jener angeblich von Confucius 
Schüler Tseu-kung, dieser aus der Zeit der D. Han, kurze historische 
Andeutungen zu den einzelnen Liedern des Schi-king, s. m. Abh. über 
die Sammlung, a. d. S. B. d. Ak. S. 7. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 85 

Brüder Thai-pe und Wang-ki, seine Söhne, von denen 
dieser (1231 v. Clir.) ihm nachfolgte und der Vater von 
Wen-wang wurde, IIL 1. G auch Wang-ki's Frau, die 
Mutter Wen-wang's , die Thai-jin, vor allen dann aber 
"Wen-wang und Wu-wang, beide IIL 1, 1, 3, 7 und 8 
und III, 3, 1 IV, 1,1,1. 2. 3. 4. und 7, angeblich auch III, 1, 
4 und 5, obwohl er dort nicht genannt wird, beide III, 1, 
2, 9 und 10; IV, 2, 4 p. 210, ohne ihn zu nennen ein 
Ahnenlied. IV, 1, 2, 7 und 8 p. 312. Als Verfasser der 
Lieder IV, 1, 1, 1, und 2 IV, L 2, 10 wird p. 309 
und 313 Tscheu -kung angenommen. Einige von diesen 
Liedern sind Todtenlieder , so das auf Tan-fu IV. 1, 1, 5 
vergl. p. 310; IV, 1, 1, 10 auf Heu-tsi ; auf Wu-wang, 
IV, 1, 2, 8, 10 und IV, 1, 3, 8. Auf T seh eu-kung bezieht 
sich IV, 2,4 p.212. Andere Lieder werden noch sonst auf sie be- 
zogen, ohne dass sie darin genannt sind, so I. 1. 1, angeblich 
ein HocLzeitslied von Wen-wang's Tochter ; I. 1. 3 und 4, sollen 
Wen-wang's Frau feiern. IV, 1, 3, 1. 2. 3, und 4 Lieder, 
solche sein, welche Kaiser Tsching-wang gesungen hat nach 
p. 313. Auf ihn gehen IV, 1, 1, 6 und 9 , IV, 1, 2, 2, 
IV. 2, 4 p. 210 und andere, ohne bestimmte Zeitangabe. 
Es bedarf diess aber immer einer Untersuchung im Einzelnen, 
wobei denn die Lieder, wie gesagt, mehr eine Erklärung 
aus der Geschichte erhalten . als dass sie als Quelle der 
Geschichte dienen könnten. 

Eine viel bedeutendere Quelle für die innere Ge- 
schichte der 3. Dynastie in ihrer ersten Zeit der Blüthe 
gewährt der 1. Theil des LiederbucLes, Kue-fuug. die Sitten 
der Reiche, betitelt, kleine Lebensbilder, obwohl sie sich 
immer nur auf einzelne kleine Vasallenreiche beziehen. Wir 
wollen sie hier übei sichtlich erwähnen, da mehrere dieser 
kleinen Reiche später nicht mehr vorkommen. P. I C. I 
Tscheu-nan. ausdemsüdUchenTscheu, soll nach p.220Tscheu- 
kung gesammelt haben. P. Amiot Mem. T. 13 p. 155 lässt Ode 



86 Sitzung der phüos.-pMöl. Classe vom 8. Januar 1870. 

1—5 von Wen-wang verfassen, C. 2, Tschao-nan, enthält 
Lieder aus der Herrschaft des lürsten Tschao-kung, C. 3 
aus Pi, dem nördlichen Theile des früheren Besitzes der 
2. Dynastie in Wei-hoei-fu in Ho-nan, C. 4 desgl. im südlichen 
Theile desselben Yung, C. 5 aus dem östlichen Theile des- 
selben Wei, aber mehrere dieser Lieder sind, wie wir sehen 
werden, erst aus einer späteren Zeit. (J. 6 sind Lieder aus 
dem Kaisergebiete (Waug), aber auch schon aus späterer 
Zeit; C. 7 aus Tsching, in Si-ngan-fu in Schen-si; C. 8 
aus Thsi in Thsi-ngan-fu in Schan-tung; C. 9 aus dem an- 
ders geschriebenen Wei in Ping-yang-fu in Schan-si; C. 10 
aus Thaug, dem späteren Tsin in Schan-si. Es sollen 
hier, wo einst Kaiser Yao herrschte, noch die Sitten seiner 
Zeit sich erbalten gehabt haben. C. 11 schildert die Sitten in 
Thsin, in Si-ngan-fu in Schen-si; C. 12 die in Tschin in 
Kai-fung-fu, in Ho-nan; C. 13 die im kleinen Reiche Kuei 
oder Ho ei ebenda, welches später Tsching vernichtete. C. 14 
die von Tschao, in Yen-tscheu-fu , in Schan-tung und zu- 
letzt C. 15 die von Pin, in Si-ngan-fu, in Schen-si. Diese 
Lieder soll nach p. 271 Tscheu-kung für den Kaiser Tching- 
wang verfasst haben , Ode 1 , ihn zum Ackerbaue zu er- 
muntern, Ode 2 und 7, als er dem Kaiser verdächtigt worden 
war , Ode 3 und 4, als Tscheu-kuiig gerechtfertigt mit dem 
Heere heimkehrte , Ode 6 , als das Volk im Osten über 
seine Anwesenheit sich freute (I-sse B. 22 f. 15 — 17). 

P. n. Siao-ya sollen ältere Gedichte sein, die Tscheu- 
kung gesammelt hat, doch auch spätere darunter nach la 
Charme p. 275. Doch sind mehrere ohne bestimmte Per- 
sonen- und Zeitangaben, z. B. II, 1, 2, 3, die Klage von 
Soldaten, w^elche gegen die Tataren (Hien-yüu) ausziehen; 
bei II, 1,7. 8 und 9 weiss man nicht, welcher Kaiser da ge- 
meint und wer der erwähnte Feldherr Nan-tschung ist; Scho- 
fang ist das jetzige Ning-hia in Schen-si nach p. 277; 
II, 8, 5 p. 295 sind Klagen über den Verfall des Reiches; 



i 



Plath: Qudlen der alten chines. Geschichte. 87 

II, 4, 10. II, 5, 9 sind auch unbestimmt. (Mehrere beziehen 
sich auf spätere Zeiten, s. unten.) 

P. in. Ta-ya, soll nach p. 298 Tscheu-kung verfasst 
haben zur Belehrung Kaiser Tsching-wang's. Es enthält 
den Preis der Ahnen der Tscheu ,s. oben. III, 2, 6 u. 7 sollen 
von Tschao-kung verfasst sein, als Tsching-wang die Piegierung 
selber antrat. ludess enthält auch dieser Theil spätere 
Gedichte s. unten. 

P. IV, 1, 1, 1 und 2 sollen nach p. 309 von Tscheu- 
kung, 2 Namens Tching-^vaDg's sein; IV, 1, 2, 10 ent- 
halten, wie gesagt, sein Lob Wu-wang's. 

P. IV, 2, Lu-sung, Gedichte aus Lu, sollen nach 
p. 315 erst von Hi-kung, dem Fürsten von Lu (seit 659 
V. Chr.) sein. 

P. IV, 3 endlich Schang-sung, zur Verherrlichung 
der Ahnen der Fürsten von Sung aus der 2. Dynastie, sind 
schon erwähnt. Man sieht aus dieser Uebersicht schon, dass 
die Lieder des Schi-king nicht nur die Gründer der 3. Dy- 
nastie betreffen, dass sie bis an die Zeiten des Tschhün-thsieu 
hinabreichen, werden wir später sehen. 

Confucius und seine Schüler und namentlich Meng- 
tseu erwähnen rühmend oft die Ahnen und Gründer der D. 
Tscheu : Heu-tsi, Kung-lieu, Thai-pe, Wang-ki, Wen-wang, 
Wu-wang und Tscheu-kung, meist nach dem Schu-king, Schi- 
king und Li-ki, aber auch zum Theile nach der Sage. Wir 
brauchen aber hier in die Einzelheiten nicht weiter einzu- 
gehen, da wir in der Hist. Einl. z. Confucius Leben S. 374 
bis 388 (36—40) alle sie betreffenden Stellen derselben zu- 
sammengestellt haben. ^°) 



20J Wir erwähnen daher nur noch die moralischen Sprüche, die 
Confucius nach dem Kia-iü C. 11 f. 2 ang'eblich auf dem Rücken einer 
Statue Heu-tsi's im Ahnentempel in der Hauptstadt der Tscheu 



88 Sitzung der pMos.-pMol. Classe vom 8. Januar 1870. 

Noch eine Stelle über die Ahnen der Tscheu aus Kung- 
tschung-tseu^O hat der I-sse B. 18 f. 5 v. Yang-yung fragt 
da den Tseu-sse über den Titel Wen-wang's Si-pe, der An- 
führer des Westens. 

Tso-kieu-ming, Confucius Zeitgenosse, in seinem Tso- 
tschuen geht nur auf die Zeit des Tschhüu-thsieu (722 — 481 
V. Chr.). Sein Kue-iü im Abschnitte von den Kaisern (Tscheu-iü) 
beginnt erst mit Kaiser Mu-wang (1001 — 946) und geht bis 
King-wang (519-475), s. Gaubil Tr. p. 99 und 101; die 
früheren Zeiten berührt er nur gelegentlich. So erwähnt 
er, dass Heu-tsi Aufseher über den Ackerbau war, einer 
seiner Nachkommen Pu-tschu, zu Ende der ersten D. Hia 
die Stelle verlor, nach Pin (in Schen-si) sich zurückzog und 
dort in der Nähe der Barbaren den Ackerbau trieb; s. Gaubil 
Tr. p. 103. Er leitet aber die 3 ersten Kaiserfamilien schon 
vom alten Kaiser Hoang-ti ab, die der 2. D. Schang von 
Kaiser Schün, die der 3. D. Tscheu von Kaiser Ti-ko. 



gesehen haben soll. Sie sind aber schwerlich echt , wie wir in den 
Proben chin. Weisheit a. d. S. B. 1863 II, 2 S. 161 schon bemerkt haben; 
der Wing-sin pao kien, C. 7 § 62 theilt sie nämlich mit. Unecht sind 
auch wohl die dort angeführten 22 angeblichen Aussprüche Thai- 
kung's, des Bruders Wu-wang's, von welchen der I-sse ganze Samm- 
lungen anführt, wie B. 20 f. 36 und 36 v. Thai-kung Kin-kuei, d. i. Thai- 
kung's Goldkiste, Thai-kung yn meu, d.i. Thai-kung's dunkle Rath- 
schläge, und die schon S. 67 erwähnten Lo-thao, d. i. die 6 Behälter 
oder Köcher Liü-wang's, vgl. auch den I-sse B. 20 f. 4 und 10 
aus dem Schue-yuen. Aus dem Han-schu (s. K. 30 f. 14 v.) führt 
der I-sse B. 19 f. 20 mehrere als Schriften der Tao-sse auf. Es 
ist wohl nicht eigentlich ein Betrug oder eine Unterschiebung , son- 
dern man kann diese Dialoge den Gesprächen , welche Cicero de 
senectute und de amicitia dem Cato, dem Scipio und Lälius in den 
Mund legt; vergleichen. Sie sind in ihrem Geiste gedacht , können 
daher aber auch nur als literarische Produkte, nicht als historische 
Quellen angesehen werden. 

21) In der oft erwähnten Sammlung III, 1. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 89 

Das Bambubuch p. 142 — 176 handelt von Tscheu Wu- 
wang (nach ihm 1049 v. Chr.) bis Yn- (Nan-) Wang A. 20 
(293 V. Chr.). 

Zu Anfange hat die Note die Legende von Heu-tsi's 
wunderbarer Geburt und Aussetzung, erwähnt dann Kung- 
lieu und Ki-lie und einer Prophezeihung unter Hoang-ti 
über die Gründer der Dynastie, gibt darauf die Legende über 
Wen-wang's Geburt und Gestalt, hat Thai-pe's Auswanderung 
nach U, die Legenden über Wu-wang's Geburt, seine wunder- 
bare Gestalt, seinen Kampf mit dem letzten Kaiser der 
2. D. Scheu , alles mit Wundergeschichten untermischt, die 
der Text nicht hat. Dieser gibt blos die Hauptbegenheiten 
von Wu-wang's und Tsching-wang's Regierung, mit genauer 
Jahresangabe und einige neue Spezialitäten, z. B. W^u-wang's 
Tod in seinem 94. Jahre, besonders aber unter Tsching-wang. 
Die Note hat auch unter diesem mehrere Legenden. Nach 
Legge p. 108 sind die Noten aber wahrscheinlich ein spät- 
erer Zusatz, man meint mehrere von Tschhin-yo, der unter 
der D. Leang (502 — 557 n. Chr.) eine Ausgabe des Bambu- 
buches mit einem Commentar herausgab, Wylie p. 19 sagt: von 
Tschhin-yo, aus d. D. Sung, das Originalwerk, sei aber lange 
verloren und das jetzige gelte mit Grund für eine Fabrication. 
Es ist das Bambubuch in der erwähnten Sammlung II, 1 
und auch in einer andern. Ueber seine Glaubwürdigkeit 
und abweichenden chronologischen Bestimmungen s. m. Abh. 
Ueber d. chronolog. Grundlage d. alt. chin. Gesch. S. 37. 

Im Sse-ki enthält B. 3 die Chronik der D. Tscheu 
(Tscheu pen-ki). Sie beginnt mit Heu-tsi, dessen Ab- 
stammung von Kaiser Ti-ko, seiner wunderbaren Geburt, 
spricht dann von seinen Nachkommen , die einzeln genannt 
werden, namentlich Kung-lieu, Ku-kung Tan-fu, Thai- 
pe, der auswandert, Ki-lie und dann Tschang, d. i. 
Wen-wang; über diesen ist er ausführlich, noch mehr 



90 Sitzung der philos.-pMol Glosse vom 8. Janttar 1870. 

über seinen Sohn Fa, d. i. Wu-wang, und seinen Kampf mit 
dem letzten Kaiser der 2. Dynastie und über Tscheu-kung; 
kürzer schon ist er über seinen Nachfolger Tsching-wang. 

Der I-sse B. 18 — 22 enthält nun ältere wie spätere 
Nachrichten im Auszuge. B. 18. Tscheu-schi-schi-hing, 
d. i. das Haus Tscheu beginnt empor zu kommen, handelt 
von den Ahnen der D. Tscheu 1) von Heu-tsi, nach dem 
Sse-ki, dem ü Yuei Tschhün-thsieu, dem Tschhün-thsieu-ming- 
pao, dem Schi-king mit der Vorrede, dem Schan-hai-king, 
über sein Grab und die Wunder dabei u. s. w. aus dem 
Ti-wang-schi-ki, über seine Frau und seinen Sohn. 2) Ueber 
Kung-lieu und seinen Nachfolger nach derselben Chronik 
von ü und Yuei, — nach dem Han-schu lebte er in der 
10. Generationen vom Vorigen, — nach dem Schi-king, Sse-ki, 
Schi-pen und dem Bambubuche; von seinen Nachfolgern 
nennt er Kao-yü unter Yn Tsu-i A. 16, A-yü, (beide Für- 
sten von jPin) unter Puan-keng A. 19 und Tsu-kan unter 
Kaiser Tsu-kia A. 13. 3) Spricht er von Ku-kung Tan-fu 
nach dem Sse-ki , Tschuang-tseu , dem Kin-yuan-yo-lo , dem 
Schi-king und von dessen Frau nach dem Lie-niü-tschuen 
und dem Heu-han schu, dann 4) von seinem Sohne Thai-pe 
nach dem Sse-ki, demLün-heng und demHau-schi-uai-tschuen, 
endlich von 5) Ki-lie nach dem Sse-ki und Bambubuche 
und 6) von Wang-ki nach Tseu-sse im Kung-tschung-tseu. 

B. 19. Wen-wang-scheu-ming, d. i. Wen-wang em- 
pfängt des (Himmels) Mandat oder die Herrschaft. Zunächst 
spricht er von seiner Mutter der Thai-jin nach dem Lie- 
niü-tschuen und der angeblichen Prophezeihung schon unter 
Hoang-ti über das Schicksal der Familie Tscheu, dann über 
Wen-vrang's wunderbare Geburt nnd Gestalt, ganz wie in 
der Note zum Bambubuche, nach dem Sung-schu-fu-sui-tschi, 
dem Pe-hu-tung und Tschhün-thsieu-yuen-ming-pao, 2) schil- 
dert er seine Pietät gegen seinen Vater nach dem Li-ki 
C. Wen-wang schi-tseu 8 f. 27, Khang-tsang-tseu und dem 
Sse-ki, 3) folgt das Lob Wen-wang's und seiner Verwalt- 
tung aus Me-tseu und Liü-schi's Tschhün-thsieu, 4) schildert 
er seine Frau Thai-sse nach dem Lie-niü-tschuen und 
dem Sclii-king in, 1 mit der Vorrede (Schi-siü) u. a. 5) Pe-i 
und Scho-tsi fallen ihm zu nach dem Sse-ki u. a. ; sein 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 91 

angebliches Gespräch mit Yo-tseu^*) bei diesem und auch 
mit Siu-kia, auf dessen Rath Scheu nicht hört nach Lieu- 
hiang's Pie-lo. Andere angebhche Gespräche Wen-wang's mit 
Yo-tseu noch aus dem Sin-schu . aus Yo-tseu und Lie-tseu. 

Aus der Chronik der Kaiser und Könige u. a. -werden 
4 Beamte des Kaisers: Thai Tien, Hung-yao, San -i- seng 
und Nan-kung-kuo angeführt, die schon der Schu-king im 
C. Kiün-tschi V, 16, 12 hat. 6) spricht der I-sse dann von 
Wei-tseu, dem älteren Bruder Scheu's nach Liü-schi's 
Chronik, dann von Scheu's Grausamkeit nach dem Lün-heng, 
der Chronik der Kaiser und Könige, nach Siün-tseu und dem 
Sin-schu. darauf von Wen-wang's Verhalten nach dem Tscheu- 
schu,^^) dem Li-ki im C. 24 Tsi-i , namentlich seiner Pietät 
gegen seine Ahnen, weiter von Scheu's Frau, der Tan-ki, nach 
dem Sse-ki und dem BambuV-uche, von seinen Musikern nach 
dem Schi-ming^*) und Ho-i-ki, von seinen Palästen. Gärten nach 
dem Sse-ki, dem Bambubuche , Hoai-nan-tseu, der Chronik 
der Kaiser und Könige, dem Lün-heng und Sin-siü. Auch 
seine grausame Feuerstrafe wird da erwähnt, wie auch im 
Lie-niü-tschuen , dann sein Zechen bis in die Nacht , sein 
Luxus, unter anderm mit elfenbeinernen Essstöckchen nach 
Han-fei-tseu und Ki-tseu. Aus dem Sse-ki, Hoai-nan-tseu 
und Tsien-fti-lün wird die Grausamkeit erzählt, wie er eine 
Geliebte tödtete und gekocht ihrem Vater sandte und ^Yen- 
wang, der dies missbiUigt, gefangen setzt. 7) Im Gefäng- 
niss verfasst Wen-wang dann die 64 Texte des Y-king 
nach dem Kin-pao. Dabei wird der ganze Text des Y-king 
von ^Ven-wang eingeschaltet f 13 ig. 

8) \Vu-wang ist bekümmert und Hung-yao erlangt 
seines Vaters Wen-wang's Befreiung durch eine Schöne und 
andere Kostbarkeiten, die er dem Tyrannen darreicht, nach 
dem Sse-ki, dem Ku-kin-yo-lo, dem Lo-thao, Hoai-nan-tseu, 
dem Kin-pao und Schang-schu Ta-tschuen. Wen-wang's an- 



22) S. über diesen m. Abb. Chronol. Grundlage S. 39. Pan-ku 
B. 30 f. 14 V. bat Yo-tseu 22 Pien; es scbeint ein untergeschobenes 
Werk der Tao-sse; ebenso das angebliche Werk Sin-kia's in 29 P. 

23) In der Sammlung I. 6 ; s. m. Abb. S. 6. "Wylie p. 23. 

24) In der Sammlung I, 20. Es ist ein etymologisches Wörter- 
buch der chin. Tonsprache. 



92 Sitzung der ^Jiilos.-phüol. Classe vom 8. Januar 1870. 

geblicher Ausspruch über die gebotene Folgsamkeit eines 
froruruen Sohnes und guten Unterthanes ist erst aus Liü- 
schi's Chronik; dass er 7 Jahre in Fesseln war, sagt nur 
der Sin-schu; er betreibt dann die Abschaffung der Feuer- 
strafe und gewinnt so die Zuneigung des Volkes nach 
Liii-schi's Chronik und Hau-fei-tseu und Coufucius pries ihn 
dafür. Es folgt eine Stelle aus dem Yue-tsue-schu, dann nimmt 
er Schi-kiug II, 1, 7, 8 u. 9 mit der betreffendeu Stelle 
aus der Vorrede auf, darauf eine lange Stelle aus dem 
Tscheu-schu. 

9) f. 18. Thai-kung, der sich vom Tyrannen zurück- 
gezogen hatte, wird von Wen-wang gewonnen und sein 
Beamter nach dem Sse-ki, dem Schui-king-tschü^-) dem 
Schue-yuen und Fu-tseu. Legenden von ihm gibt der I-sse 
noch aus dem Lie-sien-tschuen, dem Sung-schu-fu-sui-tschi, 
dem Tschu-tse tschü, dem Ting-lo^^) und Lo-thao; ab- 
weichende Angaben haben schon der Sse-ki, der I-lin und 
Ku-sse-kao und Legenden der I-schin-ki, Nachrichten über 
ihn noch der Thieu-fu-lün, Pao-po-tseu und der Han-schi- 
uai-tschuen; angebliche Gespräche Wen-wang's mit Thai-kung 
werden noch aus dem Lo-thao angeführt. 

10) f. 22 V. Wie Wen-wang den Streit zwischen den 
Fürsten von Yü und Jui schlichtet, erwähnt schon der 
Schi-king III, 1, 3, 3. und dann der Sse-ki; im Kia-iu K. 
10 f. 26 lobt Confucius ihn desshalb, 

11) Wie Wen-wang schon in seinem 42. Jahre den 
Kaisertitel (Wang) angenommen habe, wie der Y-uei 
und die Chronik der Kaiser und Könige sagt, ist irrig nach 
der Note im I-sse; nach dem Li-ki ertheilte erst sein Sohn 
Wu-wang seinen Vorgängern die Titel. 

12) Es folgen dann allerlei Omina und Prognostica 
über Tschang's Herrschaft nach Liü-schi's Chronik, dem 
Schang-schu i-ming yen und Tschung-heu, Me-tseu, dem Kin- 
pao, Tschhün-thsieu yueu-ming-pao und Sung-fu-sui-tschi, wie 
auch die Note zum Bambubuche sie hat. 

13) Wen-wang schlägt dann die Küen-Jung, die 



25) Commentar z. d. klassischen Buche über die Gewässer, siehe 
Wylie p. 43. 

26) In der Sammlung lY, 27; s. m. Abh. S. 325, Wylie p. 115. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 93 

Mi-siü u. Tsung und gründet die Residenz Fung nach dem 
Sse-ki und dem Schang-schu Ta-tschuen, der in der Jahres- 
angabe abweicht vom Sse-ki. Die Angabe de Mailla's (T. I 
p. 242.) dass Kuan-su vom Angriffe auf Mi-siü abrieth, 
Thai-kung aber zurieth, findet sich im Schue-yuen ; eine 
Anekdote, die auf seinen Angriff auf Tsung Bezug hat, bei 
Han-fei-tseu ; s. auch den Tscheu-schu. 

14) Wie Wen-wang den Geisterthurm (Ling-thai) 
baut, hat schon der Schi-king III, 1 8, den Meug-tseu I 
2, 3 anführt, auch derSin-schu und Sin-siü, nur in der Zeit- 
angabe verschieden. Hoai-nan-tseu rühmt ihn, wie er die 
Gebeine derTodten beerdigt; s. auch den Tscheu-schu. Endhch 
werden noch aus dem Lo-thao Gespräche Wen-wang's mit 
Thai-kung angeführt. 

B. 20. Wu-wang ke yn, d. i. Wu-wang besiegt (die 2. 
D.) Yn. Wir erhalten hier wieder erst allerlei Legenden über 
seine Geburt, den Traum seiner Mutter, wie die Note zum 
Bambubuche zum Theil sie hat, aus dem Sin-schu, dem 
Schang-schu tschung-heu, dem Pe-hu-tung, dem Tschhün-thsieu- 
yuen-ming-pao und dem Sung-fu-sui-tschi. 

2) wird Wu-wang's Pietät gegen seinen Vater wieder 
nach dem Li-ki C. 8 geschildert. 

3) Stellt er den Thai-kung, Tscheu-kung u. a. nach 
dem Sse-ki an. Seine angeblichen Gespräche mit dem ersteren 
nach dem Schue-yuen, dessgleichen mit Kuei-tu nach Kuan- 
tseu, dann wieder angebliche mit Thai-kung über den Krieg, 
der einen Ausspruch Kaiser Hoang-ti's anführt, ob dieser zu 
unternehmen sei, aus dem Lo-thao u. a., aus Schue-yuen, aus 
des erdichteten Thai-kung's Ping-fa, aus Pao-po-tseu und 
eine lange Stelle f. 6 — 13 v. aus einem Buche San-lio^^), 
die 3 Pläne, nach der Note ursprünglich von Thai-kung. 

4) Dann wird das Opfer Wu-wang's erwähnt nach 
dem Sse-ki, Hoai-nan-tseu und dem Lün-heng; aus demselben 
die Legende, wie ein Fisch in sein Schiff springt, die auch 
der Schang-schu Siuen-ki-khien und der Sung-fu-sui-tschi hat 



27) S. Kat. K. 9 f. 23 v., wie der Lo-thao unter den Schriften über 
Krieg (Ping-fa). 



94 Sitzung der philos.-phüol. Classe vom 8. Januar 1870. 

und noch andere wunderbare Phaenomene, wie eine Frau in 
einen Mann verwandelt wird, ein Berg einstürzt, 2 Sonnen 
erscheinen und andere Calamitäten in Folge von Scheu's 
Tyrannei nach dem Lün-heng, dem Scho-i-ki, der Chronik 
der Kaiser und Könige, Me-tseu, Thai-kung's Goldkasteu, 
Schi-tseu, dem Tsu-tse tschü und den Noten zum Bam- 
bubuche. 

5) Auf den weisen Rath von Wei-tseu, Ki-tseu und 
Pi-kan wird vom Tyrannen Scheu nicht gehört, nach dem 
Sse-ki, Lün-heng, dem Ku-kin-yo-lo, Schi-tseu, dem Han- 
schi-uai-tschuen und dem Tschung-lün^^). Die Ueppigkeit 
und Grausamkeit Scheu's, seine Paläste, Lustgärten, malt wie- 
der der Tschhün-thsieu Fan-lu*^) aus; wie er Pi-kan' s Frau 
den Bauch aufschneiden lässt, erzählt die Chronik der Kaiser 
und Könige, der Schui-king tschü und der Tsu-tse tschü. 
Der Himmel straft ihn dafür durch Wu-wang nach Me-tseu 
und dem Ho-i-ki. 

6) Die Fürsten und Grossen fallen von Scheu ab, nach 
dem Tsu-tse tschü , der grosse Annalist und der des 
Innern gehen von ihm zu Wu-wang über n.'ich Liu-schi's 
Chronik. Er fragt Thai-kung, ob er ihn angreifen solle, nach 
diesem und nach Thai-kung's Goldkasten. 

7) Wu-wang zieht gegen ihn nach dem Sse-ki, dem 
Tsin-schu tschuen-i und Tscheu-schu. Angebliches Gespräch 
desselben mit Thai-kung nach dem Lo-thao und Schue-yuen. 

8) Er befragt das Loos; trotz der ungünstigen Zeichen 
rückt er auf Thai-kung's Rath vor nach dem Sse-ki. Lün- 
heng, Schi-tseu, dem Lo-thao, Ku-kin-tschü u. trotz mancher 
Phaenomene und dem Abrathen San-i-seng's nach Han-schi- 
uai-tschuen, dem Lo-thao , dem Schue-yuen, Hoai-nan-tseu, 
und dem Po-voe-tschi. Es folgt dann das Cap. des Schu- 
king V. 3. 

9) A. 11 seiner Regierung in Tscheu, seinem Stamm- 
lande, kommt es bei Meng-tsin zur Entscheidungsschlacht 
nach dem Sse-ki und Hoai-nan-tseu. Der Ho-i-ki erzählt 
wieder Wunder. Nach Liü-schi's Chronik sendet Yn den 
Kiao-li an Wu-wang; ihr angebliches Gespräch wird rait- 



28) In der Sammlung III, 12, von Siü-kan aus derD. Han; 3. m. 
Abh. S. 305. 

29) Ebenda I, 12, aus d. Zeit der Han; s. m. Abh. S. 277 (11). 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 95 

getheilt. Nur der spätere Hoa-yang kiie-tschi^°) spricht von 
seinen Hülfsvölkern Pa und Scliu in Sse-tschuen . ihren Ge- 
sängen und Kriegstänzen. 

10) Hoai-nan-tseu gibtals Grenzen von Scheu's Reich 
sicher ungeschichtlich hnks im Osten das Meer, rechts die 
Sandwüste, vorne Kiao-tschi, hinten Yeu-tu, ebenso über- 
trieben Yo-tseu die Zahl seiner Krieger zu einer Million an, 
obwohl der Sse-ki auch von 700,000 Mann spricht. Der 
Lün-heng hat wieder Wundergeschichten. Es folgt Scheu's 
Niederlage und Ende ; er verbrennt sich mit seinen Kost- 
barkeiten im Hirschthurme (Lu-thai) nach dem Sse-ki und 
Tscheu-schu. Die Chronik der Kaiser und Könige hat noch 
eine Anekdote, wie das Volk von Yn räth, wer unter den 
Anführern wohl ihr neuer Kaiser sei Pi-, Thai- oder Tscheu- 
kung, bis zuletzt Wu-wang erscheint. Es folgt dann noch 
Detail über Scheu's Ende, Wu-wang's Wafien, Fahnen u. s. w. 
aus Me-tseu , dem Lün-heng[, Ku-kin-tschü , Schi-tseu , dem 
Sin-schu uud Hoai-nan-tseu. 

11) Liü-schi in seiner Chronik hat noch ein angebliches 
Gespräch Wu-wang's mit den Grossen von Yn über den 
Untergang ihrer Dynastie, das auch im Sin-siü sich belindet. 

12) Es folgen die Nachrichten über Wu-wang's Ver- 
fahren und die Rathschläge Thai-, Tschao- und Tscheu-kung's 
nach dem Schang-schu Ta-tschuen und die Schilderung seiner 
Uneigeunützigkeit nach Liü-schi's Chronik und Hoai-nan-tseu. 

Aus dem Yue-tsue-schu (s. unten) wird die ganze Ge- 
schichte vom 9. Jahre Wu-wang's bis zur Belehuung Wei- 
tseü's mit Sung erzählt. 

13) Aus dem Tscheu-schu gibt der I-sse seine angeblichen 
Erlasse an verschiedene Beamte u. die Erträgnisse seiner Jagden. 

14) Han-fei-tseu und Thai-kung's Goldkasten erzählen 
die Unterwerfung der Stämme und Fürsten, die nicht hul- 
digten. Die Entlassung des Heeres nach der Besiegung der 
D. Yu erwähnt schon der Schu-king V. 3 und Liü-schi's Chro:iik. 

15) Hoai-nan-tseu hat ein angebliches Gespräch Wu- 
wang's mit Thai-kung, der dessen Bedenken, seinen Fürsten 
bekriegt zu haben, beschwichtigt ; ein anderes angebliches 
Gespräch beider, wie er zu verfahren habe, gibt Thai-kung's 



30) In der Sammlung II, 9 ; s. m. Abh. S. 288. 



96 Sitzung der phüos.-phüol Ölasse vom 8. Januar 1870. 

Goldkasten, ein Gespräch mit Tscheu-kung über Yü's Re- 
gierung der Tscheu-schu, sowie dessen Rath über die Ein- 
theiluüg des Reichs und sein ganzes Verhalten. 

16) Der Opfer, die Wu-wang darbringt, erwähnt dt-r 
I-sse aus Schu-king V, 3, 4, dann der Li-ki im C. 16 Ta- 
tschuen, der Tscheu-schu, Me-tseu und Tsu-tse tschü. 

17) Nach dem Ta-tai Li-ki K. 6 Ti 59 fragt er 
angeblich den Schang-fu nach den Priucipieu (Tao) Houng- 
ti's und Tschuen-hiü's, der sagt sie ihm nach dem rothen 
Buche (Tan-schu): auf jeder Thür, jeder Waffe, jedem Ge- 
räthe. jedem Kleidungsstücke wurden angeblich moralische 
Sprüche geschrieben und eingravirt (Wei-ming) nach diesem 
und nach Thai-kung's Goldkasten (Kin-kuei) und dessen 
Verborgenen Rathschlägen (Yn-meu) ; die Verbote der 5 Kaiser 
(üu-ti) werden aus Thai-kung's Goldkasten angeführt. 

18) Wie Pe-i und Scho-tsi lieber sterben, als dem 
neuen nach ihrer Meinung usurpatorischen Kaiser zu hul- 
digen, ist ein Thema, welches die Chinesen vielfach be- 
handeln; der I-sse gibt die Stellen aus dem Sse-ki, dem 
Thai-sse-kung^'), demTschhün-thsieu-schao-yang-pien, dem Ki- 
mung-schu, demKu-sse-kao, dem Lie-tschuen, Liü-schi's Chronik 
und dem Philosophen Tschuang-tseu. Wir haben die Stellen 
aus dem Lün-iü und Meng-tseu, die hier vermisst werden, 
in u. Histor. Einleit. z. Leben des Confucius S. 372 (24 fg.) 
schon angeführt. 

19) Auch Schang-yung weigerte sich nach dem Han- 
schi-uai-tschuen von Wu-wang eine Stelle anzunehmen. 

20) Wie Tscheu-kung die Musik Ta-wu mit panto- 
mimischen Tänzen einführt, erwähnen Liü-schi's Chronik, 
Siün-tseu und Hoai-nan-tseu. Confucius Gespräch darüber 
mit Pin-meu kia im Li-ki C. 19 Yo-ki haben wir in u. Abh. 
üeber den Cultus der alten Chinesen a. d. Abh. d. Ak. IX, 3, 
S. 951 (117) schon mitgetheilt. 

21) Zuletzt wird noch die Darbringung von Hunden 
durch Fremde nach dem Schu-king V, 5 erzählt und noch 
andere wunderbare Gaben nach dem Scho-i-ki. 

B. 21. Tscheu kien tschu-heu, d.i. Tscheu gründet 



31) So nennt Sse-ma-tsien seinen Vater Sse-ma-than, s.Remusat 
Nouv. Mel. As. T. U p. 131. 



J 



Plath: Quellen der alten chiyies. Geschichte. 97 

die Vasallen- Fürstenthümer, handelt erst von diesen im 
Allgemeinen, wie die Nachkommen der alten Kaiser und 
die Glieder seiner Familien solche Lehne erhielten, nach dem 
Sse-ki (das C. des Schu-king Fen-ki ist verloren), Liü-schi's 
Chronik und Han-schi-uai-tschuen , auch dem Li-ki C. Yo-ki 
19 f. 35 V. (16 p. 106) und von den 5 verschiedenen Glassen 
der Vasallenfürsten und dem Umfange ihrer Gebiete. Dann 
spricht er von den einzelnen Lehenreichen nach dem 
Sse-ki, Siün-tseu und wie namentlich Thsi unter Thai-kung 
sich hob nach dem Yen-thie-liin,^^) Han-fei-tseu und dem 
Tschhün-thsieu-fan-lu. Tscheu-kung wird mit Lu belehnt, das 
er alsbald aber seinem Sohne Pe-kin abtritt. Die Rathschläge, 
die er ihm ertheilt , werden nach dem Sse-ki , dem Schue- 
yuen, Siün-tseu und dem Schang-schu Ta-tschuen erwähnt; 
die verschiedenenen Principien der Regierung Thai-kung's in 
Thsi und Tscheu-kung's in Lu nach Liü-schi's Chronik, auch 
im Schue-yuen, angegeben. Die Verleihung der anderen Reiche 
Pe-Yen's an Tschao-kung u. s. w. werden meistens nur nach 
dem Sse-ki erzählt ; hier ist noch die Anekdote, wie Tschao- 
kung unter einem Birnbäume Recht sprach nach dem Schi- 
king (I, 2, 5), Han-schi-uai-tschuen, dem Schue-yuen, dem 
Yo-tung-sching-i; dass er 108 Jahre alt wurde, beruht nur 
auf dem Lün-heng. Die Verleihung ü's an Thai-pe wird 
auser dem Sse-ki, auch nach dem Ü Yuei Tschhün-thsieu 
und Fu-tseu erzählt. Dem Ki-tseu. aus der Kaiserfamilie 
der 2. D., wird das C. Hung-fan im Schu-king zugeschrieben. 
Dass Wu-wang ihn mit Tschao-sien (Nord-Corea) belehnt 
habe, erwähnt nur der Sse-ki, dann der Schang-schu Ta- 
tschuen, der Heu-Han schu und der Schui-king tschü. Wei- 
tseu, ein Naclikomme der 2. Dynastie, wird mit Sung belehnt 
Dach dem Schu-king V, 8, dem Sse-ki und dem Schang-schu 
Ta-tschuen ; der Belehnung Thang's mit dem späteren Tsin 
erwähnt nächst dem Sse-ki noch Liü-schi's Chronik. Die 
i Belehnung mit Pa (in Sse-tschuen) wird nur aus dem Hoa- 
i yang kue-tschi erzählt; wir übergehen die anderen Reiche, 
, deren nur nach dem Sse-ki gedacht wird. 



32) In der Sammlung III, 7; s. m. Abb. S. 299 fg. 
[1870. I. 1.1 7 



98 Sitzung der philos.-phüöl. Glosse vom 3. Januaf 1870. 

B. 22. Tscheu-kung schi tsching, d. i. Tscheu- 
kung führt die Regierung (während der ]\^nderjährigkeit von 
Tschin g-wang , Wu-wang's Nachfolger). Die Hauptbegeben- 
heiten sind diese: 

1) Kuan- und Tshai-tscho, die Brüder Wu-wang's und 
Tbcheu-kung's, wurden zu Aufsehern der Yu bestellt , nach 
dem Bambubuche, dem Sse-ki, der Chronik der Kaiser und 
Könige und dem Tscheu-schu. 

2) Tscheu-kung hat bei Wu-wang's Erkrankung nach 
dem Schu-king V, 6 und dem Sse-ki sich für ihn dem Tode 
geweiht. üeber Wu-wang's Tod gibt es nach der Note 
verschiedene Zeitangaben. 

3) Nach dem Siu-schu wird erzählt, wie Tsching-wang's 
Mutter, als sie mit ihm schwanger ging, sich verhielt (siehe 
auch die Chronik der Kaiser und Könige). 

4) Da er erst 13 Jahre alt war, wurde Tsclieu-kung 
für ihn Regent. Wie dieser eigenthümlich ihn mit seinem 
Sohne Pe-kin erzieht, der die Prügel bekommt, wenn der 
junge Kaiser etwas versieht , erzählt der Li-ki (J. 8 f. 28 v. 
und der Kia-iü C. 43 f. 22 v, (s. m. Hist. Einleit. z. Confucius 
Leben S. 386 (38), der Sin-schu und Sse-ki. 

5) Tscheu-kung's Ermahnung, als Schao-kung sich zurück- 
ziehen will, wird aus dem Schu-king V, 16 berichtet. 

6) Wie Tscheu-kung dem jungen Kaiser den männ- 
lichen Hut ertheilt, erzählt der Ta-tai Li-ki und Ku-sse- 
kao; nach dem Schang-schu Tsiuen fragt Tsching-wang Tscheu- 
kung, wie der männliche Hut Schün's gewesen sei! Der 
Scho-i-ki spricht von den Geschenken , die ihm dargebracht 
wurden. 

7) Verdächtigt zieht Tscheu-kung sich 2 Jahre nach 
Osten zurück nach dem Schu-king, dem Sse-ki und dem 
Yue-tsue-schu. In dieser Zeit soll er die 364 kurzen Texte 
des Y-king verfasst haben. Dieser Theil des Y-king wird 
hier dann im I-sse f. 7 — 15 ganz eingeschaltet, auch mehrere 
Lieder des Schi-king, wie I, 15, 2 nach Han Schi-schue. 
Der Himmel zürnt über seine Zurücksetzung, seine Ver- 
dienste werden dann anerkannt und er kehrt zurück nach 
Schu-king V, 16. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 99 

8) Es folgt dann der Aufstand Kuan-u. Tshai-scho's, 
die Tscheu-kung tödten lässt , nach dem Schu-king . dem 
Schang-schu Ta-tschuen, dem Scbi-tscbuen.^^J dem Sse-ki, 
dem Schue-yuen, auch Han-schi -uai-tschueu und dem 
Tscheu-schu. 

9) Die Anekdote, wie Tsching-wang dem Tscheu-kung 
eine wunderbare Kornähre, die ilim gebracht, verehrte, 
war in 2 verschiedenen G, des Schu-king enthalten (s. S. 82). 
daraus hat sie wohl der Sse-ki. 

10) Tscheu-kung bekriegt dann die Barbaren Hoai-i im 
Osten nach dem Schi-king, dem Sse-ki und der Vorrede zum 
Schu-king nach einem verlorenen Capitel desselben und der 
Kaiserchronik. 

11) Es folgen dann mehrere Capitel aus dem Schu- 
king über die Leamtung, den Bau von Lo-yang; der 
Sse-ki , Sui-tsao-tseu , der Tscheu-schu und Hoai-nan-tseu 
erwähnen diesen. Der Tscheu-schu hat auch Angaben über 
die Grösse der Stadt. Wie Tsching-wang da die neun Urnen 
(Ting) Yü's aufstellt, erwähnt die Chronik der Kaiser und 
Könige erst. Noch eine Angabe hat der Schang-schu Ta- 
tschuen über sein Thun , ebenso Schi-tseu und Siün-tseu. 
7 Jahre stand er dem Kaiser Tsching-wang zur Seite. Wie 
er Gebräuche und Musik geordnet habe, erwähnt der Schue- 
juen. Anderes über ihn gibt noch Liü-schi's Chronik, der 
Pe-hu-tung, Siün-tseu ; Wundergeschichten berichtet wieder 
der Sung-fu-sui-tschi und der Yen-thie-lün. Dass er bei 
Uebergabe der Regierung an Tsching-wang nach Tsu ent- 
flohen sei, bemerkt die Note f. 30 sei irrig. Aus Hoai-nan-tseu, 
Sün-tseu, Schi-tseu und Yo-tseu werden noch Aussprüche 
über ihn mitgetheilt, so auch aus Liü-schi's Chronik. Er 
wollte in Tsching-tscheu begraben werden, der Kaiser begrub 
ihn aber in Pi, nach einem verlorenen Capitel des Schu- 
king und dem Sse-ki. Wie der Kaiser als Auszeichnung 
ihm und seiner Familie kaiserliche Opfer . Musik . Fahnen 
und Wagen bewilligte, berichtet der Li-ki im Cap. 25 
Tsi-tung. 



33) In der Sammlung I, 7; s. Anm. 19. 



100 Sitzung der philos.-philol Classe vom 8. Januar 1870. 

4b) Innere Einrichtungen und Organisation der 
Dynastie Tscheu. 

lieber die inneren Einrichtungen der beiden ersten 
Dynastien haben wir nur sehr vereinz-^lte Nachrichten ; in- 
dess bemerkte der Li-ki im C. Li-ki 10 f. 14 (9 p. 55), dass die 
Gebräuche der 3 ersten Dynastien im Wesentlichen gleich 
waren, siehe auch Meng-tseu I, 2, 23. Doch gab es auch Abweich- 
ungen nach Meng-tseu III, 1, 3, 6, 10 und dem Li-ki an verschie- 
denen Stellen. Üeber die der 3. D. Tscheu dagegen haben wir 
weitere Nachrichten. Sie sind besonders in 4 Werken enthalten, 
über die wir daher ausführlicher sprechen müssen. Es sind 
dies der Tscheu-li, der J-li, der Li-ki und der Ta-tai Li-ki. 

1) Tscheu-li heisst die Gebräuche des Tscheu; näher 
bezeichnend ist der andere Titel des Werkes Tscheu-kuan, 
d. i. die Beamten der Tscheu, denn dies Werk enthält eine 
detaillirte Darstellung der Verwaltung dieser Dynastie, die 
man auf Tscheu-kung schwerlich mit Recht zurückführt. 
Tscheu-kung soll nämlich auch die 20 ersten Capiteln des 5. B. 
des Schu-king verfasst haben, von welchem das letzte (V, 20) 
Tscheu-kuan heisst, was freilich, wie P. Regis in der Ein- 
leitung zum Y-king I p. 147 bemerkt, von der künsthchen 
Organisation , wie sie dieses Werk enthält , sehr abweicht, 
wie denn auch die souderbaien Bezeichnungen des Tscheu-li 
für die 6 Ministerien, das des Himmels, der Erde, des 
Frühlings, des Sommers, Herbstes und Winters (Thian-, Ti-, 
Tschün-, Hia-, Thsieu und Tung-kuan) weder im Schu-king 
noch im Schi-king, noch bei Confucius und seinen Schülern 
vorkommen; das System müsste denn in späteren Jahren 
erst ausgebildet sein. Tso-tschuen Wen-kung Ao. 18 f. 24, 
S, B. 15 p. 474 sagt: Tscheu-kung tschi Tscheu h, d. i. Tscheu- 
kung regelte die Gebräuche der Tscheu, womit freilich unser 
Buch nicht gemeint ist. Biot T. I p. X und Mem. pres. par 
divers savants ä l'Academie des Inscr. Paris 1852 4. Ser. I 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 101 

T. 2 p. 9 hebt hervor, dass im Tscheu-li B. 9 f. 17 die Länge 
des Mittagsschattens am Sommersolstiz mit dem Gnomon 
von 8 Fuss in Lo-yang, der Hauptstadt der Tscheu gefunden 
sei und will darin eine Bestätigung dafür, dass Tscheu-kuug 
der Verfasser sei , gefunden haben , da Laplace für das 
12. Jahrhundert v. Chr. die angegebene Länge zutreffend 
gefunden habe, auch die 28 Sternbilder, die nach andern 
Angaben Tscheu-kung bestimmt habe, erwähne 4er Tscheu-li. 
Gegen diese Argumente hat indess neuerdings Weber in den 
Abh. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1860 S. 264 nicht unwichtige 
Einwendungen gemacht. 

Gegen die Authenticität des Tscheu-li hat man ein- 
gewandt, dass Confucius und seine Schüler ihn nicht citirten, 
wie doch den Schu-king, Schi-king und Li-ki, indess sagt 
Confucius im Tschung-yung C, 20, 2 und im Kia-iü C. 17 ,,die 
Verwaltungsmassregeln Wen-wang's und Wu-wang's sind auf 
Bambutafeln verzeichnet, lebten diese grossen Männer noch, 
so würden ihre Verordnungen noch in Kraft sein, sie sind 
aber gestorben und ihre Verordnungen vernachlässigt" und Biot 
meint, Confucius habe im kaiserlichen Archive ein ähnliches 
Werk gesehen, dessen Vorschriften aber für die Beamten 
seiner Zeit nicht mehr anwendbar gefunden; wenn Meng-tseu 
im 4. Jahrhundert v. Chr. V, 2, 2, 2 (II, 4, 9) sage, er habe 
das Detail über die Abgaben und Aemter der D. Tscheu 
nicht kennen lernen können, da die offiziellen Register, die 
sie enthielten, durch die Feudal-Fürsten, denen sie unbequem 
waren , vernichtet worden und er könne daher nur einen 
Abriss davon geben, so gehe das nur auf die Copien, die sie 
erhalten hätten und es könne immer ein Exemplar im kaiser- 
lichen Archive oder in dem eines andern Fürsten sich 
erhalten haben. Legge T. 1 Prol. p. 120 sagt, dass Nan- 
kung-kuo oder Tseu-yung bei einem Feuer , das im Palaste 
Lu Ngai-kung's (494 v. Chr.) ausbrach, alle seine Anstrengungen 
darauf richtete, die Bibliothek zu retten und ihm die Er- 



102 Sitzung der pMlos.-pMlol Classe vom 8. Januar 1870. 

haltung eines Exemplars des Tscheu-li, der in Lu sich fand, 
sowie anderer alter Denkmäler zu verdanken sei; Legge 
gibt leider die Quelle, aus der er schöpfte, nicht an; im 
Leben dieses Schülers des Confucius , im I-sse B. 95 , 4, 
finde ich nichts der Art erwähnt. 

Als Thsiu-schi-hoang-ti das Feudalwesen in China stürzte, 
wurde auch dieses Werk 213 v. Chr. mit den andern King 
verbrannt,^*) aber später bei der Wiederherstellung der 
chinesischen Literatur unter Han Hiao-wen-ti (170 — 156 
"V. Chr.) ein Theil und dann der ganze jetzige Tscheu-li 
wieder aufgefunden und commentirt. Wir müssen uus wegen 
des Näheren auf Biot's Einleitung zu seiner Uebersetzung 
des Tscheu-li. Paris 1851 2. B. 8^ beziehen. Wir haben in 
unserer Abb. üeber die Religion der alten Chinesen, a. den 
Abb. d. bayer. Akad. d. Wiss. I. Cl. B. 9 Abthl. 3 S. 738 (8) fg., 
ausführlicher schon darüber ausgesprochen , auf welche wir 
der Kürze wegen hier verweisen. 

Wenn wir die Echtheit des Tscheu-li annehmen, so ist 
damit nicht gesagt, dass nicht einzelne Stellen oder grössere 
Abschnitte später verändert oder eingeschoben sein könnten. 
Dies gibt auch Biot zu und ähnlich urtheilt Gaubil zum 
Chouking p. 216: dans le livre Tcheou-li et dans le Li-ki 
il y a bien de choses qui sont de lui (Tscheu-koug), mais il 
est difficile de determiner au juste, ce qu'il a fait dans ces 
deux ouvrages , und p. 258 : le livre Tscheou-li renferme 
plusieurs morceaux composes par Tcheou-kong et par plusieurs 
autres; — dans ce livre Tscheou-li il y a plusieurs morceaux 
qui n'y ont ete mis que du tems de Han ; vergl. auch P. Regis 
Einl. z. Y-king I p. 146 fg. und Wylie p. 4. 



34) Wylie p. 4 sagt: In Thsin hatten nicht die Gebräuche der 
D. Tscheu, sondern fortwährend die der D. Schang gegolten, daher 
sein Hass gegen dieses Buch. Ich weiss nicht, woher es die An- 
gabe hat. 



Flath: Quellen der alten cJiines. Geschichte. 103 

Den Abschnitt Tschi-fang-tscbi im Tsclieu-li B. 33 f. 1—59 
finde ich auch im Tscheu-schu C. 8 f. 7 — 9 v., in der Samm- 
lung I, 6. Dieses Werk soll mit dem Bambubuche und auderu 
im Grabe des Fürsten von Wei 279 n. Chr. gefunden worden 
sein, was aber wenig glaublich ist nach Wylie p. 23; s. m. Abb. 
S. 6. Das Bauibubuch geht bis zum 16. Jahre von Kaiser 
Yiu (Nan-wang) 298 v. Chr. , wäre also wohl bald darnach 
im Grabe deponirt worden und wenn der Tscheu-schu gleich- 
zeitig mit ihm , wäre das Vorhandensein des obigen Abschnittes 
des Tbcheu-li um 298 v. Chr. constatirt. 

Wir brauchen auf eine nähere Angabe des Inhalts des 
Tscheu-li hier nicht einzugehen, da wir in uns. Abh. üeber die 
Verf. und Verwah. China's unter den 3 ersten D. S. 526 f. 
eine genaue Uebersicht der einzelnen Beamten der D. Tscheu 
nach dem Tscheu-li schon gegeben und in uusern verschiedenen 
Abhandlungen : Ueber die Kehgion und den Cultus. München 
1862-64 — Ueber die Verfassung und Verwaltung. München 
1865 — Ueber Gesetz und Recht. Müuchen 1865 — Ueber 
Nalu'ung, Kleidung, Wohnung. München 1868 — und üeber 
die Beschädigungen der alten Chin. München 1869, alle in 4°, 
a. d. Abh. der Akad., das Material schon verarbeitet haben. 
Die letzte Abtheilung des Tscheu-li ist verloren gegangen. 

Wichtiger ist die Frage, in welcher Zeit diese Ein- 
richtungen gegolten haben mögen? Soviel erhellt aus obigen 
Angaben und aus der ganzen chin. Geschichte ihrer Zeit, dass 
dieses zu Confueius und Meng-tseu's Zeiten nicht mehr der 
Fall wai-. Wir können sie also nur in der Zeit von Tscheu- 
kung 1122 V. Chr. bis kaum zu Anfang des Tschhün-thsieu 
(722 V. Chr.) etwa als in Kraft bestehend uns denken und 
hervorgehoben zu werden verdient , dass wir in dem ganzen 
Werke auch keine Anspielung auf spätere Zeiten oder auch nur 
eine Erwähnung der Einzelreiche, die zur Zeit des Tschhün- 
thsieu und später zu Ansehen gelangten , gefunden haben. 
Auf diese Zeilen passten die darin erwähnten Einrichtungen 



104 Sitzung der pMos.-pMol. Classe vom 8. Januar 1870. 

nicht mehr. Auch fragt es sich immer noch, ob diese auch 
früher vollständig zur Geltung kamen und ins Leben traten, 
oder sich darin erhielten ; wir haben sie daher hier erwähnt. 
Bemerkenswerth möchte indess noch die Stelle im Tso-tschuen 
Min-kung A. 1 , S. B. 13 S. 53 , auch im I-sse B. 40 f. 6 v., 
sein , wo es 660 v. Chr. heisst : Lu hält noch fest an den 
Gebräuchen der Tscheu. 

Das 2. Werk ist des I-li, — Decorum ritual übersetzt es 
Wylie — mehr die Bräuche einzelner Klassen oder im Detail 
Nachrichten über einzelne Gebräuche enthaltend. Die Zeit 
aus welcher er stammt, ist ebensowenig bestimmt; auch 
dieses Werk wird auf Tscheu-kung zurückgeführt. 

Nach dem Bücherbrande brachte Kao-tang aus Lu im 
2. Jahrhundert v. Chr. zuerst ein Werk Sse-li, The scholars 
ritual, in 7 Abschnitten ans Licht. Damit stimmte die Ab- 
schrift, die man dann mit dem Schu-king u. a. Werken in 
der Mauer von Confucius Hause fand. Es hiess Li ku king, 
alter Klassiker über die Bräuche, seit den Han aber I-li. 

Da es noch nicht herausgegeben oder übersetzt ist 
und wir auch nirgends eine genauere Angabe über dessen 
Inhalt im Einzelnen finden, so wird die Angabe des Inhalts 
der einzelnen C. nicht unangemessen sein. Das Exemplar 
der Staatsbibliothek aus der Sammlung von 0. Martucci ent- 
hält 17 C. in 13 Heften, der alte I-li soll 56 C. (pien) ent- 
halten haben. Mehrere Werke, die sich auf ihn beziehen, 
nennt der Katalog K. 2 f. 27 v. fg. 

Heft 1 C. 1 Sse-kuan-li handelt von den Gebräuchen 
bei Aufsetzung des männhchen Hutes eines Literaten; C. 2. 
Sse-huen-li von den Hochzeitsgebräucheu eines Literaten; 
Heft 2 C. 3 Sse-siang-kien-li von den Gebräuchen bei 
den gegenseitigen Besuchen der Literaten; C. 4 Hiang- 
yen-tsieu-li, von den Gebräuchen, wenn im Distrikte (alle 3 
Jahre bei einen Festin) man Wein trinkt; Hft. 3 C. 5 
Hiang-sche-li, von den Gebräuchen beim Bogenschiessen 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 105 

im Distrikte; Hft. 4. C. 6 Yen-li, von den Gebräuchen bei 
bei Festen; Hft. 5, C. 7 Ta-sche-i, von den Bräuchen beim 
grossen Bogenschiessen ; Hft. 6 C. 8 Ping-li, von den Ge- 
bräuchen bei Besuchen; Hft. 7. C. 9 Kung-sse Ta-fu li, 
von den Gebräuchen, wenn der Kuug (etwa Grai) einen 
Ta-fu (Grossbeamten) zum Essen einlud ; C. lOKbin-li, von 
den Gebräuchen bei der Aufwartung (der Vasallen-Fürsten 
beim Kaiser im Herbste); Hft. 8 C. 11 Sang-fu-li, von 
den Gebräuche hinsichts der Trauerkleider; Hft. 9 C. 12 Sse- 
sang-li, von den Gebräuchen bei der Trauer eines Literaten; 
Heft 10 C. 13 Ki-si, nach den Anfangswörtern genannt, 
ist nur die 2. Abtheilung des vorigen Capitels ; Heft 
11 C. 14 Sse-iü-li, von den Gebräuchen des Sse-yü; 
Hft. 12. C. 15 Te-seng-kuei-schi, von den (grossen) 
Opfern , wenn man Rinder darbringt; Hft. 13. C. 16 
Schao-lao-kuei-schi, von den kleinen Opfern (der Khing 
und Ta-fu); C. 17 endlich Yeu-sse-tschhe, nur nach den 
Anfangsworten genannt, ist wieder nur eine Unterabtheilung 
des Vorigen. 

Das 3. Werk, derLi-ki, würde das wichtigste sein, wenn 
es der alte ächte Li-ki wäre, welchen Confucius nach Lün-iü 
2, 16, 13 seinem Sohne zum besonderen Studium empfahl. 
Nach dem Li-ki-ming-tsching im I-sse B. 19 f. 30 v. sah 
Confucius die Gebräuche (Li) im Verfall , wie die Musik, 
die Principien verwaist und er ordnete daher die 300 Li 
und die 3000 J, den Schu-king und Schi-king revidirte er 
und stellte die Musik fest. Dieses Werk ist verloren und 
obwohl die Citate, welche Confucius und Meng-tseu aus 
dem Li-ki anführen, in dem jetzigen Li-ki mit aufgenommen 
sind, ist dies doch kein altes Werk, sondern es enthält viele 
Cap. die auf eine viel spätere Zeit hinweisen. Als der Sturm, 
der unter Thsin Schi-hoang-ti sich gegen die ganze alte 
chinesische Literatur erhob, verbrauset und die D. Han zum 
ruhigen Besitze des Landes gelangt war, suchte man mit 



106 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 8. Januar 1870. 

Eifer alle literarischen Ueberbleibsel der alten Zeit wieder 
auf; in Sclian-tuug soll Kao-tang-seng zunächst 17 Cap. des 
Li-ld, die in seinem väterlichen Hause sich erhalten hatten, 
seinen Schülern überliefert haben ; 130 v. Chr. wurde einem 
Binder des Kaisers Hiao-wu-ti, dem Fürsten von Ho-kien, 
ein Li-ki in 131 C. gebracht, die 300 J. vorher von Schülern 
des Coufucius verfasst sein sollten ; sie wurden dem Tribunale 
der Gebräuche übergeben, dessen Vorstand Lieu-kiaug noch 
andere Stücke, die man gefunden hatte, damit vereinigte, 
so dass die Zahl der C. nach Einigen auf 214, nach Andern 
garauf 250 gebracht wurde, aber Tai-te, der grosse Tai, der mit 
seinem Neffen Tai-sching, dem kleinen Tai, sie zur Revision 
erhielt, reduzirte sie nach Ausscheidung der unzähligen 
Wiederholungen und Erweiterungen auf 85 Cap. Die früheren 
Sammlungen sind verloren gegangen ; aus diesen machte 
der kleine Tai später eine neue Reduktion von 46 C. ; zu 
Ende der D. lian fügte Ma-juug noch 3 neu entdeckte C, 
\uei-ling (Gap. 6), Ming-tang-wei G. 14 u. Yo-ki C. 19 
hinzu, so dass die Zahl der Capitel auf 49 stieg; unter 
der D. Suug Hess man C. 42, welches den Ta-hio enthielt, 
wie G. 31 den Tschung-yung, weg, die jetzt in den 4 Büchern 
enthalten sind, so dass der Li-ki jetzt aus 47 G. besteht; 
die anderen 38 G., die man später wieder fand, sind dann 
unter dem Namen des Ta-tai Li-ki besonders herausge- 
geben worden. Die Turiaer Ak. d. Wissenschaften hat den 
Li-ki chinesisch mit Gallery's franz. Uebersetzung heraus- 
gegeben, da dieser aber mehrere G. ganz ausgelassen, andere 
nur theilweise mitgetheilt hat, wird es zweckmässig sein, hier 
eine Uebersicht^^) des Inhaltes aller einzelnen Capitel zu 
geben. 



35) W. Schott Entwurf und Beschreibung der chinesischen 
Literatur. Berlin 1854. 4*^. S. 19fg. gibt eine Uebersicht des Li-ki, 
die aber doch nicht so detaillirt ist. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 107 

C. 1 u. 2. Kiü-li in 2 Abtb., der obern u. untern, spricbt 
von allerlei Gebräucbeu; Kiu ist ein volles Gefäss. Die innere 
Ehrerbietung (King), wird bier gelebrt, ist die Grundlage des 
Li und die Cardiualtugenden erbalten durcb diese erst ihre 
Vollendung. Es bandeln diese Capitel dann speciell von den 
Piiicbteu gegen Vater und Mutter, gegen Aeltere, Höbere, 
1-reunde und Gäste, von der notbwendigen Trennung der 
Gescblecbtcr, den Trauergebräueben, Titeln, Verbeugungen, 
Ausdrücken der Demutb, Bescbeidenbeit u. s. w. G. 3 u. 4 
baben die Ueberscbrift Tan-kung von einem Manne aus Lu, 
der zu Anfang genannt wird und enthalten kurze Gespräche, 
Fragen und Antworten über allerlei Gegenstände des Li von 
Confucius und seinen Schülern. (Von C. 3 gibt Callery nur 
ein kleines Fragment, C. 4 auch nicht vollständig). C. 5 
Wang-tscbi, d. i. die Regierung des Kaisers, bandelt von 
der Eintheilung des Reiches und der Regierung, den Berufs- 
ptiichten des Kaisers und der Grossen, den Privilegien der 
verschiedenen Altersstufen unter den Beamten der 3. D. 
Tscbeu. C. 6. Yuei-ling, die Monats-Erlasse, bericbtet, 
Was der Kaiser, die Vasallenfürsten und Beamten in jedem 
Monate zu thun haben, namentlich welche Opfer darzubringen 
sind, wie er die Acker-Ceremonie vornimmt, die Collegieu 
besucht u. s. w. (Callery's Ausgabe lässt Vieles aus). 
Nach den meisten Chinesen, wie Gaubil bei Souciet Obs. 
T. 3. p. 26 bemerkt, ist das C. von Liü-pu-wey, der unter 
der 4. D. Thsin 245 v. Chr. starb; s. Anm. 5. Die Aus- 
leger sagen , es enthalte Vieles , was mit den alten Werken 
und Gebräuchen der Weisen sich nicht reime. 

C. 7. Tseng-tseu-wen, das ist Tseng-tseu (ein Schüler 
des Confucius) fragt (diesen und der beantwortet seine Fragen, 
welche die Trauergebräuclie und den Abuendienst betreffen). 
Nur die 2 letzten Fragen werden einem anderen Schüler Tseu-hia 
in den Mund gelegt, (Callery bat dieses Capitel ganz ausgelassen). 
C.8, Wen-wang scbi-tseu, d.i.Wen-wang als Erbprinz, spricbt 



108 Sitzung der philos.-pTiilöl. Gasse vom 8. Januar 1870. 

davon, wie die alten Musterkaiser ihre Söhne erziehen Hessen, 
dass sie wieder solche würden ; sie mussten Pietät üben — 
um dereinst die Väter des Volkes — und die Unterthanen- 
Pflichten, — um einst gute Fürsten sein zu können; denn 
nur wer den Menschen dienen (sse) kann, kann ihnen später 
befehlen (sse). C. 9. Li-yün, d.i. die Phasen oder Wand- 
lungen des Ceremoniells. Confucius entwickelt da die hohe 
Bedeutung derselben ; die Ausleger aber erklären es für 
zweifelhaft, ob die Aeusserungen von Confucius seien. C. 10 
Li-khi, wörtlich die Gefässe (Khi) des Li; ü. 11 Kiao-te- 
seng spricht von den Opfern, die im Kiao dem Himmel 
vom Kaiser dargebracht wurden und überhaupt von den 
kaiserhchen Opfern, (j. 12Nei-tse, gibt Vorschriften für das 
Innere (das Familienleben), wie die Kinder sich gegen die 
Eltern und Schwiegereltern zu verhalten haben (Callery 
C. 11 hat nur ein kleines Fragment daraus mitgetheilt). 
Es werden noch jetzt den Kindern im Siao-hio viele Vor- 
schriften daraus vorgehalten. C. 13. Yü-tsao, gibt allerlei 
Vorschriften über die Kleidung und Haltung der Beamten, 
namentlich bei der Aufwartung am Hofe, (Callery hat es 
nur sehr unvollständig gegeben) ; C. 14 Ming-tang-wei (Licht- 
tempel der Ahnen, hat er ganz überschlagen), ebenso C. 15 
Sang-fu-siao-ki, die kleine Abhandlung über die Trauer- 
kleidung. C. IG. (bei C. 13) Ta-tschuen, die grosse üeber- 
lieferung, spricht von einigen wichtigen Ceremonien beim 
Opfer- und Familienmahle, C. 17. Schao-i enthält Regeln 
für das Betragen der Jugend, beschränkt sich aber nicht 
auf diese. C. 18 Hio-ki, die Abhandlung über die Studien, 
gibt interessante Data über das Unterrichtswesen ^^) C. 19 
Yo-ki ist eine Abhandlung über die Musik. C. 20 und 21 
Tsa-ki sind Melanges, namentlich über Trauergebräuche 



36) Meine Abb. Scbule, Unterriebt und Erziebung bei den 
alten Cbinesen, aus den S. B. d. Ak. München 1868. 8. enthält die 



Flath: Quellen der aiten chines. Geschichte. 109 

(Callery gibt nur ein Paar Sätze daraus); C. 22 Sang-ta- 
ki. die grosse Abhandlung über die Trauer, hat er ganz 
ausgelassen. G. 23 Tsi-fa, des Opfers Regeln. Die Aus- 
leger sagen, was sie enthält, ist wenig glaubwürdig, (Callery 
hat es nur unvollständig mitgetheilt). C. 24. Thsi-i, von 
des Opfers Bedeutung. C. 25 Tsi-tung. Allgemeines über 
die Opfer. C. 2G King-kiai, die Eröffnung oder der Sinn 
der King (classischen Schriften), erwähnt des Gebrauches des 
Schi-kiug, Schu-king, Yo-king, Y-king, Tschhün-thsieu und des 
Li-ki selbst beim Unterrichte, Die Stelle zeigt deutlich, dass 
dies nicht der alte Li-ki sein kann ; die Ausleger bezweifeln 
aber die Aechtheit der Aussprüche des Confucius, G. 27 
(C. 22) Ngai-kung wen, fragt dieser Fürst von Lu Gon- 
fucius über Gebräuche und der antwortet ihm. G. 28 (G. 23) 
Tschung-ni (Confucius) yen-kiü enthält Unterhaltungen 
des Confucius mit seinen Schülern Tseu-tschang, Tseu-kung 
und Jon-ieu über die Bräuche; C. 29 Kung-tseu kien-kiü, 
Unterhaltungen desselben mit seinem Schüler Tseu-hia in 
den Mussestunden ; C. 30. Fang-ki, Abhandlung über -die 
Dämme, Anweisungen des Confucius die Menschen ins rechte 
Geleis zu bringen, gleichsam einzudämmen. 

G. 31 enthielt früher, wie schon gesagt, den Tschung- 
yung. G. 32 (G. 26) Piao-ki, zeigt wie der Weise durch 
sein äusseres Benehmen schon sich Ehrfurcht und Vertriiuen 
erwirbt. Der Titel von C. 33 (C. 27) Sche-y, das schwarze 
Kleid, ist einer citirten Stelle des Schi-king entnommen und 
enthält allerlei Aussprüche des Confucius. C. 34. Pen- 
sang, von der Trauer (ist von Callery ausgelassen, so auch 
C. 35 — 38); C. 35 Wen-sang, sind Fragen über die Trauer; 
C. 36 Fu-wen, Fragen über die Trauerkleidung; C. 37 

Data daraus, sowie m. Abb. Die bänslicben Verbältnisse der 
alten Chinesen. München 1863. 8. aus andern Capiteln des Li-ki, 
namentlich aus C. 12.8.44 u.s.w. und m. Abb. L'eber den CultuB 
der alten Chinesen aus C. 11, 23, 24 u. a. 



110 Sitzung der phUos.-pJiilol. Classe vom 8. Januar 1870. 

Kien-tschuen, etwa Ueberlieferung aus den Musestunden 
(Kien), C. 38 San-nien- wen , Fragen über die dreijährige 
(Trauer). C. 39 (C. 28) Schen-i, handelt von der Verfer- 
tigung dieses Anzuges. C. 40 T heu- hu. Hu ist ein Wein- 
gefäss; Theu-hu ein besonderes Spiel. C. 41 (0. 29) Jü- 
hing vom Wandel des Gelehrten, ist eine Deklamation, die 
wohl von Confucius nicht herrührt. C. 42 enthielt früher 
den Ta-hio. C. 43 (C. 30) Kuan-i, handelt von der Be- 
deutung der Annahme des männlichen Hutes; C. 44 (C. 31) 
Huen-i, von der Bedeutung der Heirath; (J. 45. (C. 32) 
Hiang-yen-tsieu-i, von der Bedeutung des Weintrinkens 
im Distrikte; C, 46. (C. 33) Sche-i, von der Bedeutung des 
Bogenschiessens; C. 47 (C. 34) Yen-i von der Bedeutung der 
Festins; C. 48. (C. 35) Ping-i. von der Bedeutung der 
Besuche oder Aufwartungen und C. 49 endlich (das bei Callery 
fehlt), Sang-fu sse-tschi, 4 Vorschriften über die Trauer- 
kleidung. Man sieht aus dieser Uebersicht, wie mehrere 
Capitel dieselben Gegenstände, wie der J-li, behandeln; sie 
sind aber nicht alle alt, sondern enthalten zum Theil nur 
Aussprüche von Confucius und seinen Schülern, die aber 
immer nichts Neues, nicht ihre eigenen Satzungen, sondern 
nur die alten geben wollen, wesshalb der Li-ki hier mit 
aufgeführt werden kann. Der Text lässt vieles zu wünschen 
übrig, es kommen verschiedene Wiederholungen derselben 
Stellen vor; so in den C. 12, 17, 37 und 38 aus den ersten 
beiden Capiteln. Mehrere Stellen gelten auch den Chinesen 
für unecht und gefälscht. 

4) Den Ta-tai Li-ki besitzt die Staatsbibliothek in 
der Sammlung von Werken aus den D. Han und Wei 
(Han-wei-tsung-schu I Nr. 11. Es sind 13 Abschnitte 
(Kiuen) in 3 Hft. Wir haben die Uebersicht derselben in 
unserer Abb. über jene Sammlung. München 1868 S. 8 — 11 
schon mitgetheilt, wiederholen sie daher hier nicht, zumal 



Plath : Quellen der alten chines. Geschichte. 111 

viele Capitel Confucius und seine Schüler betreffen, andere 
zur politischen Geschichte gehören. 

Der I-ss e B. 23 u. 24 hat nun, was die innere Geschichte 
betrifft, diese Werke besser geordnet und das Zusammen- 
gehörige aus allen nach den Materien zusammengestellt, was 
Confucius und seine Schüler, z. B. Tseng-tseu u. a., betrifft, 
aber aus dem Li-ki u. Ta-tai Li-ki in B. 95, 1. 2. 4; das 
Historische des Ta-tai Li-ki, z. B. K. 6 Ti 59 Wu-wang-tsieu- 
tsu bei Wu-waug im I-sse K. 20 f. 35 fg. 

B. 23 in 2 Abthlg. gibt erst einige Tabellen und dann 
den ganzen Tscheu-li, aber den blossen Text, ohne alle 
Erläuterungen und Zusätze. 

B. 24 in 6 Abtheilungen gibt dann zunächst den ganzen 
I-li, aber immer mit den entsprechenden Aljschnitteu aus 
den betreffenden Capiteln des Li-ki und Ta-tai Li-ki, so 
dass man hier alles in einer passenden üebersicht beisammen 
hat. Es wird hier genügen, die Folge der Artikel nur kurz 
anzugeben, da die Ausdrücke schon oben erklärt sind. 

B. 24. 1 handelt 1) von den Kuan-li; 2) von den 
Huen-li; 3) von dem Siang-kien-li; 4) von Hiang- 
yen-tsieu-li; 5) von dem Yen-li. 

B. 24,2. 6) V. d. Hiang-sche-li; 7) v. d. Ta-sche-i; 
8) v.d.Theu-hu; vgl. Li-ki 0.40, Ta-tai Li-ki K.12 ; 9) v. d. Ping- 
li, v?l. Ta-tai Li-ki K. 11; 10) v. d. Kung-sse Ta-fu-li. 

B. 24, 3. 11) V. d. Kin-li; 12) v. d. Sang-li; 13) v. 
d. Yu-li; 14) Tscheu-schu-sche-hoei; 15) v. d. Pen- 
sang; 16) Thiao-tsang. vom Condoliren (diese 3 Ab- 
schnitte sind nur nach Stellen des Li-ki). 

B. 24, 4. 17) Sang-fu; 18) Kiao-sche-kien-sse; 
von den Opfern Kiao und Sehe, nur nach dem Li-ki, Ta- 
tai Li-ki u. s. w. , so auch 19) Miao-tschi, Anordnungen 
für den Ahnentempel und 20) Tsi-i des Opfers Bedeutung. 

B. 24, 5. 21) Te-seng-kuei-schi; 22) Schao-lao 
kuei-schi; 23) Li-tung-lun; diese und die folgenden nur 
nach dem Li-ki und Ta-tai Li-ki. 

B. 24, 6. 24) Khiü-li; 25) Nui-tse; 26) Kiao-hio, 
yang lao über die Anleitung zum Unterrichte und die Er- 
nährung der Greise ; 27) Wang-tschi (Li-ki C. 5) und 28) 
Yo-ki (Li-ki 0. 19). 

(Schluss im nächsten Hefte.) 



112 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 8. Januar 1870. 

Herr Maurer hält einen Vortrag 
„Ueber die Heensa-Pöris saga". 

Die Classe genehmigt den Druck dieser Abhandlung in 
den Denkschriften. 



Herr Hof mann hält einen Vortrag 

„Ueber Fergus, des normannischen Dichters, 
Guillaum le Clerc'*. 



Historische Classe. 

Sitzung vom 8. Januar 1870. 



Der Secretär der Classe Herr von DölHnger hielt 
einen Vortrag über 

,, Dante als Propheten," 

in welchem er sich zu zeigen bemühte, dass die in neuer 
Zeit vielfach missverstandeneu und missdeuteten prophetischen 
Stellen iu der Divina Commedia einen geschichtlich nach- 
weisbaren inneren Zusammenhang haben, und aus einer in 
Dante's Zeit und in Italien sehr verbreiteten Anschauungs- 
weise und Erwartung hervorgegangen seien. 



'filtni/slirnrlifi /S, / / 



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Sitzmigsbericlite 

der 

küniai. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Mathematisch-physikalische Classe. 

SitzTino: vom 5. Februar 1S70. 



Herr Beetz bespricht eine von Herrn Professor v. B e- 
zold eingeschickte Arbeit: 

Untersuchungen ü b e r d i e e 1 e k t r i s c h e E n t- 
1 a d u n g. 

Im YerLiufe der weiteren Untersuchung über den vor 
Kurzem beschriebenen*) Zusammenhang zwischen der Art der 
Entladung und dem Charakter der durch dieselben erzeugten 
Staubfiguren drängte sich mir vor Allem die Forderung auf. 
die früher beobachteten Erscheinungen durch einen einfacheren 
Apparat hervorzurufen, als der Ruhm korff sehe es ist. 

Die ersten Versuche mit geladenen Lejdner Flaschen, 
sowie mit der gewöhnlichen Elektrisirmaschine ohne Conden- 
sationsvorrichtung zeigten bald, dass mit diesen Hilfsmitteln 



1) Diese Berichte v. J. 1869. II 145 3. und 371 
[1870. 1.2] 



114 Sitzung der math.-phys. Gasse vom 5. Februar 1870. 

immer nur einfache Figuren, beziehungsweise Entladungen 
erhalten werden können. 

Auch die Beobachtung des Funkens genügt, um die Ueber- 
zeugung zu begründen, dass die Entladung, welche bei gut 
leitendem, nur durch eine Funkenstrecke unterbrochenem 
Schhessungsbogen alternirend ist, durch Einschalten der 
Proboplatte^) in eine einfache verwandelt wird. Während 
nämlich der Funke im ersteren Falle hellleuLht( nd ist, er- 
scheint er im zweiten nur als schmale purpurne Linie mit 
leuchtendon\ Punkte auf Seite der nositivv n Elektrode. 

um demnach auch bei eingesch.ilteter Probeplatte alter- 
nirende Entladungen zu erzielen , blieb mir kein anderes 
Mittel übrig als die Anwendung ^^iner geeigneten Zweig- oder 
Rück-Leitung. 

Ist diese zur Erde führende Leitung coutinuirlich d. h. 
nirgends durch eine Funkenstrecke unterbrochen, so ist zu 
erwarten, dass die Entladung des Zuleiters, welcher die 
Elektricität auf die Tafel führt, unmittelbar nach der 
Ladung erfolgt, d. h. dass in diesem Zuleiter ein oder 
mehrere Hin- und Flergänge der Elektricität statttiuden. 

Bei den mit solchen Rückleitungen angestellten Versuchen 
ergaben sich verschiedene ganz neue auffallende Thatsachen. 
welche geeignet scheinen, als Ausgangspunkt für neue Forsch- 
ungen zu dienen. 

Bevor ich jedoch mit der Beschreibung dieser neuen 
Thatsachen beginne, muss ich jene eines einfachen Versuches 
vorausschicken, der zwar nichts wesentlich Neues lehrt, aber 
jedenfalls zum Verständniss des Folgenden viel beiträgt : 

Bringt mau die im üebrigen isolirte Belegung der 
Probeplatte in leitende Verbindung mit der Elektricitäis- 
quelle, während man die Nadel, die sonst als Zuleiter dient. 



2) Unter Probeplatte will ich in der Folge die einseitig belegte 
Tafel verstehen, auf welcher die Figuren gebildet werden. 



V. Bezold: die elektr. Entladung. 



115 



zur Erde ableitet, so erzeugt eine positive Entladung auf 
der Glasfläche eine negative Figur und umgekehrt.' 

Isolirt man die Belegung vollkommen, während man auf 
die obere, unbelegte Fläche zwei Zuleiter (Ä und S) aufsetzt, 
deren einer mit der ♦Elektricitätsquelle Q (S. das Scliema F'ig. 1) 
der andere hingegen Fig. 1. 

durch einen Di aht E mit 
der Erde verbunden ist, 
so entsteht bei jeder 
Entladung eine positive 
und eine negative Figur 
gleichzeitig. 

Diese Versuche lehren, dass man eine positive 
(negative) Ficrur erliält, wenn man entweder positive 
(negative) Elektricität zuführt, oder negative (positive) 
hinwegnimmt. 

§ 1. Dies vorausgeschickt, sollen nun die oben er- 
wähnten Versuche beschrieben werden. Einer der ersten 
wurde nach folgendem Schema (Fig. 2) angestellt : Von 

Fig. 2. 







.^ J) 






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1 










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dem positiven Conductor einer Elektrisirmaschine ging 
ein Draht zu der einen Kugel eines Funkenmikrometer's 
F. Vor der andern Kugel desselben waren zwei 
Drähte abgeleitet, der eine (E) direkt zur Erde, der 
andere (D) zum Zuleiter Ä. Die untere Belegung der 



116 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

Tafel war durch den Drath E' ebenfalls mit der Erde ver- 
bundenj» Nach meiner Meinung waren bei dieser Anordnung 
zweierlei Resultate zu erwarten. Es schien mir nämlich 
denkbar, dass entweder auf der Tafel gar keine Figur ent- 
stehe, und sämmtliche Elektricität sofort durch den gut leiten- 
den Draht zur Erde abgeleitet werde, oder dass höchstens 
ein kleiner Theil derselben auf die Tafel gelange, und dann 
wieder rückwärts durcli E zur Erde entladen werde. Ich 
erwartete demnach entweder gar keine oder eine kleine 
positive zusammengesetzte Figur d. h. einen gelben Stern 
mit rothem Fleck. 

Das Resultat war gerade entgegengesetzt : Es erschien 
eine Figur, aber keine positive sondern eine negative, 
ein rother unregelmässig gezackter Hing mit gelbem 
strahligem Centrum. 

Es hatte sich demnach der Entladungsstrom nicht nur 
nicht auf die beiden Zweige vertheilt, sondern ^ie auf 
kürzestem Wege durch Fy zur Erde abfliessende Elektricität 
riss noch gleichnamige aus dem Zweige ÄE' mit sich fort. 

Sowohl das höchst Auffallende, was dieser Versuch an 
sich hatte, als auch der Umstand, dass derselbe in der eben 
beschriebenen Weise nicht immer unzweideutig gelaug, in- 
dem die Figuren häufig kaum erkennbar waren , Hess es 
wünschenswerth ersclieinen, den Versuch mit einer anderen 
Elektricitätsqiyplle zu wiederholen. Es wurde desshalb die 
Elektrisirmaschine durch das Induktoriuni ersetzt, indem 
der eine Pol desselben mit dem Funkenmikronieter der andere 
aber mit der Erde verbunden wurde. Die Kugeln des Mikro- 
meters wurden allmählig von einander entfernt. 

So lange die Schlngweiten gering waren , entstanden 
Figuren, welche mit der durch die Funkenstrecke schlagen- 
den Elektricität gleichnamig waren. D. h. wenn der ne- 
gative Pol des Induktoriums mit dem Mikrometer verbunden 
war, entstanden negative Figuren und umgekehrt. Sowie 



V. Bezold: Die elektr. Entladung. 117 

jedoch die Sclilagweite grösser wurde, uahmeu diese Hguren 
an Durchmesser ab. Während z. B. in einer Versuchsreihe 
bei 1 mm. Schlagweite negative Figuren von etwa 15 mm. Durch- 
messer erschienen, sank dieser Durchmesser bei 10 mm. 
Schlagweite bis auf 2 mm. herab. Bei fortgesetzter Ver- 
gi'üsserung der Funkenstrecke bheben die Figuren einige 
Zeit ganz aus bis endlich bei Schlagweiten von mehr- als 
15 mm. wieder solche auftraten und zwar von entschieden 
positivem Charakter. 

Es tritt demnach hier ein vollständiges Umspringen der 
Erscheinungen ein. Während man bei kleinen Schlagweiten ein 
Stromlaufschema hat, wie es in Fig. 2 durch die gestrichelten 
Pfeile angedeutet ist, tritt bei grösseren Funkenstrecken ein 
anderes, durch die ausgezogenen Pfeile bezeichnetes, an 
dessen Stelle. 

Experimentirt man mit positiver Elektricität, so hat 
man zuerst positive Figuren, welche sich bei Vergrösseruug 
der Funkenstrecke fortgesetzt verkleinern, dann eine Zeit 
lang verschwinden , und endlich in negative übergehen. 
Uebrigens tritt das Umspringen hier erst bei grösseren 
Schlagweiten ein, als es der Fall ist, wenn man mit nega- 
tiver Elektricität arbeitet. 

Diese sowie manche ähnliche Differenzen in den Er- 
scheinungen ji nach Art der angewandten Elektricität ver- 
danken ihre Entstfhuug wohl dem Umstände, dass gleich 
intensive Entladungen der beiden Eltiktricitäten Figuren 
von ganz verschiedener Grösse hervorrufen. Daher mag 
es auch rühren , dass so häuhg alternireude Entladungen 
mit entschieden negativem Charakter^) Figuren hervorruleu, 
welche man auf den ersten Blick für positive halten möchte, 
während das Umgekehrte niemals eintritt. Denkt man sich 



3) Unter einer alternirenden Entladung von positivem Charakter 
verstehe ich eine solche, bei welcher die algebraische Summe der 
entladenen Elektricitätsmeugen positiv ist, und umgekehrt. 



118 Sitzung der math.-phys. Gasse vom 5. Februar 1870. 

nämlich nacheinander eine negative und eine positive Ent- 
ladung -auf dieselbe Stelle der Platte geführt, so niuss 
erstere die letztere an Intensität weit übertreffen, wenn sie 
nicht durch die Spuren der letzteren verdeckt werden soll. 

So viele Einzelheiten jedoch bei diesem Versuche noch 
zu erörtern sind, so zeigt doch das Mitgetheilte schon hin- 
länglich, dass auch bei elektrischen S trömungen ähn- 
liche Erscheinungen auftreten können, wie sie bei 
der Bewegung der Flüssigkeiten unter dem Namen 
von ,, Saugphänomenen" beobachtet, und z. B. in Gif- 
fard's Injekteur oder bei dem bekannten luhalationsapparate 
praktisch verwerthet werden. 

§ 2. Diese eigenthümlichen Beobachtungen gaben die 
Veranlassung zu weiteren Versuchen über die Verzweigung 
elektrischer Entlau ungsströme. 

Auch hier ergaL/en alternirende Entladungen constantere 
Resultate als einfache und es wurde deshalb stets für eine 
geeignete Rückleitung Sorge getragen. Dass ein einfacher 
Draht zu diesem Zwecke nicht brauchbar ist, beweisen die 
obigen Versuche, es wurde desshalb die Induktionsrolle des 
Ruhmkorff's zur Rückleitung benützt. (S. Schema Fig. 3). 

Fig. 3. 




Wurde nun die ElektriärmascLine langsam in Drehung ver- 



V. Bezold: Die ekktr. Entladung. 119 

setzt, bis ein Funke übersprang, so erscLieneü auf der Tafel 
die zusammengesetzten positiven Figuren mit grosser Regei- 
mässigkeit. 

"Wurde der Strom durch einen kurzen Draht D abge- 
zweigt, nnd iier Zweigstrom ebenfalls durch einen Zuleiter 
B auf die Tafel geführt, so erschienen, wie zu erwaiten 
war, zwei vullkommen gleiche Figuren. Hatte hingegen der 
Zweigdraht eine nur einigermassen beträchtliche Länge 
(etwas mehr als 1 Meter), so zeigten die Figuren bereits 
eine entschiedene Grössenverschiedenheit. Sobald nämlich 
die Länge des Drahtes diese Grenze überschiitten hatte, 
war die Figur bei B immer grösser als jene bei A, selbst 
wenn man die Abzweigung ganz nahe am Ende des Zu- 
leiters (1 cm. über der Platte) vorn ;hm. Bei Verlängerung 
des Zweigdrahtes D wurde auch die Grössenditferenz zwischen 
den beiden Figuren immer auffallender, bis sich endlich für 
2)=: 6,4 m. und i^ = 4,0mm. {F ist die Länge der Funken- 
tsrecke) die Figur bei Ä auf ein kleines Sternchen reducirte, 
manchmal wohl auch ganz ausblieb. 

Dieser Versuch zeigt augenfällig, dass die Ohm 'sehen 
Gesetze nur für stationäre Strömungen nicht aber lür die 
elektrische Entladung gelten, wie es ja auch alle theore- 
tischen Untersuchungen bisher ergeben haben. Während 
nämlich durch den ganz kurzen Zweig A gar keine Elek- 
tricität auf die Platte geht, schlägt sie, wenigstens scheinbai-, 
den viel hundertmal .längeren Weg durch den Draht D ein. 

Verlängert man den Draht D noch mehr, so bleibt vorerst 
innerhalb ziemlich weiter Grenzen die Erscheinung unvei- 
äudert, und erst, wenn man die Länge desselben etwa auf 
das Doppelte gebracht hat, wird auch die Figur bei A 
wieder grösser, bis bei noch betiächthcheren Laugen die 
Grössendifferenz der beiden Figuren wieder vollständig ver- 
schwindet. Hiebei war es ganz gleichgiltig ob ein dicker, 
oder dünner, besser oder schlechter leitender Diaht ange- 



120 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

wendet, ob er in einer straff gespannten Schleife hin und 
her oder im Bogen herumgeführt wurde. Mit Spiraldrähten 
habe ich jedoch noch nicht experimentirt. 

Bei der vollkommenen Neuheit der Erscheinung schien 
es mir nun interessant das Verhalten des Drahtes D an ver- 
schiedenen Stelleu zu untersuchen. Es wurde desshalb eine 
Aenderuug getroffen, wie sie in Fig. 4 schematisch darge- 
stellt ist. Auf die Tafel werden die Zuleiter A, B, C aufgesetzt, 

Fig. 4. 




welche durch zwei Drähte D und D' miteinander verbunden 
sind. Wählt man nun die Länge dieser Drähte so, dass 
bei C eine möglichst grosse, bei ji hingegen eine möglichst 
kleine Figur entsteht, so wird die Figur bei B grösser als 
jene bei A und kleiner als jene bei C. Ist jedoch die 
Länge des Drahtes beträchthcher, so nähern sich die Grössen 
der Figuren A und C der Gleichheit, während B bei rich- 
tiger Wahl des Verhältnisses DjD' ganz klein wird, ja so- 
gar ganz verschwindet. Bei einer Schlagweite von 4,3 mm 
unddenLäugen J.i^== 50 cm. D = G,2m. D' = 8,1 m. waren 
die Figuren bei A und C gross, während bei B nur ganz 
kleine Steinchen erschienen. 

Hebt man iigend einen der Zuleiter von der Tafel ab. 



V. Bezold: Die elektr. Entladung. 



121 



so werden dadurch die Figuren au den übrigen Zuleitern 
nicht im Geringsten geändert. 

Dieser Versuch lehrt die neue Thatsache kennen, dass 
die Verbindung des Zuleiters mit einem blind endenden 
Drahte hinreicht, um die Figur, welche am Zuleiter ent- 
steht, ganz wesentlich zu verändern, beziehungsweise dieselbe 
zum Verschwinden zu bringen. Am belehrendsten wird das 
Experiment, wenn man nahe beim Zuleiter A ein zweites 
Funkenmikrometer f (Schema : Fig. 5) anbringt, dessen eine 



Fig. 5. 




JQ 



Kugel mit A verbunden ist, während die andere zu dem 
Drahte D i'ührt. Stellt man alsdann das Funkunmikrometer/' 
zuerst auf eine weite Distanz ein, und verringert man diese all- 
mälich, so sieht man, wie von dem Augenblicke an, wo der 
Funke bei /" überspringt, die Figur bei A eine andere wird, 
beziehungsweise verschwindet. Beachtet man aber, dass bei 
alternirenden Entladungen der Draht D sofort wieder voll- 
ständig entladen wird, so ergibt sich, dass bei einem solchen 
Vorgange Elektricität zuerst bis in das äusserste Ende des 
Drahtes D hinein, uud sofort wieder herausgetrieben wird, 
dass also hier Bewegungen stattfinden, welche einer Reflexion 
vollkommen vergleichbar sind. 

Diese Betrachtung führt zu einer Hypothese über die 



122 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

eigenthümlichen Grössenveränderungen, welche die Staub- 
figuren bei den beschriebenen Abzweigungen erleiden. 

Werden nämlich elektrische Wellen in einen Draht 
hineingetrieben, und müssen sie nach Reflexion am Ende 
desselben auf demselben Wege wieder zurückkehren, so werden 
die ankommenden mit den reflectirten Wellen interferiren 
und hiedurch Erscheinungen hervorgerufen, welche den 
bei Orgelpfeifen beobachteten analog sind. Die bisher 
mitgetheilten Beobachtungen zeigen wirklich eine solche 
Analogie in hohem Grade, und man darf es wohl wagen, 
die Stellen des Drahtes, an welchen Maximal- od> r Minimal- 
figuren erscheinen mit den Schwingungsbäuchen und Schwing- 
ungsknoten zu vergleichen. 

Die Hypothese, dass man hier Interferenz-Erscheinungen 
vor sich habe, gewinnt noch dadurch an Wahrscheinlichkeit, 
dass die Versuche nur mit alternirenden Entladungen in über- 
zeugender Weise gelingen, während bei einfachen Entladungen 
zwar ebenfalls Grössendifferenzen der verschiedene^ Figuren 
beobachtet werden, aber lange nicht in so hohem Grade. 

§ 3. Mit den eben beschriebenen Versuchen wurde noch 
eine kleine Modification vorgenommen, welche abermals den 
Ausgangspunkt für neue Untersuchungen bildete. 

Verknüpft man nämlich das Ende des Drahtes D (Fig. 3) 
wieder mit dem ersten Zuleiter Ä wie es in dem Schema 
(Fig. 6) versinnlicht ist, so kann die Figur bei richtiger 



Fig. 6. 




V. Bezold: Die elektr. Entladung. 123 

Wahl der Drahtlänge ebenfalls zum Verschwinden gebracht 
WLrdea. Dieser Versuch bildete eigentlich den Ausgangs- 
punkt für die säiumth'chen bisher mitgetheilten, ich habe 
jedoch seine Beschreibung bis auf diese Stelle hier ver- 
schoben, da er nicht dazu geeignet ist. das Verständniss der 
obigen Experimente zu erleichtern. Ich selbst glaubte in 
ihm zuerst ein Analogen des Savart' sehen Interferenz- 
versuches für Schallwellen gefunden zu haben, und dachte 
mir die Strombewegnng im Sinne der gestrichelten Pfeile 
vor sich gehend. Die Experimente mit dem bhnd endenden 
Draht, sowie der Umstand, dass der Abstand der beiden 
Abzweigungspunkte auf A keinen entscheidenden Einfluss 
äusserte, mussteu diese Ansicht erschültein. Um jeden 
Zweifel hierüber zu beseitigen, unterbrach ich die Draht- 
schleife D der Reihe nach an verschiedenen Stellen durch 
eine Fuukenstrecke. Die Kugelu dieses zweiten Mikrometers 
waren hiebei einander bis auf 0,01 bis 0.03 mm. genähert. 
Ich dachte mir nämlich, dass es in dem Falle, wo der 
Strom von beiden Seiten her in den Draht hereinstürzt, in 
diesem Drahte eine Stelle geleu müsse, an welcher sich die 
beiden Wellenzüge begegnen. Befindet sich die Funkenstrecke 
gerade an dieser Stelle, so muss die Spannuiig auf beiden 
Kugeln gleichzeitig dieselbe Höhe erreichen, und es ist 
demnach an dieser Stelle kein Grund zur Entstehung eines 
Funkens gegeben, während man an allen andern Stellen einen 
solchen zu erwarten hat. 

Der Funke blieb wirklich aus, wenn das Mikro- 
meter in der Mitte der Schleife eingeschaltet 
wurde und erschien sobald dasselbe nur um wenige 
Decimeter von dieser Stelle nach der einen oder 
andern Seite entfernt wurde. Hiemit ist nachgewiesen, 
dass der Stromlauf durch die ausgezogenen Pfeile dar- 
gestellt wird, und anderseits ist die kleine Verspätung 
sichtbar gemacht, welche der elektrische Entladung 5- 



124 Sitzung der matJi.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

ström bei dem Durchlaufen weniger Decimeter Draht 
erleidet. 

Vor Allem suchte ich nun nach den Bedingungen, unter 
welchen dieser Veisuch über die Verzögerung am Schlagendsten 
gelingt. Ich fand es dabei am Besten, direkt den Entladungs- 
strom des Ruh mkorff sehen Apparates, mithin das Schema 
Fig. 7, anzuwenden. Der iuducirende Strom wurde durch 




ein Grove'sches Element erzeugt, und die Funkeustrecke im 
Funkenmikrometer ungefähr F = 2 mm. gemacht, da weder 
grössere noch kleinere Funkenstrecken so gute Resultate 
lieferten. 

Unter diesen Umständen war es für die Hervorbringung 
des Funkens genügend, wenn der eine Draht D auch nur 
um 1 Decimeter länger war, als der andere. Waren sie 
hingegen gleich lang, so erschien niemals ein Funke. ^lan 
Jiann ihn jedoch augenblicklich zur Erscheinung bringen, 
wenn man durch Anlegen des Knopfes einer Leydner Flasche 
an einen der Drähte die Symmetrie der beiden Stromwege stört. 

Auch bei diesen Versuchen äusserten Material und Dicke 
der Diähte nicht den geringsten Eintluss. Ob ich einen 
versilberten Kupferdraht von 0,06 mm. Durchmesser oder 
einen Eisendraht von 0,23 oder endlich einen Kupferdraht 
von 0,80 mm. Durchmesser anwendete, immer blieb der 
Funke aus, wenn nur die beiden Dräthe gleich lang waren. 



V. Bezold: Die elelfr. Entladung. 



125 



Es ist mithin die FortpfKanzungsgeschwindigkeit 
der Elektricität für alle (gespannten)^) Drähte die 
gleiche. 

In der bisher beschriebenen Form ist jedoch der Versuch 
zieuilich unscheinbar, da man nur mit sehr kleinen Funken- 
strecken des Hilfsmikrometers f arbeiten kann. Ich war 
deshalb bestrebt, ihn in einer Weise abzuändern, welche ge- 
stattet, denselben auch einem Auditorium sichtbar zu machen. 

Versuche mit kleinen Geis sie r 'sehen Röhren führten 
bis jetzt noch zu keinem entschiedenen Resultate. Dagegen 
kann man die Verspätung wenigstens bei Verzögerungslängen 
von einigen Metern recht schön auf folgende Art nachweisen. 

Fig. 8. 




Theilt man einen (negativen) Entladungsschlag am Besten 
den eines Ruh rakorff sehen Apparates, ebenso wie oben gleich 
hinter dem Funkenmikrometer in zwei Zweige und verbindet 
man einen derselben mit der Belegung der vollkommen 
isolirten Probeplatte, während man den andern durch den 
Zuleiter Ä auf die obere unbelegte Fläche führt, so kann 
auf der oberen Tafel eine positive, negative oder auch gar keine 
Figur erscheinen, je nachdem der obere Zweig grösser, kleiner 
oder ebenso lang ist als der untere. Und zwar müssen die 



4) Spiralförmig gewundene Drähte werden vermuthlicli ein anderes 
Resultat geben. 



126 Sitzung der math.-pliys. Classe vom 5. Februar 1870. 

Versuche in betiramtem Sinne ausfallen, wenn sie die Vor- 
muthung bestätigen sollen , dass sie Zeitdifferenzen ihren 
Ursprung verdanken. Wenn man sich Tiämlich dar.m erinnert, 
dass es gleichgiltig ist. ob man positive Elektricität auf die 
Platte führt oder negative hin wegnimmt, so versteht man. 
dass eine positive Entladung eine positive Figur hervorruft, 
wenn die Elektricität früher an die Spitze des Zuleitors an- 
kommt als auf der Belegung d. h. Avenn D^ kürzer ist als 
Dg. Gelangt hingegen die Entladung fi üher auf die Belogung. 
so wird der Zuleiter von der Jnfluenzelektricität im entgegen- 
gesetzten Sinne durchlaufen und es muss demnach auf der 
Glasfläche eine negative Figur entstehen, sobald J)., kürzer 
ist als I)^. Im Verlaufe der Bewegung muss diese Jnfluenz- 
entladung im Drahte Dy auf die direct von F herkommende 
Elektricität treffen, und hiedurch der Figur ein zusammen- 
gesetzter Chitrakter aufgedrückt werden. 

Zwischen diesen beiden Anordnungen mit ganz entgegen- 
gesetzten Resultaten muss es aber offenbar solche geben, 
bei welchen gar keine Figuren entstehen, da kein Grund 
vorhanden ist, wesshalb eine solche der einen oder der anderen 
Art zu Staude kommen sollte. Diess muss der Fall sein, 
wenn die Elektricität von beiden Seiten her gleichzeitig ein- 
trifft d. h. wenn J)j und D.^ gleich lang^"") sind. 

Die Versuche entsprachen diesen theoretischen Voraus- 
sagungen vollkommen. Man erhält mit jeder Elektricitätsart 
Figuren der beiden Art. wenn man über die Längen der 
Drähte richtig disponirt. 

Diese Behauptung könnte freihch manchem, der den 
Versuch nicht unter ganz günstigen Verhältnissen anstellf, 



5) Eine kleine LängendifiFerenz zu Gunsten des obern Drahtes 
kann vielleicht hiebei stattfinden, da die von unten kommende 
Elektricität sich über die ganze Belegung ausbreiten muss. 



v. Bezold: Die elektr. Entladung. 127 

abgesehen von dem eintn Falle, wo wegen vollkommener 
Gleichheit der beiden Zweige gar keine Figuren zu Stande 
kommen, unrichtig erscheinen. Es kann nämlich eintreten, 
dass sämmtliche Figuren auf den ersten Blick positiv zu sein 
scheinen, unter welchen Verhältnisssen und mit welclier 
Elektricitätsart man auch arbeiten mag. 

Der Grund li.gt einfach darin, dass die zusammen- 
gesetzten negativen Figuien in diesem Falle zu jener Gruppe 
gehören, welche bereits einen stark positiven Charakter an 
sich tragen, und selbst bei eingehender Bebchäftigung mit 
denselben kaum als negativ erkannt werden können. 

Der nach einem Polwechsel eintretende bedeutende 
Grössenunterschied ist aber vollkommen hinreichend, um 
jeden Zweifel über die wahre Natur der Figuren sofort zu 
beseitigen und die Uebereinstimmung der Versuche mit den 
theoretischen Voraussetzungen zu beweisen. 



Alles zusammeugefasst, wurden nachfolgende Resultate 
gewonnen : 

1) Bietet man einer elektrischen FnHadung uac|h 
Durchbrechung einer Funkenstrecke zwei Wege zur 
Erde dar, einen kurzen und einen längern, durcli 
eine Probeplatte unterbrochenen, so findet bei 
kleinen Schlagweiten eine Theilung des Entladungs- 
strouies statt. Bei grösseren Funkenstrecken hin- 
gegen schlägt die Elektricitat nur den kurzen Weg 
ein und reisst sogar aus dem andern Zweige gleich- 
namige Elektricitat mit sich fort. 



128 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

2) Sendet man einen elektrischen Wellenzug 
in einen am Ende isolirten Draht, so wird derselbe 
am Ende refleetirt. Die Erscheinungen, welche 
diesen Vorgang bei alternirendea Entladungen be- 
gleiten, scheinen ihren Ursprung der Interferenz 
der ankommenden und reflectirten Wellen zu ver- 
danken. 

3) Eine elektrische Entladung pflanzt sich in 
gleich langon Dräthen gleich rasch fort, ohne Rück- 
sicht auf das Material, aus welchem diese Drähte 
bestehen. 



Goppelsröder : Bestimmung der Salpetersäure. 129 

Herr Baron v. Liebig übergibt eine Abhandlung von 
Herrn Prof. Dr. Friedrich Goppelsröder in Basel: 

„Ueber eine schnell ausführbare und genaue 
Methode der Bestimmung der Salpetersäure 
sowie über deren Menge in den Trinkwassern 
Basel's." 

In meiner 1867 in den Verhandlungen der Natur- 
forschenden Gesellschaft in Basel niedergelegten Arbeit über 
die chemische Beschaffenheit von Basel's Grund-, Bach-, 
Fluss- und Quellwasser habe ich hauptsächhch die für die 
Hygiene wichtigen Punkte ins Auge gefasst, indem ich ver- 
sprach sobald als möghch in ausführlicher \Yeise die Mengen 
aller einzelnen Mineralbestandtheile der verschiedenen Wässer 
zu bestimmen. In erster Linie interessirte mich die Menge 
der Salpetersäure, zu deren Bestimmung ich jedoch vorerst 
nach einer möglichst praktischen, schnell ausführbaren und 
dennoch genauen Methode suchen musste. Einige der bis 
jetzt empfohlenen Methoden sind zw^ar genau, aber zu um- 
ständlich, um bei einer längeren Versuchsreihe Verwendung 
fiuden zu können, andere wieder wären rasch ausführbar, 
sind aber ungenau. Nun findet sich im IV. Hefte des 
7. Jahrganges der Freseuius'schen Zeitschrift für analytische 
Chemie S. 412 eine Arbeit von Prof. Dr. Marx über die 
Bestimmung der Salpetersäure in Brunnenwässern. Marx 
versetzt in einem etwa V* Liter fassenden Kochkölbchen 
50 cc. des zu untersuchenden Wassers mit 100 cc. concen- 
trirter reiner Schwefelsäure, welche langsam unter Bewegung 
des Kölbchens zugesetzt wird, wobei der Inhalt sich auf 
etwa 120° Celsius erhitzt. Dann wird unter Bewegung des 
Kölbchens aus einer Bürette eine mit Wasser sehr verdünnte 
Lösung von Indigoschwefelsäure zugegossen. Bei Anwesen- 
heit von Nitraten wird diese sofort zersetzt und die Flüssig- 
[1870.1.2.] 9 



130 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

keit gelb. Beim ersten Tropfen zuviel zugesetzter Indigo- 
lösung erscheint die Flüssigkeit grün, welches Ende der 
Reaction sich bei einiger Üebung genau feststellen lässt. 
Die Indigolösung ist mit Hilfe einer Lösung chemisch reinen 
Salpeter sauren Kali's empirisch titrirt worden, d. h., man weiss, 
dass 1 Cubikcentimeter Indigolösung so und so vielen Bruch- 
theilen von Grammen salpetersauren Kali's, resp. SalpetT- 
säure (NO^) entspricht. Man kann daher aus der verbrauchten 
Menge von Cubikcendmetern der Indigolösuug die Menge der 
Salpetersäure (NO^), z. B. in 1 Liter des untersuchten Wassers 
berechnen. 

Wie schon Marx hervorhebt , darf das Wasser nicht 
auch andere leicht oxydirbare Stoffe enthalten, weil diese 
durch die bei Einwirkung der Schwefelsäure auf die Nitrate 
frei werdende Salpetersäure oxjdirt würden, somit weniger 
Indigolösung zerstört würde. Dieser üebelstand ist da 
namentlich zu befürchten, wo das Wasser in solchem Masse 
verunreinigt ist, dass sich die Verunreinigung schon den Sinnes- 
organen zu erkennen gibt. Die Titration muss rasch aus- 
geführt und es muss dabei umgeschüttelt "werden. Die 
Temperatur darf nicht unter 100° Celsius sinken. Gegen- 
wart von Chloriden beeinflusst nicht das Resultat. Wenn 
das Wasser mehr als 6 Milligramme Salpetersäure enthält, 
so wird, wie Marx beobachtet hat, die Flüssigkeit zu stark 
durch die Oxjdationsprodukte des ludigo's gefärbt, so dass 
die Erkennung des Endes der Operation an Schärfe verliert. 

^lit dieser, hinsichtlich der leichten Ausführbarkeit, sehr 
praktischen Methode habe ich keine genügend genauen Re- 
sultate erhalten können, wohl aber ist es mir gelungen durch 
eine Abänderung dieselbe sehr genau zu machen, wie die 
folgenden Resultate beweisen. 

Titrestellung der Indigoschwefelsäurelösung. 
Es wurden 2,0258 Gr. chemisch reines salpetersaures Kali 



Goppelsröder : Bestimmung der Sälpetersäure. 



131 



in 2 Litern destillirten Wassers gelöst, so dass 1 Cubikcentim. 
der Lösung 0,001013 Gr. salpetersauren Kali's (KO. NO^), 
also 0,000541 Grammen Salpetersäure (NO^) entspricht. 

Anderseits wurde eine verdünnte Indigoschwefelsäure- 
lösung nach gewohnter Weise bereitet und filtrirt. Hierauf 
wurde die Salpeterlösung ganz nach Marx's Vorschlag titrirt 
und dabei die folsenden Resultate erhalten. 



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132 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

Weit mehr Genauigkeit und üebereinstimmung der 
Resultate erzielte icii durch folgende Abänderung der 
Methode : 

Zuerst wurde ein vorläufiger Versuch nach Marx's 
Methode angestellt. Alsdann wurde eine gleich grosse Menge 
der Salpeterlösung zuerst mit der beim Vorversuche gefun- 
denen Menge Cubikcentimeter Indigolösung versetzt, und 
hierauf erst wurde unter Umschütteln die Schwefelsäure 
zugefügt. Gegen Ende des Zusatzes der nöthigen Menge 
der Säure entfärbte sich die Indigolösung in's gelbe, ein 
Beweis, dass nach dem von Marx vorgeschlagenen Operations- 
gange zu wenig Indigolösung verbraucht wird. Jetzt wurde 
mit Indigolösung bis zur grünen Färbung nachtitrirt. Bei 
Anwendung der auf solche Weise verbesserten Methode 
wurden die auf nachfolgender Tabelle verzeichneten Resultate 
erhalten. 



Goppelsröder : Bestimmung der Sälpetersäure. 



133 



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134 Sitsung der math.-pliys. Classe vom 5. Februar 1870. 

Versuche 

mit verschiedenen Wassern Basel's. 

OeffenÜicher Brunnen an der Binningerstrasse, laufendes 

Quelhvasser. 

a. b. c. d. 

1000 CG. Wasser 
Cubikcentimeter Cubikcentimeter Cubikcenti- würden 





Wasser. 


Iiidigulösung. 


meterbcüwe 
feisäure. 


centimeter la- 
digolösung. 


Vorversuch 


50 


6.5 


100 


130 


Versuch 1 


50 


9 


100 


180 


2 


100 


17.8 


200 


178 


3 


50 


9 


100 


180 - 



Grellinger Wasser, laufendes Quelhvasser. 
Vorversuch 50 1 100 20 



Versuch 1 


50 


3 


100 


60 


2 


50 


3 


100 


60 


3 


100 


6 


200 


60 



Sodwasser Binningerstrasse Nr. 19. 
Vorversuch 50 16.5 100 



Versuch 1 
2 



50 
50 



19.5 
19.5 



100 
100 



330 

390 
390 



Goppelsröder : Bestimmung der Salpetersäure. 135 

Goldquelle, Steinenvorstadt, Grundwasser. 

a. b. c. d. 





Cubikcentimeter 
Wasser. 


Cubikcentimeter 
Indigolösung. 


Cubikcenti- 

meterSchwe- 

felsäure. 


1000 CC. Wasser 

würden 
brauchen Cubik- 
centimeter In- 
digolüsung. 


Vorversiich 


50 


8 


100 


160 


Versuch 1 


50 


10 


100 


200 


2 


50 


10 


100 


200 


3 


50 


10 


100 


200 


4 


100 


19.8 


200 


198 


5 


100 


20 


100 


200 


6 


200 


39.7 


200 


198.5 


7 


200 


39.7 


200 


198.5 



100 


43.5 


200 


435 


100 


43.3 


100 


433 


100 


43.5 


100 


435 



Loclibrunnen heim Stadthause, Grundivasser. 
Vorversuch 50 19 100 380 

Versuch 1 
2 
3 



Loclibrunnen am Gerherherg, Grundwasser. 
Vorversuch 50 20 100 400 

Versuch 1 
2 
3 



St. Älbanlochhrimnen, Grundivasser. 

Vorversuch 50 8.5 100 170 

Versuch 1 100 19.8 200 198 

2 100 19.8 100 198 



100 


45 


200 


450 


100 


45 


200 


450 


50 


22.4 


100 


448 



136 Sitzung der math.-phys. Classe voin 5. Februar 1870. 

Oeffentticher Sod Steinenthorstrasse, Grunäivasser. 
a. b. c. d. 





Cubikcentimeter 
Wasser. 


Cubikcentimeter 
Indigolösung. 


Cubikcenti- 

meterSchwe- 

felsäure. 


1000 CC. Wasser 

würden 
brauchen Cubik- 
centimeter In- 
digolösuDg. 


Vorversuch 


100 


22.5 


100 


225 


Versuch 1 


100 


27.5 


200 


275 


2 


100 


27.5 


100 


275 


3 


100 


27.6 


100 


276 


4 


100 


27.5 


100 


275 



Mheinwasser hei der oberen Fähre. 
Vorversuch 100 3,5 100 



35 



Versuch 1 


100 


4.7 


100 


47 


2 


100 


4.8 


100 


48 


3 


100 


4.7 


100 


47 



BTieinwasser hei der unteren Fähre. 
Vorversuch 100 4 100 



40 



Versuch 1 


100 


5.3 


100 


53 


2 


100 


5.4 


200 


54 


3 


100 


5.4 


100 


54 


4 


100 


5.5 


100 


55 


5 


100 


5.5 


ICD 


55 



Goppelsröder : Bestimmung der Salpetersäure. 137 

OeffenÜicher Sod St. Joliannvorstaät, Ch-nndwasser. 
a. b. c. d. 

lOOÖ CC. Wasser 
Cubikcenti- 





CTibikcentimeter 
"Wasser. 


Cabikcentimeter 

IndJgolösung. 


meter Schwe- 
felsäure. 


wuraen 
brauchen Cubik- 
centimeter In- 
digolösung. 


Vorversuch 


100 


24.7 


100 


247 


Versuch 1 


100 


27.7 


100 


277 


2 


100 


27.7 


100 


277 


3 


100 


27.8 


100 


278 


4 


100 


27.7 


100 


277 



Lochhrunnen Sattelgasse, Grundwasser. 

Vorversuch 100 36.5 100 365 

Versuch 1 
2 
3 



100 


42.3 


100 


423 


100 


42.3 


100 


423 


100 


42.3 


100 


423 



Barfüsserplatz, öffentl. Brunnen, laufendes Quelhvasser. 
Vorversuch 100 7.5 100 75 



Versuch 1 


100 


9.7 


100 


97 


2 


100 


9.8 


100 


98 


3 


100 


9.7 


100 


97 


4 


100 


9.7 


100 


97 



138 Sitzung der math.-phi/s. Classe vom 5. Februar 1870. 

OeffenÜicher Sod Theaterstrasse, Grrundwasser. 
a. b. c. d. 



Cubikcentimeter Cubikcentimeter 



„ , . . 1000 CC. Wasser 

Cubikcenti- würden 

meterSchwe- brauchen Cubik- 





Wasser. 


Indigolösung. 


feisäure. 


centimeter In- 
digolösung. 


Vorversuch 


100 


31.8 


100 


318 


Versuch 1 


100 


38.5 


100 


385 


2 


100 


38.5 


100 


385 


3 


100 


38.6 


100 


386 


4 


100 


38.5 


100 


385 



Sod des Hauses Nr. 24. Vordere Steinen. 

Vorversuch 100 22.2 100 222 

Versuch 1 
2 
3 



100 


25.5 


100 


255 


100 


25.5 


100 


255 


100 


25.4 


100 


254 



Pumpiverkwasser, Grundivasser KleinhaseVs. 
Vorversuch 100 4.5 100 45 



Versuch 1 


100 


5.5 


100 


55 


2 


200 


11 


200 


55 


3 


100 


5.45 


100 


54.5 



Goppelsröder : Bestimmung der Salpetersäure. 139 

Oeffenflicher Brunnen Marktplatz, Grundwasser. 
a. b, c. d. 

„ ^.. . 1000 CC. Wasser 

„ , ., . , „ CublkCentl- ivnrrlpn 

Cubikcentimefer Cubikcentimeter „ , , " uraen 

..... meterScnwe- brauchen Cubik- 



Vorversuch 


Wasser. 

100 


Indigolosung 

32.5 


feisäure. 

100 


centimeter In- 
digolösung 

325 


Versuch 1 
2 


■200 
50 


80.5 
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200 
50 


402 
400 



Holheinplatz öffentl. Brunnen, Qtiellivasser. 
Vorversuch' 100 7.8 100 78 



Versuch 1 


100 


9 


100 


90 


2 


200 


18 


200 


90 


3 


100 


9 


100 


90 



Bei solchen Untersuchungen ist es nicht gleichgültig, ob 
das Wasser längere Zeit mit Luft zusammen gestanden hatte 
oder nicht, indem bei Einwirkung des Sauerstoffes der Luft 
auf stickstoffhaltige organische Substanzen deren Stickstoff 
zuerst in salpetrige Säure, dann in Salpetersäure verwandelt 
werden kann. Folgende Beispiele mögen zur Bestätigung 
des Gesagten genügen. Das Wasser des St. Albanloch- 
brunnens wurde, nachdem der Rest vom 7. September an 
in halbvoller Flasche gestanden hatte, am 9. wieder unter- 
sucht, 1000 Gebrauchten jetzt 205 statt wie früher bloss 196 CC. 



1 40 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

Indigolösung, während 1000 CG. ebenso aufbewahrten Gerber- 
lochbrunnwassers am 9. September 465 statt wie am 7. 
450 CC. brauchten. 

Umgekehrt kann durch Stehen eines Wassers in ver- 
schlossener Flasche der Gehalt an Salpetersäure durch 
Reduktion derselben durch die im Wasser enthaltenen or- 
ganischen Stoffe abnehmen. 

Bei der Titration der verschiedenen Wasser mit Indigo- 
lösung blieb die Flüssigkeit vor Zusatz eines üeberschusses 
derselben nur in wenigen Fällen farblos und wurde dann 
durch den überschüssig zugesetzten Tropfen Indigolösung 
blau; in den meisten Fällen färbte sich die Flüssigkeit gelb 
bis braungelb und durch den Ueberschuss der Indigolösung 
grün. Ersteres ausnahmsweise Verhalten zeigten die beiden 
Rheinwasserproben. 

Nach dem ursprünglichen von Marx vorgeschlagenen 
Verfahren wird der Gehalt der Wasser an Salpetersäure zu 
nieder gefunden. Ueberdiess stimmten in den meisten Fällen 
bei verschiedenen Titrationsversuchen mit einem und dem- 
selben Wasser die Resultate unter sich nicht überein; es 
zeigten sich im Gegentheile erhebliche Differenzen. 

Bei allen Versuchen wurde diejenige Menge von Schwefel- 
säure angewandt, welche Marx vorgeschlagen hatte, wie 
überhaupt alle die von Marx empfohlenen Vorsichtsmass- 
regeln genau befolgt wurden. Die dazu gebrauchte chemisch 
reine Schwefelsäure hatte die Stärke der englischen. Bei 
Anwendung einer verdünnteren wird nicht die nöthige Wärme 
entwickelt. Wenn nun auch das verbesserte Titrationsver- 
fahren unstreitig viel genauere Resultate liefert, so sind doch 
zwei wesentliche Punkte bei Berechnung des Salpetersäure- 
gehaltes zu berücksichtigen. Erstens enthält alles destillirte 
Wasser salpetersaures Ammoniak, oft auch salpetrigsaures, 
zweitens enthalten die natürlichen Wasser sehr oft neben 



GoppeUrÖder: Bestimmung der Salpetersäure. 141 

den Nitraten, nicht nur Spuren, sondern auch erhebliche 
Mengen von Nitriten. Die salpetrige Säure des zu unter- 
suchenden Wassers wirkt auf die mit Schwefelsäure ver- 
mischte Indigolösung ebenfalls oxydirend ein. Die für 1 Liter 
des untersuchten Wassers verbrauchte Menge der Indigo- 
lösung entspricht dann nicht nur der in dem Liter Wasser 
enthaltenen Salpetersäure, sondern auch der vorhandenen 
salpetrigen Säure. Da freilich, wo nur Spuren oder eine 
sehr unbedeutende Menge von salpetriger Säure im Wasser 
ist, kommt der Fehler nicht in Betracht, da hingegen, wo 
im Verhältnisse zur Salpetersäure eine reichliche Menge 
salpetrige Säure vorhanden ist, muss die Menge dieser in 
einer besonderen Operation bestimmt werden, was wohl am 
schnellsten und annähernd genau nach Ansäuren einer ab- 
gemessenen Menge Wassers mit Schwefelsäure durch Titration 
mit Kalipermanganatlösung geschehen kann, nachdem vorher 
ohne Schwefelsäurezusatz die etwa vorhandenen leicht oxy- 
dirbaren organischen Stoffe mit derselben Permanganatlösuug 
titrirt wurden. Die Differenz der bei der zweiten und ersten 
Operation gefundenen Zahlen entspricht dem uebermangan- 
sauren Kali, welches zur Oxydation der salpetrigen Säure 
nöthig war. Diese aber entspricht einer bestimmten Menge 
der Indigolösung, welche von der bei der Titration des 
Wassers mit Indigolösung gefundenen abgezogen werden 
muss, um diejenige Menge von Indigolösung zu erhalten, 
welche wirklich bloss der Salpetersäure entspricht. 

Die in dem zur Verdünnung der Lösung des Indigos 
in Schwefelsäure angewandten destillirten Wasser enthaltene 
Salpetersäure sowohl wie auch die salpetrige Säure (beide in 
Form von Ammoniaksalzen vorhanden) wirken natürlich auch 
auf den gelösten Indigo oxydirend ein, sobald sich die Lösung 
durch Vermischen mit Schwefelsäure erwärmt, was jedoch 
gleichgültig ist, weil ja das Verhältniss der Indigolösung zu 



142 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

Kalinitrat unter den gleichen Umständen ermittelt wurde 
und sowohl bei der Titrestelluog als auch bei der Titration 
von Brunnwässern etc. die Indigolösuns; dadurch um den- 
selben Grad verdünnter erscheint. Die Menge von Salpeter- 
säure und salpetriger Säure aber , welche in dem zum 
Auflösen des Kalisalpeters angewandten destillirten Wasser 
enthalten ist, d;irf nicht ausser Acht gelassen werden. Man 
braucht bloss die Menge der Indigolösung zu bestimmen, welche 
durch die in 1 Liter destillirten Wassers enthaltene Menge der 
beiden Säuren zerstört wird, um die Menge der Indigolösung 
zu kennen, welche für die in 1 Liter Saipeteilösung ent- 
haltene Menge reinen salpetersauren Kali's nöthig wäre. 

Das zur Darstellung meiner Salpeterlösung und Iniligo- 
lösung angewandte destillirte Wasser gab die folgenden 
Eesultate bei 4 Titrationen. Zuerst wurde nach Marx's 
Vorschlag eine abgemessene Menge des destillirten Wassers 
mit Schwefelsäure vermischt und hierauf jnit Indigolösung 
titrit. Hierauf wurde eine der bei diesem Vorversuche ver- 
brauchten Menge ludigolösung gleiche Menge zu einer gleichen 
Menge destillirten Wassers gefügt, hierauf die nötaige Schwefel- 
säure zugefügt und mitlndigolÖsung bis zurßläuung nachtitrirt. 

Angewandte Verbrauchte 1 Liter destil- 
„ , ~ Menge des destil- Menge der lirtes Wasser 

Menge aar üiten W^assers ludigolösung brauchte Cubik- 

Schwefelsäure: in Cubikcenti- in Cubik- centimeter In- 

metern. centimetern: digolösung: 

cc. 

Vorveisuch 100 100 3.6 — 

Versuch 1 100 100 5.3 53 

2 200 100 5.7 57 



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5.3 


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3 200 200 10.6 53 

4 400 200 11 55 

Mittel aus den 4 Versuchen 54^2 entprechend 0,01508 Gr. NO^ • 

1 Liter destillirtes Wasser enthält sonach 0,0151 Gr. 
(NO 5) Salpetersäure, 1 Cubikcentim'^t'^r 0,0000151 Gr. 



Goppelsröder: Bestimmung der Salpetersäure. 143 

1000 Cubikcentiineter ludigolösung entsprachen, wie wir 
oben sahen, bei der Titrestellung nach meinem verbesserten 
Verfahren als Mittel von 10 Versuchen 511.9 = 512 CC. 
SalpeterlösuDg. 1000 CC. Salpeterlösung entsprechen dem- 
nach 1953 CC. Indigolösung, welche jedoch nicht bloss für 
die Reduction der iu 1000 CC. Salpeterlösung enthaltenen 
Menge KO. NO^. sondern auch für die Reduction der zur 
Lösung dieses Salzes uöthigen Menge destillirten Wassers 
(1000 CC.) nöthig waren. Nun brauchte 1 Liter destillirtes 
Wasser als Mittel von 4 Versuchen 54.5 CC. ludigolösung, es 
wären somit bei der Titrestellung der Indigolösung für die in 
1 Liter gelöst enthaltenen 1.0129 Gr. KO. NO^ nur 1898.5 CC. 
Indigolösung nöthig gewesen. Es entspricht demnach 1 CC. 
Indigolösung 0.0005335 Gr. KO. NO^ = 0.0002881 Grammen 
NO^, und nicht bloss 0.0002767 Gr., wie ohne Correction 
gefunden wurdo. 

Was nun die in verschiedenen Wassern BaseVs ent- 
haltene Menge der Salpetersäure anbetrifft, so f.ind ich bei. 
meinen bisherigen Untersuchungen die folgenden Resultate: 



144 Sitzung der niath.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 











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[1870. I. 2.] 



10 



146 Sitzung der math.-phys. Classe vom S.Februar 1870. 

Bei den Wassern No. 4, 5, 9, 13, 15, 16, 18 und 20 
fällt die Menge der salpetrigen Säure gar nicht, bei den 
Wassern No. 2, 6, 24, 25, 26, 27 und 28 kaum in's Gewicht; 
bei den Wassern No. 1, 3, 7, 10, 11, 14, 21, 22 und 23 
muss das Resultat der doppelten Titration des Wassers 
mit Kalipermanganat berücksichtigt werden, um sowohl die 
Zahl für die Menge der Salpetersäure als auch der salpetrigen 
Säure zu erhalten. 

Bei sanitarischen Untersuchungen möchte freiUch in den 
meisten Fällen die Angabe der für 1 Liter des Wassers 
nöthigen Menge Cubikcentimeter Indigolösung genügen, weil 
es sich ja stets um vergleichende Untersuchungen normaler 
und durch städtisches Terrain etc. inficirten Wassers handelt. 

Ueber die Bedeutung der Salpetersäuremenge für die 
Beurtheilung eines Trinkwassers sind verschiedene Ansichten 
ausgesprochen worden. Ich bleibe auch heute noch nach 
zahlreichen weiteren Untersuchungen bei den in meiner 1867 
erschienenen Arbeit über die verschiedenen Baslerwasser aus- 
gesprochenen Ansichten und wiederhole hier bloss einige auf 
diesen Punkt bezügliche Stellen. 

Nirgends fehlen die Nitrate, ja selbst in ausgezeichneten 
Quellwassern erhalten wir zum Theile starke Reactionen. 
Die Nitrite sind oft gar nicht, oft in minimer, oft in grösserer 
Menge vorhanden, je nach der Herkunft des Wassers. 

Bei meinen bisherigen Untersuchungen fand ich, dass 
reine Quellwasser höchstens eine schwache Reaction auf 
Nitrite geben, meist nur eine spurenweise oder gar keine. 
Die schon im Regenwasser enthalten gewesene Menge von 
salpetriger Säure und diejenige, welche das hernach durch 
den Boden rieselnde Wasser aus diesem aufnimmt, wird nach 
und nach durch den im Wasser gelöst enthaltenen Sauer- 
stoff und namentlich beim Durchrieseln durch das Gerolle 
durch den Sauerstoff der Bo'lenluft (und durch den Sauer- 
stoff des Eisenoxjdes) zu Salpetersäure oxydirt, wesshalb 



GoppeUröder: Bestimmung der Salpetersäure. 147 

wir in solchen bei ihrem Laufe durch den Boden nicht in- 
ficirten \yassern wohl Salpetersäure, aber keine oder nur 
in spärlicher Menge salpetrige Säure, gleichsam nur der 
Verwesung entgangene Reste, antrefifen. Wenn aber ander- 
seits Grundwasser durch mit organischen Stoffen imprägnirteu 
Boden fliesst, so werden diese die im Wasser gelösten Nitrate 
zu Nitriten, theilweise noch weiter reduciren, und wir treffen 
dann in solchen verunreinigten Wassern eine mehr oder 
weniger starke Menge von Nitriten uad oft gar keine Nitrate 
an. Es mögen unter Umständen recht complicirte Vorgänge 
im Boden während dem Laufe des Wassers stattfinden, 
Oxydationen und Desoxydationen mit einander abwechseln, 
je nach der Beschaffenheit der Schichten, durch welche das 
Wasser läuft. 

Ein mit Fäulnisstoffen in Berührung gekommenes Grund- 
wasser wird, gleich darauf in Sodschachten heraufgepumpt, 
ein schlechtes Trinkwasser sein; während seines späteren 
Laufes kann es aber, wenn es durch reine Erdschichten 
rieselt , und mit einer genügenden Menge Bodeuluft in 
Berührung kommt, hierdurch so gereiniget werden, dass die 
darin enthaltenen Fäulnissstoffe nach und nach der Verwesung 
anheimfallen, und wenn auch die organischen Stoffe nicht 
ganz verschwinden, so bilden sich doch aus den übelriechen- 
den, übelschmeckenden und sogar gefärbten Fäulnissproducten 
farblose, nicht riechende und nicht schmeckende Zwischen- 
producte des Verwesungsprocesses ; dasselbe Grundwasser 
wird somit an entfernten Stellen Trinkwasser von genügender 
Reinheit zum Genüsse liefern. Während die ersten Sode 
ein stark nitrithaltiges Wasser mit nur wenig Nitraten ent- 
halten, so wird aus den mit auf solche Weise gereinigtem 
Grundwasser gespiesenen Soden ein Wasser gepumpt, das 
wenig oder gar keine Nitrite enthält, wohl aber stark auf 
Nitrate reagiit. Immer beweist ein Gehalt an Nitraten und 
Nitriten, welcher grösser als der in von städtischen Fäulniss- 

10* 



148 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

und Verwesungsheerden unabhängigen Quellen auf dem Lande 
ist, dass eine Verunreinigung durch lokale Einflüsse statt- 
gefunden hat, sei es nun durch Abtritte oder Dohlen, Gisternen 
oder Ställe, durch Gewerbe oder durch sonstige Ursachen, 
welche aufzuzählen überflüssig ist. Sicher ist der grösste 
Theil der mit den Lochbrunnquellen und Soden der grossen 
und kleinen Stadt Basel zu Tage geförderten Nitrate das 
Product der Verwesung des Stickstoffes der menschHchen 
und thierischen Abfälle, sowie des bei der Fäulniss gebil- 
deten Ammoniaks. Die Menge des in Form von salpetriger 
Säure (Nitriten) und Salpetersäure (Nitraten) alljährUch durch 
das Grundwasser dem Rheine zugeführten Stickstoffs muss 
eine sehr beträchtliche sein, deren Berechnung bis dahin 
wenigstens unmöglich ist. Die Herren Prof. Pagenstecher sei. 
und Apotheker Dr. Müller in Bern haben schon vor längerer 
Zeit auf die beträchtlichen Mengen von Nitraten hingewiesen, 
welche im Grundwasser Bern's alljährlich der Aare zufliessen 
und die Herkunft auch aus den städtischen Infektionsheerden 
abgeleitet. 

Was die beträchthche Menge von Nitriten in einer Reihe 
von unseren Sodwassern anbetrifft, so haben wir es also 
hier entweder mit der noch nicht complet beendeten Ver- 
wesung des Stickstoffs oder des Ammoniaks oder mit der 
Desoxydation der Nitrate durch organische Stoffe zu thun. 
Immer aber erregt die Anwesenheit einer über Spuren hinaus- 
gehenden Menge Nitrits den Verdacht in mir, dass das 
Wasser in erhebhchem Masse durch organische Stoffe ver- 
unreiniget ist, und wenn nicht immer, so wird doch meist 
diese Vermuthung bestätigt. Die Anwesenheit von Nitrit 
ist für mich das Zeichen der chemischen Thätigkeit, respective 
der Beweglichkeit der Atome der im W^asser enthaltenen 
organischen Stoffe. Die Nitrite sind stets als Zwischenstufe 
eines, sei es pro-, sei es regressiven chemischen Umwandlungs- 
processes zu betrachten. 



Goppelsröder : Bestimmung der Salpetersäure. 149 

Hinsichtlich nun der Frage: welchen Einfluss üben 
die Nitrite, und welchen die Nitrate im mensch- 
lichen Körper aus? so steht deren Beantwortung allein 
dem kundigen Physiologen und Pathologen zu. Auf die 
Frage: sind wohl die Nitrate in der geringen Menge, 
wie sie im Wasser genossen werden, und bei solcher 
Verdünnung von nachtheiligem Einflüsse auf die 
Gesundheit? glaube ich mit nein antworten zu können, 
denn sie gehören jedem Wasser, auch dem besten Trink- 
wasser als normaler Bestandtheil an und sind auch sonst 
in Nahrungsmittelü und Getränken enthalten. Ob von den 
Nitriten das gleiche gelten darf ? darauf wage ich gar nicht 
zu antworten. Wenn auch die im Körper vorgehenden 
Processe nicht immer ganz so vor sich gehen, wie wir es nach 
unseren auf Versuche in Retorten und Kolben gestüzten 
Theorien uns vorstellen möchten, so dürfen wir doch wohl 
annehmen, dass die Nitrite im Körper sich eben so leicht 
wie ausserhalb desselben verändern. Und abgesehen von 
ihrem eigenen Verhalten hängen mit ihrer Anwesenheit im 
Wasser organische Verunreinigungen zusammen, über deren 
chemische Natur und desshalb auch über deren chemisch- 
physiologisches Verhalten wir überaus wenig, ja fast 
gar nichts wissen ; ein Wasser, welches grössere Mengen 
Nitrit enthält, sollte desshalb vom sanitarischeu Standpunkte 
aus betrachtet, verworfen werden, ebenso solches , welches 
eine mehr als normale Menge von Nitraten enthält. Ueber 
die Grenze kann man nun freilich verschiedener Ansicht 
sein. Bei den Trinkwässern Basel's betrachte ich die in den 
von auswärts in die Stadt geleiteten Quellwassern enthaltene 
Salpetersäuremenge als die normale. Unmöglich kann ich 
mit Alex. Müller, (siehe dessen Abhandlung ,,zur Geschichte 
der Brunnenwässer grosser Städte" im Journale für praktische 
Chemie Bd. 82 S. 465) annehmen, dass eine Menge von 
4 Milligrammen Salpetersäure pro Liter im Wasser eine 



150 Sitzung der mafh.-fhys. Classe vom 5. Februar 1870. 

erhebliche, die Geniessbarkeit eines solchen Wassers beein- 
flussende sei. Wenn aber 0. Reich (s. dessen Abhandlung 
„die SaliDetersäure im Brunnenwasser und ihr Verhältniss 
zur Cholera und ähnlichen Epidemien") in den Berliner 
Brunnenwässern 200 — 675 Th. Salpetersäure (NO^) in 
1 Million Theilen, also 2 bis fast 7 Decigramme im Liter 
fand, so gibt uns eine solche unnormale Menge einen Anhalts- 
punkt für den erheblichen, gewiss der Gesundheit gefähr- 
lichen Grad der Verunreinigung des dortigen Grundwassers. 
Auch das Grundwasser Basel's enthält, wie ich schon früher 
durch viele qualitative Reactionen nachgewiesen habe, eine 
unnormale ^lenge von Salpetersäure. Ich verweise auch auf 
obige Tabelle, 

Zum qualitativen Nachweise der Nitrite und Nitrate 
in den Wassern gibt es wohl keine bessere, schneller und 
sicherer zum Ziele führende Methode, als die in meiner 
früheren Arbeit besprochene und angewandte von Schönbein, 
wodurch mit leichter Mühe auch das relative Meugenverhältniss 
beider approximativ ermittelt werden kann. Ich verweise 
auf meine frühere Arbeit. Zur Bestimmung der Menge der 
Salpetersäure empfehle ich als schnell zum Ziele führende 
und genaue Methode die in dieser Arbeit beschriebene. 
Wenn ich dadurch einen Fortschritt erreicht habe, so wünsche 
ich selbst am meisten, dass es dem Fleisse der vereinten 
chemischen Kräfte gelingen möge , eine ebenso schnell aus- 
führbare aber von jedem Mangel befreite Methode aufzu- 
finden. Periodische Untersuchungen über den Stand und 
Gehalt des Grundwassers sind bekanntlich von grossem 
Interesse, dieselben müssen aber in Kürze ausgeführt werden 
können, da es sich hier um die Untersuchung mögUchst 
vieler Wasserproben in möglichst kurzer Zeit handelt. Um 
über die Verunreinigung eines Wassers durch Dohlen, 
Cisternen, Abtrittgruben u. s. w. mit wenigen Mitteln und in 
kurzer Zeit Aufschluss zu erlangen, empfehle ich auch heute 



Goppelsröder: Bestimmung der Salpetersäure. 151 

noch die in meiner früheren Arbeit genannten 5 Operationen, 
füge aber heute eine 6. Operation bei, nämlich die Be- 
stimmung der Salpetersäure nach oben beschriebener Methode. 
Die 6 Operationen sind : 

1) Die Bestimmung der Menge der festen Bestandtheile, 
wobei sowohl die Menge des bei lOO^^C. getrockneten Piück- 
standes eines Liters Wasser als auch der Verlust beim 
Glühen desselben anzugeben ist. Sowohl die Farbe des 
Rückstandes des Wassers als auch die Erscheinungen beim 
Glühen sind zu beobachten. 

2) Die Nitrit- und die vereinigte Nitrit- und Nitrat- 
reaction nach Schönbein. 

3} Die Titration mit Kalipermanganatlösung, mit und 
ohne Schwefelsäurezusatz. 

4) Die Reaction mit Silber- oder Goldlösung. 

5) die Reaction auf Schwefelwasserstoff und Amiiioniak 
(frei und gebunden). 

6) Die Titration der Salpetersäure mit Indigolösung. 
Dadurch erlangen wir einerseits Aufschluss ü-ber das 

Mass der Verunreinigung, anderseits über den Grad der 
Veränderlichkeit der organischen Stoffe, womit wohl deren 
physiologischer Charakter auf's engste verknüpft ist. 

Wenn einerseits die Ermittelung der Quantität der Ver- 
unreinigungen eine gewisse Bedeutung hat. so ist ander- 
seits die Ermittelung der Qualität derselben von grosser 
Wichtigkeit. Es ist jedoch bis heute nur möglich über den 
Grad der chemischen Wirksamkeit der verunreinigenden 
organischen Stoffe Aufschluss zu erlangen, wozu mir die 
Titration mit Kalipermanganatlösung mit und ohne Schwefel- 
säurezusatz , die Schönbein'sche Nitritreaction, sowie die 
Reduction einer Silber- oder Goldlösung praktische und 
passende Mittel zu sein scheinen. Die Bestimmung der 
Menge der festen Bestandtheile und des Glühverlustes sowie 
die Bestimmung der Menge der NO^ hat ebenfalls einen 



152 Sitzung der math.-pTiys. Classe vom 5. Felruar 1870. 

entschieden praktischen Werth, um über das Mass der 
Verunreinigung sich ein Urtheil zu bilden. 

Die Reaction auf HS und N tP, frei und gebunden, dürfte 
in den meisten Fällen zu einem negativen Resultate führen, 
wenn nicht schon das Geruchs- und Geschmacksorgan die 
Verunreinigung des Wassers erkannt hatte, wo dann aber 
eine Untersuchung von Seite eines chemischen Experten vom 
praktischen Standpunkte aus überflüssig ist oder bloss be- 
stätigen soll. 

Mit derselben Methode lässt sich auch die Menge der 
Salpetersäure im Schnee, Regen, Eis u. s. w. bestimmen. 
Ich werde in nächster Zeit über solche Bestimmungen, so- 
wie auch später über periodische Untersuchungen der ver- 
schiedenen Wasserquellen Basel's berichten. 



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Gümbel: Der Eiesmilkati etc. 153 



Herr Gümbel hält einen Vortrag 

..Ueber den Riesvulk au und über vulkanische 
Erscheinungen im Rieskessel."' 

Zu den merkwürdigsten topischen Eigenthümlichkeiten 
in dem langen Zuge des fränkisch-schwäbischen-Jura- 
gebirges gehört unstreitig der tiefe jetzt eingeebnete Kessel 
des sog. Rieses. Schon der flüchtige Blick, welchen etwa 
eine Fahrt auf der Eisenbahn zwischen Donauwörth und 
Wassertrüdiugen über diesen Landstrich zu werfen gestattet, 
muss uns auf das Aussergewöhnliche aufmerksam machen, 
welches in dem jDlötzlichen Auftauchen einer weiten grossen, 
fast kreisrunden Ebene mitten in der sonst vielkuppigen und 
nur von engen Thalungen durchschnittenen ;;Alb'' uns vor 
Augen tritt. Wie der leicht bewegte Spiegel eines grossen 
See's breitet sich die braune fruchtbare Ebene des Rieses, 
rings von hohen kalkfelsigen Steilrändern eingeschlossen und 
nur von einigen kegelförmigen inselartigen Hügeln unter- 
brochen im umfange von 18 Stunden vor uns aus. Lebhaft 
erinnert dieses Bild im vergrösserten Maassstab an die 
Maare der Eifel. Es ist daher sehr erklärlich, dass bei 
den so sehr ins Auge springenden Eigenthümlichkeiten, 
welche das Ries aufweist, dieses die Aufmerksamkeit der 
Topographen und Geognosten schon frühe auf sich gezogen 
hat. Unser unübertrefflicher Topograph Walther. der ein 
so richtiges Gefühl für den Zusammenhang zwischen Ober- 
flächengestaltung und ihrer tieferen geognostischen Ursache 
bei so vielen Schilderungen verräth, spricht bereits von 
Stauungen im uralten Seegrunde, vom Thalkessel und Becken 
des Rieses, obgleich er nicht näher auf die tiefere Deutung 
des ihm nicht unbekannten Trasses und der Bänke von Süss- 



154 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

wasserkalk im Ries eingeht. Mehrfach stellte man die Ansicht 
auf, dass das Ries vormals ein See gewesen sein müsse. 
Die beiden im Ries heimischen Botaniker Schnitzlein und 
Frickinger, welche als die besten Kenner der natürlichen 
Verhältnisse dieser Gegend gelten, heben in ihrem so gründ- 
lichen Werke über die Vegetationsverhältnisse des Land- 
strichs zwischen Wörnitz und dem Altmühlthale, da wo sie 
sich über die topographischen und geognostischen Verhält- 
nisse aussprechen, bereits das Eigenthümliche dieses tiefen 
BeÄens ausdrücklich hervor und erklären dieses als eine 
auffallende Ausbiegung oder vielmehr Versenkung oder Ver- 
rückung des Jura, welcher die Riesebene ihren Ursprung 
verdanke. Auch sie theilen die Ansicht, dass das Ries vor 
dem Durchbruche des Dammes bei Harburg ein See gewesen 
sei und weisen bereits dem vulkanischen ., Basalttuff" (Trass) 
welcher das Ries rings umgebe, die Wirkung der Versenkung 
des Jura zu, während sie das hier stellenweis zugleich mit 
Keuper vorkommende Urgebirge als durch Basalttuff gehoben 
annehmen. In der vortrefflichen geognostischen Karte, 
welche dem erwähnten Werke von Schnitzlein und Frick- 
inger beigegeben ist, wurde auch der Ausgangspunkt für 
die richtigere Auffassung der geognostischen Verhältnisse 
der Riesgegend gewonnen , welche in neuster Zeit durch 
wiederholte genauere Untersuchungen vielseitig erweitert 
werden konnte. 

Auch die interessanten geognostischen Verhältnisse 
speziell hatten schon vor langer Zeit eingehendere Unter- 
suchungen in der Riesgegend veranlasst. Um nicht von älteren 
Beschreibungen zu sprechen, war es zunächst B. v. Cott», 
welcher 1834^) seine Beobachtungen über den Riesgau ver- 
öffentlichte. Er bezeichnet die abnormen Gesteine des Ries- 



1) N. Lehrb. f. M. u. G. 1834. S. 307. 



Gümhel: Der BiesvülTcan etc. 155 

gaues als ,, Basaltgebilde", deren Entwicklung sich durch 
„vulkanische Tuffe" zu erkennen geben und durch rings 
um die Riesebene liegende „Eruptionspunkte" sich be- 
merkbar machen. Die in der Gegend schon damals übliche 
Bezeichnung ,,Trass" glaubt Cotta besser durch den Namen 
„vulkanischen Tuff" ersetzen zu können, da der wahre 
Trass von Brotel-Thal zwar dem Riesgestein ähnlich, aber 
nicht vollständig gleich sei. Bei der näheren Beschreibung 
vulkanischen Tuffes erwähnt nun v. Cotta weiter als Einschlüsse 
in demselben runde Bomben-ähnliche Klumpen, basaltische 
Lava und Schlacken mit eigenthümlich Tau -ähnlich ge- 
wundener Struktur, wie man sie auf der Oberfläche der 
Lavaströme beobachte, glaubt ihre Entstehung aber durch 
ein Hindurchtreiben durch unregelmässig gestaltete Klüfte 
sich erklären zu müssen. Für wirkliche Bomben hatte 
v. Cotta diese so auffallend geformte Stücke nicht erkannt. 
Voith^) vervollständigte diese Angaben namentlich durch 
d?n Nachweis des Vorkommens granitischen Gesteins und 
Walz^) durch die Deutung der das Ries umgebenden juras- 
sischen Gebilde. Später lieferte Prof. Schafhäutl eine 
Abhandlung über die chemische Zusammensetzung des sog. 
Riestrasses und nahm Veranlassung dabei einige geognostische 
Bemerkungen beizufügen.*) Das Ries leitet auch er von 
einer Einsenkung ab, die einmal vom Wasser ausgefüllt 
gewesen sein müsse, läugnet aber darin jede vulkanische Thätig- 
keit. Er nennt den sog. Trass des Rieses geradezu ,,eine 
ursprüngliche Bildung, wie sie im wässerig-teigigen Zustande 
gleich und mit den Graniten aus den Spalten der Erdober- 
fläche gedrungen sei und nur, wo die Verwitterung begonnen 



2) N. Jahrb. 1835. S. 169. 

3) Beiträge z. Gang. d. Rieses im Corr. Bl. des Württemb. 
landw. Vereins 1843 II, 55. 

4) N. Jahrb. 1849 S. 641. 



156 Sitzung der matJi.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

habe, erhalte die Bildung ein staubiges, pulveriges Ansehen," 
Das von Schnitzlein und Frickinger als Basalt bezeichnete 
harte Gestein vom Wenneberg sei ,, nichts anderes als dichter 
Trass ohne Olivin" und die von Andern vielfach für durch 
Schmelzhitze verursachte Schlacken gehaltenen blasigen Massen 
nur gleichsam ausgetrockneter wässeriger Teig, ähnlich wie 
eine aus Wasserglas durch Entweichen des Wassers ent- 
stehende blasige Kieselsubstanz. 

Bei diesem Gegensatz von Ansichten, welche über die 
Entstehung der vulkanischen Tuffgesteine des Rieses herrschen 
und bei dem grossen allgemeinen geognostischen Interesse 
für diese Tuffbild ang, welche in analoger Weise an so vielen 
Stellen des schwäbisch-fränkischen Juragebirgs, aber immer 
mehr oder weniger isolirt und auf kleine Flecken beschränkt, 
auftauchen, im Ries aber zu einer grossartigen und mächtigen 
Entwicklung gelangen, schien es wünschenswerth, dieselben 
auf's Neue einer eingehenderen Untersuchung zu unterziehen. 

Wenn wir uns hier darauf beschränken von den ge- 
wonnenen Resultaten nur Einiges mitzutheilen, so geschieht 
diess desshalb, weil die Erscheinungen im Ganzen ohne weiter 
ausgeführte Schilderung der geognostischen Verhältnisse eines 
grossen Theils der schwäbisch-fränkischen Alb sich nicht 
erschöpfend behandeln lässt , letzteres aber für eine ander- 
weitige Darstellung vorbehalten bleiben muss. Die Frage, 
welche hier zunächst zu beantworten versucht werden soll, 
bezieht sich daher nur auf den Ursprung der Riestuffe, 
und was damit zunächst im Zusammenhange steht. 

Vor Allem drängt sich bei der Beobachtung der tuff- 
artigen Gebilde die Thatsache in den Vordergrund, dass, 
wie verschieden auch immer die Lage der ungemein zahl- 
reichen, in sehr viele jetzt isolirte Parthieen getheilten Tuff- 
massen sein mag, ihre Gesteinsbeschaffenheit eine merk- 
würdige Uebereinstimmung und Gleichförmigkeit erkennen 
lässt. Wo immer der Tuff vorkommt , besteht derselbe 



Gümheh Der BiesvulJcan de. 157 

aus einer porösen aschenartigen Grundmasse, mit un- 
zähligen Stückchen von glasigen oder steinigen schwarzen 
Schlacken und feinporösen bimssteinartigen Massen, 
selbst von ächten weissen gestreiften und faserigen Bims- 
steinen, deren Substanz häufig ohne scharfe Grenze in die 
Schlackenbrocken und selbst in die aschenartige Grundmasse 
verläuft oder auch nicht selten in derbe pechsteinartige Glas- 
masse übergeht. Daneben finden sich zugleich, wiewohl weniger 
constant. grosse und kleine Brocken, von meist in der Zer- 
setzung begrifienen ürgebirgs felsarten namentlich horn- 
blendigem Gestein — Diorit, Dioritschiefer und Amphibolit 
und Hornbleiidegneiss — eingebacken. Einzelne unr>igehuässige 
Körner von Quarz und Feldspathsubstanz scheinen von auf- 
gelockerten Urgebirgsfelsarten abzustammen. Im Uebrigen 
aber kann man weder spiegelnde Feldspathkrystalle noch Augit 
oder Magneteisen in unzweideutiger Weise in dieser Masse 
entdecken. Auch ziemlich scharfkantige nicht ganz abgerollte. 
aber meist an den Kanttn abgerundete Stücke von Jura- 
kalk, welche in auffallender Weise fast durchgehends 
dunkelgrau bis schwärzlich gefärbt sind, fehlen selten. Am auf- 
fallendsten aber ist derEinschluss von eigenthümlich geformten 
Brocken und Fladen, welch' erstere v. Cotta offenbar unter 
den erwähnten tauartig-gewundeneu Stücken verstanden wissen 
wollte. Viele dieser Einschlüsse kann man nur in Stücken und 
zersprungenen Fragmenten aus dem Tuff herausschlagen oder 
bereits durch Verwitterung aus dem Tuff herausgefallen an 
der Oberfläche liegend beobachten. In nicht zerstückelter 
Form gleichen sie in der Gestalt theilweise kleinen Dick- 
rüben, theilweise gewissen oben abgeplatteten Schwämmen, sie 
sind aber häufig seitlich zusammengedrückt und flügelartig 
erweitert, so dass sich scharf zulaufende Ränder bilden, die 
schraubenförmig gewunden oder niit wulstigen Vorsprüngen 
versehen und zuweilen eingeschlagen einen halb offenen Canal 
bilden. Ausserdem überziehen ähnlich schraubenförmig ver- 



158 Sitzung der math.-phys. Clause vom 5. Februar 1870. 

laufende Wülste und Linien die Oberfläche und es zeigen 
sich kleine Querrisse, welche namentlich an den Stellen der 
stärkeren Krümmungen häufig sind und unzweideutig einem 
Bruch in der äussern schon fest gewordenen Rinde der 
Stücke entsprechen, während das Innere noch weich und 
formbar geblieben war. Diese Körper entsprechen in der 
einen mehr rundlichen Form nach Gestalt und Bildung so 
genau den sog. vulkanischen Bomben, dass man sie, 
mit den Bomben unserer Vulkane zusammengehalten, nicht 
davon unterscheiden kann. Die schraubenförmigen Wind- 
ungen, Wülste und Streifen entstehen in Folge der drehen- 
den Bewegung bei dem Fluge der noch weichen Masse durch 
die Luft, wobei in Folge nach und nach eintretender Erhärtung 
zugleich die Querrisse in der bereits erstarrten Rinde durch 
die Abkühlung und ungleiche Ausdehnung sich bilden. 

Diese Uebereinstiinmung solcher Ausscheidungen im Ries- 
tuffe mit den Bomben noch thätiger Vulkane ist so gross, 
dass wohl selbst der eifrigste Neptunist dieselbe aner- 
kennen müsste. 

Was die zweite, mehr abgeplattete schwammähnliche 
Form anbelangt, so gleicht die Aussenfläche auch an diesen 
jener der mehr kegelförmigen Bomben nur mit dem Unter- 
schiede, dass der äussere Rand vielfach zerrissen, ausgezackt 
und gelappt erscheint, während die Wülste und Streifen auf 
der abgeplatteten Fläche wie verwaschen sich zeigen. Es 
stellen diese ,, Fladen" Bomben vor, welche nicht hoch in die 
Luft geschleudert noch in weichem Zustande zur Erde zurück- 
fielen und beim Auffallen auf die feste Unterlage znsammeDge- 
drückt und abgeplattet wurden, wie es bei dem sog. Schlackeu- 
kuchen der Fall ist. Sehr bemerkenswerth sind gewisse 
mehr unregelmässig geformte Bomben, deren abweichende 
Gestalt sich aus dem Umstände erklärt, dass sie Bruch- 
stücke von ürgebirgsfelsarten in sich schliessen und durch 
diese gehindert wurden, sich genau nach dem allgemeinen 



Gümbel: Der Biesvulkan etc. 159 

Typus, den wir so eben beschrieben haben, auszubilden. 
Solche Bomben mit ürgebirgseinschlüssen fiuden sich stel- 
lenweise nicht eben selten und zeichnen sich häufig durch 
kanalartig zusammengebogene Wülste aus. 

Die jMasse nun, aus welcher diese Bomben bestehen, 
ist nicht bei Allen vollständig gleich, doch besitzt die Mehr- 
zahl einen steinigen Charakter; sie nähert sich theilweise 
der Beschaffenheit der Pechsteins, vorwaltend scLliesst sie 
sich jedoch mehr dem Felsit an, seltener gewinnnt sie ein 
krystallinisches trachy tisch es Aussehen. In Glanz und Farbe 
gleicht die vorherrschende Art am meisten gewissen Varietäten 
des sog. Porzellanjaspis. Durch Gasporen ist sie meist 
namentlich gegen Aussen blasig porös und rauh. Die Wand- 
ungen dieser Poren sind durchgehends mit einem grünlicli- 
weissen Häutchen überzogen. Mit Ausnahme kleinrundlicher 
Quarzausscheidungen fehlen grössere porphyrartige Einspreng- 
ungen fast gänzlich, während kleine, weissliche spiegelnde 
Theilchen, die in der Grundmasse auftauchen, wahrscheinlich 
einem Feldspath angehören. In Dünnschliffen beobachtet 
man jene stromartigen Zeichnungen, welche für die 11 hy- 
olithe so sehr charakteristisch sind und auf das Unzwei- 
deutigste Zeugniss ablegen von den Bewegungen innerhalb 
der erstarrenden Masse. Ein uuregelmässiges Netzwerk von 
helleren Streifchen, welche bald sich vereinigen, bald sich 
wieder verzweigen, jedoch in ihrer Gesammtausdehnung einer 
gewissen Längemichtung folgen, umschliesst sehr ungleich 
grosse, in der Richtung des Stroms in die Länge gezogene 
Maschen, während die u.ugebende Gesteinsmasse aus wasser- 
heller oder bräunhcher amorpher Gesteinssubstanz, wie bei 
den vulkanischen Gläsern, besteht. Mit den hellen Streifchen 
zeigen sich dunklere verflochten , welche von sehr zahl- 
reichen, ziemlich wirr durcheinanderliegenden langen Kystall- 
nädelchen (Mikrolithen) erfüllt und durch diese Einschlüsse 
undurchsichtiger, d. h. dunkler erscheinen, während die 



160 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 5. Februar 1870. 

helleren Streifcben frei oder arm an Mikrolithen sind. Neben 
den ziemlich langen und gleich dicken, der Länge nach oft 
wie sägeartig zackigen Krystallnädclchen sieht man noch 
viele kleine pulverförmig rundliche Körnchen, welche durch 
ihre stellenweise Anhäufungen dunklere Flecke erzeugen. Ein- 
zelne lichtere Stellen scheinen vorherrschend aus wasser- 
heller Quarzsubstanz , die unter dem Polarisationsapparat 
gleichmässigeu Farbenwechsel zeigt, und aus bräunlicher 
Glassubstanz, die keinen Farbenwechsel wahrnehmen lässt, zu 
bestehen. Regelmässige und häufige feldspathartige Aus- 
scheidung konnte ich auch in den Dünnschliffen nicht ent- 
decken, es zeigen sich stellenweise nur unregelmässige weisse 
opake Körner, die von fremdartigen Einschlüssen abzu- 
stammen scheinen. Dagegen treten häufig Bläschen von 
runder Form hervor, welche sowohl in den wasserhellen, wie 
bräunlichen Einschlüssen vorkommen. Damit ist die Aehn- 
lichkeit der Substanz unserer Riesbomben mit den rhyoli- 
ti sehen Gesteinsmassen der vulkanischen Gebilde unzwei- 
deutig festgestellt, wie solche von Zirkel^) so meisterhaft 
geschrieben worden sind. Aehnlich verhalten sich auch die 
im Riestuffe eingeschlossenen Schlacken, welche die Lapilli 
der Eruptionen darstellen. In der Kegel ist ihre Substanz 
noch ganz glasartig. In Dünnschliffen solcher obsidian- 
artiger Lapilli sah ich sehr häufig Trichitenbüschel, wie ein 
Knäuel von verwirrten Haaren, deren Spitzen etwas über 
die zusammengeballte Masse hervorstehen. Es bleibt nur 
noch die abweichende Beschaffenheit einiger bimssteinartig 
porösen Bomben hervorzuheben, welche von jeuer der steinigen 
Bomben durch die glasige Beschaffenheit der zwischen der 
porösen dunklen, selbst in dünnsten Schliffen kaum durch- 
scheinenden Massen in dünnen , mehr oder weniger pa- 
rallelen, den Jahrringen im Holz ähnlichen Lagen auf- 



5) Zeitschr. d. geol. Ges. 1867. S. 737. 



Gümbel: Der EiesvulJcayi etc. 161 

tretenden Lamellen sich auszeichnen. Die Glasstreifen be- 
stehen aus durchsichtiger bouteillenbrauner durch zahlreiche 
Risse zertheilter Masse ohne merkliche Einschlüsse, während 
die dunklen Streifen selbst bei grösster Vergrösserung neben 
den zahlreichen Poren nur unregelmässige Körnchen und 
pulverförmig zusammeugesetzte Klümpchen von tiefbrauner 
Farbe , welche eben die sie einschliessende Masse in so 
hohem Grade undurchsichtig machen, aufzuweisen haben. 
Zugleich sind zahlreiche unregelmässig geformte Körner von 
opaken Quarz, vielleicht auch noch von andern Mineralien, 
dieser Masse in den dunklen Streifen eingemengt. Hier, wie 
überhaupt bei allen vulkanischen Bomben, entspricht die 
Längenausdehnung der eingeschlossenen Blasenräume der 
Richtung , in welcher das Material nach und nach eine 
Streckung erlitt ; man beobachtet sogar Blasenräume mit 
gewundener Form, ganz in der Art, wie die Bombe äusser- 
hch gedreht ist. Am auffallendsten zeigen sich bei den fladen- 
förmigen Schlackenkuchen die Hohlräume ausgeprägt, indem 
sie genau die zusammengedrückte Form der ganzen Masse 
angenommen haben und meist linsenförmig breit und niedrig 
gestaltet erscheinen. 

Mit der Fesstellung dieser tauartig gewundenen Brocken 
der Riestuffe als vulkanische Bomben, d. h. als vul- 
kanisch geschmolzene Lava, welche zur Zeit der vulkanischen 
Thätigkeit im weichen Zustande aus irgend einem Punkte 
der Eruption emporgeschleudert worden sein muss, haben 
wir für die Entstehung der Riestuffe einen, nach ihrer 
ganzen Natur vielleicht uunöthigen, aber gleichwohl augen- 
scheinlicheren und unzweideutigeren Beweis, als jeder andere 
wäre, gewonnen: Die Riestuffe sind vulkanische Tuffe 
und Produkte der Eruption eines früheren Vulkans 
in der Riesgegend. Es wird dadurch im hohen Grade 
wahrscheinlich, dass für die längs des Albrandes von Stelle 
[1870. 1. 2.] 11 



162 Sitsung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

zu Stelle vorfindlichen ähnlichen TuflPgebilde ein gleicher 
Ursprung angenommen werden darf. 

Die Riestuffe bestehen demnach aus einer Grundmasse, 
die der vulkanischen Asche entspricht, aus in dieser 
eingeschlossenen Lapilli, die in Form von Schlacken 
und Bimssteinen ausgebildet sind und endhch aus mehr 
zerstreut vorkommenden vulkanischen Bomben und 
Schlackenkuchen. Dazu gesellen sich nun noch fremd- 
artige Einschlüsse der ürgebirgsgesteine — hauptsächlich 
Granit und hornblendige Gesteine, selten Schiefer — ferner 
Fragmente von Keuper, Lias, Oolith und Jurakalk. Die 
granitischen Gesteine sind häufig sehr zersetzt, aufge- 
lockert, rauh, oft trachitähnlich geschmolzen oder stark ge- 
brannt. Da viele auch mit Schlackenmasse umhüllt sind, 
so ist es unzweideutig, dass sie aus der Tiefe mit empor- 
geschleudert worden sind. 

Die Tuffmassen bilden im Grossen und Ganzen keine 
regelmässigen Lagen und Schichten, sondern mehr Haufen- 
werke von kuppiger Form. Die Abgrenzung verschiedener 
Regionen innerhalb dieser Massen, welche sich durch Wechsel 
der Farbe und oft auch an der Häufigkeit der Einschlüsse 
bemerkbar macht, nähert sich daher dem Schalenförmigen 
wie sie ein Haufwerk zeigen würde, welches durch üeber- 
einanderschütten von der Zeit nach verschiedenen Massen ent- 
standen ist. Dieser vorheri sehende Mangel an einer regel- 
mässigen schichtenartigen Ausbreitung scheint nur als ein Be- 
weis dafür augesehen werden zu dürfen, dass man solche Tuffe 
als Trockentuffe anzusprechen habe, d. h. dadurch entstan- 
den sich denken muss, dass sie durch stellenweise üeberein- 
anderhäufungen von vulkanischem Eruptionsmaterial gebildet 
wurden, ohne dass sie ins Wasser gelangten, und vom Wasser 
in mehr horizontale Lagen ausgebreitet wurden. Die Zersetzung 
und Umbildung, welche sie inzwischen durchgemacht haben, ist 
nur eine Folge ihrer Durchtränkung durch Tagewasser oder 



Gümbel: Der EiesvulJcan etc. 163 

durch Quellwasser. Es ist diese desslialb meist auch nur sehr 
gering und beschränkt sich in Grossen auf die Neubildung von 
Kalkspath, welcher häufig in den Blasenräumen der Schlacken, 
die Wandungen auskleidend und nach innen mit ausgebildeten 
Krystallspitzen in den Hohlraum ragend, vorkommen. Es 
ist daher der Tuff meist locker gebUeben, selten so fest 
verkittet, dass er zu einem dauerhaften Baustein sich eignet. 
Doch kommen auch offenbar geschichtete und durch das 
Wasser verarbeitete Lagen vor. Die vorherrschenden Farben, 
grau, gelb röthlich und grünlich, welche die Tuffe besitzen, 
entsprechen vielleicht verschiedenen Eruptionen. 

Für die vulkanischen Tuffe des Rieses, welche wir ihrer 
Gesteinsnatur nach Rhyolith- und Liparit-Tuffe nennen 
können, haben wir nun weiter zu untersuch-^n, in welcher 
Zeit die eruptive Thätigkeit des Iliesvulkans gesetzt werden 
darf und wo etwa dessen Eruptionspunkt sich befunden 
haben mag. Daran schliesst sich die weitere Frage, ob 
auch andere Spuren vulkanischer Thätigkeit sich in den 
geognostischen Verhältnissen des Rieses wahrnehmen lassen. 
Vulkanische Tuffe kommen in dein Ries und seiner Um- 
gebung an ungemein zahlreichen Punkten vor, aber stets sind 
sie auf eine geringe Verbreitung beschränkt und scheinbar 
ohne Verbindung zerstreut abgelagert. Sie sind aber nicht 
bloss im Ries selbst oder auf den Rand desselben ange- 
wiesen, sondern greifen weit über die nächste Nachbarschaft 
hinüber. Vorherrschend legen sie sich in Vertiefungen des 
Jurakalks , oft in spaltenartige Einschnitte des letzteren an, 
oder sind an die flachen, dem Wasserstoss entgegengesetzten 
Gehänge älterer Felsmassen angelehnt. Nie werden sie von 
Jurakalk oder noch älterem Gesteine, wenn dieses nicht dis- 
locirt ist, bedeckt, dagegen enthalten sie, wiewohl nicht 
sehr häufig, Fragmente von Jurakalk und stehen zuweilen 
mit eigenthümhchen Kalkbreccien in näherer genetischer 
Verbindung, welche ein Glied der tertiären x4.blagerungen 

11* 



164 Sitzimg der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

ausmacheo. Mit den tertiären Schichten selbst finden 
sie sich an mehreren Punkten in Zusammenlagerung und 
zwar werden sie von den jüngeren kalkigen Schichten, weiche 
innerhalb des Riesbeckens entwickelt sind, überlagert. 
Damit ist ihr relatives Alter ziemlich genau festgestellt. Die 
besten Aufschlüsse, welche diese Art der Lagerung er- 
kennen lassen , findet man zunächst bei Nördlingen an der 
Ostseite des Marienberges an den Kellern und in den alten 
Steinbrüchen an dem Stofifelsberg, dann oberhalb M. Offingen 
und in Lieiheim selbst. Der tiefere Untergrund der Hügel- 
reihe, welche von Nördlingen in südlicher Richtung hervor- 
tritt und in die einzelnen Erhebungen des Marien- Stoffeis- 
Fuchsberg u. s. w. bis zum Schmähinger Kirchberg und 
Aalbuck sich bemerkbar macht, besteht aus Urgebirgsmassen 
in gehobener Lage. In dem Profile neben dem von 0. zwischen 
Marien- und Stoffelsberg zur Höhe ziehende Wege sieht man 
zu tiefst wohlgeschichtete Dioritschiefer (mit Pistazitadern) 
in St. 9 mit 45° NW, einfallend und von einem Pegmatit- 
gange durchsetzt. Ueber diesen stark zersetzten Urgebirgs- 
stock breitet sich 3 — 5' mächtig eine Lage von Quarzsand- 
stein aus, der nach oben Urgebirgsblöcke aufnimmt, und 
endlich einem wahren Blockwerk von meist scharfkantigen 
wirr durcheinander liegenden Urgebirgsstücken verschiedener 
Art Platz macht. Diese grossbrockige ürgebirgsbreccie be- 
steht vorherrschend aus hornblendehaltigen ürgebirgsgesteins- 
arten, Diorit, Hornblendeschiefer, Horublendegneiss neben 
Granit, welche unten durch ein sandiges Bindemittel, nach 
oben von feinem Urgebirgsgrus und endlich von vulkanischer 
Asche verkittet oder zu einer Gesteinsmasse verbunden sind. 
Diese Lage wird nun unmittelbar vom Süsswasserkalk bedeckt, 
der in seinen untern Bänken die Helix des Horizontes von 
Zwiefaltern, in den oberen Cypris in Unzahl enthält. Endlich 
zeigt sich an dieser Stelle noch Diluvial geröll und zu oberst 
Löss, welche den Tertiärkalk bedecken. Ein ähnlicher Auf- 

# 

1 



Giimbel: Der BiesmilJcan etc. 165 

schluss war fi-üher an den Kellern und auf der Höhe des 
Miirienfelsens vielfacli zu sehen, jetzt sind die Profile durch 
Mauerung meist wieder verdeckt. 

Aehnlich verhält sich das Profil in Lierheim, welches 
um so wichtiger ist, weil hier sehr schöner, grobkörniger rother 
Granit deutlich als anstehendes Gestein die Unterlage aus- 
macht, auf der zunächst eine bunte grossbrockige Breccie 
theils aus Urgebirgsfragmenten. theils aus Jurakalk, Keuper 
und Dogger gebildet sich ausbreitet und nach Oben in 
vulkanischen Tufi übergehend, auf halber Höhe des Wegs 
im Dürfe von sandigem Kalk voll der charakteristischen 
Rieshehx {Helix LartetUy) bedeckt wird in vollständiger 
Uebereinstinimung, wie am Stoffelsberg. Solchen Urgebirgs- 
breccien aus oft gigantischen Brocken bestehend begegnen 
wir fast überall im Ries, wo Tuffe entwickelt sind. Besonders 
merkwürdig sind diese Breccien, wenn Urgebirgsgrus die 
Zwischenräume zwischen den einzeken Brocken ausfüllt und 
die durch kieselige oder kalkige Infiltrationen erhärtete Masse 
em ähnliches Aussehen, wie das Urgebirge selbst gewinnt. Es 
entstehen auf diese Weise Urgebirgsbreccien, welche sich 
oft schwierig von normalen, durch unzähhge Klüfte zer- 
sprengten, vielfach in kleinen Parthieen verschobenen und 
breccienartig zertrümmerten, dabei oft durch Zersetzung sehr 
unkenntlich gewordenen ürgebirgsfelsarten , wie sie im Ries 
so häufig sind, unterscheiden. Namentüch ist diess bei 
gewissen regenerirten Graniten der Fall, bei welchen 
rothgefärbte Tuffe das Bindemittel abgeben. Am schönsten 
fand ich solche regenerirte Granite am Wege zwischen Lier- 
heim und Appenhofen. Erst genauere Untersuchungen lehren 



6) Nach der Mittheilung und Bestimmung Sandberger's an zahl- 
reichen Exemplaren; die ich im Gesammtgebiete des norddanubischen 
Süsswasserkalks gesammelt habe und nicht E.elix sylvestrina. 



166 Sitzung der math.-phys. Classe vom S.Fehmar 1870. 

uns bei solchen Vorkommnissen die heterogenen Arten von 
Urgebirgsfelsarten, welche in Brocken dicht aneinander ge- 
drängt liegen, und die Ungleichheit der Streichrichtungen 
bei krystallinischen Schieferstücken als zuverlässiges Unter- 
scheidungsmerkmal solchen regenerirten Urgebirgs er- 
kennen, wenn nicht vielleicht irgend ein Stück grellrothen 
Keuperlettens oder weissen Jurakalks, welche sich mit an- 
deren Brocken von benachbarten Sedimentgebilden zuweilen 
auch den Urgebirgsfragmeuten beigesellen , als Verräther 
sofort uns in die Augen sticht und vor längerem Zweifel 
bewahrt. 

Misslich bleibt die zuverlässige Unterscheidung bei schlecht 
aufgeschlossenen Profilen, wenn Breccien unmittelbar auf an- 
stehendem Urgebirge aufruhen, oder wo nur Blöcke auf der 
Oberfläche zerstreut sich finden, so dass es nicht in allen 
Fällen sicher zu ermitteln ist, ob man anstehendes Gestein 
oder nur lose Brocken vor sich habe. Das Gestein in diesen 
Breccien zeigt sich oft in hohem Grade zersetzt und auf- 
gelockert. Unter allen das lehrreichste Beispiel findet sich 
in einem Hohlweg an der Südseite des Spitzbergs, wo durch 
Benützung des Granitgruses als Sand der Hohlweg beider- 
seitig zu einer Art Sandgrube erweitert wurde. Hier stösst 
mau auf mächtige Massen granitischer Gesteine, mit welchen 
hornblendehaltige Stücke, hie und da auch ein Brocken von 
Keupersandstein und grellfarbigem Keuperletten in chaotischem 
Durcheinander vergesellschaft sind. Alles ist in hohem 
Grade zersetzt und aufgelockert, so dass sich die granitischen 
Stücke wie lockerer Sand heraushauen , die quarzarmen 
hornblendigen Fragmente, welche nicht selten von Pistazit- 
schnüi'chen durchsetzt sind, wie Thon oder Seife schneiden 
lassen. Besonders merkwürdig ist, dass bei dieser völligen 
Umsetzung die Hornblende nicht, wie gewöhnlich, in eine 
Eisenoxydhydratsubstanz verwandelt wurde und dem Ganzen 
eine schmutzig braune Färbung mitgetheilt hat, sondern ihre 



J 



Gümbel: Der Riesvidkan etc. 167 

dunkelgrüne Farbe beibehaltend in eine grünerdeartige Sub- 
stanz, oder auch in eine lichtgelblich grüne fettig anzufühlende 
Nontronit-älmliche Mineralmasse übergeführt erscheint, neben 
welcher das weisse Zersetzungsprodukt des Feldspaths theils 
als Kaolin, theils als ein Steinmark-artiges Mineral grell sich 
abhebt. Findet sich daneben ein rother Streifen von Keuper- 
letten, so gewinnt das Ganze ein äusserst buntes Aussehen. 
Diese und ähnhche Zersetzungen und Umbildungen begleiten 
die Urgebirgsbreccien, wo sie sich finden, in bald höherem, 
bald geringerem Grade durch das ganze Ries. Ganz frische 
Urgebirgsstücke zu erhalten, hält daher sehr schwer, und 
selbst in dem anscheinend an wenigsten angegriffenen rothen 
Granit von Lierheim zeigt sich der schwarze Glimmer z. Th. 
in eine Rotheisensubstanz verwandelt. 

Was das Verhältniss dieser Breccie zu dem vulkanischen 
Tuff anbelangt, so weist schon das Auftreten von Tuffmasse 
gleichsam als Verkittungsmittel der Breccien auf einen 
genetischen Zusammenhang hin. Deutlicher noch stellt sich 
dieses Verhältniss durch den allmähligen Uebergang von 
Breccien in auflagernden Tuff fest, wie es sich au mehreren 
Orten beobachten lässt, indem die Urgebirgsfragmente nach 
oben seltener werden und dafür die Tuffmasse die Ober- 
hand gewinnt. Auch die stellenweis reichliche Beimengung 
von Urgebirgsbrocken im Tuff entspricht demselben Ver- 
hältnisse. Es ist nicht zweifelhaft, dass ein guter Theil der 
Urgebirgsfragmente in den Breccien durch vulkanische Thätig- 
keit aus der Tiefe nach Art der Bomben emporgeschleudert 
wurden. Ein Beweis hiefür liegt in der Thatsache, dass 
viele der beschriebenen Bomben Urgebirgsstücke eingeschlossen 
enthalten oder doch mit solchen verbunden, gleichsam an 
dieselbe angeschmolzen sind. Daraus erklärt sich wohl auch 
der Fund vereinzelter Urgebirgsstücke entfernt von Tuff- 
oder Breccienablagerungen auf den Platten der benachbarten 
Juraberge. Auch zeigen viele (nicht alle) in dem Tuff ein- 



168 Sitzung der math.-phys. Gasse vom 5. Februar 1870. 

geschlossene Urgebirgsfragmente eine eigenthümliche Art 
der Umwandlung, welche darin besteht, dass Feldspath und 
Quarz opak, der Glimmer zerrissen, das ganze Gestein rauh, 
trachytartig geworden ist. Solche Veränderungen können 
wohl zum Theil auch als Folge einer Umänderung durch 
Feuchtigkeit betrachtet werden. Indess treten hier Erschein- 
ungen hinzu, welche wenigstens andeuten, dass der Zustand 
vieler solcher Urgebirgstücke mit der Annahme einer erlittenen 
Einwirkung von Wärme nicht im Widerspruche steht. 

In Uebereiustimmung mit der aus den Profilen von 
Stoffelsberg und von Lierheim gefolgerten Lagerungsweise 
des vulkanischen Tuff über allen älteren Sedimenten und 
selbst über dem offenbar bereits tertiären Sande steht auch 
das Profil in einer Sandgrube neben der Strasse ober- 
halb M. Offingen. Im Grunde dieser Grube beobachtet 
man auf der N. Seite mittelkörnigen röthlichen Granit, 
welcher sich gegen die Höhe des Strassengehänges auf- 
wärts zieht und von einem Gange Pegmatit-artigen Granits 
durchsetzt wird. Der Granit sieht gewissen Varietäten des 
Spessarts sehr ähnlich und enthält in feinsten Pünktchen ein 
Orthit-ähnliches Mineral. Ein schmaler Schwerspathgang durch- 
zieht an dieser Stelle den Granit. Der S. Theil des Unter- 
grundes ist aus grauem Glimmergneiss gebildet. Granit 
und Gneiss endigen nach Oben mit einer sehr unebenen 
bald vorspringenden, bald vertieften Oberfläche. Diesen Un- 
ebenheiten folgend legt sich darüber Quarzsandstein, der 
in eine Art Quarzbreccie verläuft und grosse Aehnlichkeit 
mit dem sog. Braunkohlensandstein besitzt. Erst auf diese 
ebenfalls sehr uneben abgegrenzte Sandsteinlagen folgt der 
vulkanische Tuff, der unten vollgespickt ist mit Urgebirgs- 
fragmenten und an einzelnen Punkten fast reine Urgebirgsbreccie 
darstellt, nach oben dagegen in reinen Tuff verläuft. Dieser 
Tuff' wird oben in einer nahezu horizontalen, schwach welligen 
Lage von zu unterst sandigen wohlgeschichteten Bänken eines 



i 



Gümbeh Der Riesimllcan etc. 169 

Süsswasserkalks voll Ctjpris und PalucUnen (der kleinen 
Litoi'meUa acuta) bedeckt, denen höher dann unregelmässige 
Süsswasserkalkmassen von wulstiger schaliger Abson- 
derung — die sog. Schalenkalke — folgen. 

Nach diesen Nachweisen ist der geogn ostische Horizont 
der vulkanischen Tuffe zwischen den Quarzsandstein und 
den Cy^mkalk einzustellen. Aus Gründen, die au einem 
andern Ort ausführlich besprochen werden sollen, ist dieser 
gewissem Braunkohlensandstein vergleichbare Quarzsandstein 
bereits vom miocänem Alter, während die Cypris und 
lÄtorinellen enthaltenden Kalke im Alter den Litorinellen 
Kalken im Maynzer Becken entsprechen. Wir haben also 
anzunehmen, dass die Thätigkeit des Riesvulkans in die 
Mitte der Miocänzeit fällt und, wie die Erscheinungen uns 
belehren, von veihältnissmässig kurzer Dauer war, wenn wir 
nicht gewisse Erscheinungen als deren Folgen noch hinzu- 
rechnen, nämlich die Entstehung der Schalenkalke, über 
welche später einige Bemerkungen folgen werden. 

Sind diese vulkanischen Tuffe das Erzeugniss der 
Eruptivthätigkeit von vulkanischen Erscheinungen, so fragt man 
wohl mit Recht nach den Bestand des Vulkans selbst. Ein 
solcher fehlt aber jetzt im ganzen Ries ohne allen Zweifel; 
nirgends bemerken wir irgend einen vulkanischen Schuttkegel, 
eine kraterähnliche Bildung oder Lavaströme. Das Einzige, 
was ausser den Tuffen an vulkanische Bildungen erinnert, ist das 
oft genannte Gestein vom Wenneberg, welches z. Th. als Basalt, ^) 
z. Th. als dichter Trass beschrieben wurde. Dieses Gestein 
kommt zwischen gneissartigen Urgebirgsfelsmassen in einem 
gangartigen Stocke vor und scheint nach den bisherigen 
Aufschlüssen, welche man durch Steinbruchsarbeit gewonnen 



7) In der Bavaria habe ich dieses Gestein ebenfalls als Basalt 
bezeichnet, ein Irrthum, der erst jetzt bei näherer Untersuchung 
sich ergeben hat. 



170 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

hat, nicht oberflächlich gelagert, sondern in die Tiefe nieder 
zu gehen. Ein Steinbruch hat eben jetzt die zur Pflasterung 
für Nördlingen benützte Gangmasse bis zur Tiefe von 18' 
verfolgt. Das Gestein ist schwarz mit einem Strich in's 
Graue, sehr hart, aphanitisch, dicht-steinig mit nur spär- 
lichen MineralausscheiduDgen, hauptsächhch von runden Quarz- 
theilchen und Glimmer. Der Quarz ist theils wasserhell, 
theils dunkel und gelbhch gefärbt; letztere Theile wurden 
früher wohl für Olivin angesehen. Neben dem Quarz ist 
am häufigsten brauner Glimmer ausgeschieden. Seine matte 
Farbe, sein zerrissenes Aussehen und der Mangel an elastischer 
Biegsamkeit in dünnen Blättchen spricht für einen hohen 
Grad begonnener Zersetzung. Weisse Krystallausscheidungen 
zeigen sich nur hie und da. Ein Theil derselben kann als 
Feldspath gedeutet werden, ein Theil sieht zeolithartig aus 
und ein Theil besteht aus Kalkspath, da er sich unter Brausen 
in Säuren löst. Sehr vereinzelt stellen sich dunkelgrüne 
weiche grünerdeartige Ausscheidungen ein, welche in runden 
hell umsäumten Parthieeu auftreten. In den sehr schwierig, 
in zureichend durchsichtigen Blättchen herzustellenden Dünn- 
schliffen löst sich, abgesehen von den so eben erwähnten 
grösseren Ausscheidungen, die ganze anscheinend dichte oder 
im höchsten Grade feinkörnige Grundmasse in ein wirres 
Haufwerk von breiten, der Länge nach gestreiften Nadeln 
auf, die bei gekreuzten Nicol'schen Prismen gleichmässige 
Farbenwandelung zeigen und orthoklastischem Feldspathe 
entsprechen. Eine eigentliche Grundmasse neben diesen 
im Vergleiche mit den Mikrolithen ziemlich grossen Nadeln 
konnte ich nicht deutlich gesondert sehen. Einzelne sechs- 
seitige Querschnitte deuten auf Apatit. Grünliche stängliche 
Ausscheidungen, die zwischen den Feldspathnädelchen einge- 
streut liegen, lassen beim Drehen des einfachen Nicol'schen 
Prisma's sehr bestimmt eine Verdunklung der Färbung er- 
kennen, dürfte demnach als der Hornblende zugehörig an- 



Gümbel: Der Eiesvullcan etc. 



171 



gesprochen werden. Magneteisenthei leben sind nicht sicht- 
bar. Pulverig körnige , in lockere Klümpchen zusammen- 
gehäufte oder auch einzelne zerstreut vorkommende braune, 
bei gekreuztem Nicol'schem Prisma in der Tiefe der 
Farbe wenig veränderliche Theilchen Hessen sich bei einer 
300 maligen Vergrösserung nur als aus kleinen Körnchen be- 
stehend erkennen, neben welchen Poren in grosser Anzahl 
zugleich sichtbar werden. Das Gestein braust ziemlich lebhaft 
mit Säuren, was auf einen gewissen Grad der Zersetzung 
hinweist, aber möghcherweise auch nur durch Infiltration 
von kohlensaurer Kalkerde aus dem benachbarten und über- 
lagernden Süsswasserkalke sich erklären Hesse. 

Wir besitzen zwei Analysen dieses Gesteins vom Wenne- 
berg, eine von Prof. Schafhäutl und eine von Herrn Röthe, 
Lehrer der Chemie an der Gewerbeschule in Nördlingeu, 
welche im Wesentlichen zusammenstimmen. Darnach be- 
steht das Gestein aus: 





nach Schafhäutl 


nach Piöthe 


Kieselsäure 


. . 63,04 . . . 


. . 64,21 


Thonerde . . 


. . 10,51 . . . 


. 15,88 


Eisenoxyd . . 


. . 5,10 . . . 


. 2,69 


Eisenoxydul 


. . — ... 


. 1,21 


Kalkerde 


. . 2,14 . . . 


. . 3,91 


Bittererde . 


. . . 7,43 . . . 


. 2,24 


Kali . . . . 
Natron . . . 


; 1 6,70 ; ; ; 


3,90 
. 1,99 


Wasser^) . 


. . 5,08 . . . 


. 3,47 



100,00 99,50 

Diesem seiner chemischen Zusammensetzung nach schhesst 
sich das Gestein dem Porphyrit und Liparit an. Im Zusammen- 
hang mit seinem geognostischen Auftreten möchte ich das- 



8j In beiden Analysen ist der Antheil; den Kohlensäure an der 
Zusammensetzung nimmt, nicht bemerkt, ein Theil des Glühverlustes 
ist also auch auf Kohlensäure zu beziehen. 



172 Sitzung der math.-phys. Classe vom S.Februar 1870. 

selbe der mannigfach modificirten Reihe des letzteren zuweisen. 
Am nächsten steht ihm der Gesteinsbeschaffenheit nach die Sub- 
stanz der steinigen Bomben. Eine Analyse, die ich theil- 
weise durch Herrn Dr. Loretz vornehmen liess, lieferte 
auch nach der chemischen Zusammensetzung den Beweis sehr 
naher Uebereinstimmung , indem eine steinige Bombe vom 
Schmähinger Berg enthielt: 

Kieselsäure 66,686 

Titansäure 0,890 

Thonerde 15,700 

Eisenoxyd 5,390 

Bittererde 1,880 

Kalkerde 3,970 

Kali 1,131 

Natron 4,473 

Wasser und Kohlensäure (Glühverlust) . 0,452 

100,570 
Vergleichen wir damit nach den Analysen von Prof. 
Schafhäutl und Röthe^) die Zusammensetzung 

1) der schwarzen schlackigen Ausscheidungen im Ries- 
tuff (Seh.); 

2) des gelben porösen Antheils derselben Masse (Seh.) ; 

3) des gelblichen Theils im Riestuffe von Otting (Seh) ; 

4) des als Wassermörtel benützten Tuffes von Mauren 

am Ries nach Röthe; 

I. IL III. IV. 

Kieselsäure 65,15 67,55 64,91 63,25 

Thonerde 10,85 15,06 10,88 13,77 

Eisenoxyd 5,10 4,08 5,26 3,59 

Kalkerde 2,35 1,97 2,21 3,13 

Bittererde 7,85 0,18 7,71 1,68 

Kali 5,25 6,70 5,31 3,72 

Natron 1,57 2,70 1,59 0,20 

Wasser 1,95 1,30 2,00 10,85 (G lühverl.) 

100,07 99,53 99,87 100,19 
9) N. Jahrb. 1863 S. 169. 



ij 



Gilmbel: Der Eiesvullcan etc. 173 

so finden wir ein so nahe gleiches Verhältniss der Bestand- 
theile, dass dadurch die Zusammengehörigkeit des Wenne- 
berggestijins mit dem Riestuff auch von dieser Seite ausser 
Frage gestellt wird. Dagegen ergeben sich unter den sog. 
Vulkan-Tuffen anderer Gegenden wenig Analogien. Haupt- 
sächlich weichen die Riestuffe durch ihren hohen Gehalt an 
Kieselsäure ab und zeichnen sich zugleich durch Thonerde- 
und relativ grösseren Kaligehalt aus. Die vulkanischen 
Aschen noch thätiger Feuerberge enthalten nur 47 — 59^/0 
Kieselsäure und vorwaltend Natron neben wenig Kali, und 
ähnlich verhält sich auch Puzzulan. Die Palagonit- und 
Basalttuffe erreichen in ihrem Kieselsäuregehalt kaum 50°/o 
und der oft mit dem Riestuff zusammengestellte Trass nur 
49 — 57 V Kieselsäure und enthält grosse Mengen von Wasser. 
Am nächsten stehend erweist sich der Trachytt uff namentlich 
jener des Siebengebirgs, welcLer annähernd gleichen Kiesel- 
säure- und Alkaliengehalt besitzt. Dadurch ist der engere 
Anschluss unseres Tuffs an die trachjtischen Eruptivmassen 
angedeutet und wir dürfen denselben mit um so grösseren 
Rechte als Rhyolithtuffe bezeichnen. Auch lässt die 
schalig-körnige Absonderung des glasigen Antheils der 
Schlacken eine entschiedene Annäherung am Pechstein nnd 
Perlstein erkennen. 

Wir betrachten das derbe Wenneberggestein als die 
gangförmig auftretende Lavaform der Eruptionen, welchen 
andererseits die Riestuffe ihren Ursprung zu verdanken 
haben. 

Ehe wir über den örtHchen Ursprung des Riestuffs 
weitere Mittheilungen machen , dürfte hier die geeignete 
Stelle sein, die unserer früheren Bezeichnung der Riestuffe 
als vut^anische entgegenstehende x4.usicht des Herrn Pro- 
fessor Schaf häutl anzuführen. Professor SchafhäutP°) 



10) N. Jahrb. 1849 S. 641. 



174 Sitzung der math.-ph'ys. Classe vom S.Feh'iiar 1870. 

betrachtet Alles, was man im Ries Granit oder Gneiss nennt, 
so wie sie z. Th. auch als sog. zersetzte Massen bezeichnet 
werden, als eine ursprüngliche Bildung in dem Zustand, 
in welchen sie sich noch heute finden, entstanden. Diese 
Bildung sei nur eine Fortsetzung jener vom bayerischen 
Walde; im Ries habe der nach und nach vertrocknende 
Granitbrei einen kleineren Raum eingenommen, in Folge 
dessen sei die nicht mehr unterstützte Decke eingebrochen 
und habe an den dadurch entstandenen Spalten durch den 
Druck der zusammenbrechenden Kalkmasse den granitischen 
und dann den Pechstein-artigen Teig herausgepresst. Das 
zugleich mit empor gedrungene Wasser, reich an kohlen- 
saurer Kalkerde habe dann das Material zu den Süsswasser- 
kalkablageruugen geliefert, welches in solcher Menge un- 
denkbar durch die Flüsse hergebracht sein könne. Die 
Unmöglichkeit, dass der sog. Trass des Rieses von 
einen Granit -Magma abstamme, hat bereits Delesse^^) 
schlagend aus der Differenz ihrer Zusammensetzung nach- 
gewiesen. Es ist in dieser Beziehung nichts weiter zuzufügen 
nöthig. Was aber die sonstige theoretische Vorstellung der 
Tuffbildung, des Süsswasserkalkabsatzes und der topischen 
Entstehung des Rieses anbelangt, so widersprechen derselben 
alle Beobachtungen der Lagerung, des Verbandes der Gesteine 
namentlich der Tuffe mit den Urgebirgsfelsarten, insbesondere 
auch die Art und Weise der Ausbildung der Kalkmassen, 
wie sich aus dem bereits frülieren Mitgetheilten zur Genüge 
ersehen lässt. Um nur an einem Beispiele den Widerspruch 
anzudeuten, welcher zwischen der theoretischen Annahme 
und der Thatsache, wie sie die Beobachtung an die Hand 
gibt, hervortritt, mag es genügen, daran zu erinnern, dass 
die Bildung der granitischen Gesteine des Riesgegend 



11) N. Jahrb. 1850. S, 314. 



i 



Gürribel: Der EiesvulJcan etc. 175 

Tonjenei' der Riestuffe, wie es nach der Zwischenlagerung 
auf's unzweideutigste nachweisbar ist, durch die unendlich 
langen Zeiten der Primär- und Sekundärperiode und sogar 
auch noch eines guten Theils der Tertiärperiode von ein- 
ander getrennt liegen, anstatt ein und demselben Erguss Ton 
Material anzugehören. 

Die auffallendste geognostische Erscheinung, welche 
sich im Riesgebiet in grossartigsten Maassstab zu erkennen 
gibt, ist die höchst beträchtliche Dislokation fast aller hier 
Yorkommenden Gesteiuslagen. Denken wir uns einen Augen- 
bhck in die Zeit vor der Riesbildung zurückversetzt, so er- 
streckte sich damals zweifelsohne das Juragebirge ohne 
Unterbrechung vom Hahnenkamm quer über die jetzige 
Riesgegend zum schwäbischen Härtfeld und reichte südhch 
über den jetzt abgebrochenen Rand, dessen Senkungsspalte zur 
Zeit die Donau zu ihrem Flussbett erhalten hat, weit noch 
nach Süden fort. Nordwärts folgten in aufsteigender Alters- 
folge die verschiedenen Jura-, Dogger- und Liasstufen bis 
zum Keuper, an dessen vorragenden Höhen sie sich an- 
lehnten. Der allgemeinen Einsenkung nach S. zu entsprechend 
verflachen sich sämmtliche Schichten vom Keuper weg in 
südhcher Richtung so stark, dass in der Donaugegend bereits 
die oberste Jurastufe nahe bis zur Thalsohle eingesenkt er- 
scheint, während die tiefere Juraschichtenlage des Schwamm- 
kalkes am Hesseiberg noch eine normale Höhe von etwas über 
2000 Fuss aufweist. Die allgemeine Beckensenkung reicht je- 
doch nicht hin, die Höhenlage der Gesteine im Ries, so wenig, 
wie das plötzliche Aufhören der jurassischen Gebilde am 
Donauthale zu erklären. Hier hat eine andere Einwirkung 
stattgehabt. Der plötzliche, gewaltsame Abbruch des Jura- 
gebirgs am Douauthalrande steht im Zusammenhange mit 
einer Versenkung eines anderen grösseren Theils der Kette 
in die Tiefe der Donauhochebene, wie ich an anderen Orten 



176 Sitzung der mafh.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

gezeigt habe^^). Aus dem Fehlen der älteren, d. h. oli- 
gocäneu Tertiärablagerungen an diesem südlichen Jurarande 
und aus der unverrückteu Lagerung der nächst jüngsten 
neogenen oder miocänen Ablagerungen daselbst ist mit Grund 
zu schhessen, dass dieser Abbruch und diese Versenkung einer 
grossartigen Jurafelsmasse z^vischen die oligocäue und mio- 
cäne Zeit fällt. Mit dieser Senkung stand aber stellenweis 
eine Hebung im Zusammenhange wie diess z. B. bei Donau- 
wörth längs des Gebirgsrandes zu sehen ist, an welchen 
öfters selbst Liasschichten zwischen Jurakalk eingeklemmt 
bis zu Tag emporgeschoben lagern ; während daneben und 
darüber die Meeresmolaste voll Ostrea Gingensis ganz 
ruhig und unverrückt ausgebreitet ist. Werfen wir einen 
nur flüchtigen Blick in's Ries, so ergibt sich sofort die 
Analogie mit den Erscheinungen am Donauthalrande, und 
wir gewinnen für die scheinbar unmotifirt und vereinzelt 
stehende geologische Erscheinung der ßiesbildung hiermit 
einen innigsten Zusammenhang mit einem der grossartigsten 
Phänomene der Tertiärzeit, der Bildung und Ausfüllung der 
Donauhochebene, welche in die Oberflächengestaltung aller 
mitteleuropäischen Länder tief einschneidet. Es ist jene 
wichtige Zeit, innerhalb welcher der bis dahin dem Osten 
allein zugewendete Wasserabzug der ganzen Nordalpen sich 
in das dreighedrige Wassergebiet der Donau, des Rheins 
und der Rhone theilte. 

Im Ries und in der durch das jetzige Wörnitzthal an- 
gezeigten Gebirgszerspaltung, die vom Ries in mehreren 
Parallellinien bis zum Donauthalraude durchreicht und in 
ähnlicher Weise radienförmig rings um das ganze Ries tief 
über die benachbarte Gegend sich erstreckt, lagern die hetero- 
gensten, verschieden -alterigen Gebilde in nahezu gleichem 



12) Bavaria Bd. III Buch IX S. 3, 5 u. b. w. 



Giimhd: Der Biesvulkan etc. 177 

Horizonte, Granit neben Keuper oder L^as oder Dogger oder 
jüngstem Jurakalk, die älteren Gesteine an vielen Stellen 
über jüngere geschoben, während eine ältere von den Dis- 
lokationen unberührt gebliebene Ablagerung, als der neu- 
tertiäre Süsswassersandstein , nirgends zu entdecken ist. 
Stellen wir diesen Sandstein im Alter jener Meeresmolasse 
am Donaurande gleich, ^ie es ihre Lagerung unter dem Süss- 
wasserkalke andeutet, so haben wir hier vollständige zeitliche 
üebereinstimmung zwischen den Erscheinungen, welchen der 
Rieskessel seine Entstehung zu verdanken hat. mit jeuer 
Katastrophe, welche den Abbruch des Juragebirgs am Douau- 
thalrande bewirkte. Genau dasselbe Alter ist auch für die 
Riestuffe uuchgewiesen worden, und es ist daher sicher be- 
gründet, wenn wir den Riestufi' mit der Bildung des Ries- 
kessels und demgemäss die letztere mit vulkanischer 
Thätigkeit in genetischen Zusammenhang bringen. Die 
Riestuffe sind nicht Ursache der Entstehung des Rieses, son- 
dern Folgen derselben vulkanischen Erscheinungen, welche 
auch die Rieseintiefung bewirkten. Betrachten wir nun die 
das Ries umgebenden Gesteine älterer Zeit, so sind für dasselbe 
die zwei Verhältnisse von ganz besonderer Wichtigkeit, welche 
sich auf das Vorkommen von krjstallinischen Felsarten 
und auf dit- Lagerung der jurassischen Gebilde beziehen. 
Man hat das Erscheinen von granitischen Gesteinen 
im Ries vielfach in der Art gedeutet, dass dieselben nur 
als aus der Tiefe hervorgeschleuderte Fragmente ohne Zu- 
sammenhang mit einem tieferen ürgebirgsmassiv anzusehen 
seien. Die Untersuchung fast aller Stellen , an welcher 
solche ürgebirgsfelsarten in und am Ries sich zeigen, lässt 
mich diese Auffassung nicht theilen , sondern führt vielmehr 
in zahlreichen Fällen zu der Annahme, die zu Tag tretenden 
Gebirgstheile nur als das obere, zur Oberfläche gehobene Ende 
grösserer, unter dem jüngeren Gestein lagernder Urgebirgs- 
massen anzusehen. Hierzu bestimmen mich die Beobachtungen 
[1870. L 2.] 12 



178 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Febmar 1870. 

der oft örtlich sehr ausgedehnten Verbreitung solcher ür- 
gebirgsfelsmassen, die Art ihrer Lagerung unter sich und 
zu den benachbarten Gebilden, sowie ihre Gesteins- 
beschaffenheit. 

In dem grossen Einschnitte am Reisberge zunächst W. 
von Nördlingen beobachtete ich bei dem Bau der Eisen- 
bahn fast längs der ganzen Sohle des Einschnitts ein un- 
unterbrochen fortlaufendes ürgebirgsmassiv , welches vor- 
herrschend aus Dioritschiefer und Hornblendegneiss bestehend 
regelmässig in St. 9 mit 70" südöstliches Einfallen zeigten und 
ganz den Eindruck eines Ürgebirgsmassiv machten, um so 
mehr, als auch auf der Gegenseite des Berges bei der Loden- 
walkmühle dasselbe Gebilde ansteht und unzweifelhaft mit 
ersterem im Zusammenhang stehend einen ganzen Berg aus- 
macht. Einen solchen Bergstock, wie ihn der Reisberg dar- 
stellt, für ein blosses Fragment zu halten, scheint mir nicht 
zulässig. Auch rings um die Marieuhöhe und den Stoffels- 
berg finden sich namenthch durch die vielen Keller in lehr- 
reichen Profilen aufgeschlossen grossartige, zusammenhängende 
Urgebirgsfelsmassen. Sie zeigen am Engelwirthskeller das- 
selbe Streichen, wie am Fuchswirthskeller des Stoffelbergs 
bei bald NW. bald SO. Einfallen. Es wechselt hier GHiumer- 
gneiss mit Hornblendegneiss; doch bleibt auch in dieser 
Gruppe, wieamReisberge, Dioritschiefer vorherrschend. Granit- 
gänge und Adern durchschwärmen die krystallinischen Schiefer 
und verstärken den Eindruck des anstehenden Urgebirgs 
wesentlich. Auch in anderen Gegenden des Rieses stossen 
wir ganz auf dieselben Verhältnisse. Oberhalb M. Offingen 
z. B. liefert der auf der Nordseite einer Grube anstehende 
Granit mit Pegmatit und Schwerspathgängen im Verhalten 
zu dem an der Südseite entblössten Glimmergneiss ganz das 
Bild, wie wir es so tausendfach sich in Urgebirgsdistrikten 
wiederholen sehen. Weniger günstig für unsere Annahme 
scheint für den ersten Augenblick das Verhalten von Gneiss- 



Gümbel: Der EiesviiHian etc. 179 

schichten am Keller von Itzing zu sein. Hier steht an einer 
hohen Wand in grossen Massen Gneiss an, der von dünnen 
Grauitadern durchsetzt wird. Unter dieser Gneisswand aber 
gewahrt man eine Parthie von wirr durcheinander liegenden 
Crgebirgsfelsbrocken von Gneiss in verschiedenen Varietäten 
und von Granit durch einen granitartigen Sand zu einer 
Breccie verbunden, welche die Unterlage der Gneissmasse 
auszumachen scheint, und demnach durch das Unterteufen 
unter die Gneissmasse letzterer den Stempel eines wenn 
auch kolossalen abgerissenen Felsblockes aufdrücken würde. 
Nähere Untersuchung der im Keller fortsetzenden Gebilde 
lehrt aber, dass diese Breccie seitlich an den Gneissstock 
angelehnt ist und nur in eine ünterhöhlung des letzteren 
hineinrage. 

Was nun im Allgemeinen den Charakter dieser Ur- 
gebirgsfelsarten anbelangt, so ist derselbe durch das Vor- 
herrschen von Hornblende-haltigem Gestein und röth- 
lichem Granit ausgezeichnet. Dasselbe ist auch bei allen 
den Bruchstücken der Fall, welche als Einschlüsse in den 
ßreccien im Ries eine so grossartige Verbreitung gewinnen 
zum Beweise ihrer Zusammengehörigkeit zu einem ursprüng- 
lichen Urgebirgsmassiv. Suchen wir aber eine Analogie der 
Gesteinsbeschaffenheit mit anstossenden Urgebirgsdistrikten, 
so finden wir dieselbe annähernd nur in dem Gestein vom 
Odenwald und Spesshart, während eine weit entferntere Aehu- 
lichkeit mit jenem des ostbayerischen Grenzgebirgs besteht. 
Mit diesen Urgebirgsparthieen treten aber nirgend älteie 
sedimentäre Gebilde in Verbindung. Das älteste Gestein, 
welches ausserdem im Ries bis jetzt beobachtet wurde, ist 
Keuper und zwar so viel sich aus kleinen Bruchstücken 
beurtheileu lässt, Stücke der jüngeren Stufen desselben. 
Üeberall treten die Urgebirgsmassen in unregelmässigen 
Verband zu den ihnen auf- und angelagerten Keuper-, Lias-, 
Dogger- und Juraschichten und es lässt sich in allen ein- 

12* 



180 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

zelnen Fällen aus den gegenseitigen Zusammenlagerungs- 
verhältnissen nachweisen, dass die Gebilde nur in Folge von 
erlittenen Dislokationen in so abnormem Verbände sich be- 
finden können. Weder Lias noch Dogger oder Jurakalk 
hat sich im Ries auf einem granitischeu Untergrunde ab- 
gelagert, wohl aber ist diess der Fall bei den Tertiärgebilden. 
Die Urgebirgbfelsarten haben mithin nicht ursiDrünglich in 
der Lage, in der wir sie jetzt sehen, die unmittelbare Basis 
der Riesgegend ausgemacht, und sind etwa einfach in Folge 
der Zerspaltung der jurassischen Berge entblösst worden, 
sondern sie müssen aus tieferem Untergründe gewaltsam 
emporgeschoben worden sein. Diese Vorstellung wird durch 
die Thatsache bekräftigt, dass auch der Keuper, der Lias 
und vielfach selbst der Dogger, welche in dem Ausbruch 
des Rieskessels an so vielen Stellen in abnormen Verbände 
auftauchen, an solchen Stellen sich nicht vermöge des ihnen 
zukommenden geognostischen Horizontes im Vergleich zu 
der Entwicklungsstufe des den Riesrand umrahmenden Jura- 
kalks vorfinden könnten, und dass man auch bei ihnen noth- 
gedrungen ein Emporgeschobensein aus tieferer Lage vor- 
aussetzen muss. Die ununterbrochene Fortsetzung der Lias-, 
Dogger- und Juragebilde in geogno&tisch-normaler Lage im 
N. des Rieses von Thaunhausen über den Oettingerforst zum 
Hahnenkamm, die uuverrückte Stellung, welche die ver- 
schiedenen Stufen des Jurakalks, ihre Einsenkung gegen S. ab- 
gerechnet, westlich und östlich vom Ries zeigen, liefern ferner 
den uuzwt-ideutigen Beweis, dass dieses abnorme Aneinander- 
stossen der verschieden-alterigen Felsmassen auf gleichem 
Horizonte im Ries sich nicht durch eine blosse Senkung 
erklären lässt. Für die Jurakalke wäre diess allerdings zu- 
lässig, weil viele Stücke derselben jetzt tiefer vorkommen, 
als ihre abnorme Lage im Gebirge ist; aber bei Gebilden, 
wie der Lias und der Keuper, welche im Ries höher liegen, 
als es nach ihrem geognostischen Horizonte der nächsten 



Gümld: Der EiesiiiUcan etc. 181 

Nachbarschaft möglich gedacht werden darf, kann ihr Vor- 
kommen auf relativ höherem Niveau doch wohl nicht durch 
eine Versenkung bewirkt worden sein. 

Wir sehen im Ries als erste auffallende Erscheinung 
mithin eine hebende Dislocirung, welche bewirkte, dass 
Urgebirgsfelsmassen aus unbekannter Tiefe bis zum Niveau 
der jurassischen Schichten, Keuper, Lias und Dogger stellen- 
weis bis zu jenem des Jurakalkes verrückt wurden. Diese 
Hebungserschninung ist als die Fuudamentalursache ^ der 
Bildung und Gestaltung des Riesbeckens anzusehen. Hat 
aber eine Hebung stattgefunden, so müssen sich an diese 
noch vielfache andere Erscheinungen angereiht haben. Eine 
solche Hebung kann nicht gedacht werden, ohne dass auch 
die Schichten der Nachbarschaft in Mitleidenschaft gezogen 
worden sind. Vrir beobachten in der That rings am Ries- 
rande in den jurassischen SchicLten die auffallendsten Schichten- 
Störungen, welche sich bis auf sehr beträchtliche Entfernungen 
erstrecken. Zunächst weisen die Beobachtungen in zahl- 
reichen Stellen nach, dass die Jurakalkschichten vorherrschend 
in der Richtung vom Innern des Rieskessels wegfallen und 
zwar ungefähr radienförmig, me es bei einer Hebung etwa 
von der Mitte des Rieses aus der Fall sein müsste. So fallen 
z. B. die Jurakalkbänke bei Heroldingen nach S. u. SO, bei 
Gössheim rein nach 0., beiWemding nach NW., bei Ehingen 
nach NW., ebenso bei Hausen, Fremdingen, und Dirgeuheim, 
bei Uzmemmingen und Hohlheim nach SW., bei Edernheim 
und im Aalbuch nach S., ebenso am Hahnenberg und bei 
Lierheim. Doch fehlt es nicht an sehr zahlreichen Aus- 
nahmen und namentlich begegnen wir vielfach einer dem 
Rieskessel zugewendeten Einfallrichtung, auf deren Erklärung 
wir später zurückkommen werden. Indess darf man auf 
diese Schichtenstellung kein zu grosses Gewicht legen, weil 
nach der ersten Aenderung in den Schichten lagen durch 
vielfache, spätere, nicht immer deutlich erkennbare Einwirk- 



182 Sitzung der math.-phys. Classe mm 5. Februar 1870. 

ungen z. B. Auswaschungen etc. wohl öfter nachträgliche 
sekundäre Disloch'uugen , Rutschungen, Ueberschiebungen, 
Gleitungen unter sehr verschiedenen Einfallrichtungen sich 
werden ereignet haben. Es zeigt sich daher das ganze 
Gebirge der Nachbarschaft wie zerstückelt ; zahllose Spalten 
streichen radienförmig durch die Gesteinsschichten und nicht 
selten stossen wir auf spiegelglatte parallelgestreifte Rutsch- 
flächen, längs welcher einzelne Gebirgstheile aneinander 
verschoben wurden. 

Als eine weitere Erscheinung, welche mit einer Erhebung 
im Ries in Zusammenhang gebracht werden muss, ist das 
Vorkommen und die Bildung sehr zahlreicher Breccien, so- 
wohl von Urgebirgsfelsarten, als auch von Kalk namhaft zu 
machen. Eine Betheiligung von Urgebirgstrümmern an der 
Zusammensetzung der vulkanischen Tuffe des Rieses haben 
wir schon früher zur Sprache gebracht. Noch häufiger als 
im Tuffe bilden solche scharfkantige Urgebirgsbrocken zu- 
sammengehäuft, anstatt durch Tuff, durch ürgebirgsdetritus, 
granitischen Sand und Kieselerde verbunden mächtige Lagen 
neben den gehobenen Urgebirgsgruppen. In vielen Fällen 
stellen sie wahre Reibungsbildungen vor. In andern Fällen 
erscheinen sie vermengt mit anderen Gesteinsstücken des 
Keupers oder jurassischer Bildungen selbst, wie bei Wem- 
ding, über normal horizontal gelagertem Jurakalk abgesetzt. 
Dass solche ürgebirgsbreccien über Jurakalk, welcher sich 
noch in seiner normalen Höhenlage befindet, nicht durch 
eine Senkung entstanden sein können, ist an sich klar, wie 
denn überhaupt alle Erscheinungen, welche bei solchen Ab- 
lagerungen im Ries zum Vorschein kommen, übereinstimmend 
auf ihre Entstehung in Folge dislocirender Hebungen 
hinweisen. 

Wie die ürgebirgsbreccien verhalten sich auch viele 
Kalkbreccien. Sie sind das Erzeugniss einer gewaltigen 
Zerrüttung und Zertrümmerung, welche die Kalkfelsmassen 



Gümbel: Der Eiesviilhan etc. 183 

erlitten haben. Nachweislich geschah diess zu einer Zeit, 
welche annähernd mit jener der Entstehung der Urgebirgs- 
breccien und der Tuffbildung zusammenfällt, wenigstens einer 
gleichen Bildungsperiode angehört. In vielen Fällen ist die 
Breccie unzweideutig und sichtbar als Reibungsbreccie der 
nächst benachbarten Jurakalkfelsmassen zu erkennen. Südlich 
von Lierheim gegen den Thiergarten ist eine solche Bildung 
entblösst, die statt vieler anderer als belehrendes Beispiel 
dienen kann. Die Breccie ist hier in Lagen entwickelt, 
welche mit den anstehenden Jurakalksclichten zu wechseln 
scheinen, aber in der That nur bei der steilen Aufrichtung 
der Kalkbänke zwischen den bald vorstehenden härteren, 
bal 1 zurücktretenden , weicheren , daher tief unterhöhlten 
Lagen eingefügt sind, so weit die Hohlräume Platz gewährten. 
Die anstehenden Jurakalkschichten vom Alter der tiefsten 
Lagen, welche Ammonites tenuilobatus enthalten, sind der 
Art zertrümmert, von Passen und RutscLflächen durchzogen, 
dass sie selbst ein Breccien-ähnliches Aussehen gewinnen, 
welches um so täuschender ist, als diese Klüfte häufig wieder 
durch Kalksubstanz ausgefüllt und dadurch das Bild einer 
Breccie in hohem Grade nachgeahmt wird. Nicht selten tritt 
die Kalkbreccie direkt und unmittelbar mit dem vulkanischen 
Tuff in Beziehung. 

Wir sehen eine solche Verbindung sowohl in dem grossen 
alten Tuffbruche bei Altenbürg, als am Heerhof in der Art, 
dass die Kalkbreccie zwischen Jurakalk und Tuff eingeklemmt 
erscheint und Stücke des Breccienmaterials selbst noch in 
den Tuff" mit übergehen. Die Breccienbilduug ging dem- 
nach der Ablagerung des Tuffs unmittelbar voraus und ver- 
hält sich genau so, wie die ürgebirgsbreccie. Eine höchst 
bemerkenswerthe Eigenthümlichkeit dieser Kalkbreccie, an 
welche Tuffmassen sich anscliHessen, und zwar nur dieser, ist 
ihre grauliche Färbung. Sie rührtvon dem Gehalte des Kalkes 
an bituminösen, d. h. organischen Beimengungen her, welche 



184 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. dU 

durch eine Erhitzung bis zu einem gewissen Grade verkohlt 
wurden. Genau denselben Farbenton nehmen die an sich 
weissen oder gelblich weissen Jurakalkstücke aus den nächst 
anstehenden Felsen der Schichten mit Ammonites tenuüobatus 
an, wenn wir sie künstlich mindestens bis zur Temperatur 
der schwachen Rothgluth erhitzen. Wir haben durch diese 
Färbung gleichsam einen Thermometer, welcher uns über 
den Höhengrad der bei der Bildung der Breccien und des 
Tuffs stellenweise herrschenden Wärme Aufschluss ertheilt. 

Eine andere höchst bemerkenswerthe Erscheinung, welche 
mit dem Vorkommen dieser Breccien verknüpft sich erweist, 
bietet sich uns in den Exemplaren von Belemniten, welche 
oft mehrfach quer entzwei gebrochen, in den Bruchstücken 
etwas seitlich verschoben und wieder zusammengekittet sind. 
Solche Brüche zeigen meist gleichzeitlich eine entsprechende 
seitliche Verschiebung, so dass förmlich treppenförmige Formen 
entstehen. Derartige auffallende Bildungen deuten darauf hin, 
dass , wie die JBe?ewin«Ye;i-Einschlüsse, so jeder Theil der 
Felsmassen wiederholt einer zertrümmernden Kraft ausgesetzt 
war, welche die zerstückelten Felsmassen überdiess noch in 
Bewegung setzte, sodass die einzelnen Stücke in ihrer Lage 
verschoben wurden. So kann es wohl der Fall sein, dass 
manche dieser Breccienbildungen nichts anderes sind, als 
völlig zertrümmerte und durcheinander gerüttelte Lager- 
massen von Jurakalk, welche durch kalkiges Kittmittel wieder 
zu festen Felsmassen verbunden wurden. 

Neben diesen Erscheinungen, welche an die Wirkung einer 
hebenden dislocirendun Kraft geknüpft gedacht weiden müssen, 
treten ebenso unzweideutige Senkungserscheinungen im Ries 
auf. Wenn wir Schwammkalk aus den höchsten Lagen der 
Ammonites tenuilohatus-^chichten und plumpen Felsenkalk, 
der in diesen Gegenden den Dolomit fast ganz verdrängt hat, 
nicht nur neben einander lagernd, bondern selbst in gleichem 
Horizonte mit Dogger, Lius oder Keuper finden tief unter- 



Gümbel: Der RiesvulJcan etc. 185 

halb des ihnen nach ihrer geognostischen Stellung in dieser 
Gegend zukommenden Horizontes, so können wir an gross- 
artigen Senkungen nicht mehr zweifeln. Am augenschein- 
hcLsten tritt eine solche Senkung am Nordrande des Rieses 
hervor, wo in einem mit dem Rande des Rieskessels fast 
gleichlaufenden Bogen von Fremdingen über Schopfloch, 
Hausen, Dornstedt bis zum Wörnitzthal Lias, Dogger und 
selbst die untere Stufe des Jurakalks durch deutlich er- 
kennbare Verwerfungsspalten bis in das Niveau des Burg- 
sandsteins des Keupers gegen den Rieskessel zu herab- 
gezogen sind, sodass Jurakalk in abnormer Stellung neben 
dem unverrückten Keupersandstein liegt. In einer breiten 
Zone reihen sich hier Verwerfungen an Verwei fungen bis zum 
Nordraude des Rieses an , und es wechseln in schmalen 
Streifen die verschiedenen jurassischen Gesteine mit Keuper 
ab, es liegen selbst wiederholt ältere Gesteinsschichten auf 
jüngeren auf. Auch die früher schon erwähnten, in vielen 
Schichtenparthieen beobachteten, dem Innern des Rieses zuge- 
wendeten Falhichtungen sind auf Rechnung erlittener Senk- 
ungen zu schreiben. Längs des Rande^ der Rieseintiefung 
erklären sich solche Einsenkungen auf die natürlichste Weise. 
Mag der Rieskessel entstanden sein wie immer, durch Hebung 
odor Senkung, so werden sich an den Bruchrändern viele 
überhängende oder leicht zu unterwaschende Schichten ge- 
bildet haben, die zu Bruch gehend dem Innern des Kessels 
zu niederstürzten und dadurch einen Schichteneinfall in dieser 
Richtung annahmen. Auch hiedurch gelangen wiederum 
ältere Schichten zuweilen auf jüngere. 

Haben wir im Vorausgehenden eine Uebersicht über die 
geognostischen Verhältnisse der Umgegend des Riesgrundes zu 
gewinnen gesucht, so erübrigt nur noch specieller auf die Bildung 
der eigentlichen Rieseintiefung einzustehen. Es wäre wohl völlig 
unnöthig hier die Bemerkung voranzustellen, dass diese Ein- 
tiefung niclit als direkte Folge der zuerst erwähnten Hebungs- 



186 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

erscheinungen betrachtet werden könne \ aber es verknüpfen 
sich damit gleichwohl Erscheinungen, welche als vorbereiteude 
bezeichnet werden müssen. Dass diese Hebung eine gross- 
artige Zertrümmerung aller im Umfang des Rieskessels früher 
ausgebreiteten Gebilde im Gefolge hatte, wird schon durch 
die grossartige Entwicklung der Breccien nachgewiesen. Mit 
dem Maas einer solchen Zerstücklung muss aber auch der 
Grad der Zerstörung der Felsmassen gleichen Schritt halten. 
Jedenfalls hat die Wirkung der oberflächlichen Zerstörung 
und der Wasserflutheu einen guten Antheil an der Er- 
niedrigung des früher gehobenen Gebirgstlieils gehabt. Wenn 
auch die Wörnitz noch nicht ihr jetziges Spaltenthal ge- 
wonnen hatte, um Gerolle massenhaft aus diesem Trümmer- 
haufen fortzuschaffen, so gab es doch andere Ausflusskanäle, 
wahrscheinlich in östhcher Richtung, vielleicht durch die breite 
Thalung der Schwab und eine Fortsetzung über Fünfstetten 
und Itzing ins jetzige Usaelthal. Auch ist es sogar nicht 
unwahrscheinlich, dass ein Wasserabfluss in nördlicher Richtung 
dem jetzigen Flusslauf entgegengesetzt zur Altmühl früher 
einmal stattfand , deren ungewöhnliche Thalentwicklung 
zwischen Gunzeuhausen und der Thaleuge bei Dietfurth für 
einen früher beträchtlich grössern Wasserzufluss, als der jetzige 
ist, zu sprechen scheint. 

Ein solches Fortführen von Schuttmassen hätte aber, 
wie grossartig es immer gedacht werden mag, nur bis zur 
Sohle der damaligen Wasserrinnsale wirksam sein können. 
Diese Schwellen müssen früher aber eher höher, als tiefer, , 
wie heutigen Tages angenommen werden. Nun finden wir i 
aber den Rieskessel nicht nur bis zu diesem Niveau, sondern, 
wie viele tiefe Bohrungen unzweifelhaft kennen lehrten, 
bis zu beträchtlicher Tiefe, stellenweis zu etwa 200 Fuss, 
unter diesen Schwellenrand ausgetieft, wenn auch nachträg- 
lich wieder durch Tertiärschichten zum Theil ausgefüllt. 
Diese Auskesselung unter dem Niveau der jetzigen Thalung 



Günibel: Der Riesmükan etc. 187 

kann daher auf andere Weise, als durch eine der Hebung 
nachfolgende Senkung nicht erklärt werden. Hier stehen 
wir nun an dem Punkte, die Mitwirkung einer Thätigkeit 
anzurufen, deren grossartige Kraftentfaltung wir bereits 
in der Entstehung der weit verbreiteten vulkanischen Tuffe 
nachzuweisen versuchten. Wir haben den Zeitpunkt dieser 
vulkanischen Thätigkeit, welcher die Tuffbildung entstammt, 
früher genauer festgestellt. Können wir für die Zeit der 
Rieseintiefung ebenso eine bestimmte geognostische Stunde 
ermitteln, und zeigt es sich, dass beide Bestimmungen auf 
gleiche Zeiten hindeuten, dann möchte es wohl gestattet 
sein, die Entstehung der vulkanischen Tuffe und der Ries- 
vertiefung von der gleichen geognostischen Thätigkeit abzu- 
leiten, welche sich erwiesener Massen auch heut zu Tage 
noch nach beiden Richtungen hin in analogen Wirkungen 
äussert. Das ist die vulkanische Thätigkeit, deren Vor- 
handensein wir durch den Nachweis vulkanischer Bomben, 
Lapilli und Schlacken ganz ausser allen Zweifel gestellt 
haben. Ein wirklich thätiger Vulkan war mithin im 
Ries vorhanden. Jetzt ist er mit Ausnahme seiner Aus- 
wurfsprodukte spurlos verschwunden und dieses Verschwinden 
kann nur als Folge einer späteren Rücksenkung in die Tiefe 
gedacht werden. 

Betrachtet man das Ries in seiner Beschaffenheit im 
Untergründe, wie dieser durch die Schächte und Tiefbohr- 
ungen nach Braunkohlen bei Dürrenzimmern, Heuberg, 
Bettendorf und Ehringen aufgeschlossen wurde, so sehen wir 
in demselben grünlich-grautn, z. Th. plastischen Thon wechseln 
mit Mergel, bituminösem Thon, Braunkohle und kalkig-tuffigen 
Lagen. Die Thonschichten enthalten z. Th. Cypris^ wie die 
Süsswasserkalke, die Braunkohlenthone Pflanzenreste. Auch 
der Einschnitt einer Kellergrabung auf der Höhe beim 
Fuchsbrückl zwischen Deiningen und Nördlingen lieferte 
ähnliche Thonlagen und Braunkohlen mit ziemlich gut er- 



188 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

haltenen Pflanzeneinschliissen, wie sie gleichgeartet auch in 
den Braunkohlenlagen am Riesrande oberhalb Wemding be- 
obachtet wurden. Im höchsten Grade auffallend ist das Fehlen 
entschiedener und mächtiger fester Süsswasserkalkschichten 
in der Tiefe der Riesebene, wie sie der mächtigen Entwick- 
lung in den inselartigen Aufragungen und am Riesrande, wo 
Süsswasserkalke grosse Hügel in mächtigen Massen über- 
decken z. B. am Wallerstein, oder Marienhöhe, Stoffels-, 
Spitzberg, Hahneuberg, Wenneberg, Kirchenberg, Überholz, 
Mühllteig, Katzenstein u. s. w, entsprechen würden. Nur 
kalkreiche ^lergel und mächtige tuffige Kalklagen wurden 
aufgeschlossen. Die Cyprissclidlen liegen hier auch nur im 
thonigen Gest-in. Das tiefste Gestein, welches bei 200' 
gefunden wurde, verhielt sich wie Granitgrus. 

Aus diesen Thatsachen ergeben sich wichtige Folger- 
ungen. Die Hauptmasse des die Tiefe des Rieskessels aus- 
füllenden Braun kolilenthons ist eine mit der Bildung der 
Süsswasserkalke der höheren Lagen zwar gleichzeitige 
aber heterogene Ablagerung. Diese Schichten liegen horizontal 
und lassen nirgends Spuren von Aenderungen in ihren Lagen 
bemerken, sie sind erst nach der Einkesselung entstanden, 
welche die Eintiefung des Rieses darstellt. Da die Hebungs- 
erscheinungen, wie wir gesehen haben, vor der Bildung der 
Tuffe und Sandsteine, die Eintiefungen dagegen vor der 
Entstehung der Süsswasserkalke stattfanden, so stellt sich 
das Ereigniss, welches dem Ries seine letzte massgebende 
Form aufdrückte, als nahe gleichzeitig mit der Ablagerung 
der vulkanischen Tuffe heraus und es dürfte demnach kaum 
als gewagt anzusehen sein, die Entstehung des Rieskessels einer 
Rücksenkung in I olge jener durch die Eruption der vulkani- 
schen Asche, Lapilli und Bomben erwiesenen vulkanischen Ele- 
mente zuzuschreiben. Wo jener jetzt verschwundene Eruptions- 
mittelpunkt zu suchen sei. darüber können nur Vermuthungen 
aufgestellt werden. Am wahrscheinlichsten lag derselbe 



Crünibel: Der EiesvulJcan etc. 189 

nahe im Mittelpunkt des fast kreisförmigen Gebirgsaus- 
schnittes, welcher in der Form des Rieses sich bemerkbar 
macht und auf den auch die ringsum ständig wechselnden 
Streich- und Einfallsrichtungen der dislocirten Schichten, ob 
dieselben einwärts oder auswärts geneigt sind, hinweisen. 
Dieser Mittelpunkt wäre in der Gegend von Klosterzimmern 
zu suchen, in dessen Nähe unbedenklich die grösste Ein- 
tiefung vor der Schwellenspreugung bei Harburg gesucht 
werden muss. Denn sehen wir einen Augenblick ab von 
dem gegenwärtigen Abzug des Wassers durch die Wörnitz 
und suchen uns ein Bild zu schaffen von der Vertheilung 
der Wasseradern vor dem Durchbruch der Wörnitz, so lässt 
die radienförmige Richtung der kleineren Seitenbäche in 
der Umgebung des Rieses einen entschiedenen Gesammtzug eben 
nach der bezeichneten Gegend des Rieskessels durchschimmern. 
Auch trifft die Verbreitung der Braunkühlenablagerungen im 
Ries hauptsächlich auf jene ursprünglich tiefste Gegend 
zwischen Deiniugen, Heuberg, Schwörsheim, Wechiugen, nach 
welcher der Zug der kleineren Bäche gerichtet ist. Dass 
sich dieser Lauf der Gewässer nach der Durchbrechung des 
Dammes bei Harburg zu Gunsten der Richtung des Haupt- 
wasserabzugkanals durch die Wörnitz jetzt vielfach geändert 
zeigt, bedarf keiner näheren Erläuterung. 

Was im Ries noch besonders auffällt, ist die Art der 
theilweisen Ausfüllung der früheren kesseiförmigen Eintiefung. 
Hier tritt uns die Gesteinsbildung innerhalb der Ebene des 
Rieses und jene auf den inselartigen Hügeln und am Rande 
derselben in sehr verschiedener Weise entgegen. Um zuerst 
jene uachjurassischen Ablagerungen zu erwähnen, welche von 
meist saudig-quarziger, theilweise thonig-sandiger Beschaffen- 
heit sind, und insbesondere ihren eigenthümlichen Charakter 
in der Bildung von äusserst harten Quarzsandsteinen — sog. 
Brauukohlensandsteinen, glasirten Sandsteinen — besitzen, so 
zeichnet sich die Umgegend des Rieses vor den anderen an die 



190 Sitmng der math.-phys. Olasse vom 5. Februar 1870. 

Donau angrenzenden Gegenden des Juragebirgs höchstens 
durch die grössere Verbreitung dieser saudigen Gebilde aus. 
Zu denselben gehört auch der durch Eisenoxjd röthlich ge- 
färbte und durch den Einschluss gröberer Quarzkörner dem 
Porphyr-ähnliche Sandstein im Jungholz auf dem Stettberg 
bei Harburg, welcher von Schnitzlein und Frickinger 
früher als wirklicher Porphyr angesprochen und auf der 
Karte eingezeichnet wurde. In gleiche Kategorie stellen sich 
auch manche sandige und kieselreiche Eisenerz- und Bohnerz- 
ablagerungen auf dem JurajDlateau der fränkischen Alb. Doch 
fehlt es hier auch nicht an zahlreichen Kalkabsätzen mit 
Land- und Süsswasserschneckeu, oft mit Bohnerzen in un- 
mittelbarer Zusammenlagerung, welche über das Eichstätter 
Gebirge, ja selbst bis über diejurassischen Berge ins Keupergebiet 
hineinragen, wie z. B. auf dem Bubenheimer Berg bei Gunzen- 
hausen und in dem Steinbruch des durch seine zahlreichen Knochen- 
eiuschlüsse berühmten Süsswasserkalks bei Georgsgemünd. Es 
muss demnach eine über einen grossen Theil der Alb bis 
nach Burglengenfeld hin hereinragende, jung tertiäre Wasser- 
überdeckung angenommen werden, welche von der Donauseite 
her vielfach buchtenartig in das Juragebirge einschnitt. ^^) Einen 
nähern Nachweis hierüber zu geben, ist hier nicht die Ab- 
sicht. Es genügt an diese Thatsache zu erinnern, um etwa 
dem Auftreten von sandigen und kalkigen Gebilden im Ries 
selbst den Charakter des Aussergewöhnlichen, welchen das- 
selbe für den ersten Augenblick zu haben scheint, zu nehmen 
und mit einer allgemeinern geognostischen Erscheinung der 
fränkischen Alb in Zusammenhang zu bringen. Die als Aus- 
füllungsmassen in und am Ries entwickelten Gesteinsmassen 
gehören mithin einem Kreis von weit verbreiteten Ablager- 
ungen an, sie weisen gleichwohl Abweichungen auf, welche 



13) Geog. Beschreib, d. Alb. Grenzgebirgs. S. 791. 



Oümbel: Der Eiesvtilkan etc. 191 

sie von jenen scheiden und in der Eigenthümlichkeit der 
speziellen Verhältnisse des Rieskessels begründet sind. Hierher 
gehört in erster Linie, abgesehen von den vulkanischen Tuf- 
fen, deren Natur im Vorausgehenden bereits näher erörtert 
wurde, die Art der Süsswasserkalkablagerungen auf den insel- 
artigen Aufragungen in dem Ries und z. Th. auch am Innen- 
rande desselben. Wir haben die Reihenfolge vom Urgebirge 
oder älterem Sedimentärgestein als Basis solcher Ablager- 
ungen, zu der darauffolgenden Sand- und Süsswasserquarz- 
Bildung, den Breccien, und vulkanischen Tuffen bis zum 
Süsswasserkalk bereits namhaft gemacht und erwähnt, dass 
eine diesem Süsswasserkalk genau entsprechende Kalkmasse in 
der Tiefe der Riesausfüllung fehlt. Dieser Kalk beschränkt sich 
der Hauptsache nach auf die Riesinseln und den Riesrand. 
Hiermit ist eine Eigenthümlichkeit der Kalkbildung angedeutet, 
welche verbietet anzunehmen, dass sie als eine einfache Se- 
dimentbildung aus einer seeartigen Wasseranstauung, wie 
man bisher allgemein annahm, anzusprechen sei. Betrachtet 
man die Kalkmassen selbst näher, so bemerken wir in Ueber- 
einstimmung mit dieser Folgerung, dass eine deutliche, regel- 
mässige und über grössere Strecken gleichbleibende, mehr 
oder weniger horizontale Schichtung bei diesen Kalkmassen 
an den meisten Stellen fehlt, und dafür eine eigenthümliche 
schalenförmige üeberrindungsschichtung eintritt, ähnlich wie 
wir eine solche bei grossen Kalktuffablagerungen finden. Nur 
an vereinzelten Stellen und hauptsächlich in den tieferen 
Lagen macht sich eine bankweise Absonderung, welche als 
Folge direkter Sedimentirung gedeutet werden kann, geltend. 
Auch das Poröse und Tuffartige des Kalks, das Vorkommen 
von Tropfstein -ähnlichen Zapfen, Zacken und Rinden, von 
Zusammenhäufuugen feiner Röhrchen, welche wie Ueberrind- 
ungen von Pflanzen — Algen und Gräser — sich verhalten, 
das Alles erinnert so lebhaft an Kalktuff bildungen der Ge- 
genwart, dass wir den Bildungs-Vorgang dieser eigenthüm- 



192 Sitzung der math-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

liehen Rieskalke kaum anders, als jenem analog uns denken 
können, durch welclien der Kalktuff heutzutage aus Quell- 
wässeru ausgeschieden wird. Wir glauben sogar nicht selten 
ganz die Ercheinung wiederzuerkennen, welche die sog. Sprudel- 
schalen darbieten, da wo oft dünne gewölbähnlich geformte 
Decken dichten festen Kalks über weiche, poröse, durch die 
atmosphärischen Einflüsse oft völlig aufgelockerte und fortge- 
führte Kalkmassen sich ausspannen. Gleicnwohl aber um- 
schliessen diese KalkeWasserthierüberreste in Unzahl: Paludina 
od. Lüorinella acuta \i. Cyprisfaha, neben verschiedenen Arten 
von Helix und 3ielanopsis. Namentlich giebt es ganze Bänke, 
die fast nur aus C?/pns-Schalen bestehen, andere, in welchen 
die Algen-artigen Incrustationeu besonders häufig sind, ent- 
halten Paludinen in grösster Menge. Dieses Vorkommen 
schliesst die Entstehung Jer Kalkmassen weit über dem Hori- 
zont eines stagnirenden Wassers durch Quellen, welche etwa am 
Ufer emporgedrungen wären, aus und macht es wahrscheinlich, 
dass sie an seichten Uferstellen in der Nähe des Landes oder 
auf Inseln, die vielleicht als Untiefen nicht ganz über den 
Wasserhorizont hervorragten, gebildet wurden. Dass hier 
von keinen allgemeinen Niederschlägen aus dem Seebecken 
die Rede sein kann, beweist der Maugel an bedeutenden 
Kalklagen in dem die Tiefe des Rieses ausfüllenden Schichten- 
system. Vielmehr scheint es wahrscheiuhch, dass das Material 
Quellen entstammte, welche besonders reich aa kohlensaurer 
Kalkerde waren. Diese Vorstellung schliesst nicht aus, dass der 
Absatz des Kalks nach Art des Kalksiuters, Schale auf Schale 
aufbauend bald in mehr horizontalen Lagen, bald hoch in Ge- 
wölben bis über das Niveau des Süsswassersee's fortdauerte 
und dass auf solche Weise kegelförmige Kalkkuppen und Kalk- 
1 iffe im See entstanden, indem der Ausfluss der Quelle mit der 
Erhöhung der Kalksinterbildung gleichfalls sich höher stellte. 
Noch glaubt man zuweilen, wie an dem mächtigen Fels von 
Wallerstein, die Kanäle erkennen zu können, durch welche 



Gütnbel: Der EiesviMan etc. 193 

die Quellen durch die Kalkmasse aufwärts gestiegen sind. 
An manchen Stellen mag die Kalkausscheidung direkt am 
Ufer in sumpfiger Gegend erfolgt sein, oder doch bald mit 
dem Ufer zusammengewachsen sein, oder wohl auch, 
wo Cijiyris und LitorineUa fehlen, von Anfang an sogleich 
auf dem Festland stattgefunden haben. Solche Vorstellungen 
passen sehr gut zu dem Einschluss von Vogelresten 
und Nagerknochen, welche im Rieskalke des Hahnenbergs 
gefunden werden. Im Ganzen müssen diese an gelöstem Kalk 
so sehr reichen Quellen als Mineralquellen betrachtet werden, 
mit deren Wassererguss höchst wahrscheinlich auch Kohlen- 
säure in grosser Menge mit ausströmte. Es genügt hier 
anzudeuten, wie nahe es liegt, den Ursprung solcher Quellen 
mit den vulkanischen Erscheinungen in der Riesgegend in 
Zusammenhang zu bringen. Zu einer gleichen Annahme, dass 
der Kalk hauptsächlich durch das Hervortreten gewisser 
Arten von Mineralquellen gebildet wurde, führt uns auch 
mit zwingender Nothwendigkeit die Zusammensetzung des 
Süsswasserkalks selbst. Schon Röthe hat in seinen schönen 
Untersuchungen^*) über die chemische Zusammensetzung der 
in der Riesgegend vorkommenden Kalke und Dolomite bei 
dem Tertiärkalk den hohen Gehalt an kohlensaurer Bitter- 
erde und damit die dolomitische Natur nachgewiesen. Röthe 
fand in dem Kalkstein vom Fuchsberg bei Nördlingen : 
Kohlensaure Kalkerde .... 68.621 
Kohlensaure Bittererde .... 28,647 
In Salzsäure unlöslicher Theil . 0,980 

Glühverlust 1,671 

99,919 
Dieser Gehalt entspricht am nächsten einer Zusammen- 
setzung aus 2 Ca U und 1 Mg C. 



14) 9. Jahresbericlit des naturhist. Vereins in Augsburg für 1367. 
S. 75. 

[1870. L 2.] 13 



194 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

Um die allgemeinere Verbreitung dieser dolomitischen 
Natur bei dem Rieskalke noch bestimmter nachzuweisen, liess 
ich eine Probe des Kalks von dem isolii teu Fels der Marien- 
höhe bei Nördlingen (I) und von der allerhöchsten Felsspitze 
des Wallersteins — diese noch mit Litorinellen — (II) durch 
Hrn. Dr. Loretz untersuchten. Die Analyse lieferte folgendes 
Ergebniss : 

ISüsswasserdolomit von II. Süsswasserkalk von 

dem isolirten Felsen der dem höchsten Theil des 

Marienhöhe bei Nord- Felsen von Wallerstein. 



lingen. 






Kohlensaure Kalkerde . 


65,21 


95,20 


Kohlensaure Bittererde . 


32,57 


1,90 


Kohlensaures Eisenoxydul 


0,81 


0,60 


In Salzsäure unlöslicher 






Rückstand .... 


1,30 


1,20 



99,89 98,90 

Das Verhältniss zwischen kohlensaurer Kalk- und kohlen- 
saurer Bittererde in dem Gestein von der Marienhöhe nähert 
sich dem Verhältniss 3 CaO 00^ + 2 MgO CO^ in der Art, 
dass man das Gestein in der entsprechenden Wt^ise zusam- 
mengesetzt annehmen darf. Indessen kommen auch, wie die 
Analyse des Gesteins von Wallerstein lehrt, mehr oder weniger 
reine Kalkfelsbildungen vor. 

Es ist wohl nicht anzunehmen, dass die jungen Kalk- 
massen des Felsen auf der Marienhöhe, welche frühzeitig 
aus der W^asserbedeckung gelangten und ringsum kein höheres 
Gebirge zur Nachbarschaft haben, erst nachträglich den Ge- 
halt an kohlensaurer Bittererde aufgenommen haben. Es ist 
in diesem speziellen Falle kein vernünftiger Grund aufzufinden, 
diese Süsswasserdolomite für etwas anderes, als ursprüngliche 
Absätze anzusprechen. Dieser Charakter scheint den gleich- 
alterigen Ablagerungen am Nordrande der Donau über weite 



52,64 


55.66 


42,90 


42.84 


0,91 


0,90 


4,45 


0.50 



Giimbel: Der Biesvull-an etc. 195 

Strecken eigen zu sein, denn G. Leube'^) erwähnt bereits 
einen tertiären Süsswasserdolomit von Dächingr-n bei Ulm, 
dessen Lagerungsverhältnisse ich ähnlich, vrie die der Tertiär- 
kalke am Riesrande fand. In verschiedenen Lagen enthält 
dieser kreideartige Dolomit von Dächingen ^^) 
Kohlensaure Kalkerde 56.12 58,45 
Kohlensaure Bittererde 36,12 29,19 
Kohlens. Eisenoxjdul 1,06 0,61 

Thon 6,70 11,75 

Die Betheiligung der kohlensauren Bittererde an der 
Zusammensetzung dieser dolomitischen Gesteine wird leicht 
begreiflich, wenn wir. wie im Ries nachgewiesen wurde, die 
Kalkablagerungen als aus Mineralquellen entstanden, betrach- 
ten dürfen. 

Für den Bestand solcher Mineralquellen im Ries ent- 
deckte ich einen handgreiflichen Beweis in dem grossen Süss- 
wassersteinbruch am Spitzberg, in welchem die schalige Aus- 
bildung des Kalks ganz besonders schön zu beobachten ist. 
Ich fand nämlich eine Spalte im Kalke aufgeschlossen, deren 
Wandung mit einer dicken Rinde von in mehreren Lagen 
über einander abgesetztem Brauneisenstein bedeckt sich zeigte. 
Nach oben erweiterte sich der Kanal zu einer umgekehrt 
kegelförmigen Vertiefung, welche mit anscheinend ockrigem 
und derbem Brauneisenstein ausgefüllt war. Das Ganze lässt 
kaum einen Zweifel, dass diese Ausfüllungsmasse als ein 
Absatz aus einer durch die Spalte aufgestiegenen, eisenhaltigen 
Quelle zu betrachten sei. In diesem Absatz von mulmigem 
Brauneisenstein fand ich nun kopfgrosse Ausscheidungen von 
pechähnhch glänzendem Eisensinter, dem Pittizit ähnlich, 
hauptsächlich aus arsensaurem Eisenoxyd bestehend. Die 



15) Neues Jahrb. von L. und Bronn. 1840. S. 372. 

16) Geogn. Besch. d, Umg. v. Ulm von G. Leube 1839. 

18* 



196 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

Bildung dieses sonst seltenen, meist nur auf Metallerzgängen 
neben Arsenverbiudungen bekannten Minerals aus früher vor- 
handenen Arsenikeisen ist hier vollständig undenkbar. Dagegen 
sprechen alle Umstände des Vorkommens, der noch sichtbare 
Quellkanal und die Art der Absätze, die ganz dem einen 
Quelle gleichkommt, dafür, dieses Mineral mit dem ockrigen 
Brauneisenstein als Erzeugniss eines Mineralwassers anzu- 
sprechen, analog dem an vielen Orten nachgewiesenen Arsenik- 
gehalte der von Eisensäuerlingen abgesetzten Ockerkrusten 
z. ß. von Rippoldsau, Lamscheid im Broklthal, Cannstadt, 
Ems, Schwalbach, Wiesbaden, Pyrmont u. s. w.^'') Mit der 
Ablagerung des Süsswasserkalkes hatte die Gesteinsbildung 
im Ries ihr Ende noch nicht gefunden. Auch die Quartär- 
periode hat ihren Autheil au der fortschreitenden Veränderung 
der Erdoberfläche in diesem Gebietstheile genommen. Eine 
mächtige braune Schlammschicht, welche sich innerhalb der 
ganzen Riesebene über dem tertiären Untergrund in hohen 
Lagen ausbreitet, und selbst über die liöheren Hügel, wenn 
auch minder mächtig hinüberreicht, begründet wesentlich den 
Segen der Fruchtbarkeit, dessen sich das Ries in so hohem 
Grade erfreut. Dieser Schlamm entspricht in seiner jetzigen 
Beschaffenheit nach allen Beziehungen ganz genau demLöss. 
Er besitzt nicht bloss ganz dieselbe braune Farbe, die Eigen- 
thümlichkeit der vertikalen Abblätterung, des Einschlusses 
von braunen oder schwarzen Kuöllchen aus Eisenoxydhydrat 



17) Nach der im ehem. Lab. des hiesigen Polyt. durcLHrn. Putz 
vo^genommenen Analysebesteht dieser Pittizit aus Arsensäure 31,3; 

Eisenoxyd 28,0; Kalk 10,0; Wasser 26,0; Mg 0,08; Ba 0,15 in Salzs. 
unlösl. 2,6 ; Verlust und Kohlens. 1,90 zus. 100,00. Ausserdem fand 
ich einen namhaften Vanadiugehalt, einen Gehalt an durch I]ssigs. 

zersetzbaren Ca. CO,"(2,28°/o) etwas Phosphorsäure und dem Eückstande 
(bis 6°/o) hauptsächlich aus eisenhaltigem Thon bestehend. 



Gümbel: Der Biesvulkan etc. 197 

und Manganoxyd bestehend, ebenso auch von grösseren, oft 
bohlen Kalkknollen, die unter demNamenLösskindchen bekannt 
sind, wie im rheinischen Löss, sondern lässt auch, wie letzterer, 
eine eigentliche Schichtung veruiisseo, und giebt nur durch 
bankweise wechselnde Farbenunterschiede die Natur 
einer Sedimentbildung zu erkennen. Seine physikalischen 
Eigenschaften sind im üebrigen genau die des Lösses. Auch 
enthält er dieselben oiganischen Einschlüsse, wenn auch nur 
in zwei Arten Succinea ohlonga und Piqxt muscorum^ aber 
diese in grosser Menge. Endlich liegt er, wie am Stoffels- 
berg zu sehen ist, auf Geröll auf, welches unbedenklich als 
quartcäres angesehen werden darf. Der Rieslehm ist mithin 
unbezweifelt dem Rhein- und Donaulöss gleichzustellen, wenn 
auch seine chemische Zusammensetzung etwas abweicht. Wir 
verdanken Prof. Röthe in Nördlingen^^) eine Analyse des 
Lösses von einer Stelle oberhalb der Eisenbahnbrücke bei 
dem Bahnhof von Nördlingen. Derselbe besteht nach dieser 
Analyse aus 

Kieselerde 65,395 

Thonerde 18.403 

Eisenoxyd 5,842 

Kalkerde 0,459 

Kohlens. Kalkerde 1,481 

Bittererde 1,620 

Kali 0,872 

Natron 1,113 

Glühverlust 4,503 

99,688 

Hier ist die geringe Monge Kalkerde gegenüber der 

Ausscheidung von Kalkknollen um so auffallenderjals das Ries 

rings von Kalkfclsen eingeschlossen ist. Aus diesem Grunde 

veranlasste ich Ilrn. Röthe zur Vornahme von Analysen 

18) Schulprogramm der Landw. u. Gew. in Nördlingen 1864. 



198 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

des Lösses aus verschiedenen Lagen einer Lehmgrube 
zwischen der Marienhöhe und dem Todteuberg beiNördlingen, 
deren Resultate ich durch dessen Güte bereits mittheilen kann 
l. Unterste gelbe Lage; 
IL etwas höhere, röthliche sandige Lage; 



IIL oben 


i gelblich-braune 


Lage; 






IV. oberste tiefb 


raune Lage unmittelbar unter der 


Ackererde ; 










V. LÖSS 


aus der 


Ziegellehmgrube 


bei M. Offii 


igen. 




L 


II. 


III. 


IV. 


V. 


Kieselsäure 


61,166 


66,066 


60,066 


66,500 


66,500 


Thonerde 


12,833 


12,900 


11,933 


14,433 


13,600 


Eisenoxjd 


3,900 


5,266 


3,733 


4,913 


3,400 


Kalk 


1,479 


2,600 


2,439 


1,466 


2,600 


kohlensaure 












Kalkerde 


9,502 


— 


9,513 


— 


— 


Bittererde 


1,201 


1,613 


2,186 


1,800 


2,450 


Wasser 


7,176 


10,963 


7,410 1 


Hnmus \'^)'J ' ' 


9,218 


Alk. Phosphors 


;. 










Sand U.Verlust 


1,833 
.00,000 


0,592 
100,000 


2,720 
100,000 


0,911 
100,000 


2,232 


1 


100,000 


Die Resultate dieser Untersuchung 


: erklären nun völl- 



ständig die frühere Analyse, da es sich zeigt, dass die verschie- 
denen Lagen im Löss eine merklich verschiedene Zusammen- 
setzung besitzen und schichtenweise fast frei von kohlen- 
saurer Kalkerde sind. Dasselbe gilt von der 5. Probe, zu 
welcher ich das Material aus der Lehmgrube bei M. Offingen 
gesammelt hatte. Hier enthält der Löss keine Conchylien 
und keine Knöllchen. 

Herr Prof. Röthe hat auch die Kalkknollen (Löss- 
kindchen) aus der untersten (I) und mittleren Lage (III) 
derselben Lehmgrube, sowie die kleinen Bohnerz-ähnlichen 
Körnchen, welche oft stahlblau gefärbt einen grossen Gehalt 



Gümlel: Der Eieimdkan etc. 199 

an Mangan vermuthen Hessen, gleichfalls aus derselben Lehm- 
grube analysirt. Sie bestehen demnach : 

I ni 

In Salzsäure unlöslichen Rückstand 

(Thon) 24,620 23,700 

Durch Salzsäure zersetzt: 

Kieselerde 0,120 0,100 

Thonerde und Eisenoxyd . . 0,300 0,500 

Kohlensaure Kalkerde . . . 73,700 74,740 

„ Bittererde . . . 0,861 1,134 

Phosphors., feucht u. Verlust. 0,399 — 

100,00 100,000 

Diese Lösskindchen des Rieslösses bestehen demnach, 
da der durch Salzsäure unzersetzte Theil der beigemengten 
Lösssubstanz angehört, wesentlich aus kohlensaurem Kalk mit 
etwas kohlensaurer Bittererde, verunreinigt durch Lössthon. 

Die Bohuerz-ähnlichen, Mangan-haltigen Körnchen zeigten 
sich dagegen zusammengesetzt aus : 

1) in Schwefelsäure löslich: 

Kieselerde 0,381 

Manganoxydul .... 2,594 

Kalkerde 0,407 

Bittererde 1,143 

Eisenoxyd 28,084 

Thonerde 8,217 

2) der in Schwefelsäure nicht lösliche Rückstand 

Kieselerde 46,807 

Thonerde 2,035 

Eisenoxyd 0,687 

Manganoxyd Spuren 

Glühverlust 10,959 

101,316 
Sie gehören mithin in die Kategorien der Quellerze oder 



200 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Februar 1870. 

Sumpferze, zeichnen sich aber von dieser durch ihren hohen 
Gehalt an Mangan besonders aus. 

Mit der Ablagerung des Quartärgerölls, welches, wo es 
vorkommt, unmittelbar auf Süsswasserkalk oder älterem 
Gestein aufruht, und der Beschaffenheit nach mit dem Geröll 
des Donauthales Aehnlichkeit besitzt, war die direkte Ver- 
bindung des Rieskessels mit der Donauthalung eingeleitet 
und es scheint der völlige Abfluss der Wasseranstauung erst 
nach der Diluvialzeit eingetreten zu sein. Es ist in hohem 
Grade merkwürdig, dass die Sage von Ringen spricht, welche 
im Felsen des Wallersteins zum Anbinden von Fahrzeugen 
befestigt gewesen sein sollen. In dieser Richtung Hess sich 
nur sicher stellen, dass alluviale Ablagerungen, Flusssand 
und schwarze moorige Erde auf aie nächste Gegend der 
Wörnitz in geringer Höhe über den gewöhnlichen Wasser- 
stand beschränkt sich zeigen, was jedoch eine höhere Wasser- 
anstauung noch in der historischen Zeit nicht gerade aus- 
schliesst. Die schwarze moorige Erde, welche sich auf die 
Niederung der Wörnitz beschränkt, verhält sich ganz so, 
wie der feine an organischen Einschlüssen reiche Schlamm, 
wie er beim Ablassen von Teichen dem letzten Wassertümpel 
nachzieht und zum Absatz gelangt. Diess scheint die letzte 
Ablagerung gewesen zu sein, mit welcher das Ries aus einem 
früheren See in ein reiches Fruchtland sich verwandelte und 
dem Menschen eine herrliche Wohnstätte bereitete, deren gün- 
stiger Einfluss sich auch in der körperHchen Entwicklung und 
geistigen Begabung der Riesbewohner deutlich abspiegelt.'^) 

18) Bei Corr. dieser Zeilen erhalte ich Deffners interessanten 
Aufsatz „der Buchberg bei Bopfingen." Obwohl ich schon während 
meiner Untersuchung im Ries mit der hier entwickelten Ansicht 
bekannt war, konnte ich gleichwohl nirgends eine sie bestätigende 
Tbatsache feststellen; vielmehr ergab sich mit zwingender Nöthigung, 
alle die zahlreichen gestreiften und iiolirten Rutschflächen als Dislo- 
kationserscheinungen aufzufassen. 



Plath: Qttellen der alten chines. Geschichte. 201 



Philosophisch - philologische Classe. 

Sitzung vom 5. Februar 1870. 



Herr Plath übergibt die Fortsetzung seiner Abhandlung : 
„Ueber die Quellen der alten chinesischen 
Geschichte, mit detaillirter Analyse des 
Sse-ki und J-sse." 

5) Die Nachfolger Wu-wang's bis zum Verfalle der 
Kaisermacht (1115— 720 v. Chr.). 
Der Schu-king enthält über diese Zeit nur wenige 
Dokumente; aus Tsching-wang's Regierung zwar mehrere, 
aber noch aus der Zeit der Regentschaft Tscheu-kung's, die 
wir früher schon angeführt haben , aus der Zeit seiner 
Selbstregieruug nur 2: V, 21 Kiün-tschin, einen Erlass 
an diesen Nachfolger Tscheu-kung's im Gouvernement von 
Lo-yang und V, 22 Ku-ming; dieses betrifft schon des Kaisers 
Tod, sein Testament und seine Bestattung. Aus der Regierung 
seines Nachfolger Khang-wang (1078 — 52) sind auch nur 
2 da : V, 23 Khang-wang tschi kao, Erlass von Khang- 
wang und V, 24 Pi-ming Befehl an (den Vasallenfürsten von) 
Pi. Aus der Zeit des folgenden Kaisers Tschao-wang 
(1052 — 1001) ist kein Dokument da; aus der seines Nach- 
folgers Mu-wang (1001—946) gibt es nur 3: V, 25 Kiün- 
ya, ein Erlass an diesen Grossbeamten, V, 26 Kiung-ming, 
Befehl an (? einen Vasallenfürsten) Kiung und V. 27 Liü-hing, 
eine Strafverorduung an (den Fürsten von) Liü. Aus der 
Regierung der 7 folgenden Kaiser : Kung-wang (946 — 34), 
Y-wang (934—909), Hiao-wang (909—894), Ye-wang 



202 Sitzung der philos.-pMöl. Classe vom 5. Februar 1870. 

(894—878), Liwang (878—827), Siuen-wang (827—781) 
und Yeu-wang (781 — 770) gibt es gar keine Dokumente; 
aus der Zeit seines Nachfolgers Ping-waug (770 — 19) nur 
nochlrV, 28 Wen-heu tschi ming, Befehl an (den Fürsten) 
Wen-heu (von Tsin 780—46). Die beiden letzten Dokumente 
des Schu-king betreffen nur Vasall enfür st eu: V, 29 Mi- 
Bchi ist ein Erlass von Pe-kiu von Lu, dem Sohne Tscheu- 
kung's (1115 — 1063) aus Anlass seiner Ex^jedition gegen 
Mi und V, 30 Thsin-schi, ein Erlass (des Fürsten) Mu- 
kung (659 — 21) von Thsin (in Schen-si, schon aus der 
Zeit des Tschhün-thsieu). Damit endet der Schu-king. 
Verloren sind nach der Vorrede auch keine weiteren Ur- 
kunden. 

Der Schi-king enthält viele Gedichte, die auf Tsching- 
wang bezogen werden und zum Theil von Tscheu-kung 
verfasst sein sollen, doch gehen sie wohl auf die frühere 
Periode seiner Regentschaft oder sie verherrlichen nur die 
Gründer der Tscheu ; so IV, 1, 1, IV, 1, 3, lu. s. w.; wir haben 
sie oben S. 81 schon erwähnt. Die folgenden Kaiser werden 
nicht genannt, noch wird auf sie auch nur angespielt, bis 
auf Li-wang (878 — 41) und Siuen-wang (827 — 781), 
unter welchen der Verfall der Kaisermacht eintrat. Auf 
jenen bezieht man den Tadel III, 2, 9 u. 10 und III, 3, 1 
u. 3; auf diesen II, 3, 4 u. 3 p. 280; III, 3, 8 p. 308, 9, 

5 u. 6 (p. 306), 7 u. 4 (p. 306) ; II, 3, 4, 5 u. 6 (p. 280) ; 

II, 3, 7 (?) 8 u. 9 ; II, 4, 1 u. 3 (p. 282) und II, 4, 5. III, 3, 
lOu. 11 sollengegen Yeu-wang (781 — 70) und die Pao-sse 
gerichtet sein, ebenso II, 4, 7, 8 und 9, nach Andern aber 
ersteres auf Huan-wang's Zeit (seit 719—696) gehen (la 
Charme p. 283), auf Yeu-wang's Zeit auch II, 5, 3, 4, 5 u. 

6 (nach la Charme p. 287 geht II, 5, 4 aber auf das Reich 
Tscking zur Zeit des Tschhüu-thsieu) , dann II, 6, 4 ; II, 7, 6 u. 

III, 3, 2 sollen von Wu-kung von Wei (812—758 V Chr.) sein. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 203 

Indess werden die Kaiser hier selten genannt, nur die Ausleger 
sehen Satiren und Anspielungen auf sie und ihre Zeit darin, die 
aus der Zeitgeschichte mehr einer Erläuterung bedürfen, als 
dass sie als Quelle derselben gelten könnten. 

Confucius und Meng-tseu betrachteten Li-wang und 
Yeu-wang als die, von welchen der Verfall der Prinzipien 
der D. Tscheu ausging, — wie vor in uns. Hist. Einleit. zu 
Confucius Leben S. 401 (53) bemerkt haben, — doch ohne 
in ein Detail einzugehen. 

Confucius Zeitgenosse Tso-schi hat in seinem Kue-iü 
in dem ersten Abschnitte Tscheu-iü C. 1 zehn Dokumente 
aus der Regierung von Mu-, Kung-, Li-, Siuen- und Yeu- 
wang. — Diese werden immer nur nach den Anfangsworten 
bezeichnet , wo die allein unverständlich sind , deuten wir 
den Inhalt anderweitig an; es sind folgende: Mu-wang 
tsi'ang tsching Kiueu-Jung, d. i. Mu-wang will die 
Hunde-Jung (einen Barbarenstamm) bekämpfen. Der Kue-iü 
gibtMeu-fu's Vorstellung dagegen. Kung-wang yeu iü King 
schang, d. i. Kung-wang (sein Sohn) reiset auf dem King- 
(flussej. Li-wang nio, kue jin pang wang, d. i. Li- 
wang ist grausam (847), des Reiches Leute schmähen den 
Kaiser; Li-wang yue Yung-i-kung, d. i. Li-wang hat 
Gefallen an Yung-i-kung (einen seiner Favoriten); Tschi 
tschi loen, d. i. die Unruhen Tschi's. Siuen-wang tsi 
wei pu tsi tsien meu. d. i. Siuen-wang, als er den Thron 
bestiegen, beackert nicht die 1000 Morgen (meu) (816; er 
wollte die bekannte Ackerceremonie nicht vollziehen, s. Gaubil 
Tr. p. 39). Lu Wu-kung i Ko iü Hi kien wang, d. i. 
Lu's (Fürst) Wu-kung besucht mit (seinen Söhnen) Ko und 
Hi den Kaiser (Siuen-wang). Gegen den Rath seines Mi- 
nisters ernannte der Kaiser dessen Jüngern Sohn zum Nach- 
folger in Lu. Dieser (Y-kung) wurde aber bald getödtet 
und sein älterer Bruder Fürst. Gegen den (Pe-yü) zog der 



204 Sitzung der philos.-philol. Glosse vom 5. Februar 1870. 

Kaiser und setzte auf Empfehlung Hiao-kung, Y-kung's Jüngern 
Bruder, ein (805); vgl. Maiila T. II p. 38—41. Siuen-wang 
liao min iu Thai-yueu. (Nach der Niederlage seines Heeres 
durch die Klang- Jung) stellte Siuen-wang (789 gegen 
den Rath seines Ministers) eine Volkszählung in Thai-yuen 
an. Yeu-waug san nien Si-Tscheu san tschuen kiai 
tscheu, d, i. (unter) Yeu-waug Ao. 3 (798) bewegten sich 
die 3 Flüsse (der King, Wei und Lo) iu West-Tscheu. Die 
folgenden Abschnitte gehen schon auf die Zeit des Tschhün- 
thsieu. Man sieht, das sind nur wenige vereinzelte Do- 
kumente. 

Der Sse-ki K. 4 f. 13 v. — 23 ist über diese Regier- 
ungen sehr kurz und hat wohl nur wenig andere Nachrich- 
ten vor sich gehabt, als die des Schu-king, Schi-king und 
Kue-iü. 

Das Bambubuch p. 147 — 158 gibt noch einige Eiu- 
zelnheiten, namentlich aus der Geschichte der Vasallenfürsten, 
erwähnt einige Naturphänomene, Palastbauten; unter Mu- 
wang hat es ein weiteres Detail über seine Kriegszüge nach 
Westen und Norden, namentlich die Note p. 151; die Flucht 
Kaiser Li-wang's, die Regentschaft von Tscheu- u. Schao- 
kung, die seinen kleinen Sohn retten und dann auf den 
Thron erheben, wird hier, wie im Sse-ki, erwähnt, sowie 
auch das Auftreten der Pao-sse unter Yeu-wang. 

Der I-sse B. 25 — 28 sammelt nun alle Nachrichten, 
welche diese und andere spätere Quellen etwa bieten. 

B. 25 Tsching, Khang ki schi, handelt zunächst von 
Tsching- (1115—1078) und Khang-wang (1078—1052). 
Ausser den Stellen des Schu-king, Schi-king und Sse-ki findet 
man unter jenem noch angebliche Gespräche des Kaisers mit 
Yo-tseu über den Weg oder die Principien (Tao), das Reich zu 
erheben, aus dem Sin-schu und aus dem Schue-yuen ein Ge- 
spräch mit Yu-i über die Regierung , dann noch einige 
Stellen aus Liü-schi's Chronik, aus dem Han-schi uai-tschuen, 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 205 

und Kin-pao über Geschenke, die ihm von den Yuei-tschang^') 
(in Kiao-tschi oder Cocliiuchina) gebracht wurden und andere 
ähnliche, auch einige Wundergeschichien aus dem Sin-iü. dem 
Ku-kin-tschü. dem Sung-fu-sui-tschi. dem Lün-heng, Scho-i- 
ki, Ho-i-ki und dem Tscheu-schu. Ueber Khang-wang gibt 
er nur was der Schu-kiog, Sse-ki u. das Bambubuch haben und 
dann noch eine Stelle aus dem Heu-Han schu. 

B. 26 hat den Titel Mu-wang ming kuan hiüu hing, 
Mu-waug erlässt an die Beamten ein Strat'edikt. Vorher 
gehen aber noch einige Nachrichten über Tschao-wang 
(1052-1001), ausser dem Sse-ki und dem Bambubuche aus 
dem Thsu-tse tschü, der Chronik der Kaiser und Könige, der 
Chronik von Liü-schi, dem Tao-kien-lo und Schang-schu- 
tschung-heu. üeber Mu-wang (1001—946) ist er ausführ- 
licher. Ausser den Nachrichten des Schu-king, Kue-iü, des 
Bambubuches und Sse-ki hat er namentHch detaillirte Nach- 
richten über dessen angebliche Züge nach Westen und 
Norden, zum Theil mit Wundern ausgespickt nach dem 
Scho-i-ki und Ho-i-ki, Lie-tseu, Po-voe-tschi, Siün-tseu, Schi- 
tseu, dem Heu-han schu und Tscheu-schu ; dann nimmt er 
ganz auf ein besonderes Werk: Mu thien-tseu tschuen, 
d. i. die Ueberlieferung vom Himraelssohne (Kaiser) Mu, 
welches seine Züge nach Westen und Norden im Detail 
berichtet. Es findet sich dieses Werk in der schon erwähnten 
Sammlung von Werken aus den D. Han und Wei II, 2 und be- 
steht aus 6 Abschnitten (Kiuen). De Mailla erwähnt es Pref. 



37) Zur Rückkehr soll Tscheu-kung ihnen angeblich den Wagen, 
der nach Süden zeigt (Tschi nan tschi). d. i. den Compass, mit- 
gegeben haben, Legge T. III P. 2 p. 535 fg. zeigt aber den späten 
Ursprung und die Ausbildung der Legende. Die älteste Xaehricht 
in Fuh-schang's Schang-schu ta sehnen spreche nur von der Gesandt- 
schaft und den Geschenken, die sie brachten, ebenso, nur wunderbarer 
ausg-'schmückt. Han-yng's Han-schi uai tschueu. Des Wagens, der 
nach Süden zeige . erwähne dabei erst Tschung-hoa's ku kin tschü 
aus der D. Tsin ; er lege die Erfindung aber schon Hoang-ti bei ; 
Hang-kien, aus der Zeit der spätem Han, aber Tscheu-kung und 
so auch ein Tao-sse Kuei-ko-tseu. Vergl. m. Abh. : Ueber die Samm- 
lung S 312. 



206 Sitzung der philos.-phüol. Classe vom 5. Februar 1870. 

T. I p. LXXXIV. Der Kaiser soll nördlich bis zur Gobi 
und im Westen bis zum Gebirge Küen-lüu vorgedrungen sein 
und die Si-waug wu, d. i. die Mutter des Königs des \Yesten 
(die auch der Schan-hai king erwähnt), besucht haben. Das 
Werk wurde angeblich unter Tsin Wu-ti A. 6 (281 n. Chr.) 
im Grabe eines Fürsten von Wei gefunden, De Maiila sagt, 
es sei aber so voller absurder, extravaganter und offenbar 
falscher Erzählungen nach dem ürtheile der chinesischen 
Commission , die es prüfen sollte , dass es keinen Glauben 
verdiene, s. m. Abh. S. 284. Wjlie p. 153 meint, es möge 
im 2. oder 3. Jahrhunderte v. Chr. geschrieben sein. Die 
Vorrede ist von Siüu-hiü aus der D. Tsin, der Commentar 
von Ko-po. 

Dieser Züge Mu-wang's nach Westen bis Persien gedenkt 
auch ein persischer Schriftsteller Abdallah nach der üeber- 
setzung eines Abrisses der chinesischen Geschichte, wie Gaubil 
Tr. p. 37 bemerkt. Aus dem Li-tai-ki-sse hat Pauthier S. 96 
bis 101 der Ueb. die Nachricht über diese Züge mitgetheilt. 
Ueber Kung-wang, seinen Sohn (946 — 934), hat der I-sse 
ausser dem Sse-ki und Kue-iü nur eine Notiz aus der Chronik 
der Kaiser und Könige. 

B. 27. Siuen-wang tschung hing. Ueber die ersten 
3 Nachfolger Kung-wang's, Y- (934— 910), Hiao- (909— 894) 
und Ye-wang (894-878) gibt er fast nur die Notizen des Sse- 
ki und Bambubuches. Von Y'^-w'ang datirt der Sse-ki schon den 
Verfall der Dynastie; die Dichter schreiben Satiren auf die 
Fürsten, andere beziehen diese aber auf Li-waug (878 — 41). 
Aus dem Kue-iü werden über diesen die betreffenden Ab- 
schnitte mitgetheilt, ausserdem nur noch eine Stelle aus dem 
Tscheu-^chu, dann über die Ilegeutschaft (Kung-ho, 841 — 27) 
die Stellen aus dem Sse-ki und Kue-iü, Lu-lien-tseu und Liü- 
sehi's Chronik; ebenso bei Siuen-wang (827—781) die 
betreffenden Stellen des Sse-ki, Han-schu, Schi-king mit der 
Vorrede (Schi-siü) und Kue-iü. Noch hat er Stellen aus 
dem Kin-tsing-yng, dem Kin-tschao, Lün-heng, Li-niü-tschuen u. 
Kin-lo. Bemerkenswerth ist f. 10 — 11 v. die alte Insciirift 
mit Umschreibung in neue Charaktere (f. 12 — 16) aus einem 
Werke Schi ku wen. d. h. Charaktere auf Stein und Trom- 
meln; Gaubil Tr. p.40 sagt, man sehe in Pe-king im kaiser- 



Hath: Quellen der alten chines. Geschichte. 207 

liehen Colleg noch Steindenkmäler aus der Zeit Siuen-wang's^^) 
in alten Charakteren , von welchen eine Abbildung nach 
Frankreich geschickt sei; es scheint damit diese mitgemeint 
zu sein. Lie-tseu hat noch angebliche Gespräche Siuen-wang's 
mit Kung-i-pe und Anekdoten , auf die aber wohl wenig zu 
geben ist, ebenso wie auf die folgenden aus dem Schue-yuen 
und Me-tseu. 

B. 28. Lie-kue-tschuen-schi, gibt schon eine Ge- 
schichte der einzelnen Vasallenreiche, erst im Allge- 
meinen und dann des Beginnes der einzelnen bis zu Anfange des 
Tschhün-thsieu (722 v. Chr.), nemlich die Lu's, Thsi's, Yen's, 
Sung's, Wei's, Tschin's, Tsai's, Tsao's, Ki's, Tsin's, Thsu's, 
U's und Thsin's. Es sind nur die kurzen Nachrichten aus 
dem Sse-ki mit wenigen Zusätzen bei Lu aus der Chronik 
der Kaiser und Könige, der Geschichte der Han, dem Kue- 
iü, dem Lie-niü-tschuen ; bei Thsi aus Schi-king I, 8 u. Li-ki 
C. Tan-kung; bei Wei aus Schi-king I, 3, 4 und 5; bei 
Tschin desgleichen aus I, 12; bei Tsin aus I, 10; bei 
Thsu aus dem Ta-tai Li-ki, dem Schi-pen , Ku-sse-kao und 
Han-fei-tseu ; bei Tshin aus Schi-king I, 11, dem Han-schu, 
Lie-niü-tschuen und dem I-schin-ki. 

B. 29. Tsching-thsiü-tchhe-koei, spricht noch von 
Begebenheiten im kleinen Reiche Tsching, nach Schi-king I, 
7 und I, 13 und dem Kue-iü K. 5, Tsching-iü, dem Schue- 
yuen, Schi-pen und Han-fei-tseu, ausser dem Bambubuche 
und Sse-ki. 

B. 30. Tscheu schi thung tsien, d. i. das Haus 
Tscheu wird nach Osten übertragen. Hier sind ausser 
Stellen des Schi-king H, 8, 3, wie Kaiser Siuen-wang 824 
dem Fürsten Schin Sie verleihet, II, 4 u. 5, II, 7 u. 6, 



38) Es werden da 10 Trommeln aus der Zeit Siuen-wang's auf- 
bewahrt; man findet die Inschriften derselben in alten Charakteren 
mit einer Umschreibung derselben in die heutigen in dem chines. 
Werke Kin-schi-tshui-pien d. i. Sammlung von Inschriften auf Metall 
und Stein von Wang-tschang, inl60 B. von der D. Hia bis zur D. Kin, 
das in Berlin in einer Ausgabe vom Jahre 1S05 ist. S.W. Schott's 
Verz der chines. Bücher der k. Bibl. zu Berlin 1840. 8*^. S. 60 und 
Wylie p. 64 



208 Sitzung der philos.-ijliUol. Cla3se vom 5. Februar 1870. 

11, 8, dann I, 6, die wenig oder gar nicht dahin gehören, 
noch einige aus dem Lie-uiü-tschuen , dem Heu-Han schu, 
dem Schi-pen, Ku-sse-kao, Li-schi's Chronik u. a. 



G) Die Zeit des Tschhün-thsieu (722—479 v. Chr.). 
Usurpationen in den Einzelreichen, Kampf der ein- 
zelnen Vasallenfürsten unter einander, mit nur zeit- 
weiligem Üebergewicht einzelner (der 5 Pa). 

Tschhün-thsieu, d. i. Frühling und Herbst, ist der 
Name einer dürftigen Chronik des Confucius, welche die 
Begebenheiten von 12 Fürsten seines Vaterlandes Lu, von 
Yn-kung bis Ngai-kung Ao. 14 (722-484 v. Chr.), mit genauer 
Angabe der llegierungsjahre , Monate und Tage nach dem 
GOtägigen Cjclus, enthält, auch die der Sonnenfinsternisse, 3^) 
die der chronologischen Bestimmung wegen wichtig sind, 
aber auch die gleichzeitigen Begebenheiten in den anderen 
kleinen Reichen des damaligen China erwähnt. Die Cyclus- 
zeichen nach den Jahren sind, wie schon anderswo bemerkt,*") 
erst später hinzugesetzt. Nach seinem Vorgange haben dann 
auch Spätere ihre Chroniken so genannt. Nach Meng-tseu 
IV, 2, 21, 1 gab es solche Chroniken auch von Tsin und 
Thsu , die noch wunderlichere Namen hatten , indem jene 
Tsching, d. i. das Viergespann, diese nach einem wilden 
Thiere Tao-uo hiess; sie haben sich aber nicht erhalten. 
Auch diese Chronik wurde unter Thsin Schi-hoang-ti ver- 



39) Ein Yerzeichniss aller gibt A. Wylie Eclipses recorded 
in Chinese Works, im Journal of the Nord-China branch of the R. 
As. See. Shang-hai 1868. 8°. New. Ser. N. IT p. 87— 159. 

40) s. m. Chronol. Grundlage der alten chines. Geschichte, München 
1867. 8. a. d.S.B. 1867 II, 1. S. 35fg. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 209 

brannt , aber später wieder aufgefunden , s. P. Regis. Einl. 
zum I-king I, p. 148 — 162. Die sehr dürftige Chronik ist 
noch nicht herausgegeben; man kann eine chines. Probe mit 
üebersetzung von Bayer in Comm. Acad. Petrop. T. 7 p. 335 
fgg. sehen. Es gehören dazu noch die Commentare von 
Ko-leang und Kung-yang. Nach P. Regis. I, 152 kam 
dieser zum Vorschein unter Han "Wu-ti (140 — 87 v. Chr.), 
jener unter Siuen-ti (71 v. Chr.). Kung-yang, nach der An- 
merkung zum Han-schu B. 30 f. 6 v. mit Namen Kao, war 
aus Thsi, Ko-leang aus Lu uud sie lebten nach den 72 Schü- 
lern des Confucius , vgl. auch Gaubil Tr, p. 104. Wylie 
p. 5 sagt, sie sollen Schüler Tseu-hia's gewesen und ihre 
Werke mehrere Geschlechter hindurch mündlich überliefert 
worden sein. Der Commentar Kung-yung's solle zu Anfange 
der D. Han, der Ko-leang in der Mitte des I.Jahrhunderts 
V. Chr. niedergeschrieben worden sein. 

Der Tso-tschueu ist kein solcher Commentar, wie 
man gewöhnlich sagt, enthält vielmehr eine Reihe von ein- 
zelneu Geschichten aus der Zeit des Tschhün-thsieu und nach 
der Folge desselben. Wir wissen im Ganzen nur wenig von 
dem Autor. Sein Famihenname war Tso, sein Name Kieu- 
ming; er war aus Tschung-tu in Schan-tung und Geschicht- 
schreiber von Thsu in Hu-kuang — der Han-schu B. 30 f. 6 v. 
sagt in Lu (Lu Thai-sse), — ein jüngerer Zeitgenosse des 
Confucius , nach einigen sein Schüler oder Gehilfe. Man 
schreibt ihm 2 Werke zu: diesen Tso-tschuen und den 
Kue-iü. 

Die Staatsbibliothek hat in der Sammlung von Mar- 
tucci eine vollständige Ausgabe von Confucius Tschhün-thsieu 
(der da King, Classiker, heisst), mit dem folgenden Tschuen 
von Tso-schi in 60 Abschnitten (Ti) und 33 Heften — in 
dem Exemplare der Staatsbibliothek fehlt leider in Heft 32 
Ti 57 f. 10 bis Ti 58 f. 13 — in kl. 8°, Eine andere Aus- 
11870. I. 2.] 14 



210 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 5. Februar 1870. 

gäbe in der Sammlung Ku - wen - thsi - tschung - tsuen - tsi in 
29 Heften enthält nur einen Auszug von ihm. wie von den 
übrigen darin enthaltenen Schriften'*^), ohne den Text des 
Confucius. Die üebersetzung, welche Pfizmaier in den 
Sitzungsberichten philos.-hist. Cl. der Wieu.x\kad. B. 13, 14, 15, 
17, 18, 20, 21, 25 und 27 von einem Tso-schuen — nach 
B. 27 S. 113 in 8 Khiueu und 6 Heften — gegeben hat, ist 
auch nur ein solcher unvollständiger Auszug. Die Zusammen- 
stellung der üebersichteu, wie beide Auszüge sie vor den längern 
Erzählungen haben , würde den besten Begriff von dem 
Werke geben, aber in dem vollständigen Exemplare fehlt 
sie. Da dieses Werk immer nach der Folge der Fürsten 
von Lu und der Jahre ihrer Regierung citirt wird , geben 
wir diese hier an mit dem Bande der Wiener-Sitzungsberichte. 
in welchen Pfizmaiers Üebersetzung im Auszuge enthalten 
ist. Die 12 Fürsten von Lu sind: 1) Yn-kuug (722—711, 
S. B. 1854 13 S. 297f.), 2) Huan-kung (711 — 693), 
3) Tschuang-kung (693—661), 4) Min-kung (691— 659, 
alle3S.B. 13 S. 430 fgg.), 5) Hi-kung (659-626, S. B. 14 
S. 425 f.), 6) Wen-kung (626—608, S. B. 15 S. 424 f.), 
7) Siuen-kung (608—590, S. B. 17 S. 127), 8) Tsching- 
kung (590—572, S. B. 17 S. 253 fgg.), 9) Siang-kung (572 
—541, S. B. 18 S. 115 und 20 S.486f.), 10) Tschao-kung 
(541—509, S. B.20 S. 514 fg. 21 S. 156und 25 S. 161f.) , 11) 
Ting-kung (509—494, S. B. 27 S. 68 f.) und 12) Ngai- 
kung (494—467, S. B. 27 S. 113 f.). Der Tso-tschuen be- 
schränkt sich nicht auf Lu, sondern gibt auch gleichzeitige 
Begebenheiten in den andern Vasallenreichen. Die Ansicht 
von Pfizmaiers wenn auch unvollständiger üebersetzung kann 
einen Begriff davon geben. 

Von dem 2. Werke Tso-schi's, dem Kue-iü, d. i. Reden 
aus den Reichen , stand uns lange nur der Auszug zu Ge- 



41) Es sind: 1) Tso-tschuen siuen 8Hft.; 2) Kue-iü 2Hft.; 
3) Tschen-kue-tse2Hft.;4) Si-y Han-wen4Hft.; 5) Kung-yang- 
tschuen und Ko-leang tschuen 2 Hft.; 7) Sse-ki Siuen 3 Hft. 
und 8) Thang, Sung pa ta kia lui siuen SHefte. 



Flath: Quellen der alten chines. Geschichte. 211 

böte; wir verdanken jetzt eiue vollständige Ausgabe in 
5 Heften und 21 Kiuen*^) der Güte des Herrn Prof. Julien 
in Paris. Es ist nach den einzelnen Pieichen, verschieden vom 
Tso-tschuen geordnet. 

Es zerfällt in 8 Abschnitte: K. 1—3 Tscheu-iü; 
K. 4 und 5 Lu-iü; K. 6 Thsi-iü; K. 7 — 15 Tsin-iü; 
K. 16 Tschiug-iü; K. 17 und 18 Thsu-iü; K. 19 ü-iü 
und K. 20 und 21 Yuei-iü, d. h. immer Reden aus (dem 
Kaiserreiche der) Tscheu, aus Lu, Thsi u. s. w. Um den 
Charakter des Werkes zu zeigen, geben wir die Inhaltsanzeige 
noch einiger Abschnitte*^) an; der beschränkte Piaum erlaubt 



42) So hat derHan-schu B. 30 f. 7: Kue-iü 21Pien, ebenso der 
Katalog 5f. 25: Kue-iü 21 K.; dieser erwähnt noch anderer Werke, die 
sich auf ihn beziehen. Der Auszug hat nur 8 Kiuen. 

43) Die ersten 10 Abschnitte des Kue-iü in K. 1, die Kaiser Mu-, 
Kung-, Li-, Siuen- und Yeu-wang betreffen, sind schon oben S. 203 
verzeichnet. Der Tscheu-iü schang K. 1 enthält dann noch die Ab- 
schnitte : 

Hoei-wang san nien Pien-pe, Schi-so, Wei-kue tschü 
eul li wang Tse-tui. Dieser geht auf die Usurpation Tse- 
tui's unter Hoei-wang Ao. 3 (673). Die 3 genannten waren 
Grosse, die ihn unterstütztea. Vgl. Tso-tschuen (Lu) Tschuang- 
kung Ao. 20, K. 8 f. 21, S. B. 13 S. 31, de Maiila D p.99. 

Schi-u nien yeu schin hiang iü Sin, d. i. in (seinem) 
15. Jahre kam ein Geist herab in Sin. 

Siang-wang (des vorigen Sohn, 651 — 18) sendet (sse) Tschao- 
kung kuo und den Annalisten des Innern (ki nei-sse) Ko (an) 
Tsin Hoei-kung (seit 650) mit der Bestallung zum Fürsten 
(ming), vgl. deMailla T. II p. 125, wo aber irrig Schao-u-kung 
und Nui-sse-ku steht. 

Siang-wang sendet (sse) den Thai-tsai "Wen-kung und den 
Annalisten des Innern (ki nei-sse ) Hing an Tsin "Wen-kung mit 
der Bestallung (ming). Ygl. de Maiila T. II p. 133 (Ao.636), 
wo aber falsch Wang-tse-hu und Hing-sie steht. 



212 Sitzung der phßös.-phihl. Ctasse vom 5. Februar 1870. 

nicht, alle anzuführen, es bedürfte auch, um sie zu verstehen, 
ein Eingehen in die Einzelgeschichte. 

Das Banibubuch S. 158 — 167 fährt fort in seiner 
Chronik, die an die Folge der Kaiser geknüpft ist, aber im 
Ganzen sehr dürftig , nur kurze Notizen aus der Geschichte 
der einzelnen Reiche gibt. 

Was die genealogische Geschichte der einzelnen 
Reiche betrifft, so gibt der Sse-ki eine Chronik der be- 
deutendsten. "Wir wollen diese hier anführen und, da Pfiz- 
maier eine Anzahl dieser Bücher des Sse-ki übersetzt hat 
— meist in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie, — 
auf diese anbei verweisen. Ti 4. Tscheu pen-ki enthält die 
Chronik der Kaiserfamilie der Tscheu, Ti 5 Tshin pen-ki, 
die vom Reiche Tshin (in Schen-si),^"^) Ti 31. U Thai-pe 
Schi-kia, die der Fürstenfamilie Thai-pe's in U, (in Kiaug- 
nan), übersetzt von Pfizmaier, Geschichte des Reiches U. Wien 
1857 in40, a. d.Denkschr. d. Wien. Akad. Bd. 8; Ti32. Thsi 
Thai-kung Schi-kia, die Geschichte der Familie Thai- 
kung's von Thsi (in Nord-Schan-tung), S. B. 1862 B. 40 S.645 



K. 2. Unter Siang-wang im 13. Jahre (schi-san nien, d. i. 638) 

greifen Tsching's Leute (jin fa) Hoa an. 
Im 17. Jahre (Schi-tsi nien) führte der Kaiser das Heer der 
Nordbarbaren herab (wanghiang Thi sse), Tsching anzugreifen 
(fa). Vgl. Tso-tschuen (Lu) Hi-kung Ao. 24 (636) K. 14 f. 21 v., 
S. B. 14 S. 55. 
Tsin Wen-kung befestigte (ki ting) Siang-wang in (der Stadt) 

Kia und der belohnte ihn mit dem Lande. 
Als der Kaiser aus Tsching kam (tschi tseu Tsching), beschenkte 
er (tse) mit (den 2 Städten im Kaisergebiete) Yang und Fan 
Wen-kung von Tsin u. s. w. 
44) Ti6und7 sind dann SchiHoang-ti und Eul-schi (seines 
Sohnes) Pen-ki ; die folgenden Ti 8 — 12 betreffen schon die Geschichte 
der D. Han; Ti 14 — 22 sind chronologische Tafeln über die 
S Dynastien und Ti 23—30 betreffen die innere Geschichte Chinas'; 
s. unten S. 238. 



plath'. Quellen der alten chines, Geschichte. 213 

bis 696; Ti 33. Lu Tscheu-kung Sclii-kia, Geschichte 
des Hauses Tscheu-kuog's von Lu (in Süd-Schan-tung), S. B. 
Bd. 41 S. 90; Ti 34. Yen Tschao-kung Schi-kia, Ge- 
schichte des Hauses Tschao-kung's in Yen (in Pe-tschi-li), 
S. ß. Bd. 41 S. 435 fg.; Ti 35. Kuen (u.) Tsai Schi-kia, 
Geschichte des Hauses von Kuen und Tsai. Ti 36. Tschin 
(und) Ki Schi-kia, Geschichte (der kleinen Reiche) Tschin 
und Ki (beide in Ho-nan, wie auch Tsai). Ti 37. Wei 
Khang-scho Schi-kia, Geschichte des Hauses Khang-scho 
iü Wei, S. B. 41 S. 435 fg. Ti 38. Sung Wei-tseu Schi- 
kia, Geschichte des Hauses Wei-tseu's von Sung, (wie Wei, 
auch in Ho-nan). Ti 39. Tsin Schi-kia, Geschichte des 
Reiches Tsin (in Schan-si), S. B. B. 43 S. 74— 152. Ti 40. 
Thsu Schi-kia, Geschichte des Hauses Thsu (iü Hu-kuang), 
S. B. 44, 1. S. 68—140. Ti 41. Yuei Schi-kia, Geschichte 
des Hauses Yuei (in Tsche-kiang), S. B. 1864 Bd. 44 S. 197 
bis 219. Ti 42. Tsching Schi-kia, die Geschichte des 
Reiches Tsching (in Ho-nan). Ti 43. Tschao-, Ti 44 Wei- 
(anders geschrieben als das obige), und Ti 45 Han Schi- 
kia. (Es sind dies die 3 Reiche, welche später au die Stelle 
des Reiches Tsin in Schan-si traten.) Die Geschichte des 
ersten hat Pfizmaier übersetzt : Geschichte des Hauses Tschao. 
Wien 1858 4°., aus d. Denkschriften Bd. 9 ; endlich Ti 46, 
Tien-king-tschung, Geschichte der Familie Tien (in Thsi), 
welche später die Familie Thai-kung's dort verdrängte; dies 
war aber schon nach den Zeiten des Tschhün-thsieu 391 v. Chr.^^) 

Von Lu gibt Pan-ku, der Geschichtschreiber der Ost- 
Han, K. 21 f. 18 — 21 eine vollständigere Liste der Fürsten 
als der Sse-ki. Zur Geschichte von Thsu gehört noch das 
Leben von U-tse-siü im Sse-ki B. 66. 

Ueber U und Yuei haben wir noch 2 spätere Geschichts- 
werke in der schon oben erwähnten Sammlung von Werken 
aus den D. Han und Wei IL 4 und 3. Das erste ist U Yuei 



45) Ti 47. Kung-tseu Schi-kia, die Geschichte des Confucius, 
s. unten. S. 231. Die folgenden Bücher, T. 47 — 60, die Geschichte der 
Fürstenfamilien aus der Zeit der 4. und 5. D. Thsin und Han, gehören 
nicht zur alten Geschichte nach unserer Begrenzung derselben. 



214 Sitzung der philos.-xthilöl. Classe vom 5. Februar 1870. 

tschhün-thsieu, d. i. die Chronik von ü und Yuei, vgl. 
den Katalog 6 f. 22 v. Der Verfasser ist Tschao-hoa oder 
Ye aus der Zeit der 2. oder Ost-Han (25—220 n. Chr.). 
Gaubil Tr. p. 140 nennt ihn un auteur illustre, Legge T. III, 
iProl. p. 67 sagt dagegen: Tschao-i {jo) war ein Tao-sse- 
Mönch zu Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., sein Werk ist 
voll lächerlicher Geschichten (er gibt eine Probe davon) 
und es sei daher nicht glaubwürdig, was er über die In- 
schrift Yü's auf dem Berge Ku-leu sage. Da wir den Inhalt 
beider Werke in uns. Abh. Ueber die Sammlung chinesischer 
Werke aus der D. Han und Wei, a. d. S. B. d. Ak. I, 2 
S. 285 — 287 bereits angegeben haben, wiederholen wir sie 
hier nicht. 

Der I-sse B. 2 gibt in 70 Büchern, B. 31—100 nun 
die in diesen und andern spätem Werken enthaltenen Nach- 
richten aus der Zeit des Tschhün-thsieu, unter dem Titel 
Tschün-thsieu ki thsi-schi kiuen. Es ist keine streng 
chronologische Geschichte, aber die Geschichte ist auch nicht, 
wie im Sse-ki, nach den einzelnen Pieichen blos abgetheilt, 
sondern er verbindet eine chronologische Folge mit der Er- 
zählung der Hauptbegebenheiten nach den einzelnen Reichen. 
Wir geben die üebersicht seiner einzelnen Bücher nach den 
Ueberschriften , obwohl die nicht immer Alles darin Ent- 
haltene umfassen. AYie bei solcher Aneinanderreihung von 
lauter verschiedenen Fragmeuten wird auch manches mitein- 
gereiht, was nicht gerade zu dem Abschnitte gehört. Den 
Tschhün-thsieu des Confucius selbst hat er hier nicht mit- 
aufgenommen, da er diesen vollständig in dessen Leben 
B. 86, 3 f. 3 v. bis 37 mittheilt. Seine Hauptquellen sind 
immer der Tso-tschuen, derKue-iü und die Commentare 
von Kung-yang und Ko-leang tschueu zu Confucius 
Tschhün-thsieu, dann der Sse-ki und das Bambubuch, so 
dass wir diese, namentlich den ersten, nicht bei jedem Buche 
anzuführen brauchen, sondern nur die Quellen, >die er sonst 
noch ausgezogen hat; wo es keine solchen gibt, setzen wir 
nichts hinzu. Auch die eiuzelntn Stellen anzuführen, würde 
uns zu weit führen. 

B. 31. Yn-kung von Lu (722 fg.) nimmt den Thron 
ein (sche-wei), hat nur noch einige Stellen aus dem Schue- 



Flath: Quellen der alten chines. Geschichte. 215 

yuen, B. 32. Tschuang-kung von Tsching (743—700) 
dringt in Hiii ein (ji Hiü) , fast nur noch Stellen aus dem 
Schi-king I, 7, 2 — 4. B. 33, Wei Tscheu-yü Siuen- 
kiang tschi loen, handelt von den Unruhen in Wei (in 
Ho-nau) unter Tscheu-iü, der den Fürsten Huan 718 tödtete. 
Hier werden viele Stellen des Schi-king aus I, 5, 3, 9 und 
I, 3, 6, 7, 10, 11, 14 bis 19 ausgezogen auch eine Stelle 
Han-fei-tseu's. B. 34. Schang-kung's (719 — 709) und 
Min-kuug's (691 — 681) von Sun g Ermordung (tschi scha). 
Aus dem Schue-yuen und dem Li-ki C. Tan-kung sind hier 
noch einige Stellen. B. 35. (Kaiser) Huan-wang greift 
(fa) Tsching an (707); aus Schi-king I, 7, 6 — 9 folgen 
einige Stellen. B. 36. Die Wirren (loen) der Wen-kiaug 
(der Frau des Fürsten Huan-kung) von Lu (711 — 693). 
Aus Schi-king I, 8, 6, 9—11 und Li-ki C. Tan-kung werden 
ein Paar Stellen angezogen. B. 37. Thsi vernichtet (mie) 
(das kleine Reich) Ki. B. 38. Li-kung von Tsching 
(? 696 fg.) bemächtigt sich mit Gewalt der Reiche (tschuan 
kue). Er gibt noch Stellen aus dem Schi-king Tsching-fung 
I, 7, 9 — 21 und eine aus Han-fei-tseu. B. 39. (Das Neben- 
reich von Tsin) Kio-uo vereinigt (680) mit sich (ping) Tsin. 
Hier nimmt er Stellen aus dem Schi-king Tang-fung I, 10, 
2 — 10 auf. B. 40. Die Unruhen (loen) Khing-fu's in Lu. 
Aus Liü-chi's Chronik wird noch ein angebliches Gespräch 
Tschuan-kung's von Lu (693 — 661) mit Yen-ho berichtet, 
nach der Note hat der Kia-iü aber ein solches zwischen 
Ting-kung (509 — 494) mit Yen-hoei ; man sieht wie unzu- 
verlässig diese späteren Geschichten sind. Noch hat er ein 
Paar Notizen über jenen Fürsten aus Schin-tseu, dem Schue- 
yuen und dem Li-ki über die Beerdigung jenes (661 v. Chr.). 
B. 41. Wang-tseu-ke Tseu-thui tschi loen. Die Un- 
ruhen (loen) (im Kaiserreiche) von Tseu-thui, dem Sohne 
Tschuang-waug's. der Hoei-wang verdrängte (675 — 672). 
B. 42. Der Fürst (Tseu) von Thsu (Wu-wang 740-689 und 
seine Nachfolger Tsching-wang (671 — 625) und Mu-wang 
(625 — 613) greifen mehrere (kleine) Reiche an und vernich- 
teten sie (fa mie tschu kue). Er zieht noch einige Stellen 
aus Liü-schi's Chronik, dem Lie-niü-tschuen, Hoai-nan-tseu, 
dem Schue-yuen und dem Han-schi uai-tschuen herbei. B. 43. 



216 Sitmng der philos.-pJiilöl. Classe vom 5. Februar 1870, 

Hi-kung von Wei (ia Ho-nan, 668 — 660) verliert das Reich 
(wang kue) ? Hier gibt er noch Stellen aus dem Schi-king 
I, 4, 2 — 10 und I, 5, 6 und 10, dem Li-ki C. Tan-kung, 
dem Lie-niü-tschuen über seine Frau, aus Han-fei-tseu und 
dem Sin-schu. B. 44 1 — 4 in 4 Abthlg. (Die Thaten) des Ge- 
waltherrschers (Pa) von Thsi Huan-kung (685 — 643 
und seines Ministers Kuan-tseu). Aus dem Schi-king wer- 
den I, 8, 8 und 7 ausgezogen, dann Stellen aus Liü-schi's 
Chronik, Han-fei-tseu, dem Han-schi uai-tschuen, Schue-yuen, 
Lie-niü-tschuen, Sin-siü, Li-ki C. Tsa-ki, Schang-schu-tschung- 
heu, aus Siün-tseu, Tschuang-tseu, Hoai-nan-tseu, besonders 
aber reichliche Auszüge enthält beinahe das ganze Buch 44, 
3 und 4 aus Kuan-tseu. Diesem Minister Huan-kung's 
von Thsi , der 645 v. Chr. starb , schreiben die Tao-sse 
Werke zu, die aber nicht zuverlässig sind nach Gaubil 
Tr. p. 104; Premare Diso. prel. z. Chou-king p. LIX äussert 
kein Bedenken. Ein Kuang-tseu (Tschung) wird unter den 
10 s. g. Philosophen (Tseu) aufgeführt und man rechnet 
seine Schriften zu der Classe, die über Gesetze handeln (fa- 
kia), s. unten S. 236. Da mir die Tseu nicht zu Gebote stehen, 
weiss ich nicht, ob der ganze Kuan-tseu im I-sse aufgenommen 
ist. Es ist aber wohl die Frage, ob die Dialoge, die ihm 
mit dem Fürsten Huan-kung in den Mund gelegt werden, 
von ihm sind oder sie nur als ein literarisches Produkt unter 
seinem Namen wohl noch aus alter Zeit zu betrachten seien; 
Wylie p. 74 meint , jedenfalls habe das Werk viele Zusätze 
nach seinem Tode erhalten ; es seien jetzt 24 Bücher ur- 
sprünglich in 86 Sectionen , wovon aber 10 verloren seien ; 
Die Sache verdient eine besondere Untersuchung. B. 45. 
Tsin (unter Hien-kung, 676 — 650) vernichtet (mie) (das 
kleine Reich) Hao. Der Schi-king I, 10, 11, der Sin- 
schu und Schue-yuen werden aufgeführt. B. 46. Lu's Leute 
(jin) preisen (sung) Hi-kung (659 — 626). Hier findet man 
Auszüge aus Schi-king Lu-sung IV, 1, 1 — 4. B. 47. Sung's 
(Fürst) Siang-kung (650—636) strebt nach der Würde 
eines Pa (tu Pa). Hier sind ein Paar Stellen aus Schi-king 
I, 5, 7 mit der Erklärung und aus Han-fei-tseu und Li-ki 
C. Tan-kung. B, 48. Die 5 Söhne fu-tseu, Huan-kung's) von 
Thsi (t 643 v. Chr.) streiten sich um den Thron (tseng-li). 



Flath: QiKllen der alten chines. Geschichte. 217 

Er hat noch Stellen aus Han-fei-tseu, Liü-schi's Chronik und 
Kuan-tseu. B. 49. Die Unruhen (loen) des Kaisersohnes Tai, 
(des Bruders Siang-wang's 649). Ausser dem Kue-iü hat er 
nur eine Stelle aus dem Sin-iü noch. B. 50. Mo-kung's von 
Tsching Thronbesteigung (627). Er hat nur eine Stelle 
aus Me-tseu noch. B. 51, 1 und 2. Die Thaten des Gewalt- 
herrschers (Pa) Wen-kung von Tsin (637 — 627), in 2. Ab- 
theilungen. DieersteAbth. betrifft mehr seine Vorgänger, Hien- 
(676—650) und Hoei-kung (650 fg.). Der I-sse zieht aus 
den Kue-iü, Han-fei-tseu, eine Stelle aus Schi-king I, 10, 
12, dann aus Li-ki C. Tau-kung, dem Lie-niii-tschuen und 
Liü-schü's Chronik, u. in Abth. 2 aus dem Kue-iü, Fu-tseu, 
Hoai-nan-tseu, Han-fei-tseu, Schi-king 1. 11, 9undl, 14, 2 — 4, 
Han-schi uai-tschuen, Liü-schi's Chronik, dem Sin-siü, Schue- 
yuen, Kin-tsao und Lie-sien-tschuen (der Tao-sse Biographie) 
Stellen aus. B. 52. Wei Yuen-hiuen keu-sung bezieht 
sich auf Yuen-hiuen in Wei, der bei seinem Fürsten angeklagt 
war, dessen Bruder auf den Thron erheben zu wollen (631); 
vgl. de Maiila T. H p. 140. B. 53. Lieu-hia-hoei's^^j 
aus Lu AVeisheit. Der I-sse zieht aus dem Kue-iü, dem Schue- 
yuen, Liü-schi's Tschhün-thsieu, Tschhüu-thsieu-fan-lu, Lie-niü- 
tschüen, Fung su-tung. Fu-tseu, Hoai-nan-tseu, Han-schi uai 
tschuen und Kia-iü Stellen aus. B. 54. Mu-kung von 
Thsin (659 — 620), Gewaltherrscher über die West- Jung 
(Barbaren). Aus Liü-schi's Chronik und dem Schue-yuen, 
werden die Anekdoten erzählt, wie sein Minister Pe-li-hi sich 
angeblich bei ihm einführte, denen Meng-tseu V, 1, 9 schon 
widersprach. Noch hebt er aus dem Kue-iü, Hoai-nan-tseu, 
dem Kao-sse-tichuen. Schu-king V, 30, Schi-king I. 1, 11, 
6, 7 und 10, Han-fei-tseu, Sin-schu, Lün-heng und Lie-sien- 
tschuen Stellen aus. B. 55. Ling-kung's von Tsin Er- 
mordung (scha, 606). Er gibt Stellen aus dem Kue-iü, Schi- 
king I, 11, 8, Schue-yuen und Liü-schi's Chronik. B. 56. 
Hia-schi's Unruhen (loen) in Tschin ('unter Ling-kung 
613— 598j. Er hebt aus den Kue-iü. Sin-schu, Schi-king I, 



46) Dieser Weise wird von Confacius u. Meng-tseu öfter erwähnt, 
z.B. Lün-iü 18, 2 u. 8 §1, 15, 13, Meng-tseu II, 1, 9 und YII, 2, 15. 



218 Sitzung der philos.-phihl. Glosse vom 5. Februar 1870. 

12, 9, Schue-yuen und Kia-iü. B. 57. Tschuang-wang von 
Tlisu (613 — 590) kämpft als Gewaltherrscher (tseng pa). Er 
hat noch Stellen über ihn aus dem Lie-niü-tschuen, Sin-siü, 
ü Yuei tschhün-thsieu, Liü-schi's Chronik, Han-fei-tscu, Siün- 
tseu, Hoai-nau-tseu , Han-schi uai-tschuen, Wang-sün-tseu, 
Schue-yuen, Tschuang-lie-tseu, Sün-scho-ugao-pi, Kin-tschao 
und Scho-i-ki. B. 58. Tsin vertilgt (mie) die rothen (tschi) 
Ti (Barbaren). Er hat eine Stelle aus Lie-tseu. B. 59. 
Tsin Thsi mo-yen tschi i. Mo-yen ist ein Hügel. Er 
zieht aus den Kue-iü, Sin-schu, Han-fei-tseu und Schue-yuen. 
B.60. Kampf zwischen Thsin und Tsin (wei tsching), nach 
dem Kue-iü, Tso-schuen und Thsu-tse tschü. B. 61. Kampf 
(tschen) zwischen Tsin und Thsu zu Yen-liug (in Ho-nan 
575), mit Stellen aus dem Kue-iü, Hoai-nan-tseu und Han- 
fei-tseu. B. 62. U thung schang kue, U erhebt sich 
zum grossen Reiche, nach dem ü Yuei tschhün-thsieu und 
Yuei-tsiue schu, dem Han-schi uai-schnen, Li-ki C. Tan-kung, 
Schue-yuen und Sin-siü. B. 63. Tscheu kung yue, eine 
üebersicht der verschiedenen Grossen (kung), die im Kaiser- 
reiche Tscheu auftreten (612 fg.). B. 64. Tao-kung von 
Tsin tritt wieder auf (fo) als Pa. Der I-sse hat Auszüge 
aus dem Kue-iü, Liü-schi's Chronik, dem Schue-yuen und 
Han-fei-tseu. B. 65. Tseu-tschin führt in Sung die Re- 
gierung (wei tschiug). Citirt wird noch Han-fei-tseu, Li-ki 
C. Tan-kung über Trauer, Liü-schi's Chronik, der Schue-yuen 
und Han-schi uai-tschuen. B. 66. Thsu vernichtet (mie, die 
kleinen Reiche) Yung und Schu (611). B. 67. Wei Sün 
ning fa li, bezieht sich auf das Reich Wei (in Ho-nan). 
Die Stelle aus Lie-niü-tschuen auf Tiug-kung's (588 — 576) 
Frau u. aus Kung-tschung-tseu gibt er ein Gespräch Tseu-kung's 
mit Confucius über Sün-wen-tseu , den Minister von Wei. 
Noch hat er Stellen aus dem Li-ki C. Tan-kung, dem Sin- 
iü und Liü-schi's Chronik. B. 68. Lu's Entfremdung 
(Streit, yuen) mit (den kleinen Reichen) Tschü und Kiü. 
Aus Li-ki C. Tan-kung eine Stelle über die Trauer ; in der 
Stelle aus dem Kia-iü fragt Tseu-lu Confucius nach Tsang- 
wen-tschung. B. 69. Thsu U ling-yn tai tsching. Thsu's 
Ling-yn (dies war da der Amtsname des Minister's) wechseln 
in der Regierung. Der I-sse hat Stellen aus Liü-schi's 



Plath: Quellm der alten chines. Geschichte. 219 

Chronik, dem Schue-yuen, Han-fei-tseu und Kue-iü. B. 70. 
Die Unruhen (loen) von Thsui und King in Thsi. Erst 
aus dem Kia-iü eine Stelle , dann aus Hoai-nan-tseu , dem 
Schue-yuen , Lie-niü-tschuen , Ku-kin tschü , Kin-tsao , Han- 
schi uai-tschuen, Sin-siü; Han-fei-tseu. Liü-schi's Chronik und 
aus Yeu-tseu, oder wie andere lesen Ngan- (Gan-) tseu's 
(Yng) (Minister in^^) Thsi). B. 71. Tschin eul khing tschi 
loen, d. i. Unruhen der beiden Khing in Tschin. Die Ueber- 
schrift entspricht dem Inhalte nicht ganz ; es ist nur 1 Blatt aus 
Tso-tschuen Siang-kung A. 20 fg., Ko-leang und Kung-yang. 
B. 72. Tschu-heu me ping. die Vasallenfürsten weisen 
die Waffen zurück. (Dieselbe Quelle A. 25 und Li-ki C. Tan- 
kung). B. 73. Sung-kung ki tschi tsching. Das kurze C. 
hat ausser Tso-tschuen Ting-kung A. 8 fg. nur noch eine Stelle 
aus dem Se-yuen-yao-lo und dem Lie-niü-tschuen , (die du 
Halde H. p. 670 übersetzt hat). B. 74. Tseu-tschan als 
Minister (siang, im Reiche) Tsching (s. über ihn m. Hist. Einleit. 
zu Confucius Leben S. 426). Er hat Stellen über ihn noch 
aus Liü-schi's Chronik, Han-fei-tseu, Schi-tseu, dem Schue- 
yuen, Kue-iü, Theng-si-tseu, Han-schu und Lie-tseu. B. 75. 
Ling-kung's von Wei (in Ho-nan) Thronbesteigung (li, 534 bis 
492). Er gibt noch Stellen aus dem Li-ki C. Tan-kuug, 
Schi-pen. Schue-yuen, Sin-siü, ^Yang-sün-tseu, Hoai-nan-tseu, 
Tschuang-tseu, dem Tschen-kue-tse (s. unten S. 224), Lie-niü- 
tschuen (bei du Halde H p. 666) und Ho-i-ki. B. 76. Die Un- 
ruhen (loen) unter Ling-wang von Thsu (540 — 528). Ausser 
dem Kue-iü hat er Stellen aus dem Schue-yuen, Han-fei-tseu, 
Lu-hen-tseu, Sin-schu, Scho-i-ki, aus Me-tseu und Li-ki C. 
Tan-kung. B. 77. Yen-tseu (oder Ngan-tseu) als Minister 



47) Meng-tseu erwähnt ihn öfter I, 2, 4, 411, 1, 1; s. m. Hist. EinL 
zu Confucius Leben S. 397, 407, 435. Ueber seine Chronik (Tschhün- 
thsieu in 6 K.) s. Han-schu B. 30 f 12 und den Katalog C. 6 f. 10. 
Viele Auszüge enthält daraus auch der I-sse B. 77. Wylie p. 28 sagt 
Gan-tseu war ein Schüler Me-tseu's, des Gegners von Meng-tseu, 
das Werk sei eine Biographie desselben, man wisse nicht von wel- 
chem Verfasser — Premare Disc. prel. z. Chou-king p. LXXXH nennt ihn 
den Verfasser des Buches. — man habe aber guten Grund anzu- 
nehmen, dass das Werk mehrere Jahrhunderte vor Christus alt sei 



220 Sitzung der philos-philol Classe vom 5. Februar 1870. 

(siang) in Thsi (547—489) in 2 Abth. Er hat noch Stellen 
aus dem Schue-yuen , Sin-siü , Han-schi uai-tschuen , Hoai- 
nan-tseu, Lie-niü-tschuen , Liü-schi's Chronik, Han-fei-tseu, 
Me-tseu, Tseu-lioa-tseu und besonders reiche Auszüge aus 
dem Werke unter Yen-tseu 's Namen, s. oben Anm.47. B, 78. 
Tsin schi tschu heu, Tsin (Ping-kung 557 — 531) vernach- 
lässigt die Vasalleufürsten. Der I-sse gibt Stellen aus dem 
Kue-iü, Li-ki C. Tan-kung, Han-fei-tseu, Sin-siü, Schue-yuen, 
Kao-sse-tschuen , Hoai-uan-tseu, Ho-i-ki, Sung-fu-sui-tschi, 
Liü-schi's Chronik, Han-schi uai-tschuen und Lie-niü-tschuen. 

B. 79. Tschin-schi tschuen Thsi. Die Familie (des 
Fürsten) von Tschin begibt sich nach Thsi. Er zieht noch 
aus Schi-king I, 12, 6 — 6, den Lie-niü-tschuen, Yen- (oder 
Ngan-) tseu, Han-fei-tseu , Kung-tschung-tseu , Kue-iü , Li-ki 

C. Tan-kung, Schue-yuen, Sin-siü, Han-schi uai-tschuen und 
Hoai-nan-tseu, aber wie schon bemerkt, beziehen diese Stellen 
sich nichts weniger als immer auf den Gegenstand der Ueber- 
schrift. B. 80. San Ho an jo Lu. Die 3 Hoan (mächtige 
Familien da) schwächen Lu. Er hat noch Stellen aus dem 
Kue-iü, Han-fei-tseu, Li-ki C. Tan-kung, Tsa-ki (20 fg.) und 
Jü-tsao (c. 13), Hoai-nan-tseu, Schi-pen, Tschuang-tseu, Sin- 
lün und Sin-siü. B. 81. Sung-kung tso fei hing. Verfall 
und Erhebung der Familie des Fürsten von Sung. B. 82. Wang 
Tseu-tschao tschi loen. Unruhen im Kaiserreiche nach 
dem Kue-iü, Tscheu-schu, Schi-tseu, Tsün-iü-lün, Schue-yuen, 
Han-fei-tseu und Hoai-nan-tseu.'*^) B. 84. Tsching ver- 
nichtet (mie) (das kleine Reich) Hiü (503). B. 85. Tsin 
vernichtet (mie) (die kleinen Reiche) Fei und Ku. Er gibt 
Stellen aus dem Kue-iü und Hoai-nan-tseu.*^) B. 87. Tsin 
khing fa hing, in zwei Abth.. die Minister in Tsin erheben 
sich. Er gibt Stellen aus Schi-king I, 9, 1 und 3 — 7, dem 
Schi-pen , Han-fei-tseu , Kue-iü , Schi-tseu , Lie-niü-tschuen, 
Sin-siü, Lie-tseu, Schue-yuen, Kia-iü, Han-schi uai-tschuen, 
Tschuang-tseu, Liü-schi's Chronik, dem Schui-king tschü, 



48) B. 83 über Lao-tseu s. unten S. 235. 

49) B. 86 in 6 Abschnitten über Confucius Leben s. unten S. 231 
B. 86 — 111 des I-sse sind verbunden in Band 3. 



i 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 221 

Tsclien-kue-tse und Me-tseu. B. 88. Lu pei tschin kiao 
puan, Lu's Grossbeamter (Yang-ku) rebellirt. Ausser Tso- 
tschuen Stellen aus dem Kia-iü und Han-fei-tseu. B. 89. 
U dringt ein (ji) in Yug (Tschu's Hauptstadt). Er gibt Stelleu 
aus dem U Yuei tschhün-thsieu, Yuei tsue schu, Liü-schi's 
Chronik, Schue-yuen, Han-fei-tseu, Sin-iü, Han-schi uai-tschuen, 
Kue-iü , Siu-lün , Sin-schu , Lie-niü-tschuen , Hoai-nan-tseu, 
Po-Yoe-tscbi , Scbo-i-ki , Sin-siü und f. 22 — 33 den ganzen 
Sün-tseu; über diesen s. unten S. 237. B. 90. King-kung 
von Sung (516—450) vernichtet (mie) (das Reich) Tsao. 
Er hat noch Stellen aus Liü-schi's Chronik, dem Ho-i-ki 
und Han-schu. B. 91. King-kiang's von Lu Weisheit (hien), 
nach dem Lie-niü-tschuen, Kue-iü, Han-schi uai-tschuen, Kung- 
tschung-tseu und Li-ki C. Tan-kung. B. 92. In Wei (in 
Ho-nan) kämpfen Tschuang-kung und Tschü-kung, Vater 
und Sohn, um das Reich (tseng-kue 492—476). Der I-sse 
hat noch Stellen aus Kung-tschung-t&eu , dem Li-ki C. 25 
Tsi tung und dem Tschen-kue-tse. B. 93. Thsu's König, 
Hoei, vernichtet (mie) (das Reich) Tschin (477 v. Chr.). 
Er hat Stellen aus Li-ki C. Tan-kung, dem Schue-yuen, Lie- 
niü-tschuen, Han-fei-tseu, Han-schi uai-tschuen, Sin-siü, Liü- 
schi's Chronik, Hoai-nan-tseu, dem Sin-schu und Kue-iü. 
B. 94. Pe-kung's in Thsu Unruhen (loeu). Die Stelleu sind 
aus einem Gespräche des Coufucius mit Tseu-kung bei Han- 
fei-tseu, dem Schue-yuen, Hoai-nan-tseu, Kung-tschung-tseu, 
Lie-tseu, dem Kue-iü, Sün-tseu, Sin-siü, Han-schi uai-tschuen, 
Lie-niü-tschuen und Tschuang-tseu.^°) B. 96. in 2 Abtheil- 
ungen. Yuei vernichtet (mie) (das Reich) ü (472 v.Chr.). 
Ausser dem Yuei tsue-schu, dem ü Yuei tsclihün-thsieu und 
dem Kue-iü hat er Excerpte aus Hoai-nan-tseu, Han-fei- 
tseu, dem Schue-yuen , Sin-schu , Liü-schi's Chronik , dem 
Lün-heng , Me-tseu , Schui-king tschü , Han-schi uai-tschuen, 
Sin-lün^^) und Sin-siü, Lie-sien-tschuen , Fu-tseu, Kung- 
tschung tseu, dem Y^ang-iü-king, Scho-i-ki und Ho-i-ki. B. 97. 



50) Ueber B. 95 in 3 Abthl., das von Confucius Schülern handelt, 
».traten S. 231. 

51) In der Sammlung III, 16, s. m. Abh. darüber S. 308. 



222 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 5. Februar 1870. 

Wang tschao kiao Lu, der Verkehr des Kaiserhofes 
(von Ping-waug bis King-wang) mit Lu. B, 98. Siao 
kue kiao Lu, über den Gesandtschaftsverkehr mehrerer 
kleinen Reiche mit Lu zur Zeit des Tchhün-thsieu. Es 
sind Ki, Teng, Sie, Seu, Tscheu, Ko, Teng (anders ge- 
schrieben) , Tsao , Meu , Ko , Klein- (Siao) Tschü , Siao, 
Kuai, Kao, Kiai, Tsching, Tan und die Barbaren Jung und 
Pe-ti ; nur sehr kurze Notizen , so auch B. 99. die Notizen 
aus der Zeit des Tschhün-thsieu über die Opfer (Kiao- 
sse) die Schaltmonate (So-iun), die Jagden (Seu-scheu), 
die Erbauung von Stadtmauern (Tsching-tscho) und 
allerlei Calamitäten (Tsai-i) in Lu, nach dem Tso- 
tschuen und Kue-iü, endlich B, 100. Tschhün-thsieu I sse, 
d. i. im Tschhün-thsieu ausgelassene Begebenheiten, sammelt 
noch allerlei Notizen über Vorkommnisse in dieser Zeit aus 
dem Siu-schu, Li-ki C. Tan-kung, Liü-schi's Chronik, dem 
Schue-yuen, Lün-heng, Lie-tseu, Sin-siü, Lie-sse-tschuen, dem 
Lie-niii-tchuen, Han-schi uai-tschuon, Khiüe-tseu, Schi-tseu, 
Hoai-nan-tseu , Tsclmang-tseu , Han-fei-tseu , Fung-su-tung, 
Schui-king tschü, Schi-pen, Scho-i-ki, Tschuen-tseu, Me-tseu 
und Lie-sien-tschuen. 

7) Die Zeit der streitenden Reiche (Tschen-kue) 479 
bis 255 v. Chr. Politische Verhältnisse. 

Wir haben gesehen, wie die Menge der kleineren Reiche 
allmählig von den grösseren verschlungen wurden ; es blieben 
ohngefähr zu der Zeit, wo Confucius Chronik von Lu endet 
oder bald nachher neben einigen kleineren nur noch 6 grössere 
Reiche, deren Fürsten nun nicht mehr, wie früher die 
s. g. Gewaltherrscher (Pa) , um zeitweihge und wechselnde 
Hegemonie kämpften, sondern einen beständigen Kampf um 
die Oberherrschaft über ganz China führten, bis es endlich 
Thsin Schi hoang-ti gelang, das Werk seines Vorgängers zu 
vollenden und ganz China unter seine Herrschaft zu bringen, 
und so statt der Feudalmonarchie die absolute Monarchie 
zu gründen. Man nennt es die Zeit der streitenden Reiche, 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 223 

Diese Reiche waren Thsin in Schen-si, Hau, Wei und 
Tschao, — welche an die Stelle des früheren Tsin in 
Schan-si getreten waren , aber dessen Gebiet sehr erweitert 
besassen, — Tsu in Hu-kuang, Kiang-nan u. s. w., Thsi in 
Schan-tung und Yen in Pe-tschi-li. Es bestanden ausserdem 
noch Lu in Schan-tung , ^Yei in Ho-nan , und eine Zeitlang 
Sung ebenda, die aber keine Rolle weiter spielten, ebenso- 
wenig als die Kaiser in Tscheu. 

Was die Quellen für die politische Geschichte die- 
ser Zeit betrifft, so kommen hier zunächst aus dem Sse-ki, — 
der hier für uns erste Quelle wird, — die schon angeführten 
Partikulargeschichten dieser Reiche im Sse-ki B. 5 und 6, 
34j 43, 44^ 45 und besonders 46, die Geschichte von Thsi 
unter der Familie Tien in Betracht. Ausser den Fürsten 
treten aber in dieser Zeit auch bedeutende Feldherrn, Staats- 
männer und Philosophen auf, von welchen besondere 
Biogi'aphien im Sse-ki sich finden. "Wir geben hier daher 
die Liste derselben , und da Pfizmaier einige derselben in 
den S. B. der Wiener Akademie übersetzt hat, verweisen 
wir auf die betreffenden Bände. Nähere Nachrichten über 
die Einzelnen zu geben , erlaubt die gebotene Kürze nicht. 
Die ersten Biographien im Sse-ki fallen noch in die frühere 
Periode. ^^) 

ß. 68. Schang-kiün, der Fürst von Schang (Minister 
TshiuHiao-kung's (361—337), S. B.29, S. 98— 119. Der Han- 
schu B. 30 f. 17 V. hat unter den Fa-kia ein Werk von Schang- 



52) So Sse-ki B.61 Pe-i; B. 62 Ktian-tscliun g und Yen- 
yng; B. 63Lao-tseu und Tschuang-tseu; Schin-pu-yen und 
Han-fei-tseu; B. 64 Sse-ma-siang; B. 65 Sün-tseu und U-ki 
(S.B. 30 S. 267— 273); B. 66 ü-tseu-siü u. B. 67 Tschung-ni ti- 
tseu, d. L Confucius Schüler. Auf die Litteraten darunter werden 
wir später noch zurückkommen. 



224 Sitzung der pMos.-phüol Classe vom 5. Februar 1870. 

Idün 29Pien; B. 69. Su-tai, S. B 32 p. 642 fg.; B. 70. 
Tschang-i, S. B. 33 S. 525 fg.; B. 71. Hoa-li-thsi und 
Kan-meu; B. 72. Jang-heu, S. B. 30 S. 155 — 165; 
B. 73. Pe-ki und VVang-tsin;^^) B. 75. Meng-tschang 
kiün, der Fürst von Meng-tschang (Minister in Thsi), S. B. 
31 S. 66— 87; B. 76. Ping-yuen kiün^^) und Jü-khing, 
der Minister von Jü, S. B. 31 S. 87—104; B. 77. Sin- 
ling, S. B. 48 S. 172 — 192; B. 78. Tschhün-schin, S. 
B. 31 S. 101— 120; B. 79. Fan-hoei, S. B. 30 S.227— 273; 
B. 80. Lo-i, Feldherr von Tschao 408 v. Chr., S. B. 28 
S.55— 87; B. 81. Lien-po, Lin-siang, S. B. 28 S. 69— 87; 
B. 82. Tieu-tan, S. B. 28 S. 65— 69; B. 83. Lu-tschung 
lien und Tseu-yang, S. B. 35 S. 221— 247. Der Han- 
schu B. 30 f. 13 hat von jenem 4 Pien. B. 84. Kiu-yuen 
(Minister und Dichter in Thsu) und Ku-i; B. 85. Liü-pu- 
wei, s. oben Anmkg. 5. Die folgenden B. 86 u. s. w. ge- 
hören schon in die Zeit der nächsten 4. D. Thsin. 

üeber die Zeit der streitenden Reiche haben wir dann 
ein besonderes späteres Werk Tschen-kue-tse, die Ge- 
schichte der streitenden Reiche. Der Han-schu B. 30 f. 7 
hat schon Tschen-kue-tse 33 Pien. Nach dem Katalog K. 5 
f. 25 V. fg., vgl. Wylie p. 25 fg. ist sie verschieden bearbeitet 
worden. Der Verfasser ist nicht bekannt, aber Lieu-hiang 
unter den Han revidirte sie und sie erschien später mit 
mehreren Commentaren ; der älteste von Kao-yeu ist aus 
der Zeit der D. Han, aber zum Theil verloren; ihn ersetzte 
Yao-hung unter den Sung, dann ist eine Ausgabe da von 
Pao-pen und eine von Kiao-in in je 10 K. ; ebenso 



53) B. 74. Meng-tseu und Siün-khing, s. bei den Literaten 
S.233 fg.. 

54) Der Han-schu B. 30 f. 13 hat die Werke von Ping-yuen kiün 
7 Pien, von Jü-schi einen Tschhün-thsieu in 15 Pien. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 225 

die von Wu-sse-tao aus der D. Yuen: Tschen-kue tse 
kiao tschu in 10 K. ; vgl. Bazin im Journ. As. Ser. IV T. 15 
p. 108. Der Auszug in einer Sammlung in der Staats- 
bibliothek in 2 H. ist oben S. 210 erwähnt. Ich verdanke 
jetzt Herrn Prof. Julien in Paris eine Ausgabe in 12 K. und 
5 starken Heften. Das Werk ist wie der Kue-iü nach den 
einzelnen Reichen abgetheilt: Kiuen 1 über das westhche 
(Si) Tscheu; K.2 über das östliche (Tung) Tscheu; K. 3 
über Thsin; K. 4 über Thsi; K. 5 über Thsu; K. 6 über 
Tschao; K. 7 über Wei; K. 8 über Han, K. 9 über Yen; 
K. 10 über Sung; K. 11 über Wei (in Ho-nan) und end- 
lich K. 12 über das kleine Reich Tschung-schan. Vor jedem 
Kiuen bis auf dem ersten ist eine Uebersicht der einzelnen 
Artikel, die es enthält. Der beschränkte Raum erlaubt aber 
nicht, in ein näheres Detail einzugehen. 

Der I-sse behandelt nun die Geschichte der streitenden 
Reiche in 50 Büchern (B. 101 — 150) Tschen-kue ki u-schi 
(50) Kiuen. Wir geben wieder die Titel der einzelnen an, 
mit Angaben der Schriften, denen er die einzelnen Notizen 
entnimmt, ausser dem Sse-ki, dem Bambubuche und dem 
Tschen-kue-tse, die er natürlich immer auszieht. 

B. 101. San khing feu Tsin, d. i. die 3 Minister 
theilen (das Reich) Tsin (375 v. Chr.). Aus dem Schi-pen 
gibt er die Genealogien derselben, dann hat er noch Stellen 
aus dem Schue-yuen , aus Han-fei-tseu . Liü-schi's Chronik, 
Sin-siü, Hoai-nan-tseu. dem Kao-sse-tschuen , Han-schi uai- 
tschuen, Han-schu, Fu-tseu und Kin-tshao. B. 102. Tien- 
schi tshuan Thsi, d. i. die Familie Tien usurpirt Thsi 
(386). Er hat noch Stellen aus Han-fei-tseu , Lie-tseu, 
dem Schi-pen, Li-ki C. Tan-kung und Me-tseu.^^) B. 104. 
Lu Mu-kung jung hien, d. i. Mu-kung von Lu (409 — 376) 
bedient sich der Weisen. Die Notizen sind aus Kung-tschung- 



55) B. 103 in 2 Abthl. über die Literaten Yang-tschu und 
Me-thi s. unten S. 233 ig. 

[1870. 1. 2.] 15 



226 Sitzung der phüos.-phüol Classe vom 5. Februar 1870. 

tseu, Han-fei-tseu, Li-ki C. Tan-kung und Tsa-ki, Liü-schi's 
Chronik, Lie-niü-tschuen, Han-schi uai-tschuen, dem Kin-tshao, 
Schue-yuen und dem Sin-schu. B. 105. U-ki sse Wei, 
siang Thsu, d. i. U-ki dient in Wei und wird Minister in 
Thsu. Die Quellen sind ausser dem Sse-ki B. 65 f . 5 , Han- 
fei-tseu, Liü-schi's Chronik. Kuan-tseu, Siiin-tseu (auch im 
Sin-siü) und U-tseu oder U-ki selber, von dem wir noch 
eine Schrift über das Kriegswesen haben, s. unten S. 237. 
B. 107. Thsu Kiang-i (u.) Tschao-hi-siü tschi yuen^^) 
betrifft die Feindschaft der Genannten in Thsu. Er citirt 
noch den Han-fei-tseu und Lie-niü-tschuen. ß. 108. Thsi 
Wei-wang kiang kue, d. i. Wei-wang von Thsi (378 — 342) 
unterdrückt die Reiche, Er excerpirt ausser dem Sse-ki 
B. 46, den Schue-yuen. Lie-niü-tschuen, Tsu-yang-schu, den 
Sin-siü und den Sse-ma-fa , ein Werk über die Kriegskunst, 
(s. unten S. 237). B. 109. WeiHoei-wang schi kue, than 
ping, d. i. der König Hoei-waiig von Wei (370 — 334) re- 
giert das Reich und spricht über Waffen, Er excerpirt noch 
Liü-schi's Chronik, H;m-fei-tseu, Wei-liao-tseu, den Schue- 
yuen, Fu-tseu, Han-schu, Tschuang-tseu und den Han-schi 
uai-tschuen. B. 110. Thsu Tseu-fa yung ping, Tseu-fa 
aus Thsu bedient sich der Waffen. Die sonstigen Notizen 
sind aus Hoai-nan-tseu, Siün-tseu, Lie-niü-tschuen und Schue- 
yuen. B. lU. Schin-pu-hai siang Han, d. i. Schin-pu- 
hai als Minister in Han. Er excerpirt noch den Hoai-nan- 
tseu, Han-fei-tseu, Schin-tseu, Liü-schi's Chronik, Tschuang- 
tseu, den Schue-yuen und Lün-heng.^'^) B. 115. Wei-yang 
pien Thsin fa, d. i. Wei-yang verändert die Gesetze von 
Thsin. Der Sse-ki B. 68 (S. B. 29) handelt von ihm. Dann 
spricht von ihm Liü-schi's Chronik, Han-fei-tseu, der Sin- 
schu, Han-schu, Hoai-nan-tseu, der Sin-siü, Schi-tseu und 
Schang-tseu. B. 116. (Die Feldherrn von) Thsi Tien-ki 



56) B. 106. Tseu-sse, Meng-tseu yen hing, Tseu-sse's und 
Meng-tseu's Reden und Thaten, s. unten S. 232 bei den Literaten. 

57) Der I-sse der Staatsbibliothek ist wieder verbunden ß. 112 
in Bd. 2, B. 113—127 in Bd. 4. 

B. 112 in 2 Abth. über Lie-tseu und Tschuang-tseu, ebenso 
B. 113 über Pien-thsio und Wen-tschi (2 Aerzte), s. unten S. 235 
und 238 bei der Literatur, so auch B. 114. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 227 

und Sün-pin zermalmen (pho) Wei (353). Er excerpirt noch 
Tschuang-tseu, Liü-schi's Chronik und den Seliue-yuen. 
B. 117. (König) Wei-wang von Thsu (339—328) zermalmt 
(pho) Yuei. Der I-sse excerpirt noch den Yuei-tsue-schu, 
Liü-schi's Chronik, den Schue-juen, Han-fei-tseu und den 
Hoa-yang kue tschi.^^) B. 118. Su-thsin ho tsung, (der 
Redner) Su-thsin sucht (die Reiche gegen Thsin) zu vereinigen, 
s. Sse-ki B. 69, S. B. 32. Der Lün-heng wird noch ausge- 
zogen. B. 119. Thsi Siuen-wang hao sse, d.i. der König 
Siuen-wang von Thsi (342 — 323) liebt die Literaten. Er 
excerpirt noch Liü-schi's Chronik, den Sin-siü, Han-schi uai- 
tschuen, Han-fei-tseu, den Lie-niü-tschuen (übersetzt im du 
Halde II p. 655) , Schue-yuen, Lu-lien-tseu, Hoai-nan-tseu, 
Sin-lün, Schin-tseu, Weu-tseu, Lao-tsching-tseu , Lie-tseu, 
den Kin-tshao, Kao-sse-tschuen und Lie-sse-tschuen. B. 120. 
Tschang-i siang Thsin lien-heng. Von Tschang-i, dem 
Minister in Thsin, handelt der Sse-ki B. 70. Noch hat der 
I-sse Stellen aus Han-fei-tseu und dem Lie-niü-tschuen (bei du 
Halde II p. 668). B. 121. Tsing-hiaug kiün siang Thsi, 
d. i. der Fürst von Tsing-hiaug als Minister von Thsi (unter 
Thsi Wei-wang 378 — '342); er hat noch eine Stelle aus Han- 
fei-tseu. B. 122. Tscheu fen tung si, d. i. (das Kaiser- 
reich) Tscheu theilt sich in ein östliches und westliches; 
Kao-wang (seit 440) gab nämlich seinem Jüngern Bruder 
Ho-nan. Der I-sse excerpirt noch die Chronik der Kaiser 
und Könige, den Schi-pen wegen der Genealogie, Liü-schi's 
Chronik, den Han-schu, Schue-yuen, Tschuang-tseu und Han- 
fei-tseu. B. 123. Thsin ping Pa Schu, d. i. Thsin ver- 
einigt mit sich Pa und Schu (in Sse-tschuen, 316 v. Chr., 
unter Hoei-wen-wang , vgl. de Maiila T. II p. 289 fg.). Der 
I-sse excerpirt noch den Hoa-yang kue tschi, Ting-lo,-^) Heu- 
Han schu und Schui-king tschü. B. 124. Yen Kuai jang 
kue tschi ho, Kuai in Yen bringt des Reiches Unglück 
(315 fg.) Han-fei-tseu wird noch ausgezogen. B. 125. Wei 
Sse-kiün tschi schi, die Regierung von Sse-kiün in Wei 
(in Ho-nan) 324 — 282. Er zieht noch Han-fei-tseu und Liü- 



58) Aus der D. Tsin, in der Sammlung 11, 9; s. m. Abb. S. 288. 

59) In der Sammlung IV, 27 j s. m. Abb. S. 325 u. vgl. Wylie p. 115. 

15* 



228 Sitzung der phüos.-pMol. Glosse vom 5. Eebruar 1870. 

schi's Chronik aus. B. 126. Hoa-li-tsi, Kan-meu siang 
Thsin,d. i. Hoa-li-tsi und Kan-meu als Minister in Thsin, s. 
Sse-ki B. 71. Ausgezogen werden noch die vorigen, ß. 127. 
Der König Wu-ling von Tschao (325 — 298) legt die Tracht 
der (Barbaren von) Hu (Hu fu) an und greift (kung) (das 
Reich) Tschung-schan an, s. Pfizmaiers Geschichte von Tschao 
S. 29fg. Es werden noch ausgezogen Liü-schi's Chronik, 
Han-fei-tseu, Hoai-uan-tseu, Ho-kuan-tseu , der Schi-ming, 
Schui-king tschü und Schi-pen.^°) B. 129. Han-kieu ki-se 
tseng 11, bezieht sich aufHan Siuen-wang (332 — 311). Aus- 
gezogen wird noch Han-fei-tseu. B. 130. Lie kue nan 
Tscheu, die Reiche bedrängen Tscheu. Excerpirt wird noch 
die Chronik der Kaiser und Könige und der Fa-yen.®^) 
B. 131. Thsu Siaug-wang khe sse iü Thsin, der König 
Siang-wang von Tschu stirbt als Gast in Thsin (262 n. Chr.)^^). 
B. 133. Meng-tschang kiün siang Thsi, d. i. (der 
Fürst von) Meng-tschang als Minister in Thsi. Von ihm 
handelt der Sse-ki B. 75, S. B. 31, Stellen über ihn hier noch 
aus dem Schue-yuen, Sin-siü, Han-schi uai-tschuen, Han-fei- 
tseu und Lie-sse-tschuen. B. 134. Der König Min-wang 
von Thsi vernichtet (mie) Sung (285 v. Chr.) Excerpirt 
werden noch Han-fei-tseu, Liü-schi's Chronik, Lie-tseu und 
der I-schin-ki. B. 135. Lo-i wei Yen pho Thsi, d.i. Lo-i 
vonwegen Yen zermalmt Thsi. Der Sse-ki B. 80, S. B. 28 gibt 
seine Biographie. Der I-sse excerpirt noch den Lie-niü-tschuen, 
Liü-schi's Chronik, Kung-tschung-tseu , Schue-yuen, Sin-siü 
und Hoai-nan-tseu. B. 136. Wei-yen siang Thsin, d. i. 
Wei-yen als Minister von Thsin. Sein Leben hat der Sse-ki 
B. 72 , S. B. 30. Hier sind noch Stellen aus der Chronik 
der Kaiser und Könige, dem Lün-heng, Han-fei-tseu, Hoai- 
nan-tseu, Liü-schi's Chronik, dem Schue-yuen, Lie-niü-tschuen; 
dann handelt er vom Fürsten von Tschin-schin, dessen 
Leben im Sse-ki B. 78, S. B. 31, er hat aber nur noch eine 



60) B. 128 (in Bd. 3) über den Philosophen Ho-kuan-tseu, 
s. unten S. 236. 

61) In der Sammlung UI, 8; s. m. Abh. S. 300 und Wylie p. 69. 

62) B. 132 von Khio-yuen, dem Minister von Thsu und Dichter 
(Sse-ki B. 84) s. unten S. 238 bei den Literaten. 



Flath: Quellen der alten chines. Geschichte. 229 

Stelle aus dem Lie-niü-tschuen. B. 137. TschaoLien, Lin, 
Tscliao-tsche tung wei. Lien-(po's)u.Lin-(siang's)Lebenhat 
derSse-ki B. 81 (S. B.28). Hier noch eine Stelle aus Liü-schi's 
Chronik. B. 138. Fan-hoei siang Thsin, d. i. Fan-hoei als 
Minister von Thsin. Sein Leben im Sse-ki B. 79, S. B. 30 ; hier 
nur noch ein Paar Stellen aus Han-fei-tseu, dem Schue-yuen 
und Liü-schi's Chronik. B. 139. Thsin Pe-ki, Tschan g-ping 
pho Tschao, d. i. Pe-ki und Tschang-ping (die Feldherrn) 
von Thsin zermalmen Tschao; s. im Sse-ki B. 44; es wird 
f. 4 noch excerpirt Yen-yeu san-tsiang-siü. B. 140. Der Fürst 
von Ping-yuen als Minister (siang) von Tschao. Sein Leben 
im Sse-ki B. 76, S. B. 31.^^) Der I-sse excerpirt noch-Liü- 
schi's Chronik , Kung-tschung-tseu , Hoai-nan-tseu , Lie-tseu, 
Tschuang-tseu, Han-fei-tseu, Kung-sün-lung-tseu*'"^) und Lieu- 
hiang's^^) Pin-lo. B. 141. Wei Sin-ling kiün tschi hien, 
die Weisheit des Fürsten von Sin-ling in Wei, Sein Leben 
im Sse-ki B. 77 , S. B. 28 ; hier ist noch eine Stelle aus 
dem Lie-sse-tschuen. B. 142. Tschao Kien-sin kiün 
tschung, d. i. die Gunst des Fürsten Kien-sin in Tschao; 
nur nach dem Tschen-kue tse.^^) B. 144. Tschün-schin 
kiün siang Thsu, d. i. der Fürst von Tschün-schin als 
Minister in Thsu. Der I-sse hat noch Stellen aus dem Yuei 
tsue-schu und Han-fei-tseu. B. 145. Lie-kue i-sse. Er 
excerpirt noch ausgelassene Begebenheiten aus einer. Reihe 
von Reichen nach Han-schi uai-tschuen , dem Sin-siü , Liü- 
schi's Chronik, Schue-yuen, Sin-schu, Kin-lo, Kin-yuen- 
yao-lu, Kin-tsing yang, Kin-thsao, Lie-niü-tschuen und Fung- 



63^ Der Han-schu B. 30 f. 13 hat von Ping-yuen kiün ein Werk 
in 7 Pien. 

64) Nach Wylie p. 126 ein Philosoph aus dem Ende der D. 
Tscheu; er hielt die Attribute der materiellen Gegenstände, wie 
Farbe, Härte, für besondere Existenzen und auf einmal könne der 
Geist nur eine Eigenschaft eines Gegenstandes erfassen; fühle er 
die Härte, so sehe er nicht die Farbe! Der Han-schu K. 30 f. 18 
kat von ihm ein Werk in 14 Pien. S. Anm. 71. 

65) Aus der D. Han im 1. Jahrhundert v. Chr. ist Verfasser der 
schon oben erwähnten Werke Sin-siü und Schue-yuen in der 
Sammlung HI, 4 und 5 u. a. Werke; s. m. Abh. S. 296 fg. 

66) B. 143 in 2 Abth. über Siün-tseu's Werke s. unten S. 233 
bei der Literatur. 



230 Sitzung der pMos.-philol. Classe vom 5. Februar 1870. 

schang-ki. B. 146, in 2 Abthl. , handelt von Liü-pu-wei 
als Minister (siang) von Thsin. Der Sse-ki spricht von ihm 
B. 85. ß^) B. 148. Thsin ping thien hia, d.i. Thsin ver- 
einigt mit sich das ganze Reich. Excerpirt werden noch Sün- 
tseu, Kung-tschung-tseu, Hoai-nan-tseu, Lie-niü-tschuen, der 
Po-voe-tschi, der Fuug-so-thung, Yen-tan-tseu, Lie-sse-tschuen, 
Lün-heng, Han-schi uai-tschuen, der Schui-king tschü und 
San-fu-hoang-tu. ^ ^) 

8) Die Literaten und innere Verhältnisse zur Zeit 
des Tschhün-thsieu und Tschen-kue (seit 722). 

Es werden auch schon in den früheren Perioden einzelne 
Geschichtsschreiber (sse) — s. m, Abh. Verfassung und Ver- 
waltung, a. d. Abh. d. Ak. X, 2 S. 579 fg. — und Dichter 
im Schi-king genannt; wir haben mancherlei literarische 
Denkmäler im Schu-king, den Tscheu-li, I-h, Li-ki und 
Ta-tai Li-ki mehr oder weniger erhalten, die oben schon an- 
geführt sind, aber keine eigentlichen Literatur -Werke von 
einzelnen Schriftstellern. Die ältesten Texte des I-king von 
Wen-wang und seinem Sohne Tscheu-kung sind schon oben 
angeführt. In der Zeit des Tschhün-thsieu und der streiten- 
den Reiche dagegen muss es deren schon manche gegeben 
haben. Eine reiche Liste zeigt der Katalog alter Werke, wel- 
che Lieu-biang unter derD. Han im 1. Jahrhundert v. Chr. 
von Werken, die damals zusammengebracht wurden, verfasste 
und die Pan-ku, der Geschichtsschreiber der Han, im (Tsien-) 
Han schu K. 30 mittheilt, vgl. Journ. As. 1869. Indess 



67) Er gehört also auch schon zu den Literaten, (so auch B. 147, 
Han-fei-tseu, in 2. Abth.) S. s. g. Chronik (Liü-schi's Tschhün-thsieu 
in 26 B.), — aus welcher B. 146, 1 f. 4—35 v. und 146, 2 f. 1—24 v. 
grosse Stellen mitgetheilt werden, — ist schon oben Anm. 5 erwähnt. 

68) B. 149. Thsin Schi hoang-ti wu tao. d. i. Thsin Schi 
hoang-ti ohne Princip , und B. 150 Thsin-wang, der Untergang 
der (4. D.) Thsin, gehören nach unserer Annahme schon zur neueren 
Geschichte. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte, 231 

werden mehrere von diesen Werken nicht mehr vorhanden 
sein ; noch wenigere sind uns zugänglich. Wir müssen uns 
daher auf die Nachweisung dieser und der Biographien der 
Verfasser derselben hier beschränken. 

Der erste ist Confucius. Sein Leben gibt der Sse-ki 
B. 47 Kung-tseu Schi-kia. Die s. g. Hausgespräche des- 
selben, Kia-iü, würden wichtiger sein, wenn sie die echten 
wären; s. aber unsere Abb. Ueber die Quellen zum Leben 
des Confucius und namentlich seine s. g. Hausgespräche, a. d. 
S. B. der Akad. München 1863. 8. Der I-sse B. 86 hat in 
4 Abthl. alle Nachrichten über Confucius gesammelt. Von 
Confucius selbst haben wir eigentlich keine Schrift ausser 
seinen Commentar zum I-king, den der I-sse B. 86, 2 
f. 2 — 32 mittheilt, so wie seine Chronik, den Tschhün- 
thsieu, in B. 86, 3 f. 8 — 37. Im Lün-iü, Li-ki und Kia-iü u. s. w. 
sind nur Aussprüche von ihm und Gespräche mit seinen 
Schülern; wir werden diese im Leben des Confucius mit- 
theilen. 

üeber die Schüler des Confucius hat der Sse-ki ein 
besonderes Buch 67 Tschuug-ni (d.i. Confucius) Ti-tseu 
Lie-tschuen, ebenso der Kia-iü K. 38 Thsi-schi-eul 
ti-tseu kiai über die 72 Schüler des Confucius. Der I-sse 
B. 95 Kung men tschu tseu Yen hing, d. i. Confucius 
Schüler Reden und Thaten , sammelt in 3 Abth. alle Nach- 
richten über die Schüler desselben ; wir w^erden auch diese in 
Confucius und seiner Schüler Leben mittheilen. Von den 
4 Büchern (Sse-schu) ist das erste Ta-hio oder die grosse 
Lehre nach der gewöhnlichen Annahme bis auf den ersten § 
von seinem Schüler Thseng-tshan (geboren 505 v. Chr.) ^^), 



69) Von ihm ist auch der Hiao-king, oder das Buch von der 
Pietät, das der I-sse daher in dessen Leben B. 95, 1 f. 20 — 23 v. ganz 
aufgenommen hat. Der neue hat 18 Abschnitte (tschang), der alte 
in Japan 22. Xach den Schol. zum Han-schu B. 30 f. 9 v. hatte 



232 Sitzung der phüos.-pMlöl. Gasse vom 5. Februar 1870. 

während einige es Confucius Enkel Khung-ki oder Tseu-sse 
zuschreiben, s. Legge Prol. T. 1 p. 26. Das 2. Werk, der 
Tschung-yuug, d. i. die unabänderliche Mitte, ist von diesem 
seinem Enkel Tseu-sse, s. Legge Prol. I p. 36. Das 3te der 
Lün-iü oder die Gespräche zwischen ihm und seinen Schülern, 
soll nach der Geschichte der Literatur im Han-schu von 
seinen Schülern zusammengetragen sein, doch ist dies nicht 
klar, s. Legge Prol. T.I p. 15. Der I-sse B. 106 handelt von 
Tseu-sse's und Meng-tseu's Worten und Thaten (Tseu-sse, 
Meng-tseu yen hing). Meng-tseu's (371 — 288) Denkwürdig- 
keiten enthält das 4te der 4 Bücher ; verfasst scheint es von 
ihm aber nicht zu sein, s. Legge T. II p. 11. Der Han-schu B. 30 
f. 12 m. d. Schol. citirt noch von Confucius Schülern und den 
Schülern derselben folgende Werke : Lu-tseu 18 Pien; Tschi- 
tiao-tseu 12 Pien, (s. Legge Prol. Ip. 124); Mi-tseu 16 Pien, 
nach der Note ist dies Mi-pu-thsi oder Tseu-tsien, (s. Legge 
Prol. I p. 119); King-tseu, sein Schüler, 3 Pien; Schi-tseu 
aus Tschin, Schüler der 70 Schüler, 21 Pien; Li-khe 7 Pieu, 
(er war Tseu-hia's Schüler und Minister von Wei Wen-heu 
(423—386 V. Chr.); Kung-sün-ni-tseu, Schüler der 70, 
28 Pien u. Mi-tseu aus Thsi, nach den 70 Schülern, 18 Pien. 
Von allen diesen wird wohl aber nichts mehr vorhanden sein. 
Man würde daher sehr irren, wenn man meinte, was wir 
haben, wäre der ganze Reichthum der alten chinesischen Litera- 
tur gewesen. Neben Confucius orthodoxer Schule, die am Herge- 
brachten hing, gab es aber auch noch^a bweichendeSysteme. 
Wir denken sie in einer Abh. : die Bewegung der Geister 
in China in den letzten 500 Jahren v. Chr. darzustellen. 



der alte 1871 Charaktere, der jetzige nur über 400. Eine Ueber- 
setzung geben P. Amiot Mem. T. 4 und P. Noel in Sinensis imperii 
libri classici 6. Pragae 1711 in 4''. Vgl. Remusat N. Mel. As. T. II 
p. 106 und I p. 280 über Thseng-tseu und über Tseu-sse T. II. 
p. 110 fg. Der Han-schu hat noch B. 30 f. 12 v. Tseu-sse 23 Pien. 



Plath: Quellen d^ alteyi chines. Geschichte. 233 

Wir haben noch unter den 10 s. g. Philosophen (tseu) den Siiin- 
(khing-)tseu, der zu den Literaten (Jü-kia) gerechnet wird, 
aus Tschao, zur Zeit des Königs Siang von Thsi 271 — 264, der 
noch bis zur Zeit der D. Thsin lebte. Man hat von ihm 
nach Julien Introd. zu Lao-tseu p. I. noch 5 Hefte über Po- 
litik und Moral. Der Han-schu B. 30 f. 12 v. hat Siün- 
khing^") tseu 33 Pien; vgl. W. Schott Entwurf S. 47 fg. Der 
Sse-ki B. 74 f. 5 sq. spricht von ihm: Meng-tseu, Siün- 
khing lie-tschuen und der I-sse B. 143 Siün-tseu 
tschu-schu gibt sein Werk. Er ist merkwürdig, indem er 
von Meng-tseu ganz verschiedene Principien aufstellt; während 
dieser nämlich davon ausging, dass die Natur des Menschen 
von Haus aus gut sei, statuirte er, dass sie von Haus aus 
böse sei. Legge Prol. T. H p. 81 — 91 theilt aus seiner 
Schrift den Abschnitt Sing ngo pien, von der Bösheit der 
Natur (auch im I-sse B. 143 f. 26 v.) mit; s. auch Rev. 
Griffith The Ethics of the Chinese, with special reference to 
the Doctrines of Human Nature and Sin, in d. Transact. 
of the North-China Brancli of the Royal Asiat. Soc. 1859 
Novmbr. 

Zur Secte der Literaten gehört auch Wen-tschung- 
tseu, nach einigen ein Schüler des Confucius, Juhen sagt 
Meng-tseu's , von dessen Werken sich auch ein Heft unter 
den 10 Philosophen (tseu) findet. 

Zu den Gegnern Meng-tseu's , gegen welche er wieder- 
holt eifert, gehörten Yang-tschu und Me-thi; von jenem 
spricht Meng-tseu in, 1, 5 u. 2, 9 VII, 1, 26 und VII, 2, 26, 
und über Me-thi III, 1, 5 III, 2, 9 VII, 9, 26; ihre 
Lehren waren zu seiner Zeit sehr verbreitet. Yang-tschu 



70 j Wylie p. 66 nennt ihn Siün-hoang, er habe ein Werk in 
20 B. hinterlassen; Khing ist Titel: Minister. 



234 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 5. Februar 1870. 

wollte nach ihm keine besondere Vorrechte des Fürsten an- 
erkennen; Me-tseu lehrtu allgemeine Menschenliebe statt 
Pietät, wie Confucius Schule. Legge Prol. T.II p. 95 — 100 gibt 
eine Stelle aus Yang-tschu und p. 103 — 119 einen grösseren 
Abschnitt aus Me-tseu's Werke von der allgemeinen Liebe 
(ngai khien); der I-sse B. 103 gibt in 2 Abth. beider Reden: 
Yang-tschu, Me-thi tschi yen und noch die Stellen über 
sie aus dem Sse-ki, Lie-tseu, Tschuang-tseu , Schue-yueu, 
Hoai-nan-tseu , Liü-schi's Chronik, Hau-fei-tseu , dem Lün- 
heng, Hu-fei-tseu und Sui-tschao-tseu. Aus Me-tseu gibt der 
I-sse Stellen B. 103, 1 f, 10—32 u. 103, 2 f. 1 v. — 17. 
Der Han-schu B. 30 f. 18 v. hat Me-tseu 71 Pien, der 
Katal. 13 f. 1 Me-tseu 15K.") Er war nach den Schol. zum 
Han-schu Ta-fu in Sung und lebte nach Confucius. 

Von seinen Schülern hat d. Han-schu von Siuj-tschao-tseu 
6 Pien, von Hu-fei-tseu 3 Pien, von Tienkieu-tseu (nach 
d. Schol. vor Han-fei-tseu) 3 Pien und von Ngo-tseu 1 Pien, 
Wylie f. 125 setzt Me-tseu ins 5. Jahrh. v. Chr. Das Werk 
unter seinem Namen in 15 Büchern soll von seinen Schülern 
zusammengetragen sein, von den 71 Abschnitten seien 18 
verloren ; es handle von Moral und Politik. Die letzten 
20 Abschnitte von Militär-Taktik seien aber so dunkel und 
unverständlich, dass man meine, der ursprüngliche Text sei 
nicht erhalten. Auch Ngan- oderYen-tseu soll nach Wylie 
p. 28 sein Schüler gewesen sein (s. über ihn oben Anm. 47). 

Ein Zeitgenosse des Confucius, der aber ganz anderen 
Principien folgte, sich aus der Welt zurückzog, satt Aemter 



71) DerKat. 13 f. 1 fg. rechnet Me-tseu, Yn-wen tseu aus der 
D. Tscheu 1 K., wie Schin-tseu, zu Meng-tseu's Zeit, s. VI, 2, 8, 
IK., Ho-kuan-tseu 3K, Kung-sün-lung-tseu aus der D. Tscheu 
3K. (s. Anm. 64), Kuei-ko-tseu 1 K. (von dem Auszuge im I-sse 
B. 114 f. 1— lOv.), wie Liü-schi's Tschhün-thsieu (s. S. 230 u. Anm. 5) 
aus der D. Thsin, Hoai-nan-tseu aus der Zeit der D.Han (s. S. 236) 
zu den Tsa-kia, Polygraphen oder vermischten Schriften. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 235 

und Ehreu zu suchen und zum Tao, dem ewigen Urwesen, 
eigentlich Wege, zurückzukehren lehrte, war Lao-tseu, 
eigentlich Li-pe-jaug mit Namen, den die spätere Sekte 
der Tao-sse als ihr Haupt betrachtet, obwohl er mit deren 
Aberglauben nichts zu thuu hat. Wir haben von ihm noch 
den Tao-te-king, den Prof. Julien Le livre de la voie et 
de la vertu, chinesisch mit Uebersetzung Paris 1842 in 8° 
herausgegeben hat^*). Der I-sse hat den Tao-te-king in B. 83. 
Eine kurze Nachricht über ihn und seine Schüler oder 
Nachfolger, Tschuang-tseu, Schin-pu-yen und Han- 
fei-tseu gibt der Sse-ki B. 63, Lao, Tschuang, Schiu, 
Han-lie-tschuen. Aelter als diese Schüler ist Lie-tseu, 
der 398 v. Chr. sein Werk noch vor Tschuang-tseu, der 
ihn öfter citirt, herausgab. Wir haben sein Werk nach dem 
Han-schu B. 30 f. 15 in 15 Pien in 2 Heften unter den 
10 Philosophen noch ; aus seinen Werken und denen 
Tschuang-tseu's theilt der I-sse B. 112, 1 u. 2 Lie, 
Tschuang tschi hio die Lehre von jenem K. 112, 1 f. 
1— 22 v., die von diesem K. 112, 1 f.22v.fg. und K.112, 2, 
ich weiss nicht ob Stücke oder die ganzen Werke — da 
sie mir nicht zugänglich sind — mit. Tschuang-tseu war 
Zeitgenosse des Kaisers Hien-wang's 368 — 20 v. Chr. und 
Verfasser des berühmten Nan-hoa-king und 2 satyrischer 
Schriften wider die Schule des Confucius. Der Han-schu 
ebenda hat Tschuang-tseu 52 Pien und B. 30 f. 14 v. 
dann noch folgende Schüler Lao tseu's: Wen-tseu 9 Pien, 
nach den Scliolien aus Confucius Zeit, Yuen-tseu 13 Pien 



72) Nach dessen Uebersetzung ist die englische Uebersetzung 
des Textes von John Chalmers The speculations on Metaphysics, 
Polity and Morality of the old Philosopher Lau-tsze. London 1868. 
8. gemacht. Reinhold vonPlänkners deutsche Uebersetzung: Lao- 
tse Tao-te-king, der Weg zur Tugend. Leipzig 1870. 8. will Julien 
meistern, der Titel des Buchs ist aber schon falsch übersetzt. 



236 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 5. Februar 1870. 

(aus Tschu), Kuen-yn-tseu 9 Pien, Lao-tsching-tseu 
18Pien. Han-fei-tseu, von derselben Schule, blühte unter 
Kaiser Ngan-wang, der ihn 397 v. Chr. als Gesandten nach 
Thsin schickte; sein Werk unter denen der s. g. 10 Philosophen 
in 4 Heften, handelt vornehmlich von Strafen und Gesetzen 
vvesshalb ihn Ma-tuau-lin den Gesetzgelehrteu (Fa-kia) bei- 
zählt. Der Han-schu B. 30 f. 17 v. hat Han-tseu 55 Pien, 
der Katalog 10 f. 1 v. 20 K. Der I-sse B. 147 schang 
und hia: Han-fei hing ming tschi hio gibt, ich weiss 
nicht, ob sein ganzes Werk. Zu dieser Schule gehört auch 
Ho-kuan-tseu, der lOte der Philosophen aus dem Lande 
Thsu, Zeitgenosse Yang-tschu's und Me-thi's; von seinem 
Werke hat sich aber nur 1 Heft verstümmelt erhalten. Der 
I-sse B. 128 enthält seine Reden, Ho-kuan-tseu tschi yen 
vgl. Katalog B. 13 f. 2. Kuau-tseu. der 5te der Tseu, blühte 
480 V. Chr. im Reiche Thsi, s. S. 216;''^) man hat von ihm 
389 Essai's über National-Oekonomie, Krieg u. Gesetze, 
welche Lieu-hiaug unter der D. Han in 86 K. abtheilte; es 
sind jetzt 8 Hefte in 24 Kiuen, wie Kat. 10 f. 1. Man rechnet 
ihn auch zur Schule der Gesetzgelehrten (Fa-kia). Der I-sse 
gibt Auszüge aus ihm B. 89 f. 22—33 und B. 44. Aus 
dieser Klasse nennt der Han-schu B. 30 f. 17 v. noch Li- 
tseu Minister Wei-wen-heu's (423—386), 32 Pien; 
Schang-kiün 29 Pien, Kat. 10 f. 1 v. 5 K., (Auszüge im 
I-sse B. 115 f. 3— 6 u. 8— 22v. vgl. Sse-ki B. 68, S.-B. 29 
S. 98; s. oben S. 223); Schiu-tseu oder Pu-hai 6 Pien, 



73) Der 7te dieser Philosophen von derselben Schule Hoai-nan- 
tseu, ein Enkel des Kaisers Han Kao-ti, der erst 179 — 156 v. Chr. 
blühte, ist aus späterer Zeit. Der Han-schu B. 30. f. 21 hat von ihm 
zwei Werke; — er rechnet ihn zur Classe der Polygraphen (Tsa-kia), — 
eines in 33 Pien ist verloren, das 2te, 8 Hefte in 21 K. , ist auch in 
der Sammlung III, 6; s. m. Abhdl. S. 249 und Wylie p. 126. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 237 

Minister Han Tschao-heu's (359 — 32) , vgl. Sse-ki B. 63 
f. 5. Katalog B. 13 f. 1 v. , Auszüge im I-sse ß. 111 ; Tschu- 
tseu aus Tschao 9 Pien u. Tschin-tseu 42 Pien — die der 
I-sse B. 119 f, 9v. bis 13 auszieht — vor Schin- und Han-tseu, 
die ihn anführen. Der Katalog K. 10 f. 1 v. hat unter den 
Fa-kia noch Theng-si-tseu aus der D. Tscheu 1 Kiuen. 

Noch haben wir einige alte Werke über Kriegskunst 
(Ping-kia) von Sün-tseu u. U-t^eu, von deren Verfassern 
der Sse-ki B. 65 handelt, sowie den Sse-ma-fa, welche 3 
Amiot Mem. T. 7 übersetzt hat. Vergl. Gaubil Tr. p. HO. 
Stellen aus Sün-tseü hat der I-sse B. 89 f. 22 — 33. Sün- 
tseu oder Sün-wu war ein Officier im Dienste U's im 
6. Jahrhundert V. Chr.; seine Abh. über Militär-Taktik ist in 
13 Abschn. U-tseu oder ü-ki schrieb im 4 Jahrh. v. Chr= 
Der Kat. 9 f. 23 hat U-tseu 1 K. Sein Werk handelt in 
6 Abschn. von den National-Resourcen — der Schätzung der 
feindlichen Macht — der militärischen Coutrolle — Dis- 
cussion über Militärbeamte und von der Aushebung von 
Truppen. Der Sse-ma-fa, nach dem Kat. 9 f. 23 1 K., 
wurde im 4. Jahrh. v. Chr. auf Befehl des Fürsten von Thsi 
aus älteren Werken compilirt. In 5 Abschnitten handelt 
es von der Wurzel des Wohlwollens — der Theorie der 
Autokracie — den festgesetzten Titeln — strengen Aufmerk- 
samkeit auf die Stationen und der Verwendung der Masse ;^*) 
s. Wylie p. 72 fg. 

Der I-sse B. 113 gibt auch noch Nachricht und Aus- 



74) Der Han-schu B. 30 f. 28 hat von Werken über den Krieg: 
1) ü, Sün tseuPiug-fa 82 Pien. 2) Thsi Sün-tseu 80 P. 3) Kung 
sün yung 27 P. 4) U-ki 48P. 5jFan-li 2 P. 6) den Ta-fu Tschung 
2 P. (beides waren berühmte Generäle Keu-tsien's von Yuei) und 7) 
Han -sin 3 P. Es fragt sich aber, ob dies wirklich Werke derselben 
waren oder nur unter ihren Namen verfasste. Sie sind auch wohl 
nicht mehr erhalten. Der Katalog K. 9 f. 21 hat unter den Schrift- 



238 Sitzung der pJiilos.-phüol Classe vom 5. Februar 1870. 

Züge aus den Werken von 2 Aerzten Pien-tshio und Wen- 
tschi. Es gab kaiserliche Aerzte nach Tscheu-li V f. 1 — 16, 
und fürstliche nach Meng-tseu 11, 1, 2, 3 z.B. in Thsi. 

Erwähnung verdienen hier noch die Thsu-sse, s. den 
Katalog K. 15 f. 1 fg., Wylie p. 181. Es sind dieses Poesien von 
ausgezeichneten Männern des Königreiches Thsu in Hu-kuang. 
Die ersten sind von Khio-yuen, Minister von Hoai-wang (328 
bis 2 98); s. Sse-ki B. 84, sein Leben. Vom Volke geliebt, dem 
Könige unentbehrlich wurde er verläumdet und verlor seinen 
Posten. Zurückgezogen dichtete er den Li-sao, d. i. die An- 
wandlung des Schmerzes , worin er unter Allegorien einen 
König aufsucht, der den vollkommenen Herrschern der alten 
Zeit gliche, aber zuletzt ihn zu finden verzweifelt. Rathlos 
brachte der König Verderben über das Land; sein Heer wurde 
von Tshin geschlagen und das Land verwüstet. Tshin veran- 
lasste dann den König zu einer Zusammenkunft. Trotz des 
Rathes "von Khio-yuen ging er hin und er wurde da bis an 
seinen Tod zurückgehalten. Khio-yuen tadelte den Jüngern Sohn 
des Königs Tse-lan, der zu der Reise gerathen; der verklagte 
ihn beim neuen Könige und er wurde südlich vom Kiang 
verbannt. Hier dichtete er noch die 9 Gesänge, die 
Himmelsfragen, die 9 Capitel, die ferne Wanderung, 
die Wahrsagerwohnung und den Fischervater, den Re- 
gierungsgrundsätzen der alten Könige wieder Eingang zu 
verschaffen. Da ihm das nicht gelang, wollte er den Unter- 
gang seines Vaterlandes nicht erleben , stürzte sich , einen 
Stein im Busen, in den Mi-lo Fluss und ertrank 250 v. Chr. 
Jährlich am 5. des 5. Monats feiert das Volk da noch seinen 



stellern über den Krieg noch den San-lio 3 K. (s. oben Anm. 27) 
und den Wei-liao-tseu, 5 K. aus d. D. Tscheu. — Diesen hat der 
Han-schu B. 30 f. 20 aus der Zeit der 6 Reiche, aber unter den 
Tsa-kia. 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 239 

Todestag; die Topographie von KiaDg-ling gibt seine alte 
Wohnung imd den Ahnenterupel seiner Schwester Niü-siü und 
der Stein , auf dem seine Kleider ausgeklopft wurden , wird 
noch gezeigt. 

A. Pfizmaier: das Li-sao und die 9 Gesänge, 2 chi- 
nesische Dichtungen aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., Wien 
1852 fol.; aus den Denkschriften der Wiener Akademie B. 3 gibt 
eine deutsche üebersetzung derselben, der I-sse B. 132 f. 3 v. 
bis 8 mit dem Commentare von Wang-y den chinesischen Text 
des Li-sao und den der 9 Gesänge (khieu kho) f. 9 — 12, 
dann die Himmelsfragen (thien-wen) f. 12 — 15; die ferne 
Wanderung (yuen-yeu) f. 15 — 17; die Wahrsagerwohnung 
(po-kiü) f. 17 — 18; den Fischervater (yü-fu) f. 18 und 
noch andere f. 19 fg. Den Thai-tschao schreiben nach den 
Schol. f. 27 V. einige ihm, andere King-tschha zu. Es ist 
dies ein anderer dieser Dichter aus Thsu ; ein dritter aus der- 
selben Zeit oder etwas später ist Suug-iü. Die Stelle des 
Sse-ki über beide gibt der I-sse 1. c. f. 28, dann noch eine über 
diesen aus dem Sin-siü, die auch im Han-schi uai tschuen. 
Der Han-schu B. 30 f. 22 v. hat Khio-yuen pu, 25 Pien, 
Thang li pu, 4 Pien (nach den Schol. auch ein Mann 
aus Thsu) und Sung-iü pu. 16 Pien. Gedichte von diesem 
hat der I-sse B. 132 f. 29 — 44. Lieu-hiaug sammelte die 
Gedichte aus Thsu (Thsu-sse) , zuerst im 1. Jahrhundert 
n. Chr. Sie sind dann später verschiedentlich commentirt 
und herausgegeben worden, s. Wylie p. ISl; in Witn sind 
2 Ausgaben. 

Ausser ihrer politischen und poetischen Bedeutung werfen 
diese Gedichte auch auf die Sagengeschichte, diu Religions- 
verhäitnisse und die üulturgeschichte Thsu's ein eigenes neues 
Licht. Es werden z. B. in den 9 Gesängen durch Zauberinnen 
mit Musik und Tanz 8 Götter und ein Dämon herbeigerufen, 
so: der Tung-hoang Thai-i (der Kaiser des Ostens, der 



240 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 5. Februcvr 1870. 

grosse Eine), der Wolkengott, die Königin des Siang(-FIusses), 
die Gebieterin (fu-pin) des Siang (Yao's ältere und jüngere 
Töchter, Gemahlinnen Schün's), der grosse Schicksalsgott 
(Ta sse ming , der oberste der 3 Thai-Sterne) , der kleine 
Schicksalsgott (Siao-sse ming, der 4te Stern des Sternbildes 
Wen-tschang), der Fürst des Osten (Tung-kiün, d.i. der Sonnen- 
gott), der alte (Gott (des) Hoang)-ho und der Bergdämon (Schan- 
kuei). Den Manen der erschlagenen Krieger wird geopfert. 
Andereinnere Verhältnisse. Unter diesem Titel fassen 
wir zusammen was der Sse-ki B. 23 — 30 und der I-sse 
B. 151 bis zum Schlüsse B. 160 noch hat. Die 8 ßücher 
Pa-schu, Zweige der Wissenschaft, des Sse-ki handeln für 
die Zeit der ganzen alten Geschichte vom Ritual, der Musik, 
den Gesetzen, der Zeitbestimmung, der Himmelskunde, den 
Opfern, den öffentlichen Bauten, besonders der Kanäle, den 
Maasen und allen ihren Veränderungen bis unter den Han : B. 23 
Li-schu, von den Gebräuchen; B. 24 Yo-schu, von der 
Musik; B. 25 Liü-schu; B. 26 Li-schu, von der Zeit- 
bestimmung. Die 4 Bücher Sse-ma-tsien's sind aber verloren 
und die 2 letzten von Tschu-schao-sün, B. 23 durch Siün-tseu's 
Li-lün, B. 24 durch den Yo-ki ersetzt. B. 27 Thien-kuan- 
schu, von der Himmelskunde; B. 28 Fung-schen-schu, 
von Opferplätzen ; B. 29 Ho -khiü-schu, von Wasserbauten 
und B. 30 Ping-tschün-schu von Maas und Gewicht. 

Im I-sse ist B. 151 Thien-kuan-schu, mit 11 Tafeln 
der Gestirne. Es wird nicht nöthig sein, aus diesen und 
den folgenden Büchern alle die vielen schon genannten oder 
nicht genauer bekannten Schriften, aus welchen er Excerpte 
gibt, anzuführen. Wir heben hervor den ersten Theil des 
Tscheu-pei-suan-king f. Iv.'^), Sse-ki B.27, Han-schu, Hoai- 
nan-tseu, Tschhün-thsieu-yuen-ming-pao. 



75) Es soll nach Wylie p. 86 aus d. D. Tscheu sein: der erste 
Theil ein Dialog zwischen Tscheu-kung und Schang-kao, einem Mi- 



Flatly. Quellen der alten chines. Geschichte. 241 

B. 152 hat den Titel Liü-li-tung-kao und ist aus 
Sse-ki B. 25 Han-scliu u. s. w. 

B. 153 Yuei-ling, enthält zu Anfange den kleinen 
Kalender der Hia, llia-siao- tsching. — den wir aus dem 
Ta-tai Li-ki K. 26 Ti 47 kennen, übersetzt von BiotN, Journ. 
As. 1840, Ser. III, T. 10 p. 551 — 60 und jetzt von uns in 
u. Abh. Die Beschäftigung der alten Chinesen, a. d, Abh. der 
Ak. München 1869 4. p. 141 (39) fg. — dann Auszüge aus 
dem Tscheu-schu f. 3 — 6, darauf f. 6 — 17 das Kap. 6 des Li-ki 
C. Yuei-ling und f. 17 fg. aus Tschuang-tseu den Abschnitt 
die vier Jahreszeiten (Sse schi) mit Zusätzen aus Andern. 

B. 154 in 2 Abth. Hung-fan u. hing-tschuen, von 
den 5 Elementen, enthält nur Pan-ku's Han-schu B, 27 
ü-hing tschi, 

B. 155. Ti-li-thu, enthält erst geographische Karten 
China's aus der ersten Zeit, dann die der neun Provinzen nach 
demC. des Schu-king Yü-kung, die unter der 2.D.Schang; un- 
ter der 3. D. nach Tscheu-li B. 33 Tschi-fang schi; dann unter den 
West-Tscheu; zur Zeit des Tschün-tsieu ; zur Zeit der streiten- 
den Fieiche und zuletzt der Provinzen der 4. D. Thsin. Da- 
rauf folgen unter dem Titel Ti-li-tschi geographische 
Nachrichten aus verschiedenen Autoren, dem Eul-ya, Schi- 
ming, Hoai-nan-tseu u. a. Aus dem Ti wang scLi-ki gibt er 
f. 5 — 7 V. die angebliche Grösse und Bevölkerung Chinas 
von der ältesten Zeit an bis zur 4 D. Thsin ; s. m. Abh. 
üeber die Glaubwürdigkeit d, ältest. chin. Geschichte. 
München 1866 8°, a. d. S.-B. 1866 L, 4 S. 571 fg.; zuletzt 
7 — 17 V. die Geographie der einzelnen Reiche aus 
dem Han-schu B. 28 hia f. 17 — 27 und dem Po-voe -tschi. 



nister der D. Tschau, handelt von den Eigenschaften des recht- 
winkeligen Dreiecks ; der zweite , ein Dialog zwischen Yung - fang 
und Tschin-tseu über Astronomie, ist zum Theil aus späterer Zeit; 
der letzte spricht von der runden Gestalt der Erde , dem Wechsel 
der Temperatur und der Länge der Tage nach der Breite des Orts. 
Vgl. E. Biot Traduction et explication du Tscheu-pei, ancien ouvrage 
astronomique, im Journ. As. 1841. Ser. III. T. 11. p. 593—640 nach 
dem ganzen Text im Tsin-tai-pi-schu. S. Fourmont's Catalog p. 304. 
[1870. I. 2.] 16 



242 Sitzung der philos.-'p'hildl. Classe vom 5. Februar 1870. 

B. 156. Tsching-schi schi-pu sind Denkwürdig- 
keiten aus der Geschichte des Schi-king nach der Folge der 
Bücher f. 1 — 9. Dann folgt f. 9 v. fg. Schang-schi-u 
(5) Pien, eine Liste der Kaiser der 2. D., auf die man 
Schi-king Schang-sung IV. 3 bezieht; darauf f. 11 — 21 v. 
Tscheu-schi san pe lo pien, der Reihe der Kaiser der 
3. D. Tscheu, auf welche man die Lieder des Schi-king B. 2 
und 3 Siao- u. Ta-ya bezieht. 

B. 157 Schi-ho-tschi, über Nahrung und Güter. Erst 
Erklärung von Ausdrücken aus den alten Wörterbüchern u. 
a. Werken, dem Eul-ya, Schue-wen, Siao-eul-ya, Po-ya u. 
Schi-ming'^^) dann sächliche Nachrichten aus dem Han-schu 
B, 24 1 u. 2, dem Sse-ki, Siang pei-khing, Han-schi uai- 
tschuen u. a. 

ß. 158. Sui-iü-thu, gibt erst Abbildungen von den 
verschiedenen Kuei (Abzeichen der Fürsten) u. Geräthen mit 
Beschreibungen und dann den ganzen Anhang des Tscheu-li 
B. 40 — 44 Khao-kung-ki über die Gewerbe, statt des ver- 
lorenen Theils des Tscheu-li (die früheren Bücher des Tscheu-H 
gab der I-sse bereits 13. 23, 1 u. 2). 

B, 159, 1. schaiig enthält sehr Mannigfaltiges, erst 9 Bl. 
Abbildungen von Gefässen mit Beschreibungen, dann 
besonders Auszüge aus dem Pe-hu-tung u. a. über Bücher, 
f. 20 Proben der verschiedenen chinesischen Charaktere, 
von Tsang-hi(?, dem angeblichen Erfinder der Schrift, aus 
Yü's Zeit, der (Siegel -Charaktere) des Tschheu-sse, der 
Bücher zu Cont'ucius Zeit, der von Li-sse und der Bureau- 
Schrift (Li schu) unter der D. Thsin. 

B. 159, 2. (hia) Kuan fu handelt von der Kopfbe- 
deckung und der Tracht und hat Stellen aus dem Heu- 
Han schu, Pe-hu-tung, Schue-yuen und den erwähnten alten 
Wörterbüchern, dann Tscheu-kiü, d. h. von Schiffen und 
Wagen, nach denselben Werken, darauf Kung-schi, von 
Palästen und Häusern, auch mit Stellen aus den genannten 
Wörterbüchern und dem Fang-yen, einer alten Dialektologie^^); 



76) Die letzteren 3 finden sich in der Sammlung I, 17, 19 und 20. 

77) Fang-yen, in der Sammlung I, IS, zeigt die verschiedene 
Sprache in den einzelnen Reichen wohl zur Zeit des Tschhün-thsieu 



Plath: Quellen der alten chines. Geschichte. 243 

weiter f. 10 Ki-yung, vom Gebrauche der Gefässe nach 
denselben und einigen anderen Werken. Sehr dürftig sind 
die letzten Abschnitte Yen-schi, von Trank und Speise, 
Tsao-mo, von Kräutern und Bäumen und Niao-scheu, 
von Geflügel und Wild. Ausführlicher ist dieses alles in 
den grossen chin. Eucycloj^edien, aber nicht beschränkt auf 
die alte Zeit. Unsere Abb. : die 4 grossen Encyclopedien 
der Chinesen wird darüber die näheren Nachweise geben. 
B. 160 endlich Ku kin jin piao ist Pan-ku's Han- 
schu ß. 20 f. 1 — 69 und enthält eine Uebersicht sämmt- 
licher Kaiser, Vasallenfürsten, Staatsmänner u. s. w. 
des alten China von Fu-hi bis zu Ende der 4. D. Thsin. 

Manche Einsicht in die innern Verhältnisse gewähren 
noch die Sammlungen alter Gefässe und der In- 
schriften darauf durch die Chinesen. Pauthier im Journ. As. 
1868. Ser.VIT. 11 p. 362— 5 nennt 10 chin. Werke darüber. 
Uns stehen nur 2 davon zu Gebote. 

Den 1) San li thu, Tafeln (Abbildungen) zu den 3 Li 
, (dem Tscheu-li, I-li und Li-ki, s. S. 100 fg.) von Ni-tshung 
I yi, V. J. 962, der schon oben erwähnt ist, hat die Staatsbiblio- 
thek; es ist auch in Berlin nach Schotts Verzeichniss S. 63. 

2) Lo king thu khao, von Yang kia unter der D. 
Sung 1165, mit 322 Abbildungen. 

3) Khao ku thu, von Po ku thu u. Liü Tu fang 
unter der D. Sung, Abbildungen alter Vasen. Daraus giebt 

, solche Thoms im Journ. of theAs. Soc. of London. T. L 

! 4) Siao tung tsi ku lo, von Wang-kien a. d. Sung. 

Von 292 alten Inschriften sind 126 aus der 2 D. Schang, 

133 aus d. D. Tscheu, 23 aus d. D. Han, dann 36 Siegel, 

eines angeblich von Yü. 



und der Tschen-kue. Er unterscheidet Yen mit Tschao-sien, 
(Tai), Lu, (besonders Ost-) Tshi, Tsin (Tschao, Han und Wei), 
Tshin, Sung, Wei (in Ho-nan), Tsching, Tschin, Thsu (King), 
ü und noch andere Unterabtheilungen. 

16* 



244 Sitzung der pMos.-pMlöl. Classe vom 5. Februar 1870. 

5) Tsclmng ting khuan tschi von Sie-schi (Schang- 
kung), a. d. D. Sung, hat 2 Inschriften aus d. D. Hia, 209 a. 
d. D. Schaug, 253 a. d. D. Tscheu u. s. w. K. 17 enthält die 
Inschrift einer Stein-Trommel a. d. Zeit Siuen-wang's 827 v. 
Chr. u. die Inschrift einer Lanze Tschung-kang's (2150 v. Chr.) 

Die Staatsbibliothek hat es in 20 Kiuen, in einer Ausgabe 
a. d. Regierung Kia-khing A^ 2. 

6) Tsi ku tschai tschung ting i khi kuan tschi 
von Yuen-yuen, hat 170 Inschriften aus d. 2 D. Schang 
u. 260 aus den 3 D. Tscheu. 

7) Tscheu y tshiuen schu ku. 1596 2 B. 4. 

8) Kiu ting si thsing ku kian, Abbildung und Be- 
schreibung von 1529 alten Gegenständen; daraus sind die 
alten Gefässe b. Pauthier Description de la Chine pl. 38 — 
44, p. 202—7 abgebildet. 

9) Thsien tschi i sin pien, Abbildung von Münzen, 
angeblich schon von Fu-hi (3467 v.Chr.), Schin-nung (3218), 
Hoang-ti (2697), Yü (2205) u. s. w. (Fang-schi's Me phu, 
Inschriften auf Dintenstöckeu , aus der Zeit der Sung , ge- 
hören nicht hieher.) 

Ein Werk in Berlin ist schon Anm. 38 erwähnt. 

Man sieht, wie viele Quellen für die innere Ge- 
schichte des alten Chinas und speciell der letzten Zeiten 
der 3. D. Tscheu vorhanden waren und zum Theil noch 
sind , aber diese in Europa sich zu verschaffen und dann 
auszubeuten, ist schwer; ehe das aber nicht geschehen, 
kann eine gründliche, allumfassende alte Geschichte China's 
nicht geschrieben werden. 



Lauth: Fapyni^ Prisse. 245 



Herr Lauth trägt vor: 

„Ueber Chufu's Bau und Buch." 

(Papyrus Prisse. IL TheiL) 

In meiner vorigen Abhandlung^) habe ich durch eine 
vollständige Analyse der zwei ersten Blätter des Papyrus 
Prisse dargethan, dass der Verfasser dieses und des vor- 
angehenden, leider ! verloren gegangenen Theiles sich in der 
Schlussphrase selbst Kadjimua nennt — eine Beobachtung, 
die Herrn Chabas^) entgangen war, da er schreibt: Le nom 
de Ptahhotep n'apparait pas dans les clauses finales du 
premier ouvrage ; par analogie avec ce qui se passe dans 
le second , nous devons croire que le nom de l'auteur etait 
indique apres le titre qui a disparu." Ich stimme mit letz- 
terer Bemerkung vollständig überein, nur dass ich nicht den 
Ptahhotep, Verfasser des dritten Theiles, sondern den 
Kadjimna (Kaxif.ir^v) eben so zu Anfang ergänze, wie er 
am Schlüsse des ersten Theiles als Verfasser genannt ist. 
Auch Brugsch^) hat die Sache so aufgefasst wie ich, indem 
er sagt: jjAuf der Schlussseite einer nur fragmentarisch 
vorhandenen Abhandlung des ägyptischen Landvogtes Ka- 
kemui, welche den Weisheitslehren Ptahhotep's voran- 
ging und ähnlichen Inhaltes war , findet sich gegen Ende 
des Werkes folgende beachtenswerthe Stelle'" (vergl. meine 
Abhandlung über Pap. Piisse I. Theil zu II lin. 4 — 7). Aber 
auch er spricht nur von zwei Verfassern des Papyrus Prisse, 



1) Sitzungsberichte 1869, II, 4. 

2) Revue archeolog. 1858 p. 4. 

3) üeber Bildung und Entwickelung der Schrift p. 27. 



246 Sitzung der philos.-philöl. Classe vom 5. Februar 1870. 

indem er den zerstörten Theil mit Stillschweigen übergeht. 
H. Chabas sagt im unmittelbaren Anschlüsse an die oben 
aus seiner Arbeit citirten Stelle : ,,nous voyons d'ailleurs 
qu'ä la fin de ce second ouvrage (es ist mein III. Theil) 
Ptah-hotep n'est pas nomme non plus , mais qu'il est lui- 
meme la personne parlante et agissante." Das Fehlen des 
Namens Ptahhotep am Schlüsse des III. Theiles hat seinen 
Grund einfach darin, dass er, der 110jährige, kein Avan- 
cement zu melden hatte , wie Kadjimna , der zu Anfang 
seines Werkes einen niedrigeren Grad unter König Huni 
bekleidet hatte, während er nach dem Ableben dieses Mo- 
narchen und mit dem Regierungsantritte des Snefru sofort 
ausser seiner schon innegehabten Eigenschaft als tsQoyQCffjr 
fjiarevg auch noch den Rang eines Mur-nu-dje (praefectus 
urbis et orbis) erhielt. Wir haben folglich keinen Grund, 
Herrn Chabas beizustimmen, wenn er schliesst : ,,il y a donc 
quelque motif de penser que les deux (eigentlich „trois") 
ouvrages sont du meme auteur et que le premier a ete 
compose a une epoque contemporaine de la mort d'un roi 
nomme Oer-En (lies Huni) auquel succeda immediatement 
Snefru, monarque qui recompensa Ptah-hotep en lui con- 
ferant la dignite d'intendant civil. Le livre efface datait 
probablem ent du regne de Suefrou". Für den letzten Satz 
fehlt es an jeglicher Begründung, da der in dem absichtlich 
ausgelöschten Theile vorkommende, durch |^ noch andedeutete 
Königsname sich nicht so weit vom Anfange des zweiten 
Buches entfernt befand, als eine Datirung voraussetzen 
Hesse. Gehen wir nach diesen Betrachtungen zur Sache 
selbst über. 

Der Herausgeber bemerkt zu Pag. III: „Le manuscrit 
presente ici un espace d'euviron 1 metre 33 centi- 
metres de longueur, dans lequel on a evidemment 
efface l'ecriture et lustre le papyrus avec soin, sans 
doute pour substituer aux legendes supprimees un 



i 



Lauth: Papyrus Prisse. 247 

texte qui n'a jamais ete trace." Reclinet man zu dieser 
Ausdehnung von 4 Fuss (französisch) des ausgelöschten Textes 
auf pag. III noch die ebenfalls ausgelöschten Zeilen auf pag. II 
(unten) und pag. IV (oben) , so ergeben sich im Ganzen 
5 Fuss = 5 Columnen (von durchschnittlich 1 Fuss) eines alt- 
ehrwürdigen Textes, dessen Verlust wir zu beklagen haben, 
wie dem Träumenden der Schatz in demselben Augenblicke 
verschwindet, wo er ihn gehoben hat. 

Kein menschlicher Scharfsinn vermag diese Lücke aus- 
zufüllen. Aber vielleicht lässt sich doch der Verfasser er- 
mitteln und damit ein wenn auch geringer Ersatz für das 
Verlorne gewinnen. Da ich meine schon früher (im I. Theile 
des Pap. Prisse) geäusserte Ansicht : .,Die fünf ausgelöschten 
Columnen des Pap. Prisse (II) enthielten vermuthlich das 
Buch des Cheops" mit Niemanden theile, so muss ich. um 
sit; zu beweisen oder doch wahrscheinlich zu machen, etwas 
weiter ausholen. Aus dem oben Erörterten entnimmt man 
sofort den Eindruck, dass der Schreiber aus der XI. Dynastie, 
welcher die (ursprüngHch) drei Texte aus älteren Originalen 
copirte , sie zu einer Sammlung moralischer Abhandlungen 
vereinigen wollte. Nun ist aber der erste Text vom Ende 
der III, Dynastie, dagegen der dritte Text vom Schlüsse der 
V. Dynastie gezogen, also ist nichts natürhcher als die 
Folgerung, dass er die chronologische Ordnung befolgte. 
Schon die einfache Rechnung nach dem arithmetischen Mittel 
würde somit für den IL Theil, den jetzt ausgelöschten, den 
Zeithorizont der IV. Dynastie ergeben. Nun aber belehrt 
uns ein vollgültiger Zeuge , kein Geringerer als der ägyp- 
tische Geschichtschreiber Manetho selbst, dass der König 
Cheops (Chufu 2ov(fig) ein heiliges Buch verfasst hat. 
^^ie passend dieses Werk gerade dieses Königs die von 
uns beklagte Lücke des Pap. Prisse auszufüllen geeignet ist, 
wird aus einer kurzen Erwägung der Umstände deutlich 
erhellen. 



248 Sitzung der jahiTos.-phüol. Gasse vom 5. Februar 1870. 

Die wichtige Stelle Manetho's lautet: ß^(6svxsqog ißcc- 
ÖiXsvOs) 2ov(fig ert- ^/* og trlv hsyiOti]v fjsiQs TzvQafiiSa, 
rjv (pr^Oiv "HooSoTog vno Xsonog yeyovävai. Ovxog dh 
xal vnsQortzrig sig d^sovg iyävsTO xal ti]v tsqdv 
Ow syqaip € ßißXov, f]v cog /.is'ya yofif.ia iv AiyvTtro) 
yeröfievog ixir^öanr^v. So der getreue Auszügler Africanus. Die 
barocke Zusammenstellung ,,Götterveräcliter und Verfasser 
des heiligen Buches" suchte Eusebius erträglicher zu machen, 
indem er zwischen beide nsravo7]aavva einschob. Wie schlecht 
ihm aber die Herstellung eines besseren Sinnes gelungen ist, 
zeigt sein Text: 2ov(pig, 6 rr^V fjLsyiGTrjv TTVQafxiSa sysiQag, 
rjv (frjOiv '^HooSotog vno Xsonog yeyovsvaf og xal vneqon- 
tr^g €ig ■d-sovg ys'yovsv , wg fxeTaror^Oarxa avrdv Tr]v legciv 
OvyyQaipai ßißXov, ifv cog fieya XQr\!J.<x Alyvmioi nsqiänovOi. 
Man sieht auch ohne meine Erinnerung, wie ungereimt es 
klingt: ,, dieser ward auch ein Götterverächter, so dass 
(denn wg steht offenbar, wie so oft für wdr«) er nach seiner 
Bekehi'ung (Bereuung) das heilige Buch verfasste". Ich habe 
schon früher in meinem ,,Mauetho" p. 173 gezeigt, wie dieser 
Widerspruch zu lösen sein dürfte, indem ich annahm, dass 
Cheops in den Geruch der Gottlosigkeit (doeßrjg) eben durch 
den Titel seines Buches ha-sehait ,, Anfang der Unterweisung" 
gerathen sein möchte. Es trifft sich recht glücklich, dass 
Horapollo I 38 in demselben Capitel, worin er die ßißXog 
Uqd unter dem Namen dfißqr^g erwähnt — welcher Aus- 
druck nichts Anderes ist als der Titel des Todtenbuches 

^^^v^^o ^^-w*"**ßw „Anfang der Capitel" — auch das 
Wort oßdü naidsCa aufführt, welches identisch ist mit dem 
koptischen sbo eruditio , doctrina , disciplina , und auch in 
dem abstracten mentsal)e(ti) wiederkehrt. Nun aber be- 
ginnt das Werk des Ptahhotep gerade mit '^Jj^^ljl| f! 
sebai't „Unterweisung" und ähnlich die politische In- 



Lauth: Papyrus Prisse. 249 

struction des Amenemha I von der XII. Dynastie mit 

^^.Mv J^^^Hi'=^ '^^'^-^-^^^(^i^ „Anfang der Unter- 
weisung". Die Präposition m ist facultativ und fehlt dess- 
halb öfter, so dass ha-sebai't allein steht. Was ist nun 
natürlicher, als anzunehmen, dass dieses Jia-sebait, womit 
so viele Schriften anhüben , auch der Titel des Buches von 
Cheops gewesen sei, und dass daher äasßiqg eben so grae- 
cisirt entstand wie ctfißQijg? 

Allerdings könnte das Buch des Cheops, da es so aus- 
drücklich als r] tsQcc ßißog hingestellt wird, den dieser griech- 
ischen Uebersetzung wörtlich entsprechenden Titel zama- 
nnte(r) ,,das (göttliche) heihge Buch" wirklich geführt haben. 
Was mich dazu bestimmt, gerade an diese Ueberschrift zu 
denken, ist die üeberlieferung des Ausdruckes 2f^«vovi9-t. 

Bei dem Bischöfe Theophilus ad Autolyc. II 6 erscheint 
der Passus: ^AnoXXoovidriq, 6 xal "ilqäTtiog iTtixXrjd-sig ^ iv 
ßißhi) xfl €niyqa(foiX£Vi] 2s fisv o v^ i^^. Leider ist die 
griechische Umschrift wegen des abhanden gekommenen 
breiten Zischlautes aäv (seh) und wegen Verschmelzung 
des alten Zade hinter pe (nt) mit Oiy^a nicht geeignet, uns 
über den Anlaut dieses Wortes authentisch aufzuklären. 

Nur der zweite Bestandtheil -vov^C deutet bestimmt auf | 
oder phonetisch <;^ b woraus bekanntlich, mit Aufgebung 

des Rhotacismus von miter, kopt. 7it(ti, nute deus entstanden 
ist. Für den ersten Bestandtheil haben wir die Wahl zwischen 
drei ägyptischen Wurzeln. Zunächst liegt der Gedanke an 

i ^w ^^ n '^^ ^ama (Todtenbuch 162, 8), welches in dem 

kopt. djöme liber, sowie in dem semit. nD2 g'omeh Papyrus 

erhalten ist. Da jedoch bei dieser Gruppe das Zeichen j 

für nuti meines Wissens nicht angetroffen wird , so dürfte 



250 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 5. Februar 1870. 

sich die zweite "Wurzel vielleicht besser empfehlen^ ich meine 
l'^^^^^^^^) scha-nuti in Verbindung mit täp] sacA Schreiber 

und determinirt durch den Mann ^, um zu bezeichnen den 

„Schreiber des heiligen Buches". Man müsste nur, wie es 
im Koptischen so häufig geschieht, die Relationspartikel m 
(vergl. oben ha-m-reii, lia-m-sebait) suppliren, um buchstäb- 
lich sclie-m-niiti ,,das göttliche (heilige) Buch" zu erhalten. 
Mit derselben Ergänzung und dem Laute des 2sfx£vovd-i 

mehr entsprechend ergäbe die so häufige Gruppe |iz:±t=i, , , 
(s) cke-(m)-niiti ,,die göttliche Sache oder Wissenschaft^)" 
das erforderliche Material. Ich übergehe andere Stämme 
wie z. B. sem, sema, die im Aegyptischen mit s anlauten, 
und ohne die Annahme einer Sibilation direkt zu 2€f.ievovi)-i 

hinführen würden, weil der Begriff ] nuter nicht so häufig 

bei ihnen angetroffen wird; das Gesagte wird hinreichen, 
um ^six€vovd{ als acht ägyptischen Titel eines heiligen 
Buches erkennen zu lassen. 

Ich sehe einen Einwurf voraus , den man meiner oben 
gegebeneu Erklärung des dosßr^g machen könnte , nämlich : 
wie kommt es, dass , da die missverständliche Deutung des 
ha-sehait doch erst seit der durch Manetho bewerkstelligten 
Graecisirung des Ausdruckes uiöglich werden konnte, Herodot 
schon beinahe 200 Jahre früher, wenigstens indirekt, von der doe- 
ßsia des Cheops zu berichten weiss, indem er den MvxsgTvog 
im Gegensatz zu seinem tiut/q (Xeoip) und nccTQcog (Xscfqriv) 
als svaaßrjg (II 133) darstellt? Offenbar war der Hass 
der Aegypter (II 128). in Folge dessen sie als Erbauer der 
zwei grössten Pyramiden nicht den Chufu und Chafra, 



4) Dümichen: Kalenderinschriften Taf. C, 1. 

5) Brugsch lex. p. 1142. 



Lauth: Papyrus Prisse. 251 

sondern den noif^rjv ^iXtrig nannten, nicht einer miss- 
verständlichen Auffassung der Graeculi (sQfxijvetg) entsprungen. 
Ich füge sogleich hinzu : auch die Auslöschung des Werkes 
von Chufu im Pap. Prisse kann doch wohl nicht auf griech- 
ische Rechnung gesetzt werden — nicht als ob ich meinte, 
diese Zerstörung sei vom Abschreiber selbst schon in der 
XL Dynastie vorgenommen worden. Sie fällt jedenfalls in 
spätere Zeit. 

Ich werde weiterhin die in meinem ,,Manetho" ver- 
suchte Ehrenrettung des Cheops auf Grund gleichzeitiger 
Denkmäler vervollständigen. Vorderhand sollen uns die 
übrigen Missverständnisse beschäftigen, welche schon in alter 
Zeit in Betreff des Chufu aufgetaucht sind. Dahin rechne 
ich vor Allem die Misskeunuug der wahren Bedeutung seines 
Eigennamens. Ich habe an der Hand der offiziellen Königs- 
tafeln gezeigt, dass Chufu, oder in voller Schreibung Chuf-u-f 
wörtlich ,, Schützer seines Bezirkes (Landes)" bedeutet. Was 
treffen wir aber anstatt dessen bei Eratosthenes, dem Nach- 
folger des Manetho an der Alexandrinischen Bibliothek unter 
Ptolemäus Euergetes? Er übersetzt den Namen 2uc5(pig mit 
xa)(xa6Tr^q und x^^Ji^tß^'öT/;'?. Die Jb'ormen 2ov(fig (genauer 
wäre 2ov<pv-g) und ^acocpig zeigen eine Assibilation des 
anlautenden Ch (zu Seh), während Herodot den ursprüng- 
hchen Anlaut noch kennt, aber als Jonier den Vokal w in 
€0 auflöst und nach der kürzereu monumentalen Form Chuf, 
mit dem griech. Schluss-g sein Xeotp-g = Xeotp bildet. Die 
Gewährsmänner des Eratosthenes dachten aber an djöf avarus, 
sordidus und an sau potator bibitor, zwei Begriffe, die sich 
sogar ausschliessen und durch ihre gleichzeitige Anwendung 
beweisen, dass die wahre Etymologie^) des Namens Chufu 
verloren gegangen war. 



6) Eine ächte uralte Etymologie habe ich in meinem vorigen 
Aufsatze bei Gelegenheit des Snefru aus dem Pap. Prisse aufgezeigt, 



252 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 5. Februar 1870. 

Man sieht, wie der x^»;i«a^t<?^*f? schon im herodotischen 
XQrjfjiäTcov deGßsvog (II 126) vorgebildet ist und wie der 
ausgelassene Schwelger iu den unsauberen Märchen über 
das Verhalten der Tochter des Cheops wiederkliugt. Aber 
trotzdem treffen wir den Chufu auf gleichzeitigen Denkmälern 
als eifrigen Beförderer des Cultus der Götter und nur 
Pietät gegen seine Tochter übend. Wie lassen sich diese 
Widersprüche erklären ? 

Die grosse Pyramide als Wunderbau veranlasste von 
selbst zur Sagen- und Märcheubildung. Dazu kommt, dass 
ihr Bau Eigenthümlichkeiteu aufweist, die sich bei keiner 
andern Pyramide geradeso , und nur bei der drittgrössten 
analog, wieder finden. Nun ist es höchst merkwürdig, dass 
Herodot II 131 über Mykerinos, den Erbauer der letzteren, 
im Verhältniss zu seiner Tochter ganz ähnliche Geschichten 
erotischen Inhaltes berichtet, wie über Cheops und seine 
Tochter II 126. Ferner bemerkt Manetho bei der Königin 
Nitokris der VI. Dynastie: ysvvixwtaTr^ xccl svixoQCfwxdxri 
fMV xazr' avTijV yevo^sviq, '^avd-rj rrjv XQOidv, ri Trfv rQirrjv 
riysiQs nvqai-iida und hiemit stimmt die noch heutzutage 
bestehende Sage, dass nächtliclier Weile eine weisse Frau 
die dritte Pyramide umwandle. Andererseits beweist der Um- 
stand, dass Mykerinos' (Menkera's) Mumie in der dritten 
Pyramide gefunden worden ist — sie liegt jetzt im brittischen 
Museum — für den uröprünglichen Bau der dritten Pyramide 
durch diesen König der IV. Dynastie. Der scharfblickende 
Perriug, welcher des Colonel Vyse Grabungen in den Pyramiden 
sachverständig leitete, beobachtete in der That einen doppelten 
Bau au der dritten Pyramide, nämlich so, dass der ur- 
sprüngliche Kern (des Menkera) durch weitere Steinmäntel 



wo dieser Name durch suten mencli m to erdjerf „wohlthätiger Köuig 
im gauzen Lande" erläutert wird. Ebenfalls iu der Bedeutung von 
„protector" erscheint chnemu, der Beiname des Chufu, 



i Laiäh: Papyrus Prisse. 253 

(der Xitokris) überdeckt erscheint. Etwas Aehnliches bietet 
die grosse Pyramide: sie hat zwei Grabkammern. eine 
unter dem Niveau des Fusses der Pyramide in dem natür- 
lichen Felsen, zu welcher ein scliräg herabführender Gang 
leitet, und die andere im Innern des Kunstbaues, welche 
durch den aufsteigenden Corridor erreicht wird. Man er- 
sieht hieraus, wie leicht diese Eigeuthümlichkeit des Baues 
zu dem Märchen veranlassen konnte, dass Cheops in ähnlichem 
Verhältnisse zu seiner Tochter gestanden, wie Menkera zu 
der seinigen, um so mehr , als der für die Tochter des 
Cheops aufgeführte Pyramidenbau nicht bloss von Herodot 

I II 126 miterwähnt, sondern auch durch einen weiterhin zu 
besprechenden monumentalen Text bestätigt wird. 

In der oberen Grabkammer der grossen Pyramide steht 
jetzt noch der königliche Sarkophag, freilich ohne Mumie, 
die längst durch arabische oder andere Eindringlinge entfernt 
worden ist. — Da nun die Regel erforderte, dass die Mumien 
in dem unterirdischen Räume beigesetzt wurden und 
Herodot an drei Stellen (II 124, 125, 127) diess ausdrücklich 
als von Cheops für seine Mumie beabsichtigt erklärt: rcav 
vno yrfv olxr^adroiv, rdc inoisero Or^xuz iavTO} — t6 vnS 

I ytjv bqvyaa — sv t?J avxov XsyovGi xsTo^ai XsoTta, so ent- 
stand daraus die von Diodor I 64 erwähnte Sage, Cheops 
(Xtußr^q) sei überhaupt nicht mit königlichen Ehren bei- 
gesetzt, sondern insgeheim an einem abgelegenen Orte 
begraben worden. 

Den ersten monumentalen Beweis dafür, dass die grosse 
Pyramide wirklich von Chufu (Xeoip, 2oi'g^ig, Xbtißr^g). wie 
Manetho in der IV. Dynastie anmerkt, erbaut worden ist, 
lieferten die Grabungen des Colonel Vyse. Er fand in den 
vier oberhalb der oberen Königskammer entdeckten flach 
bedachten Zimmern mehrere Baublöcke mit dem Namen 
Chufu und Chnemu-Chufu beschrieben. Wir brauchen uns 
nicht mit Bunsen damit abzuplagen, diese beiden Namen 



254 Sitzung der phüos.-pMIdl. Classe vom 5. Februar 1870. 

getrennt zu halten und daraus den Doppelbau der grossen 
Pyramide zu erklären. Dass beide Namen nur einem ein- 
zigen Könige eignen, beweist die Gleichheit der dem eigent- 
lichen Nomen proprium vorangehenden Devise. Die voll- 
ständigste der Legenden^) der eben erwähnten Blöcke lautet: 



(» 



CN 



^ 



^"fe? w_^J J (I Pf^=fA chnemu-Clmf(u) sechenu 



urrat, selia mhau ,,Ghnemu-Chufu, Stütze (Träger) des Dia- 
demes, Errichter des Grabdenkmals (der Pyramide)". Wir 
wissen aus vielen Beispielen, dass chnemu als Appellativum, 
abgesehen von dem demiurgischen Gotte Chnemu (Kneph 
Xrov^ig, Knuphi), im Allgemeinen den ,, Baumeister, Bildner" 
bezeichnet hat, hier um so passender, als es sich um den 
Kunstbau der grossen Pyramide handelt. \Yas den Namen 
C hu fu betrifft, so bedeutet er, wie die erweiterte Form 
Chuf-u-f der Saqqarahtafel deutlich erweist, ,, Schützer seines 
Bezirkes", wie der seines unmittelbaren Vorgängers Snefru: 
„Wohlthäter des Bezirkes (Landes)" bedeutet. Aus dem 
Beinamen Chnemu erklärt sich Diodor's Xsfjißr^g, aus 
Chufu die Form 2ov(fig oder Xsoxp. Die vorletzte Gruppe 
seha entspricht dem ilysiQs Manetho's, in der Posettaua 
dem GTTiOai ^ wörtlich ,, stehen machen, aufstellen". Dass 
die Pyramide selbst als Deutbild zur letzten Gruppe mliau 
(bopt. monumentum sepulchrale, sepulchrum) hinzutritt, kann 
nicht befremden, da, "wie ich früher^) nachgewiesen, die 
Pyramiden nichts anderes waren als colossale Grabdenkmäler 
der Könige. Den vielbesprochenen Namen TtvQufxig erklärt 
Brunet de Presle^) aus dem Griechischen als „petit gäteau 



7) Sie sind jetzt in dem Prachtwerke von Prisse: l'art egyptien 
sehr getreu abgebildet. Nach der hier gegebenen können die übrigen 
leicht ergänzt werden. 

8) , .Obelisken und Pyramiden" Sitzungsberichte 1 866. 

9) Revue arcbeoL 1854 p. 544 8q; 



ll Lauth: Papyrus Prisse. 255 

de froment". Im Alterthume dachte man, wie Pünius mit 
seinem .,ne pecuniam successoribus aut aeraulis insidiantibus 
praeberent" andeutet und Stephanus Bjz. fast ausdrücklich 
sagt : dno twv n vqcov . ovg sxsT övvayuybov 6 ßaOt^.svg 
ivdsiav snoii](js öivov xara xr]v Aiyvntov, an eine Art Vor- 
raths- oder Schatzhaus . wobei allerdings noch immer das 
griechische rtvqoq zu Grunde gelegt ist. Allein nimmt man 
das kopt. ramao dives . mit Präfigirung des bei Lokalitäten 
so gewöhnlichen i)e pi ..Haus" z. B. Pe-Osiri = Busiris, 

i Pe-bast = BoißaOTig = Pi-beseth, so erhielte man eine un- 
gezwungene Etymologie des Wortes für den angenommenen 

: Sinn des Schatzhauses. Was mich aber bestimmt , weder 
an diesen Stamm ramao, noch an ratna altitudo zu denken, 

j ist die Legende 0^^ m|7f),A, amaio auf der Stele des 

' Aethiopenkönigs Horsiatef lin. 19. Es geht unmittelbar vor- 
her: ,,der Gott Amon von Napata im Innern seines (amaio).'' 

I Der Artikel ^e vor amaio ist unstatthaft wegen des vorher- 
gehenden = und wohl nur aus einem ehemaligen oder 
missverstandenen im i^er (vergl. Par-ao) erklärlich. Dieses 

I volle per-amaio würde , wenn man die Legende [I ^,^^()cTl 

der Pianchistele liu. 106 vergleicht, wo am nur das Zelt 
, bezeichnen kann, den Sinn von ,,Haus des Zeltes" oder 
„Zelt-Haus" ergeben und die Pji'amiden wären sonach nichts 
anderes als in Stein ausgeführte Zeltformen. Im Louvre fand 
ich die Legende: ,,der Osir-hapi in 

"' A n ^ — 1"!^^=^~~> <ro=» <:3> <:zi> — p — ci 

ap pen Ica Jcam rma Eoseti der Pyramide von Ko)X(ofirj bei 

I Roseti." 

i Den Eigennamen der grossen Pyramide liefern die be- 

nachbarten Gräber; er lautet "^2 / \ © Achuf-to „Zierde 



256 Sitzung der phüos.-pTiilol. Classe vom 5. Februar 1870. 

des Landes." Ebendaselbst erscheint eine Prinzessin des 

Namens ^-^ 1 Merites, welche vom Hause des Snefru in 

das des CJmfu übergeht und auch noch unter Chafra auf- 
tritt. Vermuthlich war sie die Gemahlin des Chufu und so 
würde sich ohne weitere Schwierigkeit der Doppelbau der 
grossen Pyramide erklären, wenn wir nämlich annehmen, 
dass sie die untere Grabkammer zugetheilt erhielt. Sie führt 

den sonderbaren Beinamen: ^^ h^^^^^"^ Maat Har- 

Seth „Verehrerin des Roms (und seines Antagonisten) Seth^\ 
aus jener alten Zeit ein wichtiges Zeugniss für die Polarität 
dieser Gottheiten, deren Ergänzungen uns andere Texte aus 
derselben Epoche sofort an die Hand geben werden. 



Da das Verbum maa L ^ wie auch die demotische 

Uebersetzung ushtaii (= kopt. iiösht adorare) in den Rhind- 
papyri beweist, von der ursprünglichen Bedeutung des 
„Sehens'' zu der von ,. Anbetung" fortschreitet (noch erhalten 
im kopt. moihe admiratio cf. x^säod^ai und ■&av(ia(-^(ü) , so 
fühlt man sich versucht zu glauben, das p]pitheton vTteQomrjg^ 
welches Manetho dem Cheops beilegt, sei in gutem Sinne als 
„eifriger Verehrer" der Götter zu fassen. AehnHch wech- 
selt die Bedeutung von nsqiomog und des deutschen Zeit- 
worts nhersehen passer en revue und = negliger. Denn 
muss schon der Bau der Pyramide selbst, weil zur Religion 
der Aegj^Dter gehörend, als die Uebung einer religiösen 
Pflicht angesehen werden, so lassen die ausführlicheren Texte 
eines Grabes keinen Zweifel darüber, dass Chufu wirklich 
die Gottheiten des Landes in vorzüglichem Grade geehrt 
hat. Der wesentliche Theil dieser uralten Texte lautet 
folgendermassen^") : 



10) Yergl. Birch in Bunsen's Egypt's place in Universal history 
y 719 — 721. Zwar sagt De Eouge darüber: Le style de cette in- 



1 



Lanth : Papyrus Prissc. 257 

Änch Hör nas suten clieh CJiufu ti-cmch djemnef pa-Iset 

1 „Es lebe der herrschende Horus, der König (Jhufu, der leben- 
' spendende. Er fand das Haus der Isis, 



i^A 



.^§%:^f°^fe— ^^J "^ 



^;^T^^fs — "i-^j] -^ :=: -^® 

Jmit rma pe-Hu naher mhit-ament n Pe-Osiri neh Rosetau 

der Gebieterin der Pyramide, zur Seite von Pe-hu, vor dem 
Nordwesten von B-usiris, dem Herrn von Rosetau ; 

I |Si ^ / ^ ^ ^-^ ) A. ;vvvw\ i Lm a ;^-^ / \, AA/WVA ) 

chusaunef . . .f rma neterliat nt netert-ten, cliusaunef . . . .n 

er erbaute seine Pyramide bei dem Tempel dieser Göttin; 

er erbaute eine Pyramide 

suten si't Hontsen rma neterliat ten. 
der Prinzessin Hontsen bei diesem Tempel." 



scription si curieuse peut faire douter qu' eile soit du temps meme 
deSouphis; eile peut avoir ete renouvelee. Aber, wie es auch durch 
renouvelee angedeutet wird, das ägyptische Alterthum hatte in den 
Wiederholungen desselben Textes auf verschiedenen Theilen des 
Baues wie z. B. in diesem Falle selbst — cf. das Gedicht des Pentaur 
und, den Meneptah-Text über die Libyer nebst den Archivern etc. — 
ein bequemes Mittel der Wiederherstellung von Texten. 

11) Birch setzt *^-<='— ; doch bemerkt mir H. v. Horrack dieses als 
„douteux". Ich setze dafür aus Rücksicht auf den Sinn aa^^^^ wie 
auch De Rouge 1864 las. 
[1870. I. 2.] 17 



258 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 5. Februar 1870. 

So viel steht auf der rechten Seite der jetzt ins Belaqer- 
Museum verbrachten Stele; auf der linken beginnt der 
nämliche Name und Titel des Chufu; alsdann folgt unmittel- 
bar darauf: 

irinef n mutJi-f Iset-ntermuth Hatlior hont . . . sapt tit r utu 

Er machte seiner Mutter Isis Thermuthis Hathor, Gebieterin 

der Grabstätte 

/\ c: r: 1 ^ > ^ H ^ 1 Q p V- 

tinef nes neter-hotep n ma chusau nef neter hat-s m aner 

die Ausstattung, welche gethan ist auf die Stele ; er gab ihr ein 
neues göttliches Opfer, erbaute ihren Tempel aus Stein 



-^mti^fi 



nem djemnaf nen neteni hi ast-s 
wieder, (er) fand die Götter ^^) auf ihrem (der Isis) Sitze. 



In einer Ecke der Stele steht, nach einigen zweifelhaften 
Charakteren : 

„Der Sphinx ist im Süden von Pe-Iset, der Gebieterin der 
Pyramide im Norden von Pe-Osiri, des Herrn von Roseta." 



12} Es sind offenbar die sogenannten &£ol avvvaoi, gemeint. 



Lauth: Fapyrus Prisse. 259 

Diese Texte bieten ein vielfaches Interesse; ich will hier 
nur das Wichtigste herausheben, welches zugleich mit meiner 
Aufgabe zusammen fällt, die grosse Pyramide und ihren Er- 
bauer von gleichzeitigen authentischen Zeugen als Götter- 
verehrer, nicht aber als Götterverächter zu erweisen. Die 
topographischen Verhältnisse sind nicht minder wichtig. 

Die hier erwähnten Gottheiten gehören sämmtlich dem 
ersten d. h. memphitischen Götterkreise an: Osiris, Isis, 
Horus, Hathor. Da uns oben auch Seth begegnete, so 

darf auch Nephthys Y] nicht vergessen werden, die mit ihm 

als Gemahlin zusammenhängt. Horus erscheint nicht nur 
in der Legende neben Seth. sondern auch allein in der 
zusammengesetzten Form Har-m-aclm ,, Horus am Horizonte," 
welche von einem gewissen 'Aq^iavog auf der Tatze des 
Sphinx zu "ÄQixaxig gräcisirt ist. Horus ist aber nur eine 
Variante für Ra^ den Sonnengott selbst, der in dem leider! 
von de Rouge noch nicht veröffentlichten Texte ebenfalls 
vorkommt. Ebendaselbst ist die Rede von grossartigen 
Geschenken an den Apis, die nach Zahl, Stoff und Farbe 
genau aufgeführt werden. Vermuthlich fehlt auch der Ptah 
nicht, der Protodynast dieses Götterkreises; da seine Er- 
gänzung: der Sokaris, nicht nur in Königsnamen der III. 
und IV. Dynastie, sondern auch bis zur Stunde in dem nahe 
gelegenen Saqqarah erscheint. Da nun schon unter Snefru 
ein weiblicher Xame Hap-en-Ma"t erscheint, worin neben 
Apis auch Ma"t. (kopt. t'mei Osfitg) genannt ist, so bedarf 
es keines weitern Beleges, dass auch der ibisköpfige Thoth 
(Dhuti), der Gemahl der Ma't in jener Zeit verehrt wurde. 
Was hier für uns die Hauptsache ist: Chufu war kein 
Götterverächter, sondern im Gegentheil ein eifriger Götter- 
verehrer. 

Betrachten wir uns angesichts dieser Thatsache die 
Notiz Manetho's dass 2ov(fig eine leqd ßiß/.og geschrieben, 

17* 



260 Sitzung der pMos.-p'hilol. Classe vom 5. Februar 1870. 

so wird sie uns höchst glaubwürdig erscheinen. Dazu kommt, 
dass der Pap. Prisse in der ersten der ausgelöschten Zeilen 
zwei Spuren eines Königsschildes aufweist, das in Bezug 
auf räumliche Ausdehnung zu dem Namen Chufu passt. 
Dieser Name kann aber hier nicht als chronologisches Merk- 
mal gestanden haben, sonst müsste er gegen das Ende der 
Zeile gesucht werden, wie analog im Pap. Prisse III der 
Königsname Assa erwähnt wird. Folglich bleibt nur übrig 
anzunehmen, dass ühufu als Verfasser des betreffenden 
Werkes genannt war. Die Ergänzung nach vorn liefert 
der uns bekannte Eingang ha sehait ,, Anfang der Unter- 
weisung," welches als Buchtitel zu dasß^g gräzisirt und so 
die Veranlassung werden mochte zu dem jMissverständnisse, 
Cheops sei ein dosßr^g gewesen. Da ferner solche Schriften, 
wie das Beispiel des Prinzen Ptahhotep beweist, der das 
seinige an seinen Sohn richtet , zum Gebrauche einer be- 
stimmten Person verfasst wurden, so ist es wahrscheinlich, 
dass auch Chufu sein Buch einem seiner Familienglieder, 
ich vermuthe, seiner Tochter Hontsen, gewidmet hatte. 
Den Inhalt anlangend, können wir leider ! nichts bestimmtes 
angeben. Allein schwerlich war es ein Kapitel des Todten- 
buches, da wir es in diesem Falle u^ter den Stücken dieser 
Sammlung mit dem Namen des Chufu antreffen würden. 

Es scheint eine Abhandlung über die ägyptischen Götter 
zunächst des memphitischen Kreises gewesen zu sein. Dafür 
spricht auch Folgendes. In einem geheimen Corridor von 
Denderah (Ta-n-torer, ThrvQu) fand Dümichen^^) einen Text, 
der sich auf die Urbegründung des Heiligthums der Hathor 
bezieht. Da'heisst es nun wörtlich also: „Die ürgründung 
(des Tempels) in Anit (anderer Name für Denderah), die 
Neuherstellung des Monuments ward gemacht vom Könige 
Thuthmosis III 



13) Yergl. seine Bauurkunde von Dendera p. 15. 



Lauth: Papyrus Prisse. 261 

m chet djemut m anu asti m hau n suten Chufu 

„in Folge eines Fundes in alter Schrift aus der Zeit des 
Königs Chufu". 

Nach einer andern Angabe desselben Corridors hatte 
,.der König Pepi ((Picoip) von der VI. Dynastie den GründuDgs- 
plan vom Hathortempel zu Denderah aufgefunden im Innern 
eines Ziegeldammes des Südhauses , abgefasst in alter 
(hieroglyphischer) Schrift auf Ziegenhaut aus der Zeit der 

n li^^. „Begleiter (oder Verehrer) des Horus.'" Unter 

letzteren versteht man die vorhistorischen Könige Aegyptens. 
Wie man sich diese doppelte Angabe auch zurechtlegen möge: 
immer bleibt für Chufu ein Antheil bei der Gründung des 
Hathortempels in Denderah. 

Es gibt noch ein anderes, so zu sagen, psychologisches Sym- 
ptom für die Charakteristik des Chufu: ich meine jene so oft in 

den Texten wiederkehrende Stadt ^^) (^^"^^-^ 1 ™ ^® 

Mena't-Clmfu ,,Amme des Chufu", Ist hierunter eine Stadt 
zu verstehen , die der König seiner Amme zur Ehren ge- 
gründet — oder hat man den Geburtsort desselben poetisch 
seine ,,Amme" genannt : jedenfalls bewies oder empfing er 
hiedurch einen Akt der Pietät, was gewiss nicht der Fall 
gewesen wäre, wenn er sich zu seinen Lebzeiten als einen 
solchen Tyrannen bewiesen hätte, wie ihn Herodots Gewährs- 
männer darstellen. 

Als letztes Document und Argument für die evOeßeia 



14) Brugsch Geograph. I 112 — 116, 224; sie lag im hermupoli- 
tischen Gau. 



262 Sitzung der phüos.-plühl Classe vom 5. Februar 1870. 

des Chufu reproduzire ich die Legende eines kleinen Denk- 
mals im Louvre, welches einem gewissen Psametik Raneferhet 
(XXVI. Dynastie) sein lebender Bruder Hapichufu gewidmet 
hat. Der Verstorbene führt die Titel : 



,,pius erga Serapidem deuin magnum, theodulus (propheta) 

imagiuis regiae, theodulus Isidis quae praesidet pyramidi, 

theodulus regum Cheopis , Chephrenis , Ratoisis , theodulus 

Harmachis." 

Die drei unmittelbar einander succedirenden Könige der 
IV. Dynastie werden in der Genealogie des Verstorbenen 
wiederholt genannt und zum Schlüsse der Wunsch ausge- 
sprochen ^^R^Ofi^^l (^ 5)^k pOn "^^ daure lange bestän- 
dig der Cult des Harmachu (Sphinx)". 

Diese Inschrift beweist vor Allem, dass zur Zeit der 
Psametiche , also nach der beträchtlichen Zwischenzeit von 
fast 3000 Jahren, noch immer Priesterthümer des Chufu, 
Chafra und Ratatef bestanden — eine Zähigkeit der Ueber- 
lieferung, die gerechtes Erstaunen erregen muss, aber auch 
den Beweis liefert, dass das Andenken des Chufu bei der 
ägyptischen Priesterschaft kein so verhasstes gewesen sein 
kann , wie einzelne Züge der Erzählung des Altvaters der 
Geschichte bisher annehmen liessen. Dieser jüngere Text 
stimmt mit dem älteren auch in allen andern wichtigen 
Punkten überein. Die Göttin Isis erscheint hier ebenfalls 
als „Gebieterin der Pyramide'', daneben Hapi-Osiris (Serapis) 
und Harmachu, zusammen die heilige und in ganz Aegypten 
zu allen Zeiten der pharaonischen Geschichte hochverehrte 
Triade bildend. 



Lauth: Pcqjyriis Frisse. 263 

Eiuige Schwierigkeit verursacht der Ausdruck /^^^^^^^.r^ 



invenit. Er kehrt zu allen Zeiten sehr häufig wieder, so 
z. B. in dem grossen Felsentempel am Gebel Barkai. ^^j wo 
Taharqa der Muth (Isis) von Napata einen Neuhau errich- 
tete. Nachdem diese That erwähnt ist, fährt der Text fort: 

(jP^^Ih^s^IQ^^U^W^ "^'"^'■- '' 

fand seine Majestät dieses Gotteshaus gebaut aus Stein!'' 
Es scheint also der Stamm djem , wie das damit verwandte 
£-Te-Ti.i-ev invenit, ursprünglich ,. finden, treffen, antreffen", 
aber nicht ., erfinden"' zu bedeuten. Also traf Chufu bereits 

einen Bau, genannt ^{'^ Pe-Iset, zur Seite des "-px^.^:^ 

Pe-lm, im Nordwesten von i HJ] Pe-Osiri. Beginnen wir 

mit letzterem. Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, 
dass die vielen Üertlichkeiten des Namens Busiris alle auf 
ein ursprünghches Pe-Osiii .,Haus des Osiris" zurückzuführen 
sind;^^) ja die Stadt Taposiris ist nicht, wie die Griechen 
meinten, aus Tag^t] "OaiQig entstanden, sondern aus Pe-Osiri 
Uiit präfigirteui ^^Ff ta, wie oben bei Ta-n-tora = Tsvtvqu. 
Es gab verschiedene Orte mit dem Namen Busiris: aus der 
Rossttana kennen wir ein Lykopolis ev xiTy Bovaioirrj (vofXiTi)-^ 
ein Abusir liegt nicht weit oberhalb Memphis, und dass in 
unmittelbarster Nähe dieser Stadt noch ein anderes Busiris 
bestanden hat, beweist PHnius h. n. XXXVI 12, wenn er 
sagt, die drei grossen Pyramiden seien gelegen inter Mem- 
phin et . . . Delta, a Nilo quatuor millia passuum, a Mem- 
phi VIIMD vico apposito . quem vocant Busirim; in eo 
sunt assueti scandere illas (pyramides)," Dieser Ort Busiris 



15) Lepsius Denkw. Abth. Y ßl. 5, oben. 

16) Cf. Isidor. I 88 Bovatois = "Oaiqiäog rucpos — TacpSatoig =^ 
Ta(fri 'OaiQidog Plut. de Is. et. Os. c. 21. 



264 Sitzung der pMlos.-plülol. Classe vom 5. Februar 1870. 

also ist in jener alten Inschrift als schon vor Chufu vor- 
handen bezeichnet. 

Nordwestlich von diesem Busiris lag Pe-Iset. Es gab 
viele Städte des Namens Iseum oder Isidis oppiduui in 
Aegypten ; hier kann nur an die nächste Umgebung des 
heutigen Giseh gedacht werden. Wie, wenn dieser Orts- 
name ein altüberlieferter wäre und nur per accommodationem 
ein arabisches Aussehen hätte? Denkt man sich statt des 
^ ein anderes Präfix »z. B. ß^ga, welches wir aus der In- 
schrift von Rosette mit der Bedeutung raög Capelle kennen, 
so ergibt sich G-Ise ungezwungen. Dass ich mit diesem 
ga nicht in der Luft schwebe, beweist die Legende 

Qc>>^ J^-^^-^^l'^) „aufgestellt sind die (4) Ecken der 

Horus-Capelle". Mit dem nämlichen ga compouirt, würde 
eine Osiris-Capelle G-usiri lauten. Vielleicht ist el Guisr, 
wo die Grabung des Canales auf Schwierigkeiten stiess, eine 
solche Osiris-Capelle gewesen , um so wahrscheinlicher , als 
sich in jener Gegend auch ein Serapeum befindet. 

Die Isis unserer Inschrift führt den Titel ,, Gebieterin 
der Pyramide." Was hiermit gemeint sei, ergibt sich un- 
mittelbar aus dem Zusätze ,,Hathor, Gebieterin der Grab- 
stätte." Wir wissen aus unzähligen Darstellungen, dass die 
Göttin der Unterwelt, die 'AcpQodiTrj xd^ovia oder HsQOsifaOOa 
(Proserpina) in Gestalt einer Kuh aus dem Grabgebirge 
hervorschaut, uuj den Verstorbenen aufzunehmen. Daraus 
wird auch die ßovg ^vXivrj xoiXrj erklärlich, in welcher die 
Tochter des Mykerinos (Herodot II 129, 130) bestattet wurde. 

Der grosse Androsphinx bei den Pyramiden von Giseh 
führt also urkundlich den Namen „Hu des Harmachu.*' 
In der gräcisirten Form "Aq^axig trefi'en wir ihn auch bei 



17) Brugsch lex. p. 1708. 



m 



Lauth: Papyrus Prisse. 265 

Plinius (C.C) wo er sagt: Harmain regem putant in ea 
conditum. Er polemisirt mit Recht gegen die Meinung: et 
volunt iuvectain videri, mit den Worten : est autem saxo 
naturali elaborata. 'Was man in neuerer Zeit über die 
Einführung der Sphinxgestalt (kiich die Hykshos oder wegen 
der Inschrift des Thutmosis IV auf der Stele zwischen den 
Tatzen, über ihre Gründung durch Chafra geschrieben hat, 
wird hiuf.illig durch unsern Text. ' Plinius hat liecht zu 
sagen : rubrica facies monstri colitur. Denn der Sphinx ist 
ein Bild des Sonnengottes Harmachu und die rothbraune 
Farbe, die das Gesicht gehabt haben kann, ist mit der Zeit 
gerade so verschwunden, wie die Nase, welche sich das 
türkische ]\Iilitär als Zielscheibe bei seineu Schiessübungen 
genommen hat. Dadurch hat der Kopf etwas Negerartiges 
erhalten, wie eine Königsbüste der Münchner Samnduug von 
gleicher Verstümmelung. Daraus darf man aber nicht, wie 
es geschehen ist, den Schluss ziehen, dass der Sphinx ur- 
sprünglich einen Negerkopf gehabt habe. 

Was bedeutet nun aber der Name Hu, welcher dem 
Spliinx in der Inschrift zweimal beigelegt ist? Der Zusatz 
n-Harmachu des Harmachis-,,Horus vom Horizonte" beweist, 
dass der Sphinx, der nach guter Quelle bei Clemens von 
Alexandrien d/xy] fisxd ovvsöawg d. h, ,. Kraft uiit Einsicht" 
darstellt, woraus sich der Löwenleib mit Menscheuhaupt 
erklärt, eine Manifestation des Sonnengottes gewesen ist. 
Sehr häufig werden bei den Aegyptern vier Sinne durch 
Hu, Sa, Auge. Ohr, ausgedrückt. Von dem Auge nun, 
als dem Sinne des Gesichtes, sagt eine Inschrift : ..Das rechte 
Auge*^) des Sonnengottes Ra, welches erleuchtet alle Länder 
mit seinen Strahlen" Es ist der allsehende "HXiog der 



18) Dümichen Resultate pl. XLV, c. Das liuke ist nach der 
Stele von Neapel der Mond. 



266 Sitzung der phüos.-philol. Qasse vom 5. Februar 1870. 

Griechen, lieber das Ohr wird gesagt; „Das Ohr, welches 
hört alle Dinge aufs genaueste in der ganzen Welt." Hu 
und Sa sind ohne Legende, allein anderwärts ^^) heisst es: 
,,Hu ist in meinem Munde, Sa in meinem Herzen." Da 
nun Sa in dem Kopt. sou cognoscere (cf. HN^" intuitus est) 
noch erhalten ist, ausserdem durch Horapollo II 117 in 
Bezug auf sein Namenssymbol, die ovQiy^. als (pqovr^Oig er- 
klärt wird, so bleibt für Hu das weite Gebiet des Ge- 
schmackes sowohl in activer als passiver Bedeutung: gustus 
und ysvOTov übrig; es sollte der Sonnengott als der Leben- 
und Lebensunterhalt spendende (cf. Kopt. he victus, ^n vita) 
dadurch dargestellt werden. ^°) 

Die Richtung des 175 Fuss langen Sphinx befolgt genau 
die West-Ost-Linie ; sein Gesicht ist gegen die aufgehende 
Sonne gerichtet, wie die Griechen auch den Memnonscoloss 
des AmenophisIII als die Mutter Aurora begrüssend, sich dach- 
ten. Vielleicht schaut der Sphinx auch in seine Urheimath: 
die Sonnenstadt Heliopolis. 

Zwischen den Vordertatzen des Sphinx befindet sich ein 
Tempel: es ist wohl der mit Pe-Hu bezeichnete. Auf der 
von Thuthmosis IV errichteten Stele heisst es: ,,Der Sphinx 
(Harmachu) spricht zu dem Könige, wie ein Vater zu seinem 

Sohne," anspielend auf die Legende "^=0 viog "Hkiov, den 
die Pharaonen von alter Zeit her führten. 

Wie dieser Coloss genau orientirt ist, so sind es auch 
die Wunderbauten der grossen Pyramiden. Um bei 
der des Chufu stehen zu bleiben, so entsprechen nicht nur 
ihre 4 Seiten auf's Genaueste den vier Weltgegenden, sondern 



19) Stele von Kuban u. Pap. Leyd. I 347, 12; 1 cf. Todt. 17, 24, 
78, 38. Letzteres Beispiel zu corrigiren. 

20) Hu ist also nicht, wie Brugsch lex. p. 938 annimmt, eine 
Abschwächung aus Chu. 



ll 



Lauth: Papyrus Prisse. 267 

( 

auch der schräg abwärts führende Gang^^) der Nordseite, 
welcher 49 Fuss über der Grundlinie beginnt, ist schnur- 
gerade gegen den Polarstern des Nordens gerichtet. 
Ein langjähriger Bewohner des Pyramidenfeldes, der sich 
hauptsächlich mit Messungen an der grossen Pyramide be- 
schäftigte: Herr Piazzi Smyth, versicherte mir 1869 bei 
seiner Anwesenheit in München, dass ein Gefäss mit Wasser 
an den Scheidepunkt gestellt, wo die beiden Gänge, der ab- 
wärtsführende und der aufsteigende, sich begegnen, den 
Polarstern nach oben an den Schluss des langen Corridors 
reflectirt. Diese Eigenthümlichkeit, sowie sie für den ein- 
heitlichen Bau beweist, deutet zugleich auf ein religiös- 
astronomisches Element. DasTodtenbuch c. 17,35 gedenkt des 
grossen Bären (Wagens, septentrio) unter dem Namen ..der 
Schenkel des Nordhimmels'" und in der That ergeben 
die mit Linien verbundenen 7 Sterne dieser Constellation das 
Bild eines Schenkels viel ungezwungener als das eines Wagens 
oder eines Bären, wozu schon eine starke Phantasie gehört. 
In einem Funerärtexte, den Rhindpapyri werden XX. I in 
einem Athem angerufen : ..Osiris-Sahu (Orion) des Südhinimels 
— der Schenkel (diesmal meschef) des Nordhimmels — 
Isis-Sothis (Sirius), Führerin der Decane." Man sieht, dass 
die eigentlichen Leitsterne des ägyptischen Jahres mit den 
Repräsentanten des Astralkreises, der fünf Epagomenen und 
des Vierteltages beabsichtigt sind, wie ich sie in meinen 
Zodiaques de Denderah erhärtet habe. Ein Kapitel des 
Todtenbuches (98, ^,2) gibt uns den Schlüssel zum Verständnisse. 
Es wird dort nämlich gesagt: ..Sei gegrüsst. du grosses 
Bein (uaret) welches am Nordhimmel sich befindet in dem 
grossen Teiche ; sichtbar, ohne unterzugehen ; bleibe stehen 
vor mir, das du aufgehst als ein Gott! Möge ich (auch) 



21) Inschriftlich Roseta genannt z. B. auf dem von Lepsius 
edirten Plane eines Ramses-Grabes. 



268 Sitzung der phüos.-pJiildl. Classe vom 5. Februar 1870. 

sichtbar sein, ohne unterzugehen, möge (auch) ich bestehen, 
leben und aufgehen als ein Gott!" Man sieht, Avie hier das 
Siebengestirn, von dem Homer singt: 

äqxTov d-\ fjV xal afia^av snixXrjGiv xaXs'ovOiv, 
rj t''(xvtov 0TQ6(fSTai xai z:' '£2qi(ovcc öoxsvsi, 
oTr^ d' ctf-ifxoQÖg ioti Xo€tqcov ^SixeavoTo — 

als Symbol der ewigen Fortdauer genommen ist. Der Polar- 
stern selbst ist durch deu Schakal repräsentirt worden, 
woher es kommt, dass noch in der griechischen Sphäre der 
kleine Bär ganz naturwidrig mit langem Schweife gebildet 
wird. Dieses sein Prototyp der Schakal fiilirt häufig den 
Namen Ap-hiru ,, Wegweiser," weil er zu Land und zu 
Wasser (cf. 'OSvaasvg loco laud.) als Leitstern diente, 
wesshalb die ägyptische Astronomie einer Aphiru des Nordens 
und einer Aphiru des Südens (wörtlicher ,,der Nord- und 
der Südwege") gekannt hat.^^) 

Beweist diese Eigeuthümlichkeit der grossen Pyramide, 
dass nämlich ihr Baumeister auf die ägyptische Idee der 
Unsterblichkeit Rücksicht nimmt, für die siOsßsia des Chufu, 
so darf auch der Umstand nicht übersehen werden, dass 
der Pyramidenbau für die Prinzessin Hontsen^^) eine ge- 
wisse Pietät involvirt. Von diesem Werke spricht auch 



22) Vergl. meine Zodiaq. p. 41, wo ich die Stellen der Classiker 
citirte, die von dem doppelten „Wegweiser" bandeln. Der ,. grosse" 
Bär scheint aus dem „kleinen" entstanden zu sein, welcher statt 
uQxtog auch xvvovnig genannt wird. 

23) Was diesen Xamen betrifft, so kann ich nicht mit H. de Rouge 
übereinstimmen, der in seinem abrege grammatical p. 16 das sen 
solcher Namen als Pronomen fasst und auf das zu supplirende neteru 
(Götter) bezieht. Denn Hontsen würde demnach ,,ihre (der Götter) 
Gebieterin" bedeuten, was unstatthaft ist. Ich fasse sen als das 
Zahlwort ..zwei, doppelt" also Hontsen „die Mitherrscherin" cf. 
Tuki: Kud. ling. copt. p. 449 über snau i^]^; zwei. 



Lauth: Papyrus Prisse. 269 

Herodot II 126 : sx toi'tcov d£ tcov Xid^cov scpaOav xi]V 
■nvQa^ida oixo6o/j,}]&)'^vai zijv iv (.uöii) tcov tqicSv SorrjxvTav, 
sjiiTTQoOd^et' zr^g (.leyakrig nvQaixidoq. Auf der Ostseite dieser 
letzteren l.iefinden sich wirklich drei kleinere Pyramiden (auf 
Bunseus Plan mit 7, 8, 9 bezeichnet). Nun liefern die 
Grabtexte ausser der Prinzessin Hontsen auch noch eine 

:andere, Namens Mersanch ^^ 1Y-. die Mutter zweier Prinzen, 

die unter Chufu's Nachfolger Chafra lebten, also vermuthlich 
des letzteren Söhne Wcäreu. Aus Allem dürfte sich ergeben, 
dass Chufu, wie Herod. II 127 und Diodor I 54 ausdrücklich 
sagen, der Bruder des Chafra, und letzter nicht sein Sohn 
gewesen ist, dass er also nur weibliche, keine männlichen 
Nachkommen hinterliess. 

Ich habe Zeugnisse genug für die svöaßsia des Chufu, 
aber keines für seine dosßefa beibringen können. Und doch 
muss, was Herodot II 124 — 130 u. nach ihm Diodor I 64 
von der Verhasstheit des Cheops zu berichten wissen, eben- 
falls gewürdigt werden. Freilich gehörten die Gewährs- 
, männer des Herodot in diesem Falle nicht zu den gut ünter- 
j richteten, sonst hätten sie nicht den Xe'oip auf ,,die gute alte 
Zeit des Rhampsinit"' folgen lassen. Offenbar stimmte dieser 
1 Theil der Nachricht von crriechischen Hermeneuten , die, 
I unsern Küstern vergleichbar, Wahres und Falsches durch- 
einander mengten. Aber 11 128 nennt er ausdrücklich 
Aegypter als seine Quelle für die Verhasstheit des Cheops 
und Chephren : tovtovc vtco f.i(0€og ov xdqra -d^ikovOi 
\ AlyvTitioi dvofm^siv y dXXu xal zag TTVQaf.Ud'ag xctXsovOi 
j noifis'vog (PiX/ziog, 6g zovzov zöv xqovov evefis xrr^vsa 
I xazä zaiza zd xwQia. Es kann mit diesem Hirten Philitis 
I nichts anderes gemeint sein, als die Zeit der Hykschos 
(= ßaadsTg noif.isv€g). welche ich auch, unabhängig über- 
\ einstimmend mit Herrn Vic. de Rouge, in meinem früheren 
Aufsatze: „Achiver in Aegypten," aus einem Texte des 



270 Siizung der philos.-philol. Glasse vom 5. Februar 1870. 

Exodus-Pharao Meneptali nachgewiesen habe als sprüchwörtlich 
für eine Zeit der Bedrückung und Zerstörung des ägyptischen 
Gottesdienstes. Mauetho nennt die Hykschos QoCvixeg, 
nach einigen ^'Aqaßsg\ sie gehörten also zu den sogenannten 
semitischen Stämmen. Man hat desshalb 0iXkiog in ^di'aviog 
ändern zu müssen geglaubt, ohne zu bedenken, dass man 
auf diese Art gerade das gewünschte Eesultat nicht erreicht. 
Denn, wie Hitzig richtig vermuthet hat, die Philister-Pelusta 
tragen auf den ägyptischen Bildwerken alle Kennzeichen der 
indogermanischen Race und als unlängst H. Hyacinthe 
Husson^*) am Suez-Canale erstaunt auf eine Gruppe blond- 
haariger Arbeiter bei El-Kantara hinwies, sagte ihn H. Lesseps: 
„Voilä les hommes d'El-Arisch (Rhinocolura), descendants 
des Philistins." 

An die Juden als Frohuarbeiter beim Pyramidenbau 
darf nicht gedacht werden; denn sie sind viel später ein- 
gewandert, und die erkleckliche Summe von xQÖf^Lfiva und 
(jxo^otfa (Herodot II 125) konnte auch von andern Orientalen 
verzehrt werden. 

Was ist nun aber mit dem Worte 0ihTig anzufangen ? 
Ich schreibe mit geringer Veränderug ^iXirig d, h. 2iXiTig 
mit präfigirtem Artikel p, wie Herodot ihn auch bei seinem 
TiiQcofiig anwendete. Er begreift beispielsweise unter Saßdxoov 
die ganze Zeit der Aethiopenherrschaft und so mochte ihm 
auch die Dynastie der Hykschos in ihrem ersten Könige 
zusammenfliessen, der 2dXccTig, ^iXiTr^g (fehlerhaft 2atTr]g) 
geschrieben wird. Für die Verwechslung von ^ und ^ 
haben wir ein Beispiel an dem 'Ps/xtpig Diodor's, wo die 
andern Quellen ein Tccfxiprjg bieten, und in Uebereinstimmung 
mit der monumentalen Schreibung Ramessu, offenbar 
Te'mprjg zu corrigireu nöthigen. Dieses so gewonnene ^ilm]g 
entspricht allen Bedingungen, und da dieser Name des ersten 



24) Revue archeol. 1868 p. 333 sq. 



Lauth: Papyrus Prisse. 271 

HirtenkÖDigs mit ri'^^II'. wie der ägyptische Joseph als Reichs- 
verweser genannt wurde, in Form und Bedeutung (Regent, 
Sultan) übereinstimmt, so haben wir ein weiteres Argument 
für die semitische Rage der Hykschos. sowie gegen die Ver- 
schlimmbesserung 0ihang. 

Eines ähnlichen Rufes, wie die Hirten, genoss Kam- 
byses. Gewiss hat er vieles in Aegypten zerstört; aber an 
der Zerstümmelung der Memmonstatue, die ihm die Alten 
z. B. Polyaenus von Athen, ^5) zur Last legten, ist er sicherhch 
unschuldig, da der Coloss erst unter Augustus 27 v. Chr. 
durch ein Erdbeben seines oberen Theils verlustig ward und 
zu tönen anfing, bis Septimius Severus durch fünf aufgesetzte 
Schichten den Klagen des Memnon an seine Mutter Aurora 
ein Ende machte. Freilich handelt es sich hier um die 
Erbauung, nicht um die Zerstörung der Pyramiden , welche 
letztere zum geringeren Theile dem Zahne der Zeit, zum 
grösseren der türkisch-arabischen Gewohnheit zur Last fällt, 
die Bekleidungssteine als Marmorbrüche für ihre Häuser- 
bauten in Cairo zu verwenden. Dadurch sind auch die 
Hieroglyphen-Inschriften verloren gegangen, welche Herodot 
(vermutblich an dem Tempel der Ostseite) als zu seiner Zeit 
noch vorhanden bezeichnet.^®) 

Wenn Chufu und Chafra wirklich wegen ihres Pyramiden- 
baues bei ihren Zeitgenossen so verhasst gewesen wären, 
wie Hesse sich dann die Thatsache erklären, dass ihre un- 
mittelbaren Nachfolger, ferner die Könige der V., VL, XIL 
Dynastie bis zum Gründer des Labyrinths herab (Amenemha IH) 
solche Colosse aufzurichten fortfuhren ? Ich habe in meinem 
,,Manetho" schon darauf hingewiesen, dass die Schreibung der 



25) Syncelli Chrooogr. p. 286 ed. Dindorf. 

26) Auch Jomard bemerkt in der Description, dass beim Ab- 
bruche einer Pyramide mehrere Steine mit Hieroglyphen ,, gesehen" 
(leider aber nicht abgezeichnet oder aufbewahrt) wurden. 



272 Sitzung der i^hüos.-phüol. (lasse vom 5. Februar 1870. 

Stadt Memphis ^^ I ^^ ^^ ® Hennef er ^ welche der 

Protouionarch Menes gründete, bereits auf einen Pyramiden- 
bau dieses Namens (der sich übrigens unter Phiops wieder- 
holt) hindeutet, nicht auf die Nähe des Pyramidenfeldes, wie 
man gewöhnlich annimmt. Während der langen Dauer der 
ägyptischen Geschichte lässt sich kein einziger Beweis aus 
den Denkmälern dafür lieibringen, dass man diese Riesen- 
bauten zu zerstören gesucht hätte. Blasirte Reiseude der jüng- 
sten Tage ruiniren daran weit mehr durch Auspickung von 
einzelnen Trümmern, als das ganze Alterthum pharaonisher 
Zeit. Diess ist auch nicht zu verwundern, da ja die Pyra- 
miden ursprünglich wesentlich und fortwährend einen religiös- 
funerären Charakter gehabt haben. 

Herodot bereiste das Land Aegypten unter der Perser- 
herrschaft (XXVn. Dynastie) um das Jahr 450 v. Chr, Die 
Vermittler seiner Geschichtskunde waren, wie er selber 
angibt, vielfach die gri- chischen igfirjvsig, welche der Saite 
Psammetich eingeführt hatte. Mit diesem Könige ist überhaupt 
ein bedeutsamer Wendepunkt eingetreten: er berief die ehernen 
Männer, die Joner und Karer, und Amasis siedelte sie später 
in Naukratis sowie bei Bubastis an. Desshalb verliessen 
240,000 Aegypter das Land und zogen nach Aethiopien — 
Sape oder Esar — und gründeten dort unter dem Namen 
AvTOfxoXoi ^s/^ißgirai oder (N)aOf.idx einen Seitenzweig der 
ägyptischen Kunst im Dienste der Aethiopier. Eine Polemik 
des Libyers Psammetich gegen die auf ihr Alterthum pochenden 
Aegypter enthält auch sein Versuch, mittels des ßexög der 
zwei abgesonderten Kinder die Phryger als die ältesten 
der Menschen darzustellen. Unter ihn scheint auch die 
Ausmeisselung des Gottes Seth (Typhon) zu fallen, so wie 
denn der Beginn der demotischen Schrift, ja ein ganz 
neuer Charakter der Kunst und Literatur von ihm datirt. 
In derselben Zeit also, wo in einem Grabe eines seiner vielen 



Lauth: Papyrus Frisse. 273 

Namensvettern noch das Pristerthum des Chufu und Chafra 
erwähnt wird, werden wir eine Art Scheidung der Ansichten 
anzusetzen haben. 

Was diesen beiden besonders zum Vorwurfe gemacht 
wurde, ,,die Heiligthümer geschlossen, die Einwohner von 
den Opfern abgehalten und zum Frohndienst gezwungen zu 
haben" (Herodot II 124), erklärt sich ersteres aus der Sitte, 
den Zugang zur Grabkammer — und das war auch ein Iqov — 
durch grosse Granitpfropfen abzusperren, welche nach Bei- 
setzung der Königsmumien herabgelassen wurden, so dass 
Niemand, ausser durch gewaltsame Erbrechung, eindringen 
konnte. Ebendahin gehört auch das &vai4(x)v ansq^ai; es 
sind dies Umdeutungen ganz und gar im Geiste der koptischen 
und arabischen Sagen oder vielmehr Märchen, die sich an 
die Pyramiden anlehnen, ohne indess für Geschichte gelten 
zu können. Dass die Einwohner zu Frohndiensten gezwungen 
wurden, etwa wie die heutigen Fellahs zum Canalbau, liegt 
in der Natur der Sache begründet. Wenn nun in der literaten 
Epoche der Saiten die jetzt noch vorhandene Urkunde über 
die Bedrückung eines Bauers unter dem letzten Könige der 
dritten Dynastie [Kanebra KsQCfeqriq = xQvOovg) nämlich der 
Papyrus Butler und seine Ergänzung im Berliner Museum, 
nebst andern Texten ähnlichen Inhaltes, zu Ungunsten der 
Pyramidenzeit und ihrer Hauptrepraesentanten ausgelegt 
wurde, so liegt darin nichts Befremdliches. 

Der Besitzer des Papyrus Prisse II mochte dessLalb 
das wahrscheinlich über die Götter handelnde Buch des 
Königs Chufu, dessen Copie aus der XI. Dynastie stammte, 
ausmerzen, ohne ein anderes au dessen Stelle zu setzen. 
Dadurch war freilich das Werk nicht vernichtet, denn Africanus 
erwarb sich dasselbe bei seinem Aufenthalte in Aegypten 
als ein kostbares Stück, und dasselbe Prädicat ertheilt ihm 
Eusebius, der es als allgemein vorhanden erwähnt. So er- 
klärt sich die Lücke des Papyrus Prisse auf's Beste : gerade 
[1870.1.2.] 18 



274 Sitzung der philos.-pliiloh Glosse vom 5. Februar 1870. 

die Ausmerzung zeugt für Chufu als Verfasser, der demnach 
durch seine Abwesenheit glänzt. Und wenn Plinius, von 
ähnlicher StiibUiung gegen die Pyramidenbauer erfasst, wie der 
Besitzer des Pap. Prisse, nach Aufzählung von zwölf Schrift- 
stellern, die über die grossen Pyramiden geschrieben, ausruft : 
,,inter omnes eos non constat, a quo factae sint. justissimo 
casu oblitteratis tantae vanitatis auctoribus," so sind wir, 
Dank der Aegyptologie, gegenwärtig Gottlob ! eines Besseren 
belehrt. 

Herr Christ liest: 

„lieber die rhythmischen Formen der griech- 
ischen Hymnen des Mittelalters." 

Nach Beschluss der Classe soll diese Abhandlung in den 
Denkschriften gedruckt werden. 



Historische Classe. 

Sitzung vom 5. Februar 1870. 



Herr Baron von Lilienkron hielt einen Vortrag über: 
das Werk des Kaisers Maximilian I. der „Weiss- 
Kunig." 



Hierauf machte Herr Kluckhohn eine Mittheilung 

„Ueber zwei Gesandtschaften Kurfürst Fried- 

rich's von der Pfalz nach Paris," 

aus den Jahren 1567 und 1574. um den Hugenotten freie 

Religionsübung zu verschaffen. 

Die Berichte der Gesandten mit einer Einleitung und 
Anmerkungen sollen in den Denkschriften der Akademie 
erscheinen. 



Einsendungen von Druckschriften. 275 



Einsendungen von Druckscliriften. 



Von der physikdlisch-medicinischen Gesellschaft in Würzburg: 

a) Verhandlungen. Neue Folge. I. Bd. 4. Heft. 1869. 8. 

b) Verzeichniss der Bibliothek. 1869. 8. 

Von der k. k. geographischen Gesellschaft in Wien: 
Mittheilungen. X. Jahrgang. 1866. 1867. 1868 und 1869. 8. 

Von der astronomischen Gesellschaft in Leipzig: 
Vierteljahrsschrift. V. Jahrgang. 1. Heft. Januar 1870. 8. 

Von der k. k. patriotisch-ökonomischen Gesellschaft im Königreich 
Böhmen in Frag: 

Centralblatt für die gesammte Landescultur. 1. — 3. Heft. Januar. 
Februar. März 1870. 8. 

Von der naturforschenden Gesellschaft in Freihnrg im Breisgau: 
Bericht über die Verhandlungen. Band V. Heft 2. 1869. 8. 

Von der pfälzischen Gesellschaft für Pharmacie in Speier: 
Neues Jahrbuch. Bd. XXXHI. Heft 2. 3. Februar und März 1870. 8. 

Vom historischen Verein der Pfalz in Speier: 
Mittheilungen. I. 1870. 8. 

18* 



276 Einsendungen von Druckschriften. 

Vom historischen Verein von Niederbayern in Landshut: 
Verhandlungen. XIV. Band. 3. u. 4. Heft. 1869. 8. 

Von der physikalischen Gesellschaft in Berlin: 
Die Fortschritte der Physik i. J. 1866. XXII. Jahrgang. 1869. 8. 

Vo7n thüringisch-sächsischen Verein für Erforschung des vaterländischen 
Alterthums und Erhaltung seiner Denkmäler in Halle: 

Neue Mittheilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forsch- 
ungen. 12. Bd. 2. Hälfte. 1869. 8. 

Vom Gewerbeverein von der naturforschenden Gesellschaft und bienen- 
wirthschaftlichen Vereine in Altenburg: 

Mittheilungen aus dem Osterlande. 19. Band. 1. u. 2. Heft. 1869. 8. 

Von der Eedaction des Correspondenzblattes der Gelehrten und 
Realschulen Württembergs in Stuttgart : 

Correspondenzblatt. 17. Jahrgang. Nr. 2. März. April 1870. 8. 

Von der Universität in Heidelberg: 
Jahrbücher der Literatur. 62. Jahrgang. 5. Heft. Mai. 1869. 8. 

Von der k. k. mährisch-schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des 
Ackerbaues, der Natur- und Landeskunde in Brunn: 

a) Schriften der historisch-statistischen Section. XVI. XVII. 
XVni. Band. 1867. 1868. 8. 

b) Historisch-statistische Section. Quellen und Schriften zur Ge- 
schichte Mährens und Oesterr.-Schlesiens. 1. Sektion : Chroniken. 
Mährische und schlesische Chroniken. 1. Theil. 1861. 8 

c) Chronik der Orte Seelowitz und Pohrlitz und ihrer Umgebung 
von Johann Eder. 1859. 8. 

Von der zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien: 
Verhandlungen. XIX. Band. Jahrgang 1869. 8. 

Vom naturwissenschaftlichen Verein in Bremen: 
Abhandlungen. 2. Band. 2. Heft. 1870. 8. 



Einsendungen von Druckschriften. 211 

Vom historischen Verein von Unterfranken und Aschaffenburg in 
Würzburg : 

Archiv. 20. Band. 3. Heft. 1870. 8. 

Von der Eeal Äcademia de Ja Eistor ia de Espmia in Madrid: 

a) Memorial Histörico Espanol: Coleccion de documentos, opüs- 
culos y antigüedades. Torao XY. al XIX. 1862 — 65. 8. 

b) Espana sagrada. Tomo 48 al 50. 1862. 65. 66. 8. 

c) Cortes de los antiguos reinos de Leon y deCastilla. Tomo 2. 
y 3. 1863. 66. 4. 

d) Estado social y politico de los Mudejares de Castilla. con- 
siderados en simismos y respecto de Ia civilizacion espaiiola. 

1866. 8. 

e) Coleccion de obras aräbigas de historia y geografia. Tomo 1. 

1867. 8. 

f) Juicio critico y significacion poli'tica de Don Alvaro de Luna; 
por Juan Rizzo y Ramirez. 1865. 8. 

g) Memoria arqueologico - descriptiva del anfiteatro de Itälica, 
acompanada del piano y restauracion del mismo edificio. 1362. 8. 

h) Historia critica delos falsos cronicones; por D. Jose Godoy Al- 

cäntara. 1868. 8. 
i) Elogi'o del Arzobispo D. Rodrigo Jimeuez de Rada y juicio 

critico de sus escritos historicos. 1862. 8. 
k) Munda Pompeyana. Yiaje arqueologico de Don Jose Olivier 

y Hurtado. 1866. 8. 
1) Discurso en elogio de Don Jose Comide de Saavedra. 1868. 8. 
m) Discurso leido por Antonio Benavides en 18fi7. 1868. 8. 
n) Noticia de las actas de Ia real Äcademia leida en las juntas 

püblicas de 29. deJunio de 1862 y 7. deJunio de 1868. 8. 

Von der Äcademie des sciences in Paris: 

Comptes rendus hebdomadaires des seances. Tom. LX.K. Nr. 5 — 15 
Janvier — Avril. 1870. 4. 

Von der Äcademie imperiale des sciences in St. Petersburg: 
a) Bulletin. Tom. XIV. Nr. 1. 2. 3. 1869. 4. 



278 Einsendungen von Druckschriften. 

b) Memoires. Tome XIII. Nr. 8 et dernier. 

„ XIV. Nr. 1—7. 1869. 4. 

c) Repertorium für Meteorologie. Redigirt von Dr. H. Wild. 
Band I. Heft. 1. 1869. 4. 

d) Melanges physiques et chimiques tires du bulletin de l'aca- 
demie. Tom. VIII. 1869. 8. 

Von der Academie royale des sciences, des lettres et des beaux-arts de 

Belgique in Brüssel: 
Bulletin. 39. annee. 2. Serie, tome 29. Nr. 2. 3. 4. 1870. 8. 

Vom Musee Teyler in Harlem: 
Archives. Vol. IL Fasicule quatrieme. 1869. 8. 

Von der Societe areheologique in Luxemburg: 
Publications de la section historique de l'institut. XXIV. II. 1869. 4. 

Von der Sternwarte in Bern: 

Schweizerische meteorologische Beobachtungen. März, April, Mai 
1869. 4. 

Von der Societä italiana , di scienze naturali in Mailand : 
Atti. Vol. XII. Fase. IL 1869. 8. 

Von der südslavischen Akademie der Wissenschaften in Agram: 
Rad Jugoslavenske Akademije. (Arbeiten der südslav. Akademie.) 
Band 9. 1869. 8. 

Von der serbischen gelehien Gesellschaft in Belgrad: 

a) Glasnik (Bote). Band 8 und 9. 1869. 8. 

b) Stojan Novakovitsch, Srpska Biblijographija 1741 — 1867. 
(Serbische Bibliographie) 1869. 8. 

c) Utjeschenovitsch-Ostroschinski, Misli etc. (Gedanken über die 
Wichtigkeit, Berechtigung und die Mittel zur Beförderung der 
serbisch-croatischen Literatur. 1869. 8. 

Von der Accademia di scienze morali e jydlitiche in Neapel: 

Rendiconto delle tornate dei lavori. Anno ottavo quaderni di No- 
vembre e Dicembre 1869. 8. 



Einsendungen von DrucJcschriften. 279 

Voin B. Comitato Geologico d' Italia in Florenz: 
Bolletino. Nr. 1 Gennaio, Nr. 2 Febbraio, Nr. 3 Marzo 1870. 8. 

Von der Boyal geological Society of Ireland in Dublin : 
Journal. Yol. XII. Part. 2. New Series. Vol. IL Part. 2. 1868—1869. 8. 

Von der CJiemical Society in London: 
Journal. Nov. Dec. 1869. Ser. 2. Yol. VII. January 1870. Ser 2. 

Vol. vm. 8. 

Von der Asiatic Society of Bengal in Calcutta: 

a) Journal. Part. I. Nr. III. 1869. 8. 

b) Proceedings. Nr. VIII. IX. X. Aug. Septbr. Octbr. 1869. 8. 

c) Bibliotheca indica a collection of oriental works. New Series 
167. 168. 169. 170. 1869. 8. 

Von der Soeiete Vaudoise des sciences naturelles in Lausanne: 
Bulletin. Vol. X. Nr. 62. 1869. 8. 

Von der Soeiete botanique de France in Paris : 

a) Bulletin. Tome seizieme 1869. Comptes rendus des seances. 5. 8. 

b) „ Revue bibliographique A. Tome dix-septieme 1870. 8 

Vom Feabody Institute in Baltimore: 

Address of the president to tbe board oftrustees on the Organization 
and government of the institute. February 1870. 8. 

Von der k. k. geologischen Beichsanstalt in W^ien: 

a) Jahrbuch. Jahrgang 1870. XX. Band. Nr. 1. Januar, Fe- 
bruar. März 1870. 8. 

b) Verhandlungen. Nr. 1. 1870. 8. 

Von der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften in Görlitz: 
Neues Lausitzisches Magazin. 47. Band. 1. Heft 1870. 8. 

Vom Harzverein für Geschichte und Älterthumskunde in Wernigerode: 
Zeitschrift. III. Jahrgang 1870. 1. Heft. 8. 



280 Einsendungen von Druckschriften. 

Vom tiatunoissenschaftUchen Vereine für Saclisen uncf Thüringen 
in Halle: 
Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften. Jahrgang 1869. 
34. Band. 8. 

Von der fc. Akademie der Wissenschaften in Berlin: 
Monatsschrift. Januar, Februar 1870, 8. 

Von der deutschen geologischen Gesellschaft in Berlin: 
Zeitschrift. XXII. I.Heft. November, Dezember 1869. Januar 1870. 8. 

Von der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien: 

a) Denkschriften. Philosophisch-historische Classe. 18. Bd. 1869.4. 

b) ,, Mathematisch - naturwissenschaftliche Classe. 

29. Band. 1869. 4. 

c) Sitzungsberichte. Philosophisch-historische Classe. LXI. Bd. 

Heft 2. 3. Febr. März. 

LXII.Bd. Heft 1. 2. 3. 4. April bis Juli. 
Jahrgang 1869. 8. 

d) „ LIX. Bd. 3. 4. 5. Heft. LX. Bd. 1. 2. Heft. 

März bis Juli Jahrgang 1869. Erste Ab- 
theilung. Abhandlungen aus dem Gebiete 
der Mineralogie, Botanik, Zoologie, Anato- 
mie, Geologie, Paläontologie. 8. 

e) „ LIX. Bd. 4. u. 5. Heft. LX. Bd. 1. Heft. 

April, Mai, Juni. Jahrgang 1869. Zweite 
Abtheilung. Abhandlungen aus dem Gebiete 
der Mathematik, Physik, Chemie, Physio- 
logie, Meteorologie etc. etc. 8. 

f) Archiv für österr. Geschichte. 41. Bd. 1. u. 2. Hälfte. 1869. 8. 
g) Almanach. Neunzehnter Jahrgang. 1869. 8. 

Vom historischen Kreisvereine im Begierungshezirk von Schwaben 
und Neuhur g in Augsburg: 

Vierunddreissigster Jahresbericht für das Jahr 1868. 1869. 8. 

Von der Societe des sciences physiques et naturelle in Bordeaux: 
Extrait de» proces-verbanx des seances. 1869. 8. 



Einsendungen von Druckschriften. 281 

Vom Istitiito Veneto di scienze lettere ed arti in Venedig: 

Atti. Tomo decimoquarto , serie terza: Dispensa nona, decima. 
Tomo decimoquinto, eerie terza: Dispensa prima. 1869. 70. 8. 

Vom Äteneo Veneto in Venedig: 
Atti. Serie IL Volume V. Puntata quarta. Settembre 1869. 8. 

Von der Association pour l'encouragenient des etudes grecques 
en France in Paris: 

Annuaire. 4. Annee 1870. 8. 



Vom Herrn Aug. Grunert in Greifsicald: 
Archiv der Mathematik und Physik. 50. Theil. 4. Heft. 51. Theil. 
1. Heft. 1869. 8. 

Vom Herrn Friedrich Hessenberg in Franl-furt ajM.: 
Mineralogische Xotizen. Xr. 9. Achte Fortsetzung. 4. 

Vom Herrn F. Melde in Marburg: 
Experimental-Untersuchungen über Blasenbildung in kreisförmig 
cylindrischen Röhren. 1870. 8. 

Vom Herrn Karl vo7i Weber in Dresden: 

Archiv für die sächsische Geschichte. 8. Band. 1. — 3. Heft. 
Leipzig 1869. 8. 

Votn Herrn Karl Karpf inBuhethal vor Glücksburg im Schlesioigischen: 

T6 xC >jV slvai. Die Idee Shakespeare's und deren Verwirklichung. 

Sonettenerklärung und Analyse des Dramas Hamlet. Hamburg 

1869. 8. 

Vom Herrn Hermann Kolbe in Leipzig: 
Journal für praktische Chemie. Xeue Folge. Band. I. 1 — 5. Heft. 

1870. 8. 

** 



282 Einsendungen von Druckschriften. 



Vom Herrn Hermann Knoblauch in Berlin: 

a) Ueber den Durchgang der strahlenden Wärme durch Steinsalz 
und Sylvin. 1870. 8. 

b) Historische Bemerkung zu einer Veröffentlichung des Herrn 
G. Magnus über die Reflexion der Wärme. 1870. 8. 

Vo7n Herrn Karl Hasskarl in Wien: 

Commelinaceae indicae, imprimis archipelagi indici , adjectis non- 
nullis hisce terris alienis. 1870. 4. 

Vom Herrn Franz Tötterle in Wien: 

Das Vorkommen, die Production und die Circulation des mineral- 
ischen Brennstoffes in der österreich.-ungarischen Monarchie 
i. J. 1868. Mit 1 Karte. 1870. 8. 

Vom Herrn Fr. Zantedcschi in Venedig: 

a) Delle oscillazioni calorifiche orarie, diurne, mensili ed annue 
del 1867. 1869. 8. 

b) La meteorografia del globo studiata a diverse altitudini da 
terra. 1869. 8. 

Vom Herrn Conte Giovanni Gozzadini in Bologna: 
Di ulteriori scoperte nell' antica necropoli a Marzabotto nel 
Bolognese. 1870. Fol. 

Vom Herrn M. Alf. Preudhomme de Boire in Brüssel: 
Description d'une nouvelle espece africaine du genre varan (varanus). 8. 

Vom Herrn H. Mohn in Christiania. 
Temperature de la mer entre l'Islande, l'Ecosse et la Norvege. 
Avec 5 cartes. 1870. 8. 

y^om Herrn Guido Vimercati in Turin: 
Kivista scientifico-industriale del 1869. Anno primo. Florenz 1869. 8, 

Vom Herrn Samuel Haughton in Dublin: 

a) On some elementary principles in animal mechanics. (Nr. II.) 
1869. 8. 

b) Additional notice of the zeolites of Western India. 1868. 8. 



Einsendungen von Druckschriften. 283 

Vom Herrn C. Settimanni in Florenz: 
D'une seconde nouvelle methode pour determiner la parallaxe du 
soleil. 1870. 8. 

Vom Herrn E. Hegel in St. Petersburg : 
1869. Supplementum ad indicem seminum anni 1868 quae hortus 
botanicus imperialis Petropolitanus pro mutua commutatione 
offert. 1869. 8. 

Von den Herren Selastiano Eichiardi und Giovanni Canestrini in Turin: 
Archivio per la zoologia l'anatomia e la fisiologia. Serie II. Vol. II. 
Fase. I. Marzo 1870. Turin u. Florenz. 8. 

Vom Herrn James M. Safford in Lehanon, Tenn: 
Geology of Tennesse. Nashville 1869. 8. 

Vom Herrn J. H. C. Goffin in Washington: 
The american ephemeris and nautical almanac for the year 1871. 
1869. 8. 

Vom Herrn Charles H. Davis in Washington: 
Aatronomical and meteorological observations made at the united 
States naval observatory during the year 1866. 1868. 4. 

Vom Herrn Hugo Schuchardt in Gotha: 
üeber einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen. 1870. 8. 

Von den Herren Karl Jelinek und Karl Fritsch in Wien: 
Jahrbücher der k. k. Central-Anstalt für Meteorologie und Erd- 
magnetismus. Neue Folge. IV. Bd. Jahrgang 1867. 1869. 4. 

Vom Herrn Karl Jelinek in Wien: 
Die Temperatur-Verhältnisse der Jahre 1848 — 1863 an den Stationen 
des österreichischen Beobachtungsnetzes durch fünftägige Mittel 
dargestellt. 1869. 4. 

Vom Herrn Martin Hang in München: 

a) An cid Pahlavi-Pazand Glossary, edited with an alphabetical 
index by Destur Hoshangji Jamaspji Asa, Highpriest of the 
parsis in Malwa, India. Bombay. London 1870. 8. 

b) Essay on the Pahlavi Language. Stuttgart 1870. 8. 



284 Einsendungen von Druckschriften. 

Vom Herrn M. Garcin de Tassy in Paris: 
Histoire de ]a litterature Hindouie et Hindoustanie. Tome premiere. 
1870. 8. 

Vom Herrn G. L. von Maurer in München: 
Geschichte der Städte-Yerfassung in Deutschland. Zweiter Band. 
Erlangen 1870. 8. 

Vom Herrn P. G. De Dnmast in Nancy : 
De la sericulture abusivement nommee serici-culture. 1870. 8. 

Vom Herrn Bohert Main in Oxford: 
Second radcliffe catalogue, containing 2386 stars; deduced from ob- 
servations extending from 1854 to 1861, at the radclifife 
observatory Oxford, and reduced to the epoch 1860. 1870. 8. 

Vom Herrn Gaudenzio Claretta in Turin: 
II municipio Torinese ai tempi della pestilenza del 1630 e della 
reggente Christina di Franzia Duchessa di Savoia. 1869. 8. 

Von den Herren A. Hirsch und E. PJantamour in Genf: 
Nivellement de precision de la Suisse execute par la commissioB 
geodesique föderale. III. Livraison. 1870. 4. 

Vom Herrn Severn Teackle Wallis in Baltimore: 
Discourse on the life and character of George Peabody, delivered 
in the hall of the Peabody institute, Baltimore, February 18. 
1870. 8. 

Vom Herrn Dr. Emil Czyrnianski in Krakaw. 
Chemische Theorie auf der rotirenden Bewegung der Atome basirt, 
kritisch entwickelt. 1870. 8. 

Vom Herrn Rudolph Wolf in Zürich : 
Astronomische Mittheilungen XXV. 1869. 8. 

Vom Herrn Eduard Secretan in Lausanne: 
Du passage des Alpes par Annibal. 1869. 8. 



I 



Sitzuugsbericlite 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Mathematisch-physikalische Classe. 

Sitzunsr vom 5. März 1870. 



Herr Baron von Lieb ig bespricht eine von ihm vor- 
gelegte Abhandlung des Herrn J. L. W, Thudichum in 
London : 

„Ueber die Kryptophansäure, die normale 
freie Säure des Harns. 

(Auszug aus einer längeren Abhandlung.) 

1) Darstellung der Kryptophansäure. Harn wird 
eingedampft, mit Kalkmilch behandelt, mit Essigsäure wieder 
angesäuert und zur KrystaUisation konzentrirt. Das Extract 
wird von den Krystallen getrennt und mit viel stärkerem 
Alkohol gemischt. Es fällt ein schmieriger Niederschlag von 
kryptophansaurem Kalk, welcher isolirt, mit Alkohol gewaschen 
und wie folgt gereinigt wird. 

2) Reinigung vermittelst essigsauren Bleis. Das 
rohe Kalksalz wird in Wasser aufgelöst und mit einem grossen 

[1870. I. 3] 19 



286 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. März 1870. 

Ueberschuss einer gesättigten Lösung von Bleizucker gemischt. 
Die Lösung wird von dem unlöslichen Theil (basisches 
kryptophansaures Blei) abfiltrirt und mit viel stärkerem 
Alkohol gemischt , wodurch weisses kryptophansaures Blei 
niederfällt. 

3) Reinigung vermittelst essigsauren Kupfers. 
Die wässrige Lösung des rohen Kalksalzes wird mit einem 
Ueberschuss von konzentrirter essigsaurer Kupferlösung ver- 
mischt, wodurch sich ein unlösliches und ein lösliches neu- 
trales Kupfersalz bildet, die Lösung des Letzteren mit viel 
absolutem Alkohol vermischt, gibt einen blaugrünen Nieder- 
schlag von kryptophansaurem Kupfer. 

4) Darstellung der Kryptophansäure aus Harn- 
extracten, aus welcher bereits alle Zersetzungs- 
produkte desUrocherins entfernt sind. In den Prozessen, 
welche unter 1, 2 und 3 beschrieben sind, bleibt das üro- 
cherin unzersetzt in der alkoholischen Lösung. Die Krypto- 
phansäure ist daher kein Product des Urocherins, was auch 
aus vielen anderen Thatsachen hervorgeht. In dem unter 4 
beschriebenen Prozess werden das Urocherin und seine Zer- 
setzungsprodukte durch den vom Verfasser beschriebenen 
chemolytischeu Prozess zuerst aus dem Harnextract entfernt. 
Aus der Lösung werden alsdann Schwefelsäure und Ammoniak 
durch Kochen mit überschüssiger Kalkmilch entfernt ; die 
Lösung wird ungesäumt zur Krystallisation verdampft und 
das abgegossene Extract mit Alkohol behandelt. Das rohe 
Kalksalz wird dann durch die unter 2 und 3 beschriebenen 
Prozesse gereinigt. 

5) Darstellung der Kryptophansäure aus Harn 
ohne Anwendung von Wärme. Frischer Harn wird mit 
gesättigter Bleizuckerlösung (40 cc. auf jedes Liter Harn) 
gemischt, und der Niederschlag entfernt und weggeworfen. 
Es wird nunmehr Bleizucker und etwas Ammoniak zu dem 



Thudichum: Die Kryptophansäure. 287 

Filtrat gefügt, und der Niederschlag gesammelt und gewaschen. 
Derselbe wird nun mit verdünnter Schwefelsäure genau zer- 
setzt, wodurch eine dunkelgelbe Lösung erhalten wird. Diese 
enthält ürocherin (kenntlich an seinem Absorptionsband im 
Blau des Spectrums und an seinen Zersetzungsprodukten) 
und Kryptophansäure. Die Lösung wird mit kohlensaurem 
Baryt und Barytwasser behandelt, filtrirt und mit Alkohol 
gemischt. Das ürocherin bleil)t in Lösung und das kryp- 
tophansäure Baryum fällt in weissen Flocken nieder. 

6) Chemische Eigenschaften der Kryptophan- 
säure. Sie wird aus dem Bleisalz durch Schwefelsäure, 
aus dem Kupfersalz durch Schwefelwasserstoff abgeschieden. 
Sie ist amorph , gummiartig , durchscheinend . löslich in 
Wasser, weniger in Alkohol, am wenigsten in Aether. Sie 
gibt Niederschläge mit vielen Salzen, ihie Salze werden in- 
dessen vollständiger von Metallsalzen gefällt. Am merk- 
würdigsten unter diesen sind : der Niederschlag mit salpeter- 
saurem Quecksilberoxyd, weiss, voluminös. Derselbe wird 
stets als eine Beimischung der Verbindung von Quecksilber- 
oxyd mit salpetersaurem Harnstoff" in der volumetrischen 
Analyse von Liebig gebildet, und diese Analyse bedarf 
desshalb einer Correction für Kryptophansäure. — : Die 
Niederschläge mit Ürau- und Eisenoxydsalzeu, welche stets 
in den gewöhnlichen volumetrischen Analysen für Phosphor- 
säure im Harn gebildet werden, und diese Prozesse von 
sehr fraglichem Werth machen. In alkalischen Kupferlösungen 
bildet die Kryptophansäure beim Kochen Oxydul ; diese 
Reaction erklärt wahrscheinlich viele Angaben über so- 
genannten Zucker im Harn, einschhesslich dessen, welche 
von angeblichem Indikau. oder Urian oder Uriauin (Schunk) 
hergeleitet sein sollte, und die Reactionen des Alkaptons 
(Böcker). Auch ist es die Kryptophansäure, an welcher sich 
jene sonderbare Picaction ausführt , welche menschlicher 
Harn mit Jodtinctur gibt, und die vor einigen Jahren Gegen- 

19* 



288 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 5. März 1870. 

stand einer lebhaften Debatte in Frankreich war. Sie bildet 
die Hauptmasse der sogenannten Extractivstoffe und ist ein 
Körper von grossem chemischen Interesse, physiologischer 
Bedeutung und pathologischer Wichtigkeit. 

7) Absorption von Sauerstoff durch rohe Kryp- 
top hansäure. Unreine stark alkalische Lösungen von 
Kryptophansäure absorbiren Sauerstoff auch aus Luft, über 
Quecksilber, die sehr reinen Salze nehmen keinen Sauerstoff auf. 

8) Kryptophansäure Alkalien. Dieselben sind im 
Wasser löslich; das Natronsalz wird aus seiner wässrigen 
Lösung durch Alkohol nicht gefällt. 

9) Kryptophansaures Blei. C^ H, Pb NO^. Er- 
halten wie oben beschrieben. Es gibt ein wasserfreies Salz 
mit einem Molekül Hydratwasser. 

10) Basisches Bleisalz. Das Salz unter 9 darf nur 
mit Alkohol gewaschen werden , um neutral zu bleiben. 
Wenn es längere Zeit mit Wasser gewaschen wird, so ver- 
liert es ein Drittel seiner Säure und wird basisches Salz : 
2 (C,, H , Pb, N, J PbO. 

11) Kryptophansaures Kupfer, (mit Alkohol). Viele 
kryptophansäure Salze verbinden sich mit Alkohol und 
bilden Alkoholate nach Art der Hydrate, das Kalk- und 
Bleisalz verlieren ihren Alkohol in massiger Wärme, etwa 
bei 70*' C. , besonders wenn Wasser zugegen ist. Aber das 
Kupfersalz hält ihn bei 110° zurück und hat alsdann die 
Formel 2 (C^ H, Cu NOJ + C, H^ 0. 

12) Kryptophansaures Kupfer (ohne Alkohol) 
Cj H, Cu. NO5 hellgrüner sehr beständiger Körper. 

13) KryptophansauresMagnesium. Dargestellt durch 
Sättigen der freien Säure mit gebrannter Magnesia. Zwei 
Hydrate wurden erhalten, eines C^^ H^^ Mg., N^ 0^^ -\- 2 Aq. 
bei 125° C. und ein anderes C^,, H^^ Mg^ N, 0^^ + Aq. bei 
140—160° C. Sehr beständiges Salz. 



Thtidichiim: Die Kryptophansäure. 289 

14) Kryptophansaure Calciumsalze. Wenn die 
Säure mit überschüssiger Kalkmilch gekocht wird, so bildet 
sich das dreiviertel basische (drei aequivaleute Calcium, ca/ 
von 20 Aequ. Gew. jedes) enthaltend. — C^^^ H^ 083 N.^ ^g. 
Wenn dieses Salz an der Luft zur Trockne verdampft wird, 
so verliert es ein Drittel seines Kalks als kohlensaures und 
hinterlässt das zweibasische Salz C^^ H^^ Ca. N^ O9. (Ca 40) 
durch Alkohol zu fällen. 

15) Kryptophansaure Baryumsalze. Das vier- 
basische Salz wird durch Fällen der Lösung des Maguesium- 
salzes mit Barytwasser dargestellt; es enthält ein Atom 
Hydratwasser und hat die Formel C^^ H^^ Ba, N, 0^^ + Aq. 
Durch Abdampfen an der Luft wird dieses Salz C^^ R^. 
Bag N. 0,0 (Ba = 67.5). 

16) Verwandlung des dreibasischen Baryum- 
salzes und ein saures Salz durch Kochen mit 
Wasser. Das Salz wurde sehr lange in Wasser gekocht 
und verwandelte sich dadurch in C^^ H^^ Ba N^ Og. 

17) Kryptophansaure Kobaltsalze. Dargestellt 
durch Kochen der Säure mit kohlensaurem Kobalt. Rothe 
Lösung durch Alkohol gefällt. 

a) Fällung, rosenrother Niederschlag = C^^ H,^ Co 
N3 Og. 

b) Lösung, wurde blau während des Trocknens und 
hatte Zusammensetzung C^^^ H,., Co._, K, Og. 

I 18) Silbersalz. Das zwei basische Baryumsalz liefert 

mit Silbernitrat das drei basische Silbersalz, C^g E^^ Agg 
N2 O9. Vierbäsische Salze liefern dieses dreibasiscbe Silber- 
salz gemischt mit freiem Oxyd. 

19) Theoretische Betrachtungen über die Kryp- 
tophansaure. Die Säure ist in Obigen häufig als eine 
I zweibasische Säure von der Formel C^ Hg XO^ aufgefasst 
I worden. Sie kann jedoch ebensowohl als vierbasisch gedacht, 



290 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. März 1870. 



und ihr die Formel G^^ H^g Ng 0^^ 



beigelegt werden, 
diesem Falle erhalten die Metallsalze die 



In 



allgemeine Formel 
Bleisalze trocken . 

„ Hydrat . 

„ basisch . 
Kupfersalz, trocken 

,, mit Alkohol — 

Magnesiumsalz Hydrat — 

„ dihydrat — 

Baryumsalz vierb. Hyd. — 

„ dreibasisch — 

,, sauer ... — 
Calciumsalz dreibasisch — 

„ sauer ... — 

Kobaltsalz, sauer ... — 

„ vierbasisch — 

Silbersalz, dreibasisch — 



- C,,H,,M^, N, 0,, 

- C,, H,, Pb, N, 0,,. 

- C,, H,, Pb, K 0,, + Aq. 
-2(C,,H,, PK N, 0,J+Pb. 

- C,„H,, Cu, N, 0,,. 
C,,H,, Cu, \ 0,, + a H, 0. 
C,,H,, Mg, N, 0,, + Aq. 
C,„ H,, Mg, N, 0,, 4- 2 Aq. 
C,, H,, Ba, N, 0,„ + Aq. 
C,,H,3ba\ N, 0,,. 
C,„H,,Ba N., O9. 
C,, H,3 ca^3 N, 0,, 
C,, H, Ca N, 0,. 
C,, H,, Co K O3. 
C,, H,. Co., N, O9. 
C,, H,3 Ag3 N, O3. 

Ein Theil des Wasserstoffs in dieser Säure kann durch 
Jod oder Brom substituirt werden, es gibt vielleicht drei 
gebrannte Säuren, deren Barytsalze durch verschiedene Lös- 
lichkeit trennbar sind. 

Das Fleisch, das Blut und viele Orgaue des menschlichen 
Körpers enthalten Säurun, welche viele Eigenschaften mit 
der Kryptophansäure gemein haben, allein damit nicht 
identisch sind. Dieselben sind wahrscheinlich physiologische 
Vorläufer dieser lange verborgenen und scheinbar so schwierig 
zu behandelnden Substanz. 

Vorstehende Untersuchung habe ich für das Medical 
Departement of the Priry Council im pathologischen Labo- 
ratorium des St. Thomas Hospital ausgeführt. 



t 



NöUner: Der Lüneburgit. 291 



Derselbe berichtet; 

,;üeber den Lüneburgit von Herrn C. Nöllner. 
in Harburg" nach einer brieflichen Mittheihing. 

Es ist in Lüneburg durch Herrn Dr. Volger seit etwa 
1 Jahr ein Schacht angelegt worden in der Absicht, die 
dortigen Steinsalzlager, woraus die seit Jahrhunderten be- 
nutzten Soolqu eilen entspringen, zu erreichen und im gün- 
stigen Falle auch auf Kalisalze zu stossen. die wohl solange 
die Erde besteht, werthvoll bleiben werden. Die Unter- 
suchung der dabei auftretenden mineralischen Stoffe wurde 
mir übertragen, wobei ich mich aber nicht nur auf 
das mir Ueberschickte beschränkte, sondern bisweilen die 
Spalte durchforschte, ob etwas Neues zu Tag gefördert. 

Dass die verschiedenen Salzlager in Stassfurt etc. durch 
Verdampfen von Meerwasser entstanden, ist doch wohl jetzt 
allgemein angenommen und schied sich dabei zuerst Koch- 
salz mit Gyps. darauf die schwefelsauren Salze, dann die 
Chloralkalien und zuletzt die zerfiiesslichen Verbindungen 
von Chlorcalcium und Chlormagnesium aus. Mit der letzten 
Schichte der Chlorverbindungen wurden ausserdem auch 
noch Körper ausgeschieden, die erst durch Umlagerung ge- 
bildet wurden, so dass aus den zerfiiesslichen sogar noch 
schwerlösliche hervorgehen konnten. Dazu gehören zunächst 
die Boracite, die desshaib auch alle chlorhaltig sind, weil 
jedes Salz beim Krystallisiren etwas von der umgebenden 
Lauge einschliesst, daher umkrystallisirt werden muss. wenn 
es durch Krystallisation rein erhalten werden soll. 

Man findet ferner in den unteren Steinsalzschichten 
Gyps mit 2 At. Wasser, in den Schichten der zerfiiesslichen 
Salze dagegen wasserfreien (Anhydrit), weil die conc. Lös- 
ungen von Ca Cl + Mg Cl alles Wasser mit Beschlag 
belegen. 



292 Sitzung der matk-ph/ys. Cflasse vom 5. März 1870. 

So krystallisirt aus unsern letzten Salpetermutterlaugen 
mit einmal künstlicher ßorucit, der nur zu 3°/o in Wasser 
löslich ist, demnach wenn er präexistirt hätte, längst vor 
Abscheidung des Kalisalpeter hätte herauskrystallisiren müssen. 
Aus derselben Ursache wird ein solcher Salpeter, der diese 
borsaure Magnesia mit oft 18°/o Chlorgehalt enthält, immer 
chlorhaltiger, je mehr er gewaschen wird. 

Aber nicht nur Borsäure enthalten die aus den Mutter- 
laugen des Meerwassers abgeschiedenen Salze, sondern auch 
Phosphor säure, wie namentlich der Stassfurtit und die 
soeben beschriebenen künstlichen Boracite, vor Allen aber 
das anliegende in Lüneburg gefundene und desshalb von mir 
Lüneburgit genannte Mineral, was nahe 30"/o Phosphorsäure 
enthält. 

Daraus erklärt sich aber wieder ganz einfach, dass, 
wenn die Verdampfungsprodukte des Meerwassers u. a. Bor- 
säure, Phosphorsäure undgeringe Mengen Fluor enthalten, 
diese auch in dem Meerwasser enthalten sein müssen, wor- 
über ich aber bis jetzt noch keine Notiz finden konnte, 
obgleich es nahe liegt, da die Knochenbilduug der Fische 
doch nur aus dem Meerwasser herrühren kann, worin sie 
und ihre Nahrung leben. 

Zuletzt habe ich noch als zu dieser Meeresverdampfungs- 
Frage gehörig, zu erwähnen, dass ein grosser Distrikt von 
Harburg und seiner Umgebung in seinen Brunnen einen 
aussergewöhnlich grossen Kaliumgehalt zeigt, so dass z. B. ein 
Cubikiüss des Wassers bei meiner Wohnung hier eingedampft 
4,56 Gr. Kalium platinchlorid krystallisirt und ohne Wein- 
geistzusatz liefert. Es hat sich dadurch der Gedanke in mir 
gebildet, dass, weil in Lüneburg z. Z. nur geringe Mengen 
von Kaliumverbindungen gefunden wurden, der Lüueburger 
Gypsberg aber etwa 100' über die Erdoberfläche hervorragt 
und nur an der oberen Partie des Berges die chlorhaltigen 
Boracite gefunden wurden, bis dort die eingedampfte Mutter* 



NöUn&r: Der Lüneburgit 293 

lauge des Meeres gestanden haben muss. Stellt man sich 
auf den Lüneburger Gypsberg, so sieht man rings umher 
mehre Meilen Durchmesser eine Gebirgskette, die nur nach 
Harburg hin unterbrochen ist, so dass sich die Vermuthung 
aufdrängt, dass dort der Salzsee durchbrochen, in tiefer 
gelegene Basins abgelaufen und vollends vertrocknet sei, 
woraus sich erklärt, dass hier überall die verschiedenen 
Kalke, Magnesia und namentlich Kalisalze, gefunden werden, 
während in L. selbst, solche nur sparsam auftreten. Dazu 
kommt noch, dass hier überall der stark Kalk und Magnesia 
haltende graue Thou zu finden ist, wie er die Salzlager in 
Stassfurt etc. bedeckt. 

Würde das Kali ohne den Gyps, die Magnesia u. a. 
Kalksalze zu finden sein, so würde ich einen andern Ursprung 
zugestehen, ebenso wie ein Salpetergehalt in den Brunnen 
der Stadt Harburg nur dann von unserer Fabrik herrühren 
könnte, wenn gleichzeitig Jod vorhanden, da nur solche Jod 
und Magnesiahaltende Laugen, welche keinen Salpeter mehr 
liefern, in seltenen Fällen cessirt werden. 

Lüneburgit 
[(2MgO, HO) P05 + MgOBOS] -f 7H0 

gesucht gefunden 

2MgO = 40 16,75| ^j 25,10 25,3 

HO = 9 3,78l50,36 .. 

PO^ =. 71 29,83] P 29,83 29,8 

MqO = 20 8,351 B 14,82 12,7 

B03 = 35 14,72f^'-^' 

7H0 = 63 26,17 H 30,25 32,2 

^S l'^^ 100,00 100,0 

Ausserdem enthält der Lüneburgit noch etwa 0.7°,'o Fl. 
B., welches bei trockner Glühhitze sich verflüchtigt, sowie 
Spuren von den Salzen des in der Nähe befindlichen Salz- 
lagers. 



294 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. März 1870. 



Der Classensekretär Herr v. K ob eil spricht: 

„Ueber den Gümbelit, ein neues Mineral von 
Nordhalben bei Stehen in Oberfranken." 

Ich benenne dieses ?tlineral nach seinem Entdecker, 
dem Herrn Oberbergrath Gümbel, der sich so viele Ver- 
dienste um die geognostische Kenntniss Bayerns erworben 
hat und welcher mir zuerst dasselbe mittheilte. Es findet 
sich von kurzfasriger Struktur in dünnen Lagen auf Thon- 
schiefer, z. Th. auch auf Pyrit, der in kleinen plattgedrückten 
Massen eingewachsen vorkommt. 

Die Farbe ist weiss-grünlichweiss, es ist seiden-perl- 
mutterglänzend und durchscheinend, weich und biegsam und 
fühlt sich zerrieben wie feiner Asbest an. 

V. d. L. bläht es sich fächerförmig auf und hat darin 
x\ehnlichkeit mit dem Pyrophyllit, welcher sich aber bei 
weitem stärker aufbläht. Es schmilzt in dünnen Fasern (4) 
zu einer porcellanartigen Masse, Im Kolben gibt es Wasser. 

Es wird weder von concentrirter Salzsäure noch von 
Schwefelsäure angegriffen. Man kann die sehr feinen Filze, 
die es beim Zerreiben gibt, mit concentrirter Schwefelsäure 
kochen und die Säure vollständig darüber abrauchen, ohne 
dass die mit Wasser behandelte Masse im Filtrat mit den 
Reageutien irgend ein Präcipitat oder Trübung gäbe. 

Zur Analyse konnte ich nicht mehr als etwas über 
3 Gramme verwenden, wovon die Hälfte mit kohlensaurem 
Kali-Natron aufgeschlossen wurde und eine ähnliche Menge 
mit kohlens. Baryt, wobei aber ein Theil unzersetzt blieb, 
der weiter mit Flusssäure zerlegt wurde. 



I 



V. Kobell: Der Gümbelit. 295 



Die Analyse 


gab: 


















Sauerstoff. 






Kieselerde 


50,52 


)j 


26,94 


>} 


26,94 


„ 21 


Thonerde 


31,04 


5) 


14,721 
0,90/ 




15,62 


1 ^ 


Eisenoxyd 


3,00 


J) 


5) 


,, 1- 


Magnesia 


1,88 


)) 


0,751 
0,54J 




1,29 


1 


Kali 


3,18 


J> 


55 


»5 A 


Wasser 


7,00 


>5 


6,22 


n 


6,22 


„ 5 


ünzersetzt 


1,46 













98,08 

Die Mischung führt zu der Formel 

R Si + 2Ä» Si3 + sH 

R = Mg, ka; Ä = äl, Fe. 

Möglicherweise könnte das Eisen als Oxydul enthalten 
sein, es ist aber nicht wahrscheinlich und würde dafür die 

Formel eine ganz ungewöhnliche. Mit Si erhält man keine 
passende Formel, wie sich denn diese Annahme oft bei den 
bestgekannten Mischungen wie z. B. beim Granat nicht be- 
währt, dessen Formel mit Si weit einfacher ist. Es kann 
bei Mischungen wie die des Gümbelit eine Formel über- 
haupt nur annäherungsweise giltig sein, denn sie ändert 
sich mit einer sehr kleinen Aenderung im Gehalt an Kali 
und Magnesia und die sorgfältigste Analyse gewinnt hier 
nicht absolut gleiche Resultate. Die vorherrschenden Misch- 
ungstheile der Kieselerde und Thonerde zeigen aber im Ver- 
gleich mit den Mischungen ähnlicher Species so bedeutende 
Difierenzen in der Quantität, dass damit die neue Species 
besser charakterisirt und unterschieden ist als mit irgend 

einer Formel, denn ein Zusammenfassen von Si und Äl, wo- 
mit die alleinige Representation durch Si oder ein Schwanken 
zwischen Si und äl zuweilen auszugleichen ist, kann hier 



296 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Mars 1870. 

nicht stattfinden. Es beträgt aber die Kieselerde des Pyro- 
phyllit, welcher dem Gümbelit noch am nächsten steht, nach 
dem Mittel der vorhandenen Analysen 64,5 prCt. , während 
sie beim Gümbelit (mit Rücksicht auf das Unzersetzte) nur 
52 prCt. beträgt, also 12 prCt. weniger. Auch ist im Pyro- 
phyllit von keinem Analytiker ein Alkaligehalt gefunden 
worden. 

Der Gümbelit kommt fast nur in den erwähnten dünnen 
Lagen vor, ist aber am Fundort keine Seltenheit. 



Seidel: Zu den Vemis-Ihirchgängen. 297 



Herr Seidel gibt; 

„Einige Bemerkungen in Bezug auf die Beob- 
achtung der bevorstehenden Durchgänge 
der Venus durch die Sonne." 

Der königlichen Akademie d. Wiss. sind kürzlich von 
offizieller Seite die Ergebnisse der vorläufigen Berathungen 
mitgetheilt worden, welche im Norddeutschen Bunde von 
einer Commission gepflogen worden sind, die zur Vorbereitung 
der Maassregeln für die Beobachtung der in den nächsten 
Jahren eintretenden beiden Vorübergänge der Venus vor der 
Sonne amtlich niedergesetzt wurde. Von anderer Seite erfahren 
wir ebenfalls, dass die für den gleichen Zweck gefassten 
Entwürfe bereits anfangen eine festere Gestaltung anzu- 
nehmen. Es ist kaum zu erwarten oder auch nur zu bean- 
tragen, dass ein Staat von dem Umfange und der in emi- 
nentem Sinn binnenländischen Lage Bayerns sich an einer 
der projectirten überseeischen Expeditionen direct betheilige, 
zumal gerade jetzt nicht unerhebliche Geldmittel für den 
verwandten rein wissenschaftlichen Zweck der Europäischen 
Gradmessung in Anspruch genommen werden müssen ; es 
fehlt uns überdies an einer Schule jüngerer Astronomen, 
von welchen Einer oder der Andere sich einer der ver- 
schiedenen deutschen Unternehmungen anschliessen könnte. 
Indessen wird Bayern und speciell München dennoch keinen 
unwichtigen Beitrag für die Lösung der schwebenden Fragen 
nach der Sonnenparallaxe liefern ; denn die Münchner In- 
strumente, ältere und neuere, seien es nun Refractoren oder 
photographische Apparate, werden zuverlässig eine sehr 
hervorragende Stelle unter den mit Erfolg zu verwendenden 
Hilfsmitteln der Beobachtung einnehmen. Mit einem solchen 



298 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. März 1870. 

Beitrage des engeren Vaterlandes für den wichtigen Zweck 
darf wohl auch unsere Akademie sich befriedigen, da ver- 
storbene und lebende Mitglieder derselben an den Fort- 
schritten der praktischen Optik Antheil haben. — Auf den 
Nutzen, welchen neben der directen Beobachtung des Durch- 
gangs die photographische Aufnahme der Sonne mit dem vor 
ihr befindlichen Planeten für die genaue Feststellung der 
Daten und für die Vermehrung ihrer Anzahl in Aussicht 
stellt, ist man wohl allerwärts schon aufmerksam geworden; 
der Zweck der gegenwärtigen Mittheilung ist es , hervorzu- 
heben, dass meiner Ansicht nach gerade von solchen Auf- 
nahmen (die natürlich mit den genau festgestellten Zeit- 
momenten versehen sein müssen) ungleich mehr zu er- 
warten sein möchte, als von jeder andern Art der Beob- 
achtung. Die erneute Discussion, welcher man die Obser- 
vationen des letzten Jahrhunderts unterzogen hat, seitdem 
durch neu hinzugekommene Thatsachen die Genauigkeit des 
von Encke aus ihnen abgeleiteten Resultates in Frage ge- 
stellt worden ist, scheint vor Allem Dies zu lehren, dass die 
Schlüsse, welche sich auf dieselben bauen, in unerwartetem 
Grade vag und schwankend sind, indem man. immer mit 
plausiblen Gründen , bald hier bald dort eine Beobachtung 
ausschliesseu oder neu interpretiren , und damit das Haujit- 
ergebniss in sehr weiten Grenzen verschieben kann. Wenn 
nun auch ein Theil dieser Unsicherheit von der nicht genug 
präcisen Ausdrucksweise einzelner Beobachter herrühren mag, 
so kann man doch schwerlich die Vorstellung unterdrücken, 
dass ein grosser Theil derselben dem Mangel an Schärfe 
und Genauigkeit in der optischen Wahrnehmung selbst und 
der dadurch veranlassten Verschiedenheit in dem Urtheile 
der verschiedenen Beobachter zur Last fällt. So sehr nun 
auch das Fernrohr seit dem letzten Drittheil des vorigen 
Jahrhunderts vervollkommnet worden ist, so muss man sich 
doch davon Rechenschaft geben, dass die Umstände, unter 



Seidd: Zu den Venus-Durchgängen. 299 

welchen die Momente des Eintritts und Austritts des Pla- 
neten vor der Sonne observirt werden müssen . eigentlich 
die denkbar ungünstigsten tür die Leistungen des Instrumentes 
sind, da hier der dunkle Fleck wie in ein Meer von Licht 
so eben einseitig eingetaucht, oder daraus hervorgezogen er- 
scheint. Man hat zwar von Fernröhren gesprochen, welche 
frei von Irradiation seien, die also Hell und Dunkel auch in 
diesem Falle vollkommen richtig (so weit die Unruhe der 
Luft es gestattet) gegen einander abgrenzen sollten; allein 
Wer sich mit theoretischer Untersuchung der hier maass- 
gebenden optischen Vorgänge beschäftigt hat. wie ich dies 
von mir sagen darf, der kann der Annahme so idealer Vor- 
trefflichkeit bei irgend einem Instrumente unmöglich seinen 
Beifall geben, weil er weiss, dass eine ganze Reihe unver- 
meidlicher Fehler durch die mathematischen Verhältnisse 
bedingt, und desshalb auch in einem möglichst vorzüglichen 
Bilde zuverlässig vorhanden sind. Es kann nur davon die 
Rede sein, dass vielleicht unter gewissen Umständen die 
Fehler eines Apparates nicht erkannt worden sind ; da sie 
aber nothwendig vorhanden sind, so bleibt eben in Folge 
dessen ein ganz unerkannter Einfluss von ihnen zurück. Der- 
selbe muss natürlich ebenso gut die Erscheinung der Schüess- 
ung und der Zerreissung des Lichtfadens zwischen PLineten- 
rand und Sonnenrand (bei den innern Berührungen) ent- 
stellen und der Zeit nach verschieben, wie er in der Nähe 
des letzteren die runde Silhouette des Planeten verzieht ; 
auch ist es klar, dass dabei die verschiedene und sehr starker 
variabler Einwirkung des jedesmaligen Reizzustandes der 
Retina ausgesetzte Sensibilität des Auges eine sehr grosse 
Rolle spielen wird, während auch noch der Umstand, dass 
die Fortrückung des Planeten nicht in einer zum Sounen- 
rand normalen Richtung vor sich geht, den Spielraum sub- 
jectiver Differenzen vergrössern kann. 

Wenn man aber von der praktischen Optik ein Fern- 



300 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. März 1870. 

rohr nicht fordern darf, in welchem selbst die directen 
Strahlen der Sonne über die ihnen angewiesene Stelle gar 
nicht sensibel übergreifen sollten, so vermag sie dagegen mit 
einem viel höheren Grade von Approximation zu bewirken, 
dass über eine kleine kreisrunde dunkle Fläche, die 
rings von gleich hellem Lichte breit umflossen ist, dieses 
Licht von allen Seiten gleich stark oder mindestens von 
beiden Enden jedes Durchmessers aus in gleicher Weise 
übergreift^), so dass der Ort ilires Gentrums keine schein- 
bare Verrückung erleidet. Dies ist das Entscheidende für 
die Zuverlässigkeit eines photographischen Bildes, welches 
(natürlich mit der genauen Zeitbestimmung versehen) in 
irgend einem Momente des Vorüberganges fixirt, und dann 
mit einer Reihe ähnlicher Aufnahmen in Vergleichung ge- 
zogen wird, — und aus diesem Grunde halte ich dafür, dass 
die sorgsame Untersuchung solcher in hinlänglich grossem Maass- 
stabe aufgenommenen Photographieen geeignet ist, viel wertlr 
vollere Resultate zu liefern, als die Diskussion der beobachteten 
Momente von Ein- und Austritt. Es versteht sich, dass man 
nicht unbeachtet lassen wird, dass ein optisches Bild, selbst 
wenn es einen hohen Grad von Schärfe besitzt, desshalb 
nicht genau perspektivisch richtig sein muss; indem im Bild 
die Distanzen verschiedener Punkte von der Mitte nicht 
genau den scheinbaren Distanzen der zugehörigen Objekte 
von der Axe oder ihren Tangenten proportional sind. Dieser 
Einfluss muss wenigstens untersucht werden, sei es nun durch 
■Rechnung, aus den gegebenen Elementen des Apparates, 
oder durch geeignete Messungen, für welche sich leicht 



1) Der zuletzt gedachte Fall tritt dann ein, wenn ein leuchten- 
der Punkt sich als eine gleichmässig erleuchtete Ellipse abbildet, 
deren Eine Axe nach der Mitte des Gesichtsfeldes gerichtet ist. Es 
ist dies der allgemeine Fall bei Apparaten, die der Bedingung ge- 
nügen, welche von mir als die .,Fraunhofer'sche" bezeichnet 
worden ist. 



t 



Seidel: Zu den Venus-Durchgängen. 301 

Hilfsmittel ausdenken lassen. Um ihn berücksichtigen zu 
können, muss man jedes Blatt auch gegen den Apparat 
orientirt haben, so dass sich die Stelle der Sonnenscheibe er- 
sehen lässt, auf welche die Axe des Rohres gerichtet war. 
Ebenso muss die Stellung aller Theile des optischen Apparates 
gegen einander und gegen die Bildebene genau uotirt sein, 
damit alle nachträglich sich ergebenden Zweifel ihre Beant- 
wortung finden. — Sorgfältigste Centrirung der verschiedenen 
optischen Flächen erscheint dabei ganz besonders wichtig; 
namentlich wenn, wie dies zu erwarten ist, in der Okular- 
gegeüd ein das Objectiv-Bild vergrössernder Apparat ange- 
bracht ist, wird hierauf speciell Achtsamkeit zu verwenden 
sein. Wenn sich ergibt, dass bei einem Instrumente der 
vorhin angedeutete perspektivische Fehler nicht gleich Null 
gesetzL werden kann, so wird er natürlich auch den ümriss 
der Sonne entstellen, falls nicht die Mitte derselben anvisirt 
war; ebenso wird man wahrscheiiihch bei der Reduction 
beachten müssen, dass die mit verschiedenen Apparaten er- 
langten Sounenbilder nicht ohne Weiteres als gleiche Grössen 
re|)räsentirend angesehen werden dürfen, weil die ..Irradia- 
tion" bei dem Einen stärker gewirkt haben kann, als bei 
dem Anderen, 

Dies Alles lässt sich nachträglich genau untersuchen, 
und es scheint nicht zweifelhaft, dass man auf solche Weise 
aus einer Folge genau datirter Photographieen, welche den 
Planeten \or der Sonne in verschiedenen Stadien des Durch- 
ganges darstellen, auch die Momente, in welchen der schein- 
bare Abstand seines Mittelpunkts von dem der Sonne gleich 
dem Radius der letzteren war, ungleich genauer ermitteln 
wird, als durch die directe Beobachtung. Die Unsicherheit 
über den Moment der Entstehung des Bildes wird hier, 
wo im concentrirten Sonnenlicht gearbeitet wird, in so enge 
Grenzen eingeschlossen werden können, dass ihr Einfluss 
ganz irrelevant wird im Vergleiche mit den bei der andern 
[1870.1.3.] 20 



302 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 5. Märe 1870, 

Beobachtungsweise zu befürchtenden Fehlern in der Zeit. 
Es scheint mir daher, dass man die Erlangung möglichst 
guter und zahlreicher photographischer Aufnahmen der be- 
vorstehenden Veuusdurchgänge für die auszusendenden Expe- 
ditionen als die Hauptsache betrachten, und hiernach ihre 
instrumenteile Ausrüstung bemessen sollte , — wobei es 
natürlich von grosser Wichtigkeit sein wird, dass die Beob- 
achter schon zu Hause und bei Zeiten sich mit alledem, 
was vorgesehen werden kann, möglichst vertraut machen. 
Denn die Aufnahmen sollten meines Erachtens nicht von 
blos geschulten Photographen genommen werden, sondern 
von Astronomen, von welchen sich eine ungleich grössere 
und sachkundigere Beachtung aller auf das Resultat einwirken- 
den und dasselbe möglicher Weise entstellenden Einflüsse 
erwarten lässt. Man würde auf diese Art den hinter uns 
kommenden Generationen, die ohne Zweifel auf die Dis- 
kussion der Beobachtungen zurückkommen werden, ein mög- 
lichst werthvolles und authentisches, von unerforschbaren sub- 
jectiven Fehlerursachen möglichst freies Material hinterlassen, 
und so am besten den Dank derselben verdienen. Hier 
sowie bei der Auswahl der Lokalitäten wird die Rücksicht 
allein ins Auge zu fassen sein, dass die schnell vorüber- 
gehende und spät wiederkehrende Erscheinung unter mög- 
lichst vortheilhaften Umständen fixirt und der definitiven Unter- 
suchung aufbehalten werde, während keine Mühe, für deren 
Unternehmung nachher die lauge Zeit zu Gebote steht, bei 
der Anordnung des Ganzen in Anschlag gebracht wer- 
den darf. 



Bischoff: Ueber die kurzen Muskeln etc. 303 



Herr Bisch off hält einen Vortrag: 

„Ueber die kurzen Muskeln des Daumens und 
der grossen Zehe." 

(Mit einer Tafel.) 

Bei einer vergleichend anatomischen Untersuchung der 
Muskeln der Affen, mit welcher ich in der letzten Zeit be- 
schäftigt war, waren es die Muskeln des Daumens und der 
grossen Zehe nicht am Wenigsten, welche mir Schwierig- 
keiten darboten. 

Unsere Hand- und Lehrbücher der menschlichen Ana- 
tomie sind zwar sowohl in Deutschland als Frankreich und 
England darin übereinstimmend, dass sie dem Daumen vier, 
der grossen Zehe drei kurze Muskeln ertheilen, jenem den 
Abductor brevis, Opponens, Flexor brevis und Adductor; 
diesem den Abductor, Flexor brevis und Adductor mit einem 
Caput obliquum und transversum. 

Allein in den näheren Angaben über das Verhalten 
dieser Muskeln und in ihrer Beschreibung weichen sie besonders 
für den Daumen bedeutend von einander ab. Und zwar sind 
vorzüglich der Flexor brevis und der Adductor verschieden 
beschrieben worden , was bei dem innigen Zusammenhange 
des ersteren sowohl mit dem Abductor brevis und Opponens, 
als mit dem Adductor, und des letzteren mit dem Flexor 
brevis, und bei den sehr zahlreichen individuellen Abweich- 
ungen, welche sich in dieser Hinsicht finden, gar nicht zu 
verwundern ist. 

Bei uns in Deutschland , und so viel ich weiss auch in 
England, ertheilt man meistens dem Flexor brevis pollicis 
zwei Köpfe, einen äusseren, lateralen, welcher sich an das 
äussere, laterale Sesambein, an der Basis der ersten Phalange 
des Daumens ansetzt, und mit dem medialen Rande des 

20* 



304 Sitzung der math.-phys. Classe vom S.März 1870. 

Abductor brevis und Opponens genau vereinigt ist, und 
einen inneren, medialen Kopf, welcher mit dem Adductor 
verwachsen ist, und sich mit diesem an das innere, mediale 
Sesambein befestigt. Der Adductor wird sodann als ein ein- 
köpfiger Muskel beschrieben, über dessen Abgrenzung gegen 
den medi.ilen Kopf des Flexor brevis indessen verschiedene 
Ansichten herrschen, indem Einige (Sömmering, E. H. Weber, 
Hjrtl, Theile, Quain) letzteren nur vom Mittelhandknochen 
des zweiten und dritten Fingers , Andere (Meckel, Krause, 
Arnold, Luschka) auch noch von den Handwurzelknochen 
entspringen lassen. Diese Beschreibung stimmt dann am 
Meisten mit der der Muskeln der grossen Zehe des Fusses 
übereiu, der man auch einen Abductor, einen zweiköpfigen 
Flexor brevis und einen Adductor zuertheilt, welch letzterer 
zwei Köpfe, einen schrägen und einen queren, besitze. 

In Frankreich dagegen und theilweise auch bei uns ist 
die Ansicht von (Jruveilhier verbreitet, dass dei" Flexor brevis 
nur einen und zwar nur den äusseren oder lateralen Kopf 
besitze, sich auch nur an das äussere, laterale Sesambein 
ansetze. Alle Muskeliäseru dagegen, welche 'sich an das 
innere, mediale Sesambein anheften, gehören dem Adductor 
an. Auch für den Fuss wird dann ebenso gelehrt, dass die 
grosse Zehe nur einen einköpfigen Flexor brevis besitze, 
nämlich nur den inneren, medialen, welcher sich an das 
innere, mediale, Sosambein festsetzt, während der äussere, 
laterale, zu dem Adductor gerechnet wird, wobei noch zu 
bemerken, dass die Franzosen zur Bezeichnung der Wirkung 
die sagittale Ebene des Körpers, nicht die des Fusses 
festhalten, daher unseren Abductor Adductor, und unseren 
Adductor Abductor nennen. 

Von beiden Lehien, und auch noch auf den Abductor 
pollicis brevis herübergreifend, verschieden, ist die neueste 
von Henle. Ihm bleibt eigentlich kein Flexor pollicis brevis 
übrig und nur der Analogie mit der grossen Zehe wegen, 



! 



Bischoff: üeler die "kurzen Muskeln etc. 305 

lässt er ihn nicht ganz fallen , sondern beschreibt zwei 
schwache Muskelhünd eichen, welche in der Tiefe hinter der 
Sehne des Flexor pollicis longus von den Handwurzelknochen 
zu den beiden Sesambeinen verlaufen sollen, als die beiden 
Köpfe eines Flexor pollicis brevis. Was dagegen alle übrigen 
früheren Anatomen als äusseren, lateralen, Kopf des Flexor 
brevis beschrieben haben, theilt er dorn Abductor pollicis 
brevis, und was man als inneren, medialen Kopf beschreibt 
dem Adductor zu. 

Endlich hat vor 17 Jahren Dursy unter dem Daumen- 
ballen-Muskeln noch einen in der Tiefe liegenden kleinen 
Muskel als luterosseus pollicis indicisque beschrieben, den 
Andere unter die Theile des Flexor pollicis brevis gerechnet 
haben, und den Henle ebenfalls als selbständigen Muskel 
als Interosseus internus I aufnimmt. 

Jeder praktische Anatom , der die erwiihnten Muskel- 
Gruppen aus eigener und häufiger Erfahrung kennt, wird 
über die Verschiedenheit dieser Lehren und Ansichten kaum 
verwundert sein. Diese kleinen Muskeln besonders des 
Daumens hängen einmal in der That oft so genau zusammen, 
dass es sehr schwierig ist, sie von einander zu trennen, 
und dann überzeugt man sich leicht, dass allerdings in ihrer 
speciellen Anordnung, Ursprung und Gruppirung sehr viel- 
fache individuelle Abweichungen vorkommen. Diese Daumen- 
ballen-Muskeln müssen eine sehr grosse ,, Variabilität," t-ine 
ganz besondere Lust und Neigung zur Abweichung von 
ihrer atavistischen Anordnung haben; wenn es nicht viel- 
leicht der sehr verschiedene Gebrauch ist, den verschiedene 
Menschen gerade von diesen wichtigen Muskeln machen, der 
ihnen zu einer so verschiedenen Ausbildung verhilft. 

Allein um so mehr muss man wünschen, bei dieser 
Mannigfaltigkeit der individuellen Anordnung u.'id der da- 
durch veranlassten Verschiedenheit der Autfi.ssuug derselben, 
einen leitenden Faden zu finden, und ich bilde mir ein, 



306 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. Mars 1870. 

durch die aufmerksame Präparation und Untersuchung dieser 
Muskeln bei den Affen, einen solchen Schlüssel gefunden zu 
haben, der anderer Seits auch wieder bei den mannigfaltigen 
Streitigkeiten über Hand und Fuss von Interesse ist. 

Die vergleichende Anatomie liefert uns oft einen Schlüssel 
zur richtigen Erkenntniss und Deutung gewisser Verhältnisse 
an dem menschlichen Körper dadurch, dass sie uns dieselben 
in einfacherer, übersichtlicherer Anordnung bei den Thieren 
vorführt. Allein es kommt zuweilen auch vor, dass sie uns 
umgekehrt gewisse anatomische Einrichtungen und Theile 
in einem ausgebildeteren und entwickelteren Zustande 
als beim Menschen zeigt, und uns dadurch deren Anordnung 
bei diesem kennen lehrt. 

Das Letztere ist nun, wie ich gefunden habe, an den 
kurzen Muskeln des Daumens und der grossen Zehe gewisser 
Affen der Fall, deren Hand und Fuss Muskeln überhaupt, 
wenn auch nicht in allen Hinsichten, doch in gewissen mehr 
entwickelt sind, als die des Menschen, Ich habe dieses 
unter den von mir untersuchten Affen vorzüghch bei 
Cynocephalus, Macacus und Cercopithecus gefunden, während 
bei den sogenannten Anthropoiden manchmal das Umge- 
kehrte der Fall ist, bei welchen diese Muskeln durchaus 
nicht den höchsten Grad der Entwicklung und Isolirung 
darbieten. 

Bei einem grossen Mandril nun, dessen Muskeln ich 
präparirtej fand ich die Daumen- und Grosse-Zehen-Muskeln 
sehr vollkommen entwickelt und überzeugte mich hier leicht, 
dass sowohl der Flexor brevis als der Adductor in seiner 
vollkommensten Ausbildung, jeder ein zweiköpfiger Muskel 
ist, deren beide Köpfe deutlich von einander getrennt sind. 
Dieser Affe hat an der Hand einen deutlichen Abductor 
brevis poUicis, einen Opponens, einen Flexor brevis mit zwei 
Köpfen und einen Adductor mit zwei Köpfen, Der äussere, 
laterale Kopf des Flexor brevis ist ansehnlich stark, leicht 



♦ 



Bischoff: Heber die Tcurzen Muskeln etc. 307 

von dem Abductor brevis und Opponens zu trennen, ent- 
springt von dem Lig. carpi volare proprium und dem Os 
multangulum majus und setzt sich an das äussere, laterale 
Sesambein fest. Der innere, mediale, Kopf desselben Muskels 
kommt mehr in der Tiefe von dem Os multangulum minus 
und capitatum so wie von den dieselben bedeckenden und 
verbindenden Bändern, namentlich auch der Scheide für die 
Sehne des Flexor carpi radialis und setzt sich an das innere, 
mediale Sesambeiu. Er ist nicht so stark, wie der laterale 
Kopf, mehr rundlich und verläuft längs des Mittelhandknochens, 
des Daumens, in gerader Richtung. Zwischen beiden Köpfen 
verläuft die schwache, den Flexor pollicis longus ersetzende 
Sehne des Flexor dig. comm. longus zur zweiten Phalange 
des Daumens. Von dem medialen Kopfe leicht zu unter- 
scheiden und zu trennen, findet sich ein von den Bases des 
2. und 3. Mittelhandknochen und von einer die Tiefe der 
Hohlhand bekleidenden Aponeurose entspringender Muskel, 
der neben dem medialen Kopfe des Flexor brevis etwas 
mehr in querer Richtung verläuft und sich etwas höher als 
letzterer, an den Ulnarrand der Basis der ersten Phalange 
des Daumens ansetzt. Er ist der Adductor obliquus. Und 
von diesem durch einen Zwischenraum getrennt, haben wir 
endlich noch einen Adductor trausversus, welcher von dem 
Mittelhandkuochen des 3. Fingers bis zu dessen Capitulum 
herab entspringt, und sich mit dem Vorigen an den Ulnar- 
rand der Basis der ersten Phalange des Daumens noch weiter 
hinaufgehend, festsetzt. Von dem sogen. Interosseus internus 
primus Dursy und Henle ist keine Spur vorhanden. 

Ebenso ist es an dem Fusse. Auch hier finden wir 
ausser dem Abductor einen zweiköpfigen Flexor brevis hallucis 
dessen beide Köpfe von dem Baudapparate in der 
Tiefe der Fussohle und von dem 1. und 2. Keilbein kommen. 
Der laterale Kopf ist ansehnlich schwächer als der mediale und 
wird durch den Adductor obliquus, der au seiner medialen 



308 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. März 1870. 

Seite liegt, stark in die Tiefe gedrängt; allein er ist als ganz 
selbststiindiger Muskel vorbanden. Der Adductor obliquus 
entspringt von den Bases des 2. und 3. Mittelfussknochen 
und einer sich in der Tiefe der Planta pedis ausbreitenden 
Aponeurose^) und gebt an das laterale Sesambein der grossen 
Zehe. Ausser ihm ist aber noch ein von ihm getrennter 
starker Adductor transversus vorhanden, welcher von dem 
unteren Ende des 2. Mittelfussknochen entspringt und sich 
weiter hinauf längs des medialen Randes der ersten Phalange 
der grossen Zehe festsetzt. 

Einen Opponens hallucis besitzt Cynocephalus an der 
grossen Zehe nicht, welcher sich dagegen beim Orang und 
Macacus findet. 

Von dieser ausgebildetsten Entwicklung der kurzen 
Daumen und Grossenzehenmuskeln und namentlich des 
Flexor brevis und Adductor, jeder mit zwei getrennten Köpfen, 
finden sich nun sehr verschiedene Modificationen bei den 
verschiedeneu Afi'en. Sie bestehen darin, dass an der Hand 
der mediale Kopf des Flexor brevis sehr rudimentär werden, 
ja ganz verschwinden kann. In ersterem Falle wird er dann 
durch den Adductor obliquus ganz in die Tiefe gedrängt, 
und dann nimmt er die Lage und das Ansehen des Dursyschen 
Interosseus internus primus an; z. B. beim Orang. Bei 
meinem Hylobates findet er sich auf der rechten Seite, auf 
der linken felilt er. Beim Gorilla und Chimpanse fehlt er 
auf beiden Seiten. Ebenso geht es mit den zwei Abtheilungen des 
Adductor. Beide sind häufig ganz miteinander zu einer starken 
Muskelmasse verschmolzen z.B. beim Orang und Macacus; in 



1) Ich bemerke hier, dass die erwähnte Aponeurose in der Tiefe 
der Vola manug und planta pedis bei den Affen einem eigenen Muskel- 
Apparat zum Ursprung dient, den ich mit der Bezeichnung der 
Contrahentes digitorum in meinen Beiträgen [zur Anatomie des 
Hylobates näher beschreiben werde. 



Bischoff: lieber die Icursen Muskeln etc. 309 

andereu Fällen aber ist entweder der Adductor obliquus oder 
der Transversus sehr schwach, ja sogar einer derselben ganz 
fehlend, z. B. bei Pithecia auch Hylobates. Am F u s s e fehlt 
dem Orang der laterale Kopf des Flexor brevis; Adductor trans- 
versus und obliquus sind beide stark entwickelt und mau 
kann aunehuien, dass der laterale Kopf des Flexor brevis 
mit dem Adductor obliquus verwachsen ist. Bei Pithecia 
ist der laterale Kopf schwach und durch den Adductor ob- 
liquus in die Tiefe gedrängt. Adductor obliquus und trans- 
versus sind vereinigt beim Chimpanse und Hylobates ; der 
transversus schwach, der obliquus stark bei Cercopitheus etc. 
Nach diesen Erfahrungen bei den Affen beurtheile ich 
nun die Verhältnisse bei dem Menschen und gewinne daraus 
das Resultat, dass abgesehen von dem Abductor brevis und 
Opponens an dem Daumen , der Flexor brevis zwar zwei 
Köpfe hat, der mediale aber nur schwach entwickelt und in 
die Tiefe gedrängt als sogenannter Interossuus internus I 
auftritt. Der Adductor ist dagegen bei dem Menschen immer 
stark in seinen beiden Portionen als obliquus und transversus 
ausgebildet. An dem Fusse haben wir einen Flexor brevis 
mit zwei Köpfen und einen Adductor mit zwei Köpfen; der 
Adductor obhquus ist stark, der transversus schwach. Hiemach 
ergibt sich folgendes Verhalten: 

I. Für den Daumen : 

1. Abductor pollicis brevis. Um diesen oberfläch- 
lichsten gleich unter der Haut und einer dünnen fascia super- 
ficialis liegenden Muskel von seinen Nachbarn richtig zu 
trennen , mit denen er genau vereinigt ist , muss man ihn, 
nachdem seine Oberfläche rein präparirt ist . von seinem 
Radial-Rande aus, wo er zwar dicht an dem Metacarpus anliegt, 
aber nicht an ihm befestigt ist, zu lüften beginnen. Hier ist 
er leicht von dem unter ihm hegenden Opponens zu trennen, 
und wenn man von hier aus die Trennung vorsichtig nach 



310 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 5. März 1870. 

Innen weiter fortsetzt, so wird man in der Regel keine 
grosse Schwierigkeit finden, ihn auch an seinem medialen 
Rande sowohl von dem Opponens, als von dem äusseren 
Kopfe des Flexor brevis mit Sicherheit zu scheiden. Man 
wird ihn dann von der Oberfläche des Lig. carpi volare 
proprium, oft bis zum Os naviculare und von dem Os multan- 
gulum majus entspringen, und sich an dem Radialrand der 
Basis der ersten Phalange des Daumens inseriren sehen. 
Meistens verlaufen seine Fasern einfach vom Lig. carpi gegen 
den Ansatzpunkt convergierend ; wenn sie sich aber auch zu- 
weilen untereinanderschieben, und wenn auch, wie das oft 
der Fall ist, ein Theil der Sehne des Abductor pollicis longus 
mit mehreren Muskelfasern in ihn übergeht, so habe ich 
doch nie Ursache gefunden, an ihm, wie Henle, zwei Por- 
tionen zu unterscheiden, welche Annahme auch nur darin 
begründet ist, dass Henle den äusseren Kopf des Flexor 
brevis zu ihm rechnet. 

2. Opponens pollicis. Dieser Muskel ist von dem 
vorigen grösstentheils bedeckt, hängt an seinem medialen 
Rande genau mit dem Abductor und dem äusseren Kopfe 
des Flexor brevis zusammen, unterscheidet sich aber dadurch 
von beiden, dass er sich am ganzen äusseren Rande des 
Mittelhandknochen des Daumens wirklich ansetzt, aber auch 
auf ihn beschränkt bleibt, und nicht auf die Phalange über- 
geht. Seine Fasern entspringen bedeckt vom Abductor brevis 
vom Lig. carpi volare proprium und demOs multangulum majus. 

3. Flexor brevis pollicis. Derselbe hat zwei Köpfe, 
einen lateralen starken, am Medialrande des Abductor brevis 
und des Opponens frei zu Tage tretenden Kopf, und einen 
medialen schwachen, ganz von dem Adductor obliquus pollicis 
verdeckten. Der erstere ist der längst als solcher beschriebene, 
bei dem es nur darauf ankommt, ihn mit Sicherheit von 
dem Abductor brevis und Opponens zu trennen, was nicht 
leicht ist. Man muss dazu von seinem Ansatz an dem äusseren, 



Bischoff: lieber die kurzen Muskeln etc. 311 

lateralen Sesambeia an der Basis der ersten Phalauge des 
Daumens ausgehen, wo er von dem sonst dicht mit ihm ver- 
einigten Opponens , durch einen kleinen mit Bindegewebe 
und Fett erfüllten Zwischenraum getrennt ist. Wenn man 
von hier aus vorsichtig zwischen beide Muskeln eindringt, 
60 gelingt es meist die ganz natürliche Grenze zwischen 
beiden Muskeln aufzufinden, welche in der Regel in der 
Tiefe gegen die Handwurzel hin sogar durch sehnigte Fasern 
des Ursprungs des Flexor vom Lig. carpi volare bezeichnet 
wird. Die Trennung dieses lateralen Kopfes des Flexor 
brevis von dem an seinem medialen Rande mit ihm zu- 
sammenstossenden Adductor obliquus gelingt leicht und 
sicher, wenn mau von dem Ansatzpunkt des letzteren an 
dem medialen Sesambein des Daumens ausgeht. Denn hier 
sind beide Muskeln deuthch getrennt, und es legt sich auch 
die Sehne des Flexor poUicis longus zwischen sie. In Be- 
treff des Ursprunges dieses lateralen Kopfes des Flexor brevis 
könnte man sonst leicht Schwierigkeiten finden, wenn man 
sich nicht an seine Insertion an dem lateralen Sesambeine 
hält. Denn dieser Ursprung ist meist in zwei oft selbst 
durch einen Zwischenraum von einander getrennte Portionen 
getheilt, die sich meist erst bei ihrem Ansatz an das ge- 
nannte Sesambein vollständig vereinigen. Die laterale Portion 
entspringt nämlich auch von dem Lig. carpi volare proprium 
und dem Os multangulum majus, die mediale mehr in der 
Tiefe von dem Os multangulum minus und von dem über 
die für den Extensor carpi radialis herübergespannten Bande, 
und zwischen beide legt sich an ihrem Ursprung die Sehne 
des Flexor pollicis longus. Man könnte verleitet werden, sie 
für zwei getrennte Muskeln zu halten, wenn sie nicht immer 
an ihrem Ansatz an das laterale Sesambein, oft auch schon 
in ihrem Verlaufe sich miteinander vereinigten. 

Der mediale Kopf des Flexor brevis ist nun, wie aus 
dem bereits oben Gesagten hervorgeht, bis jetzt entweder 



312 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. März 1870. 

gar nicht erkannt, oder, wie von Dursy und Henle irrig ge- 
deutet worden. In der That, man würde ihn bei dem Menschen 
allein betrachtet, nicht leicht als zum Flexor brevis gehörig 
erkennen; denn er ist hier ganz in die Tiefe gedrängt, vom 
Abductor obliquus ganz bedeckt, von demselben oft nicht 
einmal vollkommen getrennt, und überhaupt wie jedes nur 
rudimentär vorhandene Gebilde bei verschiedenen Individuen 
verschieden entwickelt, ja fehlt zuweilen selbst ganz. Nur seine 
Existenz und vollkommenere Ent^vicldung bei gewissen Affen und 
seine Degradation zu der menschenähnlichen Anordnung bei den 
Anthropoiden haben mich zu einer Einsicht über ihn geführt. 
Man kann dieses Muskelbündel entweder von der Volar- 
oder von der Dorsal-Seite aus darstellen. Von ersterer aus muss 
man den Adductor obliquus von seinem Ursprung oder Ansatz 
abschneiden und zurückschlagen, aber mit Vorsicht, damit man 
jenes Muskelbündel nicht mit wegschneidet. Und darum ist es 
besser von der Dorsalseite auszugehen, wo man den Daumen- 
kopf des Interosseus-externus primus hart an dem Mittel- 
handknochen des Daumens abschneidet und zurückpräparirt. 
Dann sieht man unsern medialen Kopf des Flexor brevis 
als ein rundliches Muskelbündel an dem lateralen Rande 
der Abductor obliquus längs des Mittelhandknochen des 
Daumens herziehen. Wenn man ihn dann sauber prä- 
parirt hat, so sieht man, dass er vom Os multangulum minus, 
von der Basis des Mittelhandknochen des 2. auch 3. Fingers 
und von dem hier die Knochen verbindenden Bandapparate 
entspringt und sich, bedeckt von dem Adductor obliquus, an 
das mediale Sesambein des Daumens ansetzt. Wirklich ver- 
läuft also hier die Sehne des Flexor pollicis longus zwischen 
den Ansätzen der beiden Köpfe des Flexor brevis an den 
Sesambeinen ; allein man sieht das nicht, so lange nicht der 
Adductor obliquus entfernt ist, der auch an seinem Ansatz 
an das mediale Sosambein den medialen Kopf des Flexor 
brevis ganz in den Hintergmnd gedrängt hat. 



Bischoff: Ueber die kurzen Muskeln etc. 313 

Dass dieser mein medialer Kopf des Flexor pollicis brevis, 
Dursy's Interosseus pollicis indicisque und Henle's Interosseus 
internus primus ist , darüber kann kein Zweifel sein , nach 
d€n von diesen gegebenen Beschreibungen und Abbildungen, 
obgleich die von Dursy nicht ganz mit meinen Angaben über- 
einstimmen. Namentlich einen zweiten Kopf des Muskels, 
der sich nach Dursy an den Mittelhandknochen des Zeige- 
fingers ansetzen soll , habe ich nie gesehen , und wie es 
scheint auch Henle nicht. Es kommen hier aber rücksichtlich 
des Ursprunges der Muskelfasern meines medialen Kopfes 
des Flexor brevis so viele individuelle kleine Verschieden- 
heiten vor, dass darauf nicht wohl etwas zu geben ist. 

Uebrigens gestehe ich, dass mir auch überhaupt die 
Annahme eines vierten Interosseus internus, den wir dann mit 
Henle als den ersten bezeichnen müssten, nicht viel für sich 
2u haben scheint. Er wäre seiner Function nach ein Ad- 
ductor für den Daumen, als solcher aber bei der Gegenwait 
zweier anderer Adductoren desselben (des Adductor obli- 
quus und trausversus) ganz überflüssig. Am meisten aber 
spricht gegen diese Deutung die Anordnung der Muskeln bei 
den Affen, wo dieser Interosseus internus I ganz fehlen würde, 
während doch bei ihnen, wie ich an einem anderen Orte 
zeigen werde, gerade der Adductions - Apparat der Finger 
ganz besonders entwickelt ist. 

4. Adductor pollicis obliquus und transversus. 
Diese beiden Muskeln finden sich an dem Daumen des 
Menschen in vollkommenster Entwicklung und beide so stark 
ausgebildet, dass sie zusammenstossen, und ihre Trennung 
von einander meist schwierig ist. Dennoch dient die Durch- 
trittsstt'lle des Ramus profundus der A. radialis zui" Bildung 
des Arcus volaris profundus immer leicht und sicher zur 
Auffindung ihrer Trennungsstelle. Der Adductor obliquus 
befindet sich oberhalb dieser Durchtrittsstelle und entspringt 
vorzüglich von der Basis des 2. und 3. Mittelhandknochens. 



314 Sitzung der math.-phys. Ülasse vom S.März 1870. 

Namentlich der Ursprung von ersterem bildet gewöhnlich 
ein besonderes starkes Bündel. Auch vom os multanguluin 
minus und os capitatum und den diese bedeckenden Band- 
fasern können zuweilen noch Muskelbündel abgeleitet werden. 
Die Fasern des Muskels laufen längs des Ulnarrandes des 
Mittelhandknochens des Daumens, wo sie mit dem vorher 
beschriebenen, schwachen medialen Kopfe des Flexor brevis 
in Verbindung stehen, gegen das mediale Sesambein des 
Daumens, und setzen sich an dasselbe fest. Dieser mein 
Adductor obliquus wird, wie ich kaum nochmals zu sagen 
brauche, gewöhnlich als innerer Kopf des Flexor brevis be- 
schrieben. 

Der Adductor transversus ist der allezeit und überall 
gewöhnlich einfach als Adductor pollicis beschriebene Muskel, 
welcher vom Körper und Köpfchen des 3. Mittelhandknochen 
auch wohl noch von dem Köpfchen des 2. und 4. mit ein- 
zelnen Bündeln entspringt, und mit convergierenden quer- 
verlaufendeu Fasern gegen das mediale Sesambein des Daumens 
verläuft, und sich au dasselbe gemeinschaftlich mit dem Ad- 
ductor obliquus festsezt. 

Rücksichtlich der physiologischen Function dieser Daumen- 
ballen-Muskeln stimme ich übrigens Henle vollkommen darin 
bei, dass sich in Beziehung auf Adduction und Flexion der 
ersten Phalange des Daumens keine strenge Scheidung zwischen 
ihnen ziehen lässt. 

II. Der Fuss. 

Für die kurzen Muskeln der grossen Zehe des Fusses 
kann ich mich kurz fassen, da ich in Beziehung auf dieselben 
von der in Deutschland allgemein angenommenen Lehre nicht 
abweiche. Ich lege nur desshalb auf ihr Verhalten Gewicht, 
weil ebendadurch auch meine Lehre über die Daumenballen- 
Muskeln unterstützt wird, indem nach ihr Daumen und grosse 
Zehe sich wesentlich gleich verhalten. 



fi 



BiscJwff: Ueber die kurzen MmTzeln etc. 315 

Ich unterscheide an der grossen Zehe: 

1. Den Abductor hallucis, entspringend vom Fersen- 
bein , vom Lig. laciniatum und der tuberositas ossis navicu- 
laris, nicht aber, wie Einige lehren, von dem Mittel- 
fuss-Knoclien der grossen Zehe, und sich ansetzend mit seiner 
auf der Aussenfläche schon früh auftretenden Sehne an den 
medialen Rand der Basis der ersten Phalange und an das 
hier befindliche Sesambein. 

2. Den Flexor brevis hallucis mit zwei Köpfen, welche 
vereinigt vorzüglich von der unteren Fläche des ersten Keil- 
beins und dem Lig. calcaneo cuboideum plantare spitz und 
sehnig entspringen, und dann mit auseinander tretenden fleisch- 
igen Fasern längs der unteren Fläche des Mittolfussknochens 
der grossen Zehe nach vorne treten. Die Fasern des medialen 
Kopfes vereinigen sich dabei nacheinander mit der Sehne 
des Abductor hallucis und setzen sich vereinigt mit ihm an 
das mediale Sesam bein fest. Die Fasern des lateralen Kopfes 
laufen gesondert bis zur Basis der ersten Phalange der 
grossen Zehe und setzen sich vereinigt mit der Sehne des 
Ädductor obHquus an das laterale Sesambein fest. 

3. Der Ädductor obliquus wird gewöhnhch nur ein- 
fach als Ädductor hallucis beschrieben; er ist ein starker, 
von der Basis des 2. und 3. Mittelfussknochens, dem Os 
cuneiforme tertium , deuj Os cuboideum und dem Lig. cal- 
caneo cuboid. plantare entspringender Muskel, der schräg längs 
des lateralen Randes des Mittelfussknochens der grossen Zehe 
herabläuft, und sich mit seiner Sehne an das laterale Sesam - 
bein festsetzt. 

4. Der Ädductor transversus, auch transversalis plan- 
tae, ist bei dem Menschen nur ein schwacher rudimentär 
vorhandener Muskel, denn er fehlt zuweilen ganz. Er ent- 
springt indessen von den Ligamenta capitulorum plantaria 
und den Gelenkkapseln der 3., 4., zuweilen selbst 5. Zehe, 
und stellt einen schwachen dreieckigen Muskel dar, dessen 



316 Sitzung der math.-phys. Classe vom 5. März 1870. 

Sehne sich mit der des Addiictor obliquus vereinigt, an das 
Jaterale Sesambein der grossen Zehe ansezt. 

Das Verhalten der beiden Adductoren der grossen Zehe 
beim Menschen gleicht am meisten dem bei Cercopithecus, 
obgleich bei diesem der Transversus verhältnissmässig doch 
noch stärker ist. 



Beschreibung der Abbildung. 

Die beiliegende in drei Viertel der natürlichen Grösse nach einer 
Photographie gestochene Abbildung der rechten Hand eines Mannes, 
aus welcher die langen Beugemuskeln herausgeschnitten sind, soll 
meine Ansicht über die kurzen ßeugemuskeln des Daumens erläutern. 

a und a' bezeichnen den durchschnittenen und nach beiden Seiten 
zurückgeschlagenen Abductor poUicis brevis. 

b. Der Opponens pollicis. 

c. Der laterale grössere Kopf des Flexor pollicis brevis mit 
seinen beiden vom Ligamentum carpi volare proprium und Liga- 
mentum carpi volare profundum entspringenden, und sich beide an das 
laterale Sesambein der ersten Phalange des Daumens ansetzenden 
Portionen c und c'. Zwischen ihm und dem Opponens pollicis ist eine 
Sonde eingeschoben. 

d. Der kleine, durch den Adductor obliquus in die Tiefe ge- 
drängte, sich an das mediale Sesambein ansetzende Kopf des Flexor 
pollicis brevis. Er ist durch einen Faden etwas hervorgezogen. Es 
iat dieses der Interosseus internus primus nach Dursy und Henle. 

e. Der Adductor pollicis obliquus. 

f. Der Adductor pollicis transversus. Zwischen beiden befindet 
sich ein Zwischenraum , durch welchen der Ramus profundus der 
Arteria radialis zur Bildung des Arcus volaris profundus hindurchtritt. 



Halm: Fragmente aus dem Cod. Fris. des Hyginus. 317 



Philosophisch -philologische Classe. 

Sitzung vom 5. März 1670. 



Herr Halm spricht: 

„üeber aufgefundene Fragmente aus der Frei- 
singer Handschrift der fabulaedes Hyginus.'* 

Die sogenannten Fabeln des Hyginus beruhen bekannt- 
lich auf einer einzigen längst verschollenen Freisinger Hand- 
schrift, aus der sie Jacob Micyllus zuerst im Jahre 1535 
(Basileae apud Joan. Hervagium) herausgegeben hat. Er 
bemerkt über diesen Theil seiner Arbeit in der epistola nun- 
cupatoria ad Othonem Truchses a Vualburg, Spirensis ec- 
clesiae Canonicum : Quantum laboris in emendando ac 
restituendo illo [Hygino] obeundum atque adeo exanclandum 
nobis fuerit, uel hinc coniecturam facere licet, quoJ primum 
ipse Über (qui beneficio excellentiss. D. Joannis Vueyer 
Augustani, Frisingensis ecclesiae Canonici, ac M. Jo. Chrumeri 
Canonici apud diuum Andream Frisingensem , Notarii in- 
tegerrimi, necnon et Viti Chrumeri ibidem bonas literas non 
sine laude docentis, nobis comuiunicatus est, quibus et sua 
gratia debetur, quod studia promouere, si qua datur occasio, 
non negligunt) is inquam über, extcrnis ac Longobar- 
dicis notis scriptus erat, in qua tarnen re nonnihil 
adiuuit is, qui prior illum latine describendum 
ceperat, cuius nos exemplum principio ceu filum quoddam 
secuti sumus. Deinde quod ipsa uerba pleraque inter se 
ita impedita ac perturbata erant , ut alia nobis diuidenda, 
alia aliis abolenda: quorundam principium cum fine prae- 
cedentium , et rursum praecedentium quorundam finis cum 
principio sequentis coniungendus esset. Ut omittam , quam 
[1870. I. 3.] 21 



318 Sitzung der philos.^Tiilöl. Classe vom 5. März 1870. 

multa uetustate obliterata , expuncta atque corrosa fuere, 
quorum alia, aestimationem et coniecturas secuti 
restituimus, alia, ubi certum aliquod quod sequi pos- 
semus non erat, prorsus intacta reliquimus. Omnino autem 
nihil de quo non certo uel ex Graecis uel ex Latinis poetis 
constaret, immutatum aut loco motum est, adeo ut in quibus- 
dam etiam diuersam lectionem iuxta alteram atque priorera 
adnotasse satis putarim. 

Je häufiger der längst vermisste Codex unicus an un- 
serer Bibliothek gesucht worden ist, desto erfreulicher muss 
es erscheinen, dass in jüngster Zeit einige Bruchstücke des- 
selben zu Tage gekommen sind. Wie aus öffentlichen Blättern 
bekannt geworden ist, so war Herr Bauassisteut Karl Ziegler 
in Regensburg so glücklich, Bruchstücke der Handschrift in 
dem Einband eines Werkes von Albrecht Dürer*) zu ent- 
decken. Das grössere Fragment (s. Fragm.II), ein zusam- 
menhängendes , aber von oben und unten sehr stark be- 
schnittenes Doppelblatt, diente als Rückendeckel eines ge- 
wöhnlichen Pappbands. Da dieser auch an den Ecken mit 
Pergament versehen wurde, haben sich noch vier weitere 
Streifen , von denen drei (s. Fragm. HI) glücklicher Weise 
zusammengehören, erhalten. So klein der Umfang des isoliert 
stehenden Blättchens (s. Fragm. I) von diesen vier Streifen 
ist, so dient es doch dazu, eine Lücke, die durch Nach- 
lässigkeit in der von Micyllus benützten Abschrift entstanden 
ist, sicher auszufüllen. Dass die Bruchstücke nicht in irischen 
oder angelsächsischen Charakteren geschrieben sind, wie man 
in Regensburg annahm, lehrte ein erster Bhck; die Schrift- 
züge sind, der Angabe von Micyllus entsprechend, rein longo- 
bardische und gehören nach meiner Annahme in das neunte 
Jahrhundert. Ich lasse nun eine genaue Abschrift der er- 



*) Vier Bücher von menschlicher Proportion, Nürnberg 1528. 
Das Exemplar erwarb H. Ziegler aus der Bibliothek des Privatiers 
Bertram, die am 30. März 1864 in Regensburg versteigert worden ist. 



Halm: Fragmente aus dem Cod. Fris. des Hygimis. 319 

haltenen Bruchstücke folgen mit vollständiger Angabe aller 
Abweichungen der editio princei^s. 

Fragment I. 

(XVn. Amycus.) 

tas prouocasset ad caestu 
[XVIII. LYCJÜS. 
ntidis argonautas 
d amycü interfecera 
5 um apud lycü morant 
s filius ab apro percus 
moratur yphis forba 
tuni filio naue argo 

(XX. Stymphalides.) 
tis cum multitudini 
10 lypeos et hastas sumpser • 

XXI. [Phrixi fll]ii 

[cyjanias cautes quae di 
nt mare quod dicitur euxi 



6. In der ed. princ. fehlt ***s filius; sie hat nur: Jdmon ab apro 
percussus interiit. Es ist icahrscheinlich zu ergänzen: Jdmon [ApoUiniJs 
filius; s. Hyg. fab. 14: Jdmon, Apollinis et Cyrenes nymphae filius 
(quidam Abantis dicunt) Argivus, und fab. 248: Jdmon Apollinis filius; 
vgl. auch Schol.ad ApoU. Ehod. I, 139: 6 dk'Idfxwy, w? tatoosZ <1>sqs- 
xv&rig, iyivtxo natg 'Aartqiug rrjg Kooojyov xai 'AnoX^avog, ov xcd Aao- 
S'Oijg QiaTCJQ' rov cTi KcVA)(ug. uvaiosljuL 6k ^'lö/ncoy iv MaQiav&vvia 
vno xuTiQov. Ott, di ^'Jßayrog vlog 'Iduojy (pr^ai xcd HooSwoog. Dass die 
Ergänzung Apollinis dem Räume nach reicht, zeigt das Verhältniss der 
übrigen Zeilen; denn zwischen Z. 4 und 5 fehlen nach dem Teoct von 
Micyllus 37, zwischen Z. 6 und 7 36, zwischen Z. 7 u. 8 39 Buch- 
staben, hingegen zwischen Z. 5 und 6 nur 29. Die Zeile 3 als erste 
Zeile der Fabel kommt nicht in Eechnung, iceü die erste Zeile icegen 
der sehr breiten Initialen des Codex immer kürzer toar. 7. morantur, 
Iphis Phorbantis cd. princ. 10. h in hastas iind p in sumpserunt 
über der Zeile. 12. Cyaneas ed. princ. 

21* 



320 Sitzung der philos.-pTiHol. Classe vom 5. März 1870. 

ad insulam dia ibi in 

es phrisi et calciope (calciopi?) 

sus suos exposuissen 

Fragment II. 

(XXV. Medea.) 

et feretum procreasset summaque concordia uiuerent 
5 obi \ ciebatur ei hominem tarn fortem ac formosum * * 
nobilem | uxorem aduenam atque ueneficam habere, 
huic creon | menoeci filius rex corinthius filiam suam 
minorem glauce dedit | uxorem medea cum uidit se 
erga iasonem bene merentem tanta | contumelia esse 
10 affectam coronam ex uenenis fecit auream eamq; | 
muneri filios suos iussit nouercae dare creüsa munere 
ac I cepto cum iasoue et creonte confraglauit medea 
ubi regiam | ardere uidit natos suos ex iasone marcerum 
et feretum inter | fecit et profugit coriutho; 

15 XXVI. Medea exul. 

Medea corintbo exul athenas ad aegeum pandionis | 
filium deuenit in hospitium eiq; uupsit ex eo uatus est | 

(XXVII. Medus.) 
delatus quem satellites comprehensum ad regem persen 
perduxerunt. | medus aegei et medeae filius ut uidit se 
20 in inimici potestatem | uenisse yppoten creontis filium 



1. Diam ed. prmc. 2. Phrixi et Chalciopes ed. princ. aber Cal- 
ciopes die 2. Ausg. von Micylhis, Basti. 1549. 

4. (Mermerum) et Pheretem 3Iici/lliis am Rande aus Pausanias. 
5. obiiciebatur ed. princ. G. vor nobilem zwei Buchstaben teegradiert, 
deren ztceiter ein c toar, also ac nobilem zti schreiben. 10. exuens 
ed. princ. Der Codex hat exuenens mit zugefliclctem i vor s. 11. iussit 
filios suos ed. princ. 12. conflagrauit ed. princ. 18. dolatus ed. 
princ. aus Druckfehler, der in der Basler Ausgabe von 1549 berichtigt 
ist. compraehensum ed. princ. compreensum der Codex, aber h tcahr- 
scheinlieh überschrieben. 20. Hippoten ed. princ. U7id so immer. 

l 



I 



Eälm: Fragmente aus devi Cod. Fris. des Hyginus. 321 

se esse mentitus est rex diligentius | querit et in cu- 
stodia euin conici iussit ubi sterilitas et penuria frugum ( 
dicitur fuisse quo medea in curru iunctis draconibus 
cum uenisset regi | se sacerdotem dianae ementita 
5 esset dixit sterilitateui se expiäre | posse et cum a rege 
audisset yppoten creontis filium in custodia haberi | 
arbitrans eum patris iniuriam exequi uenisse ibiq ; im- 
prudeus filium | prodidit naiu regi persuadet eum yp- 
poten non esse sed medum egei filium | a matre mis- 
10 sum ut regem interficeret petitque ab eo ut interfici | 
endus sibi traderetur estimans yppoten esse itaq ; medus 
cum j productus esset ut mendacium morte puniret et 
illa aliter esse | uidit quam putauit dixit se cum eo 
colloqui uelle atq; ensem 

(XXVIII. Otos et Ephialtes.) 
15 atropos | 

obsistere. apollo inter eos ceruam misit quam illi furore 
incensi dum uolunt | iaculis interficere alius alium inter- 
fecerunt qui ad inferos dicuntur | hanc peucä pati ad 
columnam auersi alter ab altero serpentibus sunt deligati. 
20 est styx inter | columnam sedens ad quam sunt deligati. 



1. quaerit ed. princ. et über der Zeile, in custodiam eum con- 
iici ed. princ. 2. ubi] ma7i sähe lieber tum ibi. 4. cum über der Zeile 
uenisset, ex regi ed. princ. statt et regi, loelcher Drucl-felüer in der 
Ausgabe von 1549 berichtigt ist. Z. 4 — 10 stark abgerieben, so dass 
sich nicht alle Buchstaben mehr erkennen lassen. 7. ibiq; deutlich, 
wofür man ibi oder den Ausfall eines Satzes vermuthet hat. 9. Aegei 
ed. princ. 10. ut überschrieben, ab eo fehlt in der ed. princ. 
11. aestimans ed. princ. loohl richtiger existimans. 12. puniretur 
ed. princ. aber puniret scheiyit richtig im Sinne: um seine Lüge mit 
dem Tode zu büssen. 13. uidit, tcofür man uidisset erwartet, ganz 
deutlich. Von der nächsten Zeile, die bis Persen reicht, sind nur noch 
einige Buchstabenreste vorhanden. 15. Da das Blatt schief abge- 
schnitten ist, hat sich nur das WoH atropos {statt atrotos, wie 
MicyUus in den Addenda hinter dem Index richtig verbessert hat) 
von der Zeile erhalten. 16. resistere ed. princ. 18. poenam ed. 
princ. 19. alter ab altero über der Zeile ergänzt. 20. est styx 
inter] vgl. Schwenck Mus. f Philol. (1858) 13, 477. 



322 Sitzung der phüos.'pMlol. Classe vom 5. März 1870. 

XXVIII I. Alcimena. 

Amphitrion cum abesset ad expugnandam oechaliam 

alcimena estimans | iouem coniugem suum esse eum 

thalamis recepit qui cum in thalamos | uenisset et ei 

5 referret quae in oecbalia gessisset ea credens | coniugem 

qni tarn libsns cum ea concubait 

esse cum eo concubuit ut unum diem usurparet duas 
noctes con | geminaret ita ut alcimena tarn longam 
noctem ammiraretur, | postea cum nuntiaretur ei cou- 
10 iugem uictorem adesse minime curauit | quod iam 
putabat se coniugem suum uidisse qui cum amphitrion 
in regiam | intrasset et eam uideret neglegentius 

(XXX. Herculis atbla XII.) 

dormiente | transierat. uestigia eins afflabat et malorum 
cruciatu morie I batur banc minerua monstrante inter- 



1, Alcumena ed. prine. ebenso Z. 3 und 8. 2, Amphitryon ed. 
princ. Diese und die zwei nächsten Zeilen starJc abgerieben, aber 
durch Anwendung von Beagentien sind fast alle unklaren Buchstaben 
wieder zum Vorschein gekommen, expugnandum ed. princ, vielleicht 
aus Druckfehler, den zu verbessern man nicht gewagt hat. Die End- 
ung da im Codex ganz sicher. 3. aestimans ed. princ, auch hier 
wird existimans zu verbessern sein. Ein richtiges existimans findet 
sich in der ed. princ. nur an zwei Stellen cap. 8 und 105; an allen 
übrigen Stellen, ivo aestimans im Sinne von 'glaubend" stehen soll 
(c 67, 88 dreimal, 104, 106, 136, 189, 190, 274) ist existimans her- 
zustellen. 5. gesisset Druckfehler der ed. princ 6. qui — concubuit 
über der Zeile ergänzt, aber von erster Hand, loie überhaupt von 
Correcturen aus zweiter Hand keine Spur sich vorfindet, amgenommen 
die zu c 25 bemerkte Rasur. 8. congemminaret ed. princ 10. iam 
fehlt in der ed. princ 11. Dass amphitrion Glosse ist, hat nuxn 
richtig erkannt. 12. intrasset bis negl. nur zur Hälfte erhalten. 
negligentius ed. princ. Das nächste Wort hiess wahrscheinlich 
securam st. se curantem. 13. vor dormiente noch einige Buch- 
stabenreste; das Zeichen für die Endung em (dormientem) wegge- 
schnitten. 



i 



Halm: Fragmente mts dem Cod. Fris. des Hyginus. 323 

1 fecit et exinteräuit | et eius feile sagittas suas tinxit 
itaque quicquid postea sagittis fixe | rat. mortem non 
efi'ugiebat unde postea et ipse periit. Aprum in phri | 
gia erimanthum occidit. Ceruum ferocem in arcadia 
5 cum cornibus aureis | uiuum in conspectu euristhei 
regis adduxit. Aues stymphalides j in insula martis 
quae emissis pennis suis iaculabantur sagittis | interfecit. 
Augei regis stercus bobile uno die purgauit maiorem | 
partem ioue adiutore flumine ammisso totum stercus 
10 abluit. I Taurum cum quo pasiphe concubuit ex creta 
insula mycenis uiuum | adduxit. Diomedem thraciae 
regem et equos quattuor eius qui carne j Lumana 
uescebantur cum abdero famulo interfecit. equorum 
autem nomi 

Fragment III. 
(XXXV. Jole.) 
15 interficere uelle coepit. illa auimo pertinacior * * * pa- 
rentes suos | [ajute se necari est perpessa. quos omnes 
cum interfecisset iolen captiuam ad | [dejianiram prae- 
misit. 



1. exenterauit ed. princ. et ex eius ed. princ. Vgl. fab. 34: 
nie moriens cum sciret sagittas hydrae Lernaeae feile tinctas etc, 
3. in Phrygia ed. princ. Aprum in Arcadia - - ceruum . . in Cerynia 
cum etc. Muncker 4. Erimachum ed. princ. aus falscher Lesung, 
Erimanthium margo ed. princ. uelocem (statt ferocem) ed. princ. 
5. in conspectum ed. princ. 8. Augiae 3IuncJ:er bobile] vgl. Chari- 
sius p. 104 ed. Keil: Bovile vetat dici Varro ad Ciceronem VIII et 
ipse semper bubile dicit, sed Cato de abrogandis legibus bovile dixit. 
9. immisso Micyllus, andere flumine Alpheo inmisso. 10. Pasiphae 
ed. princ. 11. Mycenas ed. princ. regem Thraciae ed. princ. 
12. quatuor ed. princ. 14. Von der nächsten Zeile sind mir einige 
Buchstabenenden erhalten, aber deutlich ist noch die Schlusssylbe des 
Namens Lampen, icofür man Lampos vermuthet hat. 

15. Vor parentes leerer Raum von 3 — 4 Buchstaben, aber wahr- 
scheinlich eine alte Rasur des Codex. 



324 Sitzung der pMlos.-phüol. Glosse vom 5. März 1870. 

XXXVI. Deiaiiira. 

Deianira oenei filia herculis iixor cum uidit iolen uir- 
gine cap[ti] | ua eximiae formae esse adduc^ä z^erita 
est ne se coniugio priu[a] | ret. itaque memor nessei 
5 praecepti «teste tincta ceutauri | sanguine herculi qui 
ierret nomine licham famulü mmt | inde paulü quod 
in terra deciderat et id sol attigit ar | dere coepit quod 
deianira ut uidit aliter esse ac nessus dixerat ** 

(XXXVII. Aethra.) 

ut tunc eum ad se mitteret cum posset eum lapidem 
10 alleuare et gladium patris [toi] | lere ibi fore indicium 
cognitiouis filii itaq ; postea aethra peperit these[um] | 
qui ad puberem aetatem cum peruenisset mater prae- 
cepta aegei indicat ei Ia[pi] | demque ostendit ut ensem 
tolleret et iubet eum athenas ad egeum prof[icis] | ci 
15 eosque qui itineri infestabantur omnes occidit. 



2 — 7. Diese Zeilen viel Tcürzer als die folgende wegen des sehr breiten 
und grossen Initials D. 4. Nessi ed. princ. Wir ergänzten nach der Ver- 
muthung voi Dan. Heinsius nessei; denn der Buchstabe nach ness war 
in Iceinem Falle i, das in der Ion gobardischen Schrift hoch über die Zeile 
hervorragt, loovon keine Spur zu erkennen ist. Ob das nächste Wort 
praecepti oder praeceptis lautete, ist tcegen eines Bruchs kaum zu er- 
kennen, aber die Lesung praecepti doch wahrscheinlicher. 6. Die 
Lesung licham toahrscheinl icher als lichan, wie die ed. princ. hat. 

paululum ed. princ, loie man unzählige Male für paulum geschrieben 
hat. 7. in terram ed. princ. et id] at id verbesserte Muncker 

quod cum Deianira uidit die ed. princ, wofür man uidisset vci'- 
muthet hat. 8. ut vor uidit ist ganz deutlich und der letzte Buch- 
stabe vor deianira wahrscheinlich ein d. Dass quod cum (cü) da- 
gestanden habe, lässt auch der Batini kaum annehmen. 12. Qui cum 
ad puberem aetatem perueuisset ed. princ 15. eosque omnes qui 
die ed. princ, welcher schlimme Verstoss zu unnöthigen Vermuthungen 
Anlass gegeben hat. itineri infestabantur] Fehler statt itinera in- 
festabant. 



Halm: Fragmente aus dem Cod. Fris. des Hyginus. 325 

XXXVm. Thesei labores. 

Corinetem nq^tuni filium armis occidit; pithiocamte qui 
[iter] I gradientes cogebat ut secum arborem pinum ad 
ter[ram] | flecterent quam qui cum eo prenderat ille 
5 eam uirib; [mis] | sara faciebat ita ad terram grauiter 
elidebatur et peribat hunc in[ter] 

Wie gering auch der Umfang der mitgetheilten Frag- 
mente ist, so lässt sich doch aus ihnen darüber ein sicheres 
ürtheil gewinnen , wie sich die erste Ausgabe zum Codex 
verhält, aus dem sie geflossen ist. Das Ergebniss ist 
für die Verlässigkeit des Textes, auf dem allein unsere 
Keuntniss des Hyginus beruht , kein günstiges. Aus den 
meisten Fehlern , deren Verbesserung sich aus den Bruch- 
stücken ergibt , geht hervor , dass die Abschrift , deren sich 
Micyllus bedient hat, und ihr, wie er selbst sagt, 'ceu filum 
quoddam secutus est' eine sehr flüchtige und nachlässige 
gewesen ist. An drei Stellen (cap. 25, 30 und 37) erscheint 
ohne Noth die Wortstellung geändert, an eben so vielen 
sind Worte ausgefallen cap. 17 [Apollinijs filius als Ap- 
positum zum Namen Idmon, cap. 27 ab eo nach petit- 
que, cap. 29 iam vor putabat. Auch fast alle Abweich- 
ungen der editio princeps iu einzelnen Lesarten wird mau 
auf Rechnung lüderhcher Abschrift zu schreiben haben, so 
resistere cap. 28 für obsistere, cap. 29 ad expugnau- 
dum Oechaliam statt ad expugnandam, wenn hier 
nicht ein Druckfehler vorliegt, cap. 30 ceruuni uelocem 
statt ceruum ferocem, cap. 36 Nessi praecepti statt 
nessei praecepti, ibid. paululum statt paulum, endlich 
den sehr schlimmen Fehler cap. 36 cum Deianira uidit 
statt Deianira ut uidit. Ob in diese Kategorie auch der 
Fehler cap. 30 et ex eins (hydrae Lernaeae) feile sagit- 



2. Pithyo campten ed. pmic. 6. Im Codex scheint periebat zu 
stehen. Die untere Hälfte der Buchstaben ist in dieser Zeile abge- 
schnitten; sonst ist diese Seite des Fragments sehr gut erhalten. 



326 Sitzung der philos.-phüol Classe vom 5. März 1870. 

tas tinxit gehört (statt et eius feile) oder ex ein Zusatz 
aus falscher Conjectur ist, lässt sich nicht mehr bestimmen, 
eben so wenig, ob das doppelte omnes (cap. 37 a. E.) vor 
und nach dem Relativsatze erst im Druck hereingekommen 
ist oder schon in der benützten Abschrift vorlag. Auf nach- 
lässiger Lesung beruhen auch die fatalen Varianten cap. 25 
exuens für ex uenenis, wo der Schreiber exuenens 
ursprünglich schrieb und erst nachher das übersehene i ein- 
flickte, und cap. 30 aprum . . erimachum statt aprum 
. . erimanthum (i. e. erymanthium); denn wenn es auch 
sehr nahe lag, ein th mit einem ch in der longobardischen 
Schrift zu verwechseln, so konnte doch ein solcher Verstoss 
nicht entstehn , wenn nicht das ganz deutliche n (nach der 
Sylbe ma) übersehen ward. Noch am verzeihlichsten ist, 
dass der Abschreiber cap. 25 in den V^orten hominem tarn 
fortem ac formosum nobilem die Rasur vor nobilem 
nicht beachtet hat; ein Leser hatte sich nobilem als Sub- 
stantiv und als Gegensatz von hominem gedacht und so 
die unentbehrliche Copula vor nobilem wegradiert. — Da 
Micyllus in seiner Vorrede selbst erklärt, dass er manche 
verderbte Stellen 'aestimationem et coniecturas secutus" ge- 
ändert habe, so fragt sich noch, ob sich aus den Frag- 
menten ein sicheres Urtheil über sein kritisches Verfahren 
gewinnen lässt. In dieser Beziehung liefern sie keine ganz 
verlässigen Anhaltspunkte; nur im Allgemeinen lässt sich 
vermuthen, dass Micyllus stärkere Veränderungen wohl nur 
selten vorgenommen hat , ohne dass er am Rande seiner 
Ausgabe eine Notiz mittheilte. An zwei Stellen cap. 27 und 29 
ist ein überliefertes estimans wahrscheinHch unrichtig in 
aestimans statt in existimans abgeändert; eben so wird 
die Abänderung cap. 27 ut mendacium morte puuiretur 
(statt puuiret), bei der es wohl mendacium eius heissen 
musste, als eine verfehlte zu bezeichnen sein. 



I 



Hang: Das Ärddi Virdf ndmeh. 327 



Herr Haug trägt vor: 

„üeber das Ardäi Vträfnämeh ^) (die Visionen 
des alten Pärsenpriesters Ardäi Wiräf) und 
seinen angeblichen Zusammenhang mit dem 
christlichen Apocryphon Mie Himmelfahrt 
des Jesaja' betitelt." 

Eines der merkwürdigsten Bücher der pärsischen Literatur 
ist unstreitig das sogenannte Ardäi Viräf ndmeh. Es enthält 
eine Reihe von Visionen, die sich auf die andere Welt, auf 
Himmel und Hölle beziehen, ist ursprünglich in der Pehlewi- 
sprache abgefasst, und wurde dreimal persisch, (zweimal in 
Prosa von Nuschirwän Kirmäni, und Zertoscht Behram, 
und in Versen von dem letztgenannten) bearbeitet , und in 
das Sanskrit und Guzeräti übersetzt. Mit Zugrundelegung 
der persischen und Guzeräti-Bearbeitungen gab J. A. Pope 
im Jahr 1816 das Werk englisch heraus^). Obschon der 
Originaltext mehrfach in Kopenhagen und auch in Paris vor- 
handen ist, so hat bis jetzt Niemand in Europa denselben 
untersucht, und mit Pope's üebersetzung verglichen. Diess 
ist um so auffallender, als man sich dessenungeachtet nur 
auf Pope's üebersetzung gestützt, nicht gescheut hat, ganz 



1) Bezüglich der richtigen Aussprache der persischen und anderer 
fremden Namen und Wörter ist zu bemerken, dass bei den cursiv 
gedruckten die Consonanten nach englischer Weise auszusprechen sind, 
während die nicht cursiv gedruckten gerade so zu lesen sind, wie 
im Deutschen. 

2) The Ardai Viraf nameh, or the Bcvelations of Ärdai Viraf 
Translated from the Persian and Guzeratee versions. With notes and 
illustrations. By J. A. Pope. London 1816. 



328 Sitzung der philos.-phüol. Classe V07n 5. März 1870. 

bestimmt formulirto Ansichten ülier die Herkunft des Buches 
aus einer christh'cheu Quelle , der sogenanteu 'Himmelfahrt 
des Jesaja", in einer solchen apodictischen Weise auszu- 
sprechen, als ob die Sache längst mit vollkommener Sicher- 
heit feststünde ^). Da dieser Umstand für einen der Haupt- 
beweise von der angebUchen directeu Entlehnung persischer 
Anschauungen aus jüdischen und christlichen Quellen gilt, 
so hielt ich es für der Mühe werth, diesen speziellen Fall 
etwas eingehender zu untersuchen, und auf seinen wahren 
Werth zurückzuführen. 

Die nächste Frage ist, wie verhält sich Pope's englische 
Uebersetzung zum Original? Zur Beantwortung derselben 
stehen mir nicht nur zwei Handschriften des Originaltextes 
meiner eigenen Bibliothek, wovon die eine aus dem Ende 
des 14. Jahrhunderts stammt, sondern auch ein von einem 
der gelehrtesten Pärsenpriester in Indien, Deslur Hoschengdschi 
Dschamaspdschi kritisch bearbeiteter Text, nebst Umschreib- 
ung in lateinische Buchstaben und einem Glossar *) , sowie 
die Päzend- und Sanskritversionen zu Gebote. 

Vergleicht man nun den Originaltext mit der Pope'schen 
Uebersetzung, so finden sich so erhebliche Abweichungen, 
dass mau annehmen muss, Pope habe eine ganz verschiedene, 
und jedenfalls jüngere Redaction des Ardäi Viräf vor sich 
gehabt, als alle Pehlewihandschriften des Werks , sowie die 
daran eng sich anschliessenden Päzend- und Sanskritversionen 



3) Spiegel, die traditionelle Literatur der Parsen pag. 120; 
Uebersetzung des Avesta pag. 21, 281 ff. 

4) Dieser wurde mir kürzlich von dem Direktor des öffentlichen 
Unterrichts der Präsidentschaft Bombay handschriftlich zugeschickt, 
mit dem Ersuchen ihn zu revidiren, und mit erklärenden Zusätzen für 
die Regierung von Bombay in Europa drucken zu lassen, in derselben 
Weise, wie ich die ebenfalls von Destur Hoschengdschi bearbeiteten 
Zand-Pahlavi und Pahlavi-Pazand Glossare veröffentlicht habe. 






Eaug : Das Ärdäi Viräf nämeh. 329 

zeigen, so dass sein Werk gar nicht für eine Wiedergabe 
des Originals gelten kann. Da gerade diese bedeutenden Ab- 
weichungen der Pope'schen Uebersetzung vom Pehlewiorigiual 
von entscheidender Bedeutung für die Frage von dem Ver- 
hältnisse des Ardäi Viräf zu der 'Himmelfahrt des Jesaja' 
sind, so will ich seinen Inhalt mit besonderer Beziehung 
darauf kurz berühren, und nachher den Inhalt des Originals 
angeben, damit jeder in den Stand gesetzt wird, diese Frage 
selbst zu j)rüfen. 

Nach der Pope'schen Uebersetzung berief Ardeschir 
Bäbegän ein Concil von 40,000 Priestern , um die zoro- 
astrische Religion wieder in ihrer Reinheit herzustellen , da 
durch Alexander die Beweise für dieselbe (d. h. die heiligen 
Schriften) vernichtet worden seien. Er befahl, dass aus der 
Mitte der Priester passende Personen gewählt würden, um 
die Gesetze des Zoroaster zu sammeln und zu vergleichen, 
d. h. sie authentisch wieder herzustellen , damit den vielen 
Ketzereien ein Ende gemacht würde. Aus den 40,000 wurden 
nun 4,000, und aus diesen 400 ausgewählt, die alle des 
Zendawesta kundig waren. Man schritt zu einer noch engern 
Wahl. Aus den 400 wurden die vierzig geschicktesten aus- 
gewählt; diese Zahl wurde sodann auf sieben reducirt, die 
frei von allen wissentlichen Sünden waren. Diese wurden 
nun vor den König geführt, der ihnen den Wunsch zu er- 
kennen gab, sie möchten vermöge ihrer Heiligkeit durch ein 
Wunder ihn und alle Einwohner des Reichs von der Wahr- 
heit und Heiligkeit der zoroastrischen Religion überzeugen. 
Die sieben willigten ein ; sie bezeichneten einen aus ihrer 
Mitte, Ardäi Wiräf mit Namen, der bereit sei den König 
von der Wahrheit der zoroastrischen Religion durch ein 
Mirakel zu überzeugen; er sei der beste, und ausgezeichnetste 
von ihnen allen, und werde zu Gott auffliegen und die Be- 
weise von der Wahrheit der zoroastrischen Religion mit- 
bringen. Der König begleitete nun diese heiligen Männer 



330 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 5. März 1870. 

und die vierzig tausend zum Tempel des Feuers. Sie bete- 
ten. Wiräf vollzog die Waschungen und Gebete, beräucheite 
sich und zog ein weisses Gewand an. Nun kamen seine 
Schwestern weinend und jammernd. Die Desturs trösteten 
sie. Nach Beendigung der Gebete liess sich Wiräf auf 
einen Sitz nieder, der für ihn bereitet war. Man brachte 
geweihten Wein in einem goldenen Becher und ersuchte ihn, 
drei Portionen nacheinander zu trinken. Nach sieben Tagen 
erwachte er. Jetzt wurde ein Schreiber gerufen, der alles 
niederschrieb, was Wiräf gesehen hatte. 

Nun werden die verschiedenen Visionen auf seiner Reise 
durch Himmel und Hölle beschrieben. Da diese vielfach mit 
den im Originaltext beschriebenen stimmen, so will ich sie 
in der Pope'schen Fassung nur summarisch berühren, nament- 
lich die abweichenden Punkte hervorheben. Wiräf erzählte, 
der Engel Serosch sei ihm begegnet und habe ihn gefragt: 
warum er in die himmlischen Regionen vor seiner Zeit ge- 
kommen sei? Er antwortete, dass er von dem König, den 
Priestern und Zoroastriern geschickt worden sei , um den 
Ketzereien ein Ende zu machen. Serosch ergriff nun seinen 
Arm und sagte ihm , dass , wenn sein Herz rein und sein 
Glaube wahr sei, er die Haltung eines Aufsteigenden an- 
nehmen solle. Er erhob sodann seinen Fuss. als ob er eine 
Leiter hinaufstiege. Nun sagte Serosch, wenn deine Zunge 
frei von Betrug ist, so erhebe den andern Fuss; er that 
also. Nun sagte Serosch: wenn du gute Werke glaubst, so 
nehme den dritten Schritt. Nach diesem befand er sich 
dicht an der Tschinwat-Brücke, die den Himmel von der Hölle 
scheidet. Nun folgt die Beschreibung des Schicksals der 
Seelen der Guten in den ersten drei Tagen nach dem Tode, 
ehe sie über die Brücke in den Himmel gehen , was nach 
parsischer Anschauung erst am Morgen des vierten Tages 
der Fall ist. Nun wird des schönen Mädchens gedacht, in 



Hang: Das Ardäi Vträf ndmeh. 331 

das die guten Werke des Frommen sich verwandeln , und 
das der Seele entgegengeht, um sie zu empfangen^''). 

Endlich langte Wiräf von Serosch geleitet oben an der 
Brücke an. Hier hörte er eine ausserordentlich starke Stimme, 
die von einem Hunde kaio, dem Zering-gosh d. i. Goldohr, 
der mit einem Halsband und einer Kette von Gold bei der 
Hchten Seite der Brücke angebunden war. Wiräf fürchtete 
sich, wurde aber von Serosch beruhigt. Auf Befragen wurde 
ihm von Serosch und anderen Engeln, die sich ihm gezeigt, 
der Bescheid, dass dieser Hund diesen Lärm mache, um 
Ahriman von der Brücke fern zu halten. Als er die Brücke 
überschritten hatte, sah er den Thron des Mithra und den 
Raschnu räzischta, den Richter mit der goldenen Wage, 
umgeben von tünftausend Engeln. Nun sah er ein grosses 
Licht, und darin alle frommen Mitglieder seiner Familie, die 
ihn begrüästen. Der Engel Bahman führte ihn dann vor den 
Thron Gottes, der von Myriaden von Engeln umgeben war 
und ganz von Licht strahlte. Wiräf verbeugte sich vor dem 
Thron Gottes und wurde dann wieder zur Brücke Tschinwat 
zurückgeführt. 

Jetzt trat er eigenthch erst seine Wanderung durch den 
Himmel an. Zuerst kam er in Hamistan behescht, den 
ersten Himmel, dann in das Sitar payah - behescht 
(Sternenparadius), den zweiten Himmel, von da in das Mah- 
pajah-behescht (Mondparadies), den dritten Himmel, dann 
in das Khurschid-paj ah-behescht (Sonnenparadies), den 
vierten Himmel. Nun kam er zu einem ganz von Lichtglanz 
umflossenen Orte, zu der Residenz des Ormuzd ; er vernalim 



5) Diese Vorstellung findet sich schon in dem Zendawesta selbst, 
in dem von Westerg&ard herausgegebenen Yasht-Fragment (S. 296 £f- 
seiner Ausgabe des Zendawesta) das nach der Ansicht der modernen 
Parsen dem Hadokht-Nosk entstammen soll: darnach im Mino- 
kliirad, und in dem Original des Ardäi Wiräf. 



332 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 5. März 1870. 

eine Stimme mitten aus dem Licht, die dem Seroscli befahl, 
ihm (dem Wiräf) die Geheimnisse von Himmel und Hölle 
zu zeigen. Bis jetzt hatte Wiräf nur die Brücke Tschinwat 
und die Vorhimmel gesehen. Nun erhält er erst die Er- 
laubniss das eigentliche Paradies und dann auch die Hölle 
zu besuchen. Ehe er weiter gehen konnte, gab ihm Serosch 
ein Küchelchen ^) zu essen, worauf er alles vergass, was auf 
die irdische Welt sich bezog. Nun ging Wiräf mit Serosch 
einige Schritte zurück, und sah ebenfalls mitten im Licht 
den Amschaschpand Ardibehescht. Dieser erinnerte 
ilm daran, dass er mit nassem Holze das heilige Feuer 
unterhalten habe (was verboten ist). Als Wiräf diese Be- 
schuldigung nicht zugab, zeigte ihm der Engel einen ganzen 
Bach, der aus dem vom nassen Holz abträufelnden Wasser 
gebildet war. Jetzt betrat er mit Serosch Gorotman, 
(garo-demäna im Awesta^ den fünften Himmel, der aussah, 
als ob er aus lauter Diamanten und Rubinen bestünde, und 
dessen Lichtglanz dem des Blitzes ähnlich war. Serosch 
sagte ihm , diess sei der Ort für die wahrhaft Gläubigen. 
Hier wurde er nicht nur von Serosch , sondern auch von 
Ardibehescht begleitet. Sie gingen weiter bis sie in Asar 
roschni, dem sechsten Himmel, anlangten. 

Nun erst beginnt die Beschreibung der Belohnungen für 
besondere Verdienste und Klassen. Zuerst kommen die Frei- 
gebigen , die alle in Gold und Silber gekleidet sind ; dann 
folgen die Seelen derer, die das heilige Feuer und das Wasser 
rein gehalten ; sie sind in Gewänder von verschiedenen Farben 
gekleidet , die wie Licht aussehen , und sitzen auf Thronen. 
Dann kommen die Seelen der guten Fürsten und Gesetzgeber, 
die in neue ganz weisse mit Perlen und Juwelen geschmückte 



6) Dieses heisst nach Note 23 pag. 108. Medio jurrnm , d. i. 
maidyö-zaremaya ; s. darüber mehr weiter unten. 



i 



Hang: Das Aräai Viräf nämek. 333 

Gewänder gekleidet sind und auf den Gefilden des Aethers 
sich hin und her bewegen. Nun folgen nach einander die 
Seelen der frommen Priester, die auf Thronen sassen, welche 
von Engeln umgeben waren ; die der glaubenseifrigen Frauen 
mit goldenen Kronen auf dem Haupt und in die kostbarsten 
mit Perlen und Edelsteinen geschmückten Gewänder gekleidet; 
die der frommen Krieger, und derer, die schädliche Thiere 
vernichteten , die der Ackerbauer und Viehzüchter ; alle er- 
freuen sich einer ewigen Glückseligkeit, wandeln theils in 
prachtvollen von Bächen bewässerten und von Singvögeln 
und ]\Iusikanten wiederhallenden Gärten, theils sitzen sie auf 
goldenen Thronen, oder haben Kronen auf dem Haupt, theils 
unter hohen schattigen Bäumen und sind von den schönsten 
Frauen bedient. 

Endlich gelangte Wiräf von Serosch begleitet, mit drei 
Schritten nach Anaghra roschan (anagJira raocMo) im 
Awesta), dem siebenten Himmel. Hier fand er sich in der 
Mitte eines Gartens, mit goldenen Thoren, dessen Blumenflor 
seine Augen ganz bezauberte, und der voll der köstlichsten 
Früchte war u. s. w. Sie kamen dann zu einem mit Edel- 
steinen geschmückten Gebäude, in dem der Prophet Zoro- 
aster auf einem goldenen Throne sass, der von Stühlen um- 
geben war. Rings um ihn her waren seine drei Söhne. 
Wiräf sah dort auch die Seele des Dschemschid, des Kai 
Kobad u, s. w. Wiräf wünschte hier zu bleiben, aber es 
wurde ihm nicht gestattet; er müsse wieder zum Könige 
zurückkehren. Nun wurde eine unsichtbare Stimme hörbar, 
die befahl, Wiräf in die Hölle zu führen und ihm die Strafen 
der Verdammten zu zeigen. 

Nun folgt ein längeres Gespräch zwischen Wiräf und 
seinen Begleitern über den Zehrpfennig für die Reise in die 
andere Welt, Glaube, Hoffnung und gute Werke, über 
die Vergänglichkeit dieser Welt, an die man sein Herz nicht 
hängen solle, über Gott als den einzigen Freund, den man 
[1870, I. 3.] 22 



334 Sitzung der philos.-pMdl. Classe vom 5. März 1870. 

habe, dass Zufriedenheit die glücklichste Lage der Menschen 
sei u. s. w. Auf dieses Gespräch, während dessen sie immer 
noch im Himmel geweilt zu haben scheinen, kommt noch 
nachträglich die Beschreibung von weitern zwei Classen ewig 
glückhcher Seelen , nämlich die der Regenten , welche stets 
ihre Pflicht erfüllt , und derer , welche der Armen und Be- 
drängten, der Wittwen und Waisen sich angenommen hatten. 

Jetzt soll er die Hölle sehen. Obschon sich auch hier 
ganz beträchtliche Abweichungen vom Original finden , so 
will ich doch hier nicht näher darauf eingehen, da in der 
'Himmelfahrt des Jesaja' mit der das Ardäi Wiräf ver- 
glichen worden ist, sich gar keine Beschreibung der Hölle 
und der Bestrafung der Verdammten findet. Ich will nur 
einige Bemerkungen machen. Zuerst kommt er an den 
Thränenfluss ; hier sieht er die Seele eines bösen Mannes, 
dem seine Werke in Gestalt eines hässlichen dämonischen 
Weibes erscheinen. Dann werden ihm die verschiedenen 
Höllenstrafen gezeigt. Nach seiner Wanderung durch die 
Hölle kehrt er zum Gorotman (dem fünften Himmel) zu- 
rück, und erhält die Erlaubniss zur Erde zurückzukehren. 
Er empfängt von Ormazd den Befehl alles was er gesehen, 
in der Welt zu verkünden. Nun steigt er von den höhern 
Himmeln in die niederen herab , trifft überall viele Geister, 
die ihn ersuchen, ihren Familien zu sagen, dass sie im Weg 
der Wahrheit wandeln sollen. Die ihn begleitenden Engel 
nehmen nun Abschied von ihm, und er erwacht. 

Zum Schlüsse heisst es weiter in der Pope'schen Ueber- 
setzung, dass der König befohlen hatte, diese Offenbarungen 
des Wiräf in dem ganzen Reiche bekannt zu machen ; die 
Priester sollten überall herumgehen und die wahren Glaubens- 
lehren einschärfen. Die Häresien hätten dann aufgehört. 
Aber nach Ardeschir's Tode hätten mehr als 40,000 Zoro- 
astrier an die Offenbarung des Wiräf zu glauben sich ge- 
weigert. Dann sei Adarbat Mahraspand zu Schapur (dem 



Hang : Das Ardäi Viräf nämeh. 335 

Sohne Ardeschir's) gekommen und hätte sich bereit erklärt, 
die Wahrheit jener Offenbarungen durch ein Wunder zu be- 
weisen. Er hätte sich nämlich in einen Kessel voll siedenden 
Zinns gestürzt und sei unverletzt davon gekommen. Dann 
sei die zoroastrische Religion wieder fest gegründet ge- 
wesen. Das Buch schliesst mit der Flucht der Pärsis nach 
Indien. 

Nachdem ich nun den Inhalt der Pope'schen Ueber- 
setzung, soweit er für die vorstehende Untersuchung von 
Bedeutung sein kann, in Kürze dargelegt habe, will ich nun 
zur Darlegung des Inhalts des Pehlewi-Originals, wie es mir 
vorliegt, schreiten. Es beginnt ebenfalls mit einer längeren, 
aber vielfach abweichenden Einleitung , die indessen viel 
Interesse bietet. Die zwei ersten Seiten meiner Handschrift 
habe ich schon früher im Original mit einer englischen 
Uebersetzung veröffentlicht ^). Es heisst dort , dass die 
zoroastrische Pieligion während der ersten drei Jahrhunderte 
ihres Bestehens rein und ohne Sectenwesen war, dass nach Ver- 
fluss dieser Periode Ahriman , der Böse , den 'ruchlosen' 
Alexander , 'den Abendländer , den Aegypter' , nach Iran 
führte, der den Herrscher des Reiches tödtete, das Land und 
die Residenz verwüstete, und das mit goldenen Buchstaben 
auf Ochsenhäute geschriebene Exemplar des Awesta-Zend, 
das zu Persepolis im Archiv aufbewahrt war, verbrannte^), 



7) In der Introduction zu dem Zanä - Faläavi Glossary , heraus- 
gegeben von Destur Hoschangdschi und mir, i^ag. XXXIX — XLII. 

8) Man hat diese Angabe, welche sich häufig genug, bald in 
spezieller, bald in allgemeiner Fassung in den altern parsischen 
Schriften findet , ganz in Abrede ziehen und eine Verwechslung mit 
der durch die Mohamedaner erfolgten Zerstörung annehmen wollen. 
Heeren hat zuerst die Ansicht ausgesprochen, dass es ganz gegen 
die Politik Alexanders gewesen sei, fremde Religionen zu verfolgen, 
und dass aus diesem Grunde die Angabe der Parsen keinen Glauben 

22* 



336 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 5. März 1870. 

und die Desturs, Mobeds. Herbads und die Gesetzeskundigen 
tödtete. In Folge dieser Vernichtung aller Autoritäten für 



verdiene. Diese Ansicht ist seither von beinahe allen Gelehrten un- 
geprüft nachgeschrieben vrorden, und nachgerade zu einer Art 
stereotyper Phrase geworden. Indess eine nähere Prüfung der von 
den altern Pehlewischriften gegebenen Nachrichten über die Ver- 
nichtung zoroastrischer Religionsbücher durch Alexander im Vergleiche 
mit den von den Classikern uns überlieferten Berichten über die 
Zerstörung von Persepolis durch den macedonischen Eroberer zeigt 
zur Genüge, dass die parsische Tradition durchaus nicht unbegründet 
ist. Die wichtigsten Zeugnisse hierüber sind die des Ardäi Wiräf 
nämeh (im Anfange des Buches) und mehrere Stellen desDinkart, 
wovon ich bereits zwei mitgetheilt habe , (die eine im Zand-Pahlavi 
Glossary, pag. XXXII, XXXVI, und die andere in meinem Essay on 
the Pahlavl language, pag. 146, 150). Da die zweite Stelle sich in 
einer Proklamation des Sasaniden Königs Chosru Parviz (531 — 
579 n. Chr.) findet, so ist sie von ganz besonderer Wichtigkeit, da 
eine Verwechslung mit der ein hundert Jahre später erfolgten moha- 
medanischen Eroberung nicht möglich ist. 

Chosru sagt nämlich, dass Volgasch (Vologeses), der Aschkanier 
(Arsacide) befohlen habe, alle Fragmente des Zend-awesta, die der 
Zerstörung Alexanders und der Abendländer entgangen seien, zu 
sammeln. Die anderen Stellen spezialisiren indess den Fall. Sie 
besagen, dass Alexander das in der Burg zu Persepolis aufbewahrte 
Exemplar des Zend-awesta, welches das Hauptexemplar gewesen zu 
sein scheint, verbrannt habe. Nun wissen wir aus Diodor (17, 72.) 
und Curtius (5, 7.), dass Alexander wirklich, auf Anstiften einer 
athenischen Hetäre, der Thais, in trunkenem Zustande die Burg von 
Persepolis, wo der königliche Palast (und natürlich auch die Biblio- 
thek) war, angezündet und verbrannt habe; man habe sich, sagt 
Diodor, an den Persern rächen wollen für die unter Xerxes verübte 
Zerstörung der griechischen Tempel. Auch Arrian erzählt (Exped. 
Alex. 3, 18), dass Alexander 'die königliche Residenz der Perser' t« 
ßftaiktuc rc( HfQffixa, Persepolis selbst nennt er nicht) verbrannt habe; 
Parmenion habe ihm abgerathen, aber er habe gesagt, er wolle sich 
an den Persern für die Verwüstung Athens, die Verbrennung der 
Tempel und andere Unbilden, rächen. Der Entschluss zur Zerstörung 
der prachtvollen königlichen Residenz scheint ganz plötzlich, während 



Hang: Das ArdcU Viräf nämeh. 337 

den wahren Glauben entstanden viele Zweifel und Ketzereien. 
Die Unwissenheit in religiösen Dingen wurde nach und nach so 
gross, dass es keinen Meister, keinen König, kein Oberhaupt, 
keinen Dcatur , noch sonst jemand gab . der die Religion 
kannte. Dieser traurige Zustand änderte sich erst zur Zeit 
des Adarbat Mahrespand (unter Schapur II, 308 — 81). Zum 
Beweis der Wahrheit des von ihm verkündeten Glaubens Hess 
er sich geschmolzenes Kupfer auf die Brust giessen , ohne 
dass es ihn verletzte. Es entstanden aber aufs neue viele 
Sekten und Zweifel , und eine neue Ofifenbarung war noth- 
wendig zur Neubegründung des Glaubens. Diese Offenbarung 
nun bildet den Gegenstand des Ardai Wiräf nämeh. Darauf 
wurde von gottesfürchtigen Desturs (die Zahl ist nicht an- 
gegeben, noch irgend ein König genannt) eine Versammlung 
in den Tempel des Frobag-Feuers anberaumt und verschiedene 
Mittel berathen, dem Sektenwesen zu steuern. Endlich kommen 
die Mitglieder dieses Priesterconcils zu folgendem Beschluss: 
'Einer von uns muss gehen (in die andere Welt) und von 
den himmlischen Geistern Kunde bringen, dass die Menschen, 
die jetzt leben, wissen sollen, ob ihr Ize sehne, Darun, 
Afringan und andere Ceremonien und Gebete zu den Ja- 
zatas (guten Geistern) oder zu den Teufeln' gelange, und ob 



eines Zechgelags, mehr aus Uebermuth, als aus irgend einem andern 
Beweggrund gefasst und sofort ausgeführt worden zu sein. Die 
Zeit war höchst w^ahrscheinlich die Nacht. Als der Palast an- 
gezündet wurde, war er gewiss nicht leer, sondern von einem grossen 
dienstthuenden Personal, darunter sicherlich viele Priester, bewohnt. 
Diese verbrannten entweder, oder wurden von den betrunkenen Soldaten 
umgebracht. So erklären sich die Angaben der parsischen Schriften 
über die Verbrennung der heiligen Bücher und die Ermordung der 
Priester zur Genüge. Da allen Berichten zufolge das Hauptexemplar 
des Zend-awesta in der 'Burg' zu Persepolis war, so verbrannte es 
natürlich auch mit. Die That ist ein Schaudfleck in der Geschichte 
Alexanders, aber sie lägst sich nicht wegläugnen. 



3 38 Sitzung der philos.-phüol Classe vom 5. März 1870. 

es zum Heile unserer Seele diene, oder nicht'. Hierauf wurden, 
wie es weiter heisst, nach dem einstimmigen Beschlüsse der 
zu dem Frobag- Tempel gerufenen Desturs, sieben Priester 
ausgewählt, die im Glauben an Gott sehr fest, und deren 
Gedanken, Worte und Thaten tugendhaft waren. Man sagte 
zu ihnen: Setzt euch und wählet von euch einen, der für 
das gute Werk der siindloseste ist, und den besten Namen 
hat! Diese sieben Männer setzten sich. Von den sieben 
wurden nun drei, und von den dreien einer ausgewählt, 
Wiräf mit Namen, den 'einige den Nischapurer heissen'. 
Als Wiräf diess hörte, stellte er sich auf seine Füsse, legte 
seine Hand an seine Brust und sagte : 'Gebt mir keinen 
Mang (ein Narcoticum) ehe ihr dies Loos ^) geworfen habt ; 
wenn das Loos mich trifft, so gehe ich gerne an den Ort 
der Frommen und Gottlosen und nehme richtige Botschaft, 
und bringe sie richtig'. Die Mazdajasner warfen das Loos, 
das erstemal im humat (gut gedacht), das zweitemal im Miklit 
(gut gesprochen), und das drittemal im huvarsht (gut ge- 
handelt); jedesmal traf es Wiräf. Nun hatte dieser sieben 
Schwestern , die ihm wie Frauen waren (d. h. mit denen er 
nach dem alten zoroastrischen Gesetz der Schwesterehe zu- 
sammenlebte) ; sie hatten die Religion d. i. die Schrift aus- 
wendig gelernt und vollzogen Ceremonien. Diese kamen 
jammernd und schreiend in die Versammlung der Zoroastrier 
und baten so etwas nicht zu thun, d. h, ihren Bruder nicht 
auf eine Reise in die andere Welt zu schicken; er sei ihr 
einziger Bruder und sie seien alle seine Frauen ; sie ver- 
langten eine Garantie für ihre Unterhaltung, ehe ihr Bruder 
vom Lande der Lebendigen in das der Todten geschickt werde; 
diese wurde ihnen versprochen. Sie wurden damit getröstet, 
dass ihnen ihr Bruder nach sieben Tagen wieder unversehrt 



9) Der Ausdruck im Original ist naUjdh Hi^U»^ 






Hang: Das Arddi Viräf nivneh. 339 

übergeben werden würde. Die Schwestern gaben sich zu- 
frieden. Nun legte Wiräf seine Hand an seine Brust und 
sagte : 'Es ist Gebrauch (dastöhanja) dass ich (vor Antritt 
der Reise) den abgeschiedenen Seelen meine Verehrung dar- 
bringe, dann Speise geniesse, und den letzten Willen (andarz) 
mache; dann sollt ihr mir den Wein und Mang geben'. Die 
Desturs befahlen also zu thun. Nun wurde ein Platz von 
dreissig ^*') Schritten in der 'Geisterwohnung' (män-i mmö- 
yan, wahrscheinlich einem Theile des Feuertempels) sorg- 
fältig ausgewählt. Wiräf wusch sich Haupt und Körper, 
zog ein neues Kleid an, machte eine Räucherung. legte auf 
den Sessel einen neuen reinen Teppich, und setzte sich darauf. 
Nun machte erDarun (die Ceremonie des heiligen Brodes), 
und nahm Speise zu sich. Hierauf füllten die Desturs drei 
goldene Becher mit Wein und mang-i visldasiKUi (ein Nar- 
coticum) und gaben ihm den einen mit Jiumat, den andern 
mit Jiidcht, den dritten mit hu'varsM. Er trank dann 
diese MischuDg, und sagte noch ganz bei Verstände den 
Vuj (das Gebet) her und schlief auf dem Teppich ein. Die 
Desturs und die sieben Schwestern hielten sieben Tage und 
Nächte Wache in der Dunkelheit, indem sie beständig Feuer 
brannten, Wohlgerüche verbreiteten, religiöse Nirang (Gebete) 
in Awesta und Zend (d. h. in den sogenannten Zend und 
Fehle wisprachen) hersagten, den Nosks ^^) ihre Verehrung 
darbrachten (wahrscheinlich durch Nennung ihrer Namen), 
und die Gäthas recitirten. Die sieben Schwestern setzten 
sich sogar rings um den Teppich , auf dem Wiräf einge- 



10) Diess bezieht sich auf den Umstand, dass der Platz wahr- 
scheinlich dreissig Schritte von Feuer, Wasser, Bäumen u. s. w. ent- 
fernt war. Diess ist die für den Platz , wo Reinigungsceremonien 
vorgenommen werden, vorgeschriebene Entfernung. 

11) Die einzelnen Theile des Zend -awesta, von denen die meisten 
verloren sind. 



340 Sitzung der pMos.-phüol Qasse vom 5. März 1870. 

schlafen war, und sagten (für sich) sieben Tage das Awesta 
her, und unterliessen mit den Mazdajasniern , den Desturs, 
den Herbads und Mobeds auf keine Weise die Seele des 
Wiräf, die den Körper verlassen hatte und zur Tschinwat- 
Brücke gegangen war, zu unterstützen. Am siebenten Tage 
kam sie in den Körper zurück, und Wiräf erhob sich, wie 
wenn er von einem angenehmen Traume erwachte. Als seine 
Schwestern mit den Desturs und Mazdajasniern ihn sahen, 
wurden sie voll Freude und Jubel und sagten: 'Du bist 
richtig angekommen ; du bist zu uns Mazdajasniern als Bote 
vom Lande der Todten in das der Lebendigen zurückge- 
kommen/ Er verlangte zu essen. Man brachte ihm wohl- 
gekochte und gewürzte Speise, kaltes Wasser und Wein. 
Wiräf sprach das Tischgebet und ass. Nun liess er einen 
geschickten, sehr kundigen Schreiber kommen und ihn also 
schreiben. 

In der ersten Nacht traf ich den Seros ch und Adar 
Izad (den Engel des Feuers), Serosch verbeugte sich vor 
mir (er grüsste mich) und sagte: Du bist gerade recht ge- 
kommen; wenn du bis jetzt nicht gekommen wärest, so hätte 
ich gesagt: 'Ich will Bote sein^ (dich benachrichtigen). Die 
beiden Engel streckten ihre Hand nach mir aus. Mit drei 
Schritten (im humat, Imhlit und huvarsht) war ich an der 
Tschinwat-Brücke, die sehr weit und von Ormazd geschaffen 
ist. Dort kam ich an, und sah die Seelen der Verstorbenen, 
wie sie auf dem Scheitel des Körpers sassen, und die üätha : 
ustä ahmäi (Jasna 43, 1,) hersagten ^^). Am dritten Morgen 
kommen den Seelen der Guten Wohlgerüche entgegen; eine 
schöne Jungfrau begegnet ihnen. Die Beschaffenheit der 



12) Diese Angabe, welche sich auch im Minokhirad findet, ist 
aus dem Hadokht-Nosk genommen; s. Westergaard's Zendawesta, 
Yahst-fragment XXII, (pag. 296). 



Haug : Das Arääi Viräf nameh. 34 1 

Jungfrau, ihre Grösse, Schönheit u. s. w. richtet sich ganz 
nach den guten Werken. Wiraf erzählte weiter. Ich ging 
über die Brücke mit Serosch und Adar Izad. Mir ward der 
Schutz des Mithra, des Raschuu rast (rashnu räsisMa) , des 
Wai weh (vayö-volm) des Behram, des Glanzes der guten 
Mazdajasnier uud anderer reiner Frohar. Raschnu rast 
hält eine goldene Wage in der Hand und wägt die Thaten 
der Frommen und Gottlosen. Nun sprachen meine Begleiter: 
Komm, dass wir dir Himmel und Hölle zeigen, das Vergnügen, 
die Freude und Seligkeit der Frommen, und das Unglück, 
Elend und den Schmerz der Gottlosen ; wir zeigen dir den Ort 
der Gerechten und der Bösewichter, das Seyn der Izeds und 
der Amschaschpands, und das Nichtseyn (löiti) des Ahriman 
uud der Teufel, die Auferstehung und den künftigen Körper ; 
und die Strafe der Gottlosen. 

Nun wurde Wiräf zu den Hamestagän geführt, d. h. 
denjenigen, deren gute und schlechte Thaten gleich sind^^); 
sie reichen aus zum Himmel , wie zur Hölle ; desswegen 
kommen sie nicht von der Stelle und müssen bleiben, wo 
sie sind. Ihre einzige Strafe ist, dass sie im Andarväi^^) 
seyn und Hitze und Kälte leiden müssen. Eine andere Strafe 
trifft sie nicht. 

Wiräf erzählt nun weiter: Ich machte nun den ersten 
Schritt in Immat (dem guten Gedanken) und befand mich 
iüi Satar - päyah d. i. der Sternensphäre. Die Seelen die 
sich hier befinden, glänzen wie die Sterne; sie sitzen auf 
Thronen, die hoch sind uud voll Glanz. Auf meine Frage, 
welche Seelen hier seien , gab mir Serosch zur Antwort : 
Hier sind die Seelen derer, die in der Welt kein Jescht 



13) Das Wort bezeichnet eigentlich diejenigen, die sich stets im 
gleichen Zustande befinden. 

14) Zwischenraum zwischen Himmel und Hölle. 



342 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 5. Mars 1870. 

machten, die Gäthas nicht sangen, und die EJietvödat (Ge- 
schwisterehe ^^) nicht vollzogen, d. h. die keine Zoroastrier 
waren, sie sind keine Herrscher, aber rein durch andere 
Thaten. — Der zweite Schritt in hukht (dem guten Worte) 
brachte mich in den Mdh-päyah d. i. die Mondsphäre. Hier 
sah ich grosse und starke Seelen. Es sind solche, die eben- 
falls kein Jescht gemacht, die Gäthas nicht recitirt, und 
Khetvödat nicht gemacht, sonst aber gute Werke vollbracht 
hatten. Sie glänzen wie der Mond. Beim dritten Schritt 
in huvarsM (dem guten Werke) gelangte ich nach Qorshid- 
pdyah d. i. die Sonnensphäre. Die Seelen sitzen auf Thronen 
mit goldenen Teppichen glänzend wie die Sonne; es sind 
die, welche in der Welt gut regiert und geherrscht hatten. 
Mit dem vierten Schritt befand ich mich im Garotman^^), 
(garö-demäna im Awesta), wo lauter Glanz ist. Hier wurde 
ich gefragt: 'wie bist du von der vergänglichen Welt in die 
unvergängliche gekommen? Geniesse Hirn mels wein ^'^), denn 
auf lange Zeit sollt ihr hier Vergnügen haben'. 



15) Diese gilt für die heiligste unter den Parsis. 

16) Diess ist das eigentliche Paradies, die Wohnung des Ormuzd, 
und der himmlischen Geister, sowie der frommen Anhänger der 
zoroastrischen Religion. Es heisst eigentlich 'die Wohnung des Ge- 
sangs*, weil darin von den himmlischen Geistern die Gäthas, die 
heiligsten Verse des Awesta, gesungen werden. 

17) Im Original steht Jwsh. Diess ist von Destur Hoschengdschi 
in einer Note und in seinem mir handschriftlich zu Gebote 
stehenden Glossar als 'Himmelswein' erklärt. Der bei den Pärsen 
jetzt dafür gebräuchliche Ausdruck ist minö-röghan d. i. Himmelsöl. 
Es ist schon im Hadokht No sk (Yasht fragment 22, 18 in Wester- 
g2i?irdi^ Zend-Avesta) und VistäspNosk (8,64 Westergaard's) unter 
dem Namen Zaremaya raoghna, d. i. goldenes (goldgelbes) Oel er- 
wähnt. Nach dem Glauben der Parsis reicht der Engel B ahm an den 
Seelen der frommen Zoroastrier diesen Trank am vierten Tage nach 
dem Tode vor dem Eintritt ins Paradies, damit sie für immer alles 



Hang: Bas Ardai Viräf nämeh. 343 

Hier im Paradies trifft Wiraf den Engel des Feuers 
Orniuzd's. Dieser sagte ihm , dass die Mazdajasnier (die 
Ormuzdverebrer) ihm nasses Holz gebrannt hätten, worauf 
Wiräf antwortete, dass er das Feuer stets mit trockenem 
und abgelagertem Holz (wie es Vorschrift ist) unterhalten 
habe. Der Engel zeigte ihm aber einen ganzen Teich von 
Wasser, der von nassem Holze abgelaufen war. Nun erhob 
sich der Amschaschpand Babman von seinem goldenen Thron, 
ergriff Wiräf bei der Hand und braclite ilin zu Ormuzd, den 
Amschaschpands und den anderen Frommen , und zu dem 
Frohar des Zertoscht Sapetman, des Kai Wischtäsp, 
des Dschämäsp und anderer Träger und Häupter der Re- 
hgion , als welche keine glänzenderen und bessern gesehen 
worden sind. 

Hier ist in allen Handschriften eine Lücke. In der 
verloren gegangenen Stelle muss es geheissen haben . dass 
Bahman den Wiräf weiter geführt und ihn vor den Thron 
des Ormuzd gebracht habe. Denn der Text fährt also fort : 
(ich erkannte) 'dass dieser Ormuzd sei'. Ich betete ihn an: 
er grüsste mich (und sagte): 'Ardai Wiräf! Du bist recht 
(zur rechten Zeit) von der vergänglichen Welt an diesen un- 
vergänglichen Ort gekommen'. Hierauf befahl Ormuzd dem 
Sero seh und dem Adar Ized. den beiden Begleitern des 
Wiräf, ihm den Ort der Belohnung der Frommen und der 
Bestrafung der Bösen zu zeigen. Darauf nahmen sie ihn 
bei der Hand und führten ihn von Ort zu Ort. Er sah nun 
den Frohar des Gajomart, des Zertoscht. des Kai Wisch- 



Irdische vergesse und der himmlischen Ruhe sich freue. Unter dem 
Namen maidyozaruni raogan ist dieser Himmelstrank auch imMino- 
khirad (s. II, 152, in der bald erscheinenden Ausgabe von E. W. 
West) erwähnt. 



344 Sitzung der pMlos.-phüol. Clasae vom 5. März 1870. 

täsp, des Fraschostar und Dschämäsp ^^) und anderer 
die Gutes gethan und Häupter des Glaubens waren. Nun 
kommt er zu den verschiedenen Abtheilungen des Paradieses, 
in denen die einzelnen Tugenden besonders belohnt werden. 
Zuerst sieht er die Seelen der Freigebigen (rädän) , die 
einen sehr hohen Glanz haben. Nun sieht er die, welche 
die Gäthas gesungen und Jescht gemacht , d. h, die 
jedem Zoroastrier obliegenden Pflichten erfüllt hatten. Nun 
kommen die Seeleu derer, welche die Geschwisterehe (Z. 
qadtva - datha , Pehl. qetökdas) vollzogen hatten; sie sind in 
grossem Glanz. Nun folgen die Seelen der guten Fürsten 
und Herrscher, und die Seelen der Grossen, die 'richtig ge- 
sprochen', d. h. gerechtes Urtheil gefällt hatten. Hierauf 
folgen die Seelen der frommen Frauen, die ihren Männern 
unbedingt gehorcht hatten ; sie sind in Gold und Silber ge- 
kleidet und mit Edelsteinen geschmückt. Ausser den Pflichten 
gegen ihre Ehemänner haben sie auch alle Gebote .der zo- 
roastrischen Religion befolgt, nämlich das Wasser, das Feuer, 
die Erde, den Baum, die Kuh, das Schaf und alles, was 
gute Gaben gewährt, verehrt, und den Izeds (himmlischen 
Geistern) Lobpreis dargebracht. Nun folgen die Seelen 
derer, die Izeschne ^^) gemacht, und welche die Träger des 
heiligen Wortes waren, d. h, die Priester. Nun kommen 
die Seelen derer, die das ganze heilige Wort ^") zu recitiren 
und den Izeds (himmlischen Geistern) Izeschne zu machen 



18) Diese sind indess in dem Berichte schon einmal erwähnt 
Seite 343, 

19) Diess ist die Ceremonie der feierlichen Bereitung und des 
Trinkens des Homasaftes unter Hersagung der Gebete, welche im 
sogenannten Jasna (Izeschne) enthalten sind. Nur die Priester 
dürfen diese Handlung vollziehen. 

20) Im Original: hamäk diu 'den ganzen Glauben'. Darunter 
werden alle Nosks des Zendawesta verstanden. 



i 



Hmig : Das Ardäi Vvräf nämeh. 345 

befohlen hatten 2^); sie sitzen über den andern; ihre guten 
Werke sind so hoch wie der Himmel. Nun folgen die Seeleu 
der ArUshtäran d. i. Krieger; sie sind in königliche Ge- 
wänder gekleidet und sitzen auf Thronen, die von Gold ge- 
macht und mit Edelsteinen geschmückt sind. Hierauf kommen 
die Seelen derer, die viele Kharfastars, d, i. schädhche 
Geschöpfe (wie Frösche, Mäuse, Schlangen u. s. w.) getödtet 
und den Glanz und die Reinheit des Wassers, Feuers, der 
Bäume und der Erde vermehrt hatten. Nun folgen die 
Seelen der Vustryösh d. i. der Ackerbauer. Sie sitzen auf 
glänzenden Thronen zur Belohnung dafür, dass sie die un- 
sichtbare Grundhige ^^) des Wassers, der Erde, der Bäume, 
und der Schafe, mit denen sie in Berührung gekommen, ge- 
segnet und gegrüsst, und Lob und Preis dargebracht hatten. 
Nach ihnen kommen die Seelen der Hufol'hshän d. i. der 
Ai'beiter, Handwerker, die ihren Heri'U und Gebietern in der 
Welt Ehrerbietung erwiesen hatten ; dann folgen die Seelen 
der Guten, welche in der Welt die vierfüssigen Thiere und 
namentlich die Schafe besorgt , genährt und vor W^ölfen, 
Dieben und ungerechten Menschen beschützt, und ihnen zu 
rechter Zeit Wasser, Gras und sonstiges Futter gereicht, sie 
gegen heftige Kälte und Hitze geschützt . die Begattung am 
rechten Ort gestattet, und sie nach Vorschrilt verhindert 
hatten (wenn sie unzeitgemäss war); die zur rechten Zeit 
den Menschen viel Nutzen und Frucht, Speise und Kleider 



21) Diess sind die sogenannten hävisht d. i. solche Laien, welche 
die Priester zur Vollziehung von Ceremonien anstellen und bezahlen. 
Sie entsprechen ganz den yajamunäs im brahmanischen Cultus. 

22) So übersetze ich miTio (Z. maim/u), das jedem irdischen Ob- 
ject vorgesetzt werden kann , und dann einfach sein geistiges un- 
sichtbares Gegenbild, seine Idee, um platonisch zu reden, ausdrückt. 
Nach den zoroastrischen Schriften existirt alles doppelt, auf der Erde 
und im Himmel; die letztere Existenz bildet die Grundlage der erstem. 



346 Sitzung der phüos.-philoh Classe vorn 5. März 1870. 

gegeben; alle diese sind hier in grosser Freude. Wiraf sah 
darauf viele goldene Throne mit schönen Polstern, auf welchen 
die Seelen der frommen Hausherrn (Kat-Ttliodäcin) und 
Richter sitzen , sowie die , welche viel für Bewässerung und 
Fruchtbarmachung des Landes gethan, die den Wassern, 
Bäumen und den Frohars der Reinen für ihre Stärke, Sieg- 
haftigkeit u. s. w. Lob und Preis dargebracht. Endhch folgen 
die Seelen der Glaubensstarken, der Lehrer und Wahrheits- 
forscher ; dann die derjenigen, die für einen andern Fürbitte 
eingelegt *^), und die der guten Freunde; sie leuchten wie 
die Sterne, Mond und Sonne. Zuletzt sah Wiräf 'das erste 
Leben' ^*) der Frommen , voll von Glanz und Majestät, 
ohne Alter. 'Alles war wohlriechend, wunderbar; Sättigung 
war nicht'. 

Nachdem Wiräf das Paradies durchwandert hatte, wurde 
or von seinen zwei Begleitern von da weg und nach der 
Ilöllenregion geführt. Sie kamen an einen grossen starken 
Strom voll Übeln Geruchs, in dem viele Seelen waren, aber 
keine davon konnte ihn überschreiten ; sie sind in grosser Pein. 
Auf Befragen, was das für ein Strom sei, erhielt er zur 
Antwort: dieser Strom wird aus den Thränen gebildet, die 
aus den Augen der über die Todten Wehklagenden laufen. 
Serosch gab dem Wiräf den Auftrag, den Menschen zu 
sagen : 'klaget nicht , denn dadurch kommt nur Ungemach 
über die Verstorbenen'. Er kam nun wieder zur Tschinwat- 



23) Im Original jatün-gohän, oder dädan-goMn, wie es auch ge- 
lesen werden kann. Fürbitte für einen andern einzulegen , gilt bei 
den Parsis für sehr verdienstlich. 

24) Diess ist ein hypostasirter Begriff", der sich häufig im Zend- 
awesta findet. Hier werden zwei Leben a/a< unterschieden, das erste 
und das zweite, oder auch das geistige und irdische; s. mein 
"Werk über die Gäthas II, pag. 254. Das erste Leben ist hier na- 
türlich das geistige. 



Hang: Das Arääi Vkaf nämeh. 347 

Brücke zurück. Dort sah er die Seelen der Schlechten in 
den drei Nächten nach dem Tode viel Ungemach leiden. 
Seroseh belehrte ihn auf Befragen dahin: dort laufen die 
Seelen der Darwands (Gottlosen); sie sitzen auf dem Haupte 
(des Körpers , den sie verlassen) und sagen die Gätha her : 
'in welches Land soll ich gehen? bei wem soll ich Schütz 
suchen' ^^)? Ein kalter Wind kommt, wie vom Norden, der 
Gegend der Dewas. In diesem Winde sieht die Seele ihren 
Glauben und ihre Thaten in Gestalt eines nackten stinkenden 
Weibes mit geöffnetem Munde, herabhängendem Knie und 
herabhangenden Händen , mit endlosen weissen Flecken , so 
dass Fleck an Flock sich reiht, wie bei dem verderblichsten 
Kharfastar. Die Seele fragt: wer bist du als welchen ich 
nie ein hässhcheres und unreineres Geschöpf in der Welt ge- 
sehen habe? Das Ungeheuer antwortet : Ich bin deine schlechten 
Werke; du hast Gott nicht verehrt, das Wasser, Feuer, die 
Schafe, die Bäume und andere gute Geschöpfe nicht geschützt; 
du hast die Werke Ahriman's gethan. W^enn jemand kam, 
um ein Almosen zu erbitten, so hast du die Thüre verschlossen' 
u. s. w. 

Nun kommen die entsprechenden Abtheilungen der Hölle. 
In der Beschreibung der einzelnen, sowie der verschiedenen 
Strafen ist gar keine rechte Ordnung beobachtet, sondern 
alles läuft bunt durcheinander. Die Hölle scheint in drei 
Äbtheilungen zu zerfallen, die Vorhölle, die eigentliche Hölle 
und die unterste oder tiefste Hölle. 

Wiräf, geführt von seinen zwei Begleitern, macht den 
ersten Schritt. Dieser bringt ihn in dushmat (schlecht ge- 
dacht) , der zweite in dtisMJcM (schlecht gesprochen), der 



25) Diese Gätha ist Jas na 46, 1, verzeichnet und beginnt: Kam 
nemOi zum J:uthrä nemo ayem. Ueber die Vorgänge mit der Seele 
der Schlechten in den drei ersten Tagen nach dem Tode, s. den 
Hadokht Nosk {Yasht fragment 22, 20). 



348 Sitzung der phüos.-pMöl. Glosse vom 5. März 1870. 

dritte in dushvarsJit (schlecht gehandelt) , beim vierten ist 
er im Duschakh (oder DosaM) , der eigenthchen Hölle. 
Serosch beschützte ihn mit der Hand, dass er weder von 
Kälte und Hitze, noch von Trockenheit und übelm Geruch 
zu leiden hatte. Den Eintritt in die Hölle beschreibt er 
also: Ich sah das Thor 2^) der Hölle tief wie einen Brunnen, 
an einem schreckhchen engen abschüssigen Orte , der so 
dunkel war, dass Serosch mich an der Hand halten musste; 
der Wind ist so übelriechend, dass jeder, in dessen Nähe 
er kommt, zittert und niedersinkt ; es ist so eng, dass Niemand 
stehen kann, dass, wer nur drei Tage und drei Nächte darin 
ist, sagt: 'es sind neuntausend Jahre vorbeigegangen'! Ich 
wurde nicht zerrissen von dem berggrossen Kharfastars, die 
an jedem Orte sind; aber die Seele des Gottlosen zer- 
reissen s\e. 

Nun folgt die Beschreibung der für jede Sünde be- 
stimmten Strafen. Dieselbe Sünde kommt öfter vor. Die 
verschiedenen Sünder sind nicht in von einander gesonderten 
Abtheilungen beisammen, wie bei Dante, sondern die ver- 
schiedensten Verbrecher befinden sich untereinander. Vieles 
ist indess hier als Sünde erklärt, und wird mit den schwersten 
Strafen geahndet, was nur ein Vergehen gegen die Satzungen 
des Zoroastrismus ist, und vom Standpunkte der Moral aus 
betrachtet, für gar kein Vergehen gelten kann. Ich will im 
Nachfolgenden einige der Verbrechen, und ihre Bestrafung 
hervorheben ; sie alle aufzuzählen würde zu weit fahren und 
ist für den Zweck dieser Abhandlung auch gar nicht geboten, 



26) So habe ich arzur, Zd. arezura, übersetzt. Diess ist nämlich 
die traditionelle Erklärung des Wortes, das sich schon Vena. 3, 7. findet. 
Dem Zusammenhang nach kann es schwerlich etwas anderes als den 
Eingang zur Hölle bedeuten. Ob man sich denselben ursprünglich 
als ein Thor dachte, wie in Dante's Inferno, ist nicht klar. 



Hang: Das Ärdäi Viräf nämeh. 349 

da die 'Himmelfahrt des Jesaja* keine solche Hölle mit ent- 
sprechenden Strafen kennt. 

Das erste Verbrechen, dessen Bestrafung Wiräf sieht, 
ist Päderastie. Der Sünder dieser Classe hat die Gestalt 
einer Schlange, und Schlangen kommen aus seinem Munde 
und dem übrigen Körper. Nun kommt eine Frau, die tassen- 
weise Unrath verschlucken muss, weil sie während ihrer Men- 
struation sich dem Wasser und Feuer genaht hatte, was bei 
den Parsis auch jetzt noch streng verboten ist. Einem Mann, 
der einen 'Frommen' ^^) ermordet hat, wird die Haut von 
dem Kopfe geschunden ^^). Einem Mann , der Umgang mit 
einer menstruirenden Frau hatte (ein dasMän-marn) wird 
Menstruationsblut in den Mund gegossen; er kocht die eigenen 
Kinder und isst sie. Ein Mann, der seine Mahlzeiten ohne 
Tischgebet genommen hatte, wird damit gestraft, dass er 
sich die Haare und den Bart ausrauft. Blut verschluckt, und 
was erbrochen wird , wieder in seinen Mund nimmt. Eine 
Frau, die Hurerei getrieben, wird damit gestraft, dass sie 
mit der Brust abwärts hängt, und Khai'fastars sie zernagen. 
Den Männern und Frauen , die barfuss gegangen sind , und 
stehend den Urin gelassen hatten ^^), kriechen Kharfastars 
aus den Füssen und der Mitte des Leibes hervor. Eine 
ihrem Manne ungehorsame Frau wird mit ausgestreckter 
Zunge aufgehängt. Ein Mann, der falsches Maass und Ge- 
wicht hielt, und seine Waare beim \'erkauf verfälschte, muss 
Staub und Erde essen, die ihm vorgemessen werden. Ein 
Tyrann wird mit einer Schlangeupeitsche gezüchtigt. Ein 



27) Einen asJiava. Diess ist der Name, den sich die Zoroastrier 
im Gegensatz zu den Andersgläubigen beilegen, vrelche in den Gäthas 
dregvardö, in den andern Schriften dnahto, inPärsi darvand heissen. 

28) Diess ist eine Strafe, die auch im Zend-awesta erwähnt wird. 

29) Diess ist streng verboten. Siehe meine Abhandlung: Der 
18. Fagard des Wendidad, S. 11. 12. 

(1870. 1. 3.J 23 



350 Sitzung der pMos.-philöl. Classe vom 5. März 1870. 

Geizhals, der viel Reichthum aufgehäuft, aber selbst nichts 
gegessen und auch andern nichts gegeben hatte, wird von 
eintausend Dews (Teufeln) geschlagen und sein Haupt zu den 
Füssen herabgezwängt. Ein Aschmogh (d. h. ein Apostat von 
der zoroastrischen Religion) hat das Haupt eines Menschen 
und einen Schlangenleib. Ein Mann, der den Arbeitern ihren 
Lohn nicht bezahlt hat, muss Menschenfleisch essen. Ein 
Mann, der gelogen und nutzlose Dinge geredet hatte, wird 
damit bestraft, dass ihm ein Berg über den Rücken gezogen 
wird, so dass das Eis und der Schnee dieses Berges auf 
seinem Rücken bleiben. Ein Mann, der öfter öffentliche Bäder 
besucht hatte, in denen das Wasser verunreinigt war, muss 
ünrath essen, und wird von den Teufeln mit Steinen ge- 
schlagen. Ein Mann, der seinen Reichthum nicht auf ehr- 
liche Weise, sondern durch Diebstahl und Unehrlichkeit er- 
warb, hält Menschenschädel in der Hand und verzehrt das Hirn. 
Diese und andere Sünden , wie Vertragsbruch , Ver- 
leumdung, Sectirerei u. s. w. werden in der Hölle bestraft. 
Nun kommt aber mitten in der Beschreibung dieser Strafen 
die der untersten Hölle. Wiräf geht wieder unter die Brücke, 
um in die unterste Hölle zu kommen. Er hört das Geschrei 
des Ahriman , der Dews und der verdammten Seelen. Er 
wird wieder von Serosch und Adar Ized geführt. Er 
sagt: *ich fürchtete mich; Serosch und Adar gingen mir 
voran ; nun sah ich die Hölle in ihrer ganzen Fürchterlich- 
keit; das Geschrei war grässlich; ich bat Serosch und Adar 
mich nicht an diesen Ort zu führen ; sie sagten , ich solle 
mich nicht fürchten; sie gingen voran und ich folgte; ich 
kam nnn ganz hinunter in die Tiefe der Hölle und sah sie 
voll schrecklicher Dinge, und Jammer; sie ist ganz finster 
und wie ein Brunnen, tiefer als eintausend Klafter, und wenn 
alles Holz der Welt in der übelriechenden Finsterniss der 
Hölle angezündet würde, so würde nie ein Wohlgoruch hinein 
kommen. Es sind viele Seelen da , aber keine sieht die 



Hang: Bas Aräai Virdf nämeh. 351 

andere; auch wird die Stimme von niemand gehört; so denkt 
jeder: ich bin allein'. 

Nun folgen weitere Beschreibungen von Strafen für 
verschiedene Sünden. Zuerst kommen die sogenannten 
margersän d. i. die Todeswürdigen, welcher Ausdruck die 
schwersten Sünder nach den Anschauungen der zoroastrischen 
Religion in sich fasst. Es sind solche, die das Ate seh 
Behram^°) ausgelöscht, Brücken zerstört, gelogen und Mein- 
eide geschworen hatten. Sie haben Schnee, Eis, Kälte, Hitze, 
brennendes Feuer, Steinwürfe u. s. w. zu erdulden. Die 
Gottesveräcliter werden von Schlangen gebissen. Frauen, 
die viel über Todte geweint, wird der Kopf abgeschnitten 
und ihre Zunge schreit immer fort. Eine Frau die ihrem 
Kinde nicht zu rechter Zeit Milch gegeben, kratzt sich Haut 
und Fleisch ab und isst sie. Ein Mann, der mit verheirathe- 
ten Frauen Unzucht trieb , wird in einem Kessel gekocht ; 
sein rechter Fnss aber ist ausserhalb desselben; er hatte 
zwar mit seinem ganzen Körper gesündigt, wofür er gesotten 
wird, dagegen hatte er mit seinem rechten Fuss Schlangen, 
Ameisen und andere Kharfastars geschlagen, getödtet und 
vernichtet, wofür er belohnt wird. Eine coquette Frau, die 
sich mehr um Putz als ihren Mann bekümmert und sich an- 
deren Männern preisgegeben hatte, wird mit einem eisernen 
Kamm auf der Brust gekämmt. Den Huren werden hölzerne 
Pflöcke in beide Augen geschlagen, Scorpione, Schlangen, 
Ameisen, Fliegen, Würmer und andere Kharfastars kommen 
ilmen aus dem Munde, der Nase, After u. s. w. Einem 
ungerechten Richter wird die Zunge ausgeschnitten, und der- 
selbe an einem Fusse aufgehängt. Eine Frau, die ihrem 



30) Diess ist das heiligste aller Feuer und wird nur durch 
Sammlung und Weihung von 1001 verschiedenen Feuern erhalten. 
Es repräsentirt die Quintessenz der Natur. 

23* 



352 Sitzung der phüos.-philöl. Classe vom 5. Mars 1870. 

Kinde nicht die gehörige Milch gab, sondern für Geld die 
Kinder anderer Frauen säugte wird die Brust in einer Pfanne 
gebraten, die immer von einer Seite zur andern gedreht 
wird. Einem Manne, der Saatkörner genommen unter dem 
Vorwande sie zu säen, sie aber nicht säete sondern ass, 
und so die Spendermat d. i. die Erde beraubte, wird die 
Zunge zerschnitten, er wird an den Haaren gezogen u. s. w. 
Empörern und Aufruhrern gegen den König wird ein höl- 
zerner Pflock durch die Zunge geschlagen; er hängt mit 
dem Kopf abwärts und die Teufel zerreissen ihm den Körper 
mit einem Kamme. 

Es sind ausser den erwähnten noch Bestrafungen ver- 
schiedener anderer Verbrechen genannt, die ich hier über- 
gehe, da sich Beispiele genug von den Martern der Wiräf'schen 
Hölle gegeben habe. Ganz unten im Höllengrunde sieht 
Wiräf den Teufel, Ahriman. Er verhöhnt die Sünder und 
ruft ihnen stets zu : Warum habt ihr das Brod des Ormuzd 
gegessen, aber mein Werk gethan, an euren Schöpfer nicht 
gedacht, sondern meine Wünsche ausgeführt? 

W'iräf wird nun von Serosch und Adar wieder bei der 
Hand genommen und zu dem asar rohsnik d. i. anfangs- 
lose Lichter, und der Versammlung des Ormuzd und der 
Amschaschpand zurückgeführt. Er verehrt Ormuzd; dieser 
sagt zu ihm : 'Geh nun als Bote zu den Mazdajasniern (Or- 
muzdverehrern) in die ii'dische Welt und sage ihuen genau 
was du gesehen und erfahren hast; denn ich, der ich Ormuzd 
bin, weiss alles, was ihr richtig und wahr sprechet. Sage 
den Weisen, dass dir Ormuzd also gesagt hat! Ich blieb 
ganz erstaunt, denn ich sah wohl ein Licht, aber einen 
Körper sah ich nicht ; ich hörte eine Stimme ; ich wusste, 
dass es Ormuzd ist. Dann sprach Ormuzd, der vollkom- 
menste unter den himmlischen Geistern : sage, o Ardäi Wiräf, 
der Welt der Mazdajasnier : es gibt nur einen Weg der Wahr- 



Hang: Das Ärdäi Viräf nämeh. 353 

heit, diess ist der Weg der 'Altgläubigen'^^); alle andern 
Wege sind keine (rechten) Wege; diesen Weg haltet 
für die Wahrheit; wendet euch auf keinen andern Weg; 
seid gut in Gedanken, Worten und Thaten ; bleibet bei dem 
Glauben, den Sapetuian Zertoscht von mir erhalten, 
und Wischtäsp in der Welt eingeführt hat; haltet euch 
an die Tugend, und enthaltet euch des Lasters. Und dieses 
sollt ihr wissen, dass ihr Staub seid, dass der Ochse Staub 
ist, und das Pferd Staub ist, und Gold und Silber Staub sind ; 
dass nur der Körper derjenigen Menschen sich nicht mit 
Staub vermischt, der in der Welt die Wahrheit bekannt und 
gute Thaten vollbracht hat. Sei du selbst glücklich , Ardäi 
Wiraf! Ich kenne alle eure Reinheit und Reinigungen, die 
ihr vollzieht'! Als Wiräf diese Worte vernommen hatte, ver- 
beugte er sich vor Ormuzd, dem Schöpfer ; hiernach verschwand 
Serosch und Wiraf befand sich wieder auf seinem Sitze. 
Mit den Worten : 'möge der Glanz der mazdajasnischen 
Religion siegreich sein!' schliesst das Buch. 

Vergleichen wir nun den Inhalt des Pope'schen ^rf?oi Viraf 
mit dem Original, dessen Inhalt hier in ziemlicher Ausführlich- 
keit mit keinen für die Hauptpunkte der Vergleichung irgendwie 
wesentlichen Auslassungen angegeben ist, so stellt sich sofort ein 
ziemlich bedeutender Unterschied heraus. Vor allem weichen 
der Anfang und das Ende in beiden Büchern sehr bedeutend ab. 
Nach der Pupe'schen Version beruft ArdeschirBäbegän ein Concil 
von 400.000 Feuerpriestern, die in immer enger werdenden 
Scrutinien stark reduzirt werden , bis schliesshch nur einer 
übrig bleibt, der die Entscheidung zu geben hat. Das Ori- 
ginal weiss nichts von Ardeschir Bäbegän und seiner Berufung 
des Concils ; überhaupt ist nicht einmal ein König erwähnt. 



31) So übersetzte ich paoiryo-dkaesha, bekanntlich ein Name der 
Zoroastrier. Er bezeichnet dieselben im Gegensatze zu spätem Reli- 
gionen, wie dem Buddhismus. 



354 Sitzung der philos.-phüöl. Classe vom 5. Mars 1870. 

ebensowenig ist die Zahl der zum Concil versammelten 
Priester und Gläubigen angegeben. Es ist nur gesagt, dass 
zur Herstellung der Reinheit des zoroastrischen Glaubens ein 
Concil in einen Feuertempel berufen worden sei ; dass auf 
diesem der Beschluss gefasst worden sei, einen seiner 
Priester in die andere Welt zu schicken, um eine neue Offen- 
barung zu erhalten. Zu diesem unangenehmen Wagestück 
wollte sich keiner freiwillig entschliessen; einer musste durch's 
Loos bestimmt werden, und auch er unterzog sich nur 
ungern der Reise in die überirdischen Regionen. Diese wird 
durch den Genuss eines Narcotikums bewirkt. 

Diess mahnt ganz an das Schauianenthum, und wir 
begegnen hier einem Gebrauch bei den Zoroastriern, der 
sicherlich nicht altarisch, aber auch nicht semitisch ist, und 
der von den Turanieru entlehnt zu sein scheint. Alle diese 
Vorgänge sind in der Pope'schen üebersetzung theils falsch, 
theils verworren dargestellt, sodass man eigentlich gar nicht 
weiss, um was es sich handelt. 

Was nun die Visionen selbst anlangt, so finden sich im 
Original keine sieben Himmel erwähnt, wie bei Pope, sondern 
eigentlich nur vier, wie sie sich in allen traditionellen Schriften 
finden, nämlich die Sternen-, Mond- und Sonnensphäre, und 
das eigentliche Paradies, Gorotman genannt. Hamestän 
oder Hamestegän (s. oben) das bei Pope als erster Himmel 
gilt, ist gar keiner, da es den Zwischenzustand zwischen 
Himmel und Hölle bezeichnet. Das asar roslmik d. h. das an- 
fangslose Licht ist im Original als gar kein Himmel bezeichnet; 
es scheint nur ein Theil des Gorotman zu sein. — Der Schluss 
des Buches weicht im Original ebenfalls bedeutend von der Pope'- 
schen üebersetzung ab. Das Original weiss nichts davon, dass der 
König befohlen habe die Offenbarungen des Wiräf überall zu ver- 
breiten, und dass Adarbat Mahrespand sie später durch 
ein Wunder bekräftigt habe. Das Original setzt in der Ein- 
leitung das Wunder Mahrespands vor die Zeit Wiräfs. 



Hang : Das Arääi Viräf nämeh. 35 5 

Im Ganzen genommen ist das Original viel einfacher; 
dagegen enthält die Pope'sche Version viele rhetorische und 
poetische Ausschmückungen, namentlich in der Beschreibung 
des Paradieses, vfelche dem Originale fast ganz mangeln. Auch 
finden sich nicht die langen Gespräche, die Wiräf mit seinen 
Begleitern hat. Bei Pope sieht man überall deutlich moha- 
medanisclien Einfluss. Daher kann sein Werk auch für gar 
keine Wiedergabe des Originals gelten, und ist demnach völlig 
bedeutungslos für die Frage nach der Herkunft des Buches. 

Ehe ich zu der Himmelfahrt des Jesaja übergehe muss 
ich noch einige Bemerkungen über das wahrscheinliche Alter 
des Ardäi-Viräf-nämeh machen. Im Buche selbst finden 
sich keine bestimmten Anhaltspunkte über die Zeit, in der 
es verfasst wurde. Die einzige Notiz von einiger Bedeutung 
ist die Erwähnung von Adarbat Mahrespan d in der 
Einleitung. Er lebte nach der parsischen Tradition zur 
Zeit Schapurs II, also im 4. nachchristlichen Jahrhundert. 
Diese Tradition scheint richtig zu sein, da in einer Prokla- 
mation des Königs Khosru Parwiz^^) zur Zeit Schäpür's 
ein Adarbat lebte, der sich für bie Reinigung der zoro- 
astrischen Religion die grössten Verdienste erwarb. Mahres- 
pan d, nach der Sitte der parsischen Namengebung, der Name 
seines Vaters, ist zwar nicht genannt, aber da er der be- 
rühmteste Adarbat ist, und namentlich seine Verdienste 
um die zoroastrische Religion stets hervorgehoben werden, 
so kann über die Identität beider gar kein Zweifel herrschen. 
Nun Adarbat Mahrespand ist in der Einleitung als ein Vor- 
gänger Wiräf s genannt; letzterer hat also später gelebt. 
Da in der bereits erwähnten Proclamation des Khosru 
Parwiz die Nothwendigkeit hervorgehoben wird, dass man 
die himmlischen Geister fragen müsse, um die Religion 



32) Ich habe einen Theil davon im Anhang zu meinem Essay ort 
the Pahlavi language mitgetheilt. 



356 Sitzung der pMos.-pMlöl. Classe vom 5. März 1870. 

wieder herzustellen, und diess der Hauptzweck von Ardäi 
Wiräf s Sendung in die andere Welt ist, so hat die Annahme, 
dass er unter Khosru Parwiz, also im sechsten nachchrist- 
lichen Jahrkundert gelebt habe, einige Wahrscheinlichkeit 
für sich. Auf alle Fälle stammt das Original aus vormoha- 
medanischer Zeit. 

Gehen wir nun zu der sogenannten Himmelfahrt des 
Jesaja über , dem Apocryphon , das unter dem Namen 
dvaßarixdv '^Höaiov öfter von den Kirchenvätern erwähnt 
wird. Diese interessante Schrift war, wie es scheint, ur- 
sprüuglich griechisch abgefasst ; sie ist aber im griechischen 
Original nicht mehr ganz erhalten. Vollständig besitzen wir 
sie nur, wie so manche andere wichtige apokryphische Schrift 
(so z. B. das Buch Henoch , das Buch der Jubiläen) in 
äthi epischer üebersetzuug. Diese wurde von Dr. Eichard 
Laurence im Jahr 1819 zu Oxford mit einer wörtlich 
lateiuibchen und einer freien englischen üebersetzuug nebst 
werthvollen allgemeinen Bemerkungen über Alter und Her- 
kunft des Buches herausgegeben,^^) Dieses Werk bildet 
fast die einzige Quelle, aus der wir unsere Kenntuiss von 
der Himmelfahrt des Jesaja zu schöpfen haben. Es besteht 
aus elf Kapiteln, die in zwei gesonderte Theile zerfallen, 
a) Kapp. 1 — 5, b) 6 — 11. Es ist augenscheinlich von einem 
Judenchristen zur Zeit einer Christenverfolgung verfasst, da 
man überall die Noth und das Elend, in dem die Christen 
waren, herausmerkt. Laurence setzt seine Entstehung zwischen 
die Jahre 68 und 69 a. Chr., kurz nach Nero's Tode. Seine 
Annahme scheint richtig zu sein, da auf Nero ganz deutlich 
angespielt ist. Denn im 4. Kapitel ist von einem gottlosen 



33) 'Ergata 'Isäyeyäs nabiye. Ascensio Isaiae vatis opus- 
culum pseudepigraplium , multis abhinc seculis, ut videtur, deper- 
ditum, nunc autem apud Aethiopas compertum, et cum versione latina 
aiiglicanaque public! juris factum a Ricardo Laurence LL. D. 
etc. Oxonii 1819. 



Hang: Das Ärdäi Viräf nameh. 357 

Monarchen die Rede in dem sich der Satan, welcher hier 
ßerial (eine Verderbung von Belial) heisst, verkörpert hat; 
er ist der 'Mörder seiner Mutter'; seine Gewalt hat die 
Dauer von drei Jahren, sieben Monaten und siebenund- 
zwanzig Tagen; 332 werden noch bis zur Ankunft Christi 
gezählt. 

Der Verfasser will sich und seine Leidensgenosseu mit 
der Erwartung der baldigen Ankunft Christi trösten, der die 
Macht Berial's vernichten wird. Er knüpft an eine jüdische 
Sage an, die schon im Talmud sich findet, dass der Prophet 
Jesaja von Manasse zersägt worden sei; hier heisst es, 
dass diess mit einer 'hölzernen Säge' geschehen sei, welcher 
Umstand in den jüdischen Quellen, soweit sie bekannt sind, 
nicht vorkommt. 

Der Gedanke den Propheten zu ermorden , wurde dem 
Könige Manasse von Berial, der in seinem Herzen wohate, 
eingegeben; sein Rathgeber war Belkirah, eine Verkörperung 
des Samael, was ebenfalls ein Name des Teufels ist. Der 
Grund, dass der Teufel Manasse zu einer so bösen That 
veranlasste , sei Jesaja's Prophezeiung von der Ankunft des 
Sohnes Gottes im Fleische und der Zerstörung der Macht 
Berials durch ihn gewesen. Nachdem im Allgemeinen die 
Weissagungen Jesaja's über die beiden Erscheinungen Christi 
und die Verfolgungen der Christen mitgetheilt sind (Kapp. 1 — 5) 
kommt nun eine eingehende Beschreibung der Vision 
(Kapp. 6—11). 

Der visionäre Zustand tritt ein in Gegenwart des Königs 
Hiskia, der Fürsten von Israel, der königlichen Beamten und 
Räthe ; etwa dreissig Propheten und seine Söhne sind ebenfalls 
anwesend. Eine Pforte öffnet sich ; die Stimme des heiligen Geistes 
wird gehört (6, 6) ; alle Anwesenden fallen auf ihre Knie und ver- 
ehren ihn. Die Augen des Propheten bleiben offen, sein Mund 
schweigt ; er athmet, aber sieht die Männer nicht, die vor ihm 
stehen. Ein Engel des siebenten Himmels war geschickt, um ihm 



358 Sitzung der philos.-phüöl. Classe vom 5. März 1870. 

ein Gesicht zu zeigen. Jesaja theilt die Vision, die er hatte, 
dem Hiskia, seinem Sohne Joscheb und einigen Propheten 
mit; sie wurde aber geheim gehalten und nicht unter dem 
Volke verbreitet. 

Jesaja beschreibt die Glorie des Engels, der ihm als 
Führer erschien als grösser, wie die aller andern Engel, die er 
je gesehen. Der Engel ergriff ihn bei der Hand. Jesaja 
fragte ihn dann, wer er sei, wie er heisse, und wohin er 
ihn führen wolle. Der Engel sagte: wenn ich dich hinauf- 
geführt, und das Gesicht dir gezeigt habe, so wirst du wissen, 
wer ich bin und wesswegen ich geschickt wurde (7, 4). In 
seiner Auffahrt in die himmhschen Regionen gelangte er 
zuerst zum Firmament {mesnä = Hebr. J^''p'7). Hier sah 

er Samael und seine Mächte. Da war blutiger Kampf und 
Streit. Auf Jesaja's Frage, was das für ein Streit sei, ant- 
wortete sein Führer, dass es seit Anfang der Welt so ge- 
wesen, und nicht eher aufhören werde, bis Mer kommt, den 
du sehen wirst', nämlich Christus. Hierauf Hess der Engel 
den Propheten über das Firmament hinauf in den ersten 
Himmel steigen. Hier sah er einen Thron und rechts und 
links davon Engel. Die Engel auf der rechten Hand waren 
viel glänzender als die auf der linken. Sie priesen alle 
Gott mit lauter Stimme; aber die Stimme derer, die auf 
der linken Seite standen, war nicht so schön, wie die der 
auf der rechten Stehenden, noch ihr Glanz so stark. 

Der Prophet wurde dann vom ersten in den zweiten 
Himmel geführt; auch hier waren Engel zur Rechten und 
Linken; der welcher auf dem Throne sass, war glänzender, 
als alle andern. Jesaja wollte den, der auf dem Throne 
sass, anbeten ; aber der ihn begleitende Engel wehrte ihm 
diess zu thun. Von da wui'de er in den dritten, vierten und 
fünften Himmel, von denen der folgende stets über dem vor- 
hergehenden lag, geführt. In allen war ein Thron in der 
Mitte, und ebenfalls Engel zur rechten und linken Seite des- 



Haug: Das Arääi Viräf nämeh. 359 

Beiben, nur war der Glanz jedes folgenden Himmels grösser 
als der des vorhergehenden. 

Vom fünften Himmel gelangte der Prophet in den 
Aether {ayar) des sechsten Himmels und dann in den sechsten 
Himmel selbst. Hier war grosser Glanz, und die Engel in 
grosser Glorie; da war kein Thron und keine linke Seite; 
alles war verknüpft mit dem siebenton Himmel. Der Engel, 
der ihn begleitete, theilt ihm die Erscheinung Christi mit. 
Die Engel lobten die Dreieinigkeit. 

Der Prophet wurde nun in den siebenten Himmel, 
welches der höchste von allen ist, geführt. Als er in dem 
Aether desselben angekommen war, hörte er eine Stimme, 
die ihm den Eintritt verwehren wollte. Da erklang aber 
eine andere, die ihm den Eingang gestattete, weil 'sein 
Gewand' dort sei, er also wie ein zukünftiger Bewohner des 
Himmels zu betrachten sei. Sein Begleiter sagte ihm, dass 
der, welcher ihm die Erlaubniss gegeben in den siebenten 
Himmel zu steigen, der Herr Christus sei, der in der Welt 
'Jesus* heissen werde. Hier war unermesslicher Lichtglanz 
und viele Engel von Adam an, Abel, Henoch und andere 
Heiligen, Sie sassen auf keinen Thronen , noch hatten sie 
Kronen auf; sie hatten aber himmlische Kleidung. Auf die 
Frage Jesaja's, warum die Engel zwar ihre Gewänder an- 
hätten , aber nicht Kronen trügen , und auf keinen Thronen 
Bässen, antwortete der Engel, dass sie die Kronen und Throne 
noch nicht angewiesen erhalten hätten; diess würde erst 
geschehen, wenn 'der Geliebte* Fleisch geworden. 

Jetzt folgt die Weissagung von Christi Menschwerdung. 
Er, der Sohn Gottes, werde Menschengestalt annehmen. Die 
Menschen werden Hand an ihn legen, und ihn an einen 
Baum aufhängen, die Menschen werden nicht wissen wer er 
sei! Auch die Himmel wüssten es nicht. Nun folgt die 
Prophezeiung von seiner Auferstehung, nach welcher er noch 
545 Tage in der Welt sein werde; nach Verfluss derselben 



360 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 5. März 1870. ■ 

werde er zum Himmel aufsteigen, gefolgt von vielen Heiligen. 
Dann erst würden die Kronen und Throne ausgetheilt werden. 
Hier im siebenten Himmel sei alles bekannt, was auf der 
Erde geschehe. Nun wurden dem Propheten von einem sehr 
glänzenden Engel Bücher gezeigt. Jesaja las sie; die Thaten 
der Israeliten waren darin verzeichnet. Er sah dass dort 
viele Gewänder, Kronen und Throne reservirt waren. Auf 
seine Frage nach den Eigenthümern derselben erhielt er zur 
Antwort , dass sie vielen in der Welt gehören , die ihren 
Glauben von Christus empfangen würden. Unter den vielen 
Engeln, die der Propliet hier sah, erblickte er einen, der 
an Glorie alle andern übertraf, und vor dem sicli alle Engel 
und Heiligen verbeugten , darunter Adam. Abel, Seth. Der 
Engel sagte ihm, dass diess der Herr aller Glorie sei, die 
er gesehen habe. Er sah darauf den Engel des heiligen 
Geistes, den die Engel ebenfalls anbeteten. Darauf strahlte 
ihm ein solcher Lichtglanz entgegen, dass er nicht mehr 
sehen konnte; auch die Engel konnten nur mit grosser An- 
strengung sehen. Der Herr und der Engel des heiligen 
Geistes kamen zu Jesaja und sagten ihm : Siehe, Dir ist ge- 
stattet, Gott zu sehen. Beide, Christus und der heilige Geist 
beteten Gott an. Nun hörte Jesaja die Worte, die Gott 
zu Christus sprach: 'Geh durch alle Himmel hinab, zum 
Firmament, in die Hölle ; nimm die Gestalt aller derer an, 
die in den fünf Himmeln sind, auch die der Engel des 
Firmaments; sie sollen nicht wissen, dass du der Herr der 
sieben Himmel bist; du sollst den sechsten Himmel ver- 
grössern, und alle Fürstenthümer vernichten und herrschen; 
mit Glanz sollst du aber aufsteigen'. Nun sah Jesaja, wie 
Christus vom siebenten in den sechsten Himmel und schliesslich 
auf die Erde herabstieg. Auch sah er die Jungfrau Maria, wie ji 
sie dem Joseph angetraut wurde. 

Nun kommt ein kurzer Abriss der Geschichte Christi 
nach den Evangehen, alles in das Gewand einer Vision ge- 



Saug: Das Ardäi Viräf nämeh. 361 

kleidet. Jesaja sah sogar, wie Christus wieder in den Himmel 
auffuhr und seineu Sitz zur Rechten Gottes einnahm. 

Diess ist der wesentliche Inhalt des zweiten Theils der 
'Himmelfahrt des Jesaja', der hier allein in Betracht kommt. 
Ich habe namentlich diejenigen Punkte mit Ausführlichkeit 
wiedergegeben , die bei einer Vcrgleichung mit dem Ardäi 
Wiräf nämeh in Betracht kommen könnten. Wie jeder Leser 
leicht sehen wird, dürfte es schwer sein, zwischen beiden 
Werken irgend welche speziellen Berührungspunkte zu finden, 
wie sie nothweudig vorhanden sein müssen , wenn man das 
eine von dem andern ableiten will. Das Einzige, was beiden 
gemeinsam ist, das ist der Umstand, dass beide, Jesaja und 
Wiiäf, die himmlischen Regionen durchwanderten, deren Glanz 
sich gradweise steigert. Nach der 'Himmelfahrt des Jesaja' 
liegen die Himmel übereinander; man muss in sie hinauf- 
steigen. Im Original des Wiräf nämeh ist nichts darüber 
angegeben, ob die Himmel nebeneinander oder übereinander 
hegen. Die Zahl der Himmel ist in beiden Werken ver- 
schieden; die 'Himmelfahrt* hat sieben, das Original des 
Wiräf dagegen nur vier. Die Pope'sche Version hat zwar 
sieben, was von einer spätem in mohamedanischer Zeit er- 
folgten Bearbeitung des Werks herrührt, in der sich spätere 
Anschauungen geltend machten, die aber für die Herkunft 
des Originals keine Beweiskraft haben können. Das Wiräf 
nämeh weiss auch nichts von Herrschern über die einzelnen 
Himmel, noch von Engeln, die auf der rechten und linken 
Seite des Thrones stehen, was ein charakteristisches Merkmal 
der Jesajanischen Himmel ist. Das Wiräfbuch hat eine 
Höllenfahrt, während eine solche in der 'Himmelfahrt Je- 
saja's' gar nicht vorkommt. Jesaja sieht nur am Firmament 
die teuflischen Mächte mit einander kämpfen ; aber von einer 
Bestrafung für die einzelnen auf der Erde begangenen Sünden 
und Verbrechen, wie sie im Wiräfbuche enthalten ist, ist 
nirgends etwas zu finden. Die religiösen Anschauungen in 



362 Sitzung der philos.-philol. Glosse vom 5. März 1870. 

beiden Büchern sind ganz verschieden ; das Wiräfbuch be- 
wegt sich in zoroastrischeu Ideen, während die 'Himmelfahrt* 
nur spezifisch cliristliche Anschauungen enthält. Hätte eine 
Entlehnung des Wiräfbuches von der 'Himmelfahrt' statt- 
gefunden, so müssten wir darin sicherlich einige Anspielungen 
auf das Christenthum finden; es ist aber nirgends auch nur 
die leiseste Spur vorhanden. 

Wir dürfen es desswegen getrost als eine unumstössliche 
Thatsache aussprechen, dass das Wiräfbuch ganz unaljhängig 
von christlichen Einflüssen ist, uud dass Spiegel's gegen- 
theilige Ansicht aller und jeder Begründung entbehrt, die 
sich nur aus dem Umstände erklären lässt, dass er das 
Original des Wiräfbuches nicht einmal gelesen hatte , und 
auch der Lektüre der 'Himmelfahrt' nur geringe Aufmerk- 
samkeit geschenkt zu haben scheint. 

Ebensowenig hat das Buch eine nähere Verwandtschaft 
mit andern Visionenbüchern des jüdischen uud christlichen 
Alterthums, aus denen man es zwar noch nicht abgeleitet 
hat, aber bei der grossen Oberflächlichkeit, mit welcher 
derartige Fragen in der gegenwärtig so schreibseHgen 
Zeit behandelt werden , leicht ableiten könnte. Ich nenne 
hier die 'Geschichte von Rabbi Josua ben Lewi* 
(^1^ ]D yi^in^ 'D"l nifyo ^*). Diess ist die Schilderung einer 
Reise des Rabbi Josua ben Lewi (aus dem 3. Jahrb. n. Chr.) 
durch Himmel und Hölle. Die Beschreibung des Paradieses 
ist in mehreren Recensionen vorhanden , die Abweichungen 
zeigen. Die vollständigere llecension begreift auch die Höllen- 
fahrt in sich. Der Inhalt ist kurz folgender. Als Rabbi 
Josua ben Lewi von dieser Erde in das Jenseits abberufen 
werden sollte, gab Gott dem Engel des Todes den Auftrag, 



34) Siehe A. Jellinek, B et- hamidrasch, II pag. XVIII— XXI, 
(Einleitung), und 48 — 53 (hebräischer Text). 



Hang: Bas Ardäi Viräf ndmeh. ,363 

zu dem Rabbi zu gehen, und ihn nach seinen Wünschen zu 
fragen. Der Rabbi verlangte von dem Engel , dass er ihm 
noch ehe er sterbe, seinen künftigen Wohnort im 'Garten 
Eden* zeigen solle. Der Engel willfahrte seinem Wunsche. 
Da der Rabbi durch das Schwert, welches der Todesengel 
trug, erschreckt wurdi-, so bat er, es ihm einstweilen zu 
geben, was der Engel auch that. Als sie bei den Mauern 
des Gartens von Eden angekommen waren , stellte er ihn 
auf die Mauer und sagte zu ihm : sieh deinen Ort im Garten 
Eden. Der Rabbi fiel von der Mauer in den Garten. Der 
Engel des Todes fasste ihn an einem Flügel seines Gewandes, 
und sagte ihm, er solle weggehen. Aber der Rabbi weigerte 
sich dieser Aufforderung zu gehorchen und bekräftigte diese 
Weigerung mit einem Schwüre. Die diensttliuenden Engel 
zeigten dieses unberufene Eindringen des Rabbi Gott an, der 
ihm wegen seines Schwures zu bleiben erlaubte. Der Engel 
des Todes verlangte sein Schwert zurück, das ihm der Rabbi 
unter gewissen Bedingungen zurückgab. Der Rabbi wird 
endlich von einem andern Rabbi, Gamaliel, dem der Todes- 
engel seine Begegnisse mit Josua ben Lewi gemeldet hatte, 
ausgeschickt, um nachzuforschen, ob im Garten Eden auch 
Heiden, und in Gehinnom auch Israeliten seien. Nun durch- 
wanderte der Rabbi Himmel und Hölle. Er durchsuchte 
die sieben Häuser des Gartens Eden, die dann mit ihren 
Insassen beschrieben sind. Im ersten Hause waren die 
Fremdlinge ( Cl^) , die unter den Israeliten als Gäste und 
Beisassen gewohnt hatten. — Das zweite Haus war von 
Silber, und die Wunde von Cedernholz; hier waren die- 
jenigen Israeliten , die sich gebessert und ihre Sünden be- 
reut hatten (riDlUTl ^bv^)] auch Manasse war darunter. — 
Im dritten Hause, das von Silber und Gold gebaut war, 
waren Abraham , Isaak und Jakob und alle Israeliten , die 
aus Aegypten gezogen und die, welche in der Wüste auf- 
gewachsen waren, sowie alle Prinzen ausser Absalom ; femer 



364 Sitzung der philos.'philol. Classe vom 5. März 1870. 

waren da: David, Salomo, die Könige Juda's, ausser Manasse; 
ferner Moses und Aharon. Auch waren dort verschiedene 
goldene und silberne Gefässe, Spezereien, Edelsteine, Stäbe, 
Throne, Leuchter u. s. w. — Im vierten Hause waren die 
vollendeten Gerechten und Treuen, — Im fünften Hause, 
das auf das kostbarste ausgestattet ist (mit Stoffen, wie sie 
in der Stiftshütte waren) , wo die Purpurdecken von Eva's 
Hand und die Ziegenfelldecken von den Händen der Engel 
zubereitet sind, wohnte der Messias; er ruhte auf einein 
Bette, dessen Stangen von Cedernholz waren. Bei ihm ist 
Zerubabel. Mose, Aharon, David, Salomo u. s. w. besuchen 
ihn an mehreren Tagen in der Woche, und sprechen von 
dem nahen Ende. Der Rabbi Josua näherte sich ihm eben- 
falls. Der Messias fragte ihn: was niachen die Israeliten in 
der Welt, aus der du gekommen bist? Er gab ihm zur 
Antwort: sie erwarten dich jeden Tag; da fing der Messias 
zu weinen an. — Im sechsten Hause wohnen die, welcije 
wegen des Gesetzes gestorben sind (also die Märtyrer). — 
Im siebenten Hause sind die, welche an Krankheiten in 
Folge der Bedrückungen der Israeliten gestorben sind. 

Nun folgt eine kurze Höllenfahrt. Hier sind ebenfalls 
verschiedene Häuser, in denen die Verdammten wohnen. 
Sie werden mit Feuer gebrannt. Unter ihnen ist Absalom, 
der rebellische Sohn Davids. 

Jeder Leser sieht leicht, dass der Inhalt auch dieses 
Buchs so verschieden von dem des Wiräf nämeh ist, dass 
an eine etwaige Herleitung des letzteren von dem erstem 
nicht im entferntesten gedacht werden kann. Ebensowenig 
lässt sich eine nähere Verwandtschalt mit der 'Himmel- und 
Höllenfahrt des Moses' '^) und der ganz späten 'Apokalypse 
des Esra' ^^) nachweisen. Dagegen finden sich einige un- 
zweifelhafte Berührungspunkte mit Dante's Divina Commedia, 
die indess nur zufällig sind, da nicht anzunehmen ist, dass 
Dante das Wiräf nämeh gekannt hat. 



35) S. Jellinek a. a. 0., IL, pag. XIX — XX. 

36) Äpocalypses apocryphae ed. Tischendorf, S. 24— 33. 



Sitzung der phüos.-phüol Classe vom 5. März 1870. 365 

Herr Hofiuann legt vor: 

a) ein von ihm aus einer Handschrift des hiesigen Reichs- 
archivs abgeschriebenes althochdeutsches Bruchstück 
des Notker Teutonicus de octo tonis, aus dem 
sich wesentliche Verbesserungen des Abdrucks bei 
Hattemer ergeben ; 

b) eine Abschrift des Spruchgedichts von Hans 
Schneider über den im Jahre 1478 hingerichteten 
Bürgermeister Ulrich Schwarz von Augsburg aus 
dem Cod. germanicus 379 der hiesigen Staats- 
bibliothek. 

Beide Abhandlungen erscheinen sjDäter. 



Historische Classe. 

Sitzung vom 5. März 1370. 



Herr Cornelius hielt einen Vortrag (als Ergänzung 
zu einer früheren Abhandlung) 

,,üeber den Plan Heinrich's IV. gegen das Haus 
Habsburg, insbesondere über die Ergebnisse 
der diplomatischen Verhandlungen, welche 
Heinrich zum Zweck seines Angriffs auf 
Spanien geführt hat 1609 — 1610." 



Herr v. Hefner-Alteneck theilte einen künstlerisch 
ausgestatteten Panegyrikus des Palonius Marcellus auf 
Kaiser Max I. als Retter Italiens mit. 



[1870. 1. 3.] 24 



366 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1870. 



Oeffentlicbe Sitzung der k. Akademie der Wissen- 
schaften 

zur Erinnerung des 111. Stiftungstages 
am 28. März 1870. 



Nach den einleitenden Worten des Vorstandes, Herrn 
Geheimen Raths Baron von Liebig, widmeten die Herren 
Classensekretiire den im letzten Jahre , beziehungsweise (in 
der I. und HI. Classe), auch den im Jahre 1868 verstorbenen 
Mitgliedern folgende Denkreden : 



a) Der Sekretär der philos.-philoi. Classe Herr Karl 
Halm: 

Gnstav Friedrich Waagen 

wurde zu Hamburg am 11. Februar 1794 geboren, wo sein 
Vater, ein Alaler, sich als Zeichnenlehrer niedergelassen hatte. 
Da sich dieser später nach Schlesien zurückzog, erhielt der 
junge Waagen seine Schulbildung auf dem Gymnasium zu 
Hirschfeld und hatte eben seine üniversitätsstudien zu Breslau 
begonnen, als er durch die Theilnahme an den Befreiungs- 
kriegen in den Jahren 1813 und 14 dieser friedlichen Be- 
schäftigung auf längere Zeit entzogen wurde. Der Aufenthalt 



nälm: Nekrolog auf Gustav Friedrich Waagen. 367 

in Paris , wo die aus aller Herren Länder zusammenge- 
schleppten Kunstschätze noch vereinigt waren . wurde für 
Waagens künftigen Lebensgaug von bestimmendem Einflüsse; 
denn er reifte in ilim den Entschluss, das Studium der Kunst 
und ihrer Geschichte zur Hauptaufgabe seines Lebens zu 
machen. Schon in früher Jugend im väterlichen Hause 
fleissig im Zeichnen geübt und in Kunstbetrachtung einge- 
weiht, hatte er bereits als Jüngling sich so tüchtige Kuust- 
kenntnisse erworben, dass er seinen Kriegskameraden in dem 
Musee Napoleon als kundiger Führer dienen konnte, Nacli 
dem Feldzuge nach Breslau zurückgekehrt betrieb er bis 
1818 allgemeine Studien, besonders historische und philo- 
logische, und brachte hierauf mehrere Jahre im südlichen 
und westlichen Deutschland zu. hauptsächlich mit eingehenden 
Studien über die altdeutsche Mal-^rei beschäftigt. Als Schrift- 
steller machte er sich zuerst durch eine Abhandlung über 
die Mumien in den Sammlungen d^r hiesigen Akademie 
(1822) bekannt, welche Arbeit ihm die Ernennung zum 
correspondierenden Mitglied der Akademie einbrachte. Zwei 
Jahre darauf folgte sein schönes Buch über Hubert und 
Jan von Ejck (Breslau 1822), das ganz neue Gesichtspunkte 
für das Verständniss der altdeutschen Kunst und in Be- 
handlung eines kunstgeschichtlichen Stoffes eröffnete. Trotz 
vielfacher Mängel, die Waagen selbst später am besten er- 
kannte, erregte das Werk grosses Aufsehen und hatte füi 
den Verfasser auch den erfreulichen Erfolg, dass es ihm 
eine sichere Lebensstellung anbahnte. Er erhielt ein Jahr 
nach seinem Erscheinen einen Ruf nach Berlin, um bei der 
Einrichtung des neuen Museums verwendet zu werden ; 
schon im Jahre 1830 wurde er zum Director der Eildcr- 
gallerie des neuen Museums, später (1844) auch zum Pro- 
fessor an der Universität für Kunstgeschichte ernannt. 

Neben der amtlichen Thätigkeit wurden die kunst- 
geschichtlichen Studien rastlos fortgesetzt und zu diesem 

24* 



368 OeffenÜiche Sitzung vom 28. März 1870. 

Behufe, nachdem Waagen schon früher eine Kunstreise durch 
Italien mit Schinkel gemacht hatte, Deutschland, Frankreich, 
die Niederlande und besonders England nach allen Richt- 
ungen durchreist und die Ergebnisse der reichen Anschau- 
ungen in einer Reihe von Werken veröffentlicht, von denen 
wir nur das an neuen Aufschlüssen reichhaltigste ,,The Trea- 
sures of Art in Great-Britain" (London 1B54 — 57 in 4 B.) 
und das Handbuch der deutschen und niederländischen Maler- 
schulen (Stuttg. 1862) hervorheben. Im J. 1861 begab sich 
Waagen auf Einladung des Kaisers von Russland nach St, Peters- 
burg, um bei der Einrichtung der Gallerie der Eremitage mit 
seiner reichen Erfahrung mitzuwirken ; eine zweite Reise 
dahin vollendete die Beschreibung der kostbaren Sammlung. 
So fehlte wenig, dass Waagen nicht alle Kunstsammlungen 
von Europa kennen gelernt und durchforscht hatte. Eine 
Lücke wurde noch im Herbst des Jahres 1866 durch eine 
Kunstreise durch Spanien ausgefüllt; das letzte Ziel jedoch, 
auch die Gallerien von Kopenhagen und Stockholm noch kennen 
zu lernen, blieb unerreicht. Der rastlose Kunstforscher starb 
so eigentUch auf dem Schlachtfelde. Er war kaum in Kopen- 
hagen angelangt, als er in Folge einer Erkältung erkrankte 
und nach wenigen Tagen am 15. Juli 1868 verschied. 

Als Kunstschriftsteller gilt Waagen anerkanntermassen 
als einer der ersten Begründer der neuen, auf kritischer 
Grundlage sich bildenden Kunstwissenschaft und hat in mehr- 
facher lieziehung bedeutenderes als irgend einer seiner Vor- 
gänger geleistet. Nur wenigen Kunstkennern und Forschern 
ist es vergönnt gewesen eine so grosse Anzahl von Samm- 
lungen zu schauen und zu studieren ; aber keiner hat es unter- 
nommen, so zahlreiche Reiseberichte und wissenschaftliche 
Beschreibungen von Sammlungen zu veröffentlichen. Durch 
diese höchst erspriessliche Thätigkeit hat Waagen die all- 
gemeine Kenntniss der überlieferten Kunstschätze ganz un- 
gemein erweitert und dem gelehrten Kenner das reichste 



Hofmann: Nekrolog auf Franz Pfeiffer. 369 

Material für kunstgeschichtliclie Forscliungeu unterbreitet. 
Er war auch der erste in Deutschland , der nach eigener 
Anschauung die kleineren Meister, insbesondere die hollän- 
dischen studiert und ihre Charaktere ncäher bestimmt hat. 
Dazu war die Untersuchung ihrer hinterlassenen, aber an 
den verschiedensten Orten zerstreuten Werke wesentliche 
Bedingung. Das hat Waagen zu einer Zeit, wo bei uns die 
neuere Kunst nach ihren Denkmälern noch wenig erforscht 
wurde, erkannt und unablässig geübt. Da er ferner durch 
die in so ausgedehnter Weise geübte Autopsie sich das 
feinste Gefühl für die Erkentniss der einzelnen Stile er- 
warb, hatte er, unterstützt von einem sehr treuen Gedächtniss, 
sich in die Eigenthümlichkeiten von Kunstepochen, Schulen 
und einzelnen Künstlern so hineiiigelebt, dass er als Kunst- 
kritiker zu einer der ersten Auctoritäten wurde. Sein scharfes 
und sicheres Urtheil führte in der Nomenclatur so mancher 
Gallerie eine förmliche Revolution herbei, wobei nicht wenige 
Scheingrössen ihr Leben einbüssten, und wenn er auch bei 
eigenen Bestimmungen manchmal fehlgiifif, so gebührt ihm 
doch das unbestrittene Verdienst, für viele bedeutende Gemälde 
die Zeit ihrer Entstehung und die Namen ihrer Künstler 
richtig ermittelt zu haben. 



Franz Pfeiffer,*) 

am 27, Februar 1815 zu Bettlach bei Solothurn geboren, 
besuchte dort die Primärschulen, Gymnasial- und Lycealclassen 
und ging 1834 nach München, anfänglich um katholische Theo- 
logie zu studiren , welches Fach er jedoch bald mit der 



*) Die Lebensskizze von Fr. PfeiiTer und von Aug. Schleicher 
hat Hr. Akademiker Conrad Hofmann geliefert. 



370 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1870. 

Medicin vertauschte. Innere Neigung und die Aermlichkeit 
seiner Verhältnisse führten ihn dagegen zu poetischen Ver- 
suchen und so wurde er Belletrist und Feuilletonist. Neben 
seinen medicinischen Studien , die er fleissig , aber ohne In- 
nern Beruf betrieb , hörte er altdeutsche Vorlesungen bei 
Massmann . womit er die schon in Solothurn begonnenen 
Studien fortsetzte , und bald zu dem Entschlüsse kam , sich 
ausschliesslich der Germanistik zu widmen. Eine projectirte 
und später auch zum Theil erschienene Sammlung mittel- 
hochdeutscher Gedichte (hei Göschen in Leipzig) gab ihm 
Gelegenheit, eine Reihe der bedeutendsten Bibliotheken zu 
besuchen und dabei die umfassende Handschriftenkenntuiss 
zu erwerben , die die Grundlage seiner späteren gelehrten 
Thätigkeit wurde. Das Unternehmen führte ihn 1842 nach 
Stuttgart, wo er sich bis 1846 ausschliesslich demselben 
widmete, in welchem Jahre er endlich als ünterbibliothekar 
und Gyujnasialprofessor eine feste Stelle erhielt, in der er 
bis zu seiner Berufung nach Wien als ordentl. Professor an 
Hahn's Stelle verbheb und den grössten Theil derjenigen 
Arbeiten theils publicirte , theils vorbereitete , die seinen 
Hauptantheil an der Förderung der mittelhochdeutschen Phi- 
lologie enthalten. Dort gründete er auch im Vereine mit 
einer Anzahl Gleichgesinnter eine neue Zeitschrift für deut- 
sche Alterthumskunde, die Germania, in welcher die seit 
1854 entstandene Opposition gegen Lachmann und seine 
Schule ihre hauptsächlichste Vertretung fand. Seine eilf- 
jährige akademische Wirksamkeit in Wien, die am 29. Mai 
1868 ein allzufrüher Tod unerwartet beendete, ist durch 
eine Reihe von Schriften bezeichnet, deren Gemeinsames 
darin liegt, dass sie sämmtlich der Lachmann'schen Schule 
gegenüber theils direct poleuiisch , theils abweichend in 
Gegenstand, Zweck, Methode und Umfang sich herausstellen. 
Diesen beiden Perioden seiner Thätigkeit sind die folgenden 
Betrachtungen gewidmet. 



Hofmann: Nekrolog auf Franz Pfeiffer. 371 

Der Grundcharakter von Pfeiffer's gelehrter Thätigkeit 
hatte sich schon in München entscliieden, kam in den näch- 
sten Stuttgarter Jahren zur vollen Entwicklung und ist in 
der Hauptsache immer derselbe geblieben. Aus diesem 
Grundcharakter erklären sich Stärke wie Schwäche seiner 
Leistungen. Einen weitausgedehnten Kreis des Wissens zu 
beherrschen, das versagten ihm stine Vorstudien, denn er 
war ohne irgend nennenswerthe klassisch-philologische Schulung 
zur Germanistik gekommen , und seine eigene Neigung und 
Anlage wiesen ihn auch sofort auf das Mittelhochdeutsche 
mit seinen ausserordentlich reichen, mannigfaltigen und dti- 
mals noch zum grossen Theil unedirten oder wenigstens 
ungenügend edirten Denkmälern als auf seine Lebensauf- 
gabe hin. Solche überwiegende Ausbildung in einer Spe- 
cialität bringt die bedeutendsten Resultate hervor, hat aber 
freilich den Nachtheil zum Begleiter, dass die vollkommene 
Einlebung und M-.isterschaft in dem einen Fache durch 
Verzicht auf harmonische Ausbildung erkauft werden muss. 
zu welcher Autodidakten ohnehin nur bei ganz ausser- 
gewöhnlicher Geisteskraft uiid Ausd^.uer gelangen können. 
Pfeiffer war eigentlich Autodidakt und musste es gowisser- 
massen auch sein , wenn er die noch unangebauten Gebiete 
des Mittelhochdeutschen bis zu dem Grade bewältigen sollte, 
wie er es in verhältnissmässig kurzer Zeit und jungen Jahren 
gethan hat. Weitaus das Meiste und Wichtigste holte er 
aus neuen oder neuverglichenen Handschriften. 

Diese einzige und Ijis jetzt im engeren deutschen Ge- 
biete des 12 — 15. Jahrhunderts unübertroffene Haadschriften- 
kenntniss ist die eigentliche Basis seiner späteren wissen- 
schaftlichen Bedeutung geworden , ihr verdanken jene Ent- 
deckungen und Werke ihre Entstehung , welche nach 
menschlicher Voraussicht ihn überleben und seinen Namen 
auf dio Nachwelt bringen werden. Es ist hiei- nicht der 
Ort. auf seine zahlreichen Publicationen uneJirter und Bear- 



372 OeffentUche Sitzung vom 28. März 1870. 

beitungen edirter Werke des näheren einzugehen. In den 
schweren und bis zur höchsten Leidenschaftlichkeit und 
Rücksichtslosigkeit verbitterten Kämpfen seiner zweiten , der 
Wiener Periode (von 1857 bis zu seinem Tode) sind zwei 
Verdienste auch bei allen seinen Gegnern ihm immer un- 
geschmälert verblieben. 1. Die Entdeckung (mit W. Grimm) 
und die Begründung der mitteldeutschen Sprache, der Mutter 
des Neuhochdeutschen , welche eine breite Zone von Osten 
nach Westen zwischen oberdeutscher und niederdeutscher 
Zunge schon im Beginn der mittelhochdeutschen Literatur- 
epoche eingenommen und dann durch Jahrhunderte hiedurch 
neben der vorherrschenden oberdeutschen (schwäbisch-baier- 
ischen) Sprache und Literatur zwar die zweite, aber immer- 
hin eine höchst bedeutende Rolle gespielt hat, bis sich end- 
lich seit der Zeit der Reformation, die im Herzen des mittel- 
deutschen Sprachgebiets ihren Ursprung genommen, aus ihr 
die heutige Schrift- und Nationalsprache, das Germanicum 
illustre, um mit Dante zu sprechen, zu dem Range einer 
Weltsprache erhoben hat. Vor Pfeiffer und W. Grimm 
hatte man das Mitteldeutsche dem Mittelhochdeutschen sub- 
sumirt, welches jetzt als eigentliches Oberdeutsch von ihm 
getrennt nur noch in den südlichen Volksniundarten fortlebt, 
deren gewaltiges Gebiet sich über ganz Süd-Deutschland, 
Deutschösterreich, die deutsche Schweiz und das deutsche 
Frankreich erstreckt, wo es leider durch die frühere und 
spätere (noch andauernde) politische Schwäche der süddeut- 
schen Staaten in Oesterreich und Frankreich beständig an 
Boden verliert, während es sich in der freien Schweiz seit 
einem halben Jahrtausend nicht nur festhält, sondern lang- 
sam vorschreitet. Die spätere Entwickelung hat gezeigt, 
dass die Trennung des mitteldeutschen vom mittelhochdeut- 
schen oder wie gesagt , richtiger oberdeutschen , trotz dem 
Widerspruche , den der Gründer der germanischen Sprach- 
wissenschaft, J. Grimm, bis zu Ende dagegen aufrecht erhielt, 



Eofmann: Nekrolog auf Franz Pfeiffer. 873 

für die Grammatik eine Nothwendigkeit ist, (nicht in gleichem 
Grade für das Lexikon, und am wenigsten für die Literatur- 
geschichte) ; und in diesem Sinne ist Pfeiffer's Name auf 
immer unzertrennbar an diese grosse Entdeckung geknüpft. 
Auch für das Niederrheinische hatte er schöne und frucht- 
bare Arbeiten angefangen , die aber . wie so vieles , durch 
seinen vorzeitigen Tod unausgeführt geblieben sind, wie denn 
überhaupt das für die Scheidung und Unterscheidung der 
älteren deutschen Mundarten von ihm theils Geleistete, theils 
(allerdings nicht immer richtig) Angestrebte das Charakteri- 
stische seiner grammatischen Thätigkeit ausmacht. 

2. Gehen wir vom Formalen der deutschen Alterthums- 
wissenschaft zu ihrer realen Seite über, so bietet sich uns 
die Thatsaclie. dass Pfeiffer, wie dort ein neues Sprach- so 
hier ein neues Literaturgebiet erschlossen hat, die geistliche 
Prosa des 13. und 14. Jahrhunderts.- die auf der einen Seite 
im grössten Volksredner des Mittelalters, Bruder Berthold von 
Regensburg, auf der andern im grössten speculativen My- 
stiker, Meister Eckhart, ihre Gipfelpunkte erreicht hat. Leider 
sind seine lange und wohl vorbereiteten Ausgaben nur je bis 
zum ersten Theile, der die Hauptmasse der Texte enthält, ge- 
diehen, und eine schwere, kaum jemals auszufüllende Lücke 
am Reste der Texte, kritischen Apparate, Einleitungen, Sach- 
erklärungen und Glossar geblieben. Nur ein immerhin 
wichtiges, aber mit BertLold und Eckhart weder an Schwierig- 
keit noch an Bedeutung vergleichbares Werk, das Buch der 
Natur von Konrad von Megenberg. war ihm vollständig 
auszuführen vergönnt. Alle diese Werke sind in der Wiener 
Periode erschienen , waren aber der Hauptsache nach in 
Stuttgart vorgearbeitet und wurden an ihrer Vollendung gewiss 
nur durch die neuen und aussergewöhnlichen Anstrengungen 
gehindert, welche die Redaction der Germania und der 
Wiener akademische Lehrstuhl erforderten. In Stuttgart 
gebheben würde Pfeiffer seine minder glänzende, aber sichere 



374 Oefentliche Sitzung vom 28. März 1870. 

und friedliche, und wohl auch für die Wissenschaft und ihn 
selbst glücklichere Laufbahn nicht so frühzeitig beschlossen 
haben, wie in dem aufregenden und aufreibenden akade- 
mischen Leben \Yiens und im literarischen, leider nur zu 
bald persönlichen Kampfe gegen die Germanisten der Lach- 
maun'schen Schule, dessen Ausbruch ins Jahr 1854 zurück- 
geht, in welchem Holtzmann's Untersuchungen über das 
Nibelungenlied erschienen, denen Pfeiffer als einer der ersten 
beistimmte. Von diesem merkwürdigen Buche datirt das 
erste grosse Schisma unter den Germanisten , dessen Ende 
die gegenwärtige Generation schwerlich erleben wird. Die 
lange und unbestrittene Herrschaft der Lachmann'schen 
Schule hatte auf vielen drückend gelastet, von denen Holtz- 
mann's kühner Angriff als Signal der Befreiung begrüsst 
wurde. Solche Vorgänge sind nach aller Analogie natur- 
gemäss und darum unvermeidlich. Die Germania war von 
Anfang an das Organ der Dissidenten und der Beifall und 
Zutritt von Männern, wie Jakob Grimm und Uhland, gab 
dem Unternehmen entschiedene Bedeutung. Grimm lieferte 
wenig ausser seinem Namen, aber Uhland blieb bis zum 
Ende getreu , und wenn die Zeitschrift auch gar nichts von 
Bedeutung angeregt hätte, als ühlands in jedem Sinne voll- 
endete Forschungen , so wäre ihr damit schon ein grosses 
Verdienst gesichert; denn Uhland theilt mit Rückert (und 
nur mit ihm) das seltene Loos, ein grosser Dichter und ein 
grosser Philolog zugleich , und mit Schmeller den Vorzug, 
der objectivste aller Germanisten gewesen zu sein. Wie 
viel bei Uhland der Philolog dem Dichter zu danken hat, 
das zeigt sich in der wunderbaren Feinheit seiner ästhetischen 
Bemerkungen, in welchem Punkte er sogar noch den mit 
Recht berühmten V>'ilhelm Grimm übertrifft, der bei allem 
Fühlsinu sich doch mehrmals , z. B. über Walther und 
Vridanc , über Turpin und Rolandslied auf entschieden fal- 
scher Färte findet, während Uhland dagegen schon im Beginne 



Hofmann: Nekrolog auf Franz Ff eiff er. 375 

seiner Studien in dem berühmten Aufsatze über das alt- 
französische Epos einen Beweis seiner Sicherheit lieferte, mit 
dem nur Leverrier's theoretische Entdeckung eines neuen 
Planeten verglichen werden kann, indem er die Existenz des 
altfranzösischen Rolandslieds voraus bestimmte. 

Der Erfolg der Germania mit solchen und ähnlichen 
Kräften war denn auch ein ganz entschiedener und nach 
kurzer Zeit konnte Pfeiffer an Fachgenossen schreiben, die 
Zeitschrift habe so viele Abonnenten , als nur überhaupt 
möglich sei. Dagegen waren ihm die Mitarbeiter nicht zahl- 
reich und eifrig genug, und bei seinem heftigen und unge- 
duldigen Charakter ist es erklärlich, dass er mehrmals nahe 
daran war, die ganze Unternehmung fallen zu lassen, während 
ruhigere Gemüther mit einem solchen Erfolge höchlich zu- 
frieden gewesen wären. Die Germania und in ihr ausser 
Pfeiffer, der von Anfang an die Führerschaft der Opposition 
übernommen hatte, besonders Karl Bartsch, eine literarische 
Productionskraft ohne Gleichen, bekämpfte also die Lach- 
mann'sche Schule, welcher damals, da Haupt's Zeitschrift 
lange stockte, nicht einmal ein Organ zu Gebote stund, 
besonders nachdem durch den spontanen üebergang Zarnckes 
zur Codcx-C-Theorie das literarische Centralblatt, unbestritten 
das verbreiteste und einflussreichste Organ Deutschlands, 
dem Gegner dienstbar geworden war. Die Lachmannianer 
antworteten mit grosser Schärfe , (worin sie ihi-en Meister 
fast übertrafen ,) aber vereinzelt , in Vorreden , vom Kathe- 
der, und in der Regel nicht mit der AusführHchkeit und 
Unumw'undenheit, die bei öffentlichen Verhandlungen erforder- 
lich ist, um vor der grossen Masse Recht zu behalten. Erst 
viel später kam Haupt's Zeitschrift wieder in Gang und 
wurde durch Zacher eine zweite, der Germania ähnliche, als 
Organ der norddeutschen Schule gegründet, welche Bezeich- 
nung man nur nicht streng geographisch fassen darf, denn 
Bartsch, der Haupt Verfechter der neuen Schule und Redakteur 



376 OeffentlicM Sitzung vom 28. Mars 1870. 

der Germania lebt in Rostock, während Scherer der weitaus 
bedeutendste unter der jüngeren Lachmannischen Schule, 
heute in Wien auf Pfeiffers Lehrstuhl sitzt. Pfeiffer griff seine 
Gfgner indess noch auf einem anderen Gebiete an. Die 
Popularisirung der Meisterwerke mittelhochdeutscher Literatur 
durch erklärende Handausgaben war eine Idee, deren Richtig- 
keit sich sofort durch den ausserordentlichsten Erfolg be- 
währte , den nur je ein solches Unternehmen gehabt hat. 
Vielleicht hat gerade das, was in den Augen der Fachmänner 
die Bibliothek mittelhochdeutscher Klassiker in Misskredit ge- 
bracht hat, die Voraussetzung gänzlicher grammatischer Un- 
bildung beim Leser, (wenigstens in den ersten Bänden , die 
späteren sind massvoller gehalten.) ihren Erfolg bei der 
Lesermasse begründet, die vor Allem verlangt, dass man 
ihrer Unwissenheit und Eitelkeit wenigstens stillschweigend 
schmeichle. Bekanntlich wird gegenwärtig derselbe Plan von 
Zacher und seinen Mitarbeitern ausgeführt, freilich nicht mit 
der Raschheit, die man von Pteiffer und in noch viel höherem 
Grade von Bartsch erwarten konnte. 

Bei so grossen, ja glänzenden äusseren Erfolgen hätte 
nun Pfeiffer glücklich und zufrieden ein hohes Alter erreichen 
können, wie denn ja auch bekannthch in Deutschland Professoren 
und Generale die grösste Lebensdauer aufweisen. Aber es 
war ihm kein so glückliches Loos beschieden. Seine Charakter- 
anlage, wie die Natur seiner Wiener Thätigkeit trugen den 
Keim eines Verfalles, der für die ferner stehenden unerwartet 
rasch, für die schärfer blickenden nicht unvorbereitet kam. 
Pfeiffer hatte, wie er mir einmal schrieb, ,,heisses Blut", in 
der That viel zu heisses für einen Parteiführer, um diesen 
parlamentarischen Ausdruck zu gebrauchen, der einen kalten 
Kopf haben und viel vertragen muss. Anstatt seine Mit- 
strebenden immer fester und dichter um sich zu schaaren, 
stiess er sie durch Argwohn und Empfindlichkeit zurück, 
was zur Folge hatte, dass er gegen das Ende seiner Lauf- 



Hof mann: Nekrolog auf Franz Pfeiffer. S77 

bahn anfieng vereinzelt zu stehen. Die schweren Lücken, 
welche der Tod und selbstverschuldete Entfremdung in seinen 
Reihen gerissen hatte, wurden nicht ausgefüllt und wären 
schwerlich ausgefüllt worden. Das nagte an seinem Innern. 
Aber auch in wissenschaftlicher Beziehung war er der theils 
übernommenen theils aufgedrängten Führerscliaft nicht voll- 
kommen gewachsen oder richtiger gesagt, er wuchs nicht in 
seine Rolle hinein. Er wusste da, wo er zu Hause war, 
mehr als die meisten , theilweise mehr als alle von uns ; 
dafür war er, nach anderen Seiten hin zurückgeblieben, und 
geradezu unzulänglich , wenn er sich da versuchte , wozu 
noch kam, dass er zuletzt zu stolz oder zu misstrauisch wurde, 
sich Rathes zu erholen, wo sein Vermögen nicht hinreichte. 
Ich will nicht davon reden, dass ihm Sprachvergleichung auf 
Grund des Sanskrit, ältere romanische Spruch- und Literatur- 
kunde u. dgl. fremd waren , denn diesen Mangel theilt er 
mit den meisten seiner und unserer Zeit. Aber er war 
auch Fremdling in klassischer Philologie, und wenn er schon 
nicht so weit gieng, wie sein Lehrer Massmann , der unter 
linguae barbarae Griechisch und Latein verstund, so betrachtete 
er doch die klassischen Studien und ihre Pfleger ungünstig 
und abschätzig. Schmeller, der in gereiften Jahren mit dem 
Eifer eines Schulknaben nachzuholen bemüht war, was ihm 
in seiner armseligen Jugendbildung an Griechisch und Latein 
vorenthalten war, hätte ihm auch hier als Muster dienen 
können und sein eigener schaifer Verstand hätte ihn wohl 
die gleichen Wege gewiesen, wäre er nicht in den unentflieh- 
baren Strudel jener Polemik gerissen worden , die in der 
Wiener Periode seine beste Kraft und Zeit hinraffte. Klassische 
Schulung ist aber dem Germanisten unentbehrlich, nicht, wie 
man gemeinhin annimmt, zur Verbesserung des deutschen 
Stils, denn Pfeiffer schrieb ohne solche Vorschule beredt, 
nervig und in hohem Grade anregend, sondern weil er bei 
seinen Studien überall auf Thatsachen, Ideen und Ausdrücke 



378 Oeff entliehe Sitzung vom 28. März 1870. 

stösst, deren Deutung nur dorther zu holen ist. Pfeiffers 
Parteistellung Hess aber auch nicht die Sammlung und 
Zuriickgezogenheit zu , die ihm nothwendig gewesen wären, 
um sich innerhalb des grossen germanischen Gebietes allseitig 
und genügend festzusetzen. Was er von Stuttgart nicht mit- 
gebracht hatte, konnte er so auch in Wien nicht mehr nach- 
holen, ein schwerer Mangel, den man am Stuttgarter 
Bibliothekar und Herausgeber mittelhochdeutscher und mittel- 
deutscher Denkmäler oder auch an einem anspruchslosen 
Universitätslehrer übersehen hätte, bei ihm aber beuiCrkte 
und hervorhob nach dem bekannten üompensationsgesetze, 
dass die Fehler der Menschen um so grösser erscheinen, je 
höher sie sich stellen oder gestellt werden. So waren denn 
die ältesten germanischen Sprachen und das ganze grosse 
scandiuavische und angelsächsisch-englische Gebiet ihm ent- 
weder nicht lecht vertraut geworden oder gänzlich fremd 
geblieben , wie er denn auch manche Vorlesungen über 
Sprache und Literatur, die von Germanisten verlangt, 
wenigstens erwartet werden , nie gehalten hat. Für all 
diesen Eutgang hätten nun die Wiener Arbeiten auf seinem 
eigensten Gebiete, dem mittelhochdeutschen, Ersatz bieten 
müssen, und sie würden ihn bieten, wäre die kühne Concep- 
tion und brillante Darstellung getragen von gleicher Solidiiät 
der Grundlagen und sicherer Methode in der Ausführung wie 
seine früheren, musterhaften Arbeiten. Diess ist nun nach 
ziemlich allgemeinem Urtheile nicht der Fall un«! die hohen 
Erwartungen, die man für Neubegründungen im mittelhoch- 
deutschen Gebiete auf Pfeiffers Wiener Thätigkeit gesetzt 
hatte , sind im Ganzen und Grossen unerfüllt geblieben. 
Hätte er sie bei längerem Leben und im Genüsse voller 
Sammlung und Geisteskraft erfüllen können, wer möciite es 
wagen darüber zu urtheilen? 

Jene Wiener Arbeiten sind alle so schön geschrieben, 
dass man nicht eine Seite derselben ohne Interesse liest — 



Hofmann: Nekrolog auf August Schleicher. 379 

aber der Glaube fehlt, d. h. wissenschaftlich gesprochen, er 
zwingt uns nicht zur Ueberzeugung, und lässt uns nur den 
Eindruck, dass er Ansicht gegen Ansicht, Hypothese gegen 
Hypothese gestellt hat, während er den Widerspruch ver- 
nichtet glaubte. Er hatte eben, worin leidenschaftliche Ge- 
müther unwillkürlich verfallen, die Kraft der eigenen Gründe 
zu hoch, die des Gegensatzes zu gering geschätzt und ganz 
besonders hatte er die zähe Nachhaltigkeit und Tüchtig- 
keit, die im Wesen des norddeutschen Guiehrten liegt und 
die sich hier über kurz oder lang geltend machen musste, 
weitaus zu gering angeschlagen. Mit seinem Hinscheiden 
ist die Periode leidenschaftlich erregter Polemik aller Vor- 
aussicht nach zu Ende gekommen , die nun freilich noch 
nicht weit genug hinter uns liegt, um jetzt schon ein allseitig 
beruhigtes und geklärtes Urtheii zu gestatten. Glücklicher 
Weise zeigen nach Abzug alles Problematischen und Po- 
lemischen Pfeiffers unbestrittene Verdienste sich bedeutend 
genug, um seinem Namen die Fortdauer in der Geschichte 
der Wissenschaft voraussagen zu dürfen. 



August Schleicher 

wurde am 19. Februar 1821 zu Meiningen geboren, studirte 
zu Koburg. Leipzig und Tübingen erst Theologie, dann von 
1843 an zu Bonn unter Rit«clil klassische Philologie und 
unter Lassen orientalische Sprachen. 1846 habilitirte er sich 
in Bonn für das Fach der Sprachwissenschaft, 1850 wurde 
er für klassische Philologie nach Prag berufen , wo er sich 
jedoch bald wieder der Sprachwissenschaft ausschliesslich zu- 
wandte und zu diesem Behufe mit Unterstützung der k. k. Re- 
gierung (Graf Leo Thun wirkte damals noch im grossartigen 



380 OeffentUche Sitzung vom 28. März 1870. 

Sinne als Unterriclitsminister) eine Reise nach Litauen unter- 
nahm, um dort die älteste und reinste der heute lebenden 
indogermanischen Sprachen aus dem Munde des Volkes zu 
lernen. Frucht dieser Reise war ein vortreffliches Handbuch 
der litauischen Sprache, welches noch lange ein unentbehr- 
liches Werk für jeden Linguisten sein wird. Differenzen ge- 
lehrter und politischer Art mit den Tschechen veranlassten 
ihn, 1857 Prag zu verlassen und sich nach Jena zu be- 
geben, wo er bis zu seinem allzufrühen Tode (6, Dec. 1868) 
als ausserordentlicher Professor wirkte, denn leider brachte 
es der im Auslande hochberühmte Manu in Jena weder zum 
Ordinarius noch zu einer sorgenfreien Existenz, sondern bloss 
zum Hofrathstitel und wurde in den letzten Jahren seines 
Lebens nur durch Arbeiten für die russische Akademie vor 
drückenden Sorgen und Entbehrungen geschützt. Wenn Renan 
mit Recht sagt, dass eine kleine deutsche Universität mit 
ihren pedantischen Professoren und hungernden Privatdocenten 
viel mehr für die Wissenschaft leistet, als die bestbepfrün- 
deten analogen Institute anderer Länder , so ist doch ebenso 
wahr, dass diese Gelehrten häufig ihre wichtigsten Arbeiten 
aus Mangel an ein paar hundert Thalern oder Gulden nicht 
ausführen können , weil der herrschende deutsche Bureau- 
kratismus in gründlicher Missachtung alles nicht direct brod- 
tragenden Wissens überall der gleiche ist und namentlich 
heutzutage der Geschmack herrscht, lieber 20 Millionen für 
Soldaten, als 200 fl. für einen wissenschafthchen Zweck 
zu opfern. 

Schleicher, obgleich studirter Philolog, war doch seinem 
Wesen nach nur Linguist, und wie weiland in Fr. A. Wolf 
die definitive Scheidung der Philologie von der Theologie, 
so hatte sich in ihm die Scheidung der Linguistik von der 
Philologie vollzogen, die Sprache und die Sprachen waren 
ihm nicht, wie dem Philologen, Mittel zum Zwecke, sondern 
der Zweck selbst und so kam es, dass er sich vorzugsweise 



Hof mann: Nekrolog auf August Schleicher. 381 

nicht mit deu Sprachen beschäftigte . die wie Sanskrit, 
Griechisch, Lateinisch, Germanisch, Romanisch, reiche und 
ästhetisch hervorragende Literaturen besitzen , sondern mit 
den litoshiwischen, die keine irgend selbstständige ältere Denk- 
mäler besitzen, dagegen von eminenter linguistischer Wichtig- 
keit an sich und besonders fiii- das tiefere Verstäudniss des 
Germanischirn sind, dem sie nach dem Sanskrit die reichste 
Fundgrube für etymologische Forschung, wie für die Lehre 
von der Forinenbildung darbieten, während die uns am besten 
b kannten und literarisch wichtigsten klassischen Sprachen 
viel weniger reiche und sichere Ausbeute gewähren. Auf 
diesem Gebiete hegt Schleichers Bedeutung und Hauptver- 
dienst in materialer Beziehung. Leider hat der Tod die 
grossartig angelegten Arbeiten unterbrochen , die ihm die 
Petersburger Akademie für die Gesammtlieit der slawischen 
Sprachen anvertraut hatte, und konnte er nur das ausge- 
storbene Elb slawische (Polabische) zu einem wenigstens vor- 
läufigen Abschlüsse bringen. Er selbst hielt diese seine 
letzte Arbeit für seine gelungenste, eine Ansicht die, wie zur 
Steuer der Wahrheit nicht verschwiegen werden dai'f, von 
sehr kompetenter Seite nicht vollkommen getheilt wird, wes- 
halb das Endurtheil bis zum Erscheinen der Schrift ausge- 
setzt bleiben muss. Sollte es minder günstig ausfallen, so 
dürfte diess eben wieder in dem Zurücktreten der eigent- 
lichen philologischen Disciphn bei Schleicher begründt-t sein, 
welche für die allseitige Behandlung ausgestorbener Sp)rachen, 
wie die polabische, kritische, paläographische und antiquari- 
sche üntersuchungsmethoden an die Hand gibt , zu denen 
er nach seiner ganzen streng linguistischen Anlage und 
Bildung weniger geartet und geschult war. Daraus erklärt 
sich auch , wesshalb seine einzige eigentlich philologische 
Arbeit, die Ausgabe des einzigen litauischen Klassikers, der 
Jahreszeiten von Donalicius, den er (nach Nesselmann irrig) 
in Donalaitis zurück lituanisirte, wohl in sprachHcher, aber 
[1870. I. 3.] 25 



382 Oeffenttiehe Sitzung vom 2S. März 1870, 

nicht in textkritisclier Beziehung genügend ausfiel und eine 
neue Bearbeitung (sie ist von Xesselmann) notliwendig machte. 
Es kann darin kein Tadel für Schleicher gefunden werden, 
denn welcher Gelehrte ist nach allen Richtungen gleich ge- 
wachsen und welcher hat nicht da und dort die Gränzen 
seines eigensten Köim -us in bester Absicht überschritten ? 
So ist denn auch sein Buch über die deutsche Sprache da am 
schwächsten, wo es die philologischen Errungenschaften der 
Germanistik zu verwerthen hat, am gelungensten in linguisti- 
scher Darstellung. Seine Annahme von einem Anftacte 
innerhalb des Verses wird kein kritischer Metriker auch nur 
für einen Augenblick gebilligt haben. 

Zum Ersätze für solchen f^ntgang besass er andere, 
für seine Richtung ganz besonders ins Gewicht fallende Be- 
gabungen. Vor allem eine seltene und wundervolle Leich- 
tigkeit, sich die schwersten lebenden Sprachen, worunter 
für uns Deutsche in erster Linie die slawische und litauische 
gehören , mit Leichtigkeit und Correktheit anzueignen , und 
dieses Talent hätte sicher noch viel bedeutendere Resultate 
gebracht , wenn er es bei glücklicher äusserer Lage und 
längerem Leben im ungeheuren litoslawischen Sprachgebiete 
der drei östlichen Kaiserreiche ausgiebig hätte verwerthen 
können. Dass er bei seinen Forschungen die Etymologie 
(im modernen Sinne des Wortes) ausschloss und sich über- 
wiegend mit Untersuchung der lautlichen Elemente und ihrer 
Umwandlungen, dann der Flexion und Wortbildung, der 
Verwandtschaftsgrade der Sprachen und endlich mit der 
sogenannten indogermanischen Ursprache beschäftigte, ging 
aus einer Grundrichtung seines Geistes auf das sichere, 
klare, organisch zusammenhängende, mit einem Worte auf die 
Entwicklungsgeschichte der Sprachkörper hervor. Die Ety- 
mologie ist eine zweitheilige Wissenschaft, sie fordert über- 
all gleiche Betrachtung des geistigen, wie des physischen 
Elementes, ideal gefasst ist sie die Entwicklungsgeschichte 



Hofmann: Nekrolog auf August^Schleicher. 383 

des menschlichen Anschauens, Fühlens und Denkens in den 
Völkerindiviiluen und Völkerfamih'en der Erde. Daher ihre 
incommensurable Bedeutung für die Geisteswissenschaft, ihre 
unerschöpfliche Anziehungskraft auf der einen Seite, auf der 
andern aber auch ihre ungemeine Schwierigkeit und Unsicher- 
heit und der endlose oft bis zum Widerwärtigen geh^-nde 
Missbrauch, in den phantastische und dilettantische Köpfe 
zu verfallen ptlegen. Etymologien sinl in der Linguistik, 
was Conjecturen in der Philologie, sie entstehen und ver- 
gehen nach Myriaden , wie die Natur eine üeberzahl von 
Thiur- und Pflanzenkeimen producirt, von denen nur eiu 
kleiner Bruchtheil zu wirklicher Entwicklung gelangt. Solche 
Betrachtungen können nicht hindern , dass es im geistigen 
Getriebe, wie im Naturlcb^n, vollständig beim Alten bleibe, 
aber sie können einen nüchternen und auf streng geschlossene 
und scharf abgegränzte Ziele gerichteten Forscher bestimmen, in 
seine Thätigkeit nur das absolut Nothwendige von Etymologie 
oder Conjecturalkritik aufzunehmen. Als Hauptresultat dieser 
Pachtung haljen wir Schleichers Compendium der vergleichenden 
Grammatik (Weimar 1861 — 62 in erster, gegenwärtig in 3. Auf- 
lage angekündigt) zu betrachten, ohne Zweifel sein berühm- 
testes, verbreitetstes und fruchtbarstes Werk, eben durch 
seine hervorragendsten Eigenschaften, Deutlichkeit, klare und 
knappe Fassung, höchst sichere Auswahl des Materials mit 
möglichst behutsamer Ausschliessung alles Unsicheren und 
Problematischen. Wenn auch kein Kundiger behaupten wird 
durch Schleichers Compendium sei Bopps unsterbliches, 
grundlegendes Werk antiquirt oder überti offen, so bleibt 
doch gewiss, dass sein Compendium als erster Versuch, von 
den neugewonnenen sicheren Resultaten einer allseitig und 
rastlos betriebenen Wissenschaft die Summe zu ziehen und 
das Facit in zweckmässigster Form allgemein lehrhaft zu 
machen , als würdiger Nachfolger von Bopps vergleichender 
Grammatik dasteht. Bei ihm ist die Sprachforschung bereits 



384 OeffentUche Sitzung vom 28. März 1870. 

um viele Grade der Naturforschung näher gerückt, als bei 
Bopp, ja er fasst sie selbst bereits als Naturforschung auf, 
und wer der neueren Richtung dieser Disciplin aufmerksam 
gefolgt ist , wird nicht verkennen können , dass diese Auf- 
fassung tief im Geiste unserer Zeit hegt, die den Weg zur 
höheren Bildung der Zukunft nicht mehr in der so lange 
vergeblich gesuchten Vermittlung zwischen Theologie und 
Philosophie, sondern in harmonischer Cultur der Geistes- 
unJ Naturwissenschaft suchen wird . wo dann freiUch so 
mancher, der von Bau und Geschichte seiner Muttersprache 
nicht mehr als ein Dorfschulmeister , von Physik und 
Chemie nicht mehr als seine Köchin versteht, nicht länger 
zu den wissenschaftlich Gobildeten gezählt werden dürfte. 

Mit dieser uaturforschenden Richtung Schleichers hängt 
zusammen, dass er wirklich einen Zweig der Naturkunde, 
die Botanik, practisch als Blumenzüchter und theoretisch 
als ^likroskopiker und zwar beides mit der ganzen Leiden- 
schaft seines ernsten Wesens betrieb, 

Schleicher's Character stimmte zu seiner wissenschaft- 
lichen Richtung. Er war bieder und zuverlässig, aber schroff 
und abstossend, daher nur von wenigen Freunden und Schülern 
näher gekannt und geliebt, in der Politik, wie in der 
Wissenschaft ein Radicaler. Solche eigengeartete Männer 
sind in Deutschland, wie überall, selten und ihre Laufbahn 
pflegt keine rosenbestreute zu sein. 



Friedricli Gottliel) Welcker 

wurde am 4. November 1784 zu Grünberg im Grossherzog- 
thum Hessen als Sohn eines Landpfarrers geboren. Sein 
Vater, ein Mann von gründlicher classischer Bildung, gab 



Hahn: Keh-ohg auf Friedrich Gottlieb WelcTcer. 385 

ihm eine so treffliche Erziehung, dass der junge "Welcker, 
ohne ein Gymnasium besucht zu haben , ungewöhnlich vor- 
bereitet die Universität Giesseu beziehen konnte. Hier 
widmete er sich dem Studium der Theologie und betrieb 
nebenbei fast ohne L-hrer alte und neue Sprachen. Noch 
nicht zwanzig Jahre alt wurde er 1803 am Pädagogium zu 
Giesseu augestellt und begann gleichzeitig seine akademische 
Thätigkeit mit Vorlesungen über das alte Testament.*) Um 
Italien besuchen zu könntn, nach welchem Lande es ihn 
längst bei seiner schwärnierischen Liebe für alte Kunst und 
Poesie gezogen hatte , nahm er Urlaub und verblieb zwei 
Jahre in Rom. wo er im Hause Wilhelms vonHumboldt, 
des damaligen preussischen Gesandte:!, der zugleich Geschäfts- 
träger für Hessen -Darmstadt war. als Hauslehrer eine Auf- 
nahme fand. In Piom war besonders der enge Verkehr mit 
Zoega für Welcker von nachhaltigem Einfluss. Ein Jahr 
nach seiner Zurückkunft in die Heimat (1809) wurde er 
zum ordentlichen Professor der Philologie und Archäologie 
in Giessen ernannt, ohne seine Lehrstelle am Pädagogium 
aufzugeben. Für diese Anstalt schrieb er 1810 ein gedanken- 
reiches Programm über Anleitung der Schüler zu eigener 
Erfindung, das im 5. Bande seiner kleinen Schriften einen 
erwünschten Wiederabdruck gefunden hat. Im J. 1815 nahm 
Welcker als Freiwilliger an dem Feldzug gegen Frankreich 
Antheil; den nächsten Winter verlebte er in Kopenhagen, um 
Zoega's literarisclien Nachlass zu ordnen und zur Heraus- 
gabe vorzubereiten. Bald nach der Heimkehr aus Kopen- 
hagen fand seine Charakterstärke Gelegenheit eine erste 
Probe zu bestehen. Um seinen politischen üeberzeugungen 
nichts zu vergeben, denen er auch bei späteren Anfechtungen 



*) "Wenigen Verehrern Welckers wird es bekannt sein, dass von 
ihm noch im J. 1809 eine Uebersetzung der Elegien des Jeremias 

mit Commentar erschienen ist. 



386 OeffentUche Sitzung votn 38. März 1870. 

immer mit männlichem Muthe treu geblieben ist , sah er 
sich veranlasst, seine Entlassung in Giessen zu nehmen, er- 
hielt aber noch in demselben Jahre einen Ruf nach Göttingeu. 
Eine noch grössere Wirksamkeit eröffnete sich ihm durch 
die 1819 erfolgte Berufung an die neu gegründete Universität 
zu Bonn , für die er auch zum Oberbibliothekar ernannt 
wurde. Dass ein Mann von dem Umfang und der Vielseitig- 
keit des Wissens, wie Welcker besass, bei der beneidens- 
werthen Aufgabe, die Grundlage einer grossen wissenschaft- 
lichen Bibliothek zu schaffen, bedeutendes geleistet hat, er- 
scheint fast als selbstverständlich; dafür gebührt die Aner- 
kennung ebenso sehr einer erleuchteten Regierung, die für 
einen wichtigen Posten mit sicherem Blicke den rechten 
Manu zu finden gewusst hat. Aber ganz allein gebührt 
Welcker das Verdienst für eine andere Schöpfung, für die 
Begründung des akademischen Kunstmuseums , das unter 
seiner und später Jahns Leitung das erste in seiner Art ge- 
worden ist. Welcker war der erste, der die Nothwendigkeit 
erkannte, für akademische Zwecke ein Antikenmuseum ein- 
zurichten; er hat mit dieser Schöpfung ein Denkmal hinter- 
lassen , durch das Bonn immer eine der ersten Lehrstätten 
für archäologische Studien verbleiben wird. Seine akademische 
Tliätigkeit erhielt noch einmal eine längere Unterbrechung 
durch eine neue im J. 1841 nach Italien unternommene 
Reise, die sich diesmal bis nach Griechenland und Klein- 
Asien ausgedehnt hat. Nachdem Welcker noch das seltene 
Glück erlebt hatte, am 16. Oktober 18.59 sein fünfzigjähriges 
Dienstjubiläum als ordentlicher Universitätsprofessor feiern 
zu können, bei welcher Gelegenheit ihm die sprechendsten 
Beweise allseitiger Verehrung zu Theil wurden, musste er 
sich in Folge eines Augenleidens von seiner öffentlichen 
Thätigkeit zurückziehn. Dass aber sein geistiges Auge noch 
nicht erstorben war, das beweist seine bis in das höchste 
Greisenalter fortgesetzte literarische Thätigkeit. Der seltene 



Halm: Nekrolog auf Friedrich GottUeb WeWker. 387 

Mann vollendete sein irdisches Tagewerk am 17. De- 
zember 1868. 

Weicker hat durch eine grosse Reihe umfangreicher und 
epochemachender Werke seinem Namen als dem eines der 
sinnigsten und geistvollsten AlterthuLüsforscher ein dauerndes 
Andenken gesichert. Wie vielseitig auch seine Schrifteü er- 
scheinen, so steuern sie doch alle nach einem Ziele hin, das 
poetische Leben des griechischen Volkes nach seiu-n ver- 
schiedenen Richtungen zu durchdringen und in ikr Einheit 
des hellenischen Geistes zu erfassen. Da Poesie und Kunst 
der Hellenen mit der Religion in so innigem Zusammenhange 
stand, musste die Ergründuug der griechischen Mythologie 
eine der Hauptaufgaben für Welckers forschenden Geist 
werden. Keinem vor ihm ist es gelungen, die geschichtliche 
Entbtehung der griechischen Religion in ihren verschiedenen 
Entwicklungsstufen und Umbildungen so tief zu erfassen und 
die eigenthiimlicheu Formen, in denen sich Cultus und Glauben 
in den einzelnen Staaten gestaltet haben, so scharf und genau 
darzustellen. Da Weicker in den Schöpfungen der Kunst und 
Poesie das Walten ein und desselben Geistes erkannte, war 
er mehr als irgend einer seiner Vorgänger darauf bedacht, 
die verschiedenen Gebiete des Alterthumsforschung in einen 
innigen Zusammenhang zu bringen. In seinen grossartigen der 
Literaturgeschichte gewidmeten Werken , in denen er über 
das Epos, Drama und die Lyrik der Griechen ganz neue 
und ungeahnte Gesichtspunkte erschlossen hat, wies er nach, 
wie sehr sich die tiüaimerhafte Kenntniss der griechischen 
Poesie aus den Denkmälern der Kunst ergänzen und er- 
weitern lässt. Hinwiederum wurde durch eben diese so ideen- 
reichen Arbeiten auch das tiefere poetische Verständniss der 
griechischen Kunstwerke eigentlich erst erschlossen und ihr 
inniger Zusammenhang mit der Poesie mit feinem und sinnigem 
Bhcke nachgewiesen. Ein solches Erfassen war aber nur 
durch einen Geist möglich, der selbst ein tief poetischer war. 



388 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1870. 

In der Begrüssungsschrift der Bonner Universität zum Ju- 
bilaeum Welckers hat Ritschl sein Wesön ebenso treffend 
als schön bezeichnet, indem er ihn einen 'vates divino spi- 
ritu afflatus* nannte. Aus dem Innersten heraus, oft mit 
Ueberspringung gewisser Mittelglieder , für welche die ge- 
wöhnliche Kritik nach factischen Beweisen zu fragen pflegt, 
weiss er mit Seherblick das Wahre zu erschauen und zu 
ahnen. Dadurch war aber auch Welckers Methode wesenthch 
bedingt. Seine Schriften lesen sich nicht leicht und sind oft 
schwer zu verstehen; manches in ihnen erscheint dunkel, 
auch fehlt es nicht an Irrthümern und Verstössen im Ein- 
zelnen; aber wo er auch geirrt hat, ist auch sein Irrthura 
als aus tiefpoetischer Anschauung hervorgegangen in der 
Regel belehrend. Das Studium von Welckers Schriften ist 
kein leichtes, aber ungemein belohnend; denn sie werden 
für jeden , der in sie eindringt , eine unerschöpfliche Fund- 
grube geistiger Anregungen und fördernder Gesichtspunkte 
verbleiben. Soll man Welckers Verdienst um die Alterthums- 
Kunde mit einem kurzen Wort bezeichnen, so darf man mit 
einem kundigen Schüler und Fachgenossen sich unbedingt 
dahin aussprecben , dass was Winckelmann für die formale 
Seite der alten Kunst, das gleiche Welcker für ihre poetische 
Seite geleistet hat. 



Nur ein Monat nach Welckers Tode folgte ihm in das 
Grab ein Geistesverwandter 

Karl Willielm Göttling, 

gleichfalls ein hochgeachteter Name unter den Alterthums- 
Forschern dieses Jahrhunderts. 

Am 19. Januar 1793 zu Jena geboren vollendete Göttliug 
seine Gymnasialstudien auf dem Gymnasium zu Weimar, das 



Halm: NeJcrolog auf Karl Wilhelm Göttling. 389 

damals unter seinen Lehrern einen Franz Passow und Jo- 
hannes Schulze zählte. Durch die anregende Einwirkung 
dieser Männer für das Alterthum begeistert, begann er seine 
philologischen Studien auf der Universität seiner Vaterstadt; 
eine Unterbrechung führte die Theilnahme an dem Krieg 
gegen Frankreich herbei, den der junge Göttling im J. 1814 
in einem berittenen Corps freiwilHger Sachsen- weimarischer 
Jäger mitmachte. Nach Beendigung des Feldzuges begab er 
sich noch ein Jahr nach Berlin, um sich unter den grossen 
Philologen Fr. Aug. Wolf, Boeckh und Buttmann noch weiter 
auszubilden. Hierauf wirkte er mehrere Jahre als Lehrer 
auf dem Gymnasium zu Piudolstadt und als Director auf dem 
zu Neuwied, von welcher Stellung er 1821 freiwillig zurück- 
trat. Im nächsten Jahre wurde er zuui ausserordentlichen 
Professor in Jena ernannt, 1826 zum Oberbibliothekar der 
Universitätsbibliothek, 1831 zum ordentlichen Professor. Ge- 
diegene wissenschaftliche Leistungen und eine höchst er- 
folgreiche akademische Thätigkeit hatten Göttlings Namen 
rasch in weiteren Kreisen bekannt gemacht und ihm wieder- 
holte ehrenvolle Berufungen eingebracht , nach Schulpforta 
als Director , als akademischer Lehrer an die Universitäten 
zu Berlin, Göttingen und Tübingen. Er lehnte jedoch alle 
diese zum Theil unter sehr vortheilhaften Bedingungen er- 
gangenen Berufungen ab , aus Liebe zu seiner N'aterstadt, 
der seine Wirksamkeit fast ein halbes Jahrhundert angehört 
hat. Bei seinen vielseitigen Kenntnissen und geselligen Vor- 
zügen eine Seele des akademischen Lebens zu Jena hatte er 
auch noch das Glück, seine körperliche und geistige Rüstig- 
keit bis in das hohe Greisenalter zu bewahren; eben hatte 
er die Ordnung und Durchsicht einer dritten Sammlung seiner 
kleinen akademischen Schriften vollendet, als er am 20. Ja- 
nuar 1869 in einem Alter von 76 Jahren seiner segensreichen 
Wirksamkeit entrissen wurde. 

Sowohl der äussere Lebensgang wie die geistige Puchtung 



390 OeffenÜiche Sitzung vom 28. März 1870. 

Göttlings erinnern unwillkürlich an Welcker. Beide hatten 
in früher Jugend deu Ernst des Lebens im Waffendienste 
für das Vaterland kennen gelernt. Beide fanden Gelegenheit, 
für die Universität, welcher die Hälfte ihres Lebens ange- 
hörte , nicht blos auf dem Katheder , sondern auch als Bib- 
liothekare sich hohe V(^rdienste zu erwerben. Welcker war 
durch seine Liebe zur Kunst und Poesie noch in jungen 
Jahren nach Italien geführt worden und hatte die auf 
classischen Boden gewonnenen Anschauungen mit der ganzen 
Vollkraft jugendlicher Frische und Begeisterung in sich auf- 
genommen: auch Göttling fühlte sich von der gleichen Sehn- 
sucht ergriffen, die Stätten des classischen Alterthums und 
die Hauptmuseen Europas aus eigener Anschauung kennen 
zu lernen. Er studierte die reichen Antikensammlungen zu 
Paris und London, bereiste 1828 Italien und Sicilien , 1840 
Griechenland und auf dem Rückweg zum zweitenmale Italien, 
1852 durchwanderte er nochmals Griechenland und sah diesmal 
auch Constantinopel. Welcker war von Haus aus Archäolog, 
Göttling wurde es durch den fesselnden Eindruck, den die 
lebendige Anschauung so vieler Denkmäler der alten Kunst 
in seinem empfänglichen Geist erzeugt hatte. Auch darin 
eiferte er seinem grossen Mitforscher nach , dass auch er 
1845 ein Kunstmuseum in Jena begründete, das im Umfange 
zw^ar mit dem in Bonn nicht zu vergleichen, aber doch so 
ansehnlich geworden ist , dass keine kleinere deutsche Uni- 
versität sich eines gleich schönen erfreut. Welcker hatte 
über mehr Mittel zu verfügen und erwarb durch den Ruhm 
seines Namens viele kostbare Geschenke für sein Museum ; 
Götthng ersetzte die Unzulänglichkeit seiner Mittel durch 
edle Aufopferung , indem er die Erträgnisse von Vorlesungen, 
die er und gleichgesinnte Freunde vor gebildeten Kreisen 
Jena's wiederholt veranstalteten . zur Bereicherung seiner 
Lieblingsschöpfung verwendete. Welckers poetischer Geist 
verrieth eine innere Verwandtschaft mit dem hellenischen, 



Halm: Nekrolog auf Karl Wühehn Göttling. 391 

in Göttling sprudelte attischer Witz und Heiterkeit, die den 
Verkehr mit ii;ni zu einem so ungemein genussreichen machten. 
Endlich war beiden Gelehrten eine seltene Lebensdauer be- 
scliieden, Göttling insofern noch glücklicher denn Welcker, als er 
körperliche Gebrechlichkeit erst in den allerletzten Jahren 
seines langen Lebens zu fühlen anfieng. 

Was seine literarische Thätigkeit betrifft, so war sie in 
den frühereu Jahren seiner akademischen Wirksamkeit eine 
sehr fruchtbare. Rasch folgten aufeinander die Ausgaben 
des sogenannten Theodosios neol yquixuaTixi^g (1822), der 
Pohtik des Aristoteles (1824) und der Oekonomika (1830), 
der Gedichte des Hesiod (1831 und 1843), und die gründ- 
hche Monographie über den griechischen Accent (1835). Seine 
nächsten Schriften , die Geschichte der römischen Staatsver- 
fassung bis auf Caesars Tod (1840) und die XV römischen 
Urkunden (1845) waren der Erforschung der jömischen An- 
tiquitäten gewidmet. Damit schloss die Reihe der grösseren 
Arbeiten Göttlings ; dass jedoch seine schriftstellerische Thätig- 
keit nicht versiegte, dafür war durch seine Stellung als Pro- 
fessor eloquentiae der Universität gesorgt. Diese akademischen 
Gelegenheitsschriften, Opuscula acalemica, die Göttling selbst 
noch in drei stattlichen Bänden gesammelt hat (1851, 1864, 
1869) und sich in buntester Fülle fast auf alle Gebiete der 
griechischen und römischen Alterthumskunde erstrecken, geben 
ein rühmliches Zeugniss von der Vielseitigkeit, dem feinen 
Geschmacke und dem überall selbständigen Urtheil ihres 
Verfassers. 



392 OeffeniUche Sitzung vom 28. März 1870. 



Ludwig Yon Jan, 

geboren zu Castell am 2. Juli 1807, wo sein Vater gräflicher 
Kanzleidirector war, eihielt seine erste Vorbildung auf dem 
Gymnasium zu Wertheim , unterzog sich aber, nachdem er 
sich für das Studium der Philologie entschieden hatte, noch 
einer zweiten Maturitätsprüfung an dem Gymnasium zu Würz- 
burg, um dereinst in bayerische Dienste treten zu können. 
Hierauf begab er sich im Herbste 1825 nach München, wo 
er am Lyceuin und seit 1826 an der Universität seine höheren 
Studien hauptsächlich unter der Leitung von Thiersch vol- 
lendete. An Thiersch hatte Jan nicht blos einen höchst 
anregenden und begeisterten Lehrer, sondern auch einen 
warmen Freund gefunden, dem er das in ihn gesetzte Ver- 
trauen mit wahrhaft kindlicher Pietät bis zu dessen Tode 
aufs treueste gelohnt hat. Im J. 1822 wurde v. Jan an 
das neu organisierte Gymnasium zu Schweinfurt berufen, dem 
seine Thätigkeit volle neun und zwanzig Jahre angehört hat, 
bis ihm endlich die längst verdiente Beförderung zum Gym- 
nasialrector in Erlangen zu Theil ward. Doch nicht lange 
sollten Lehrer und Schüler sich eines so eifrigen und humanen 
Vorstandes erfreuen. Im Juni des J. 1868 erhielt v. Jan 
die erschütternde Nachricht, dass sein dritter Sohn, der als 
Bataillonsarzt den Feldzug des J. 1866 mitgemacht und sich 
nach dessen Beendigung zu seiner weiteren Ausbildung nach 
Prag und Wien begeben hatte, am Abend vor seiner Abreise 
von Wien durch eine tragische Verkettung unseliger Um- 
stände seinen Tod in den Wellen der Donau gefunden hatte. 
Dieser entsetzliche Schlag brach das Herz des zärtlichen 
Vaters; kein Jahr vergieng, so folgte auch er am 11. April 
1869 dem hoffnungsvollen Sohne in die ewige Heimat. 

Auf die literarische Thätigkeit Ludwigs von Jan übte 
einen bestimmenden Einfluss die Versammlung deutscher Natur- 



Halm: Nekrolog auf Ludwig von Jan. 393 

forscher, die 1827 in München tagte. Auf ihr wurde der 
Gedanke angeregt, mit gemeinsamen Kräften eine kritisch 
berichtigte und erklärende Ausgabe von der grossen Natur- 
geschichte des Ph'nius herzustellen. Zwei Männer, deren An- 
sichten sonst sehr weit auseinandergingen, Oken und Thiersch, 
begegneten sich damals in einem Brennpunkt, in dem Feuer- 
eifer, mit dem sie die angeregte Idee verfolgten. Zunächst 
galt es die Vorarbeiten des grossen Weikes, von dem nur 
der philologische Theil zu Stande gekommen ist, zu be- 
schaffen. Dem Vertrauen und Einfluss von Thiersch ver- 
dankte es V. Jan, da-s er dazu ausersehen wurde, die Hand- 
schriften des Plinius in den Bibliotheken von Italien und 
Paris zu vergleichen. Von seiner längeren Reise zurückge- 
kehrt, erwarb er sich 1830 den Docturgrad durch eine Ab- 
handlung über Plinius, in welcher er einen Bericht über die 
Ausbeute seiner Reise erstattete und zuerst die Vermuthung 
aussprach, dass das Werk des Plinius, wie es in den bis- 
herigen Ausgaben schloss, nicht vollständig sein könne, eine 
Vermuthung, die durch den Bamberger Codex ihre glänzende 
Bestätigung erhalten hat. Aus dem Umstände dass v. Jan 
erst geraume Zeit, nachdem er seine Hauptcollationen be- 
endet hatte, auf diese wichtige Handschrift, ohne welche die 
sechs letzten Bücher des Plinius nie lesbar geworden wären, 
geführt worden ist, ergibt sich von selbst, dass bei den Vor- 
bereitungen für das grosse Unternehmen eine gewisse Ueber- 
stürzung, nicht die nöthige Umsicht obgewaltet hat. Das 
zeigt sich auch darin, dass mit der Besorgung des Textes 
der neuen Ausgabe der Dresdner Gelehrte Sillig betraut 
wurde; denn da der grössere Theil der Verbesserungen in 
Silligs Ausgabe von Jan herrührt , so kann es keinem Zweifel 
unterliegen, dass man seinen Händen mit besserem Fug die 
Verarbeitung des gesammelten Materials anvertraut hätte. 
Aber wenn er auch nicht der Bearbeiter der giossen kritischen 
Ausgabe geworden ist, so hat er doch seinen Plinius nie 



394 Oeffentliche Sitzung wm 2S. Mars 1870. 

wieder aus den Händen gelegt. Jan's Arbeiten auf der Bam- 
berger Bibliothek und seine vieljälirige Beschäftigung mit 
Handschriften führten ihn hierauf auf den Philosophen Seneca; 
nach schönen Vorarbeiten fasste er den Plan zu einer kritischen 
Ausgabe dieses Schriftstellers, gab ihn aber leider auf, als 
er erfuhr, dass Tick er t in Breslau schon seit längerer Zeit 
mit der gleichen Arbeit beschäftigt sei; man darf wohl sagen 
leider ; denn Fickerts Ausgabe des Seneca kann fast als 
Muster gelten, wie man eine kritische eines alten Autors 
nicht zu bearbeiten hat. Von diesem Plane abgekommen 
wendete v. Jan seine Thätiizkeit dein vernachlässigten Ma- 
crobius zu, für welchen Schriftsteller er mit eisernem Fleisse 
ein staunenswerthes Material aufgebracht hat. In seiner sehr 
verdienstlichen Ausgabe, die in zwei starken Bänden 1848 — 
1852 erschienen ist, hat er sich auch nicht die Mühe ver- 
driessen lassen, mit dem kritischen Commentar einen voll- 
ständigen exegetischen zu verbinden, und so die Form einer 
Bearbeitung gewählt, die für alle Schriftsteller der späteren 
Zeit, die nur selten gedruckt werden, massgebend sein sollte. 
Ein weiterer Plan von Jans, mit Unterstützung der hiesigen 
Akademie einen sachlichen Commentar zu Plinius herau'^zu- 
geben, ist nicht zur Ausführung gekommen, wohl aber lieferte 
er noch eine Textausgabe desselben in der bekannten Teubner'- 
schen Bibliothek, die 1854 — 1865 in sechs Bänden er- 
schienen ist. Eine zweite Bearbeitung des ersten Bandes hat 
er noch vollendet, aber nicht mehr ihren Druck erlebt. Da 
der Schriftsteller, dem Ludwig von Jan seine Hauptthätig- 
keit gewidmet hat, ein ebenso umfangreicher als schwieriger 
ist, und da er für dessen Verbesserung und Erklärung sich 
ganz unbestrittene Verdienste erworben hat , so wird auch 
in kommenden Zeiten sein Name unter den verdienten Philo- 
logen des neunzehnten Jahrhunderts immer mit Achtung ge- 
nannt werden. 



Halm: Nekrolog auf Otto Jahn. 395 



Otto Jahn 

wurde am 16. Juni 1813 zu Kiel geboren, wo sein angesehener 
Vater die Stelle eines Landessyndicus bekleidete. Nachdem 
er in seiner Vaterstadt seine Gyranasialbildung erhalten und 
in Sclmlpforta vollendet h;itte, besuchte er die Universitäten 
Kiel, Leipzig und Derlin und betrieb unter der Leitung von 
Nitzsch, Gottfr. Hermann, Boeckli und Lachmann vor- 
zugsweise philologische Studien. Da in den Kreisen, in denen 
Jahn seine erste Jugendzeit verlebt hatte, die Musik eine 
reiche Ptiege fand, war das entschieden musikalische Talent 
des Knaben schon frühzeitig geweckt worden; in den Jüng- 
liugsjahren ward keine Gelegenheit versäuint, es weiter aus- 
zubilden. Lange schwankte Jahn, ob er ganz die künstlerische 
Laufbahn einschlagen sollte; der V^unsch seines Vaters, der 
Rath Dehns, seines Lehrers in der musikalischen Composition, 
und der gewaltige Einfluss Kail Lachmanns entschieden 
endhch dafür, die wissenschaftliche Laufbahn vorzuziehn. 
Nachdem sich Jahn im J. 1836 durch eine Abhandlung über 
Palaniedes den Doctorgrad in Kiel erworben und den nächsten 
Winter in Kopenhagen verlebt hatte , unternahm er durch 
ein Stipendium der dänischen Regierung unterstützt eine 
grössere Reise nach Frankreich, der Schweiz und Italien, 
theils um sich weiter auszubilden , theils um das nöthige 
Material für seine beabsichtigte Bearbeitung der römischen 
Satiriker zu sammeln. In Paris find nicht blos sein musi- 
kalischer Enthusiamus im Besuche von Opern und Concerten 
die reichste Sättigung, sondern es ward auch zuerst sein 
künstlerischer Sinn durch die Antikensammlungen der Welt- 
stadt zu archäologischen Studien angeregt. Diese fortzube- 
treiben und zur hauptsächlichen Lebensaufgabe zu machen 
bestimmte bei längerem Aufenthalt in Rom der ergreifende 
Eindruck seiner Kunstdenkmäler, die anregende ßetriebsauikeit 



396 OeffentUche Sitzung vom 28. Mars 1870. 

des archäologischen Instituts und die ermunternde Zuspräche 
EmiTs Braun, des kunstbegeisterten Sekretärs des Instituts. 
Schon frühzeitig ein leidenschaftlicher Büchersammler erwarb 
Jahn in Ilora den für lateinische Inschriftenkunde bedeutenden 
Nachlass von Olaus Kellermann, dem er ein schönes Denk- 
mal in seinem Specimen epigraphicum in momoriani Olai 
Kellermanni (Kiel 1841) gesetzt hat. 

Von seiner Reise reich an neuen Anschauungen und 
Erwerbungen zurückgekehrt begann Jahn seine akademische 
Wirksamkeit zuerst in Kiel, wurde hierauf Professor in 
Greifs wähl und nach dem Tode des dor Wissenschaft zu 
früh entrissenen Wilhelm Adolf Becker in Leipzig, wo er 
in Verein mit seinen intimen Freunden Haupt und Moramsen 
eine sehr fruchtbiire Thätigkeit entwickelte. Leider ward 
ihr bald ein Ziel gesetzt durch den Ausbruch der politischen 
Stürme der Jahre 1848 und 49. Der rege Antheil, den die 
drei Freunde an den Bewegungen für eine deutsche Einheit 
nahmen, hatte bekanntlich die Folge, dass sie ihrer aka- 
demisc'ien Thätigkeit enthoben wurden. Der unfreiwilligen 
Müsse, in die sich Jahn dadurch versetzt sah, ist es zu 
danken, dass die prachtvolle Vasensamnilung Königs Lud- 
wigs I an Jahn den kundigsten Beschreiber gefunden hat. 
Ausserdem wurde ein längerer Aufenthalt in Süddeutschland 
dazu benützt, um für die beabsichtigte Biographie des musi- 
kalischen Dreigestirns, Jos. Haydn, Mozart und Beethoven, 
die umfassendsten Vorstudien und Sammlungen zu machen. 
Erst im J. 1855 wurde Jahn durch die Berufung nach Bonn 
seiner akademischen Thätigkeit wieder zurückgegeben. Er 
hat das seinige redlich gethan, den Glanz der Bonner philo- 
logischen Schule, die Welcker's grosses Vorbild und Ritschl's 
eminente Lehrgabe so sehr gehoben hatten, zu erhalten und 
zu vermehren. Das von Welcker geschaffene akademische 
Kunstmuseum erfreute sich unter Jahn's Leitung überaus 
reichen Zuwachses, das von ihm begründete archäologische 



Malm: Nekrolog auf Otto Jahn. 397 

Seminar wurde Muster für ähnliche Einrichtungen auf an- 
deren Universitäten. Daneben gieng die schriftstellerische 
Thätigkeit in fast unerschöpflicher Fülle fort und steigerte 
sich in den k-tzteu Lebensjahren Jahns zu einer solchen 
Höhe, dass sie fast als ein Vorbote baldigen Hiuscheidens 
erscheinen mus&te. In diese Jahre fällt ausser einer grossen 
Anzahl von Monographien die Sammlung seiner biographischen 
und musikalischen Essays (Leipzig 1866) und der populären 
Aufsätze aus der Altertl. umswissenschaft (Bonn IS68). ^Ianches 
mochte zusammengewirkt haben, um uie Kraft des so starken 
Mannes plötzlich zu brechen , die lähmende Nachwirkung 
schwerer häuslichen Schläge, die ihn betroffen hatten, eine 
geistige üeberanstrengung , die bei den fast drakonischen 
Gesetzen, die er als Schriftsteller sich aufgelegt hatte, nicht 
Wunder nehmen kann, vielleicht auch die zu späte Erkennt- 
niss, dass der mit Leidenschaft geführte Kampf, der mit 
Ritschl's Ausscheiden von Bonn endete, der Universität doch 
einen schweren Schlag versetzt hatte. Fast zum Skelete ge- 
worden setzte Jahn doch noch seine Vorlesungen im Sommer 
des J. 1869 bis zum nahen Semesterschlusse fort . ordnete 
hierauf sein Haus und liess sich zu Verwandten nach Göt- 
tingen geleiten, in deren zärtlicher Pflege der rastlose Mann 
nach kurzem Krankenlager am 9. September seine irdische 
Ruhe gefunden hat. 

In wie verschiedenen Gebieten auch Otto Jahn gearbeitet 
hat, als Philolog und Archäolog, als musikalischer Kritiker 
und Geschichtschreiber, als Biograph und deutscher Literar- 
Historiker, so tragen doch seine sämmtlichen schriftstelleri- 
Bchen Leistungen ein festes gemeinsames Gepräge. Sie 
zeichnen sich alle durch die solideste Gelehrsamkeit aus, 
durch sichere Beherrschung des ganzen einschlägigen Stoffes, 
durch strenge sich nie genügende Forschung, durch geschmack- 
und lichtvolle Darstellung, eridlicli durch das Bestreben einer 
jeden Leistung, ob gross oder klein, die hö'iere Weihe einer 
[1870. I. 3 ] 26 



398 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1870. 

künstlerischen Schöpfung zu verleihen. Fast möchte man 
bedauern . dass sich Jahn auch für kleinere Arbeiten so 
strenge Gesetze vorgeschrieben hat. Denn da er so vieles 
unternahm und in jeder literarischen Arbeit ein nach Form 
wie Inlialt abgerundetes Meisterwerk zu liefern bestrebt war, 
musste ihm zuletzt die Zt-it gebrechen , um auch auf dem 
Gebiete der Archäologie und Philologie ein grösseres durch- 
greifendes Werk wie in der musikalischen Literatur seinen 
Mozart zu hinterlassen. Aber dass ihm über dem Detail 
nicht der Sinn für das Ganze abhanden gekommen ist, zeigt 
eben die Art, wie er jede Studie ausgeführt hat, die ohne 
sichere Beherrschung des ganzen Gebietes nicht möglich ge- 
wesen wäre. Jahn war Philolog im besten Sinne des Wortes 
und hat, wie er sich selbst rühuit, die Strenge pliilologischer 
Methodik auch auf andere Gebiete übertragen , das heisst 
er hat, wie sich Mommsen in seinem seelenvollen Nachruf 
in der archäologischen Zeitung unvergleichlich treffend aus- 
drückt, ,,die rücksichtslos ehrliche, im Grossen wie im Kleinen 
vor keiner Mühe scheuende, keinem Zweifel ausbiegende, keine 
Lücke der Ueberheferung oder des eigenen \Vissens über- 
tünchende , iiijmer sich selbst und anderen Rechenschaft 
It^gende Wahrheitsforschung auf Gebiete übertragen, die bis 
jetzt der Dilettantismus beherrscht hatte." 

In seinen philologischen Arbeiten hat sich Jahn sowohl 
als tüchtiger Kritiker wie Erklärer bewährt durch seine Aus- 
gaben des Persius und Juvenalis, des Censorinus de die na- 
tali, von Gicero's Brutus und Orator, des Florus, der Peri- 
ochae des Livius etc. Die diesen Ausgaben vorangeschickten 
Einleitungen haben hohen Werth für die Literaturgeschichte, 
für die Jahn auch in seinen Abhandlungen über römische 
Encyclopädien und über die Subscriptionen in den Hand- 
schriften römischer Classiker sehr schätzbare Beiträge ge- 
liefert hat. In seinen letzten mit griechischen Schriftwerkeu 
sich befassenden Arbeiten, den Ausgaben von Sophokles 



Halm: KeTcroJog auf Otto Jahyi, 399 

Elektra, des Platonischen Symposion, des Longinos de sub- 
liraitate, bat er ein Muster geliefert, wie solche Schriften zur 
Grundlegung für akademische Vorlesungen in fruchtbringender 
Art zu behandeln sind. 

Die schriftstellerische Thätigkeit Jahns als Archäolog ist 
von staunenswerthem Umfang; eine Sammlung der betref- 
fenden grösseren und kleineren Schriften , von denen wir 
uur die Abhandlungen über die Ficoronische Cista, über die 
Lauersforter Phalerae , über den Aberglauben des bösen 
Blickes bei den Alten und die Darstellungen des Handwerks 
und Handelsverkehrs auf antiken Wandgemälden, Reliefs und 
Vasenbildern hervorheben, würde eine stattliche Reihe von 
Bänden füllen. Manche dieser Arbeiten greifen weit über 
die Grenzen des eigentlichen Vorwurfs hinaus, wie z. B. die 
Beschreibung der hiesigen Vasensammlung , df^ren gegen 
250 Seiten des engsten Drucks umfassende Einleitung eine 
erschöpfende Monographie über alles Wissenswerthe auf dem 
Gebiete der alten Vasenkunde enthält. Zeichnen sich alle 
diese Arbeiten auch nicht gerade durch eine Fülle von neuen 
Ideen aus, so haben sie doch auf einem Gebiete, wo das 
Nebeln und Schwebein der Symboliker und ein unfertiger 
Dilettantismus in der nächst vorhergehenden Zeit soviel Un- 
heil angerichtet hatte, durch ihre nüchterne Solidität, durch 
feste und sichere Methodik der Forschung und durch er- 
schöpfende Verwerthung des ganzen einschlägigen Materials 
für die innere Kräftigung der Archäologie überaus fördernd 
eingewirkt. Sowohl als Lehrer, wie als Schriftsteller hat 
Jahn sehr viele Jünger für die Archäologie gewonnen und 
für die erweiterte Kenntniss des antiken Kunstlebens wie 
Wenige vor ihm beigetragen. 

Da es zu der Eigenart Jahns gehörte in seinen wissen- 
schaftlichen Arbeiten nichts zu übersehen, was irgendwie zur 
Aulklärung eines alten Schrift- oder Kunstwerks dienen konnte, 
so war er ganz besonders auch zu biographischen Darstel- 

26* 



400 OeffenÜiche Sitzung vom 28. März 1870. 

lungen berufen. Bei seiner feinen Beobachtungsgabe und 
seinem unermüdlichen Eifer, immer zu einem vollen Ver- 
ständniss zu gelangen, wusste er jedem Charakter, den er 
schilderte, alle Falten des Geistes und Herzens abzulauschen 
und die Ergebnisse seines Sichhineinlebens in eine fremde 
Individualität zu einem wohlgerundeten Bilde zu gestalten. 
Jahns biographische Darstellungen erinnern in ihrer feinen 
und sauberen Ausführung unwillkürlich an die berühmten 
biograijhischen Denkmale Varnhagens von Euse, wie auch 
die Zierlichkeit und Sauberkeit der Schriftzüge beider 
Männer eine unverkennbare Aehnlichkeit aufweist. Dabei 
war Jahn ein entschiedener Feind aller Phrasenmacherei und 
alles Haschens nach rhetorischen Effecten, fast möchte ujan 
sagen in zu hohem Grade; denn eine massige Anwendung 
rhetorischer Kunstmittel hätte manchmal sicherlich nicht ge- 
schadet, um der spiegelklaren Glätte seiner Darstellung mehr 
Wärme und Schwung zu verleihen. Charakteristisch für die 
Art, wie Jahn zu schaffen pflegte, ist der Vortrag, den er 
bei der Uhlandsfeier zu Bonn (am 11. Februar 1863) ge- 
halten hat. Wie für seine berühmten Beiträge zur Goethe- 
literatur, so waren auch für diesen Zweck seine Vorstudien 
so gründlich und umfassend, dass der Vortrag in der Heraus- 
gabe zu einem ganz stattlichen Buche von 231 Seiten er- 
wachsen ist. Aber was eiserner Fleiss, gepaart mit der 
gründlichsten Sachkenntniss zu leisten im Stande ist, das 
hat er als musikalischer Schriftsteller in seiner Mozart- 
biographie dargethau. 

Dass Jahn musikalische Studien nicht etwa blos im In- 
teresse allgemeiner Bildung, sondern aus dem inneren Be- 
dürfniss eines angebornen Talents und mit fachmässigem 
Ernste betrieben hat, das beweisen seine im Druck er- 
schienenen Compositionen (Lieder mit Ciavierbegleitung und 
Gesänge für vierstimmigen Chor), in denen nach dem Urtheil 
von Kennern neben einem feinen Stimmungsgefühl die Be- 



J 



Halm: Nekrolog auf Otto Jahn. 401 

herrschuDg der musikalischen Formen und technische Satz- 
gewandtheit überraschen *). 

Grosses Aufsehen erregte Jahn's im J. 1852 erschienener 
Ciavierauszug von Beetlioven's Leonore (des späteren Fidelio), 
in welchem er die Compositionen der ersten und zweiten 
Bearbeitung dieser Oper sorgfältig zusammenstellte und diese 
für Beethoven's Bildungsgang und die innere Geschichte des 
genialen Kunstwerks höchst wichtigen Musikstücke der Ver- 
gessenheit entriss. Die gesammelten Aufsätze über Musik 
enthalten interessante mit scharfsinniger (Kombination ange- 
stellte Einzelnuntersuchungen und erregten schon bei ihrem 
ersten Erscheinen durch ihre wissenschaftliche Schärfe sowohl 
als künstlerische Sachkenntuiss grosse Bewunderung. 

Im J. 1856 trat Jahn mit dem ersten Bande seiner 
Biographie Wolfg. Amad. Mozarts hervor , 1859 war das 
Werk in vier starken Bänden vollendet. Nach dem über- 
einstimmenden Urtheile deutscher wie ausländischer Beur- 
theiler errang sich Jahn mit diesem Meisterwerke eine der 
ersten Stellen unter den musikalischen Historikern und Aesthe- 
tikern. Von dem gewissenhaftesten Studium der Quellen 
ausgehend verwerthete er das überreiche Material mit durch- 
dringender Sachkenntuiss unter gleichmässiger Beachtung aller 
einschlägigen Fragen , der specitisch künstlerischen sowohl, 
wie der ethischen und psychologischen , so dass Mozart als 
Künstler und Mensch mit voller Klarheit vor das geistige 
Auge des Lesers tritt. Das Weik bietet zugleich ein gutes 
Stück Musikgeschichte aus der zweiten Hälfte des acht- 
zehnten Jahrhunderts. Denn in die^e Zeit fällt, um nur die 
wichtigsten Momente anzudeuten, die Emancipation der Oper 
von der Opera seria durch Gluck, die Begründung der 



*) Bei der Würdigung Jahn's als Musikschriftsteller erfreute sich 
der Verfasser der gütigen Beihilfe des Herrn Conservators Julius 
Maier. 



402 OeffentUche Sitzung vom 38. März 1870. 

deutschen Oper durch Mozart und die Ausbiklung der selbst- 
stäudigen Instrumentalmusik und Feststellung ihrer Formen 
durch Phil. Emmanuel Bach und Jos. Haydn. Alle diese 
Fragen hat Jahn mit erschöpfender Quellenkunde , mit tech- 
nisch sicherem Blicke und mit plastischer Kunst der Dar- 
stellung behandelt und für sie einen so reichen Vorrath von 
Literatur und Hilfsmitteln beigebracht, dass sein Werk weit 
über die Bedeutung einer Einzelnbiographie hinaus eine um- 
fassende Quellensammlung für die Geschichte der Tonkunst 
in jener Epoche bietet. Aber wie hoch auch der historische 
\Yerth des Buches erscheint, so ist sein kritisch - ästhetischer 
doch fast noch bedeutender. Man hat mit Recht gerühmt, 
dass Jahn bei der AYürdigung der Werke Mozarts jene Art 
der Betrachtung, die seit Lessing in der bildenden Kunst 
herrschend geworden, zuerst in das musikalische Gebiet über- 
tragen habe. Die Analyse der Werke Mozarts eröffnet uns 
einen deutlichen Einblick in die Werkstätte des Meisters, indem 
Jahn so tief, als es menschlichem Auge vergönnt ist, in das 
geheimnissvolle Schaffen des Genius eindringt und uns dann 
wieder mit bewusster Klarheit die vollendete Schönheit eines 
fertigen Kunstwerks vor Augen stellt und seine Wahrheit an 
der üebereinstimmung von Inhalt und Form nachweist. 

Man hat es oft mit Bedauern ausgesprochen, dass Jahn 
nicht mehr dazu gekommen sei , auch die verheissenen Bio- 
graphien von Beethoven und Joseph Haydn zu liefern. Seien 
wir zufrieden , dass er den einen Meister in so eingehender 
und umfassender Weise behandelt hat; denn dadurch ist es 
ihm gelungen, mit einem bis jetzt unübertroffenen Muster 
einer musikalischen Biographie die deutsche Literatur zu 
bereichern. 



V. KobeU : Nekrolog auf Christian Erich Hermann v. Meyer. 403 



l{ b) Der Sekretär der luath.-phys. Classe Herr v. Kobell: 

Christian Erich Herinanu von Meyer, 

geboren am 3. September 1801 zu Frankfurt a. M. , gestorben 
am 2. April 1869 ebenda. 

Seit Cuvier in seinem Recherches sur les ossemcns 
fossiles (1813) aus Knochen und Zähnen die am Montmartre 
gefunden wurden, eine eigene zuvor nicht geahnte Thierwelt 
kenneu lehrte , hat sich die Kunst aus Fragmenten und 
einzelnen Theilen ganze Skelette zusammenzusetzen und zu 
I charakterisiren allmählig mehr ausgebildet und neue Studien 
der vergleichenden Anatomie herbeigeführt. Zu den eifrigsten 
und befähigsten Forscliera auf diesem Gebiete gehörte 
Hermann von Meyer. Er erkannte zwar bald, dass Cuvier's 
Ausspruch , man könne auf dem Wege der Analogie aus 
einem Theil das Ganze ersehen oder ein einzelner Zahn habe 
ihm über das Thier allen Aufschluss gewährt , durchaus 
nicht von allgemeiner Geltung sei , dass er im Gegentheil 
höchst trügerisch und zu den seltsamsten Irrthümern führe. 
Das hielt ihn aber nicht ab, auf der einmal betretenen Bahn 
vorwärts zu gehen. 

Mit welchem Fleiss er die Aufgabe erfasste, zeigt sich 
schon in seinem 1832 erschieneneu Werke ,,Palaeontologica 
zur Geschichte der Erde und ihrer Geschöpfe", wo er, die 
fossilen Fische ausgenommen , eine umfassende Uebersicht 
der bis dahin entdeckten vorweltlichen Wirbelthiere gegeben 
hat. In dieser Schrift veröffentlicht er auch zuerst sein 
System der fossilen Saurier nach ihren Organen der Bewegung 
und fügt eine Abhandlung bei über die Gebilde der Erd- 
rinde, in denen Ueberreste von Geschöpfen gefunden worden. 
Er bespricht darin die Bedeutung der Versteinerungskunde 



404 Oeffentliclie Sitzung vom 28. März 1870. 

für die Charakteristik der Formationen , wie sie zuerst von 
Lister (1682) und William Smith (1790) dann von Cuvier 
und Brogniart hervorgehoben wurde. Er berücksichtigte bei 
seinen Studien die Vorkommnisse aller Länder , namentlich 
auch die von Bayern, dem Lande, von welchem er sagt, 
dass es beinahe die ganze Mannigfaltigkeit umfasse, mit dor 
die Geologie ausgestattet sei. Der Muschelkalk von Bayreuth 
lieferte ihm aus der Sammlung des Grafen Münster mehrere 
neue Saurier und ebenso der Lias von Banz, in welchem er 
nicht nur die gewöhnlichen Versteinerungen dieser Formation, 
sondern alle Ueberreste erkannte, welche Bukland in Oxford 
aus dem Lias von Lyme Regis bekannt gemacht hat. Die 
von dem Herzog Wilhelm von Bayern im Schlosse zu Banz 
angelegte Sammlung hat ihm dazu reiches Material geboten. 
Die Juraformation von Solenhofen, Pappenheim und Mouheim 
hat er eingehend studirt und in seinem Prachtwerk ,,die 
Reptilien aus dem lithographischen Schiefer des Jura in 
Deutschland und Frankreich", welches er unserer Akademie 
bei ihrem 100jährigen Jubiläum 1859 dedicirte, äussert er, 
dass die seltenen Schätze Bayerns es waren , welche ihn 
damals vor 33 Jahren der Paläontologie zugeführt haben, 
einem Studium, welches ihm die erhabensten Genüsse geboten. 
Die Versteinerungen der Solenhofer Schiefer gaben ihm (1829) 
Veranlassung zur Aufstellung eines sehr seltsamen, früher 
vielfach misskannten Genus , welches er Aptychus nannte 
und wovon er später 8 Species bestimmte, dort entdeckte 
er mehrere Saurier, darunter den Racheosaurus, Aeolodon, 
Gnathosaurus, Pleurosaurus etc. — Der Besuch der Fund- 
stätten von Gmünd bei Georgen — Gmünd, 6 Stunden von 
Ansbach, führte ihn zur Entdeckung des ersten Paläotherium 
ausserhalb Frankreich sowie zu seinem Dinotherium Bavaricum 
(später auch bei Steinkirchen unfern Pfaflfenhofen gefunden) ; 
der Kalkstein von Ruhpoldiug lieferte ihm ein nach eigen- 
thümlichem Typus gebildetes Thier, welches er Psephoderma 



V. KdbeTl: Nekrolog auf Christian Erich Hermann v. Meyer. 405 

nannte und später in analogen Formationen Italiens und 
Englands ebenfalls fand. 

Das oben citirte Werk bildet die 4. Abtheilung seiner 
Fauna der Vorwelt , wovon die erste vom Jahre 1845 die 
fossilen Säugethiere, Vögel und Reptilien aus dem Molasse- 
Mergel von Oeningen bespricht , die zweite die Saurier des 
Muschelkalks und aus dem bunten Sandstein und Keuper 
und die dritte das Vorkommen dieser Thiere im Kupfer- 
schiefer und in der Zechsteinformation (1856). Daneben 
publicirte er mit zahlreichen Abhandlungen seine Palaeo- 
graphica von 1845 an mit den Studien über fossile Fische, 
über die Reptilien der Steinkohlenformation in Deutschland etc. 
und gab mit Th. Plieuinger (1844) das Werk heraus: Beitrcäge 
zur Palaeontologie "Würtembergs , enthaltend die fossilen 
Wirbelthierreste aus den Trias -Gebilden , mit besonderer 
Rücksicht auf die Labyrinthodonten des Keupers. 

Es ist erstaunlich, welche Masse von Arbeit Meyer für 
diese Werke übernommen und welche Thätigkeit er zum 
Nutzen und zur Belehrung Anderer entwickelte. Aus allen 
Ländern wurden ihm fossile Knochen und Thierreste zuge- 
schickt, um seine Ansicht darüber zu vernehmen und von 
ihm die Bestimmung derselben zu erhalten. Es wird kaum 
einen Gelehrten gegeben hab*jn . welcher mit seinen Fach- 
genossen so in wissenschaftHchem Verkehr stand wie er und 
Ton den glänzendsten Namen fehlt keiner darunter. Seine 
Abbildungen sind mit dem grössten Fleisse angefertigt und 
haben vor anderen ähnlicher Werke den Vorzug, dass sie 
von seiner eigenen Hand gezeichnet sind, denn kein Künstler 
kann in dieser Beziehung den Mann des Faches erreichen, 
wenn dieser selbst die Darstellung zu geben vermag. Dass 
seine Forschungen durch reiche Funde belohnt wurden, 
konnte nicht fehlen und er erlebte dabei manche Ueber- 
raschung; so das Vorkommen der Klasse der Vögel schon 
zur Zeit der Kreideformation, welches er in den Glarner- 



406 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1870. 

Schiefern nachwies (1839), das Vorkommen von Hippopotamus 
im Rheinischen Gebiete 1840), das Vorkommen des Simo- 
saurus in Deutechland aus dem Muschelkalk von Ludwigs- 
burg (1842), das Auffinden des ersten Fleischfressers in der 
Braunkohle zu Käpfnach in der Schweiz (1842), die mannig- 
faltigen Vogelreste im Tertiärgebilde von Weisenau im Mainzer 
Becken, dessen Reichthum an Wirbelthieren er besondere 
Aufmerksamkeit schenkte und 61 Species in 760 Individuen 
unterschied (1843), das Vorkommen von Fledermausartigen 
Thieren ebenda (1845) u. s, w. 

,,Die Erde scheint nur zu gebären! ruft er in einem 
Briefe von 1846 aus (wo er die Entdeckung eines neuen 
Pterodaktylus [Pt. Gemuiingi] ankündigt), je mehr man mit 
der Untersuchung vorweltlicher Geschöpfe sich abgiebt, je 
mehr die Methode sich ausbildet, nach der die Unter- 
suchungen zu geschehen haben , je mehr Formen früherer 
Schöpfung man kennen lernt, desto reicher fallen die Ergeb- 
nisse aus, welche die Untersuchung neuen Materials liefert 
und es lässt sich voraussehen, dass die bereits aufgefundene 
nicht unansehnliche Zahl fossiler Geschöpfe noch rascher als 
bisher zunehmen werde." 

Die Erfolge, welche Meyer im Gebiete der Wissenschaft 
errang, sind nicht, wie wohl sonst zu geschehen pflegt, 
durch einen geregelten Studiengang vorbereitet worden; 
Meyer war anfangs dem Handelsstande bestimmt und brachte 
3 Jahre bei seinen Onkeln, den Bankiers Gebrüder Meyer 
als Lehrling zu , worauf er um Cameralia zu studiren nach 
Heidelbeig ging und sich da nebenher mit den Naturwissen- 
schaften beschäftigte, die ihn schon in früher Jugend ange- 
zogen hatten. Ein weiterer Aufenthalt in München und 
vielerlei Reisen, die vorzügUch zu seinen wissenschaftlichen 
Zwecken unternommen wurden, mehrten rasch seine Kennt- 
nisse und bestimmten die Wahl des Systems seiner Forschungen. 
Dabei übernahm er mancherlei Arbeit in administrativen 



f. Kohell: Kelrölog arif Christian Erich Hermann r. Meyer. 407 

Dingen und Rechnungsangelegenheiten seiner Vaterstadt und 
hat (las Amt eines Eundeskassiers 30 Jahre lang in Ehren 
geführt. In einem von ihm verfassten Tagebuch findet sich 
folgende charakterisirende Stelle : Es ist mir gelungen, sagt 
er, mich in meiner wissenschaftlichen TLätigkeit völlig frei 
zu erhalten. Ich habe nie von der Wissenschaft Bezahlung 
genommen, die Stellen, wie Professuren mit Einkommen ab- 
geschlagen, um nicht in die Zunft eintreten zu müssen, kein 
Honorar für meine literarische Thätigkeit genommen , um 
gegenüber den Verlegern eine völlig unabhängige Stellung 
einzunehmen; ich habe lieber meine Existenz durch frei- 
willige Üebernahme tiner amtlichen Stelle im Fache der 
Administration gefristet, die andern Männer von wissen- 
schaftlicher Richtung vielleicht ein Gräuel gewesen wäre, 
mir aber einen erwünschten Gegensatz im Leben bot und 
es möglich machte, mich dauernd beschäftigt zu erhalten. — 

Mejer ward durch die Diplome vieler gelehrten Gesell- 
schaften, es sind deren 34, ausgezeichnet und erhielt (1847) 
von der Holländischen Societät der Wissenschaften die goldene 
Medaille und von der geologischen Gesellschaft in London 
den WoUaston'schen Preis, die Universität Würzburg ernannte 
ihn (1845) zum Doctor der Philosophie und im Jahre 1863 
wurde er mit dem Ritterkreuz des k. österreicliischen Franz- 
Joseph-Ordens geschmückt. — 

Seinen literarischen und künstlerischen Nachlass hat 
die Familie unserer Akademie als ein sehr werthvolles Ge- 
schenk zugewendet, es ist ein Dokument der rastlosen Thätig- 
keit und der sorgfältigen Forschung , welche den leider 
Dahingegangenen ausgezeichnet haben. — 

Herr Akademiker Professor Zittel ist, dem Wunsche der 
Akademie nachkommend, mit einer besonderen Denkschrift 
auf den Verstorbenen beschäftigt. 



408 OeffentUche Sitzung vom 28. Märst 1870. 

Thomas Graham^ 

geboren 1805 am 20. Dezember zu Glasgow, gestorben 
1869 am 18. September zu London. 

Graham war der Sohn eines Kaufmanns zu Glasgow, 
wo er den ersten Schulunterricht erhielt; 1826 wurde er 
an der dortigen Universität Magister Artium, studirte dann 
in Ediuburg und gründete bei seiner Rückkehr ein Labora- 
torium für praktische Chemie. Von 1830—37 war er 
Professor der Chemie am Anderson'schen Institut zu Glasgow 
und dann am University-CoUege in London. Seit 1855 be- 
kleidete er auch die Stelle eines königl. Münzmeisters in 
London, — 

Graham hat sich durch seine Arbeiten mit Recht den 
Ruf eines hervorragenden Chemikers erworben und die 
Wissenschaft der Chemie nach mehreren Richthngen erweitert 
und bereichert. 

In einer Reihe von Abhandlungen hat er die Diffusion 
der Flüssigkeiten untersucht, d. i. die freiwillige Vertheilung 
einer löslichen Substanz in dem Lösungsmittel, Er beobachtete 
dabei, dass bei vielen isomorphen Salzen gleiche Diffusibilität 
stattfinde, dass partielle Trennung geiuischter Salze auf 
Grund des ungleichen Diffusionsvermögen derselben möglich 
sei , dass die Diffusion selbst Zersetzung chemischer Ver- 
bindungen bewirken kann. Bei diesen Untersuchungen wurde 
auch der Einfluss der Temperatur auf die Diffusion berück- 
sichtigt und das Verhalten in gallertartigen Substanzen. Er 
bezeichnet einen wesentlichen Unterschied der Molecular- 
struktur zwischen den leiclit oder sehr wenig diflusibeln 
Substanzen und nennt die letzteren Colloide, die ersteren 
Krystalloide. Er erkennt an den Colloiden die merkwürdige 
Eigenthümlichkeit, dass sie der Diffusion der Krystalloide 
kein Hinderniss entgegensetzen, wohl aber der Diffusion von 



v.KdbeU: Nekrolog auf Thomas Graham. 409 

Colloiden. Solche Scheidung mit Anwendung einer Colloid- 
substanz als Scheidewand nennt er Dialyse und erhielt 
duich sie bei Anwendung verschiedener Lösungt.n von Kiesel- 
erde, Thonerde, Eisenoxyd, Chromoxyd etc. diese Substanzen 
in bisher ungekannten Zuständen, auch gelangte er dabei 
zu neuen interessanten Verbindungen von Zucker mit Eisen- 
oxyd, mit Uranoxyd, mit Kupferoxyd Ltc. 

Er hit durch diese Dialyse ein einfaches Mittel kennen 
gelehrt. Albumin, Thierleim und Fleischextract, welche durch 
eine Colloidscheidewand nicht diffundiren . von den beige- 
mischten diffundirenden Salzen zu leinigen und ebenso die 
arsenige Säure aus einer Masse zu scheiden , welche viel 
organische Substanz enthält. Sie diffundirt nämlich durch 
ein Perganientpapier und geht frei von Colloidsubstanzen in 
das äussere Wasser über , worin sie nun mit Sicherheit 
nachgewiesen werden kann. 

Man ersieht aus dem Angeführten, von welchem Interesse 
diese Arbeiten sind, sowohl in reinwissenschaftlicher als auch 
in technischer Beziehung. 

Dergleichen Untersuchungen hat er weiter über das 
Diffundiren der Gase angestellt und die Geschwindigkeit 
bestimmt, mit welcher verschiedene Gase durch Capillar- 
röhren gehen , wobei er fand , dass sie unter einander in 
einem constauten Veihältniss stehen und eine besondere 
Eigenschaft dieser Gase bilden. Durch mancherlei Wechsel 
der Durchgangsöff'nungen und Wandungen bei verschiedenem 
Druck erkannte er, dass sich das verschiedene Verhalten 
der Gase unter diesen Umständen zu einer partiellen Scheidung 
Von Gemengen anwenden lasse. Er verknüpft damit theore- 
tische Betrachtungen über die Gasmoleküle und dehnt sie 
allgemein aus über die Constitution der Materie, deren Ver- 
schiedenheit in einer schnelleren oder langsameren Bewegung 
ihrer Atome bestehe. 

Graham hat diese Arbeiten wiederholt aufgenommen 



410 OeffentUche Sitzung vom 28. März 1870. 

und weiter geführt unl gelangte bei der Untersuchung des 
Durchgangs der Gase durch erhitzte Metallplatten zu sehr 
merkwürdigen Resultaten, indem er beobachtete, dass nament- 
lich für den Wasserstoff eine Absorption durch das Metall 
stattfinde. In auffallendem Grade erkannte er dieses für 
das Palladium, welches bei 245 ° sein 526 faches Volum an 
Wasserstoff absorbirt. Diese Absorptionserscheinungen ver- 
anlassten ihn auch zu einer bezüglichen Untersuchung von 
Meteoreisen. In solchem Eisen von Lenarto, auf einem 
Gipfel der Karpathen im Jahre 1814 gefunden, entdeckte 
er in der That Wasserstoffgas, wovon er beim Glühen über 
das 2V« fache Volumen der angewandten Probe erhielt. Er 
schloss daraus, dass das Lenarto-Eisen aus einer Wasser- 
stoffatmosphäre stamme, welche dichter als die unsrige sein 
müsse, da das Schmiedeisen unter dem Druck von einer 
Atmosphäre nur sein gleiches Volum Wasserstoff absorbire. 
Die Erkenntniss von Wasserstoff im Lichte der Fixsterne 
wie sie von Huggins und Miller durch die Spectralanalyse 
dargethan wurde, findet mit der Entdeckung Grahams 
eine überraschende Bestätigung. Graham schlug dann noch 
einen anderen Weg ein , die Absorption des Wasserstoffs 
durch Palladium und andere Metalle zu studiren. Er be- 
diente sich dazu des galvanischen Stromes und erkannte, 
wenn eine Palladiumplatte als negative Electrode gebraucht 
wurde , dass sie das 800 fache ihres Volums an Wasserstoff 
und selbst noch mehr aufnahm und dass dieses aufgenommene 
Gas im luftleeren Raum nicht entwich, also aufhörte in so 
gebundenem Zustande ein Gas zu sein. Diese eigenthümliche 
Erscheinung verfolgte er nach den verschiedensten Richtungen 
durch Experimente mit der erhaltenen Palladiumverbindung 
und es ergab sich, dass der gebundene Wasserstoff als 
metallisirt angesehen werden kann, dass sein Metall, welches 
er Hydrogenium nennt, in der Dichtigkeit sich zwischen 
Kalium und Lithiom stelle, dass es ein Leiter der Electricität 



v.KobeU: Nekrolog auf Thomas Graham. 411 

sei und zu den magnetischen Metallen gehöre. Nach seiiieu 
Reactionen, die verschieden von denen des gas^förmigen Wasser- 
stoifs, sieht er an ihm ein Verhältniss zu diesem üiinlich 
dem des Ozon zum Sauerstoff. 

Nicht minder wichtig als die Arbeiten über Diffusion 
sind diejenigen, durch welche Graham seine isomeren Phosphor- 
sauren entdeckte und ihre Verbindungen darstellte. Die Ej- 
scheiuung, dass dieselbe Säure unter anderm durch erhöht.^ 
Temperatur in derartig veschiedene Zustände versetzt werden 
kann, dass sie das Wasser und die Basen, mit welchea sie 
sich verbindet, nun nicht mehr in derselben Anzahl von 
Atomen aufuimUit , sondern dreierlei Modificationeu ent- 
sprechend in verschiedener Weise die Verbindungen eingeht. 
Diese Erscheinung ist ein Räthsel , dessen Lösung dem zur 
Zeit noch dunkeln Gebiete der Lagerungsverhältnisse der 
Atome anheimfällt, gleichwohl, wenn- auch unerklärt, ist es 
von Werth, zu wissen, das aus diesen Verhältnissen so selt- 
same Anomalieen hervorgehen können. — An diese Unter- 
suchungen reihten sich andere über die Ursache, warum das 
Phosphorwasserstoffgas unter Umständen sich an der Luft 
nicht entzündet und Graham zeigte — wie solches Gas durch 
kleine Beimengung anderer oxydirbarer Gase zur Selbst- 
entzündung gebracht werden könne, eine Beobachtung deren 
Interesse für die theoretische Chemie durch den Umstand 
erhöht wird, dass die Vermittler der Erscheinung ujit dem 
nun entzündungsfähigen Gase keine Verbindung eing.dieu 
und doch dieses Entzündlichwerden bestimmen. — Andere 
seiner Untersuchungen betreffen die Verbindung der Salze 
mit Alkohol, die Fällung von Metallsalzen durch ausgebraunte 
Kohle, das Krystallwasser der schwefelsauren Salze u. s. w. 
Sein Werk „Elemente der Chemie" hat sich in England und 
auswärts grossen Ruf erworben. 

Es kann hier nur auf einige der vielen Arbeiten hinge- 
wiesen werden, welche der berühmte Mann zu Tage gefördert 



412 OeffenÜiche Sitzung vom 28. März 1870. 

hat und welche zeigen, dass er vor keiner Schwierigkeit 
zurückgewichen, die sich bei den gewählten Aufgaben seiner 
Forschung entgegeugestellt haben. 

Für seine Arbeiten über die Diffusion der Gase erhielt 
Graham den Keith Preis der Royal Society of Edinburgh 1834 
und für seine Arbeiten über die Phosphate und Dialyse 1862 
die Copley-Medaille. Er war conespondirendes Mitglied des 
Instituts von Frankreich. 



Karl Gustay Carus, 

geboren am 3. Januar 1789 zu Leipzig, gestorben am 
28. JuH 1869 zu Dresden. 

Als Carus im Jahre 1840 von Heinrich von Schubert 
2um correspondirenden Mitgliede der Akademie vorgeschlagen 
wurde, betonte dieser den Ruf des vielseitigen Gelehrten 
in den Wissenschaften der vergk-ichenden Anatomie, Physio- 
logie und Psychologie, in der Zoologie und Zootomie. Dieser 
Ruf hat sich noch durch dessen spätere Arbeiten gesteigert 
und erhielten viele von ditsen ein eigenthümhches Gepräge 
durch philosophische und poetische Reflexionen mit welchen 
bie belebt waren. Die seltene Begabung des Mannes und 
sein Interesse für Alles, was im Reiche der materiellen 
Kutur dem Auge entgegentritt, ebenso wie seine Neigung, 
in den Gebieten der Kunst sich zu orientiren und zu ergehen, 
führte ihm eine Reihe der verschiedensten Aufgaben zu und 
beschäftigte ihn mit ihrer Lösung. Dabei war es natüHich, 
dass er ebensoviele Acclamationen fand, als er auch Wider- 
sprüche, Streit und Anfechtungen erleben musste. Er sagt 
darüber in seinen Lebenserinnerungen „der Mensch kann nun 



v.KdbeU: Nekrolog auf Karl Gustav Carus. 413 

einmal nur das verstehen, günstig aufnehmen und mit Lust 
sein nennen, was ihm selbst, d. h. dem eigenen organischen 
Wachsthum seines Erkeuntnissvermögens entspricht und auf 
das besondere Wesen seines Geistes deshalb eine nach- 
haltige Anziehung ausübt. Nnn giebt es viele, für welche 
nur das, was sie das Reale nennen, das wahrhaft Anziehende 
' bleibt, während dagegen alles Schauen des tiefereu Grundes 
der Dinge, alle Abstraction vom sogenannt unmittelbar Sinn- 
hchen, mit einem Wort die Idee — das Ideale — für sie 
so gut wie nicht vorhanden ist." Er bekennt sich aber für 
das ideale Anschauen der Welt und für poetische Erhebung. 
i Vieljähriger Briefwechsel mit Göthe , der Verkehr mit 

! Tiek und mit allen Notabilitäten seiner Zeit in Kunst und 
1 Wissenschaft war von Einfluss auf den Gang seines Denkens 
und Forschens. 

Im Jahre 1804 wurde er als akademischer Bürger an 
der Universität Leipzig aufgenommen , wo er Naturwissen- 
schaften und vorzugsweise Anatomie und Medicin studirte ; 
1811 magister legens, las er über vergleichende Anatomie 
und assistirte an der neuerrichteten Entbindungsanstalt; 
1813 übernahm er ein französisches Spital in Pfaffendorf, 
einem Vorwerke Leipzigs und 1814 wurde er nach Dresden 
als Professor und Director der geburtshilflichen Klinik berufen. 
Er pubhcirte damals sein Lehrbuch der Zootomie, sein Lehr- 
buch der Gynäkologie, seine von der Akademie in Kopen- 
hagen gekrönte Preisschrift „Von den äusseren Lebens- 
bedingungen der weiss- und kaltblütigen Thiere, den Anfang 
seiner ,,Erläuterungstafelu zur vergleichenden Anatomie" und 
im Jahre 1827 seine Entdeckungen über den Blutkreislauf 
der Insecten, für welche ihm das Institut von Frankreich 
die grosse goldene Preismedaille zuerkannte. In diesem 
Jahre wurde er zum Leibarzt bei dem König Anton von 
Sachsen ernannt und seiner Professur enthoben. Nachdem 
er dann seine „Grundzüge zur vergleichenden Anatomie und 
[1870. 1. 3.] 27 



414 Oeff entliehe Sitzung vom 28. Mars 1870. 

Physiologie" und sein Werk „Ueber die Ur-Theile des 
Knochen- und Schalengerüstes (1828) herausgegeben, be- 
gleitete er den Prinzen Friedrich , nachmaligen König 
Friedrich August II. , auf einer Reise nach Italien und in 
die Schweiz, und veröffentlichte deren wissenschaftliche Aus- 
beute in seinen ,,Analekten zur Natur- und Heilkunde" 
(1829). Er hielt dann nach dem Wunsche vieler Gelehrten, 
Künstler und Staatsmänner in Dresden Vorträge über 
Anthropologie und Psychologie. 

Daneben pflegte er die Kunst der Landschaftsmalerei 
und entwickelte darüber seine Ansichten in den bezüglichen 
1831 herausgegebenen Briefen. Eine Reise nach Paris und 
in die Rheingegenden, sowie später nach England als Begleiter 
des Königs Friedrich August IL veranlasste Publicationeu, 
welche er in Geist und Stil seines hochverehrten Vorbildes 
Göthe geschrieben hat. Sein System der Physiologie (1840), 
seine Grundzüge einer neuen und wissenschaftlichen Kranios- 
kopie (1841), die Symbolik und Proportionslehre der mensch- 
lichen Gestalt (1853, 54, 58) sowie sein Organon der Natur 
und des Geistes (1856) bewegen sich auf dem Boden der 
Beobachtung wie freier philosophischer Speculation. Mit 
besonderer Anerkennung wurden seine Studien zur Ent- 
wicklungsgeschichte der Seele, sein Buch ,, Psyche" aufge- 
nommen, welchem er ein Seitenstück ,,Physis" folgen Hess. 
In seinen Briefen über das Erdenleben (1841) giebt er eine 
auch die Schöpfungstage deutende geologische Hypothese, in 
welcher ihn die Phantasie verführt, den Chemikern Vorwürfe 
zu machen, dass sie die Entwicklung höherer Elementar- 
substanzen aus niederen , Kalkerde , Eisen, Salze aus ein- 
förmigem Eiweiss , welches nichts oder nur Spuren davon 
enthalte, nicht beachten, dass sie die Verwandlung eines 
Elementarstoffes in einen anderen verwerfen, während er sie 
alle zuerst aus einer homogenen Aethermasse und weiter 
auseinander selbst hervorgegangen ansieht. Er beklagt, dass 



v.KoheU: Nekrolog auf Otto Linne Erdmann. 415 

die Chemiker ebensowenig die genetische Reihenfolge würdigen, 
welche je nach der physiologischen Bedeutung dieses oder 
jenes Stoffes für den gesammten Erdorganismus aufgestellt 
werden sollte. Solche Speculationen kamen vielfach in 
Conflict mit den Thatsachen der Erfahrung , die Natur- 
philosophie hat sich aber durch derlei Hindernisse in ihrer 
Bewegung niemals aufhalten lassen und Carus hatte das 
Spiel der Phantasie zu lieb gewonnen, als dass er seine 
Aethertheorie aufgeben wollte, obgleich ihm die Arbeiten 
analytischer Forscher wohl bekannt waren. 

Die Geistesepidemie des Tischrückens veranlasste 1857 
ein Buch von ihm .,Ueber Lebensmagnetismus und über die 
magischen Wirkungen überhaupt." — 

Aufschluss und Verständniss über die seltene Thätigkeit 
dieses Mannes geben seine .jLebenserinnerungen und Denk- 
würdigkeiten (bis jetzt 4 Theile) welche auch' von Werth und 
Interesse sind in Beziehung auf Zeichnung und Beurtheilung 
seiner Zeitgenossen; diese Memorien beschäftigten ihn noch 
im Jahre 1866 in seinem 78. Lebensjahre. 

Zu den mannigfachen Ehren, welche ihm zu Theil ge- 
worden, gehört die 1862 erfolgte Wahl zum Präsidenten 
der ältesten cisalpinischen gelehrten Körperschaft, der 
Deutsch-Kaiserlichen Leopoldo-Carolinischeu Akademie (ge- 
stiftet 1652). 



Otto Linne Erdmann, 

geboren am 11. April 1804 zu Dresden, gestorben am 
9. Oktober 1869 zu Leipzig. 

Erdmann begann seine wissenschaftliche Laufbahn mit 
Studien der Medicin 1820 an der damals in Dresden be- 

27* 



416 Oeffenttiche Sitzung vom 28. März 1870. 

stehenden medicinisch - chirurgischen Akademie und setzte 
dieselben 1822 an der Universität Leipzig fort, wandte sich 
aber später ausschliesslich der Chemie zu und trat 1825 
als Docent in Leipzig auf. Nachdem er 1827 eine Abhandlung 
über das Nickel geschrieben, wurde er zum ausserordent- 
lichen Professor ernannt und bearbeitete nun ein Lehrbuch 
der Chemie, welches 1828 erschien und bis 1851 vier Auf- 
lagen erlebte. Er gründete hierauf ein Journal für technische 
und ökonomische Chemie, wovon 18 Bände erschienen 
(1828—33) und von 1834 an zum Theil mit Schweigger- 
Seidel, Marchand und Werther das noch bestehende Journal 
für praktische Chemie. Die Leitung eines solchen Journals 
hat zu jeder Zeit einer aufopfernden Thätigkeit bedurft und 
namentlich in unsern Tagen ist eine solche beansprucht. Die 
sogenannte moderne Chemie hat der älteren , zum Theil 
mit, zum Theil auch ohne Grund eine ganz veränderte Ge- 
stalt gegeben und die Nomenklatur ist in ähnlicher Weise 
umgewandelt worden. Unter solchen Verhältnissen mehren 
sich die Schwierigkeiten der Redaction eines chemischen 
Journals und Erdmann hat sich dabei als ein ausdauernder, 
sehr verdienstvoller Arbeiter bewährt. Im Jahre 1834 er- 
schien von ihm auch ein Grundriss der Waarenkunde. 

Seine speciellen chemischen Arbeiten betreffen sowohl 
die anorganische als die organische Chemie und sind darunter 
hervorzuheben : die Abhandlung über die Nickelsalze, deren 
er mehrere neue dargestellt hat, seine Untersuchungen über 
das Indigo und die Producte, die es mit Chlor liefert, über 
Hämatoxylin, über Anilin, über die Zusammensetzung der 
Talg- und Margarinsäure, über Euxanthinsäure und seine 
mit Marchand angestellten Bestimmungen der Atomgewichte 
des Kohlenstoffs, des Calciums, des Quecksilbers, des Schwefels, 
und Kupfers, sowie des Nickels und Selens. 

Zum Professor der technischen Chemie ernannt, gründete 
er in Leipzig ein neues chemisches Laboratorium (1842) 



V. KdbeU: Nekrolog auf Eiidolph Kner. 417 

welches sich einen Ruf in ganz Deutschland erworben 
hat. — 

Mit einer liebenswürdigen Persönlichkeit verband Erd- 
mann die Gabe eines klaren Lehrvortrags und gewann damit 
seine Zuhörer und Schüler, auch in populären Darstellungen 
zeigte er seltene Meisterschaft und erfreute sich eines treff- 
lichen Rednertalents, welches er bei den Versammlungen der 
deutschen Naturforscher öfters mit Beifall bewährt hat. Er 
war einigemale Rector der Hochschule und Deputirter auf 
dem Landtag, auch zuletzt Director der Leipzig-Dresdner 
Eisenbahncompagnie. — 



Rudolph Kuer, 

geboren am 24. August 1810 zu Linz, gestorben am 
27. Oktober 1869 zu Wien. 

Kner war der Sohn eines oberösterreichischeu land- 
ständischeu Beamten. Nach gemachten Gymnasialstudien 
wollte er sich der Medicin widmen , nahm aber bald eine 
Praktikantenstelle am kaiserlichen Hof-Naturalien-Cabinet an 
Uüd beschäftigte sich mit zoologischen, namentlich ichthyo- 
logischen Studien. 1841 wurde er zum Professor der Natur- 
geschichte und Landwirthschaftslehre au der Lemberger 
Hochschule ernannt und 1849 zum Professor der Zoologie 
in Wien. 

Seine Arbeiten umfassen theils die Systematik der 
Fische, theils beziehen sie sich auf zootomische und paläonto- 
logische Verhältnisse der Fischkunde. Die betreffenden Ab- 
handlungen sind theils in den Denkschriften und Sitzungs- 
berichten der kaiserlichen Akademie der ^Yissenschaften in 
Wien, theils in Haidinger's naturwissenschaftlichen Abband' 



418 Oeffentliche Sitzung vom 28. Mars 1870. 

lungen erschienen. Es sind besonders hervorzuheben : seine 
systematische Bearbeitung der Panzerwelse und Hypostomiden, 
seine Charakteristik der Labroiden, seine Beiträge zur 
Familie der Characinen und Siluroiden, seine anatomischen 
Arbeiten über den Flossenbau der Fische, über die Mägen 
und Blinddärme der Salmoniden, über einige Sexual-Unter- 
schiede bei Callichthys und über die Schwimmblase bei 
Doras. 

Er schrieb ferner über die ichthyologische Ausbeute 

während der Reise der Fregatte Novara, über die neuen 

Gattungen und Arten der von Professor Moritz Wagner in 

• Central- Amerika gesammelten Fische und in Gemeinschaft mit 

Heckel über die Süsswasserfische der österreichischenMonarchie. 

Seine paläontologischeu Arbeiten betreffen die Ver- 
steinerungen des Kreidemergels von Lemberg und seiner 
Umgebung, ebenso die von Ostgalicien und die fossilen Fische 
Oesterreichs (zum Theil mit Steindachner bearbeitet). Die 
fossilen Fische der Asphaltschiefer von Seefeld in Tyrol 
hat er speciell in Vergleiclmng mit denen der bituminösen 
Schiefer von Raibl in Kärnthen untersucht und die sie 
führenden Formationen als der Triasgruppe zugehörig be- 
stimmt. — 

Kuer war von den Fachgelehrten als ein ausgezeichneter 
Forscher anerkannt. 



Joseph Redtenlbaclier, 

geboren am 12. März 1810 zu Kirchdorf in Oesterreich ob 
der Euns, gestorben am 5. März 1870 zu Wien. 

Redtenbacher machte seine ersten der Chemie gewidmeten 
Studien zum Theil bei Baron y. Liebig in Giessen, wurde 



V. Köbell: Neh'ölog ton Jose;ph Beätenbacher. 419 

dann Professor der allgemeinen und phurmaceutisclien Chemie 
in Prag und bekleidete diese Stelle weiter in Wien seit 1849. 
Er hat sich vorzugsweise in der organischen Chemie durch 
mehrere Untersuchungen ausgezeichnet. Es gehören dahin 
seine Analysen der Talgsäure, der Fettsäure und des Acro- 
lein's. Letztere Untersuchung bewährte den eifrigen Forscher, 
denn sie bot grosse Schwierigkeiten, von denen, wie Berzelius 
hervorhob, die gröbsten in dem nachtLeiligen Einfluss dieser 
flüchtigen Substanz auf die Gesundheit begründet sind, da 
die geringste Menge in der Luft des Laboratoriums Ent- 
zündung der Augen hervorbringt und man von grösseren 
; Quantitäten das Bewusstsein verlieren kann. Die Substanz 
' wird daneben so leicht durch den Zutritt der Luft zersetzt, 
dass deren Darstellung besondere Vorsichtsmassregeln uoth- 
wendig macht und die erforderlichen Destillationen in einer 
Atmosphäre von Kohknbäure vorgenommen werden müssen. 
Diese Schwierigkeiten, sagt Berzelius, welche gleichzeitig 
Widerwillen und Verzweiflung am glücklichen Erfolg ver- 
anlassten, schreckten Ptedtenbacher doch nicht davon ab. 
Er erhielt das Acrolein durch Einwirkung von wasserfreier 
Phosphorsäure auf Gljcerin, führte dessen Elementaranalyse 
durch und untersuchte seine Veränderungen und Verbindungen, 
die Acrylsäure, das Disacron und das Acrolharz. 

Seine Untersuchung über die Ameisensäure in faulendem 
Kiefernreisig, über die flüchtigen Säuren in der Butter, wobei 
sich ein eigenthümlich modificirender Einfluss des Viehfutters 
herausstellte, über Taurin und mehrere Analysen von Mineralien 
und Mineralwässern geben Zeugniss eines umsichtigen Be- 
obachters, welchem auch die zur Weiterführuug wissenschaft- 
licher Erkenntniss so nothwendige Speculation und Com- 
binationsgabe eigen war. Mit seinem Lehrer, Baron v. Lielig, 
hat er einige Arbeiten gemeinschaftlich gemacht , so Be- 
stimmungen des Atomgewichtes des Kohlenstoffs und die 
Darstellung einer neuen organischen Basis, des Carbothialdin. 



420 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1870. 

Zu seinen letzten Arbeiten gehören Studien über Rubidium 
und Cäsium, und hat er auf die verschiedene Lösliclikeit 
der Alaune dieser Metalle und des mit Kali gebildeten und 
damit auf eine neue Trennungsmethode derselben aufmerksam 
gemacht.! Redtenbacher war ein geschätzter Lehrer und 
die Klage um sein Hinscheiden ist unter seinen Freunden 
und Schülern eine allgemeine. Er war seit der Gründung 
der Wiener - Akademie MitgHed derselben. 



Franz Unger, 

geboren 1800 zu Leitschach in Steiermark, gestorben am 
13. Februar 1870 zu Graz. 

Unger machte seine Studien in Wien und Prag, promovirte 
1827 in Wien und lebte dann bis 1830 als praktischer Arzt 
in Stockerau und die nächsten drei Jahre ebenso in Tyrol. 
1833 wurde er Professor am Joaneum in Graz und 1850 
als Professor der Botanik an die Universität nach Wien 
berufen. 

Unger hat sich um seine Wissenschaft allgemein an- 
erkannte Verdienste erworben und seine Detailforschungen 
mehrfach verwerthet, um den grossen Organismus der Pflanzen- 
welt zu näherem Verständniss zu bringen, ebenso ihre Be- 
ziehung zur Thierwelt und zu den Gesteinsformationen, 
welche sie mitbedingen. Schon sein erstes Werk über die 
Hautkrankheiten der Gewächse überraschte die Fachkundigen 
durch die Feinheit und Schärfe der Beobachtungen; seine 
Schrift über den Einfluss des Bodens auf die Vertheilung 
der Gewächse, die von der kaiserhch russischen Akademie 
gekrönte Preisschrift über das anatomische Verhältniss des 



V. Kdbeü: Kekrölog auf Frans Unger. 421 

Mono- und Dikotyledonen-Stammes und den Grundriss der 
allgemeinen Botanik, welchen er mit Endlicher herausgab, 
gründeten seinen Ruf. Ein späteres Werk ., Versuch einer 
Geschichte der Pflanzenwelt'', umfasst Alles , was zu den 
Verhältnissen der Vegetation in Beziehung steht, ünger 
glaubt an eine bestimmte Existenzdauer jeder Art, nach 
welcher sie untergehen müsse und an eine Entwicklung einer 
Pflanzenart aus einer anderen, als das Resultat des Zusammen- 
wirkens bereits organisirter Kräfte. Er geht darin so weit, 
dass er an eine die Pflanzenwelt bedingende Urpflanze denkt 
und die Bildungen zuletzt auf eine Zelle für reducirbar 
hält. Dass ähnliche Ansichten seiner Vorgänger bestritten 
wurden, hindert ihn nicht, sie neu anzuregen und die Dar- 
win'schen Lehren gaben erweiternde Analogien. In dergleichen 
Speculationen weniger ängstlich als viele seines Faches, be- 
spricht er auch in einer Abhandlung .,die Pflanze im ]\Iomente 
der Thierwerdung", wozu ihm das Studium der Vaucheria 
clavata und ähnlicher Algen die Materialien lieferte. Er 
hatte beobachtet, wie aus der anschwellenden Alge ein Körper 
hervordringe, welcher im Wasser sich bewegend wie ein 
Infusorium herumschwimmt, dann aber wieder diesen Anfang 
thierischen Lebens beendet und zu keimen beginnt, um 
neuerdings die Infusorienartigen Körper auszuscheiden. Ob- 
wohl die namhaftesten Naturforscher diese Erscheinungen 
nicht in Ungers Sinn deuteten, so setzte er nur um so 
eifriger seine Studien darüber fort und seine Abhandlung 
wird immer eine werthvolle Grundlage bleiben , wenn be- 
trefi'ende Gegenstände zur Sprache kommen. 

Mit besonderer Vorliebe hat Unger die fossile Flora 
zum Gegenstand seiner wissenschafthchen Thätigkeit gemacht 
und mit dem Mikroskop feine Dünnschlifi'e an fossilen und 
lebenden Holzarten vergleichend untersucht, so auch die 
fossilen Palmen, über welche er eine Abhandlung schrieb, 
die in Martins Historia naturalis aufgenommen ist; er be- 



422 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1870. 

stimmte mehrere fossile Pflanzen aus den Solenhofer Schiefern 
und der verwandten Formation von Nusplingen in Würtem- 
berg, aus der Liasformation der nordöstlichen Alpen Oester- 
reichs und aus den Tertiärbildungen des Taurus und viele 
andere. 

Seine Synopsis plantarum fossilium vom Jahre 1845 
giebt eine üebersicht aller damals bekannten fossilen 
Pflanzen in systematischer Reihung und mit Rücksicht auf 
die geognostischen Formationen welchen sie angehören. Er 
zählte 1600 Pflanzen-Arten ; seine 1850 eischienene Schrift: 
Genera et species plantarum fossilium giebt deren schon 
2421 an, worunter viele neue Entdeckungen von ihm. Andere 
seiner Werke sind : die Chloris protogaea, die Anatomie und 
Physiologie der Pflanzen, die Urwelt in ihren verschiedenen 
Bildungsperioden. Letzteres Werk zeigt üngers Neigung, 
die Erfahrungen mit Gebilden der Phantasie und Poesie in 
Verbindung zu bringen; er giebt eine Reihe landschaftlicher 
Darstellungen von der sogenannten Uebergangszeit bis zur 
Jetztwelt und gewähren dieselben einen überraschenden Blick 
in jene untergegangenen Schöpfungen. Die Vegetationsgruppen 
sind durch den Künstler Jos. Kuwasseg sehr malerisch ge- 
ordnet und die Landschaften auch durch die grossen Thiere 
belebt compinirt, deren Formen mit Rücksicht auf ihren 
Bau und verwandte Geschlechter ausgeführt worden. Die 
Paläontologie verdankt ünger auf dem Gebiete der Pflanzen- 
kunde, was sie Hermann v. Meyer auf dem der Thierkunde 
zu verdanken hat. Beide Forscher haben sich darin auf 
das erfreulichste ergänzt. — Werthvolle Arbeiten umfassen 
auch seine Botanischen Streifzüge auf dem Gebiete der 
Culturgeschichte ; sie behandeln die Pflanze als Erregungs- 
und Betäubungsmittel, als Zaubermittel, die Pflanzen des 
alten Aegyptens und anderes und zeigen von grosser Belesen- 
heit und betreffenden ausgebreiteten historischen Studien. 
Reisen nach Aegypten, Syrien, Cypern, Griechenland und 



v.DöUinger: Nekrolog auf Karl Maria Frhr. v. Äretin. 423 

wiederholte Besuche Dalmatiens haben ihm Stoff zu solchen 
in mehrfacher Hinsicht anziehenden Darstellungen und Be- 
sprechungen gegeben. 



c) Der Sekretär der historischen Classe Herr von 
Döllinger: 

Die historische Classe der Akademie hat noch eine Schuld 
abzutragen, und dem Gedächtnisse eines bereits am 29. April 
1868 verstorbenen Mitgliedes einige Worte zu widmen. 

Es ist diess 

Karl Maria Freiherr von Aretin. 

Die Aretin's sind ein aus dem Auslande gekommenes, 
aber nun schon anderthalb Jahrhunderte in Baiern einge- 
bürgertes Geschlecht. Der Stammvater, 1706 zu Coustan- 
tinopel geboren, hiess Johann Christoph Aroution Capiadur, 
soll der Sage nach aus einem altarmenischen königlichen 
Geschlechte entsprossen gewesen sein und ward als kleines 
Kind nach Venedig und von da nach München gebracht, wo 
sich die Kurfürstin Theresie Kunigunde, des Kurfürsten Max 
Emanuel zweite Gemahlin, seiner annahm und ihn bei Hofe 
erziehen liess. Anders freilich erzählt Ritter von Lang in 
seinen Memoiren den Ursprung der Familie ; nach seiner 
Behauptung wäre der erste Aretin ein Sohn der Kurfürstin 
gewesen, den sie in Arezzo (daher der Name) habe erziehen 
lassen. Der Vater unseres Aretin war der Freiherr Christoph 
von Aretin, 1773—1824, der als Präsident des Amberger 



424 OeffenÜiche Sitzung vom 38. März 1870. 

Appellations-Gerichtes in München starb — ein Mann, bekannt 
durch politische Kämpfe und Schriften, die ihm mancherlei 
Missgeschick und Verdruss zuzogen , aber auch durch seine 
literarischen Kenntnisse und seine Bemühungen um die Be- 
reicherung und Ordnung der Staatsbibliothek, deren Vorstand 
er einige Jahre war, und die erst unter ihm und durch ihn 
zum Range einer der ersten Bibliotheken Europa's erhoben 
wurde. 

Sein Sohn war der am 4. Juli 1796 geborne Karl Maria 
von Aretin, Die Befreiungskriege von 1813—15 rissen den 
Jüngling aus seinem Studiengange heraus; er diente im 
Heere ; wandte sich darauf dem diplomatischen Fache zu ; 
arbeitete im Generalstab und im Kriegsministerium. Nach 
einiger Zeit, (1826) zog er sich auf's Land zurück, und 
hier erwachte in ihm neben den praktischen Beschäftigungen 
mit der Landwirthschaft die Neigung zu historischen Studien, 
zunächst zu Forschungen und Arbeiten über die baierische 
Geschichte neuerer Zeit. Die erste Frucht seines Fleisses 
war 1838 ,,das chronologische Verzeichuiss der Bayerischen 
Staatsverträge", ein Werk, das jedem Freunde der vater- 
ländischen Geschichte als bequemes und unentbehrliches 
Hilfsbuch äusserst willkommen sein musste, und überdies 
eine reichliche und gutgewählte Sammlung bisher unbekannter 
Urkunden darbot. Hatte diese Schrift nur das Verdienst 
einer emsigen und sorgfältigen Sammlung, so erhob sich 
Aretin schon im nächsten Jahre weit höher in dem Werke; 
„Bayerns auswärtige Verhältnisse seit dem Anfange des sechs- 
zehnten Jahrhunderts" Passau 1839, 1. Band. Dieser Band 
(eine Fortsetzung ist nicht erschienen) reicht bis zum Jahre 1654, 
macht aber auf Vollständigkeit keinen Anspruch. Nur die 
Zeit von 1535 bis 1550 wird zuerst etwas eingehender 
dargestellt, die Beziehungen Baierns zu Karl, Ferdinand und 
dem schmalkaldischen Bunde. Die Zeit von 1550 bis 1608 
wird auf ein paar Seiten erledigt, dann aber folgt eine aus- 



v.Bottinger: Nekrolog auf Karl Maria Frhr. v. Aretin. 425 

führliche und viel Neues darbietende Darstellung der aus- 
wärtigen Politik Maximilians I. bis zum Tode Wallensteins. 
Die vielversclilungenen Fäden dieser zwischen Frankreich, 
Oestreich, Spanien, Dänemark, Schweden, der Liga und der 
Union sich scheinbar unstät und doch innerlich consequent 
liin und her bewegenden Politik hat x\retin gut dargelegt, 
freihch in vorherrschend apologetischer Weise, denn Max I. 
war einmal der Heros, den er sich erkoren hatte, und wie 
sehr damals in Madrid und Wien gegen den ßaierischen 
Fürsten gesündigt worden sei , wird nachdrücklich hervor- 
gehoben. Nach drei Jahren (1842) folgte diesem Buche, 
das schon zum weitaus grössten Theile den ersten baierischen 
Kurfürsten behandelte, der erste Band einer umfassenden 
Geschichte desselben. Hier wurde eine Schilderung Baierns, 
besonders der kirchlichen Zustände und Massnahmen in der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und der Jugend und 
Erziehung Maximilian's gegeben. Das Ganze wäre wohl, 
wie ich vom Verfasser gehört zu haben mich entsinne, sechs 
Bände stark geworden. Aber eine Fortsetzung ist, obgleich 
Herr von Aretin noch 26 Jahre lebte, nie gefolgt, und es 
scheint auch nichts davon im Manuscript sich vorgefunden 
zu haben. Vielleicht hat ihn die unübersehbare Masse des 
Materials abgeschreckt, welches noch hätte durchgearbeitet 
werden müssen, denn er bemerkt in der Vorrede, dass die 
in den Münchener Archiven aus der Regierungszeit Max I. 
vorhandenen Akten sich auf mehr als 21/2000 Bände und 
Fascikel belaufen. 

Noch einmal wandte sich Aretin zu der Periode des 
dreissigjährigen Krieges , die er zum Hauptstudium seines 
Lebens gemacht hatte, als er zur Zeit seines Eintritts in 
unsere Akademie 1845 Wallenstein zum Gegenstande seiner 
Rede wählte. Er wollte nicht eine erschöpfende Darstellung 
des Mannes und seiner Lebensgeschichte geben, sondern wie 
er es auf dem Titel bezeichnet, nur Beiträge spenden zur 



426 Oeff entliehe Sitzung vom 28. März 1870. 

Kenntniss seines Charakters, seiner Pläne und seiner Ver- 
hältnisse zu Baiern. Die Briefe und Berichte des Baierischen 
Gesandten in Wien sind hier die Hauptquelle, und so er- 
giebt sich denn ein sehr ungünstiges Bild , da Maximihan 
Wallenstein gegenüber durchweg argwöhnisch und feindselig 
gesinnt war. Ranke hat daher (Wallenstein S. 150) bemerkt, 
die zuerst von Aretin publicirten und von Hurter aufgenom- 
menen Mittheilungen über \Yallenstein verdienen nur die Be- 
achtung , wo sie von factischen Zuständen Meldung thun. 
Ihre Schlussfolgerungen beruhen grossentheils auf Unkunde 
oder Verdacht. Dass sie gleichwohl von hohem Werthe seien 
und fast das Meiste zu der Auffassung beigetragen haben, 
welche heut zu Tage die Oberhand gewonnen hat, diess bat 
Ranke schon in der Vorrede zu seinem neuesten Werke über 
den grossen Feldherrn ausgesprochen. Es ist nicht zu läugnen, 
dass Aretin seinen Quellen zu unbedingt geglaubt, und dadurch 
den Schein einer leidenschaftlichen Eingenommenheit gegen 
den Mann, den er darzustellen unternommen, auf sich ge- 
laden hat. Dem Zerrbild, das er z. B. von Wallensteins 
äusserer Erscheinung entworfen, hat nun Ranke eine völlig 
verschieden lautende, aber offenbar wahrere Schilderung 
(S. 348) entgegengesetzt. Immerhin wird Aretin's Buch 
seinen Werth als unentbehrliche Stoffsammlung behalten. 

Aretin hat in frühereu Zeiten noch Beiträge zu der 
Zeitschrift: Kriegsscbriften , herausgegeben von Baierischen 
Offizieren, geliefert. Eine kleine aber anschauliche und gut- 
geschriebene Denkschrift : Tilly und Wrede , die er durch 
die Aufstellung der beiden Statuen in der Feldherrnhalle 
veranlasst schrieb, wurde viel gelesen. Zu seiner letzten 
Publication , den mit künstlerischer Schönheit und Pracht 
ausgestatteten Alterthümern und Denkmalen des Baierischen 
Herrscherhauses in acht Heften von 1855 bis 1868, ward 
er wie durch die Muuificenz des Königs Max 11. , so durch 
seine Stellung am Baierischen Nationalmuseum veranlasst. 



v.DölUnger: NeJcrolog auf Heinrich Schäfer. 427 

Bekanntlich ist diese Zierde Baierns und Münchens ganz 
eigentlich seine Schöpfung. Er ist es, der iu unermüdeter 
seine späteren Lebensjahre hauptsächlich ausfüllender 
Thätigkeit und das ganze Land durchwandernd und durch- 
forschend diesen fast beispiellosen Reichthum von Kunst- 
werken und Antiquitäten zusammengebracht und geordnet 
hat. Das war nur möglich durch die Gunst und das Ver- 
trauen seines Königs, welches ihm auch die Vorstandschaft 
zweier Archive, eine wichtige diplomatische Stellung in Berlin 
und Wien, und die Würde eines lebenslänglichen Reichs- 
raths übertrug. Als Mitglied des Zollparlaments ist er in 
Berlin eines plötzlichen durch Schlaganfall bewirkten Todes 
gestorben. Dem Fremden, der mit dem Namen dieses 
um Baiern so hochverdienten Mannes auf den Lippen in die 
Hallen unseres National -Museums tritt, können wir sagen: 
Monumentum quaeris? circumspice. 



Am 2. JuH 1869 starb in Giessen 

Heinrich Schäfer, 

Professor und Universitäts-Bibliothekar, geboren den 25, April 
1794 zu Schlitz in Oberhessen, als der jüngste Sohn des 
dortigen Cantors und Knabenlehrers, konnte er erst nach 
Ueberwindung grosser Hindernisse seiner Neigung zu den 
Studien erst in Hersfeld, dann in Giessen Folge geben. Er 
studirte Theologie, aber als ihm 1821 eine Beamtenstelle 
in der reichen Hof- und Staats-Bibliothek zu Darmstadt zu 
Theil wurde, wandte er sich dem Studium der Geschichte 
zu, deren Quellen ihm hier in so vollständiger Weise zu- 
gänglich geworden waren. Zwölf Jahre später erlangte er 
denn auch den Lehrstuhl der Geschichte zu Giessen. Der 



428 ÖeffentUehe Sitzung vom 28. März 1870. 

reiche Vorrath Spanischer und Portugiesischer Literatur, 
welcher ihm in der Darmstädter Bibhothek zu Gebote stand, 
reizte ihn, sich der Erforschung der Geschichte der Pyi'enäischen 
Halbinsel mit Vorliebe zu widmen. 

Mit einer Uebersetzung des Buches von Semxere über 
die Grösse und den Verfall der Spanischen Monarchie, 1829 
begann er. Dann folgte seine geschichtliche Darstellung des 
Finanz- und Steuerwesens vor und während der Regierung 
Ferdinands und Isabella's , im Archiv von Schlosser und 
Bercht. Nun ermunterte ihn Jakob Grimm , ein grösseres 
Werk zu unternehmen und empfahl ihn den Herausgebern 
der Europäischen Staatengeschichte, Heeren u. ückert als 
Mitarbeiter. Inzwischen erfolgte seine Berufung als Professor 
der Geschichte an die Universität Giessen im Jahre 1833. 
Viele Jahre hindurch wurde nun die Geschichte Portugals 
das Ziel seiner Forschungen, und es ist ihm vergönnt gewesen, 
sie binnen zwanzig Jahren in 5 Bänden zu vollenden. Eine 
französische Uebersetzung hat sein Werk auch Franzosen 
und Portugiesen zugänglich gemacht. 

Sehe ich nun ab von seiner Thätigkeit als Docent und 
bemerke hier nur noch, dass sein Hauptbestrebeu in den 
ersten Jahren gegen die Rotteck'sche Schule gerichtet war, 
so war es die Darstellung der Portugiesischen Geschichte, 
die seine ganze Kraft in Anspruch nahm. Drei Jahre nach 
seiner Berufung, im Jahre 1836, erschien der erste Band 
dieses Werkes, die Geschichte dieses Landes bis zum Jahr 
1383 umfassend, sowie nach weiteren 3 Jahren der zweite 
Band. Während er mit der Fortsetzung dieses Werkes be- 
schäftigt war, sah sich Heeren genöthigt, die Bearbeitung 
der Spanischen Geschichte einem andern Gelehrten zu über- 
tragen und übernahm er auf dessen Ersuchen auch die 
Fortsetzung dieses Werkes, Sein alter Wunsch in dieser 
Beziehung war somit erfüllt worden. Er liess nun seine 
Arbeiten in Portugiesischer Geschichte völlig liegen und 



v.DöUinger: Kel^rolog auf Heinrich Schäfer. 429 

warf sich ganz auf die Spanische, in Folge dessen er 1844 
den zweiten Band dieses Werkes erscheinen liess. Die 
Verlagsbuchhandlung der Heeren'schen Sammlung drängte 
ihn jedoch vor Allem die Portugiesische Geschichte zu 
vollenden und so liess er vorerst die Fortführung der 
Spaüischen Geschichte auf sich beruhen und vollendete in 
3 weitern Bänden 1854 die Portugiesische Geschichte. 

Nur ein Wort über die Anerkennung dieses Werkes 
im Lande selbst. Hierfür als Beweis der ihm von der 
dortigen Regierung unter dem Ministerium Cabrera ertheilte 
hohe Orden, sowie die mannigfachen brieflichen Anerkennungen 
Portugiesischer Gelehi'ten, namentlich des Vicomte de Santarem. 
mit dem er Jahrelang auf das eifrigste correspondirte ; 
endlich die für Portugiesen verfasste französische üebersetzung 
des Werkes. 

Nach Beendigung der Portugiesischen Geschichte war 
sein Augenmerk wieder auf Spanien gerichtet, leider konnte 
er dieses Werk nicht vollenden, es erschien vielmehr nur noch 
ein Band, die Geschichte Ai-ragous bis zu dessen Vereinigung 
mit Castilien enthaltend. Nach Beendigung dieses Bandes 
sah er ein, dass seine Zeit für schriftstellerische Arbeiten 
vorüber war, dass seine Jalire dieser Thätigkeit eine Grenze 
gesteckt hatten. Er bedauerte diess namentlich, weil er 
seinen letzten Wunsch in dieser Beziehung, eine Arbeit in 
den Jahrbüchern der Königl. Baierischen Akademie zu ver- 
öffentlichen, nicht ausführen konnte. 

Seine letzten Jahre waren hauptsächlich durch Arbeiten 
für das ilim noch in hohem Alter übertragene Amt eines 
Direktors der Universitäts-Biuliothek ausgefüllt. Er starb 
den 2. Juli 1869 im Alter von 75 Jahren nach kurzer Krank- 
heit. Seit 45 Jahren war er mit Adolfine Knabe, Tochter 
des Forstmeisters Knabe in Hutzdorf bei Schlitz verheirathet 
und hinterliess 6 Kinder. 

Eine Geschichte PortugaUs zu schreiben, war unter allen 
[1870. I. 3.J 28 



430 OcffenÜiche Sitzung vom 28. März 1870. 

Umständen ein etwas kühner Gedanke; der Vorarbeiten gab 
es nicht eben viele und bedeutende, und man kann sagen: der 
Stoff war noch so gut wie unberührt , denn was bis dahin 
geleistet worden, konnte kaum als Materialiensammlung noch 
einige Bedeutung ansprechen , aber er war auch in hohem 
Grade einladend und verlockend; ein kleines Reich, etwa 
von Baierns Grösse , gegründet auf dem Schlachtfelde von 
Ourique in einer Zeit, in welcher Deutschland schon auf 
seine Blüthenperiode zurückblickte, erreicht Portugal unter 
steten Kämpfen und einem dreissigjährigen Kriege mit Castilien 
gegen Ende des 14. Jahrhunderts seine goldene Zeit und höchsten 
Flor nach innen und nach aussen, also in der Periode, in 
welcher Italien, Frankreich, Deutschland, England in arger 
Zerrüttung lagen. Es wird nun im 15. Jahrhundert ein 
Weltreich erster Grösse, die erste wahre Seemacht, gründet 
zahllose Colonien in drei Welttheilen, seine Hauptstadt wird 
Mittelpunkt des Welthandels, es herrscht zugleich in Brasilien, 
in Ostindien, in der ganzen Westküste von Afrika. Aber 
das Herz dieses Piiesenleibes, das kleine Portugal selber be- 
sass doch nicht die Kräfte, diese zahllosen und weit zerstreuten 
Colonien und Besitzungen zusammenzuhalten, in drei Welt- 
theilen grosse Ländergebiete zu behaupten. Es erschöpfte 
sich rasch. Der Schlag von 1578, die Schlacht von Alcazer 
vernichtete mit der Dynastie auch die Kraft und Macht der 
Nation , ihren Reichthum , ihre Literatur , ihre Freiheit und 
ihren Ruhm. Ein Zusammenbruch wie dieser ist nur selten 
in der Geschichte gesehen worden. Zwar ward das 
Spanisclie Joch 1640 nach 60 Jahren des Elends und der 
Bedrückung zerbrochen, ein nationales Königthum mit der 
neuen Dynastie Braganza hergestellt, aber die grossen aus- 
wärtigen Besitzungen waren unwiederbringlich verloren ; Por- 
tugal hat sich nie wieder so recht erholt, und man könnte sagen, 
die drei ersten Bände von Schäfer's Werk seien Gemälde 
von Thaten, die zwei letzten, die Zeit von 1580 bis 1820 



v.DöUinger: Nekrolog auf Heinrich Schäfer. 431 

umfassend, Gemälde von Leiden. Die neueste Zeit von 1820 
bis 1870, in welcher wir das Königreich unter der Regierung 
deutscher Fürsten sich wieder zu geordneten und gedeihhchen 
Zuständen und langem Frieden haben erheben seilen , hat 
Schäfer nicht dargestellt. 

In Portugal lebt noch gegenwärtig der vorzüglichste 
Historiker, den dieses Land je besessen hat, Herculauo ; er 
steht in den Augen seiner Landsleute auf gleicher Höhe mit 
Mignet, Guizot, Ranke, und heisst: o grande historiador. Herculano 
nun hat unseru Schäfer theilweise übertrofien, denn doch nicht 
erreicht, aber unparteiisch beurtheilt. Er hat ihn in so ferne über- 
troffen, als er bei weit grösserer Ausführlichkeit — seine vier 
Bände enthalten noch nicht einmal den ganzen Zeitraum, den 
Schäfer in seinem ersten Bande behandelt hat — natürlich 
auch tiefer eindringt in die Quellen und ein weit vollstän- 
diger ausgeführtes Bild der Zustände des Landes entwirft. 
Sein Urtheil aber, das deutsche \Verk sei: o melhor livro 
que contecemos relativo a historia de Portugal (Herculano, 
11, 487, 1, 487) wild wohl noch lange gelten, denn voraus- 
sichtHch wird weder in Deutschland noch anderswo eine 
neue ebenso gründliche und vollständige Darstellung der Ge- 
schichte Portugals unternommen werden. Auch wohl in 
Portugal selbst nicht, denn Herculano hat sein Werk schon 
seit 17 Jahren hegen lassen, um sich mit anderen mehr der 
Poesie angehörigen Schöpfungen zu befassen , und er selber 
beklagt es in der Einleitung zum ersten Baude seiner Ge- 
schichte als eine Schande, dass Portugal sich jenem grossen 
historischen Impuls noch nicht angeschlossen habe, den ganz 
Europa von Deutschland empfangen habe, esse foco do saber 
grave e prolündo, (diesem Heerde ernsten und tiefen Wissens). 
Schäfer unternahm es auch, die von Lemke begonnene 
Geschichte Spaniens weiter zu führen. Zwei Bände seiner 
Fortsetzung sind erschienen , führten aber die Geschichte 
dieses Landes nicht einmal bis zu Ende des ^Mittelalters ; er 

28* 



432 Oeff entliche Sitzung vom 38. 3Iärs 1870. 

fühlte in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr die 
Kraft in sich, einer so schwierigen und so tief eindringende 
Forschung erheischenden Aufgabe zu genügen; und so be- 
sitzt denn die deutsche Literatur noch imiiier kein Werk, 
welches ein vollständiges Bild der Schicksale dieses merk- 
würdigen und unglücklichen Landes gewährte. 



Job. Xep. Bucliiuger, 

geboren 1781 zu Altötting, war der Sohn eines Landgerichts- 
Advokaten, 1805 in Landshut Doctor Juris. Wir finden ihn 
erst als Registrator in München, dann als Sekretär in Passau, 
bis er im J. 1812 in's Reichsarchiv in München eintrat, 
dann 1829 Archivar in Würzburg ward, 1835 kehrte er 
wieder nach München und harrte bis 1852 in seiner Stellung 
am Archiv aus. Doch hat er in Würzburg und München 
auch Vorlesungen über Staats- und Völkerrecht an den beiden 
Universitäten gehalten. 1852 trat er TOjäJirig in den Ruhe- 
stand , und erreichte so das hohe Alter von 89 Jahren. Er 
starb zu München am 27. Februar 1870. Es ist ein langes, 
aber höchst einfaches , gleichförmiges und geräuschloses 
Dasein, das wir vor uns haben, von dessen ruhigem und regel- 
mässigem Verlaufe sich nichts berichten lässt, das aber eben 
darum auch in ungetrübter Zufriedenheit und stillem Glücke 
dahin geflossen zu sein scheint. Buchinger hat nur zwei 
umfangreichere historische Werke geliefert. Das erste war 
seine Geschichte des Fürstenthums Passau, 1816 und 1824, 
2 Bände. 

Dieses geistliche Fürstenthum , als kirchliches Gebiet 
früher von gewaltigem Umfang, als fürstliches Territorium 
klein, hat eine wechselvolle, für das südöstliche Deutschland 



v.DöIlinger: Nekrolog auf J oh. Nep. Buchinger. 433 

bedeutungsreiche Geschichte gehabt, und es wäre eine eben 
so lohnende als schwierige und weit ausgreifende Forschungen 
erfordernde Aufgabe, demselben historisch gerecht zu werden. 
Schon die Thatsache, dass Passau bei einer so herrlichen, 
so einzig vortheilhaften Lage nicht eine viel bedeutendere 
Stadt, ein grosser Handelsplatz geworden ist, bedarf der ge- 
schichtlichen Erklärung. Als Kulturstätte für das Ostreich, 
als Ausgangspunkt christlicher Missionen hatte Passau Jahr- 
hunderte lang einen hohen, glänzenden Beruf, wiewohl der 
fast tausendjährige Kampf mit Salzburg um die Metropolitan- 
Würde oft störend dazwischen trat. Eingeklemmt zwischen 
den übermächtigen Nachbarn Oesterreich, Baiern und Böhmen 
empfand Passau mehr die Nachtheile als die Vortheile eines 
zudringlichen und oft aufgenöthigten Schutzes, musste bald 
dem Baierischen, bald dem Oesterreichischen Interesse dienst- 
bar werden. Dazu jene Zustände, wie sie in den geistlichen 
Fürstenthümern so häufig waren: wie lange rangen die Bürger 
Passau's nach städtischer Freiheit und Selbstständigkeit! sie 
waren einmal nahe daran sie zu erringen, unterlagen aber 
zuletzt doch, dann die häufigen zwiespältigen Wahlen, durch 
die Einmischung theils der Baierischen , theils der Habs- 
burgischen Fürsten oft verbittert und verlängert. Auch 
müsste der Historiker die Frage aufwerfen und beantworten: 
warum denn Passau in den drei letzten Jahrhunderten und 
in langen Zeiten eines ungetrübten Friedens, von innen und 
aussen in Ruhe gelassen, als Sitz geistiger Bildung, als Pfleg- 
stätte von Literatur und wenigstens kirchlichen Studien doch 
auch den niedi'igst gestellten Anforderungen so gar nicht 
entsprochen habe, so dass der Literarhistoriker den Namen 
Passau zu nennen kaum eine Gelegenheit hat. Ich kann 
nun nicht sagen, dass das "Werk unseres Buchinger viel Licht 
auf die eben berührten Gesichtspunkte werfe. Es ist eine 
fleissige Sammlung von mancherlei zur Geschichte Passau's 
gehörigen, mitunter bedeutsamen oft aber auch gleichgültigen 



434 OeffentUche Sitzung vom 28. März 1870. 

Notizen, vielfach nur ein Regest von Urkunden, besonders 
über die Gütererwerbungen und Güterwechsel des Stiftes, 
eine gute Vorarbeit, aber der rechte Historiker des Fürsten- 
thums müsste erst noch kommen. 

Buchiiiger's zweites grösseres Werk ist eine Monographie : 
Julius Echter von Mesi3elbrunn , Bischof von Würzburg und 
Herzog von Franken, Würzburg 1843. Hier ist es ein geist- 
licher Fürst, dessen seltene Energie und Herrschergabe ver- 
bunden mit einer freilich auch sehr gewaltthätigen und des- 
potisch durchgreifenden Verfahrungsweise sein Land im Laufe 
einer 44 jährigen Regierung grossentheils umgestaltet hat. 
Julius war in seiner Weise und im Geiste seiner Zeit ein 
grosser Reformator, ein Haupt und Führer der aus ihrer 
Niederlage wieder emporstrebenden katholischen Partei, 
Gründer der Liga, dabei aber auch Stifter jener Institute, auf 
welche Würzburg noch heute stolz ist und denen es zum 
Theil seinen Flor verdankt, der Universität und des Hos- 
pitals. Beide tragen seinen Namen , und dieser Name ist 
in üoterfranken wohl jetzt noch der gefeiertste nach dem 
des grösseren und edlereu Franz Ludwig. Buchinger's Buch, 
dessen Vorzug in der Mittheiluug eines reichhaltigen aus 
dem Würzburger Archive geschöpften Materials besteht , hat 
daher auch in Franken, in Würzburg am meisten Anklang 
gefunden. 



Am Schluss hielt Herr Preger, ausserordentliches Mit- 
glied der historischen Classe einen Vortnig 

„üeber die Entfaltung der Idee des Menschen 
durch die Weltgeschichte." 

Derselbe ist im Verlane der Akademie erschienen. 



Einsendungen von Druckschriften. 435 



Einsendungen von Druckscliriften. 



Von der königlich sächsischen Gesellschaft der Wissenschaft eyi in 
Leipzig : 

a) Berichte über die Verhandlungen. Mathematisch-physikalischen 
Classe. 18G7. 3. 4. 1S68. 1. 2. 3. 1869. 1. 8. 

b) P. A. Hansen. Entwicklung eines neuen veränderten Ver- 

fahrens 'zur Ausgleichung eines Dreiecksnetzes 
mit besonderer Betrachtung des Falles . in 
welchem gewisse Winkel voraus bestimmte 
Werthe bekommen sollen, Nr. 2. 1869, 8. 

c) dto. Fortgesetzte geodätische Untersuchungen be- 

stehend in 10 Supplementen zur Abhandlung 
von der Methode der kleinsten Quadrate im 
Allgemeinen und in ihrer Anwendung auf 
die Geodäsie. 1869. 8. 

d) dto. Supplement zu der geodätische Unter- 

suchungen benannten Abhandlung, die Ke- 
duction der Winkel eines sphäroidischen Drei- 
ecks betr. Nr. 3. 1869. 8. 

Von der fürstlich Jallonmcslcischen Gesellschaft in Leipzig: 

Preisschriften. 16. Hermann Engelhardt : Flora der Braunkohlen- 
formation im Königreich Sachsen. Mit einer Mappe enthaltend 
15 Tafeln. 1370. 8. 



436 Einsendungen Ton Druckschriften. 

Von der Je. Je. mäJiriscJi-scTilesiscJien GesellscJiaft mr Beförderung des 
AcJcerl)aues, der Natur- und L'andesJcunde in Bninn: 

Schriften der historisch-statistischen Sektion. 19. Bd. Leipzig 1870. 8. 

Von der Universität in Heidelberg: 

Heidelberger Jahrbücher der Literatur unter Mitwirkung der vier 
Fakultäten. 63. Jahrgang. 2. 3. Heft. Februar, März 1870. 8. 

Von der Lese- und BedeJiälle der deutscJien Studenten in Prag: 
Jaliresbericht. 1. Februar 1869 — Ende Jänner 1870. 8. 

Vom Verein für GescJiicJite und ÄltertJiutnsJcunde in FranJcfurt ajM.: 

a) Mittheilungen an die Mitglieder des Vereins. 4. Bd. Nr. 1. 
1869. 8. 

b) Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt a/M. von Joh. Geoi'g 
Battonn. 5. Heft. 1869. 8- 

c) Neujahrsblatt, den Mitgliedern des Vereins dargebracht am 
1. Januar 1870. 4. 

Von der Je. AJeademie der WisscnscJiaften in Berlin: 
Monatsbericht. März, April 1870. 8. 

Von der pfülziscJien GesellscJiaft für TJiarmacie in Speier: 

Neues Jahrbuch für Pharmacie und verwandte Fächer. Zeitschrift. 
Bd. 33. Heft 4. April 1870. 8. 

Von der antJiropologiscJien GesellscJiaft in Wien: 
Mittheilungen. 1. Bd. Nr. 1. 2. 3. März, April, Mai 1870. 8. 

Vom Museum Francisco-CaroUnum in Linz: 

28. Bericht über dasselbe. Nebst der 23. Lieferung der Beiträge zul 
Landeskunde von Oesterreich ob der Ens. 1860. 8. 

Vom naturJiistoriscJien Verein der preussiscJien BJieinlande und West- 
pJialens in Bonn: 

Verhandlungen. 26. Jahrgang, 3. Folge, 6. Jahrgang, l.u. Hälfte. 1860. 



Einsendungen von Druckschriften. 437 

Vom Verein für siebenbilrgische LandesTcunde in Hermannstadt : 

a) Jahresbericht für das Yereinsjahr 1S63 69. 8. 

b) Archiv. Neue Folge. 8. Bd. 3. Hft. 9. Bd. l.Hft. 1869. 1870. 8. 

c) Hermannstädter Lokal - Statuten. Festgabe den Mitgliedern 
des Vereins im Jahre 1869. 8. 

d) Schriftsteller-Lexikon oder biographisch-literarische Denkblätter 
der Siebenbürger Deutschen von Jos. Tausch. 1. Bd. Kron- 
stadt 1868. 8. 

e) Harteneck, Graf der sächsischen Nation und die siebenbürg- 
ischen Parteikämpfe seiner Zeit 1691 — 1703. Von Ferdinand 
V. Zieglauer. 1869. 8. 

Vom nassauischen Verein für XaturJaoiäe in Wiesladen : 
Jahrbücher. Jahrgang 21 und 22. 1867. 136S. 8. 

Von der deutschen geologischen Gesellschaft iti Berlin: 
Zeitschrift. 22. Bd. 2. Heft. Februar. IMärz und April 1870. 

Von der astronomischen Gesellschaft in Berlin: 
Vierteljahrsschrift. 5. Jahrgang. 2. Heft. April 1870. 8. 

Voyi der Societe d'histoire de la Suisse romande in Lausa7ine: 
Memoires et documents. Tome 23. 1569. 8. 

Von der Haagschen Genootschap tot verdediging van den christelijken 

Godsdie7\st in Leiden: 
Werken. Vijfde reeks. Derde deel. 1870. 8. 

Von der Societe imperiale des naturdlistes in Moskau: 
Bulletin. Annee 1869. Nr. 1—3. 1870. 8. 

Von der Acadcmie des Sciences in Paris: 
Comptes rendus hebdomadaires des seances. Tome 70. Nr. 13 — 21. 
Mars— Mai 1870. 4. 

Von der Eoyal asiatic Society in London: 
Journal. New Series. Vol. 4. Part. 2. 1870. 8. 

** 



438 Einsendungen von DrucTcschriften. 

Von der Societe imperiale des sciences naturelles in Cherbourg: 
Memoires. Tom. 13. (Deuxieme Serie. — Tom. 3.) 1868. 8. 

Von der südslavischen Akademie der Wissenschaften in Agram'. 

Rad lugoslavenske Akademije. (Arbeiten der südslavischen Aka- 
demie.) Bd. 10. 1870. 8. 

Von der Geological Survey of India in CalcuUa: 

a) Memoirs. Vol. 6. Part. 3. 1869. 8. 

b) „ Palaeontologia Indica. V. 5 — 10. The gastropoda 

of the cretaceous rocks of Southern India. 1868. 4. 

c) Records Vol. I. Part. 1. 2. 3. 1868. 

„ IL „ 1. 1869. 8. 

d) Annual Report. Twelfth year. 1867. 1868. 8. 

Von der Societe des sciences naturelles in Strassburg: 

a) Memoires. Tome sixieme. 1866 — 70. 4. 

b) Bulletin. 1. annee. Nr. 1—11. Janvier— Decembre 1868. 

2. annee. Nr. 1 — 7. Janvier — Aoüt 1869. 8. 

Von der Boyal Society in Edinburgh: 

a) Transactions. Vol. 25. Part. 2. For the session 1868—69. 4. 

b) Proceedings. Vol. 6. 1868—69. Nr. 77—79. 8. 

Vom Museo publico in Buenos- Aires: 
Anales. Entrega primera — quarta et entrega sexta. 1864—69. 4. 

Von der Asiatic Societtj of Bengal in Calcutta: 

a) Bibliotheca Indica: a collection of oriental vrorks. New 
Series 4. 171. 174—176. 1869. 8. 

b) Journal. New Series Vol. 38. Nr. 157. Part. 2. Nr. 4. 1869. 8. 

Von der Geological Society in London: 
Quaterly Journal. Vol. 26. February 1. 1870. Nr. 101. 8. 



/ 






Einsendungen von Druckschriften. 439 

Von der Sociite Botanique de France in Paris : 
Bulletin. Tome Dix-septieme. 1870. Comptes rendus des seances. 1. 8. 

Von der Societe des sciences naturelles in Neuchatel: 
Bulletin. Tom. 8. Deuxieme cahier. 1869. 8. 

Vom B. Comitato Geologico d' Italia in Florenz: 
Bolletino Nr. 4. 5. Aprile e Maggio 1870. 8. 

Von der Academia Gioenia di scienze naturali in Catania: 
Atti. Serie terza Tomo 2. 1868. Tomo 43. 1869. 8. 

Yon der American pharmaceutical Association in Philadelphia: 

Proceedings at the seventeenth annual meeting held in Chicago, 
Jll. Sept. 1869. 1870. 8. 

Vom American Museum of natural history in NeiO'York: 
The first annual report. January 1870. 8. 

Von der Academie royale des sciences, des lettres et des beaux-arts de 
Belgique in Brüssel: 

a) Bulletin. 38. annee. 2. Serie. T. 27. 28. 1869. 

39. „ 2. „ T. 29. Nr. 5. 1869. 1870. 8. 

b) Memoires couronnes et memoires savants etrangers. Tome 34. 
1867—1870. 4. 

c) Collection chroniques Beiges inedites. Tome 2. 1. u. 2. Partie. 
Tome 3. 1869. 4. 

d) Memoires couronnes et autres memoires. Collection in 8. 
Tome 21. 1870. 

e) Annuaire 1870. Trente-sixieme annee. 1870. 8. 

Von der Academie royale de medecinc de Belgique in Brüssel: 

a) Memoires couronnes et autres memoires. Collection in 8. 
Tome 1 (Premier fascicule.) 1870. 

b) Bulletin. Annee 1869. Troisieme serie. Tom. 3. Nr. 11. 12. 
Tom. 4. Nr. 1. 2. 3. 1870. 8. 



440 Einsendungen von Bruckscliriften. 

Vom Observatoire Boijal in Brüssel: 

a) Annales. Tome 19. 1869. 4. 

b) Annales meteorologiques. Troisieme quatineme annee. 1869. 
1870. 4. 

c) Annuaire 1870. 37. annee. 1869. 8. 

Von der Societe des antiquaires de Picardie in Ämiens: 

a) Memoires. Documents inedits concernant la province Tome 
septieme. 1869. 4. 

b) Memoires. Troisieme serie. Tom. 2. 1868. 8. 

Vo7i der Societe Linneenne in Lyon: 
Annales Annee 1869. Tome Dix-Septieme. 8. 

Von der Äcademie imperiale des sciences, helles lettres et arts in Lyon: 
Memoires. Classe des sciences. Tome dix-septieme 1869. 1870. 8. 

Vom Instituto di corrispondenza archeologica in Born: 

a) Aunali Vol. 41. 1869. 8. 

b) Bulletino; per l'anno 1869. 8. 

Vom naturforschenden Verein in Brunn: 
Verhandlungen 7. Bd. 1868. 8. 

Vom Offenlacher Verein für Naturkunde in Offenhach alM. 

Zehnter Bericht über seine Thätigkeit vom 17 Mai 1868 bis 6. Juni 
1869. 8. 

Von der Schlesicig-Eolstein-Lauenlurgischen Gesellschaft für vater- 
ländische Geschichte in Kiel: 

Jahrbücher für die Landeskunde der Herzogthümer. Bd. 10. 1869. 8. 



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des Dai(7rieTis und def grosseJi Xchc . 




SUzurLgshrrichte de?' k b Äkad d. K isio I J 



Sitzungsbericlite 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Philosophisch-pliilologische Classe. 

• Sitzung vom 7. Mai 1870. 



Herr Thomas übergibt die Fortsetzung^) 

,,der geographischen Bemerkungen zum Reise- 
buch von Schiltberger" 
von Herrn Professor Bruun in Odessa. 

HI. 

Im dritten Kapitel (p. 57) der Neumannschen Ausgabe 
erwähnt Schiltberger unter andern Ländern , wohin Bajesid 
nach der Schlacht von NikopoHs einige der christlichen Ge- 
fangenen geschickt habe, auch der „weissen Tartary." Nach 
Neumann ist hier die Rede von dem Lande der freien Ta- 
taren im Gegensatze zu den schwarzen, d. h. den unfreien, 
tributpfliclitigen. Dagegen versteht Erdmann (Temudschin 
der Unerschütterliche, 1862, p. 194), nach Raschid -Eddin. 
unter weissen Tataren die türkischen Völkerschaften, welche 
später Mongolen genannt wurden, unter schwarzen dagegen 
Mongolen im engeren Sinn. ,,Die schwarzen Tataren traten 
nach dem Siege über die weissen und die übrigen in eigenen 
Reichen bestehenden Türken als Mongolen (d. h. unter ihrem 
früheren Namen) auf, breiteten ihre Herrschaft nach dem 
Osten Europas aus und bürdeten so auch den Westtürken 
den Namen der Tataren auf, diejenigen ausgenommen, welche 



1) Yergl. 1869. IL 271 ff. 
[1870. 1. 4.] 29 



442 Sitzung der pJiilos.-philöl. Classe vom 7. Mai 1870. 

in Kleinasien, von ihnen unangetastet, den Namen der Türken, 
als Osmanen u. s. w. mit sich nach Europa trugen." 

Welche dieser beiden Ansichten auch die richtige sein 
möge, weder die eine noch die andere leitet uns zu den Wohn- 
sitzen der weissen Tataren, die nicht blos hier, sondern auch 
an anderen Stellen des Reisebuchs besprochen werden. So 
erfahren wir aus demselben: 

1) dass ein ,, gewaltiger Herr in der wissen tartarey 
(p. 67) mit dem Sohne Burhan-Eddins , Fürsten von 
Siwas verschwägert war; 

2) dass während der Belagerung Angoras durch die 
wjsen Tartaren der älteste Sohn Bajazids ihren 
Herrn gefangen genommen und sie gezwungen hatte, 
sich dem Sultan zu unterwerfen (p. 70); 

3) dass 30,000 Mann ,,von den wisen Tartarien," die Baja- 
zid an die Spitze seines Heeres gestellt hatte, beim Beginn 
der Schlacht von Angora zu Tamerlau übergingen (p.7 3)". 

Aus allen diesen Nachrichten glaubte ich folgern zu 
dürfen , Schiltbergers weisse Tatarei wäre identisch mit der 
weissen Horde der mohammedanischen Schriftsteller, oder 
der ,, blauen", wie diese Horde bei den Russen heisst, weil 
ihre Weideplätze sich in der Nähe des blauen Meeres (des 
Aralsees) befanden. Das Erbtheil der ältesten Linie der Dju- 
djiden bildend , erkannte diese Horde anfänglich die Ober- 
herrschaft der Goldenen Horde an, die den Nachkommen 
Batus des zweiten Sohnes Djudjis gehorchte. Bald jedoch 
hörte diese Abhängigkeit auf und gegen das Ende des 
XIV. Jahrhunderts gelang es sogar einem Gliede der älteren 
Linie , dem bekannten Tochtamysch , sich zuaa Herrn der 
Goldenen Horde zu machen, nachdem er vorläufig, ndt Hülfe 
Tamerlans, seinen eigenen Oheim Üruschan entthront ha.te. 
Seitdem aber dieser ehrgeizige Fürst sich mit seinem Be- 
schützer entzweit hatte, musste er wohl suchen mit Bajazid 
in Verbindung zu treten, auf die der Sultan gern eingegangen 



Thomas: Brunn zu Schiltherger. 443 

sein wird , bei der auch ihn bedrohenden Macht des Be- 
herrschers Djagatais. Demnach hätte er leicht dem Toch- 
tamysch einige seiner Gefangenen zum Geschenk machen 
können, wenn auch nur um ihm seine Theilnahme zu be- 
zeugen an dem unglücklichen Ausgange des Feldzugs, den 
sein Bundesgenosse kurz vor dem gfgen Tamerlan unter- 
nommen hatte. Bekannt ist wenigstens , dass nach der 
Schlacht am Terek (1395) eine Abtheilung des zersprengten 
Heeres sich nach Kleiuasien geflüchtet hatte und dort von 
Bajazid aufs Beste aufgenommen worden war. Der Anführer 
dieser Truppen, Tasch-Timur gehörte selbst zur Familie der 
Djudjiden und hatte die Krim als Vasall des Tochtamysch 
beherrscht (Ssaweljew, Monety Djudjidow, 1858, p, 314). 
Der „König von Sebast" würde demnach seiner Würde nichts 
vergeben haben, wenn er ihm seine Schwester zur Frau ge- 
geben hätte. In Folge dieser Verwandtschaft hätte Tasch- 
Timur seinen Wohltbäter Bajazid verrathen und zur Bela- 
gerung Angoras schreiten können, um später, nur scheinbar 
mit dem Sultan versöhnt, Partei für seinen Landsmann zu 
nehmen. In diesem Falle hätten die arabischen Autoren 
Recht gehabt, denen zufolge Tamerlan seinen Sieg den im 
Heere Bajazids dienenden Tataren verdankte, nicht aber, 
wie es in den türkischen und persischen Quellen heisst, ge- 
wissen türkischen Fürsten Kleinasiens. 

Trotz aller dieser Umstände habe ich mich später davon 
überzeugt, dass die Stellen des Reisebuchs, wo von ..weissen" 
Tataren die Rede ist, sich nicht auf die ,, weisse"' Horde be- 
ziehen, und zwar nicht blos deshalb weil Letztere bei Schiit- 
berger die grosse Tartarei heisst, sondern schon aus dem 
Grunde, weil seine weissen Tataren keine anderen waren, 
als die durch Tamerlan besiegten Tartaros Blancos, die, 
nach Clavijo (Hist. del Gran Tamorlan Madrid, 1782 p. 122 
cf. 97) , ,,eran naturalem de una tierra que es entre la Tur- 
quia (Kleinasien) e ia Suria." 

29* 



444 [Sitswig der philos.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

Aus dem Gesagten folgt, dass die weissen Tataren 
beider Reisenden Turkomanen waren, die im östlichen Klein- 
asien herumzogen , wie dies heute noch ihre Nachkommen 
thun, deren Gesichtszüge ihre mongolische Abstammung ver- 
ratheu (Vivien de Saint-Martin, Descr. de l'Asie-Min. II, 429). 

In der That hatten sich im östlichen Theil von Cilicien, 
nach der Eroberung dieser Provinz durch die baharitischen 
Mameluken , zwei unabhängige turkomanische Herrschaften 
gebildet, nach ihren Gründern Beni-Ramazan und Dulkadir 
genannt. Adana war die Hauptstadt des ersten dieser kleinen 
Staaten, Merasch die Residenz der Dulkadiriden, deren Name 
noch heute die Provinz bezeichnet, die ihnen einst gehörte. 
Die Selbstständigkeit beider Dynastien dauerte bis zum Jahr 
1515, in welchem ihre Besitzungen durch den Sultan Selim 
erobert und dem osmanischen Reiche annektirt wurden (Vi- 
vien de S. M. 1. 1. I, 529). 

Der Anführer der weissen Tataren Clavijos war wahr- 
scheinlich ein Nachkomme Dulkadirs, da, nach Weil (Gesch. 
d. Chalifen , V, 82) , Tamerlan , unmittelbar nach der Ein- 
nahme von Siwas, eine Abtheilung seines Heeres gegen die 
Dulkadiriden schickte, weil sie, während der Belagerung jener 
Stadt sich feindselig gegen ihn benommen hatten. Einem 
Gliede dieser Familie gehörten auch die Heerden, die bald 
darauf von den Mongolen aus der Gegend von Palmyra weg- 
getrieben wurden (1. c. 91). 

Gleich den weissen Tataren des kastilischen Gesandten 
waren die seines bayerischen Zeitgenossen, wenigstens zum 
Theil, den Dulkadiriden unterthan. Bajased beabsichtigte 
seinen ältesten Sohn Suleiman mit der Tochter Nassir-Eddins 
Dulkadir zu vermählen , den er desshalb nicht umgangen 
haben wird bei der Vertheilung seiner Gefangenen. Zu 
demselben Nassir - Eddin , seinem Verwandten, flüchtete 
sich Kasi-Burhan-Eddins Sohn, der Schwager des Königs 
der weissen Tataren, nach Schiltberger. Der Bruder Nassir- 



Thomas: Brunn zu Schütberger. 445 

Eddins, Sadnka musste sich den Osmanen gerade um dieselbe 
Zeit unterwerfen (Weil, 1. c. 74) als, nach Schütberger, die 
weissen Tataren durch Bajased besiegt wurden. 

Da es nun wohl keinem Zweifel mehr unterliegt, dass 
auch die -weissen Tataren, durch dtren Verrath die Schlacht 
von Angora zu Gunsten Tamerlans entschieden wurde, tur- 
komanische ünterthanen der kleiuasiatischen Fürsten 
Dulkadir und Beni-Ramazan waren, so brauchen wir nicht 
mit Weil (Gesch. d, islam. Völker 437) anzunehmen, dass 
ausser den Turkomanen, deren ehemalige Fürsten von 
Bajasid vertrieben worden waren, noch ,, mehrere t artar- 
ische Regimenter" die unter ihm dienten, während der 
Schlacht zu dem Feinde übergegangen seien. "Wenigstens 
ersehen wir aus dem Bericht Schiltbergers , weshalb die 
morgenländischen Autoren sich zu widersprechen scheinen 
hinsichtlich der Nationalität der Truppen, deren Verrath die 
Niederlage der Osmanen zugeschrieben werden muss. 

IV. 

Unter den Städten des von Schiltberger durchwanderten 
Transkaukasiens werden im 32. Kapitel (p. 99) des Reise- 
buchs erwähnt: Zuchtun, die Hauptstadt Abhasiens (abkas), 
und die Hauptstadt Mingreliens (megral) Kathon, die er 
jedoch weiter unten (p. 158) Bothan nennt, hinzufügend, 
sie läge am Ufer des Schwarzen Meeres. 

Neumann hält diese Stadt für das heutige an der Münd- 
ung des Rion gelegene Poti , in dessen Nähe wir auf den 
italienischen Compasskarten den Namen fasso oderfaxo treffen, 
der uns die Lage der Stadt Asso (statt Fasso) anzeigt, die 
nach Contarini (cap. II p. 31 d. russischen Ausgabe) an der 
Mündung des Fasso lag und 60 Meilen entfernt war von einer 
andern mingrelischen Stadt, genannt Liati oder Varti. 

Es versteht sich von selbst, dass Liati sowohl als Varti 
nichts weiter sind als falsche Lesarten des Namens Vathi, 



446 Sitzung der philos.-pMoh Classe vom 7. Mai 1870. 

den , nach Barbaro (c. X. p. 45 d. russ. Ausg.) eine mingre- 
lische am Meere gelegene Festung trug , die sowohl ihrer 
Lage als ihres Namens wegen keine andere sein konnte als 
das heutige Batum, an der Mündung des Saris (Lozija Tscher- 
nago Morja 1866 p. 105) in welchem ich den 360 Stadien 
vom Phasis entfernten FIuss Barvg Arrians gern wiederer- 
kennen möchte. 

Hier muss auch die Stadt „Bata en Carceche" gelegen 
haben, von wo aus ,,Goigora", d.h. der Atabek Quarkuare 
im Jahr 1459 dem Herzog Philipp von Burgund meldete, er 
sei gesonnen die Türken zu bekriegen (Brosset, Additions etc. 
409): denn dieses Bata war gewiss identisch mit der Stadt 
Varti oder Vati, die nach Contarini (c. V p. 72) zu den Be- 
sitzungen des Fürsten von Cakican (Achaltschik) „Gorgora" 
gehörte. 

Weil aus einem gleichzeitigen Briefe des Königs von 
Georgien Georg VIII. an besagten Herzog von Burgund her- 
vorgeht, dasB dieselbe Stadt Bata „pres de la Tente" lag, 
so glaubt Brosset schliessen zu dürfen, die Verbündeten seien 
auf dem Punkt gewesen ins Feld zu rücken , während der 
König ohne Zweifel nur, gleich Rubruquis, das türkische 
"Wort orau durch Zelt übersetzt und sagen will, nicht weit 
von der Stadt habe sich die Horde oder das Lager (Hammer, 
Gesch. d. Gold. Horde, 32) des Königs von Mesopotamien 
Assem-Bech befunden, den er in seinem Briefe als den ,, per- 
sönlichen'' Feind .,des Türken" bezeichnet und den mehrere 
gleichzeitige Schriftsteller (Contarini, der Russe Nikitin, Chal- 
cocondylas) einfach in der Horde (lordo, orda, ovq^o) resi- 
diren lassen. 

Dieser Hasan -bey oder Usun- Hasan, nicht ein Sohn 
(Brosset, Add. 408) , sondern ein Enkel Kara-Jeleks (Weil, 
Gesch. d. Chal. V, 306), stand damals an der Spitze der 
Horde vom weissen Hammel und hatte kurz vordem einen 
Feldzug nach Armenien und Georgien unternommen. Ob- 



Thomas: Brmm zu Schiltberger. 447 

gleich Brosset (Hist. de la Georgie, I, 686) weder in geor- 
gischen Chroniken noch in französischen üebersetzuugen mu- 
sulmanischer Autoren irgend eine Notiz über diesen Feldzug 
gefunden hat, so kann die Thatsache nicht geläugnet werden; 
denn wie hätte sonst Abul-Mahazin (cod. Berol. f. 64 ap. Weil, 
1. 1. 307, 1) sagen können, Hasan habe im Jahr 863 (1458 — 9) 
dem Sultan von Aegypten die Schlüssel mehrerer eroberten 
Festungen Georgiens zugeschickt. 

Nach Chalcocondylas erstreckte Georgien sich im XV. Jahr- 
hundert bis Bathy, d. h. bis Batuoi (Brosset, Add. 106) und 
umfasste demnach auch Mingrelien , das jedoch schon seit 
langer Zeit seine eigenen Dadiane oder Fürsten hatte, die 
sich sehr wenig um ihren Oberlehnsherrn bekümmerten 
(Brosset, Hist. I, 560; cf. Rapports sur un voyage etc. VII, 44). 

Bei so bewandten Umständen ist nicht daran zu zweifeln, 
dass unter Schiltbergers kathon oder bothan nicht das 
heutige Poti, sondern die türkische Stadt Batum verstanden 
werden muss. 

Dagegen habe ich mich geirrt, als ich mich zu der 
Ansicht hinneigte (Notices . . . conc. la Gazarie in d. Mem. 
de l'Ac. de S. P. X, 9) Batum sei identisch gewesen mit der 
Stadt Bata oder Batiario , von deren Präsidenten in dem 
Statut officii Gazariae vom Jahr 1449 (Sapiski Odessk. 
Obschtsch. Ist. u Drewn. V, 640) zugleich mit denen von 
Mapa oder Mapario (Anapa) und Matrica (Taman) die Rede ist. 

Abgesehen von der grossen Entfernung dieser beiden 
Städte von Batum, darf dieser Ort schon deshalb nicht mit 
Bata oder Batiario identifizirt werden , weil sein Name auf 
den Seekarten des XIV. und XV. Jahrhunderts nie anders 
lautet als vati oder lovati. 

Weit eher als mit Batum, dürfte Batiario seiner Lage 
nach mit der alten Stadt Apaturia zusammenfallen, da der 
Name bata, batta, auf einigen jener Karten diesseits von 
lo lopa am Kuban angemerkt ist. 



448 Sitzung der pMlos.-pMol. Classe vom 7. Mai 1870. 

Da aber auf denselben Karten (der katalanischen und 
der von Bianco) etwas weiter gegen Norden an der Ostküste 
des Asofschen Meeres, bei dem heutigen Bachtar, zugleich 
der Name Bagtiar zu lesen ist, so möchte es doch wohl ge- 
rathener sein, dorthin das Batiario des Statuts zu versetzen, 
da dieser Ort gewiss identisch war mit dem jenseits von 
locopa gelegenen ,,castrum batiarii', das ums Jahr 1455 seinem 
rechtmässigen Besitzer ,,illario maiini' durch den Präsidenten 
,, Johannes bozius" entrissen wurde (Atti della Societa Ligure etc. 
VI, p. 356, N. GL). 

Was den nicht von Arrian , wie De la Primaudaie 
(fitudes sur le commerce au M. A. I, 236) meint, sondern 
von Strabo und Ptolemaeus erwähnten Hafen Bata anbelangt, 
so entsprach er dem von Noworossiisk in der Bucht von 
Tzemes oder Sudjuk-kale, dem 'IsQog-hf^irlv Ariians, von den 
italienischen Seefahrern nicht ohne Grund calolimena genannt, 
während ihr ,,porto de susaco" seinen Namen dem Flüsschen 
,,Sütchük" verdankt, das in den Hafen von Gelendschik mündet 
(Bell, Journ. d'uneresid. en Circassie, tr. p. L.Vivien, 1841, 1, 83). 

Die Hauptstadt Abhasiens ,,zuchtun" lässt Neumann nach 
Reineggs (Allg. bist. top. Beschreib, d. Kaukasus, II, 5) mit 
der ,. kleineu abghasischen Stadt Suppu zusammenfallen, was 
richtig sein könnte, wenn dies Städtchen sich in oder neben 
der türkischen Festung ,,Saghun)i, Soghum-kala" oder „Dor- 
drup" befunden hätte, auf die Reineggs weiter unten (p, 7) 
wie es scheint, nach einer andern Quelle, zu sprechen kommt, 
und deren Ruinen jetzt noch an der Mündung der Gumista, 
einige Werst von dem im Delta der Baslata gelegenen heut- 
igen Suchum-kale sichtbar sind. 

Das ältere Suchum war noch zu Hadji-Chalfas Zeit eine 
bedeutende Handelsstadt, wo die Genueser schon im XIV. Jahr- 
hundert eine Niederlassung gegründet hatten, die in ihren 
Urkunden und gleichzeitigen Seekarten stets nur den Namen 
savastopoli trägt. 



Thomas: Bruun zu SchUtherger. 449 

Schon aus diesem Grunde wird es wahrscheinlich, dass 
hier gerade das alte Dioscurias lag, da diese weltberühmte 
milesische Colonie später bekanntlich unter dem Namen Se- 
bastopolis erscheint , weil eine von den Römern in ihrer 
nächsten Nähe erbaute Festung so genannt worden war. 

Bei der hohen Bedeutung der Stadt Dioscurias oder Se- 
bastopolis im Alterthum , müssen sich Spuren ihrer ver- 
gangenen Grösse sowohl über als unter der Erde erhalten 
haben, wie dies bei Olbia, Chersonesus. Panticapaeon und 
den übrigen pontischen Emporien der Griechen der Fall ge- 
wesen ist. Leider herrschen bis jetzt noch in der gelehrten 
Welt verschiedene Meinungen hinsichtlich der Oertlichkeit, 
wo denn eigentlich Nachforschungen angestellt werden müssten, 
um Resultate zu erzielen, durch welche allein die Lage von 
Dioscurias mit Sicherheit ermittelt werden könnte. 

So z. B. suchen Müller (Geogr. graeci min. I. 375) und 
Brosset (Hist. I, 62 etc.). nach dem Vorgange von Klaproth 
und Dubois , Dioscurias beim Vorgebirge Iscurieh , dessen 
Entfernung von Pitzunda in gerader Linie 400 Stadien be- 
trägt, während nach Arrians genauer Messung längs der 
Küste Sebastopolis von Pityus, dessen Identität mit Pitzunda 
von Niemand bezweifelt wird, nur 350 Stadien entfernt war. 
Da nun die Ausdehnung der Küste zwischen Pitzunda und 
Suchum-kale gerade so viel beträgt, so hat wohl Tuitbout 
(Atlas de la mer Noire) recht gethan , dem alten Sebasto- 
polis seine Stelle in dem späteren anzuweisen, wobei er hätte 
zugeben können, wenn man es durchaus verlangt haben 
würde, der älteste Name der Stadt sei nach Iscurieh über- 
tragen worden und habe sich dort bis heute in einer ver- 
stümmelten Form erhalten. 

Dass Dioscurias mit mehr Recht in der Nähe von Suchum 
als bei dem Vorgebirge ,,Skurdja'' gesucht werden darf, lässt 
sich auch daraus schliessen , dass die Entfernung zwischen 
Letzterem und der Mündung des Rion nur 500 Stadien be- 



450 Sitzung der pMos.-pMöl. Classe vom 7. Mai 1870. 

trägt (Müller, I. 1. 377), während Sebastopolis durch 810 Sta- 
dien von der Mündung des Phasis getrennt war, den man 
gewöhnlich mit dem Rion identifizirt. 

Diese Ansicht möchte freilich nicht die richtige sein, da 
Poti, an der Mündung des Rion, nur circa 90 Stadien von 
Redut-kale, an der Mündung des Chopi, entfernt ist, während 
die Eütfernung zwischen dem Chobus , der jedenfalls dem 
Chopi entsprach, und der Mündung des Phasis gerade doppelt 
so gross war. 

Gern möchte ich demnach den Rion mit dem Chariens 
oder Arius zusammenstellen, der, nach Arriau, in der Mitte 
zwischen dem Chobus und dem Phasis sich ins Meer ergoss; 
den untern Lauf des Phasis dagegen — mit dem später in 
einen See verwandelten paliostomo oder palostomo, wobei 
ich mich auf die Veränderungen berufen würde, denen diese 
,, sandige, weiche und seichte" Gegend nach dem schon von 
dem Academiker Thomas (Der Per. d. Pont. Eux etc., Abh. d. 
phil. philol. Cl. d. bayer. Acad. d. Wiss. X, 1. p. 268) citirten 
Zeugnisse Strabos, von je her unterworfen war und zu deren 
Erklärung es genügt die Worte eines eben so geistreichen 
als gewissenhaften Beobachters anzuführen , der hier als 
Augenzeuge spricht: ,, Wenige Flüsse in der Welt führen 
reichlichem Niederschl.:ig von Sand, Lehm und Humus mit 
sich, wi^' der braune Uion" (Wagner, Reise nach Kolchis, 227). 

Doch gesetzt auch meine Hypothese würde, trotz einer 
schwer mit ihr zu vereinigenden Stelle bei Strabo (XI, 2 § 17) 
nicht ohne Weiteres verworfen werden, dennoch betrüge die 
Entfernung zwischen dem Chopi und Isgons oder Iskurieh 
nicht mehr als 420 Stadien ; zwischen diesem Vorgebirge da- 
gegen und dem alten Suchum — nahe an 600, die besser 
zu den 630 Stadien passen würden, die, nach Arrian, den 
Chobus von Sebastopolis trennten. 

Nicht damit zufrieden dieser alten Stadt ihren Platz 
beim Vorgebirge Iscurieh anzuweisen, hat man sich sogar 



Thomas: Brxnm zu SchiJtberger. 451 

für berechtigt gehalten, in dieselbe Gegend die Stadt Soterio- 
polis zu versetzen , die , nach dem Kaiser Constantin (De 
adni. imp. c. 42) auch in Abhasien lag, dessen Küste sich 
Ton döit aus 300 Meilen weit bis zur zichischen Grenzstadt 
Nicopsis, am gleicLnamigen Flusse erstreckte. Von dort 
aus war es noch eben so weit bis zum Fluss Ukruch . der 
Zichien von Tamatarcha trennte. 

In dem Ukruch erkennt man leicht den Kuban, der mit 
einem Arm ins Schwarze Meer, mit dem andern in das 
Asofsche mündet und demnach das Land der Tscherkessen, 
deren Identität mit dem Zych.n oder Ziehen durch Schilt- 
berger (c. LVI) , lange vor Interiano , constatirt wird , — 
von der Insel Taman trennt, die ihren Kamen dem alten 
Städtchen Korokon-dame verdankt, dem später so berühuiten 
Tmu-torokan der Russen , dessen Name iu dem xdörqov 
xafxdxaqya (cf. Thomas, 1. 1. 266: tov Mdrctqxcc) nicht zu 
verkennen ist. 

An der nördlichen Mündung des Ukruch, in der Gegend 
von Temruk und Kurki lag die Stadt Schakrak oder Dja- 
krak, da Abulfeda berichtet (tr. p. Reinaud, IL 40) die Küste 
des Asofscheu Meeres habe gerade von diesem Punkt an sich 
von Osten nach Norden gerichtet. 

Obgleich die Entfernung zwischen diesem Ort und dem 
Vorgebirge Iskurieh ungefähr 600 röujische Meilen beträgt, 
so hätte Müller (1. 1. 379) sich nicht durch Mannert verleiten 
lassen sollen , die 600 Meilen vom Ukruch entfernte Stadt 
Soteriopolis mit dem alten Sebastopolis zu ideutifiziren, da, 
nach dem Kaiser Constantin , (De them. conf. Hieroclis 
Synec.etc. ed. Parthey, 1866 p.,315) Soteropoüs der alte Name 
der Stadt Pythia war, die ihrerseits keine andere gewesen sein 
wird, als Arriaus Pityus, das pegonda der italienischen Karten, 
das georgische Bidchwinta, unser heutiges Pitzunda. 

Vielleicht verdankte diese alte Stadt ihren Beinamen 
dem byzantinischen Feldherrn Sotericus, der ihre durch die 



452 Sitzung der philos.-philöl. Classe vom 7, Mai 1870. 

Perser zerstörten Mauern wieder aufgebaut hatte und bald 
darauf (556 cf. Muralt, Essai de chron. byz. , p. 210) im 
Kampfe mit den Misimianeru, einem den Apsiliern oder Ab- 
hasen benachbarten Volke, umgekommen war. 

üebrigens trug Pitzunda noch im XIV, Jahrhundert bei 
dem trapezuntischen Griechen den Namen Soteropolis (Kunik, 
Utschon. Sap. St. P. Ak. Nauk, II, 740), der auch eine Dioe- 
cese bezeichnete, die im Jahr 1347 mit der von Alanien 
wieder vereinigt wurde (Acta Patr. Const, XIV und CGXXI) 
und zu der die Muttergotteskirche zu Ateni in Georgien, 
nebst mehreren andern Kirchen in Alanien, Kaukasien und 
Achochien gehörte, während die zu Justinians Zeit erbaute 
Marienkirche Pitzuudas (ßrosset, Rapports, VIII, 131) gleich 
den meisten Kirchen Abhasiens und Georgiens, nicht dem 
Patriarchen von Constantinopel, sondern dem von Antiochien 
untergeben war (Parthey, 1, 1. 271). 

Aus dem Gesagten folgt, dass der in der Mitte zwischen 
dem Ukruch und Soteriopolis fliessende Nicopsis nicht, wie 
Klaproth behauptet hat, mit dem fiume Nicofia oder de 
Nicola der Seekarten zusammenfallen konnte, denn dieser 
Name erscheint auf ihnen nicht nordwestlich, sondern 
südöstlich von pegouda, d. h. zwischen diesem Ort und 
Savastopol , und verdankt seine Entstehung dem Schloss 
Anacopi, dessen Ruinen an der Mündung der Psirta noch 
jetzt sichtbar sind. 

Der Fluss Nicopsis, von dem der Kaiser spricht, durch- 
strömte dagegen das in bedeutender Entfernung nördlich 
von Pitzunda sich zum Meer hinziehende Thal Negopsucha, 
wo sich bedeutende Ruinen erhalten haben, die uns berech- 
tigen hier die zur zichischen Eparchie gehörige Stadt Ni- 
copsis zu suchen, die nicht verwecliselt werden muss, mit 
dem von Cedrenus unter dem Jahr 1033 erwähnten ab- 
hasischen Schloss Anacuphen, in dem das Schloss Anacopi 
am hohen Ufer der Psirta nicht zu verkennen ist. 



Thomas-. Bruun zu Schiltberger. 453 

Hier hätte man demnach nicht, trotz der entgegenge- 
setzten Meinung Klaproths, dem Brosset (Hist. I, 61) und 
Dubois (Voyage autour du Cauc. I, 276) beistimmen, die 
Stadt Nicophsia suchen sollen, wo der Apostel Simon zu 
Tode gemartert und begraben worden war. Weil nach einer 
andern von Baillet benutzten Quelle (Vie des Saints , III, 
415), der Ort wo der Heilige gemartert wurde, Suanir hiess, 
so glaubt Brosset annehmen zu müssen, er sei in Svanetien 
gestorben, dagegen sei sein Leichnam von dort nach Ana- 
copi transportirt worden. 

Da nun aber, nach Arrian, die Sanigen damals die ab- 
hasische Küste bewohnten, so braucht der Chronist sich nicht 
geirrt zu haben, wenn er das Grab des heiligen Simon nicht 
von dem Orte trennt, wo er getödtet worden war. Wenigstens 
konnte Nicophsia auch durch den Namen Suanir bezeichnet 
werden, da die Stadt den Sanigen gehörte. 

Dass diese Stadt weit eher in Negopsucha als in Ana- 
copi hätte gesucht werden sollen, kann aus mehreren Stellen 
der georgischen Chronik gefolgert werden. So heisst es 
z. B. in ihrer französischen üebersetzung (Brosset I, 648) 
dass alle Caucasier ,,depuis Nicophsia jusqu'a Derbend" 
dem König von Georgien (und dem mit ihm vereinigten Ab- 
hasien, p. 647) Georg V. unterworfen waren; ferner dass 
bei der Thronbesteigung seines Sohnes und Nachfolgers eine 
Versammlung der beiden Erzbischöfe von Georgien und Ab- 
hasien (les catholicos) , der Bischöfe und Grossen ,,de Ni- 
cophsia et de Sper jusqu'a Derbend" Statt fand (ibid. 649). 

Wollte man unter Nicophsia hier Anacopi verstehen, 
so müsste man zugleich gegen alle W^ahrscheinlichkeit an- 
nehmen , der Chronist habe irrthümlich die nördlich von 
diesem Ort gelegene Stadt Bidchwinta zum Lande der Tscher- 
kessen gerechnet und den Bischof dieser Stadt von der georgo- 
abhasischen Ständeversammlung ausgeschlossen. 

ünterdess ersieht man aus einer griechischen Inschrift, 



454 Sitzung der phiJos.-phUol. Classe vom 7. Mai 1870. 

die in der oben erwähnten Marienkirche zu Birlchwinta auf- 
bewahrt wird, dass diese Stadt noch im XYI. Jahrhundert 
der Sitz eines Bischofs war (Brosset, Hist. I, 213). 

Nach Josselian (Grusia i Armenia, 1848 p. 304), der 
diese Inschrift sogar aus dem XIV. Jahrhundert stammen 
lässt, besitzt eine griechische Kapelle in Pitzunda noch jetzt 
eine genuesische Glocke vom Jahr 1529, mit dem Bilde der Mutter 
Gottes, der heiligen Veronica und eines latfinischeu Bischofs, 

Es zeigt sich also, dass nachdem die Türken der Herr- 
schaft der Genueser auf dem Schwarzen Meer ein Ende ge- 
macht hatten, ihr Verkehr mit der Ostküste noch fortdauerte, 
wie dies mit Caffa und Tana der Fall war, über deren Ver- 
hältnisse während ihrer Abhängigkeit von der Pforte uns 
der 2. Band der Atti Tauri-Liguri und der 4. Band der 
Handelsgeschichte Venedigs hoffentlich bald neue wichtige 
Aufschlüssse bringen werden. 

V. 

Als Beispiel wie sehr man sich hüten muss, Schiit- 
bergers Zeugniss ohne Weiteres zu verwerfen, sogar in den 
Fällen ') , wo er scheinbar sich ins Reich der Fabeln ver- 



2) Sogar Neumann bedauert, dass Schiltberger durch derartige 

Mittheilungen sein Werk verunstaltet habe. „Das ist" sagt er (p. 25) 
,,die einzige Krankheit des sonst so kerngesunden bayerischen Reise- 
werkes, der ihm anhaftende, vorzüglich von Armenien herrührende 
Ijegendenkram/' während gerade umgekehrt der armenische Bischof 
Aiwazovski, der so gütig war mir schriftlich Auskunft zu geben, über 
die Bedeutung mehrerer sich auf die früheren Verhältnisse seiner 
Landsleute beziehenden Bemerkungen Schiltbergers, Letzteren be- 
schuldigt, er habe jenen Legendenkram wenn auch nicht erfunden, 
so doch von irgend einem Catholiken sich aufbürden lassen, und es 
ihm namentlich gewaltig übel nimmt, dass er die freilich sehr an- 
stössige Verwandlung des Königs Dertad (p. 145 — 146 bei Neumann) 
nicht mit Stillschweigen übergangen hat. 

Doch wenn es auch nicht erlaubt sein sollte auf diese und ähn- 
liche Stellen des Reisebuchs die Bemerkung des Proclus zu beziehen, 



Thomas: Brunn zu ScJiiltherger. 455 

irrt , möge das XLIV. Kapitel dienen , wo er behauptet in 
Arabien mit eigenen Augen eine Brücke gesehen zu haben, 
zu der man der Sage nach, die er nicht zu bezweifeln wagt, 
das Schienbein des ägyptischen Riesen Allenkleisser be- 
nutzt hatte. 

Dieses ungeheure Bein hat man wohl Niemand so leicht 
zuschreiben können, als Alexander dem Grossen, nicht allein 
wegen der Aehnlichkeit der arabischen Form seines Namens 
Aliskander mit Schiltbergers Allenkleisser, sondern auch des- 
halb , weil die Erinnerung an die fabelhafte Schnelligkeit 
seines Siegeszugs durch Asien vor Allem in der Stadt fort- 
leben musste, die es ihm verdankte für ein ganzes Jahr- 
tausend der Stapelplatz des Welthandels geworden zu sein. 

Es versteht sich von selbst, dass im Laufe der Jahr- 
hunderte verschiedene ältere Legenden mit der Alexander- 
sage zusammenfliessen mussten , namentlich die Traditionen 
der Juden, gegen die er sich so human betragen hatte, dass 



dass ein Mythus um so erhabenere Wahrheiten in sich schliesst, je 
unsinniger er zu sein scheint , so ■nird man doch zugehen müssen, 
dass Schiltberger uns durch Einverleibung solcher Fabeln in seinem 
Reisebericht ein Mittel an die Hand gegeben hat, die Bildungsstufe 
der Völker des Orients, in deren Mitto er so lange geweilt hatte, 
kennen zu lernen. 

Jedenfalls hat Schiltberger in solchen Fällen nicht anders ge- 
handelt als Herodot und nichts desto weniger wagt es heute Niemand 
mehr, dem „Vater der Geschichte" daraus einen Vorwurf zu machen, 
dass er nicht allein den Bericht seiner eigenen Erlebnisse und Forsch- 
ungen allerlei Fabeln beigemischt hat, sondern sogar so naiv ge- 
wesen ist sie für wahr zu halten. Dasselbe kann man von Marco 
Polo sagen, der die Möglichkeit zugibt, dass ein Schuhflicker einen 
Berg in Bewegung gesetzt habe, und demnach nach dem Urtheil 
eines in Fragen dieser Art vollkommen competenten Richters (Wal- 
ckenaer, Hist. gener. des voyages I, 52; cf. Pauthier, Le livre de 
M. P. I XCV) wegen seiner Verdienste um die Erdkunde es verdient, 
Alexander von Macedonien und dem Entdecker Amerikas an die 
Seite gesetzt zu werden. 



456 Sitzung der phüos.-phihl. Classe vom 7. Mai 1870. 

heute noch die Grossen der Erde nicht übel thun würden 
seinem Beispiel in dieser Hinsicht zu folgen. In der That 
liest man in der ., Geschichte der Eroberung Aegyptens" von 
Abdal-Hakem (manuscr. cf. Quatremere, H. des Marolouks etc. 
I, 1. p. 218) der Körper eines Riesen, den Moses getödtet 
hatte, sei in den Nil gefallen und habe seitdem die Stelle 
einer Brücke vertreten. Dies ohne Zweifel sehr alte Märchen 
war eben so gewiss in naher Verbindung mit dem was uns 
S. über das Schienbein Allenkleissers mittheilt. Seine Leicht- 
gläubigkeit in diesem Falle wird man ihm wohl nicht zum 
Vorwurf machen, wenn man erwägt, dass dasselbe Märchen 
noch im XIII. Jahrhundert so verbreitet war, dass sogar der 
mächtige Beherrscher der Goldenen Horde sich für die 
Sache interessirte. 

Während einer Audienz die Berke-chan, 1263, den Ge- 
sandten des Sultans Bibars ertheilte , richtete er an sie die 
Frage, ob es wahr sei , wie man ihm versichert hatte , dass 
das Bein eines Riesen am Nil die Stelle einer Brücke ver- 
trete. Die Gesandten waren nun wohl aufgeklärt genug, 
um von der Sache nichts wissen zu wollen, üebrigens 
konnten sie vielleicht auch deshalb nicht anders antworten, 
weil der Chan die Frage nicht richtig gestellt hatte. Wenigstens 
erfahren wir durch Schiltberger, dass jene sonderbare Brücke 
gar nicht über den Nil führen konnte, da er sie selbst in 
Arabien bewundert hatte. Seiner Beschreibung zufolge ver- 
band sie dort zwei Felsen, zwischen denen, in einem sehr 
tiefen Thale, ein Fluss sich durchschlängelte. Diese Brücke 
mussten früher alle Reisenden passiren, da es keinen andern 
Weg über das Gebirge gab. 

Diese topographischen Details, die Schiltberger gewiss 
nicht erfunden hat, macheu es sehr wahrscheinlich, dass 
er hier die Umgebungen der Festungen Kerak und Schaubek 
im Auge hatte, die ihrer merkwürdigen Lage wegen während 
der Kreuzzüge so berühmt waren. 



Thomas: Bruun zu Schütlerger. 457 

„Kerak sagt Quatremere (1. 1. 24) war der Schlüssel 
des Wegs in die Wüste." Alle Karavanen die von Damask 
nach Mekka oder dahin zurück sich begeben wollten, alle 
aus der Hauptstadt Syriens nach Aegypten bestimmten 
Kriegsheere mussten durchaus an den Thoren dieser, rings 
von einem tiefen und engen Thale (Raumer, Paläst. 271) um- 
gebenen Festung vorbeiziehen. 

Schaubek, kaum 36 Meilen von Kerak entfernt, hatte 
eine nicht minder günstige Lage. Nach Burckhart (cf. Raumer, 
1. 1. p. 281) umgibt eine 300 Fuss tiefe Schlucht die Burg, 
die sich noch besser erhalten hat als Kerek, auch Petra de- 
serti genannt und deshalb oft mit der älteren Stadt dieses 
Namens verwechselt, von der Plinius mit Recht sagen konnte: 
oppidum circumdatum montibus inaccessis, amne interfluente 
(cf. Raumer 1. 1. p. 271 — 277). s) 

Nach Abdul -Hakem (Quatremere, 1.1. p. 245) war die 
Strasse in jener Gegend so eng und beschwerlich, dass eine 
ganze Truppenabtheilung in ihrem Marsche aufgehalten 
werden konnte, wenn auch nur ein Bewajffneter sich ihr 
dort an irgend einem Punkte entgegenstellte. 

Dass die von Schiltberger beschriebene Brücke über 
einen dieser Hohlwege führte , ist um so wahrscheinlicher, 
da der soeben angeführte arabische Historiker in diese ,,alte" 
Gegend, ausser vielen anderen heiligen Stätten, das Grab 
,,Iskenders" versetzt, hinzufügend, er könne nicht bestimmen 
wer dieser Alexander gewesen sei. 

In der Voraussetzung dass das Bein Allenkleissers nicht 
gar weit von dem Grabmal Aliskauders entfernt sein konnte, 
würde ich in ihrer Nähe auch die Brücke suchen, die Schilt- 
berger neben dem Schienbein vorfand und die, einer an ihr 



3) S. aucli die Note zu Marin. Sanut. Syr. in den Urkund. d. R. 
Venedig IT, p. 404. 

[1870, I. 4,] 30 



458 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

angemerkten Inschrift zufolge, 200 Jahre vor der Zeit als 
er sie zu sehen Gelegenheit hatte, erbaut worden war. 

Da nun aus anderen Stellen des Reisebuchs hervorgeht, 
dass Schiltbergers Aufenthalt in Aegypten ins Jahr 1423 
fällt, so müsste, seinen Worten zufolge, die Brücke ums 
Jahr 1223 erbaut worden sein. Das möchte ich aber be- 
zweifeln, da die Zerwürfnisse, die bald nach dem im Jahr 
1193 erfolgten Tode Saladins unter seinen Nachkommen ein- 
getreten waren, damals noch fortdauerten und die Ejjubiten 
ausserdem fortwährend mit den Kreuzfahrern zu kämpfen 
hatten. 

Man vergesse jedoch nicht, dass Schiltberger, dem be- 
kannt sein musste, dass das 825. Jahr der Hedschra mit 
dem 1423. unserer Zeitrechnung zusammenfiel, dagegen wahr- 
scheinlich nicht wusste, dass das mohammedanische Jahr 
kürzer ist als das christliche, und deshalb, ausser Acht 
lassend, dass 200 mohammedanische Jahre circa 193 Jahren 
unserer Zeitrechnung entsprechen, zu dem Resultat kam, die 
Brücke sei ums JaLr 1223 erbaut worden, während dies 
doch, der Jahrzahl der Inschrift zufolge, 1230 geschehen war. 

Gerade damals war der Neffe Saladins Aikamil, nach- 
dem er sich mit dem Kaiser Friedrich II. abgefunden hatte, 
von den übrigen Ejjubiten als Oberherr anerkannt worden, 
worauf er bis zu seinem Todj 1238, sich in der unbe- 
strittenen Herrschaft Syriens und Aegyptens behauptete, mit 
Ausnahme der Festungen Kerak und Schaubek, die er 
noch im Jahr 1229 seinem Neffen Davud hatte überlassen 
müssen. 

Dieser Umstand mag vor Allem den „König Sultan" 
Aikamil veranlasst haben, neben der alten, nach Schiltberger, 
mit Baumöl bestrichenen und desshalb von einem ver- 
moderten Riesenknochen nicht leicht zu unterscheidenden 
Brücke, den Bau e-'ner neuen anzuordnen, um die Verbind- 
ung zwischen beiden Theilen seines Reichs offen zu halten. 



Urlichs: Die BrücJcen des alten Borns. 459 



Herr Christ legt vor: 

eine von dem auswärtigen Mitgliede Herrn Hofrath 
ürHchs in Würzburg eingesendete Abhandlung: 

Studien zur römisclien Topographie. 

I. Die Brücken des alten Roms. 
(Mit einer Tafel.) 

Zahl und Namen der Brücken der Kaiserzeit geben 
folgende mehr oder weniger amtliche Verzeichnisse, die theils 
auch der Form, theils wenigstens dem Inhalte nach in das 4. 
resp. 5. Jahrhundert n. Chr. gehören, also an (grösstentheils 
nach meinen Collationen): 

I) Curiosum Urbis (Ä Cod. Vat. 3321 saec. VIII. 
B Cod. Vat. 1984 saec. XL C Cod. Vat. 3227 saec. IX. 
D Cod. Laurent, saec. XIII. E Cod. Lugdun. saec. XV.) 

Pontes VIII. Aelius. Aemilius. Äurelius. Molvius. Suhlicius. 
Fahricius. Cestius et Frohi. 

A Aemilius. ai . . . (d. h. äurelius, u ist halb erhalten, 
das Ende der Zeile abgerissen). 
G MOLBIVS. 

P (man. 2.) 

A SVBLICIVS. 

A CQ (das üebrige abgerissen). BC Caestius 

E ostius. 

II) De regionibus. sog. Notitia. {A Cod. Vindob. 
162 saec. IX. iV Notitia dignit. ed. 1552 B Cod. Laurent, 
saec. X (nach Prellers CoUation). C Cod. Sessor. saec. XV 
(ebenso). D Cod. Vindob. 3416 saec. XV. E Cod. Voss. 

30* 



460 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Mai 1870. 

Lugdun. saec. XV. F Cod. Burnei. saec. XV. G Cod. Me- 
diomont, saec. XVI. H Cod. Bruxell. saec. XV). 

Fontes Sepie. Äelius. Aurelins. Mulvius. Suhlicius. Fahricius. 
Gestius et Frohi. 

BD Pontes ohne Zahl. N Pontes VII. CEFH Pontes 
octo oder VIII. 

B aelius. aemilius. E helius, hemilius. F Elius, Emilius. 

2V Molvius. B Mululius. In EFH fehlt alles von Mul- 
vius einschliesslich an. (In dem cod. Älonac. 794 der Notitia 
Lelius — Fabritius.) 

B Cestius, Probianus. 

III) Mirabilia Romae. {A Cod. Ottobon. 3057. B 
Vallicell. saec. XIII. C Vatic. 3973. B~F der über cen- 
suum des Cencius camerarius , wovon D saec. XIII im päpst- 
lichen Archiv arm. 3 ord. 2. E saec. XV ebenda plut. XI. 
F der berühmte Codex Columnensis in der vaticanischen 
Bibliothek ohne Nummer. Sie gehören dem Ursprünge nach 
in das 12. Jahrhundert; ein beigeschriebenes Verzeichniss der 
Päpste schliesst mit dem 2. Jahre Coelestin III , in E von 
verschiedenen Händen bis auf Pius IV. fortgesetzt. C ist im 
Jahre 1616 aus der Domkiiche zu Salerno in den Vatican 
gekommen; früher erscheinen sie in dem Politicus ßeuedicti 
vor 1142 und in den Collectanea Albini um 1184, vgl. 
De Rossi, Roma sotterr, t. I, p. 128.) 

Hi sunt pontes. Föns Milvius. Föns Ädrianus. Föns Nero- 

nianus. Fans Antonimis. Föns Fahricius. *) Föns Gratianus. 

Fans Senatorum. Föns marmoreus Tlieodosii et Föns 

Vdlentinianus. 

AB Y)q pontibus. C Milvus. B Hadrianus. C Fabricus. 

E Gracianus. 



1) In Montfaucons Abdruck (Diar. Ital. p. 284) irrig Pons 
Fabiani. Reber, die Ruinen Roms S. 824 meint freilich: „der Name 



Urliehs: Die Brücl-en des alten Borns. 461 

Dieselben Xamen finden sich mit bezeichnenden Zusätzen 
in der zweiten Bearbeitung der Schrift (vgl.-Rossi, laRoma sotte- 
ranea ebendaselbst), der Graphia auree urbisPv(=:Romae) 
(cod. Laurent, saec. XlII). Ich gebe diese Recension nach 
der Abschrift meines verstorbenen Freundes Pap en cor dt. 

De pontihus. Pons milvius. Ädriamis. Neronianus ad 
sassiam Antonini in insida. Fabricü in ponfe iudeorum 
felicis gratiani pons iyiter insidam et trans tiherim pons sena- 
torum sancfe Marie, pons fheodosii in riparmea. pons 
valentiniani. 

Einen verdorbenen Test hat Parthey in seine Aus- 
gabe (Mirabilia Romae Berol. 1869 p. 4) aufgenommen: 
Pontes isti sunt: pons Milvius; pons Adriani qui di- 
citur Judeorum. quia ibi Judei habitant; pons Fa- 
bricius, pons Neronianus u. s. w. Denn nicht die 
hadrianische, sondern die fabricische Brücke grenzt an das 
Judenquartier, die Worte qui — habitant gehören also 
nach pons Fabricius.^) Auch ist der pons Neronianus 
aus seiner Stelle gerückt. 



der fabricischen Brücke fehlt in dem Abdrucke bei Montfaucon und 
ich vermuthe, dass er in der Ausgabe der Mirabüien von Nibby, wo 
er sich findet, nichts anderes als eine sehr tadelnswerthe Einschiebung 
dieses Gelehrten sei". 

2) Einem ähnlichen Versehen begegnet man p. 14, 6: circus 
Flamineus ad pontem Judeorum in Transtiberim. templum 
Ravennatium, effundens oleum, ubi est sancta Maria in 
Transtiberim. Es hätte schon aus p. 46, 5: Transtyberim ubi 
nunc est sancta Maria fuit templum Ravennatium verbessert 
werden können. Aber auch an jener Stelle selbst lassen die guten 
Handschrifsen die letzten Worte in Transtiberim aus, C setzt 
einen Punkt nach Flammine US (sie), DE richtig nach Judaeorum. 
Denn gelesen muss ohne Zweifel werden: circus — Judaeorum. 
in Transtiberim — Maria. 



462 Sitzung der philos.-phüol Classe vom 7. Hai 1870. 

Vergleicht man diese Urkunden, so verräth sich der 
weit jüngere Ursprung der Redaktion , worin die letzte vor- 
liegt, durch die mittelalterliche Benennung des pons Sena- 
tor um. Direm Inhalte nach aber ist sie eine zuverlässige 
und echte Fortsetzung der erstem. Sie nennt statt einer 
altern die Brücke Gratians und führt eine neue Brücke des 
Theodosius auf. Beide konnten die altern Verzeichnisse 
nicht enthalten, weil sie bekanntlich vor der Regierung dieser 
Kaiser abgefasst waren. Den pons sublicius lässt sie aus: 
wir haben also anzunehmen, dass er entweder durch einen 
andern Namen ersetzt oder nach der Mitte des 4. Jahr- 
hunderts zerstört war. Den pons Neronianus nennt sie 
allein, wahrscheinlich weil die Anlagen Neros im vaticanischen 
Gebiete für die Christen eine Bedeutung gewonnen hatten, 
welche den Namen der Ruinen bei S, Spirito erhielten ; denn 
dass er frühe zu Grunde gegangen war, beweist das Schweigen 
der altern Verzeichnisse, und dass man die Brücke nicht 
herstellte, der Umstand, dass ihn Procopius nicht nennt und 
man nach Prudentius Peristeph. 12, 60 flf. von der Peters- 
zur Pauls-Kirche nicht über den nähern pons Neronianus, 
sondern über den pons Hadriani ging. 

Aber zuverlässig sind die Mirabilia gewiss. Sie führen 
nicht allein die durch Inschriften und andere Zeugnisse 
sichern Brücken, die milvische, aelische und fabriciscJie, unter 
denselben oder gleichbedeutenden Benennungen auf, sondern 
sie halten, wie zuerst Preller, die Regionen der Stadt Rom 
S. 234 bemerkt hat, allein eine streng topographische Ord- 
nung ein. Sie beginnen mit dem 'pons Milvius, nennen da- 
rauf den pons Adrianus, nach der Engelsbrücke den pons 
Neronianus, dessen Reste bei St. Spirito in Sassia noch er- 
kennbar sind und unzweifelhaft mit den neronischen Bauten 
der Gegend zusammenhängen. Folglich spricht die Präsum- 
tion dafür, dass sie auch die übrigen Brücken in der rich- 
tigen Reihenfolge aufzählen. Dies ist nachweislich bei dem 



Urlichs: Die Brücken des alten Roms. 463 

paus Änfoninus der Fall. Von den Märtyrern Hadrias und 
Hippolytus unter Valerian heisst es in den Akten (Aringhi, 
Roma sotter. I, p. 288) praecepit eos adduci ad pontem 

Antonini et relicta sunt Corpora in eodem loco 

iuxta insulam Lycaoniam, d. h. nachdem sie in die 
Tiber gestürzt waren, Vergl. ebenda S. 31 und 218 (unter 
Claudius II): inXiberim proiectus quem Christiani in 
insula Lycaonia invenientes . . . .; in Tiberis alveo 
corpus eius iactatum et inventum .. in insula Lyca- 
onia; iactatus in Tiberim corpusque eius remanserat 
in insula quadam Lycaonia. Die Tiberinsel lag also 
unterhalb der Brücke. Im Jahre 792 wurde die Brücke durch 
eine Ueberschwemmung zerstört (Anastas. bibl. v. Hadriani I, 
356)') und hiess seit der Zeit bis auf ihre Herstellung durch 
Sixtus IV. (1475) pons fractus. Unter diesem Namen 
wird sie in den für die Bestimmung des Tiberflusses wich- 
tigen Bullen der Päpste Benedict VIII. aus dem Jahre 1019 
und Leo IX. aus dem Jahre 1049 erwähnt. Beide Urkunden 
sind oft, zuletzt von Jordan, novue quaestiones topogra- 
phicae, Regiomont. 1868 p. 13 behandelt, aber von diesem 
Gelehrten theilweise missverstanden worden. Es werden dort 
(vgl. Marini. papiri diplom. p. 68. 85) die Grenzen des Bis- 
tLums Portus folgendermassen beschrieben: iucipiente quo- 
que primo termino a fracto ponte ubi unda diuiditur 
(unda dicitur i> unda Antonina dicitur unda ducitur 
C) per murum uidelicet transtiberine urbis per Sep- 
timianam portam et per portam sancti Pancratii, 
per silicem uero ipsius porte usque ad pontem mar- 
moreum qui est super Arronem et ducente per ipsam 
silicem usque ad Paritorium indeque reuoluente per 
paludes usque in mare indeque ueniente {om. B) per 



3) Es ist 'zu interpnngiren: usque ad .pontem Antonini 
ipsumque evertens, murum egressus. 



464 Sitzung der philos.-pMol. Classe vom 7. Mai 1870. 

mare usque ad duo miliaria ultra Farum et {otn. B) 
usque in Fontem maiorem, indeque remeante per 
medium flumen maius uenit usque ad ramum fracti 
pontis qui est iuxta Marmoratam indeque ad medium 
pontem sancte Marie et ad medium pontem ubi 
Judei habitare uidentur et redit per medium pontem 
predictum ubi iam de unda (undam Antoninam C) 
diximus, qui est primus affin. Zu Anfang muss sicher 
geschrieben werden: ubi unda [Antonina] dicitur, wie es 
im Verfolg heisst ubi iam de unda [undam Antoninam] 
diximus. Denn dass diese Gegend wirklich so hiess, beweist 
der Beiname der im Jahre 1260 in der Nähe der Brücke 
erbauten Kirche S. Salvator in unda. Von dort wendet sich 
die Grenzbestimmung an der Mauer von Trastevere vorbei, 
durch die porta Septimiana , deren Name heutzutage noch 
existirt,*) durch die Porta di S. Pancrazio und weiter ins 



4) Mirabiliap. 2, 18: Porte Transtyberim sunt tres. porta 
Septimana, ubi septem laudes facte fuerunt Octauiano 
Imperator i. So druckt Parthey. Die guten Hss. D F haben 
richtig Septimiana (so auch hier A) und alle guten mit unbedeu- 
tenden Varianten septem naiades (naiades D E naidas C Voll.) 
iunctae iano. So auch die Graphia: Septem naydes iuncte 
lano. Die von Parthey vorgezogene Lesart, eine junge Interpolation, 
gibt der Anonym. Magliabecch. am vollständigsten. Bei ihm macht 
Octavian selbst seine Verehrung. Septignana adhuc porta est, 
quae per Octaviauum denominata fuit Septignana, quando 
voluit visitare templum in monte Janiculo reverentia 
Jani, quia septem vices genu flexit antequam rediret ad 
templum illud et ideo septem laudes datae sunt per Octa- 
vian um. Wir haben an eine Gruppe von Najaden, der im Forum 
Caesars aufgestellten ähnlich, zu denken, zur Verzierung der Wasser- 
leitung, welche die Bäder des Severus jenseit der Tiber speisen 
sollte, an beiden Seiten des Strassendurchgangs (ianus). Bei Spar- 
tian v. Sev. 19 liest man: opera publica praecipua eins extant 
..thermae Severianae (in der I.Region) eiusdemque etiam 
lane (so B ianae P) in transtiberina regione ad portam 



Urlichs: Die Brücken des alten Borns. 465 

Land hinein. Der via Aurelia (denn diese ist unter dem 
silex zu verstehen) folgt die Grenze bis zu der heute noch 
erhaltenen Brücke über das Flüsschen Arrone nach Pali- 
doro (Paritorium)^); dann geht sie über die Stagni di 
Maccarese bis 2 Miglien jenseit des Leuchtthurms bei Portus 
zur Tibermündung bei Ostia , dann den grössern Tiberarm 
hinauf bei den unterhalb des Ausgangspunkts gelegenen 
Brücken, d. h. bei der an Her Marmorata befindlichen, 
jetzt noch in einigen Pfeilerresten erkennbaren , dann dem 
ponte rotto und dem ponte di quattro capi vorbei bis 
zu jenem zurück. Diesen bestimmen die Mirabilia p. 9, 9 
genauer, indem sie das theatrum Antonini iuxta pon- 
tem Antonini verlegen. Dies Theater aber, welches auch 
im Ordo Rumanus^) auf der Strasse der Arenula erwähnt 
wird , ist das wahrscheinlich von einem Kaiser hergestellte 
Theater des Baibus. Also steht die Identität des pons An- 
toninus und des heutigen ponte Sisto lest. 

Suchen wir nun diese Brücke in den beiden altern Ver- 
zeichnissen , so begegnen wir derselben Erscheinung wie bei 
der Engelsbrücke. Wie diese im Curiosum und in der 
Notitia pons Aelius, in den Mirabilia pons Adrianus 
heisst, so entspricht der pons Antoninus der Mirabilia 
dem pons Aurelius der altern Verzeichnisse. Ohne Zweifel 
ist diese Brücke von einem Kaiser Aurehus Antoninus erbaut 



nominis sui, quarum forma intercidens statim usum pu- 
blicum invidit. balneae vermuthet Becker, de Rom. vet. 
muris etc. p. 149, sachlich richtig, einfacher und leichter aber streicht 
man iane als Dittographie von etiam. 

5) An das partiturium (so in der für Xiebuhr von Hähnel 
gemachten Abschrift des Anonym. Einsidl.) im 'Marsfelde, d. h. an einen 
Scheideweg, ist natürlich nicht zu denken. 

6) Mabillon mus. Ital. II, p. 125: sinistra manu descendit 
ad maiorem viam Arenule, transiens per theatrum An- 
tonini . . . 



466 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

worden. Höchst wahrscheinlich von Caracalhi. Denn in dem 
nördlichen Theile von Trastevere kommen keine Bauten des 
M. Aurelius vor, wohl aber ansehnliche Anlagen des Sep- 
timius Scverus, welche Caracalla allen Anlass hatte, mit dem 
nunmehr bevölkerteren Theile des Marsfeldes in Verbindung 
zu bringen."^) 

Auch die beiden folgenden Brücken, der pons Fahricius 
und Gratianus^ über deren Namen die noch erhaltenen In- 
schriften keinen Zweifel zulassen, führen die Mirabilia in ihrer 
richtigen Folge auf: es müssen also die übrigen ebenfalls 
der Ordnung nach genannt werden, d. h. der pons senatorum 
dem ponte rotto , die letzte der Brücke au der Alarmorata 
entsprechen. Diese letztere ist, wie Jordan eingesehen hat, 
nur eine. Denn der Grund, welcher Becker Handb. S. 701 
und Preller S. 245 vermochte, den pons Valeutiniani für 
einen spätem Zusatz zu halten und auf ponte Sisto zu be- 
ziehen, ist hinfällig. Die Inschrift bei Gruter p. 160, 6 
gehört an den pons Gratianus (vgl. Nibby, Roma nel 1838 
I, p. 169), wo sie noch steht, und wird in den Scheden des 
Metellus falsch nach ponte Sisto gesetzt. Auch darin irrt 
Prell er, dass er den pons Probi damit identificirt. Da 
Theodosius und Valentinian gleichzeitig regierten und der 
Bericht des Symmachus über einen Brückenbau im Jahre 384 
(epist. X, 45 ff.) an beide Kaiser adressirt wird, hat die 
Brücke den Namen beider Erbauer geführt, und der Irrthum 
der Mirabilia rührt nach Jordans richtiger Bemerkung da- 
her, dass in ihrer Quelle die Namen unter, einander gestanden 



7) So Piale degli antichi ponti di Roma (atti dell' accademia 
Romana di archeologia IV, p 216). Wenn Becker Handb. S. 701 
einwirft: „Aurelius hiess sie wenigstens desshalb in keinem Falle", 
BO hat Piale schon richtig darauf hingewiesen, dass Caracalla sich 
M. Aurelius Antoninus nannte. Nach Reber S. 314 freilich bestand 
die Brücke geraume Zeit vor Hadrian. Er macht aus einer Her- 
stellung der Ufertermination eine Restauration der Brücke. 



Urlichs: Die Brüclcen des alten Roms. 467 

haben werden, und zwar so, dass das Wort Pontes nur 
einmal in der Ueberschrift gesetzt war. Aus dem Zusatz 
marmoreus möchte ich nicht mit Jordan die Nähe der 
Marmorata folgern, da ja auch die Brücke über den Arrone 
so heisst: vielleicht war das Geländer wie bei dem von 
Narses hergestellten ponte Salario und Mammolo von Mar- 
mor. Aber ihre Lage wird durch den Beisatz der Graphia 
in ripa romaea (verschrieben riparmea) bei Ripa Grande 
bewiesen, eben so die Identität des pons senatorum und des 
ponte rotto durch die Erklärung qui nunc dicitur sancte 
Marie. So hiess die Brücke schon im Jahre 1230, als sie 
Gregor IX. nach einer Ueberschwemmuug herstellte (Murat. 
rer. Ital. scriptt. t. III, p. 1, p. 578) ; der ältere Name pons 
senatorius kommt in der Inschrift des Jahres 1575 , welche 
sich auf die Herstellung durch Gregor XIII. bezieht, wieder 
vor. Vielleicht stand , wie auf der GraLiansbrücke , die In- 
schrift , dass die Brücke in usum senatus populique 
Roman i erbaut war, wahrscheinlicher hiess sie so, weil sie 
dem palatium senatorum, wie die Mirabilia das Capitol 
nennen, nahe lag. 

Es muss nun unsere Aufgabe sein, diesen mittelalter- 
Hchen Namen, so wie den der Gratiansbrücke, in den beiden 
altern Verzeichnissen aufzusuchen. Sie wäre leicht, wenn 
der Versuch Jordans a. a. 0. p. 13, in ihnen eine topo- 
graphische Ordnung herzustellen, gelungen wäre. Im Cu- 
riosum folgt der pons Aurelius auf den Aemilius, der Milvius 
auf den Aurelius, der Sublicius auf den Milvius, eine Un- 
ordnung, die u. A. von Preller S. 223 richtig beurtheilt 
worden ist , und die bei den Montes , basilicae , thermae, 
aquae , viae , kurz im ganzen Summarium sich wiederholt. 
Jordan meint, die Namen Milvius (das (Juriosum hat Molvius) 
und Aemilius seien der Aehnlichkeit wegen vertauscht wor- 
den, stellt, da aber auch damit nicht geholfen ist, diesen 
vertauschten Milvius statt nach dem Aehus vor denselben, 



468 Sitzung der pMos.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

rückt endlich auch den Fabricius von seinem Platze und 
behauptet: ante permutata Milvii et Aemilii uomina 
hunc fere indicem fuisse conicio Midvius \_Äelius fehlt 
wohl nur durch einen Druckfehler) Aurelms Aemüius qui 
et Fabricius Siihlicius Cestius Prohi, in quo iudice nihil 
iam desidera veris praeter pontem Neronis qui cito 
periit sive quassatus est. Das sind aber nur sieben 
Brücken, das Curiosum zählt ausdrücklich acht; es müsste 
also sein Verfasser den pons Fabricius und Aemilius, die Jordan 
identificirt, irrthümlich doppelt gerechnet haben. ^) Da aber 
nach seiner eigenen Annahme der letztere jünger ist, würde 
Bein Name an die Stelle des altern getreten sein, und doch 
nennen beide übrigen Verzeichnisse den Fabricius, während 
sie den Aemilius auslassen. Diese Lücke würde, wenn sie 
in den Mirabilia allein sich fände, uns nicht weiter auffallen ; 
sehr bemerkenswerth aber ist sie in der Notitia und dem 
cod. Vindobonensis. Dass neben diesem der Laurentianus, 
der aus dem Curiosum interpolirt ist, nicht in Betracht 
kommt, hat Preller S. 36 gezeigt;^) eben so dass dieser 
andern Redaktion ebenfalls ein bedeutendes Gewicht bei- 
gelegt werden muss. Die Notitia lässt den pons Aemilius 
aus und zählt ganz richtig Pontes VII, der cod. Vindob. 
ebenfalls und zählt Pontes Septe. Da nun die Mirabilia 
mit ihnen in jener Ausslassung üb' reinstimmen, ergibt sich 
ziemlich sicher, dass der Fehler nicht in den letztgenannten 



8) Oder meint er etwa, dass der pons Neronianus zwar in der 
Summe mitgezählt wurde, aber in der Aufzählung weggelassen war? 
Dieser Annahme widerspricht der Satz qui cito periit etc. 

9) Preller sagt von dieser Handschrift ganz richtig: ,,Nur 
gibt sie nicht sowohl den reinen Test dieser Eedaktion , als einen 
auf Combination beider Redaktionen, des Curiosum und der Notitia, 
beruhenden". Daher fehlt auch in B bei dieser und den beiden fol- 
genden Rubriken die Zahl , weil bei den pontes eine Differenz ob- 
waltet , und bei den montes in A eine Confusion eingeschlichen ist. 
Dasselbe gilt von D, welcher ebenfalls die Zahl auslässt. 



Urlichs: Die Briichen des alten Borns. 469 

Quellen, sondern im Curiosum liegt, dass der pons Aemilius 
einen andern Namen erhalten hatte, und durch ein leicht 
erklärliches Versehen sowohl der ältere als der jüngere 
im Curiosum aufgeführt werden. Da er ferner von dem 
Gewährsmann des Lampridius bei dem Tode Hehogabals 
noch angeführt wird (v. Heliog. v. 17) , wahrscheinlich von 
Marius Maximus , muss diese Namensänderung nach dem 
Jahre 222 eingetreten sein. Der pons sublicius kommt natür- 
lich nicht in Betracht, da er älter war als der Aemilius 
(vgl. z. B. Plut. Num. 9), wir haben also unter den in den 
altern Verzeichnissen aufgeführten Namen nur die Wahl 
zwischen dem pons Cestius und Probi. Sie wird uns 
nicht schwer fallen. Denn die gens Cestia kommt meines 
Wissens nach dem Ende des 1. Jahrhunderts nicht vor, und 
im 3. würde ein ötfentliches Gebäude nicht nach einem 
Magistrat benannt worden sein: es bleibt also nur der pons 
Probi übrig. Wie wir sehen werden, scheint allerdings 
in der Mitte des 3, JahrLunderts der pons Aemilius nicht 
in brauchbarem Zustande sich befunden zu haben. Wenn 
also Jordan im Hermes 4, S. 256 behauptet, dass seine 
Ansicht , wonach die Restauration der fabricischen Brücke 
durch Aemilius Lepidus ihr den Doppelnamen pons Fabricius 
und Aemilius verschafft hat, ,, durch den Zustand des Brücken- 
verzeichnisses hinter den Regionsbeschreibungen gefordert 
wird", so dürfen wir umgekehrt sagen: sie wird dadurch 
ausgeschlossen. 

Zwischen dem Zustande , welchen die Mirabilien 
beschreiben , und dem altern Verzeichnisse besteht nun 
zunächst der Unterschied, dass der pons sublicius, nachdem 
er bis in das 4. Jahrhundert sich erhalten hatte, verschwun- 
den ist , gewiss nicht ohne Einfluss des herrschend gewor- 
denen Christenthums , und es wäre ja denkbar , dass die 
steinerne Brücke des Theodosius seine Stelle eingenommen 
hätte. Seit Beckers schöner Beweisführung wird ihn aber 



470 Sitzung der phihs.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

Niemand ^^} ausseshalb der servianischen Mauer suchen. 
Rechnet man diesen ab, so bleiben unter verschiedenen 
Namen in jedem Verzeichnisse folgende Brücken: der Cestius, 
Probi in dem altern, der pons Gratianus, senatorum, Theo- 
dosii et Valentiniani in dem Jüngern Verzeichnisse ; diese 
müssen den drei noch ganz oder zerstört ^^) vorhandenen, 
und einander selbst entsprechen. Denn dass es stromab- 
wärts weiter keine gab , folgert Jordan aus den oben be- 
sprochenen Bullen mit Recht. Wäre nun der pons Cestius 
oder der pons Probi gleich dem pons Theodosii , so würde 
entweder für den pons seuatorum = ponte rotto oder für 
den pons Gratiani = ponte di S. Bartolomeo ein Name fehlen; 
hält man aber diese Brücke für einen wirklichen Neubau, 
und etwa den pons Cestius für ponte rotto , so ergibt sich 
die undenkbare Thatsache, dass der leicht zu überbrückende 
rechte Tiberarm bib gegen das Ende des 3. Jahrhunderts 
ohne steinerne Brücke geblieben wäre, während man schon 
früher an einer doch minder frequenten Stelle die schwie- 
rigere üeberbrückung durch den pons Aurelius bewerkstelligt 
hatte. Ist aber der pons Probi gleich dem pons senatorum 
und zugleich dem pons Aemilius, so folgt, dass ponte rotto 
dem alten pons Aemilius entpricht, und diese Folgerung 
halte ich, wenn die oben entwickelte Ansicht über die Auto- 
rität der Verzeichnisse richtig ist, lür unabweisbar. 

Anders freilich , wenn man nicht den zuletzt behandelten 
Quellen, sondern demCuriosum folgen will. Nur thue man es dann 
auch ganz, zähle die 8 einzelnen Brücken in der Summe als 



10) Mit Ausnahme vonDernburg, die Institutionen des Gajas, 
ein CoUogienheft. 1869. S. 19 und auf dem Plan, 

11) Ueber die Brücke an der Marmorata sagt Eeber S. o27: 
,,wann jedoch die gründliche Zerstörung vor sich ging, ist nicht 
bekannt," Er hätte u. A. bei Nibby I, S. 204 das Datum finden 
können : am 23. Juli 1484. 



Urlichs: Die Brücken des alten Borns. 471 

8, d. h. den Aemilius und Fabricius jeden für sich. Dies tliut 
Mommsen in einer scharfsinnigen Ausführung, auf die er 
später mehrmals Bezug nimmt (ßer. d. sächs. Gesellsch. d. 
Wissensch. 1850 S. 320 £f. vgl. Gesch. d. röm. Miinzwesens 
S. 531 zum Corp. inscript. I, p. 175 röm. Geschichte I, 
S. 52), Er lässt den pons sublicius über die Insel gehen 
und hält den pons Fabricius für den ponte di quattro capi, 
den AemiHus für den ponte di S. Bartolomeo. Die Brücken 
des Cestius und Probus lässt er unbestimmt, den pons Theo- 
dosii und Neronianus erwähnt er nicht. Jordan bringt nur 
7 Brücken zusammen, verlangt aber Hermes 4, S. 257, dass 
eine Widerlegung „das Verhältniss der 8 überlieferten Namen 
zu 8 ganz oder in Resten erhalienen antiken Brücken er- 
örtert" ; den pons sublicius lässt auch er über die Insel 
gehen (vgl. annali d. Inst. 39, p. 396), den pons Cestius 
hält er , und darin stimme ich ganz mit ihm überein , für 
den ponte di S. Bartolomeo, den p. Aemilius und Fabricius, 
wie gesagt, für identisch, endhch behauptet er j.dass die 
Brücken unterhalb der Insel erst der späteren Kaiserzeit 
gehören, und für ponte rotto schlechterdings nur der Name 
pons Probi übrig bleibt." 

Glücklicherweise fehlt es auch hier nicht an einer guten 
Tradition. Ponte rotto hiess, ehe der Name pons sanctae 
Mariae gebräuchlich wurde, und auch vor der Redaktion 
der Mirabilien pons maior, d. h. maximus, denn per pon- 
tem maiorem geht der Anonym. Einsidlensis in das Ve- 
labrum und nach S. Teodoro. Diess war aber nicht der 
älteste Name des Mittelalters, sondern ihm ging der 
Volksausdruck pons lapideus voraus. Auch hier gibt es 
zwar abweichende Nachrichten, und Mommsen beruft sich 
auf Schol. Hör. Sat. II, 3, 36: pons Fabricius dictus 
est a Fabricio consule conditore qui nunc lapideus 
nominatur, iunctus insulae Tiberinae. Aber auf 
welchen Scholiasten? den sog. Acron, dessen Erklärung aus 



472 Sitzung der phlos.-pMöl. Classe vom 7. Mai 1870. 

verschiedenen Bestandtlieilen zusammengesetzt ist: 1) Qui 
modo lapideus dicitur, 2) pons Fabricius habet a 
conditore vocabulum, qui iungitur insulae Tiberinae 
3) nominatus a Fabricio consule. Von diesen Noten 
stimmt nur Nr. 2 mit Porphyrio überein: Pons [Fabricius] 
dicitur, qui est insulae illius, quae in medium Ti- 
berim posita est, ideo Fabricius, quia a Fabricio 
f actus. Eben so wie Nr. 3 einen offenbaren Fehler enthält, 
ist Nr. 1 durchaus unzuverlässig, gewiss eine Verwechselung. 
Dagegen erwähnen die Akten der Märtyrer den pons lapideus 
von dem die Christen in die Tiber gestürzt werden , mit 
verschiedenen Zusätzen, unter Diocletian werden die Heiligen 
Simplicius und Faustinus hineingeworfen per pontem qui 
vocatur lapideus in Tyberinis rheumatibus und ihre 
Körper iuxta locum qui appellatur Sextum Philippi 
via Portuensi gefunden (Aringhi, Roma sotter. I p. 220) ; 
unter Julian fühit man Pigmenius ad eum pontem la- 
pideum quem omnes pontem maiorem appellant, 
die Leiche wird iuxta littus fluvii porta Portuense 
gefunden (ebend. p. 219). Diese Brücke beschreibt Aethicus 
(Pomp. Mela ed. Gronov. p. 40) , indem er gleich darauf 
dasselbe Sextum Philippi anführt, so genau, dass auch 
Mouimsen zugibt, er habe ponte rotto gemeint: die Tiber 
geminatur et facit insulaui regioni quartae decimae 
ubi duo pontes appellantur. Post iterum ubi unus 
effectus per pontem Lepidi qui nunc abusive a plebe 
lapideus dicitur iuxta forum boarium ... transiens 
adunatur. 

Der pons Aemilius also ist es, welcher den Namen pons 
lapideus führte. Da dieser dem pons maior entspricht d. h. 
dem ponte rotto, bleibt kein anderer Schluss möglich als 
den pons Aemilius in dem ponte rotto zu erkennen. Dabei 
muss allerdings vorausgesetzt werden , dass der Name pons 
Aemilius oder Lepidi, welchen eine Inschrift bezeugt haben 



ürlichs: Die Brücken des alten Borns. 473 

wird, neben dem pons Probi im Gebrauch blieb; und dies 
ist sehr natürlich. Hiess ja z. B. der von Masentius erbaute 
Tempel des Romulus, obgleich Constuntins Xame auf das 
Gebäude gesetzt wurde, nach wie vor templum Romuli. ^') 

Einer Herstellung durch Probus muss eine Beschädigung 
vorangegangen sein , \vohl bei der Uelerschwemmung unter 
Valeriau (A. Victor de Caes. 32) ; ^^) es ist also ganz begreiflich, 
dass unter Valerian und Claudius die Christen von dem pons 
AureUus geworfen werden (Aringhi I, p. 31, 218, 288). 

Wenn man auch diesen Beweis nicht gelten lassen will, 
so glaube ich , dass die Darstellung , welche Lampridius v. 
Heliog. 17 von der Misshandlung der Leiche des Kaisers 
gibt, jeden Zweifel ausschhesst ; es ist die einzige etwas 
ausführlichere Erwähnung in der antiken Litteratur: post 
hoc in eum Impetus factus, atque in latriua ad quam 
confugerat occisus, tractus deinde per publicum. 



12) Yergl. De Rossi, Bullett. di archeol. cristiana 1867 Xr. 5. 
Ist der Saal hinter dem Kundgebäude nicht das secretarium com- 
mune des Praefecten undYicarius, das im Forum Yespasiani gelegen 
zu haben scheint , Symmach. 10, 43 vergl. 73 ? Ein anderes Beispiel 
würde Jordan selbst an die Hand geben, wenn seine oder vielmehr 
Nardini's 8, 3 p. 1357 ed. 1771 Yermuthung richtig wäre. Nach 
Lactant. I, 21, 6 brachte man dem Saturn das Opfer uti (homo) in 
Tiberim de ponte Milvio mitteretur. Weil der pons Milvius 
von dem pons sublicius und den Opfern der Aergeer zu weit entfernt 
ist, ändern beide Gelehrte de ponte Aemilio; wenn man den 
letztern an die Stelle des pons sublicius treten lässt , mit Recht ; 
aber das thut Jordan nicht , und bei Lactantius , zu dessen Zeit es 
noch einen pons sublicius gab, wird der Irrthum mit der Entfernung 
nicht kleiner. 

13) Die Marter des h. Calepodius unter Alexander Severus 
(Aringhi I, p. 208j widerspricht dieser Yermuthung nicht; denn ante 
insulam Lycaoniam konnte man auch vom pons Aemilius in den 
Fluss geworfen werden: der Leichnam wurde nicht auf der Insel, 
sondern von Fischern d. li. unterhalb gefunden. 

[1870. I. 4.] 31 



474 Sitzung der phüos.-jphüöl. Classe vom 7. Mai 1870. 

addita iniuria cadaveri est'*) ut id in cloacam mi- 
lites mitterent. sed cum non cepisset cloaca for- 
tuito, per pontein Aemilium adnexo pondere ne 
fluitaret in Tiberim abiectum est, ne um quam sepeliri 
posset. tractum est cadaver eins etiam per circi 
spatia priusquam in Tiberim praecipitaretur — — 
solusque omnium priucipum et tractus est et in 
cloacam missus et in Tiberim praecipitatus. Der 
letztere Zusatz deutet auf die Behandlung der Privatleute 
bin, die wir hinlänglich aus den Akten der Märtyrer kennen. 
So wurde der hl, Sebastian in eine Cloake bei dem Circus 
geworfen (Mirabilia p. 12, 19 ff.)^^) Heliogabal wurde im 
Lager getödtet, seine Leiche durch die Stadt geschleppt und, 
da eine zu enge Cloakenöfifuung sie nicht aufnahm (A, Victor 
epit. c. 23, vergl. Herodiau 5, 8), durch den Circus maximus 
auf den pons AemiUus gezogen. Jene Cloake muss also an 
der büd-öbtlicheu Seite des Palatin, bei dem Septizouium, 
welches in der Geschichte des hl. Sebastian erwähnt wird, 
gegen den Circus zu, wohl unter Heliogabals eigenen Bauten, 
gelegen haben; dort hinein wird man die Verbrecher aus 
der Hinterseite des Circus gebracht haben. Da also Helio- 
gobals Leiche in den Circus von der Rückseite geschleppt 
wurde, kam sie durch die Carceres auf das Forum boarium 
und von da zur nächsten Brücke , d. h. zum poute rotte. 
Jordan meint freilich nov. quaest. p. 12, seine aemilische 



14) So äie Handschriften, Jordan streicht est ohne Noth. 

15) Auch hier muss in Parthey's Ausgabe die richtige Lesart 
erst hergestellt werden: Ohne Zweifel ist nach gumfo mit den guten 
Hss. kein Komma, sondern ein Punkt zu setzen und zu lesen: clivus 
Scauri, qui est inter amphitheatrum et Stadium (dem 
Circus) ante Septem solia; ibi est cloaca, ubi iactatus fuit 
sanctus Sebastianus, qui revelavit corpus suum sancte 
Lucine, dicens: invenies corpus meum pendens in gumfo. 
Via Cornelia u. s. w. 



Urlichs: Die Brücken des alten Borns. 475 

d. h. die fabricische Brücke sei die nächste gewesen , aber 
nur weil er irrig glaubt (Hermes 4, S. 257), „dass die Brücken 
unter der Insel erst der späteren Kaiserzeit gehören." 

Denn schliesslich, wir besitzen ja noch eine Abbildung 
des pons Aemilius auf einer Münze des Antoninus Pius, die 
mir in einem Abdrucke nach dem Pariser Exemphir^^) vorliegt 
(Taf. I Nr. 1, vergl. Cohen 2, S. 324, Wiescler Nr. 778). Auf 
der Rückseite mit der Umschrift AESCVLAPIVS streckt der 
rechtsgelagerte Tiberis seine Hand zum Grusse einem Schiffe 
entgegen , welches unter dem Bogen einer hoch gewölbten 
Brücke durchfährt. Von seinem Vordertheil schwingt sich 
die Schlange des Gottes auf das Lan 1 zu , welches durch 
einen Baum und verscliiedene Gebäude, einen Tempel mit 
Anbauten . charakterisirt wird. Da dies Land ziemlich 
emporragt, könnte man an das Capitol denken, was übrigens 
für die Hauptsache keinen Unterschied machen würde. Es 
ist aber unstreitig , wie die Richtung der Schlange beweist, 
die lusel selbst , die spitz zuläuft und im Gegensatz gegen 
das Bett des Flusses erhaben erscheint. Auf ihr sind pro- 
leptisch der Tempel des Aesculap, seine Hallen für Kranke 
und ein Wäldchen dargestellt. Da dieser Tempel sicher die 
Stelle der Kirche S. Bartolonieo einnahm (Beschreib, d. St. Rom 
HI, 3 S. 562), an dem Ende der Insel n;.ch ponte rotte zu, 
wo man noch heutzutage den Schlangenstab des Gottes ab- 
gebildet sieht, das Schiff abei-, dessen Steuermann am Hinter- 
theile steht, von Ostia stromaufwärts kam, kann die Brücke 
nur unterhalb der Insel gesucht werden. Der pons sublicius 
hatte, wie eine andere Münze desselben Kaisers (Titf. I Nr. 2) 
zeigt, eine ganz andere Gestalt ; folglich bleibt für die hier 
abgebildete Biücke nur die Wahl zwischen dem pons Cestius 
und pons Aemilius. Wäre es der erstere, so nrnsste der 



16) Ich verdanke ihn der Güte des Herrn Dr. Friedländer in 
Berlin. 

Bl* 



476 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

pons Aemilius mit Mommsen im ponte di S, Bartolomeo ge- 
sucht werden. Dass dies unmöglich ist, beweist die oben 
betrachtete Stelle des Lampridius. Denn man wird doch 
die Leiche Heliogabals nicht über den pons Fabricius weg 
über die lusel gebracht haben , statt sie von der ersten 
Brücke ins Wasser zu werfen. Also lag der pons Aemilius 
unmittelbar unter der Insel, d. h. er war ponte rotto. Der 
Gedanke an eine der beiden Inselbrücken wird, selbst wenn 
man die Bauten nicht auf der Insel selbst suchen wollte, 
durch die Stellung des Schiffs ausgeschlossen. Es kam von 
der See, auf seinem Vordertheil steht die Schlange; es ist 
also durch die Brücke schon durchgefahren; wenn diese 
zwischen der Insel und dem Lande lag, hätte die Schlange 
wieder umkehren müssen, um zu ihrem Heiligthum zu ge- 
langen. 

Diesen Zeugnissen und Beweisen steht eine Inschrift 
gegenüber, wie sie wenigstens von Mommsen und Jordan 
aufgefasst wird. Auf den drei Bogen des ponte de' 4 capi 
ist sie auf beide Seiten in folgender Gestalt vertheilt (Momm- 
sen, corp. insc. Lat. I Nr. 600) : 

Auf der einen Seite: 

A B 

Links: Auf dem mittleren Bogen: 
L. FABRICIVS. C. F. CVR. VIAR EIDEMQVE 

FACIVNDVM. COERAVIT PRGBAVEIT 

C 

Rechts : 

L. FABRICIVS. C. F. CVR. VIAR 

FACIVNDVM. COERAVIT 

M.LOLLIVS. M.F.Q.LEPIdu8. m'.f.cOS. EX.S.C.PROBAVERVNT 



Urlichs: Die Brücken des alten Eoms. 477 

Auf der andern Seite: 

D 

Rechts : 

L. FABRICIVS. C. F. CVR. VIAR 

FACIVNDUM. COERAVIT 

E 

Auf dem mittleren Bogen: 
IDEMQVE 
PROBAVIT 

F 

Links : 
1. fabricius C. F. CVR. VIAR 
faciundunl COERAVIT 
q.lepidus. m'.f.m. lollius.m.f. COS. EX. S. C. PROBAVERVNT 

Dass nämlich in der letzten Reihe die klein gedruckten 
Worte eine neuere Ergänzung sind, hat Brunn entdeckt, 
vgl. Ritschi, pr. Ldtin. monum. enarr. p. 76. Mommsen 
Corp. inscr. L. I p. 559.*^) Der Letztere bemerkt, dass da- 
nach Lepidus nicht Sohn eines Manius, sondern des Trium- 
viru Marcus gewesen ist und die Ergänzung m' statt m. 
auf einem Irithum beruht. Die letztere, in kleinere Buch- 
staben abgefasste Inschrift fällt in das Jahr d. St. 733, 
V. Chr. 21, die erstere bestimmt die Nachricht bei Dio 
Cass. 37,4.3 xal ry yä(fvqcc r[ Xid^ivri rj elq t6 vr^öiSiov xo 
iv T(^ Tißeqidi 6v (feqovOu xatsOxsväod^Tq, (PaßQixia xXt]- 
&€Tacc^ sie gehört iü das Jahr 692 = 62 v. Chr. Damit 
bringt Mommsen die Stelle Plutarchs Num. 9 in Verbindung, 



17) Fast möchte ich vermuthen, dass auch die Inschrift E eine 
Ergänzung, vielleicht der Consuln, war, weil sie die alten Formen 
verlässt. 



478 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

es ist darin von dem pons sublicius die Rede, und hinzu- 
gefügt wird: tj 6h Xi&ivrj noXXotg vOteQov i^siqyda-d-ri 
XQoroig vn' Ai[.iiXi'ov tafusvorzog. Hier wollte er zuerst 
,,nacli Beckers*^) unzweifelhafter Verbesserung" tifir^zev- 
ovTog lesen, indem Paulus Aemilius Lepidus im Jahre 22 
V. Chr. mit L. Munatius Plancus die Censur bekleidete, 
so dass er nach Tier üeberschwemmung des Jahres 23 
V. Chr. (Dio 53 n. E.) d n Bau VL-rduugrn , die Consuln des 
folgenden Jahres ihn approbirt hätten. Jetzt liest er vna- 
revovTog, ,,was auch der überlieferten Lesart näher komme", 
und versteht unter dem Aemilius bei Plutarch den in der 
Inschrift genannten Consul Q. Lepidus selbst. Er meint 
also , die Consuln hätten nach jener üeberschwemmung die 
fabricische Brücke wieder hergestellt und vielleicht breiter 
gemacht, zugleich aber und hauptsächlich eine neue, den 
jetzigen ponte di S. Bartolomeo, von der Insel auf das 
rechte Ufer geschlagen. Es wäre also einem Zufall zuzu- 
schreiben , dass sie nicht nach dem in der antiken Inschrift 
zuerst genannten Consul pons Lolliauus, sondern Aemilius 
genannt wurde. Diese Hypothese wäre vollkommen berech- 
tigt , wenn ihr nicht die oben behandelte Erzählung des 
Lampridius im Wege stände: da wir aber von einem Bau 
der Consuln auf dem pons Gratiani nichts lesen , kann sie 
gegen jene positiven Angaben nicht bestehen. Weit weniger 
noch Jordans Meinung, der von dem Neubau eines pons 
Aemilius auf der andern Seite der Insel absieht und aus 
der Inschrift schliesst , die von beiden Consuln hergestellte 
Brücke habe trotzdem, dass der Name des Erbauers in 
grossen Buchstaben in der altern Inschrift erhalten ist, 
dessen Namen zu Gunsten eines von beiden Consuln ver- 



18) Vielmehr Nibby's I p. 194. Sein Buch ist im J. 1838, 
Beckers Schrift de R. muris atque portis (p. 79 Anm.) im J. 1842 
erschienen. 



Urlichs: Die Brü<:'km des alten Eoms. 479 

drängt. Denn ihr steht auch die Stelle Plutaichs entgegen. 
Wenn dieser von dem Bau einer Steinbrücke neben der 
hölzernen reden wollte, so musste er, wenn er den ponte 
de' 4 capi meinte, unbedingt den ersten Erbauer Fabricius 
nennen, dessen Namen er oder sein Gewährsmann auf der 
Brücke selbst las. Wenn er also einen Aemilius als Erbauer 
anführt , so haben wir eine andere Brücke und einen Magi- 
strat dieses Namens zu suchen. Jene haben wir in ponte 
rotto gefunden, diessr kann der Censor M. Aemilius Lepidus 
nicht sein, welcher im Jahre 575 = 179 v. Chr. einige 
Bauten mit seinem Collegen Fulvius Nobilior gemeinschaft- 
lich, andere allein ausführte. Denn unter beiden befand 
sich das Werk nicht, welches man früher allgemein für die 
aemilische Brücke gehalten hat. Nicht er, der vielmehr durch 
selbstsüchtige Bauten die Gunst des Volks theilweise ver- 
wirkte.*^) sondern sein College Fulvius baute plura et 
maioris usus: portum et pilas pontis in Tiberim, 
quibus pilis fornices post aliquot annos P. Scipio 
Africanus et L. Muramius censores locaverunt im- 
ponendos. Undenkbar wäre es nicht, dass die Pfeiler der 
Brücke 37 Jahre bis zum Jahre 612 ungewölbt blieben: die 
Würzburger Brücke wurde im Jahre 1474 begonnen und 
erhielt erst von 1536 — 1607 ihre Joch?; aber einen pons 
Fulvius hat es in Rom nicht gegeben . Plutarch hätte nicht 
den Aemilius als die Steinbrücke bezeichnen können , wenn 
früher noch eine andere über den ganzen Fluss geführt 
hätte. Jordan bringt die pilae mit dem Emporium am 
Aventin in Verbindung, indem er sie für einen Hafendamm, 
dem puteolanischen ähnlich, ^°) erklärt. Danach würden die 



19) Nach Livius 40, 51. Nach Reber fand das umgekehrte 
Yerhältniss statt, nach Jordan, Hermes 4, S. 257 unternahmen die 
beiden Censoren den Bau. 

20) Abbildungen auf Glasgefässen nach S est in i beiMercklin 
im Dorpater Programm 1651. Jordan, archäol. Zeitung 1S68. S. 9l£F. 



480 Sitzung der phüos.-philol. Classe com 7. Mai 1870. 

fornices, wie auf dem Molo von Puteoli, der Ein- und 
Ausgangsbogen sein, ein unbedeutender Schmuck, den man 
auffallender Weise erst nach 37 Jahren hinzugefügt hätte. 
Diese Erklärung hat Jordan zuerst so vorgetragen, dass er 
pontem als einen solchen Damm versteht (nov. quaestt. 
top. p. 12), zuletzt (Herrn. 4 S. 258) ,,da pons in dem Sinne 
von Molo vielleicht nicht zu belegen ist" , indem er das 
schwierige Wort pontis einfach streicht. Eine so gewalt- 
same Kur ist nicht nöthig, wenn man mit Mommseu Ber. 
a. a. a. 0. S. 324 an steinerne Pfeiler denkt , welche zum 
Schutze des pons sublicius dienen sollten. Pfeiler, sage ich, 
denn von den beiden Einwürfen Jordans n. q. p. 12 beruht 
zwar der eine ,,nec pontis nomine talia propugnacula ap- 
pellari poterant" auf einem Missverständisse — Mommsen 
wird nicht Brückenpfeiler, sondern Pfeiler der (hölzernen) 
Brücke gemeint haben, — aber der andere ,,nam si quis 
pilis fornicibusque super impositis pontem trabibus factum a 
vi fluminis defendisset, cur non super fornices stravit viam 
ut pons evaderet lapideus"? ist ganz treffend, wenn anders 
die fornices die Brückenjoche einfügen sollten. Das sollten 
sie aber nicht, wie schon die Wiederholung des Wortes in 
demselben Capitel andeutet. Die rechte Seite des Flusses 
erhielt ihr Wasser durch mehrere Leitungen , die Appia, 
welche nahe bei der porta trigemina zur Vertheilung gelangte 
(Frontin. 5. 6. 79) den Anio vetus (ebend. 81), die Marcia 
(81) und die Viigo (84), um von den eigentlich transtiber- 
inischen , der Alsietina und Traiana , zu schweigen. Dass 
diese Leitungen über die Brücken geführt wurden, bezeugt 
Frontinus c. 11 ausdrücklich, auf Bogen natürlich, welche 
auf das Brückengeländer gestützt waren und seiner Höhe 
wegen selbst niedrig sein durften , oder in einem Kanäle, 
welcher in das Geländer eingeschlossen war. Auch so waren 
die arcuationes quae per flumen traiciuntur (ebd. 121), 
der zerstörenden Gewalt der Stürme ausgesetzt. Vor dem 



Urlichs: Die Brücken des alten Eoms. 481 

Bau einer steinernen Brücke, als bloss die Appia und der 
Anio vetus beuutzt werden konnten , musste eine festere 
Stütze geschaffen werden , und dazu dienten jene pilae, 
welche gewiss von Anfang an Bogen trugen. Eine jener 
Stüime hatte sie im J. 598 = 156 zerstört. Denn dies Er- 
eigniss ist es, welches Obsequens 25, 75 berichtet: pontis 
maximi*^)tectum cum columnisinTiberim deiectum. 
Der pons sublicius ging , wie wir sehen werden , über den 
ganzen FIuss; gegenüber den beiden hölzernen Inselbrücken 
hiess er also der grösste ; jene Pfeiler waren sein Schirm- 
dach oder seine Schutzwehr in demselben Sinne, wie Ob- 
sequens Quelle Livius 25, 25 von tectis parietum als 
Schutzmauern eines Lagers und 26, 10 von tecta hortorum 
zwischen convalles und sepulcra d. h. Schutzmauern der 
Gärten spricht. Wie man sich inzwischen half, wissen wir 
nicht. Beide Leitungen wart-n ohnedies sehr beschädigt, 
gleich nach dem Ende des dritten punischen Krieges 610 
= 144 wurden sie hergestellt und die Marciu erbaut 
(Frontin 7): die folgenden Censoren des J. 612 = 142 führten 
die beiden altern Leitungen über die Pfeiler der sublicischen 
Brücke. 

Eine aemilische, das Werk eines Censors, gab es damals 
noch nicht; der Consul Aemilius Lepidus hat wohl die fab- 
ricische in Gemeinschaft mit seinem Collegen hergestellt, 
dass er aber die aemilische neu gebaut hätte, wird nirgends 
berichtet. Sehen wir also zu , ob wir die nach Momm&en 
sinnlose handschriftliche Lesart bei Plutarch nicht verwerthen 
können. Nach i routin 96 lag die cura aquarum in der 
Piegel den Censoren und Aedikn ob , zuweilen auch den 
Quästoren, ut apparet ex S. G. quod factum est C. Li- 



21) Statt dessen will Mommsen S. 324 Anm. pontificis 
maximi lesen; dann hätte es doch wohl domus geheissen. 



482 Sitzung der pMos.-phihl. Classe vom 7. Mai 1870. 

cinio et Q. Fabio consulibus d.h. 638 = 116^'). Es 
ist also iü dieser Zeit gewiss, vielleicht auch sonst geschehen, 
dass die Quaestoren für die Wasserleitungen zu sorgen hatten. 
Ihr ist der oft besprochene Denar der gens Aemilia (Taf. I 
Nr. 3) vollkommen angemessen. Mommsen (Gesch. d. röm. 
Münzwesens S. 475, 53) setzt ihn in das erste Drittel des 
T.Jahrhunderts, Cave doni, ragguaglio de' precipui ripostigli 
antichi di medaglie consolari. Modeua 1854 p. 193 zwischen 
die Jahre 647 — 50; sicher ist die Münze älter als das 
Jahr 666 — 70 , weil sich im Schatz von Fiesole 19 Exem- 
plare vorgefunden haben (Caved. p. 46. vgl. p. 18. Mommsen 
S. 413). Da nun das Münzmeisteramt nicht vor dem Bundes- 
genossenkriege ein stehendes und den leges auuales unter- 
worfen wurde (Mommsen S. 367 ff.) steht der Annahme 
nichts im Wege, dass M' Aemilius Lepidus erst nach der 
Quaestur den Denar hat schlagen lassen. Um diese Zeit 
fing Di an auch nicht allein an , ältere Ereignisse zur Ver- 
herrlichung des Geschlechts auf der Rückseite der Münzen 
darzustellen, sondern auch, wie das Beispiel der Quaestoren 
Piso und Caepio zwischen 651 und 54 (Borghesi, opere 2 
p. 317. Cavedoni p. 195. Mommsen S. 462, 560) zeigt, 
Vorgänge der Gegenwart. Betrachten wir nun den Denar, 
dessen Abbildung einem gut erhaltenen Exemplar der hiesigen 
Sammlung entnommen ist, so gibt der Name VW AEMILlo 
hEFido sowohl den Namen des Münzmeisters als eines Vor- 
fahren, dem die Reiterstatue, man weiss nicht weshalb , er- 
richtet worden war. So richtig Mommsen S. 531. Was 
aber darunter die Buchstaben des Cognomen einschliesst, 



22) Dass nicht an Censoren gedacht werden darf, zeigen Mommsen 
annal. d. inst. 1858 p. 177. Henzen Corp. inscr. Lat. I p. 447. Mit richt- 
igem Urtheil hat Buecheler statt der Lesart des cod. Gas. cly- 
ignio consule et fabio censoribus' Polenus Emendation wieder 
aufgenommen. 



Urlichs: Die Brücken des alten Roms, 483 

darf zwar nicht, wie gewöhnlich, auch von Cavcdoni S. 46, 
geschieht, auf die Brücke selbst, aber auch nicht mit Mommsen 
auf einen Ehrenbogen bezogen werden , weil das Missver- 
hältniss zur Statue unerträglich und ein Ehrenbogen mit 
drei Durchgängen für die republikanischen Zeiten unge- 
wöhnlich wäre. Was es bedeutet, lehrt die Vergleichung 
eines Denars der Gens Marcia mit der Umschrift PHILIPPVS 
und AQVA MAR (Taf. I Nr. 4 nach unserem Exemplar, 
Mommsen S. 642 f. Caved. S. 105). Auch dort sieht man 
eine Reiterstatue , wahrscheinlich des Q. Maicius Rex , die 
wegen der Leitung auf dem Capitol , wo ihre Vertheilung 
begann, errichtet war, und darunter die Bogen der Wasser- 
leitung, zwischen denen die beiden letztern Worte vertheilt 
sind. Beide sonst ganz übereinstimmende Darstellungen 
weichen nur darin ab, dass die Bogen der erstem Münze 
nicht das ganze Feld einnehmen, weil nicht der ganze Zug 
der Bogenstellung abgebildet werden sollte. Ich halte also 
dafür , dass der Münzmeister ein Werk bildete , welches er 
während seiner Quaestur im J. 638 ausgeführt hatte , die 
Leitung der aqua Marcia über die Tiber in Folge jenes von 
Frontin erwähnten Senatsbeschlusses: wahrscheinlich war er 
der Vater des Consuls des J. 688. Wenn also Lepidus, na- 
türlich ausserordentlicher Weise , curator aquarum war , so 
haben wir eine Analogie zu dem curator viurum Fabricius: 
Beide haben in ihrer amtlichen Eigenschaft eine Brücke ge- 
baut, Lepidus zugleich eine Stütze der Wasserleitung, an 
der Stelle, w'elche dem Capitol und der aqua Marcia zu- 
nächst lag, für den Gebrauch ausserordentlich bequem, aber 
auf die Dauer durch die Gewalt des Stroms sehr gefährdet. 
Seine Schöpfung blieb, so oft sie auch zerstört und herge- 
stellt wurde, die Pulsader des Verkehrs zwischen beiden 
Ufern. Als später durch die Anlage der aqua Traiana der 
transtibcrinische Beziik sein eigenes gutes Wasser erhalten 
hatte, Hess man wohl die Leitungen von der andern Seite, 



484 Sitzung der philos.-philol Classe vom 7. Mai 1870. 

deren Unterhalt sehr kostspiehg sein mochte , nicht weiter 
bestehen. Daher zeigen die Münzen des Antoninus Pias jene 
Bogenstellungen nicht. 

Am pons Aemilius feierte man nach den fasti Vallenses 
(Corp. inscr. Lat. I, p. 320. vgl. fast. Amitern. ebend. p. 324) 
ein Fest PORTVNO AD PONTEM AEMILI lANO AD 
THEATRVM MARCELLI, uod es ist gewiss nicht zufällig, 
dass die beiden ältesten Steinbrücken der Stadt den beiden 
unter sich verwandten Flussgöttern ^^) benachbart waren'*); 
ja dass der pons Fabricius dem nach der Einnahme von 
Falerii in Rom neben dem altern Geminus eingebürgerten 
lanus Quadrifrons geradezu geweiht war, ergibt sich aus der 
alterthümlichea Zier der vierköpfigen Hermen, von denen 
er seinen heutigen Namen trägt. Eben so gut wie nicht 
weit von dieser Brücke der Tempel des Janus stand, wird 
auch neben der aemilischen Portunus eine Stätte der Verehr- 
ung gehabt haben, die der Flamen Portunalis besorgte. 
Nissens Verrauthung (das Templum S. 221 f.), die Kirche 
S. Maria Egiziaca sei das am Rande zu Fronto bei Naber 
p, 19 genannte Portunium gewesen, hat also viel An- 
sprechendes. Indessen glaube ich nach der Analogie des 
Portunustempels in Portus ^^) dessen römisches Vorbild eher 
für ein RunJgubäude halten zu sollen, etwa für die ungefähr 
300 Fuss von der Brücke entfernte Kirche S. Maria del 



23) Preller röm. Mythologie S. 151. Diese Bedeutung desJauus 
als Gott des Wassers war es, weshalb Duilius nach seinem Seesieg ihm 
einen Tempel erbaute. 

24) Reber liest freilich S. 324 AEMILIANO, wundert sich aber 
in einem Ausrufungszeichen selbst darüber. 

25) Canina, rovine di OstiaediPortotav.il. Nibby, Analisi 3, 
p. 648. Von den 3 Inschriften, welche nach Nibby's Angabe im 
J. 1553 dort gefunden worden sind, verwirft Orelli n. 1586 zwei 
als unecht, Henzen aber beanstandet sie im Iudex p. 37 nicht. 



UrJichs: Die Brüclcen des alten BorTxs. 485 

Sole, die gewiss der aemilischen Brücke eben so nahe lag 
wie der Janustempel der fabricischea. 

Doch genug vom pon? Aemilius^^): seine Lage ist auch für 
die Bestimmung des pons sublicius wichtig. Xichtgerade, als 
ob man aus der bekannten Stelle Ovids Fast. 6, 471 2^), noth- 
wendig schliessen müsste, beide Brücken hätten unmittelbar an 
das Forum boarium gegrenzt, denn so enge darf eine Dichter- 
stelle nicht ausgelegt werden; vitlmehr lässt sich danach 
nur behaupten , dass auch die Piahlbrücke demselben nahe 
lag. Aber eins ergibt sich doch aus der Zusammenstellung 
der Brücken bei Plutarch Num. 9: beide müssen über den 
ganzen Fluss geführt haben. Denn t] Xi&ivtj steht zu rf^g 
^vXivr^g ystfVQug in einem streagen Gegensatze; es kann 
sich nicht auf eine der beiden Inselbrücken beziehen , weil 
eben deren zwei, jede unter ihrem besonderen Xamen. be- 
standen. Die beiden anderen Steinbrücken, die neionische 
und mulvische, lagen ausserhalb d?r alten Stadt und weit 
ausserhalb des Gesichtskreises: wenn also der pons Aemilius 
dem pons sublicius des Miterials wegen gegenüber gestellt 
wird, so müssen beide im üebrigen gleichartig gewesen sein. 
Damit steht auch der Sprachgebrauch im Einklänge. Die 
Pfahlbrücke heisst regelmässig entweder pons sublicius oder 
pons schlechtweg, wie das Sprichwort sexagenarii de 
ponte beweist, den hölzernen Inselbrücken gegenüber in 
jeuer Stelle bei Obsequeus pons maximus ; die Inselbrücken 
aber früh und spät duo pontes. So die Insel selbst iuter 
duos pontes (Plut. Poplic. 8), ebenso der Theil des Flusses, 



26) Herr Prof. Jordan wünscht Hermes 4, S. 257 eine Wider- 
legung seiner Beweisführung. Ich habe sie im Obigen zu geben ver- 
sucht, auf die Gefahr hin, dass er auch auf diesen „Angritf" nicht 
antworten zu sollen glaubt (ebend. S. 263). 

27) Mit der von Nardini -5. 10 erwähnten Lesart montibus 
Bchliesst sich der Kreis der hieher gehörigen Conjecturen. 



486 Sitzung der pTiilos.-phüol. Classe voin 7. Mai 1870. 

welcher nordwestlich von den Brücken begrenzt wird, schon 
im J. 593 = 161 (Macrob. Sat. 2, 13), die Brücken ausführlich 
duo pontes Tiberini (Lucllius ebend.), abgekürzt pontes 
(Horat. sat. 2, 2, 32 vgl. Columell. 8, 16), schlccLtweg duo 
pontes im J. 560=194 bei Liv. 35, 21. Wenn mehr- 
mals erzählt wird, dass der pons sublicius von einer üeber- 
schwemmung fortgerissen wird, und Livius sagt Tiberis . . 
duo pontes evertit, so hat zwar Weissenborn gewiss 
Unrecht, wenn er bemerkt ,, welche hier gemeint seien, ist 
nicht zu bestimmen", und Mommsen Recht, wenn er ,,die 
beiden Inselbrückcn" gemeint sein lässt (Ber. S. 324) , aber 
gerade diese Bezeichnung beweist ihre Verschiedenheit als 
zusammen einer Doppelbrücke von dem einen, also nicht 
unterbrochenen pons. 

Was der Sprachgebrauch wahrscheinlich m;icht, eiheben 
die geschichtlichen Vorgänge zur Gewissheit. Schon das ist 
kaum zu begreifen , wie sich Angesichts der Brücke des 
Ancus Marcius die Sage von der Entstehung der Insel hätte 
bilden können , wenn jene darüber gegangen wäre. Be- 
stimmter setzt die Erzählung von der Heldenthat des Horatius 
Cooles eine Verbindung beider Flussufer voraus. Die Brücke 
liegt vor der Stadt (Polyb. 6, 55); ohne Horatius Widerstand 
würden die Feinde in die am Flusse unbefestigte Stadt ein- 
gedrungen sein , von der Stadt rufen ihm seine Landsleute zu 
(Dionys. 5, 23 f.); der Tempel des Aesculapius aber, d.h. die 
Insel, lag ausserhalb der Stadt (Plin. 29, 16); endlich 
schwimmt Horatius auf das andere Ufer (Plut. Poplic. 16): 
nirgendwo wird der Insel als einer Zwischenstation gedacht. 
Bei der Beschreibung der Befestigung Roms gibt Dionys. 9,68 
Breite, Tiefe und ScI.nelligkeit der Tiber an, bemerkt, dass 
damals nur die Holzbrücke darüber führte, ohne der Insel 
zu erwähnen. Der Lauf der Mauer muss sich, wenn er die 
Insel wenigst( ns bis zur Brücke begriff, so gestalten, dass 
das Forum olitorium beschränkt, das Forum boarium, welches 



ürlichs: Die BrücJ:en des alten Borns. 487 

nahe am pons sublicius lag . sehr vergrössert wird. Aber 
entscheidend fällt das Endo des C. Gracchus ins Gewicht. 
Freilich nicht nach der Erzählung des Aurelius Victor, v. 
ill. 65. welche Becker de mur. atq. port. p. 77 und Handb. 
S. 144 seiner Ausführung vorzugsweise zu Grunde legt, 
sondern in der Form, welche sich aus der Vergh^ichung aller 
Quellen als die richtigste ergibt. Becker selbst führt n-ir 
noch Val. Max. 4, 7, 2. Plutarch. C. Gracch. 17 und Appian. 
bell. civ. 1, 26 an: die wichtigste, den aus Livius herrührenden 
Bericht des Orosius 5, 12, kennt er nicht, und wenn er von 
Bunsen die Tempel der Diana und Luna ,,incredibili errore" 
oder ,, unbegreiflicherweise" verwechs-jlt werden lässt , so 
fällt der Tadel auf ihn zurück. Nach dem übereinstimmenden 
Zeugnisse der griechischen Schriftstell r rüstete sich Gracchus 
mit seinen Freunden nicht im Tempel der Luna , sondern 
im Artemision, der alten Feste der Plebs (Dionys. 11, 43), zum 
Widerstände, nach Orosius imianium d. h. im Dianium. 
Hierhin richteten sich die Angriffe seiner Feinde , des D. 
Brutus vom clivus Publicius her, und der Bogenschützen, 
welche Opimius absandte, wahrscheinhch vom Gastortempel 
aus , den er mit dem Senate besetzt hielt. Während des 
Kampfes entfernte sich Gracchus in den Tempel der Minerva, 
Flaccus sprang, als die Vertheidigung aufgegeben werden 
musste, durch den Tempel der Luna in ein Privath-ius hinab 
und wurde, da seine Verfolger den ganzen Vicus zu ver- 
brennen drohten, verrathen. Gracchus aber entkam zum 
pons sublicius, durch die Aufopferung seines Freundes Pom- 
ponius in der porta trigemina , oder bei derselben gedeckt, 
und durch den Widerstand des Laetorius geschützt über die 
Brücke. Bei Auiehus Victor heisst es zwar dum a templo 
Lunae desilit, talum intorsit (früher las man gegen 
die Handschriften a templo Dianae); aber mit derselben 
Verwechselung, womit Tacitus annal. 15, 76 den Tempel der 
Luna für das berühmte Gebäude des Servius TuUius hält. 



488 Sitzung der philoi.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

Die Parteihäupter hatten sich also getrennt, Fulvius Ilaccus 
floh gegen den Circus hin. Denn dass der Tempel der Luna 
nach dieser Seite hin hig, beweist die Nachricht des Li- 
vius 40, 2, dass einer seiner Thürflügel durch einen Sturm- 
wind an die Rückseite des Cerestcmpels geschleudert wurde, 
dieser aber stand oberhalb der Carceres (Dionys. 6, 94. 
Appian. bell. civ. 1, 78); unmassgeblich haben wir den Tempel 
der Luna im Orto degh Ebrei zu suchen. Gracchus abtr 
wandte sich nach der andern Seite, und zwar zunächst nach 
dem Tempel der Minerva. Da es ungewiss ist, ob das Frag- 
ment des capitolinischen Planes den von L. Cornificius neu- 
erbauten Tempel der Diana neben dem Tempel der Minerva 
oder die domus Cornificia zeigt (vgl. Preller Reg. S. 198), 
haben wir uns vor Allem an das Curiosum zu halten, welches 
in der XIII. Region zu Anfang Armilustrium, Templum 
Dianae etMinervae aufführt, sich dann nach dem Circus 
wendet und in den Horrea Galbes u. s. w. an der südlichen 
Seite des Hügels vorbei an die Tiber zurückkehrt. Unter 
den Gebäuden*^) sind nämlich die letztt-n ziemlich sicher: 
die horrea Galbes lagen unter dem Aventiu an der Tiber 
(vgl. z. B. Preller S. 203), ebenso weisen die folgenden Namen 
auf den Verkehr und den Fluss hin ; es scheint danach die 
Beschreibung zuletzt die strada di Marmorata bis zurück 
zur porta trigemiua zu begreifen. Vorher weist die mappa 
aurea auf einen nach dem Circus gelegenen hohen Punkt 
hin ; folglich müssen die vorhergehenden Bauten auf der 
entgegensetzten Seite gesucht werden. Dabei scheint die Be- 
schreibung dem clivus Publicius gefolgt zu sein und zwar 



28) Curiosum: continet armil ustrium, templum Dianae 
et Minervae, nymphea HI, tliermas Syres etDecianas, Do- 
locenum, mappa aurea, horrea Galbes et Aniciana, por- 
ticum fabarium, scalam Cassi, forum pistorum. Vor der 
mappa aurea schaltet die Notitia die privata Traiani ein. 



Urlichs: Die Brücken des alten Borns. 489 

beide Seiten desselben berücksichtigt zu haben. Nun wurde 
die jetzt in Neapel befindliche Inschrift, welche den vicus 
armilustri nennt, in der Gegend von S. Alessio gefunden '^), 
wir haben also allen Grund das Armilustrium an der süd- 
westlichen Ecke des Hügels zu suchen. Bei S. Alessio muss 
nach den von Marini frat. Arv. p. 540, 618 behandelten In- 
schriften das Dolocenum^") gelegen haben, die Thermen 
des Sura gehören nach S. Prisca (Preller S. 201); also bleibt 
für die Tempel der Diana und Minerva die Gegend von 
S. Sabina übrig. Dorthin verlegt den erstem schon Mar- 
liani topogr. 5, 2 (p. 182 ed. Lugd. 1534), ebenso Ficoroni 
vestig. p. 78, und Bunsen Beschr. d. St. Rom 3, 1 S. 411. 
Eine unbefangene Betrachtung der Stellen bei Livius 1, 45 
und Valer. Max. 7, 3, 1 bestätigt diese Vermuthung. Inf im a 
valle praefluit Tiberis sagt jener, dieser spricht von 
proximi amnis aqua. Zwar hat schon Donati 3, 13 und 
nach ihm Becker S. 452 wegen der Verse Martials 6, 64, 12 
quique videt propius magni certamina circi, laudat 
Aventinae vicinus Sura Dianae den Tempel nach S. 
Prisca verwiesen , und ich selbst Auszug S. 34 ihn nach 
Vigna Specchi oder Cavaletti verlegt. Aber man darf einen 
Dichter nicht wie einen Geographen benutzen und höchstens 
annehmen, dass zwischen dem Palaste des Licinius Sura 
und dem Tempel der Diana kein grösseres Gebäude lag. 



29) Grell. 1385 vgl. Henzen p. 139. Mommsen inscr. r. Neap. 
6776. Denn dies ist ohne Zweifel die bei S. Alessio fra certe vigne 
(Luc. Fauno bei Nardini VII, 8. p. 1232 Ausg. v. 1771) entdeckte 
Inschrift mit den Worten SACRÜM. MAG. VICI. ARMILUSTRI. 
Irrthümlich setzt Mommsen zum Corp. inscr. Lat. I, p. 404 das Armi- 
lustrium in die Nähe des Circus. 

30) Wahrscheinlich begriff dieses Heiligthum die älteren Tempel 
des Juppiter und der Juno Regina. Denn dem Juppiter Dolichenus, 
und die Juno Regina zugesellt. 

[1870. I. 4.] 32 



490 Sitzung der -philos. -philo!. Ülasse vom 7. Mai 1870. 

Abeken, Mittelitalien S. 230 sucht den letztern im Garten 
der Jesuiten , weil dort das bekannte Relief des Endymion 
im capitolinischen Museum gefunden worden ist (Ficoroni 
bei Fea miscell. L p. CCXVI). Dagegen erwähnt Ficoroni 
selbst die Statue der ephesischen Diana aus orientalischem 
Alabaster, welche der Kirche S. Sabina gegenüber gefunden 
wurde (vestig. p. 77), und fiir die Nachbarschaft eines alten 
Tempels sprechen die 24 korinthischen Säulen aus parischem 
Marmor in der Kirche, welche ganz gleichartig sind und 
daher einem und demselben Gebäude entnommen sein werden. 
Lag also der Tempel der Diana bei S. Sabina, so muss nach 
der Ordnung des Curiosum der Tempel der Minerva etwa 
iü den Giardino Ginnasi oder an den Abhang nach der 
Vigna GmeHu zu stehen kommen, d. h. gerade über den 
Ruinen des ponte della marmorata. Am natürlichsten ist 
nun die Annahme, dass Gracchus, da er nunmehr sich im 
Rücken der um den Dianatempel kämpfenden Feinde befand, 
gleich hier^^) den Berg hinunter nach der Brücke kletterte, 
und dies ist der Grund, warum die Topographen meistens 
diese Brücke für den pons sublicius hielten. Meistens, sage 
ich; denn wenn Becker de mur. atq. port. p. 78 (vgl. Hdb. 
S. 693) sagt cunctos video conspirasse topographos, 
so vergisst er den trefflichen Donati, der 1, 13 (vgl. 3, 21) 
den pons sublicius ausdrücklich prope locum, ubi nunc 
pous S. Maria e cognomento verlegt. Der gewöhnlichen 
Annahme widerspricht aber, wie Becker richtig ausführt, 
seine Lage innerhalb der Stadt. Der clivus Publicius lässt 
sich nach dem oben angeführten Zeugnisse des Frontinus 
nicht von der porta trigemina trennen, und diese führt das 
Curiosum in der 11. Region auf; sie ist gewiss richtig von 
Becker (vgl. BunsenS. 634) an den nordwestlichen Abhang 



31) Vielleicht auf der scala Cassii, wenn diese, wie die übrigen 
scalae in Kom, bergabwärts führte. 



UrlicJis: Die Brücken des alten Borns. 491 

des Hügels, zwischen ihn und die Tiber, gesetzt. Denn da 
man vom Capitol Reiter den CHvus herabkommen sah, 
(Liv. 26, 10) und der Weg vom Velabrum ^^) und Foium 
boarium hinauf führte (Liv. 27, 37), muss er von der Stadt 
auf den Hügel, nicht umgekehrt, von dem Südwestabhange 
gestiegen sein; und da extra portam trigeminam die 
Anlagen an der Tiber sich befanden, kann das Thor nicht 
unten am Clivus , sondern nur neben demselben nach dem 
Flusse zu sich befunden haben. Damit stimmen auch die 
im J. 1820 in der Vigna Gmelin 80 Schritte vom Eingang 
ausgegrabenen Stücke einer Strasse mit grossen Peperiasub- 
structionen zur Seite (Bunsen 3, 1 S. 402) überein: wir 
haben in ihnen den Anfang des Clivus zu erkennen, der also 
nicht, wie Niebuhr 3, S. 47. 361 und nach ihm früher auch 
ich meinte, vom Gircus her, wo der Weg nach den Fenili 
und der Via de' Cerchi hinabführt, sondern von der Seite 
des Flusses anhub. 

Dass Gracchus diesen Clivus hinabfloh , ist nicht wahr- 
scheinlicii , weil er in den Händen der Feinde war und auf 
jeden Fall die Verfolgung keine grosse Schwierigkeit fand. 
Auch begreift man nicht, wie sie durch die porta trigemina 
geführt hätte. Denn i n porta trigemina stellte sich Pom- 
ponius ihr entgegen ^^), durch die Enge des Durchgangs auf 
beiden Seiten geschützt. Also wird er mit seineu Freunden 
von der Rückseite des Minervatempels herabgesprungen sein 
und dabei den Fuss verstaucht haben ; dass ein stpüer Weg 
da hinab zur Tiber führte, ist eben so annehmbar, als dass 
die Tempel nach dem Flusse die Mauer überflüssig machten 
oder ersetzt hatten. Bei der Verfolgung mussten die Gegner 



32) Bei Festus v. Publicius clivus ist das verdorbene Vel. 
der Handschrift nicht mit der früheren Vulgata in Yelia sondern 
in Velabro zu verbessern. 

33) So Val. Max. 4, 7, 2 ; apud p. t. Ä. Victor v. ill. 65, was 
Becker nicht hätte vorziehen sollen. 

32* 



492 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Mai 1870. 

sich mehr auflösen als wenn sie den Clivus hinab marscbirt 
wären, und daher war die Aufopferung seiner Anhänger^*) 
ein Zeitgewinn. Vom Thor zur Brücke kann es aber un- 
möglich weit gewesen sein, gewiss nicht so weit, wie 
Mommsen und Jordan meinen. Nach Letzterem lag sie 
noch oberhalb des pons Fabricius, den er nov. quaestt. 
top. p. 14 für die nächste Brücke am Circus hält. Hätte Gracchus 
mit seinem verstauchten Fuss eine Strecke von 2000 Fuss, 
(denn so gross ist wenigstens der Abstand vom Fusse des 
Aventiü bis zum pons Fabricius), durch offene Strassen und 
Plätze in der Ebene zurücklegen müssen, so würde das con'- 
citatum sequentium agmen und die Pfeile der kretischen 
Bogenschützen ihn ohne Zweifel bald erreicht haben , es 
hätte der Aufopferung des Pomponius, den man füglich im 
Thor stehen lassen konnte, kaum, und der des Laetorius an 
der Brücke sicher nicht bedurft. 

Vielmehr müssen wir die Holzbrücke so nahe an die 
porta trigemina legen, als mit dem Mauerzuge und jener 
Stelle Ovids irgend verträglich ist, wahrscheinlich dahin, wo 
der Fluss am schmälsten ist, jenem Thor der Vigna Gmelin 
gerade gegenüber. Auf diese Art hatten sich die Hafenbauten 
des Fulvius vor porta trigemina an die Verstärkung der 
Brücke durch steinerne Wehren angeschlossen. Der Hafen, 
welcher den Schiffen gegen die Gewalt des Stroms irgend 
einen Schutz gewähren musste, bedurfte einer Wehr oder 
eines Molo. Wenn wir also bei Tacitus bist. 1, 86 lesen 
(Tiberis) immenso auctu proruto ponte sublicio ac 
strage obstantis molis refusus, so haben wir die letzten 
Worte nicht auf das natürlich weggeschwemmte Holzwerk 
der Brücke, sondern auf die Steine eines stromabwärts auf- 
geführten Molo zu beziehen, der moles d.h. des fulvischen 
Hafendamms , gerade so wie bei Liv. 40, 5 1 der Molo bei 



34) Amicis Orosiua. Es wird schwerlich Einer gewesen sein. 



Urlichs: Die Brücken des alten Roms. 493 

Tarracina heisst'^). Das /.isQog rrjg noXecog . . iv m tov ini 
nqdoei 6 lanwXovOi oTtov bei Plutarch. Otho 4 scheint das 
Forum pistorum zu sein. Von der Gestalt der Holzbrücke 
gibt die Münze des Antoninus Pius eine Vorstellung: sie 
hatte in der Mitte einen grossen Jochbogen , welcher durch 
hohe Pfeiler gestützt wurde, der Schiffahrt wegen, zu beiden 
Seiten vom Ufer her flache Stege auf niedrigeren Stützen. Weil 
aber auch so die Durchfahrt grosser Schiffe schwierig ge- 
wesen sein wird, gingen wohl in der Regel nur Kriegsschiffe, 
welche in die Navalia des Marsfeldes (dahin setzt sie Becker 
mit Recht) gebracht werden sollten, und Staatsschiffe hin- 
durch, letztere mochten am Forum boariura anlegen. Für 
die stromabwärts kommenden Schiffe war wohl die Landungs- 
stelle in der Nähe des Mausoleums Augusts, denn aus blossem 
Uebermuth wird Piso nicht dort ausgestiegen sein; man 



35) Die Lage des pons sublicius würde also der geistreichen 
Schilderung, welche Dernburg, die Institutionen des Gajus ein 
CoUegienheft S. 16 ff. von dem Wege des Horatius sat. 1, 9 gibt, nicht 
widersprechen, wenn sie nur sonst faltbar wäre. Der geehrte Verf. 
will beweisen, dass die Juristen ihre Geschäftslokale in der Nähe des 
Forum boarium bei einem Tempel des Apollo hatten, dem Sitze des 
Apollo iuris peritus, welcher den Dichter von seinem Peiniger 
befreit habe. Aber einen solchen Apollotempel hat es nicht gegeben. 
Denn wenn das Curiosum in Reg. XI. Portam Trigeminam, 
Apollinem Coelispicem. Herculem Olivarium. Velabrum 
aufführt, so bezeichnet es nicht ein Gebäude, sondern eine Statue, 
den fxtyav 'AnöXliova lov ix KccQ^rjdopos afTixQv rov InnodQo/uov (Plut. 
Flamin. 1) , ohne Zweifel einen ursprünglich sicilischen Koloss. Der 
Apollo iuris peritus aber stand auf dem Forum Augusti (Plin. n. 
hist. 7, 183)- Denn dass Juvenal 1, 128 dieses meint, geht aus der Zusam- 
menstellung forum iuris que peritus Apollo atque trium;p]idles 
unzweifelhaft hervor, und auf die Vermuthungen des Scholiasten ist 
nichts zu geben. Da schon Lucilius den Vers Homers II. 20, 443 be- 
nutzt hatte, wird auch Horaz nicht in einer juristischen Anspielung 
eine besondere Feinheit gesucht haben. 



494 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Mai 1870. 

nahm es ihm übel, dass er sie unter den Umständen nicht 
vermieden hatte (Tac. ann. 3, 9). 

Wann der pons sublicius, der unter Constantin auf jeden 
Fall noch bestanden hatte, zerstört worden ist, wird nicht 
berichtet, und Symmachus Brief 6, 7, der eruptiones flu- 
minum, pontium quoque ruinas et montium labes 
erwähnt, wage ich nicht bestimmt auf Rom zu beziehen. 
Bei Servius zu Aeu. 8, 646 sind nur die Worte sublicium 
poutem hoc est ligneum echt, der Zusatz [qui modo 
lapideus dicitur] eine irrige Interpolation^®); denn pons 
lapideus hiess , wie oben gezeigt worden ist , der pons 
Aemilius; und die Worte ponte qui nunc sublicius di- 
citur bei Macrob. sat. 1, 11 werden aus Epicadus herüber- 
genommen sein. Unter diesen Umständen ist es nicht zu 
kühn, den Bau des Theodosms und Vdlentinian IL mit dem 
Untergänge der heidnischen Brücke in Verbindung zu bringen, 
wie er ja räumlich an die Holzbrücke so nahe reichte, als 
der servianische Mauerzug zuliess. Ueber diese Brücke be- 
sitzen wir ausführliche Nachrichten. Denn es unterliegt 
keinem Zweifel, dass die neue Brücke, worüber Symmachus 
an seine Freunde, an Eusignius, den wir im J. 386 als 
Praef. praetorios kennen (4, 70) und an Licinius (5, 76), so 
wie während seiner Praefectur 384 an die Kaiser Theodosius 
und Arcadius berichtet (10, 45 und 46), eben dieser pons 
Theodosii et Valentiniani war. Es handelte sich um die 
Kosten, welche die Brücke und eine Basilica nova ver- 
ursacht hatte. Unter letzterer kann die Paulskirche nicht 
verstanden werden, was Nibby 1, p. 172 versucht; denn 



36) Die berücbtigten Worte zu 7, 607 iuxta theatrum Mar- 
cel li kann ich nicht mit Jordan, Hermes 4, S. 234 „für eine der 
zahllosen Glossen gelehrter Erweiterer" halten, denn sie finden sich 
in dem unvollständigen d. h. ächten Servius (Thilo, rhein. 
Mus. 15, S. 148). 



Urlichs: Die Brücken des alten Hotm. 495 

deren Bau begann im J. 386 ; schwerlich überhaupt eine 
christhche Kirche, wofür am einfachsten S. Lorenzo in Damaso 
zu halten wäre, denn diese baute der Papst selbst. Wahr- 
scheinlich ist die ßasilica lulia gemeint, deren als noviter 
reparatae die Inschrift des Praefecten Gabinius Vettius Pro- 
biauus aus dem J. 377 (Orell. 24) gedenkt. Danach könnte 
auch die neue Brücke etwa eine neu hergestellte ältere 
sein ^'^), (natürhch nicht der schon im J. 370 dcdicirte pons 
Gratiani) , wenn nicht die Berichte des Praefecten an einen 
wirklichen Neubau zu denken geböten. Seine Kosten hatten 
-der Praefect Aucheuius Bassus (382 — 83) und Symmachus 
unmittelbarer Vorgänger Aventius zu hoch befunden ; die 
Untersuchung war sehr schwierig, da die Leiter des Baues 
Cyriades und Auxentius mit einander im Streit lagen, und 
Bonosus, wie es scheint, sich von dem Geschäfte hatte ent- 
binden lassen, Symmachus untersuchte die Fundamente 
durch Taucher und bezeugte, dass sie drei Jahre hindurch 
Stand gehalten hatten. Damals war der Bau noch nicht zu 
Ende gediehen, also wird die Brücke im J. 381 begonnen 
und nach 384 fertig geworden sein. Sie bestand als pons 
fractus das Mittelalter hindurch und wurde 1484 vonSixtus IV. 
bis zu dem Grade zerstört, worin sie jetzt erscheint (Mura- 
tori Script. III, 2, p. 1178). 

Die übrigen Bauten der Gegend liegen ausserhalb des 
Bereichs unserer Untersuchung, namentlich der Hafen und 
das Emporium, welches, wie die Inschriften der Marmorsäulen 
beweisen, wenigstens seit dem 2. Jahrh. n. Chr. benutzt 
wurde. Ich bemerke nur gelegentlich, dass der portus 
Licini propter Romanae moenia civitatis, welcher mit 
den andern dazu gehörigen Portus eine Masse von Ziegeln 
lieferte (Cassiod. 1, 25. Preller Reg. S. 103 Anm.) , kaum 



37) So vermuthet Ret er S. 327, es sei der pons Probi, den er 
an der Marmorata sucht. 



496 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Mai 1870. 

etwas Anderes zu sein scheint als der Monte Testaccio, dessen 
Lage nahe an der aureh'anischen Stadtmauer eben so wie 
seine Zusammensetzung aus unzähh'gen Ziegelscherben mit 
Cassiodors Beschreibung übereinstimmt. (Vgl. Reifferscheid, 
Bullettino d. I. a. 1865 s. 235 ff.) 

Andere Brücken als die bisher beschriebenen hat es 
nicht gegeben, ebenso wenig wie andere Namen. Insbesondere 
hat der von Piranesi bei Tor di Nona angenommene pons 
triumphahs keine Gewähr: er würde im Verzeichnisse der 
Mirabilia nicht fehlen. 

Es wird sich demnach die Geschichte der römischen- 
Brücken im Wesentlichen so aufstellen lassen : 

Mehrere Jahrhunderte hindurch hat Rom nur die eine 
alterthümliche Holzbrücke gehabt, dort, ebenso wie in Griechen- 
land und überall während des Mittelalters ^^) ein heiliges 
Werk, welches die kundigen Brückenbauer'^) mit richtiger 
Kenntniss des Flussbettes und der Strömungen an derjenigen 
Stelle anlegten, welche die Festung des Janiculus mit der 
bewohnten Stadt auf dem nächsten Wege und zugleich da, 
wo der Strom ruhiger floss, verband, d. h. ungefähr der 
Mündung der Via de' Genovesi oder dem nördlichen Ende 
des Giardino Panfili gegenüber. Ihrer Ehrwürdigkeit wegen 
galt diese Brücke immer als die vorzüglichste. Wenn der 
Ausdruck pons allein vorkommt, ist sie darunter zu ver- 
stehen , und in der Kaiserzeit so gut wie während der Re- 
publik wurde sie wenigstens von Fussgängern regelmässig 
benutzt: es genügt auf die Bettler zu verweisen, welche sich 
daran aufhielten (Ovid. Ib., 418, Seneca d. vita beata 25. Mar- 
tial. 10, 5. Juvenal. 4, 116. 14, 134). Während des dritten 



38) Man vergleiche die interessante Abhandlung J. Beckers 
„die religiöse Bedeutung des Brückenbaues im Mittelalter" u. s. w. 
(Archiv f. Frankfurts Geschichte und Kunst IV, S 1 ff des Separat- 
Abdruckes). 

39) Freres pontifes in Frankreich, ebend. S. 17. 



Urlichs: Die Brüclcen des alten Roms. 497 

und vierten Jahrhunderts der Stadt reichte sie für die Ver- 
bindung beider Ufer aus; im J. 292 gewiss (Dionys. 9, 68) 
und wahrscheinlich noch im J. 364. (Plut. Camill. 25) gab es 
keine andere, bei gefährlichen Kriegsläuften brach man sie ab. 

Yermuthhch gab erst der Bau des Tempels des Aescu- 
lapius auf der Insel im J. 402 = 292 den Anlass zur Anlage 
der Inselbrücken , welche höchst wahrscheinlich zu gleicher 
Zeit über den Fluss nach beiden Seiten geführt wurden. 
Diese beiden neuen Brücken erhielten zum Unterschiede von 
der Pfahlbrücke den Namen duo pontes. 

Gleichzeitig mit der via Flaminia wird wohl in einiger 
Entfernung (2 Miglien) von der Stadt im J. 532 =222 der 
pons Mulvius erbaut worden sein, nicht von dem Censor 
selbst, sondern ebenso wie die steinernen Brücken der Stadt von 
einem geringern Magistrat, einem Verwandten des M. Mulvius, 
welcher wegenseinerNachlässigkeit alstriumvirnocturnus verur- 
theilt wurde (Val. Max. 8, 1, 5.) Da er für die militärischen 
Zwecke wichtig war, wird, als man im J. 537 = 217 alle 
Tiberbrücken abbrach (Zouaras II, p. 75. Liv. 22, 8) dies die 
eine gewesen sein , welche man verschonte. Unter jenem 
Namen kommt sie schon im J. 547=207 vor (Liv. 27, 51); 
sie behielt ihn auch, als der Censor M. Aemilius Scaurus im 
J. 644 = 110 (?) sie aus Stein neu erbaut hatte (Aur. Vict. 
V. ill. 72). 

Dies war die erste Steinbrücke. Es folgten rasch auf 
einander in der Stadt die kühne Brücke über den ganzen 
Fluss an der gefährlichsten Stelle, der pons Aemilius im 
J. 638 = 116, und im J. 692 = 62 der pons Fabricius, jener 
von einem Quaestor als Curator aquarum, dieser von einem 
Tribunen als Curator viarum erbaut, nicht lange nach dem 
letzteren wahrscheinlich ebenfalls von einem Tribunen der 
pons Cestius, ob von einem der beiden Brüder üaius und 
Lucius , deren Namen die Pyramide erhalten hat , lässt sich 
nicht bestimmen. 



498 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Mai 1870. 

Zum Marsfelde führte noch unter Augustus keine stehende 
Brücke. Denn für das Leichenbegcäugniss des Salvidienus 
Rufus wurde eine eigene temporär, wahrscheinlich dorthin, 
gebaut (Dio C. 48, 33). Erst Nero führte zum Behuf seiner 
Yaticanischen Feste eine steinerne Brücke, den pons Nero- 
nianus, S. Spirito über den Fluss, und darüber ging von 
nun an die via Aurelia. Denn wenn Otho nach Tacit. 
bist. 1, 86 ein doppeltes iter belli, ein Weg durch das 
Marsfeld, der andere auf der via Flaminia***), offen stand, 
so muss der erste, welcher auf seinen Feldzug nach Gallia 
Narbonensis berechnet war, auf die nerouische Brücke zu 
gegangen sein. Dorthin auch die via triumphalis, welche 
vom monte Mario her einmündete. 

Der pons Aelius Hadrians aus dem J. 136 n. Chr. 
war also für die Strassen nicht nöthig; es ist klar, dass er 
einen geraden Zugang zum Mausoleum eröffnen sollte. Es 
ist leicht erklärlich, dass man später kein Bedürfniss fühlte, 
die neronische Brücke neben dieser zu erhalten. 

Den pons Aurelius könnte man dem M. Aurelius zu- 
schreiben wollen; indessen führte keine grosse Heerstrasse 
darüber, denn die via Aurelia nova lag ganz auf dem jen- 
seitigen Ufer. Dagegen sahen wir oben, dass Caracalla allen 
Anlass hatte, die grossen Anlagen seines Vaters mit dem 
Marsfelde zu verbinden. 

Vom 3. Jahrhundert an beginnen die Zerstörungen und 
Herstellungen. Den pons Aemilius raffte wahrscheinlich unter 
Valerian (254 — 61) eine Ueberschwemmung fort, Probus 
(276 — 82) stellte ihn her und verlieh ihm seinen Namen. 

Der pons Cestius wurde der noch erhaltenen Inschrift 
(Grut. 160,4.6) von den Kaisern Valentinian, Valens und 
Gratian im J. 370 neu dedicirt und pons Gratiani ge- 



40) Die Worte campus Martins et via Flaminia schliesst 
Kitt er ein, wie mir scheint ohne Noth. 



Urlichs: Die Brüchen des alten Roms. 499 

nannt; ungefähr gleichzeitig erwähnt ihn Symmachus laud. 
in Gratianum Aug. c. 9. Nach Aramiau. Marcellin. 27, 3 hatte 
ihn der ältere Symmachus als Praefect (364 — 65) erbaut 
und dedicirt; die Worte et ambitioso ponte exsultat 
atque firmissimo quem sind erst von Geleuius einge- 
schaltet worden , ich weiss nicht ob aus seiner Hersfelder 
Handschrift oder aus Conjectur. 

Den pons sublicius liess Constantin in seiner neuen Haupt- 
stadt nachbilden. Vermuthlich gab eine neue Zerstörung 
durch eine Ueberschwemmung den Kaisern Theodosius und 
Valentinian U. Anlass, in der neuen christlichen Zeit sein An- 
denken nicht zu erneuern und in seiner Nähe den steinernen 
pons Theodosii et Valentiniani zu erbauen. 



500 Sitzung der philos.-pMol. Classe vom 7. Mai 1870. 



Herr Hof mann legt vor: 
a) ,,Hans Schneiders historisches Gedicht auf 
die Hinrichtung des Augsburger Bürger- 
meisters Schwarz." 

Als ich jüngst aus einem andern Anlasse mich mit dem 
Cgm. 379 unserer Staatsbibliothek beschäftigte, fand ich 
nachstehendes Reimwerk, von dem sich bei näherer Unter- 
suchung herausstellte, dass es das von Liliencron histor. 
Volksl. B. IL S. 128 als vermisst angeführte*) Werk des 
kaiserlichen Spruchdichters ist. Die geschichtliche Bedeutung 
des Stückes, sowie der Wunsch des verehrten Herausgebers 
der Volkslieder werden wohl den Abdruck rechtfertigen, der 
diplomatisch genau, doch mit Interpunktion und einigen in 
Klammern gesetzten Correcturen und Erklärungen begleitet 
ist, die dem allgemeinen Verständniss dienen sollen. Herr 
Collega V. Liliencron war so gütig, die folgenden Bemerk- 
ungen beizugeben. 

Hans Schneider von Augsburg verdient zwar nicht um 
seines dichterischen Werthes , aber um der hervorragenden 
Stellung willen, die er in seiner Zeit einnahm, dass wenig- 
stens seine politischen Dichtungen sorgfältig gesammelt wer- 
den. Seine dichterische Thätigkeit lässt sich jetzt durch 
35 Jahre, von 1478 bis 1513, verfolgen, nicht bis 1520, 
denn das in Wellers Repertor. typogr. Nr. 1633 aufgeführte 
Gedicht gehört nicht diesem Jahre an, sondern bezieht sich 
auf den Augsburger Reichstag von 1500. Ich habe dasselbe 



1) Der betreffende Band der "Volkslieder ist vor dem deutschen 
Handschriften-Kataloge unserer Hof- und Staatsbibliothek erschienen, 
der das Stück unter 379 aufführt. 



Hofmann: Hans Schneiders histor. Gedicht. 501 

zwar, weil es stofflich zu wenig Ausbeute gewährt, in die 
Sammlung der histor. Volkslieder nicht aufgenommen , aber 
in Brückners Neuen Beiträgen zur Geschichte des deutschen 
Alterthums(Zeitschr. des Henneberg, alterthumsforsch. Vereins) 
Lief. 3 S. 86 mitgetheilt. — Es sind bis jetzt folgende po- 
litisch-historische Gedichte von Schneider bekannt : 

1) das hier folgende auf Ulrich Schwarz von 1478. 

2) „Von dem kaiserlichen Heer .... auf dem Lechfeld" 
von 1492; histor. Volksl Nr. 181. 

3) „Herzog Christofeis von Bairn MeerfarV von 1493 
(nicht 1490, wie bei Weller, Annal. der poet. Natio- 
nallit. d. Deutschen Th. 2 S. 460 steht). Das Gedicht 
hat sich bisher nur in einem einzigen sehr defecten 
Druck auf der Miinch. Hot- und Staatsbibliothek ge- 
funden. 

4) Das oben erwähnte Gedicht auf den Augsburger 
Reichstag von 1.500. 

5) Eine ,,Rede" vom nürnberger Krieg, 1504; histor. 
VolksL Nr. 235. 

6) Von der Regensburger Schlacht, 1504; 1. c. Nr. 244. 

7) Vom Hause Oesterreich, 1507; 1. c. Nr. 250. 

8) Von der Niederlage der Franzosen bei St. Hubert, 
1507; 1. c. Nr. 255. 

9) ,,Vom Ungehorsame der Venediger", 1509 ; 1. c. 
Nr. 259. 

10) ,,Von der fürstlichen statt Annenberg vrsprung" etc., 
1510; Weller, Kepert. typ. Nr. 548. 

11) Auf die Einnahme von Hohenkrähen, 1512; histor. 
Volksl. Nr. 270. 

12) Auf die Zerstörung einiger Raubschlösser in der Ober- 
pfalz, 1512; 1. c. Nr. 271. 

13) Auf den Kölner Aufruhr von 1513; 1. c. Nr. 279. 



502 Sitzung der pMos.-pMol. Classe vom 7. Mai 1870. 

Der von Weiler im Repert. Nr. 615 aufgeführte Druck 
ist mir nicht zu Gesicht gekommen ; ich weiss daher nicht, 
ob dies Gedicht .,von dem krieg" wirkhch ins Jahr 1510 
gehört, noch worauf es sich bezieht. 

Dass Hans Schneider ein Dichter von Gewerbe, in der 
Art des Rosenblüt, Michel Behaim u. s. w. war, zeigt die 
Beschaffenheit seiner Dichtungen. Nach den Aeusserungen 
zu schliessen, welche er in dem Gedicht von 1492 über 
Herolde thut, wird er eben selbst ein Herold und Wappen- 
dichter gewesen sein. 1493 stand er im Dienste Herzogs 
Christoph von Baiern, dessen ,, Sprecher" er sich nennt. 
Später finden wir ihn in Kaiser Maximilians Diensten als 
„königlicher Majestät Sprecher". Fast in allen angeführten 
Gedichten von 1500 bis 1513 erscheint er daher als Vertreter 
und Vorkämpfer der kaiserlichen Pohtik; seine reimende 
Feder ward gebraucht , wo der Kaiser auf die öffentliche 
Meinung einzuwirken wünschte. Er wird demnach wol auch 
meistens dem kaiserlichen Hoflager gefolgt sein. Doch zeigt 
das Gedicht über den Nürnberger Krieg von 1504 , dass er 
sich damals dort aufhielt; wenn er hier den Rath als ,, meine 
frumen herren" anredet, so wird das doch kaum ein wirk- 
liches Dienstverhältniss bedeuten sollen. Zur Zeit des hier 
folgenden Augsburger Gedichtes wird er sich dagegen noch 
in seiner Vaterstadt aufgehalten und dort den Sturz des 
überm üthigen Bürgermeisters mit erlebt haben. 

Das Gedicht zeigt, wie die vier andern in den histor. 
Volksliedern, Nr. 149—152, mitgetheilten , die leidenschaft- 
liche Aufregung der Stadt gegen den gestürzten Machthaber. 
An Thatsächlichem lernt man nichts Neues daraus. Nur ein 
Punkt verdient vielleicht der Beachtung. Das Gedicht gibt 
V. 164 — 212 Nachricht von den Geständnissen, welche Schwarz 
auf der Folter ablegte. Diese Aussagen treffen zwar im 
Wesentlichen mit dem Protokoll über die Urgicht zusammen, 
welches aus einer Augsburger Chronik in den Baierischen 



Hofmann: Hans Schneiders histor. Gedicht. 503 

Annalen 1833 S. 1142 mitgetheilt ist. Aber es fehlt dem 
Gedichte eine Reihe von Artikeln derUrgicht, so z. B. gleich 
zwischen dem ersten und zweiten Bekenntniss der Artikel 2 
der Urgicht, wonach Schwarz sich schuldig bekennt, seinen 
Vorgänger in der Ehe vergiftet zu haben. Dieser Mangel 
an üebereinstimmung ist wol geeignet, die Authenticität des 
Protocolls einigermaassen zu verdächtigen. Grosses Gewicht 
freilich wird man überhaupt auf solche mit der Folter er- 
pressten Aussagen nicht legen wollen. Den Gemarterten 
war gewöhnlich der Tod auf alle Fälle, sie mochten nun 
bekennen oder leugnen, gewiss. Um so seltener werden sie 
den Heroismus gehabt haben, blos um des Nachruhms willen 
ihre Qualen durch standhaftes Leugnen zu verlängern. Man 
braucht nur an das Beispiel der Johanna von Orleans zu 
erinnern oder an die Selbstanklagen Wullenwebers, eines 
Mannes , dem es sonst an Muth und schwungvollem Wesen 
wahrlich nicht fehlte. 

Cgm. 379 fol. 222 v°. 
Von Augspurg 
Ich sprich also, wann es sich czäm, 
daz jeder man mein räd vernäm 
vnd het ain klaine weil sein ru 
Vn hortten dissen meren zu, 
5 die ich ew wil verkinden erst, 
wie allent halb der lande herst 
gros vntrew hin vnd auch her wider. 
60 find ich weder auf noch nider 
der drew nit fil, die sich gezimpt. 
10 wa ainr den ander über nimpt, 

der maint, er hab an Tirgen kriegt, 
er achtet nit, ob es sich fiegt, 

11. Türken. 



504 Sitzung der ^phüos.-philol Classe vom 7. Mai 1870, 

daz man in auch her wider äff. 

also stend yecz der weite leff. 
15 Dar Vm send mir mein sinn verirt, 

vnd west ich, ob es sich gebirt 

vnd nemet kain verdriessen het, 

so wurd ew wol mit kürcz geset, 

wie das ain gros vnd schwere sach 
20 zu Augspurg in der stat geschach, 

des doch die gmain gros schaden nam. 

nun herent, wie es dar zu kam. 

ain burger maister ward er wölt, 

dem ward fil eren zu gezölt. 
25 mit gab vnd miet vnd auch mit schenck, 

wann er kund menger hande klenck. 

o 

Der Virich Schwarz hies er mit nam. 

for geiczykait het er kain schäm, 

dar mit er über kam fil gut, 
30 des daucht er sich gar wol gemut 

vnd lebt all zeit in jubelier. 

Dar nach det er zu richten schier, 

was er in ainem rat an feng, 

das im das alles für sich geng. 
35 im rat hett er gesöllen gnug, 

was er det das man ims über trug, 

vnd wölcher von im brach den drucz 

vnd rodet an der gmainen nucz 
f 0.9^ \ vnd was in allen dingen geflissen, 
AO 1 ^^^ selben het der dieffel pschischen 

vnd was im fürbas allweg gram. 

mocht er so bracht er in in schäm, 

wa im daz selbig nit geriet, 

so schalt der man vnd dopt vnd wiet. 
45 Dar mit ichs yeczund las bestaun, 

mit meim gedieht ich fürbas gaun 



Hofmann: Bans Schneiders histcr. Gedicht. 505 

vnd sag wie Schwarcz der burger maister 

aynr grossen sach wer ain follaister, 

die er gar hoflich for bedacht 
50 vnd mit seim anhang zwegen bracht, 

das sy im halfen stiften mort, 

das man doch weit erschellen hört, 

wie es geng zu der selben zeit. 

er drüg dem Haussen Fittel neit, 
55 der selb het lieb die kreehtykait, 

des frimbt er im gros herczen lait 

vnd seinem brüder nit ain weng. 

den selben burger maister feng 

der Schwarcz mit rat des anhangs sein, 
60 er bracht die Fittel baid in bein, 

vnd weil die Fittel gfangen lagen, 

da was des Schwarczen grosses klagen, 

das er kain zu spruch zu im het. 

in dem der kaisser schreiben det, 
65 er bot pey acht vnd auch bey ban, 

man solt die Fittel lödig lan. 

ee das die brief zu lessen kamen, 

der Schwarcz wolt sich kainr vndat schämen, 

er sinnet hin vnd wider her. 
70 sein anhang gab im aber 1er, 

doch wurdens ains gar schnell vnd drat 

vnd Wessen haben ainen rat 

über die frumen bider leit. 

da fallt der Schwarcz in grossem neit 
75 die seine urtail über das blüt. 

here got vnd hechstes gut! 
(V°) wie ward ain urtail da gehert, 

c 

da Virich Schwarcz mit stim begert 
zu detten frumer leitten kind. 
80 da folgt im nach das sein gesind, 
[1870. L 4.] 33 



506 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

die er mit schencken zu im zoch, 

der selben kainer von im floch, 

doch bald ir urtail fir sich geng. 

dar nach blib vnder wegen weng, 
85 man lürt die Fittel für das haus, 

vnd det von inen rieffen aus 

als ob sy weren schödlich leit. 

doch sach man sy zu disser zeit 

gebunden vnd gefangen stan, 
90 das waintten frauen vnde man. 

man fürt sy hin nach urtails rat 

vnd lies sy baid enthabten drat. 

das was ain bitterHche klag. 

für bas hert weitter was ich sag 
95 vnd was noch in aim jar ward gstift. 

der Schwarcz vnd auch sein anhang drift, 

die waren ahveg über ain, 

wann sy der Schwarcz dett laden hain, 

das sy die kopeu*) melier assen 
100 vnd also bey ain ander sassen. 

so rott der Schwarcz aus freyem müt: 

„nun est vnd drinckt, gesöllen gut, 

vnd land vns loben in dem saus. 

nun müs doch ainer göben aus, 
105 der im sein schüch mit hast düt binden. 

nun land vns drincken weil wirs finden." 

das driben sy genüg vnd fil. 

man wöst es wöder end noch zil. 

da nun ain jar vergangen was 
110 nach Fittels dot, als ich for las, 



88. lies do. 101. 1. rött. 
*) Kapaunenmahlzeiten. 



Hofmann: Hans Schneiders histor. Gedicht. 507 

da fürt der Schwarcz aiu new geschray. 
f. 234 er forcht die sach die wölt sich zway 

vnd daucht in wol nach aller greiden,*) 

wie in aim ratt die alten gescheiden 
115 ain gemirbel**) hetten wider in. 

als bald er nun erkant den sin, 

da schickter nach dem anhang sein. 

er fragt sy rat, wie er in bein 

mecht bringen vnd in grosse nat, 
120 die von im wichen in aim rat. 

da er den anschlag pschlossen het, 

nun herent, was er dar nach det. 

er wolt die alten frumen gschlecht 

mit boshait wider got vnd recht 
125 geschaffen han in grosse not. 

das selb det vnderfengen got, 

das es als vnder wögen blib. 

gelickes rad sich vmbeschib, 

got det den frumen hilf bekant, 
130 wie man den Schwarczen obgenant 

mit hilf vnd auch ains kaissers rat 

mecht bringen wol in grosse nat. 

da es den retten ward bekund, 

da fengen sy in auf der stund 
135 in ainem rat gar offehch. 

ain fogt von dem remischen rieh 

der was der erst, der zu im geng 

vnd Virich Schwarczen selber feng, 

wie geren er sich het gesoczt (= gesöczt). 
140 da forcht er nun er wurd gelöczt. 



*) Berechnung. 
**) Gemurmel. 



83' 



ÖQS Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 5, Mai 1870. 

da mit da fürt man in da hin. 
nun herent ainen klugen sin; 
darnach feng man den anhang auch, 
wann nun ain tail, der selb der flach; 

145 doch feng man fier, als ich es zalt. 
die fürt man hin mit ganczera gwalt 
vnd legt sy all gefangen ein. 
dar nach feng an ir aller bein. 
den Schwarczen fragt man ser vnd fast, 
(V) 150 man lies im kainer hande rast, 

vnd auch dem ain tail sein anhang, 
den man da nenet Jos Tag lang, 
der selb was an der stewr gesessen, 
sein selber het er nit vergessen, 

155 der aigen nucz der was im kund 
er det gleich als ain besser hund, 
der nichs nit weder kaft*) noch failt 
vnd danest**) mit dem möczger tailt. 
also det er auch ob dem schacz, 

160 des müster dulden widerdracz 

da man sy also wag vnd klampt 
vnd in auf sagt sy ire ambt, 
da was ain rat gar klug vnd weis. 
den Schwarczen fragten sy mit fleis, 

165 das er vergech sein missedat. 
da kant er, wie er in aim rat 
erst wolt gestift han herczelait. 
wöllicher wer mit dugetkait 
vnd wer dem rechten nachgegangen, 

170 den wölt er auch han lassen gfangen 



162. 1. dy. 

*) kauft. 
**) gleichwohl (baier. dennest). 



Hof mann: Hans Schneiders histor. Gedicht. 509 

VDd lassen dan, wie for im tittel 

gescliriben stat von Hanssen Fittel. 

das ander das man in da fragt, 

da hüb er aber an vnd sagt. 
175 er sprach, wie er in kurczen zeitten 

ein gnumen het von gfangen leitten, 

den er geholfen het aus uot 

mer wan zway daussut guldin rot.*) 

woltens nit leiden grosse bein, 
180 so gengen sy der teding ein. 

das drit. das er auch hat bekent, 

das er bey seinem reygement 

gros schätz vnd gut entpfangen hab 

von ambtleitten, die er det ab 
185 wolten sy bleiben in dem stat, 

so gabens nach des anhangs rat. 
f. 225 dar mit so kum ich auf das fiert, 

wie er des Haigen Gaistes ziert 

gehalten hab mit listen grob, 
190 die weil er was ain pfleger drob. 

was dar zu hört von wis vnd ecker, 

dar an so det er als ain lecker, 

er nam die gietter fast an sich 

vnd det durch die geschrift ain strich, 
195 verkert dem goczhaus ir rögister. 

der krechten**) was er ain zerknister, 

dar vm er dulden müst gros nat. 

nun hert, was er zum finften hat 

vergechen vnd auch driben lanck, 
200 wie er von biren most ain dranck 

hab ausgeschenckt für gütte wein. 

das söchst wil ich ew machen schein. 



*) Goldgulden. 

•) =; Gerechtsamen. 



5 10 Sitzung der philos.-philol. Glosse vom 7. Mai 1870. 

da man in fürt so hört an die rigel, 
da kant er, wie er selb ain sigel 

205 het ab gegraben vnd lan machen 
so gar von hoffelichen sachen, 
das es der stat insigel daucht, 
vnd das zu mengen listen praucht, 
die ich nit halb ergrinden du. 

210 meinr sinne müU die stöll ich zu, 
wan wös ich sy lies weitter laffen, 
so mist ich in noch lenger straffen, 
das sich doch ser verlengen wurt. 
da nun ain rat an im erspurt, 

215 das er den tot verschuldet hiet, 

dar nach ainr nach dem andern riet, 
das man in solte hencken laun. 
das ward mit kircz gar bald getaun. 
da man in auf den B erlach bracht, 

220 fyl bald het sich ain rat bedacht, 
das man in saczte auf ain wagen, 
wol hoch entbor, das man mecht sagen, 
man het in in dem gwand geschaut, 
als er wer gangen in ain rat. 

225 man fürt in hin on all verdries, 
der hencker det, als man in hies, 
vnd richtet, als dann gab urtail. 
das was des Schwarczen gros unhail; 
doch was es liczel leitten lieb, 

230 das man in hanckt als ander dieb. 
fil menger schwur bey allen bälgen, 
er wollt im zallen ainen galgen 
zu bawen über ander zimer, 
da wartten,*) das man es sagt imer. 



•) 1. den Worten = in der Absicht. 



Eofmann: Verbesserungen zu einem Arzneibuche etc. 511 

235 dar mit las wir den Scliwarczen hangen 

ain ganczen rat den ward belangen, 

wie er dem Schwarczen sein anhang, 

den ih for han genent Taglang, 

auch brechte in ein schimpfentier.*) 
240 man nam in aus den andern fier 

vnd hanckt in auch, als sich wol zam. 

dar nach man dissen anhang nam 

vnd bot in dewr vnd dar zu ser, 

das kainer mer kem an kain er, 
245 vnd rat vnd recht alhvög zu meyden. 

das selb das detten sy geren leiden. 

noch was ir ainr for banden schlecht, 

Hans Möczger, Virich Schwarczen knecht, 

der half, wa mau det widerdries, 
250 dar vm man in enthabten hes. 

dar mit ich disser räd brich ab, 

das nemet kain verdriessen hab, 

vnd han ewch das mit kircz gesait 

von Virich Schwarczen listykait, 
255 die er zu Augspurg drib im rat, 

als Hans Schneider gesprochen hat. 



b) „Ueber das Züricher Arzneibuch des XII. Jahr- 
hunderts." 

Als Herr Professor Dr. Wölflin kürzlich den Cod. 58 der 
Wasserkirchenbibliothek in Zürich , der deutsche Predigten 
und ein Arzneibuch des XII. Jahrhunderts enthält, wegen 



*) mhd. scumfentiure = altfr. esconfiture = Niederlage 



512 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

Beines latein. Inhaltes benützte, fand er die deutschen Stücke 
und schrieb das Arzneibuch und zwei Predigten ab , nach- 
dem ihm zwei Germanisten die Versicherung gegeben hatten, 
es seien Inedita. Durch dieses glückliche Malheur kamen 
diese Abschriften (durch Herrn Director Halm) in meine 
Hände und ich verglich nun Wölflins Abschrift mit Pfeiffers 
Abdruck, Sitz.-Ber. d. Wien. Akad. 18. März 1863, wo sich 
denn in Pfeiffers Arbeit mehrere Fehler zeigten (nicht Druck- 
fehler, wie Bartsch in Uhlands und Lassbergs Briefwechsel 
annimmt), deren Berichtigung hier gegeben wird, und sowohl 
den Fachgenossen , als auch etwaigen Medicinern , die die 
Geschichte ihrer Wissenschaft aus den Quellen studiren wollen, 
erwünscht sein dürfte. 

Herr Professor Wölflin war so gütig, ausser seiner Ab- 
schrift auch noch eine Collation mit Pfeiffers Texte zu 
machen , die er mir ebenfalls zur Verfügung stellte. Das 
Resultat aus beiden folgt hier, und so wird nun die wirkliche 
Lesung der Hdschr. in allen Fällen gesichert sein. Wich- 
tigere Fälle sind gesperrt gedruckt. 

S. 118. Z. 3. widir 12. fon deme svere 15. hilfit 
17. mite (da fehlt) 24. dirmitte — geizzinun. 

S. 119. Z. 4. gebulverten — deme 5. deme — han- 
digin 7. ougin 9. wizzun 15. mirrun 17 u. 27. des 
aloe 18. gebundlin 19. einiz ephouwes 20. betonicae 
23. deme 26. allerest 31. einne. 

S. 120. Z. 9. wndirliche 10. nach caferan fehlt bei 

Pfeiffer beider geliche 13. trovfin in daz oge 15. wiz- 
ziz wiroveh 28. naseloch. 

S. 121. Z. 6. vbir 11. honege 19. deme 23. zir- 
tribez (vgl. S. 126, 3). 

S, 122. Z. 1. ze dem bitteren 3. centauria 17. al- 
tem ib. aristolociam 24. haecche dischinne brachin 
29. mingendis 31. zezenne 

S. 123. Z. liliun 8. lubestecchin 14. wrde (nicht 



Eofmann: Vertesserungen zu einem Ärzneibuche etc. 513 

wurde, sondern werde, wie Z. 26 wllest = wellest und, was 
ganz entscheidend ist S. 127. 3. daz eie daz ze. wichennacliten 
geleit werde, wo werde ausgeschrieben ist.) 20. mit drin 
viugeren ; so hat die erste Hand das anfänglich geschriebene 
den corrigirt. 

S. 124. 10. petrosilini 24. spie, wol gesotin honac. 
vnde XXX. mez (nicht honeges unciam , wie Pfeiffer cor- 
rumpirt). 27. disen 30. zweimal et predicta (7) 
33. et poleium. 

S. 125. 5. dem brustin 10. rudigen 12. fehlt bei 
Pfeiffer wahses 1. IL 14. vnde (nicht under) 25. ale- 
andes (nicnt oleandes) 25. piper. der wizen uiinzvn 
samen libram I. (nach Pfeiffers Interpunktion bezieht sich 
weiss auf Pfeffer, nach der Handschrift richtig auf Münze). 
26. Nach Wölflius Abschrift sieht, was P. zit schreibt, aus 
wie git. Auf jeden Fall kann man nicht zwei Pfund Zeit 
in eine Medicin thun. 

Das Pflanzenverzeichniss, welches aus dem selben Co- 
dex 58 der Wasserkirchenbibliothek Graff mittheilte, gibt uns 
die Emendation an die Hand und entscheidet für Wölflins 
Lesung. Diutisca II, 275a heisst es dictamnum nigrum 
gitvvrz, also ist in unserer Stelle git in gituurz zu er- 
gänzen , denn das blosse git hätte ohne den Beisatz keine 
Bedeutung, da git würz nichts anderes ist als giht-w^urz, was 
Graff I, 1051 aus einem Einsiedler Codex des 11. Jahrhunderts 
anführt , und Frisch noch kennt. Der Pflanze ist von den 
Alten die Kraft, Pfeile aus Wunden zu ziehen, zugeschrieben 
worden, daher wahrscheinlich von da ihre Anwendung gegen 
Gicht, Der Name kömmt vom Berge Dicte auf Kreta, wo 
sie wuchs. Die assimilirte deutsche Form ist Diptam (Ori- 
ganum Dictamnus L.) 

S. 126. 3. vile 17. zede (also = ze den, nicht 
ze der 20. deme 22. wirouch 23. f; im Codex, also 



514 Sitzung der pkilos.-phüol. Classe vom 7. Mai 1870. 

sed, nicht suo, wie Pfeiffer auflöst. 29. s m er e (nicht swere) 
27. agrimoniun, winis. 

Man sieht , die Vergleichung der Hdschr. ergibt schon 
eine hübsche Anzahl Fehler, von denen man nur rauch für 
rouch) und äuge (für ouge) in die Kategorie der Druckfehler 
rechnen kann, alles andere sind Fehler des Abschreibers, 
oder falsche Conjecturen des Herausgebers. 

Ich gehe nun an die Behandlung des Textes, der mehr- 
facher Besserung bedürftig ist, und theile mit, was mir auf- 
gefallen. Andere werden anderes finden, vorausgesetzt dass 
es jemand der Mühe werth hält, sich mit der Correctur eines 
altdeutschen Arzneibuches zu befassen. 

S. 120, 17 und 123, 19 erklärt Pfeiffer rit als rit und 
leitet es von riden winden ab. Es heisst aber beidemale 
sieben und zwar durch Schütteln sieben, ist also ein 
Verbum mit kurzem i und gehört zu rito febris, ritra crib- 
rum , ritaron cribrare , ritarunga percussura. Das Wort 
rittern ist jetzt noch im Gebrauche und heisst: um etwas 
losen, also eigentlich schütteln (i. e. die Würfel), Das von 
Pfeiffer gemeinte Yerbum lautet ursprünglich mit w an, ags. 
vriSan winden , flechten , wovon noch das neuengl. wreath 
Kranz, ahd. ist es nicht mit w verzeichnet bei Graffll, 473. 
Das andere, unser Verbum schütteln, hat dagegen anlautendes 
h , vgl. Graff II, 475 hritaronti Rd (VIII— IX. Ih.) ags. hri- 
drian sieben, hridder Sieb, hriddel, neuengl. riddle = grobes 
Sieb. Dieses rit muss nun aber auch S. 123 Z. 23 gesetzt 
werden, rit ez zesamine = schüttle es unter einander, denn 
wie kann man denn eine Arznei, die mit 9 Maass Wein au- 
gemacht ist, unter einander drihen, wie Pfeiffer erklären 
will, drihen heisst ja mit einer Sticknadel arbeiten, welche 
beschränkte Bedeutung sich aus einem älteren drihan zu- 
sammengezogen hat, welches dem gothischen |>reihan, S^Xt'ßeiv, 
arevoxcoQsTv ^ Ovi.i7ivlysLV also eigentlich zusammenschnüren, 
dann bedrängen entspricht. Gehen wir noch höher hinauf, 



I 



Hofmann: Verbesserungen zu einem Arznexbuche etc. 515 

so entspricht yollkömmen lat. tiic in tricari , tricae, trico, 
iutricare u. s. w. Auf keinen Fall kann ein Verbum mit 
solcher Grundbedeutung an unserer Stelle passen , wo vom 
Nehmen einer flüssigen Arznei die Rede ist, die man eben 
einfach schüttelt. 

S. 119, 11 halte ich Pfeiffers Erklärung von duhit 
als düchit ebenfalls für falsch, diuhan heisst nicht aus- 
drücken, wie man den Saft einer Pflanze ausdrückt, sondern 
niederdrücken , dann eintauchen. Man lese druhit = dru- 
chit, drukit. 

S. 121, 28. 1. magenswern st. swermagen, wie 122, 1 
richtig steht. Eines der Wörter war übergeschrieben und 
wurde am falschen Orte eingetragen. 

S. 124. 23 eiklärt Pfeiffer nen durch uen, nimmt also 
au, dass schon im 12. Jahrhundert nemen so abgekürzt aus- 
gesprochen wurde. Ich würde lieber einfach nemen schreiben. 
Wenigstens finde ich in Weinholds AI. Gramm, keine Spur 
einer solchen Contraction. 

S. 125, 25 ist bereits gezeigt, dass P. oleandes für 
aleandes verlesen hat. Diess emendirt sich nun sehr leicht 
in alandes. alaut ist inula , helt- nium (woraus der Name 
alant germanisirt ist) , ein Kraut zum Ansetzen von Wein 
und Bier gebräuchlich. 

S. 125, 28 ist selbstverständlich zu setzen e danne er 
ezze (st. ez) , denn es folgt darauf e danne er släfen welle. 

S. 125. 30 ist ungentum Jacobi calisticum wohl 
verdorben aus einem griechischen Worte etwa dnoxavOTixdv 
oder dnox/.vöTixov = apocHsticum d. h. eine abs^DÜleude 
= reinigende Salbe; leider fehlt nur beides im Stephanus, 
Ebenso wird es 126, 6 statt gruone heissen müssen gumi 
= gummi. 

S. 126, 23 hat Pfeiffer im lateinischen Texte eine 
Lücke angegeben. Es ist keine vorhanden , dagegen ist 
ausser der Berichtigung sed für sein suo (oben mitgetheilt) 



516 Sitzung der philos.-pliiloh Classe vom 7. Mai 1870. 

zu emendiren intra für in terra, worüber domi als Er- 
klärung stund, was jetzt in den Text gerathen ist, also sus- 
pendito et jugiter illum portet, sed cum in balneum ire vo- 
luerit, intra (domi) dimittat etc. 

S. 126, 4 hat die Hdsclir. dem st'f si, woraus Pfeiffer 
dems turf si macht, irrig, denn das übergeschriebene a be- 
deutet ar und das Wort heisst tarf = Bedürfniss, ein Wort, 
welches bis jetzt im Ahd. und Mhd. nicht belegt zu sein scheint 
und also hier zum erstenmale vorkäme, turf findet sich 
nicht, tarf dagegen wird vom ahd. darba, ags, ^earf, vor 
allem vom alts. tharf necessitas legitimirt. Pfeiffer hat 
sich hier leider die schöne Gelegenheit, ein neues Wort im 
Deutschen nachzuweisen, entgehen lassen und dafür einen 
Fehler in den Text gesetzt. 

S. 120, 4. nebetun hat er nicht erklärt, es findet sich 
nicht im Wörterbuche und muss als Corruptel angesehen 
werden. Wir haben schon gesehen, dass übergeschriebene 
Wörter und Silben in den Text gerathen sind. So wird es 
auch hier sein, betunna ist pepo = Melone. Nehmen wir an, 

dass j , (= betunne) stund, so erklärt sich nebetun leicht. 

So viel ist von Wölflin und mir bis jetzt gefunden. 

Pfeiffer hat den Schluss des Arzneibuches weggelassen, 
ohne Zweifel, weil er lateinisch ist. Er verdient aber mit- 
getheilt zu werden , und Pfeiffer hätte ihn sicher auch mit- 
getheilt, wenn er bemeikt hätte, dass mitten im lateinischen 
Texte eine deutsche und zwar metrische Beschwörungsformel 
steht, die älter und natürlich auch wichtiger ist, als das 
ganze Arzneibuch. Ich lasse also diesen Schluss nach Wölf- 
lius Abschrift und mit seinen Bemerkungen folgen. 

Contra cancrum. 
Pirum quod dicitur cutinna conbure et laua wlnus cum 
uino. et puluercm iiiter sparge. Äd serpentem qui uiuus 



Hofmann: Verbesserungen zu einem Arzneibuche etc. 517 

intrat in hominem. iocium equi caliclum bibat. statirn 
exit. Äd sanguinem de naribus profluentem. Testa ouorum 
de qua pulli excluduntur. in puluereui redacta. per fistulam 
naribus insufla. statim sistit. Ifcm. i?uta ad nares olfacta 
sistere facit. Item. In Christi nomine scribe in fronte ipsius 
nomen eins, et ° (= nomen) emorrovsae^). ipsa dixit. ^i 
tetigero fimbriam uestimenti eins tantum salua ero. 

Äd singtdtum. -4cetum acrum olfactum bibat. mox 
desinet. Ad tussicos. Dictammum ^) dabis bibere cum vino. 
prodest. Ad eos qui cibum continere non posstmt. ilfille- 
folium tritum cum uino tepido bibat. Ad stringendum san- 
guinem. Frticam ad puluerem incende. et super sparges. 

Quihus uenenum dafum sit sumant. XII. folia gundere- 
bun. et utantur eis cum morato in estuario. absque dubio 
liberabuntur. Contra solutioncm aut tussim. Tolle os ele- 
phantis et scalpe. in aqua et bibe. prodest. Ad scrophvlas. 
Fbi dedicatio in dominica euenerit. carbones unde altare 
incensatur reseruentur. et aruina misceantur. et sie per- 
ungantur. Ad 2>ecora, 

In natale. s. Joliannis hapt. Sume aucam masculam 
et praecide ei caput. sume sanguinem eius in uase mundo, 
postea caput cum sanguine et pugillo salis in noua olla 
conbure. et puluerem ipsa die da animalibus lingere. optima 
res est. Contra reJiin. Primo die pater noster. in dextram 
aurem. Marphar. nienetar. mvntwas. marhwas. warcomedudo. 

var in dinee. ciprige. indine. marisere. daz dir zeboze. ter 
et pater noster. 

Itein ad equos sanandos raehin. In aurem equi dicas 
et per omnes pedes. m. usque a. p. Vnion geniphron. inditol 
cathaloti. genepis ita non ita. aran ipitara. li. x. Je. Pater 
noster. 



1) haemorrhousa Wfl. Cf. Evang. Matth. 9, 20. Luc. 8, 43. 
2) Dictamnum. 



518 Sitzung der pTiüos.-pMol Classe vom 7. Mai 1870. 

Si uermes equum mordent. die. Ignitis quissitis. ninni- 
tare nare. thebal. gut gutenal. 

Ad frasin (\. fraisin). Äputo circumlinito minimo digito et 
die. Adiuro te mala malanna. per patrem et fiHum et spiritum 
ßanctum. ut non crescas sed euanescas in nomine patris et 
filii et Spiritus saucti. h. x. Je. Pater nostri fer et pater 
noster. Par uitae urit.^) leo in nomine domini. moritur 
vrws^) in homine^) isto. N. ayof.^) ayof. ayof. Xpc. uincit. 
Xpc. regnat. Xpc. imperat. 

Wölflin fügt die folgenden wichtigen und interessanten 
Bemerkungen bei. 

Den lateinischen Schluss des Traktates mit Pferde- 
segen etc. wird Pfeitfer mit Recht als nicht mit dem Vor- 
herigen zusammenhängend abgetrennt haben ; mir scheint 
nur, auch das von ihm Publicirte laufe nicht an einem 
Faden weiter und sei aus verschiedenen Partien zusammen- 
gesetzt. Dass dem Verfasser ursprünglich die Disposition 
vorgeschwebt, den menschlichen Leib von Kopf bis zu den 
Füssen durchzunehmen , (Kopfweh , Haare , Ohren , Augen, 
Nase, Zähne etc.) springt in die Augen; er hat aber später 
die Consequenz aufgegeben. — Nach p. 125 (18) Zeile 2 hat 
der Codex einen starken Abschnitt: <33S;X3C:5C!2C^ , so, 
dass es zweifelhaft ist, ob der folgende von den Salben und 
Pflastern handelnde Abschnitt zum Vorhergehenden gehöre. 
Namentlich aber ist zu beachten, das p. 126 (19) Z. 22 Pfeiffer, 
mit dem Worte suspendito p. 93 oder der XII. Quaternio 
des Codex beginnt, nicht mit ceros^, wie Pfeiffer angibt, 
der zudem den Quaternionenschluss gar nicht beachtet. Es 
ergibt sich, dass die ersten Zeilen von quat. XII. auf einmal 
lateinische Sprache zeigen, statt der deutschen auf quat. XL 



i 



1) Parturit? paritur? oppos. moritur. Wfl. 2) urus Auer- 
ochs. ursus Wfl. 3) nomine Wfl. 4) ayiogf Wfl. 



Eoftiiann: Verbesserungen zu einem Arzveibuche etc. 519 

Ende. Auch der Inhalt zeigt deutlich, dass hier ein Sprung 
vorliegt, den Pfeiffer gar nicht beachtet hat. 



Der von Pfeiffer nicht gedruckte Schluss des Arznei- 
buches ist schon gedruckt, seit 1848, aber noch nicht edirt, 
in Wackernagels altdeutschen Predigten p. 253 ff. Das Buch, 
dem nur Vorrede und Abhandlungen fehlen, enthält p. 1 — 210 
72 Predigten und Tischreden, 213 — 248 29 Segen und Gebete, 
das meiste zum erstenmal gedruckt. S. 251 beginnen die 
Abhandlungen, p. 253 ausführliche Beschreibung der Zürcher 
Handschrift, die W. später als 1172 datirt; mit p. 264 bricht 
das Werk ab. Die fehlende Geschichte der altdeutschen 
Predigt und des altdeutschen Gebetes wird nach einem 
Collegienhefte zum Abdrucke gelangen. Doch soll zuerst 
noch die druckfertig hinterlassene 5. Auflage des altdeutschen 
Lesebuches in Angriff genommen werden. Die Predigtsamm- 
lung, in der Lit. Gesch. von Wack. oft citirt, enthält p. 1 — 32 
sämmtliche Predigten des Zürcher Codex, und im Berichte 
über denselben die bei Pfeiffer fehlenden alliterirenden und 
reimenden Beschwörungsformeln. So weit Wölflin. 

Der Segen contra rehin (das Lahmwerden, Steifwerden 
der Pferde) ist nun zunächst zu untersuchen. Es ist schein- 
bar alliterirend und durchgeheuds mit 4 Hebungen gereimt. 

Mar phar niene tär 
müntwäs marhwas 
war come du do 
vär in dinee ciprige 
in drne marisere 
däz dir ze büoze. 

Dass der Spruch nicht ganz richtig überliefert ist, fällt 
in die Augen und darf nicht Wunder nehmen. Gleichwohl 
dürfen wir uns nur die leichtesten Aenderungen erlauben, 



520 Sitzung der pMos.-pMol Classe vom 7. Mai 1870. 

wenn unsere Herstellung auf Probabilität Anspruch machen 
will. Ich komme nun vorläufig aus mit Versetzung zweier 
Buchstaben und Aenderung eines einzigen , indem ich für 
ciprige lese cipirge = kibirge (c für k, wie mehrmals in 
dem alten Basler Recept) und mariseve = marisewe für 
marisere. Dass Uebrige lässt sich dann zur Noth über- 
setzen. 

Mahr, fahr nicht her, 
mär far niene tar 

Handscharfe , Rossscharfe, 
muntwas marhwäs. 

Wohin kamst du da? 
war come du dö? 

fahr in deine Gebirge, 
var in dine kibirge 

in deine Wasserseen, 
in dine marisewe, 

dass dir zu Busse. 
däz dir ze büoze 

Hiebei wird vorausgesetzt, dass die Steifheit, vor welcher 
der Spruch das Pferd behüten soll, von einer Mahr oder 
einem Alp herrührt , wie der sogenannte Hexenschuss oder 
Elfeuschuss, dass diese Mahr aus den Bergen und Wässern, 
wo sie sich aufhält, dem Mann und seinem Pferde nahe kommen 
will und dass dieser durch seinen Spruch sie zu ihrer Strafe 
wieder zurück bannt, muntwas und marhwas sind nun die 
zwei technischen Ausdrücke, die die grösste Schwierigkeit 
machen, denn muntwas kann auch mundscharf und marhwas 
(= margwas) markscharf bedeuten. Analoge Sprüche müssten 
hier entscheiden ; denn offenbar haben wir es mit technischen 
Formeln zu thun, deren Deutung ohne weitere Anhalts- 



Hofmann: Verbesserungen zu einem Arzneibuche etc. 521 

punkte nicht gelingen wird. Aber über das Alter des 
Spruches dürfen wir uns schon einige Vermuthungen erlauben. 
In der ersten Zeile scheint er stabreimend zu sein, ich sage, 
scheint , denn in Wirklichkeit ist er es nicht , weil er im 
ersten Halbverse einen Stab, im zweiten 2 hat, also gerade 
verkehrt. Streng nach 4 Hebungen gemessen ist er dagegen 
allerdings und zwar nach dem alten metrischen System, 
welches den Ausfall fast aller Senkungen erlaubt und vom 
Ende des 9. bis in den Anfang des 1 2 . Jahrhunderts geherrscht 
zu haben scheint, denn später findet sich so compresse Form 
doch nicht mehr. Das wäre also etwa die Periode, in welche 
unser Spruch zu setzen wäre und zwar wegen a in marisewe 
um das I. Viertel des 11. Jahrh. Vgl. Weinhold A. Gr. S. 14. 
Doch sind alle solche Bestimmungen höchst unsicher, da sich 
eben so gut uralte Sprüche erhalten, wie neue zu jeder Zeit 
entstehen konnten. Als ein Beispiel eines solchen relativ jungen 
Ursprungs will ich hier zum Schlüsse einen Spruch mittheilen 
und so gut als mir möglich ist, übersetzen und erklären, der 
an allseitigem Interesse alles bisher gesagte weit überragt. Herr 
Collega Brunn hat mich bei Gelegenheit des Pferdesegens dar- 
auf aufmerksam gemacht und so mag er denn unmittelbar auf 
diesen folgen. PubUcirt ist er längst, aber an einem Ort, 
wo weder Germanisten noch Piomanisten zu suchen pflegen. 
Er steht in den Annali di (Jorrispondenza Archeologica 
Roma 1846, Tav. d'Agg. H. abgebildet. W. Henzen hat 
ihn ebendaselbst p. 214 besprochen, Lersch im Bulletino d. 
I. d. C. a. per l'anuo 1845 p. 184 eine Deutung und Ergänzung 
versucht, die gänzlich verfehlt ist. Auf 4 Seiten eines Bronze- 
nagels findet sich eine in der lingua rustica und in Schrift- 
zügen etwa des ausgehenden 4. oder anfangenden 5. Jahr- 
hunderts nach Christus nbgefasste Anrufung der Artemis nebst 
Zauberformel und einem Schlussegen , in welchem Artemis, 
Salomon und Gott nebeneinander stehen. 

[1870. 1. 4.] S4 



522 - Sitzung der pMos.-philol. Classe vom 7. Mai 1870. 

Der Spruch lautet so (die Nummern bezeichnen die 
4 Seiten) : 

1) DOMNAARTEMIXZTJiV^E^-PEASSoLBEKATENATV 
ASENCANESIVOAGRETESSIABATICOSSBEALBOS 
SIBEoVENQVECOAOREc/: APEBTABV 

2) CA.BENEAPETATRVRA-R£'^;^.A^^^^^J5^.4iV^T^^ 
Q r.LJREAQÄNDFOBÄ.S.T. 

3) i?^Ä^I^XORTENOSTRANON^NTRENPEGORANOS 
TRANONTANGANTETA 

4) SINOSNOSTRONOMOLESTETERDICOTERINGANT 
OINSIGNVDEIETSIGN VSALOMONISET ^ IGNVDE 
DOMNAARTMIX 

Mit hegender Schrift ist bezeichnet, was ich gar nicht 
oder nur vermuthend zu deuten weiss. Meine Transcription 
und Uebersetzung, so wie meine Deutung bezieht sich dem- 
nach auf den übrigen , weitaus grössern Theil. Das was 
auf der 2. und 3. Seite zwischen rura und in corte nostra 
steht, halte ich einstweilen für den eigentlichen Zauberspruch, 
der wie gewöhnhch in unverständlichen Worten abgefasst 
ist und in dem die Quintessenz der Incantation steckt. Zu 
dieser Annahme bewegen mich zwei Gründe. Erstens die voll- 
kommene ünverständlichkeit dieser circa 38 Buchstaben 
gegenüber der relativen Leichtverständlichkeit des übrigen. 
Solche unverständliche Wörter, ätona ovofxaxa xal Qr](xaTa 
ßaqßaQixd wie Plutarch (de superstitione cap. 3) sagt , ge- 
hören nicht bloss in der heidnischen , sondern auch in der 
christlichen Zeit express zum Zaubern und Hexen und ich 
gedenke in der nächsten Zeit diess noch näher bei Besprech- 
ung des magnum vinculum (des grossen Höllenzwangs) nach- 
zuweisen. Dass Plutarchs Aussage vollkommen richtig ist, 
beweisen die zahlreichen griechischen Beschwörungs- und 
Verfluchungsformeln , die uns erhalten sind. Zweitens die 
Wiederholung, die sich entschieden einmal in BAQVI viel- 



Hofmann: Verbesserungen zu einem Arzneihuche etc. 523 

leicht noch einmal in den mit RE — RE anfangenden Stellen 
findet. Wiederholung ist nebst Unverständlichkeit ein Haupt- 
kennzeichen solcher Zauberformeln. Die Deutung von KRNEA 
in der ersten und APERTABV auf der zweiten Seite ist nicht 
sicher. Welker hat es mit' Aqxs^iq xqr^vaia erklärt, wie im 
Bull. (Juli 1846 p. 98) mitgetheilt ist. Herr Collega Christ 
rieth auf Karnea. Ich kann mir natürlich hier keine Stimme 
anmassen. In APERTABV der zweiten Zeile finde ich ein 
vulgäres Wort apertabunt. Aus Plautus Men. wird aperto 
(are) angeführt mit der Bedeutung entblössen. Daraus kann 
sich die Bedeutung zeigen entwickelt haben und colorem 
apertare hiesse also : Farbe zeigen , Farbe tragen. Gerade 
so fasst es auch Henzen. Er übersetzt: ovvero mostrino 
alcun altro colore. So gehe ich denn zur Trausscription 
und Uebersetzung und füge dann bei, was vom Standpunkte 
des Germanisten und Romanisten aus zu sagen ist. 

1) Domna Artemix Krnea, oreas solbe katena(s) tuas en 
canes tuo(s) agre(s)tes silbaticos, s(i)be albos, sibe 
quenque colore[s] apertabu(nt). 

2) cabe, ue apeta(n)t rura. folgt der Spruch. 

3) in Corte nostra non intren(t), pecora nostra nou 
tangant, et 

4) asinos nostro(s) no(n) moleste(nt). ter dico, ter in- 
canto, in signu(m) dei et signu(m) Salomonis et sig- 
nu(m) de domna Artmix. 

1) Herrin Artemis Krnea , löse deine goldenen Ketten 
an deinen wilden Waldhunden, den weissen oder welche 
Farbe immer sie zeigen werden. 

2) Verhüte dass sie auf die Felder nicht losgehen. 

3) In unsern Hof (oder Höfe) sollen sie nicht eindringen, 
unser Vieh nicht berühren, 

4) unsere Esel nicht belästigen. Dreimal sage ich es, drei- 

34* 



524 Sitzung der philos.-pMol. Classe vom 7. Mai 1870 

mal spreche ich den Zauber, im Zeichen Gottes, im 
Zeichen Salomons, und im Zeichen der Herrin Artemis. 

Die in Klammern gesetzten Buchstaben sollen nur zur 
Verdeuthchung des Textes dienen. Die Schreibung ist zu 
schwankend, als dass man daraus auf die Aussprache Schlüsse 
ziehen könnte. Wenn tangant, molestet und intren nebenein- 
ander stehen , so hat man gerade die drei möglichen Varia- 
tionen, unter denen allerdings intren die wahrscheinichste ist. 
Ebenso bei non und no. Vgl. Schuchardt Voc. d. Vulg. Lat. 

Entschieden romanisch oder vulgär sind domna, oreas, 
en canes (in canibus) , quemque (quemcunque) , aperta- 
bunt , in corte , in signu , de domna Artmix (dominae Ar- 
temidis). Das ist genug für so wenige Zeilen. So viel 
über das Sprachliche. Henzen hat schon richtig bemerkt, 
worin das sachliche Interesse liegt. Einmal in der Verbin- 
dung von Gott, Salomou und Artemis in einem Zauberspruche, 
dann in der Artemis als Anführerin der wilden Jagd. Was 
unter wilden Waldhunden zu verstehen sei , wird uns am 
besten das Annolied lehren, wo bekannthch die „grauen 
Waldhunde" die Wölfe bedeuten. Es sind also nicht bloss 
die Hunde , sondern die Raubthiere aller Farben , die der 
Diana unterthan sind und in ihrem Gejaide mit ihr ziehen, 
welche sie aus ihren goldenen Ketten entlassen , d. h. nicht 
zum Verderben der Landleute mit sich herbeiführen soll. 

Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch dem ältesten 
Recepte in deutscher Sprache (dem I. Basler des VUI. Jahrh.) 
etwas von der noth wendigen kritischen und exegetischen 
Hülfe angedeihen lassen. Die bekanntesten Bücher, in denen 
es steht, sind Wackernagel LB. 4. Aufl. p. 55 — 56 und 
Müllenhoff-Scherer DM. S. 172. 

Das Deutsche ist, wie schon W. gesehen hat, eine 
Erweiterung oder üeberarbeitung des Lateinischen, welches 
übrigens selbst sich als fehlerhafte und lückenhafte Abschrift 



Hofmann: Verbesserungen zu einem Arzneihtiche etc- 525 

darstellt, da die letzten Worte III noctes stet (= enti 
läze drio naht gigesen) unmittelbar nach der Zusammen- 
setzung des Medicaments folgen müssten. Die Ingredienzen 
sind in beiden Texten etwas verschieden. Wenn wir die 13 
der deutschen Fassung beziffern, so folgen sie im Latein in 
der Ordnung 1, 8, 4, 12, 3, 2, 5, 9, 10, 6, 7. Es fehlt 
also heimuurz (= Hauswurz) und plantago ist im Deut- 
schen durch zwei Species, Wegerich und Wegebreit, vertreten. 
Antor und antar decken sich, in beiden Fällen ist das Wort 
corrupt und muss andorn = prasium , marrubium , Lungen- 
kraut heissen, (erst Diut. II. 275 andor.) tuos incensum werden 
im Deutscheu gegeben durch rother Weihrauch und weicher 
Weihrauch. Jeder Pharmazeut würde auf den ersten Bhck 
sehen, dass es heissen muss, weisser, auch wenn er nicht 
z. B, im Galenus gelesen hätte, dass mau rothen und 
weissen Weihrauch unterscheidet, und dass der eine aus 
Indien, der andere aus Arabien importirt wird. Ein Phar- 
maceut hätte, wie gesagt, so viel Gelehrsamkeit nicht nöthig, 
da er in den ersten 14 Tagen seines Droguenstudiums sieht, 
dass es weisslichen und bräunlichen oder röthlichen Weih- 
rauch gibt, aber keinen weichen, da beide, wie sich von 
selbst versteht, im getrockneten Zustande, in dem allein sie 
nach Europa kommen , gleichen Consistenzgrad haben. Es 
muss also heissen wiroh daz uuizza, und es sind die be- 
kannten , dem h ähnlichen z für h verlesen worden. Zum 
Üeberflusse kann ich aus Pfeiffers Arzneibuch I, 6 noch den 
weissen Weihrauch anführen. Da sieht man wieder einmal 
recht hübsch , wie die Naturwissenschaft und die Geistes- 
wissenschaft (zu der wir als sehr bescheidenes Glied ja auch 
die altdeutsche Philologie rechnen dürfen) sich gleichsam spielend 
die schönsten Dienste leisten könnten, wenn das commune vin- 
culum scientiarum, von dem weiland Cicero gesprochen, mehr 
wäre als eine zu rhetorischen Citaten sehr empfehlenswerthe, 
sonst aber keiner Realität entsprechende Phrase. 



526 Sitzung der philos.-philol. Gasse vom 7. Mai 1670. 

Bei der folgenden Stelle kann uns nun der Droguist 
nicht mehr helfen, der Paläograph muss eintreten. Dem 
XL dies ieiunet entspricht feorzuc nahto uuarte he, 
folglich ist uarte verlesen für uaste, d. h. ein angelsächs- 
isches s mit einem etwas tief heruntergezogenen hinteren 
Striche wurde wie gewöhnlich für r genommen und dann 
hat der Abschreiber weiter w für v dazu ergänzt. Die Stelle 
wird jetzt klar, vaste regiert den Genetiv getanes und 
und dies wird näher bestimmt durch e tages, d. h. er soll 
40 Tage lang nichts geniessen , was vor Tages bereitet ist, 
auch kein Wasser, das am selben Tage geholt, kein Ei, 
das am selben Tage gelegt ist, sondern Alles muss wenig- 
stens zwei Tage alt sein. Die folgende Stelle muss anders 
interpungirt und das dritte ni muss getilgt werden, denn 
sonst enthält sie eine baare Tautologie. Man lese: ni eino 
ni si in tag, ni in naht eino ni släffe, ni neouuiht 
ni uuirke, nipuz de gisehe, de imo daz tranc gebe 
enti in simplum piuartan habe. Im letzten Satze 
fehlen wieder zwei Wörter, einmal in nach ipu iz = wenn 
das üebel ihn noch immer ergreift, nachdem er die erste 
Flasche ausgetrunken hat, dann fülle man die zweite. 
Daraus folgt, dass nach erist do ergänzt werden muss gi- 
fulle. Nun wird aber noch etwas fehlen, nämlich der 
ganze Satz wird gelautet haben : zuerst fülle man eine 
Flasche und lasse ihn davon trinken, so lange von ihr 
etwas übrig ist (unzin dera giuuere). Ich finde aber den 
Satz auch so noch immer nicht deutlich genug. 

Das soll also ein Recept gegen das Fieber sein (die 
Krankheit wird leider nicht genannt, d. h, die Stelle, wo sie 
genannt war, ist abgeschnitten oder sonst verloren), natür- 
lich gegen ein täghches , Morgens eintretendes Fieber (in 
morgan, danne in iz fähe). Das wäre weiter zu unter- 
suchen, aber hier endet unsere Aufgabe. 



Hofmann: Beiträge zur TexteskriWk der Nibelungen. 527 

c) ,, Beiträge zur Texteskritik der Xibelungen," 
(als Probe aus einer später in den Denkschriften 

erscheinenden grösseren Abhandlung), 

Die Strophen, welche C mehr hat als B, vertheilen sich 
fast gleichmässig auf den ganzen Umfang des Werkes, doch 
so, dass sie im 2. Theile etwas zahlreicher werden. 

Die Strophen, welche B gegen A mehr hat, fallen bei- 
nahe alle in ein einziges Siebentel des Ganzen, nämlich 57 
von 62 in die 325 Strophen von 338 — 663. In den übrigen 
1991 Strophen hat B 6 oder eigentlich nur 5 mehr als A. 

Nimmt man an, dass die Vorlage von A aus Quater- 
nionen bestund, wie fast alle Handschriften des Mittelalters 
aus solchen bestehen, und dass der siebente Theil, in wel- 
chem sich die Zusatzstrophen fasst ausschliesslich finden, 
einen besonderen Quaternio bildete, so ergibt sich, dass auf 
der Seite 20 Strophen, also in zwei Columnen je 10 Strophen 
stunden. Nimmt man sieben solche Quaternionen zu 16 Seiten, 
2 Columnen, 40 Zeilen auf der Columne an, so ergeben sich 
2240 Strophen, 76 weniger als A hat. Daraus folgt, dass 
die Anzahl der Strophen auf der Columne nicht ganz gleich 
war, (dass manchmal 11 stunden) oder dass eine Lage, wie 
in A die letzte, ein halber Quaternio oder ein Quinternio 
zu 20 Seiten war. Auf die 4 Seiten, die der Quinternio mehr 
hat, vertheilt, ergeben die obigen 76 Strophen wieder 20 
auf der Seite, so zwar, dass die letzte Columne nur noch 
4 Strophen Text enthielt. 

Daraus folgt ferner, dass die Vorlage des Codex A gerade 
so viel volle Blätter hatte, als A selbst, nämlich 58, denn 
116X20 = 2320, also = der wirklichen Strophenzahl von 
A, mehr 4, welches die 4 Strophen sind, die nach der obigen 
Ausführung in der letzten Columne der letzten Lage leer 
blieben. Der Schreiber von A legte sich die gleiche Blätter- 



528 Sitzung der philos.-philöl. Classe vom 7. Mai 1870. 

zahl zurecht , schrieb aber enger , weil er ausser der Nibel- 
ungen Not auch noch die Klage unterzubringen hatte. 

Die zweite Lage von den 7 oder 7^8 der Vorlage 
gehörte also einer kürzeren und älteren Textesrecension an, 
während die 6 übrigen in der Strophenzahl mit B, mit der 
Vulgata, bis auf eine kleine Differenz übereinstimmen. 

Vergleicht man das Zahlenverhältniss weiter, so folgt, 
dass die kürzere Recension, der der zweite Quaternio ange- 
hört, ungefähr 400 (7x57 = 399) Strophen weniger hatte, 
als die Vulgata, folglich 1974, in runder Zahl 2000.^) 



1) Aehnliche Beobachtungen werden immer aufs Neue angestellt, 
und es wäre zu wünschen , dass sie endlich einmal unter einen ge- 
meinsamen Gesichtspunkt gebracht würden. Bekannt sind Scherers 
neueste Berechnungen in seiner Abhandlung über die Spervögel. 
Herr Professor Rautenberg (am Johanneum in Hamburg) stellt mir 
analoge Beobachtungen zur Verfügung, die ich hier mittheile. 

1) Lachm. zu den Nibel. 11. 

In Jh fangen die gemalten Anfangsbuchstaben und die reihen 
Ueberschriften erst bei 325 an. 

2) a beginnt überhaupt erst mit 235, 

von 341 — 381^ ist eine Lücke (da a=C ist von 50 Strophen 
1"°*), die durch Ausfall von 4 Blättern ä c. 50 Langzeilen oder 
8 ä 25. oder 6 ä 33 — 34. entstanden sein kann. 

von 665^ — 720 ist eine Lücke, die in C fast 55 Strophen = 
219. Langzeilen umfasst, also durch Ausfall von Blättern der- 
selben Handschrift, wie vorher sich nicht erklären lässt. 
Es scheint daher wahrscheinlich, dass a aus Theilen verschiedener 
Codices zusammengesetzt ist; der eine umfasste die Brunhilde-Aben- 
teuer v. 325 — 666. (L) ; der zweite das übrige. 

(Dieselben Abenteuer, gewiss die interessantesten, enthalten auch 
die in A so sehr veränderten aventiuren 6 — 11.) 

Es scheint mir aus einer Thatsache wahrscheinlich, dass dieser 
2, Codex , der dem Schreiber von a vorlag , im Anfange verstümmelt 
war und erst mit 721 begann. 



Hof mann: Ein Notkerfragment 529 



d) „üeber ein Notkerfragment." 

Durch den ungedruckten Scbmeller'schen